Die Frau vom Meere - Henrik Ibsen - E-Book

Die Frau vom Meere E-Book

Henrik Ibsen

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Beschreibung

"Das Meer beherrscht die Macht der Stimmungen, eine Macht, die wie ein Wille wirkt. Das Meer kann hypnotisieren. "- Henrik IbsenDr. Wangel lebt gemeinsam mit seiner zweiten Frau Ellida, seinen Wangels Töchtern in einem Haus am Ende eines kleines Fjordes des nördlichen Norwegens. Ellida fühlt sich in der Ehe mit Wangel nicht wohl, bekommt keinen Bezug zu seinen Töchtern. Wangel versucht mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln seiner Frau zu helfen, doch der Erfolg seiner Methoden ist zweifelhaft. Ellida taucht immer tiefer ab in Träume und Fantasien und stellt ihr gesamtes Leben in Frage...AUTORENPORTRÄTHenrik Ibsen wurde 1828 in Skien in Norwegen geboren. Er war der älteste Sohn einer traditionsreichen, vornehmen norwegischen Familie. Seiner Vater war Kaufmann Knud Ibsen. Von 1844 bit 1850 absolvierte Henrik Ibsen eine Ausbildung als Apotheker, aber sein Hauptinteresse galt inzwischen bereits der Literatur. 1850 vollendete er sein erstes Stück, und im Jahr 1857 übernahm er die künstlerische Leitung des Norske Teatret in Kristiania. Später im Leben bekam Henrik Ibsen ein Dichterstipendium für eine Studienreise, und von 1864 bis 1891 lebte Henrik Ibsen abwechselnd in Dresden, München und Rom. Henrik Ibsen starb am 23. Mai 1906. -

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Henrik Ibsen

DIE FRAU VOM MEERE

SCHAUSPIEL IN FÜNF AKTEN

 

 

Saga

Personen

Doktor Wangel

, Bezirksarzt

Ellida

, seine zweite Frau

Bolette Hilde

, halbwüchsig seine Töchter aus erster Ehe

Arnholm

, Oberlehrer

Lyngstrand

Ballested

Ein Fremder Mann

Junge Leute Aus Der Stadt. Touristen. Sommergäste

Das Stück spielt zur Sommerszeit in einer kleinen Fjordstadt des nördlichen Norwegens.

[Sprich: Lüngstrand; Skiwe; Scholdwiken.]

Erster akt

Doktor Wangels Haus, mit großer überbauter Veranda links. Garten vor dem Haus und um das Haus. Unterhalb der Veranda eine Flaggenstange. Rechts im Garten eine Laube mit Tisch und Stühlen. Heckenzaun mit einer kleinen Eingangstür im Hintergrund. Hinter dem Zaun ein Weg den Strand entlang. Baumreihen längs des Weges. Zwischen den Bäumen sieht man den Fjord und hohe Gebirgszüge und Bergzinnen in der Ferne. Es ist ein warmer und leuchtend klarer Sommermorgen.

Ballested, ein Mann in mittleren Jahren, der eine alte Samtjacke und einen breitkrämpigen Künstlerhut trägt, steht unten an der Flaggenstange und macht sich an der Leine zu schaffen. Die Flagge liegt auf der Erde. Ein wenig von ihm entfernt eine Staffelei mit aufgespannter Leinwand. Nebenan liegen auf einem Feldstuhl Pinsel, Palette und ein Malkasten.

Bolette tritt durch die offene Tür des Gartenzimmers auf die Veranda hinaus. Sie trägt eine große Vase mit Blumen, die sie auf den Tisch stellt.

Bolette. Na, Ballested, — kriegen Sie’s auch in Ordnung?

Ballested. Jawohl, Fräulein. Nichts leichter als das. — Mit Verlaub, — erwarten Sie heut Fremdenbesuch?

Bolette. Ja, wir erwarten heut morgen den Oberlehrer Arnholm. Er ist vergangene Nacht in der Stadt angekommen.

Ballested. Arnholm? Warten Sie mal —. Arnholm? Hieß der nicht Arnholm, der vor Jahr und Tag hier Hauslehrer war?

Bolette. Ja. Der und kein anderer.

Ballested. Schau’, schau’! Kommt der auch einmal wieder in diese Gegend.

Bolette. Da rum möchten wir gern flaggen.

Ballested. Ja, das gehört sich wohl auch so.

Bolette geht wieder in das Gartenzimmer. Bald darauf kommt Lyngstrand von rechts den Weg hinauf und bleibt interessiert stehen, wie er die Staffelei und die Malgeräte sieht. Er ist ein schmächtiger junger Mann, bescheiden aber ordentlich gekleidet, und von schwächlichem Aussehen.

Lyngstranddraußen an der Hecke. Guten Morgen.

Ballesteddreht sich um. Hoh —! Guten Morgen. Hißt die Flagge. So — nun steigt der Ballon. Befestigt die Leine und macht sich an der Staffelei zu schaffen. Guten Morgen, Verehrtester. Ich habe allerdings nicht das Vergnügen —

Lyngstrand. Sie sind gewiß Maler, Sie?

Ballested. Ja, natürlich. Warum sollte ich nicht auch Maler sein?

Lyngstrand. Ja, ich seh’s. — Darf ich mir die Freiheit nehmen, ein bißchen einzutreten?

Ballested. Wollen Sie vielleicht herein, um zuzusehen?

Lyngstrand. Ja, das möchte ich riesig gern.

Ballested. Ach, da ist noch nichts Besonderes zu sehen. Aber bitte schön. Treten Sie nur näher.

Lyngstrand. Besten Dank. Er kommt zur Gartentür herein.

Ballestedmalt. Bei dem Fjord da zwischen den Inseln, bei dem halte ich gerade.

Lyngstrand. Ich seh’s, jawohl.

Ballested. Aber die Figur fehlt noch. Hier in der Stadt ist kein Modell aufzutreiben.

Lyngstrand. Soll auch eine Figur hinein?

Ballested. Ja, hier im Vordergrund an der Klippe, da soll eine halbtote Meerfrau liegen.

Lyngstrand. Warum muß sie denn halbtot sein?

Ballested. Sie hat sich vom Meere hereinverirrt und kann nicht wieder hinausfinden. Und nun liegt sie da und kommt im Brackwasser um, verstehen Sie.

Lyngstrand. Ach so.

Ballested. Die Frau vom Hause hier, die hat mich auf den Gedanken gebracht, so etwas zu malen.

Lyngstrand. Wie wollen Sie das Bild nennen, wenn es fertig ist?

Ballested. Ich denke, es soll heißen: „Der Meerfrau Ende“.

Lyngstrand. Das paßt famos. — Da können Sie sicherlich etwas Schönes draus machen.

Ballestedsieht ihn an. Ein Mann vom Fach vielleicht?

Lyngstrand. Sie meinen Maler?

Ballested. Ja.

Lyngstrand. Nein, das bin ich nicht. Aber ich will Bildhauer werden. Ich heiße Hans Lyngstrand.

Ballested. So, Sie wollen Bildhauer werden? Ja, ja, die Skulpturkunst ist auch eine nette, flotte Kunst. — Ich glaube, ich habe Sie einige Male auf der Straße gesehen. Halten Sie sich schon lange hier bei uns auf?

Lyngstrand. Nein, ich bin erst so an die vierzehn Tage hier. Aber ich will sehen, ob ich nicht den Sommer über hier bleiben kann.

Ballested. Um die Annehmlichkeiten des Badelebens zu genießen? Was?

Lyngstrand. Ich muß versuchen, ein bißchen zu Kräften zu kommen.

Ballested. Doch wohl nicht kränklich?

Lyngstrand. Ja, ich bin wohl eigentlich ein bißchen kränklich von Natur. Aber es ist weiter nicht gefährlich. Es sind nur so eine Art Beklemmungen auf der Brust.

Ballested. I, — die Bagatelle! Übrigens sollten Sie doch einmal mit einem erfahrenen Arzt sprechen.

Lyngstrand. Ich dachte, gelegentlich Doktor Wangel zu fragen.

Ballested. Ja, tun Sie das nur. Sieht links hinaus. Da kommt wieder ein Dampfer. Gestopft voll von Passagieren. Das Reisen hat hier in den letzten Jahren einen beispiellosen Aufschwung genommen.

Lyngstrand. Ja, es ist hier ein ganz gewaltiger Verkehr, finde ich.

Ballested. Und Sommerfrischler haben wir hier auch die Masse. Mir ist manchmal bange, unsere gute Stadt wird bei all dem fremden Wesen ihr Gepräge verlieren.

Lyngstrand. Sind Sie hier in der Stadt geboren?

Ballested. Nein, das nicht. Aber ich habe mich akkla — akklimatisiert. Ich fühle mich mit dem Ort verknüpft durch die Bande der Zeit und der Gewohnheit.

Lyngstrand. Sie wohnen also schon lange hier?

Ballested. Na, so an die siebzehn, — achtzehn Jahre. Ich bin mit Skives Theatergesellschaft hergekommen. Aber wir gerieten da in finanzielle Schwierigkeiten. Und infolgedessen löste sich die Gesellschaft auf und zerstob in alle Winde.

Lyngstrand. Aber Sie selbst, Sie sind hier geblieben?

Ballested. Ich bin geblieben. Und das ist mir auf die Dauer auch ganz gut bekommen. Ich war nämlich damals vorzugsweise im Dekorationsfach beschäftigt, will ich Ihnen sagen.

Bolette kommt mit einem Schaukelstuhl heraus, den sie auf die Veranda stellt.

Bolettespricht in das Gartenzimmer hinein: Hilde, — sieh einmal nach, ob Du den gestickten Fußschemel für Papa findest.

Lyngstrandgeht an den Fuß der Veranda und grüßt. Guten Morgen, Fräulein Wangel!

Boletteam Geländer. Ei sieh da, — Sie sind es, Herr Lyngstrand? Guten Morgen. Entschuldigen Sie einen Augenblick, — ich will nur — geht in das Haus.

Ballested. Kennen Sie die Familie?

Lyngstrand. Nicht näher. Ich habe die Fräuleins nur ab und zu bei anderen Leuten getroffen. Und dann habe ich flüchtig mit der gnädigen Frau gesprochen, — neulich beim Konzert auf der „Aussicht“. Sie sagte, ich möchte sie doch einmal besuchen.

Ballested. Na, wissen Sie, — die Bekanntschaft sollten Sie kultivieren.

Lyngstrand. Ja, ich habe auch die Absicht, einen Besuch zu machen. Was man so eine Visite nennt. Hätte ich nur erst einen Anlaß —

Ballested. Ach was, — Anlaß —. Sieht links hinaus. Himmeldonnerwetter! Packt seine Sachen zusammen. Das Dampfboot ist schon an der Brücke vorn. Ich muß nach dem Hotel. Vielleicht hat einer von den Neuangekommenen Verwendung für mich. Ich bin nämlich auch als Haarschneider und Friseur tätig, müssen Sie wissen.

Lyngstrand. Sie, Sie sind wohl riesig vielseitig.

Ballested. An kleinen Orten muß man verstehen, sich in unterschiedlichen Fächern zu ak — akklimatisieren. Sollten Sie einmal irgend etwas nötig haben in der Haarbranche, — etwas Pomade oder dergleichen, so fragen Sie nur nach dem Tanzlehrer Ballested.

Lyngstrand. Tanzlehrer —?

Ballested. Vorstand des „Bläserbunds“, wenn Sie wollen. Heut Abend haben wir Konzert auf der „Aussicht“. Adieu, — adieu! Er geht mit den Malgeräten durch die Stakettür und dann links ab.

Hilde kommt heraus mit dem Schemel. Bolette bringt mehr Blumen. Lyngstrand grüßt Hilde vom Garten herauf.

Hildeam Geländer, ohne wiederzugrüßen. Bolette sagt, Sie hätten sich heut hereingetraut.

Lyngstrand. Ja, ich bin so frei gewesen, auf einen Moment einzutreten.

Hilde. Sie haben wohl gerade eine Morgenpromenade gemacht?

Lyngstrand. Ach nein, — aus dem Spaziergang ist heute nicht viel geworden.

Hilde. Sind Sie im Bad gewesen?

Lyngstrand. Ich war ein paar Augenblicke draußen im Wasser. Ich habe da unten Ihre Frau Mama gesehen. Sie ging in ihre Badezelle.

Hilde. Wer ging da hinein?

Lyngstrand. Ihre Frau Mama.

Hilde. Ach so, so. Sie stellt den Schemel vor den Schaukelstuhl.

Bolette, als ob sie das Gespräch unterbrechen wollte. Haben Sie von Papas Boot etwas gesehen auf dem Fjord draußen?

Lyngstrand. Ja, mir war es, als hätte ich ein Segelboot landeinwärts steuern sehen.

Bolette. Das ist gewiß Papa gewesen. Er war draußen auf den Inseln, um Patienten zu besuchen. Sie macht sich, ordnend, am Tisch zu schaffen.

Lyngstrandtut einen Schritt vorwärts auf der Verandatreppe. Nein, aber diese Blumenpracht hier —!

Bolette. Ja, sieht das nicht gut aus?

Lyngstrand. O, es sieht himmlisch aus. Es sieht aus, als wäre ein Festtag hier im Haus.

Hilde. Das ist es auch.

Lyngstrand. Habe ich mir es doch fast gedacht. Es ist sicher heut der Geburtstag Ihres Herrn Papa?

Bolettewarnend zu Hilde. Hm — hm!

Hildeohne sich daran zu kehren. Nein, Mama ihrer.

Lyngstrand. So, — der Geburtstag Ihrer Frau Mama.

Boletteleise, ärgerlich. Aber, Hilde —!

Hildeebenso. Laß mich in Ruh’! Zu Lyngstrand. Sie gehen wohl jetzt nach Hause frühstücken?

Lyngstrandsteigt von der Treppe hinab. Ja, ich müßte wohl bald ein bißchen was zu mir nehmen.

Hilde. Sie sind wohl da im Hotel recht gut aufgehoben?

Lyngstrand. Ich wohne nicht mehr im Hotel. Es wurde mir zu teuer.

Hilde. Wo wohnen Sie denn jetzt?

Lyngstrand. Jetzt wohne ich oben bei Madam Jensen.

Hilde. Bei was für einer Madam Jensen?

Lyngstrand. Der Hebamme.

Hilde. Pardon, Herr Lyngstrand, — aber ich habe wirklich mehr zu tun, als —

Lyngstrand. Ach, ich hätte das gewiß nicht sagen sollen.

Hilde. Was denn?

Lyngstrand. Was ich eben gesagt habe.

Hildeungnädig; mißt ihn mit den Augen. Ich verstehe Sie ganz und gar nicht.

Lyngstrand. Nein, nein. Aber jetzt muß ich mich von den Damen bis auf weiteres verabschieden.

Bolettegeht an die Treppe heran. Adieu, adieu, Herr Lyngstrand! Sie müssen uns für heute schon entschuldigen —. Aber später einmal, — wenn Sie einmal ordentlich Zeit haben — und wenn Sie Lust haben, — da kommen Sie nur zu uns und sagen Sie Papa guten Tag und — uns anderen.

Lyngstrand. Ja, danke sehr. Das will ich herzlich gern tun. Er grüßt und geht durch die Gartentür ab. Indem er draußen auf dem Wege links vorbeigeht, grüßt er noch einmal zur Veranda hinauf.

Hildehalblaut. Adieu, Mosjö! Und grüßen Sie Mutter Jensen recht schön von mir.

Boletteleise, schüttelt sie am Arm. Hilde —! Du ungezogenes Ding! Du bist wohl nicht recht bei Trost? Wie leicht hätte er Dich hören können.

Hilde. I, — glaubst Du, da raus mache ich mir etwas!

Bolettesieht rechts hinaus. Da kommt Papa.

Wangel im Reiseanzug und mit einem kleinen Reisesack in der Hand kommt auf dem Fußpfad rechts zum Vorschein.

Wangel. So, da bin ich wieder, Kinderchen! Er tritt zur Stakettür ein.

Bolettegeht ihm unten im Garten entgegen. Ach, wie schön, daß Du da bist.

Hildegeht gleichfalls zu ihm hinunter. Hast Du Dich jetzt für den ganzen Tag frei gemacht, Papa?

Wangel. Ach nein, ich muß später noch einmal einen Augenblick zum Bureau hinunter. — Sagt mal, — wißt Ihr, ob Arnholm angekommen ist?

Bolette. Ja, er ist vergangene Nacht gekommen. Wir haben nach dem Hotel hingeschickt.

Wangel. Gesehen habt Ihr ihn also noch nicht?

Bolette. Nein. Aber er wird sicher noch heut morgen herkommen.

Wangel. Ja, das tut er ganz sicher.

Hildezupft ihn. Papa, jetzt sieh Dich einmal um.

Wangelsieht nach der Veranda. Ja, ich sehe schon, Kind. — Es ist ja recht festlich hier.

Bolette. Ja, nicht wahr, das haben wir hübsch arrangiert?

Wangel. Ja, das muß ich allerdings sagen. — Sind — sind wir allein zu Hause?

Hilde. Ja, sie ist aus, um —

Bolettefällt rasch ein. Mama ist im Bad.

Wangelsieht Bolette freundlich an und streichelt ihr den Kopf. Darauf sagt er ein wenig zaudernd: Nun hört mal, Ihr Mädchen, — soll das den ganzen Tag so bleiben? Und auch die Fahne soll den ganzen Tag gehißt sein?

Hilde. Na, das kannst Du Dir doch wohl denken, Papa!

Wangel. Hm, — jawohl. Aber seht mal —

Boletteblinzelt und nickt ihm zu. Du kannst Dir doch denken, daß wir das alles dem Oberlehrer Arnholm zuliebe gemacht haben. Wenn so ein guter Freund das erste Mal kommt, Dich zu besuchen —

Hildelächelt und zupft ihn. Denk doch nur, Papa, — Bolettes alter Lehrer!

Wangelmit einem halben Lächeln. Ihr beide seid mir ein paar rechte Racker —. Na, mein Gott, — schließlich ist es doch auch ganz natürlich, daß wir ihrer gedenken, die nicht mehr unter uns ist. Aber trotzdem. Da, Hilde! Gibt ihr den Reisesack. Er soll nach dem Bureau hinunter. — Nein, Kinder, — das gefällt mir nicht. Die Art und Weise nicht, wißt Ihr. Daß wir so jedes Jahr —. Na, — aber was soll man sagen! Es ist wohl nicht gut anders möglich!

Hildewill mit dem Reisesack durch den Garten links gehen, bleibt aber stehen, dreht sich um und zeigt hinaus. Sieh mal den Herrn, der da kommt. Das ist sicher der Oberlehrer.

Bolettesieht hin. Der da? Lacht. Nein, Du bist aber gut! Glaubst Du, der angejahrte Bursche, das ist Arnholm!

Wangel. Wart’ mal, Kind. Ja, wahrhaftigen Gott, ich glaube, das ist er! — Ja, gewiß, das ist er!

Bolettestarrt hin, mit stillem Erstaunen. Ja, weiß Gott, ich glaube auch —!

Arnholm in elegantem Morgenanzug mit goldener Brille und einem dünnen Stock erscheint draußen auf dem Wege links. Er sieht etwas überarbeitet aus. Er blickt in den Garten hinein, grüßt freundlich und tritt durch die Stakettür ein.

Wangelgeht ihm entgegen. Willkommen, lieber Arnholm. Herzlich willkommen auf der alten Scholle!

Arnholm. Danke sehr, danke sehr, lieber Herr Doktor. Tausend Dank! Sie schütteln einander die Hände und gehen zusammen durch den Garten.

Arnholm. Und da sind auch die Kinder! Reicht ihnen die Hand und sieht sie an. Die beiden, die hätte ich kaum wiedererkannt.

Wangel. Ja, das glaube ich schon.

Arnholm. Na doch, — Bolette vielleicht doch. — Ja, Bolette würde ich schon wiedererkannt haben.

Wangel. Doch wohl kaum, meine ich. Es ist doch jetzt auch schon acht, — neun Jahre her, daß Sie sie zuletzt gesehen haben. Ach ja, hier hat sich wohl gar manches verändert in der Zeit.

Arnholmsieht sich um. Das kann ich eigentlich nicht finden. Abgesehen davon, daß die Bäume noch ein gutes Stück gewachsen sind — und dann, daß da die Laube hingekommen ist —

Wangel. Ach nein, äußerlich —

Arnholmlächelnd. Und dann natürlich: Sie haben jetzt zwei große heiratsfähige Töchter im Hause.

Wangel. Na, heiratsfähig ist doch wohl nur die eine.

Hildehalblaut. Da höre mal einer den Papa!

Wangel. Aber jetzt, denke ich, setzen wir uns auf die Veranda. Da ist es kühler als hier. Bitte schön.

Arnholm. Danke sehr, danke sehr, lieber Doktor. Sie gehen hinauf. Wangel nötigt Arnholm im Schaukelstuhl Platz zu nehmen.

Wangel. So, — jetzt machen Sie sich es nur recht bequem und ruhen Sie sich aus. Es scheint wirklich, die Reise hat Sie etwas angestrengt.

Arnholm. O, das hat weiter nichts zu sagen. In dieser Umgebung hier —

Bolettezu Wangel. Sollen wir nicht ein bißchen Sodawasser und Fruchtsaft ins Gartenzimmer bringen? Hier draußen wird es gewiß bald zu warm werden.

Wangel. Ja, tut das, Kinder. Bringt uns Sodawasser und Saft. Und vielleicht auch ein bißchen Cognac.

Bolette. Auch Cognac sollen wir —?

Wangel. Nur ein bißchen. Wenn jemand welchen haben will.

Bolette. Na ja. Hilde, bring Du den Reisesack nach dem Bureau hinunter. Bolette geht in das Gartenzimmer und schließt die Tür hinter sich. Hilde nimmt den Reisesack und geht durch den Garten hinter dem Hause links ab.

Arnholm, der Bolette mit den Augen gefolgt ist. Das ist doch wirklich ein prächtiges —. Da sind Ihnen aber zwei prächtige Mädchen herangewachsen!

Wangelsetzt sich. Ja, finden Sie auch?

Arnholm. Ja, ich bin geradezu überrascht von Bolette. Und von Hilde auch. — Doch nun Sie selbst, lieber Doktor —. Wollen Sie denn Ihr ganzes Leben lang hier wohnen bleiben?

Wangel. Ach ja, das wird schon so kommen. Hier bin ich geboren, hier hat meine Wiege gestanden. Hier habe ich so unendlich glücklich mit ihr gelebt, die uns so früh verlassen hat. Mit der Frau, die Sie gekannt haben, von früher her, Arnholm.

Arnholm. Ja — ja.

Wangel. Und jetzt lebe ich hier so glücklich mit der Frau, die mir an ihrer Statt geworden ist. Ja, ich kann wohl sagen, im großen und ganzen ist das Schicksal mir hold gewesen.

Arnholm. Aber Kinder aus zweiter Ehe haben Sie nicht?

Wangel. Wir haben vor zwei, — zweieinhalb Jahren einen kleinen Jungen bekommen. Aber behalten haben wir ihn nicht lange. Er ist gestorben, als er vier, — fünf Monat alt war.

Arnholm. Ist Ihre Frau heut nicht zu Hause?

Wangel. Doch, — sie muß nun bald kommen. Sie ist hinunter, um zu baden. Das tut sie jeden lieben Tag, die ganze Zeit. Was für Wetter auch sein mag.

Arnholm. Fehlt ihr denn etwas?

Wangel. So eigentlich fehlen tut ihr nichts. Obgleich sie allerdings merkwürdig nervös in den letzten paar Jahren gewesen ist. Das heißt, ab und zu. Ich kann nicht recht klug daraus werden, was eigentlich mit ihr los ist. Aber ins Wasser zu gehen, sehen Sie, das ist so recht ihr Lebenselement.

Arnholm. Ich erinnere mich von früher her.

Wangelmit einem kaum merkbaren Lächeln. Ja, Sie kennen Ellida ja von der Zeit, als Sie Lehrer waren in Skjoldviken draußen.

Arnholm. Versteht sich. Sie kam oft nach dem Pfarrhof zu Besuch. Und ich traf sie meistens auch, wenn ich im Leuchtturm war und bei ihrem Vater vorsprach.

Wangel. Die Zeit da draußen, können Sie glauben, hat tiefe Spuren in ihr zurückgelassen. Die Leute hier in der Stadt können das gar nicht begreifen. Sie nennen sie die „Frau vom Meere“.

Arnholm. Was Sie sagen!

Wangel. Ja. Und sehen Sie, darum —. Sprechen Sie doch mit ihr von den alten Zeiten, lieber Arnholm. Das wird ihr ungemein wohl tun.

Arnholmsieht ihn zweifelnd an. Haben Sie denn einen Grund, das zu glauben?

Wangel. Ja, gewiß habe ich den.

Ellidas Stimme wird im Garten rechts vernehmbar.

Ellida. Du bist es, Wangel?

Wangelsteht auf. Ja, meine Liebe.

Ellida, mit einem großen, leichten Umschlagtuche und mit nassem, über die Schultern ausgebreitetem Haar, kommt zwischen den Bäumen an der Laube hervor. Arnholm steht auf.

Wangellächelt und streckt ihr die Hände entgegen. Sieh, — da ist ja die Meerfrau!

Ellidageht eilig nach der Veranda hinauf und ergreift seine Hände. Gott sei Dank, daß Du wieder da bist! Wann bist Du gekommen?

Wangel. Jetzt eben. Vor einer kleinen Weile. Zeigt auf Arnholm. Aber willst Du nicht einen alten Bekannten begrüßen —?

Ellidagibt Arnholm die Hand