Peer Gynt - Henrik Ibsen - E-Book

Peer Gynt E-Book

Henrik Ibsen

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Beschreibung

Der junge Peer Gynt versucht mit Lügengeschichten, der Realität zu entfliehen. Er verdrängt, dass sein Vater, der einst sehr angesehene Jon Gynt, Hof und Habe durch Misswirtschaft und zahlreiche Alkoholeskapaden verloren hat. Er lebt in einer Fantasiewelt, in der die heruntergekommene Behausung ist jedoch nach wie vor ein strahlender Palast. Auf der Suche nach Liebe und Abenteuer findet er sich bald in einer Welt von Trollen und Dämonen wieder. Er entführt Ingrid, die Braut eines anderen. Gleichzeitig verliebt er sich in die aus pietistischem Elternhaus stammende Solvejg, die ihn anfangs nicht erhört, sich ihm später jedoch anschließt. 'Peer Gynt' rast durch die Welt zwischen nicht er selbst sein zu wollen und nichts anderes als er selbst sein zu wollen, zwischen dem Begehren, zwischen seinem unbändigen Freiheitsdrang, und der Sehnsucht nach einem starken, unverwechselbaren Ich. AUTORENPORTRÄT Henrik Ibsen wurde 1828 in Skien in Norwegen geboren. Er war der älteste Sohn einer traditionsreichen, vornehmen norwegischen Familie. Seiner Vater war Kaufmann Knud Ibsen. Von 1844 bit 1850 absolvierte Henrik Ibsen eine Ausbildung als Apotheker, aber sein Hauptinteresse galt inzwischen bereits der Literatur. 1850 vollendete er sein erstes Stück, und im Jahr 1857 übernahm er die künstlerische Leitung des Norske Teatret in Kristiania. Später im Leben bekam Henrik Ibsen ein Dichterstipendium für eine Studienreise, und von 1864 bis 1891 lebte Henrik Ibsen abwechselnd in Dresden, München und Rom. Henrik Ibsen starb am 23. Mai 1906.

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Henrik Ibsen

PEER GYNT

EIN DRAMATISCHES GEDICHT

 

 

Saga

Personen

Aase

, eine Bauerswitwe

Peer Gynt

, ihr Sohn

Zwei Alte Weiber

mit Kornsäcken

Aslak

, ein Schmied

Hochzeitsgäste. Küchenmeister. Spielleute usw.

Ein Zugewandertes Bauernpaar

Solvejg

und

Klein Helga

, dessen Töchter

Der Haegstadbauer

Ingrid

, seine Tochter

Der Bräutigam

und

Seine Eltern

Drei Säterdirnen

Ein Grüngekleidetes Weib

Der Dovre-Alte

Ein Hoftroll

. Mehrere andere Trolle. Trolljugend beiderlei Geschlechts

Ein paar Hexen, Erdgeister, Zwerge, Kobolde usw.

Ein Hässlicher Junge

. Eine Stimme im Dunkel. Vogelschreie

Kari

, eine Häuslersfrau

Master

Cotton

Monsieur

Ballon

Die Herren

Von Eberkopf

und

Trumpeterstraale

, Reisende. Ein Dieb und ein Hehler

Anitra

, die Tochter eines Beduinenhäuptlings

Araber, Sklavinnen, tanzende Mädchen usw.

Die

Memnons-Säule

(singend)

Die

Sphinx Von Gizeh

(stumme Person)

Begriffenfeldt

, Professor, Dr. phil., Vorsteher des Tollhauses zu Kairo

Huhu

, ein Sprachreformer von der malebarischen Küste

Hussein

, ein morgenländischer Minister.

Ein Fellah

mit einer Königsmumie

Mehrere Tollhäusler nebst ihren Wärtern

Ein Norwegischer Schiffskapitän

und seine Mannschaft

Ein Fremder Passagier

Ein Geistlicher

Ein Leichengefolge. Ein Amtmann. Ein Knopfgiesser

Eine Magere Person

Das Stück, dessen Handlung im Anfang des 19. Jahrhunderts beginnt und gegen die sechziger Jahre hin endigt, spielt teils im Gudbrandstal und seinen Bergen, teils an der Küste von Marokko, in der Wüste Sahara, im Tollhaus zu Kairo, auf See usw.

(Sprich: Ohse, Pehr Günt, Solweig, Dowre, Kohre, Bohre, Trumpeterstrohle. — Säter heißt die Sennhütte der norwegischen Gebirge.)

Erster akt

Abhang mit Laubholz bei Aases Hof. Ein Bach schäumt hernieder. Auf der andern Seite eine alte Mühle. Heißer Sommertag.

Peer Gynt, ein kräftig gebauter Mensch von zwanzig Jahren, kommt den Steig herab. Aase, seine Mutter, klein und fein, folgt ihm zornig scheltend auf dem Fuße.

Aase. Peer, Du lügst!

Peer Gyntohne sich aufzuhalten.

Nein, nein, ich lüg’ nicht!

Aase. Na, so schwör’ drauf: Ist es wahr?

Peer Gynt. Warum schwören?

Aase.

Pfui! Der früg’ nicht.

Dessen Schuld nicht klipp und klar!

Peer Gyntsteht still.

Doch, ’s ist wahr, — ich schwör’ es Dir.

Aasevor ihm. Und Du schämst Dich nicht vor mir?

Bleibt man ganze Wochen aus,

Läuft man, just wann Gras zu schlagen,

Auf den Ferner, Renwild jagen,

Kommt zerrissen dann nach Haus,

Ohne Stutzen, ohne Bock, —

Um zum Schluß am hellerlichten

Mittag Mutter flugs ein Schock

Jägerlügen vorzudichten?

Also, wo hast Du ’n getroffen?

Peer Gynt. Links vom Gendin.

Aaselacht spöttisch.

Hm! Aha!

Peer Gynt. Kräftig blies der Wind von da;

Und so stand der Weg mir offen,

Mich durchs Holz hindurchzubirschen,

Hinter dem er grub —

Aasewie vorher.

Ja, ja!

Peer Gynt. Lautlos horchend, hör’ ich seinen

Huf im harten Firnschnee knirschen,

Seh’ vom einen Horn die Zacken,

Wind’ mich durch Geröll und Wacken

Vorwärts, und, verdeckt von Steinen,

Seh’ ich einen Prachtbock, — einen,

Wie man ihn seit Jahrer zehn,

Sag’ ich Dir, hier nicht gesehn!

Aase. Gott bewahre, nein!

Peer Gynt.

Ein Knall!

Und den Bock zusammenbrennen!

Aber knapp, daß er zu Fall,

Sitz’ ich auch schon rittlings droben,

Greif’ ihm in sein linkes Ohr,

Reiß’ mein Messer schon hervor,

Ihm’s gerecht ins Blatt zu rennen; —

Hui! da hebt er an zu toben,

Springt, pardauz, auf alle Viere,

Wirft zurück sein Horngeäst,

Daß ich Dolch und Scheid’ verliere,

Schraubt mich um die Lenden fest,

Stemmt ’s Gestäng’ mir an die Waden,

Klemmt mich ein wie mit ’ner Zang’, —

Und so stürmt er, wutgeladen,

Just den Gendingrat entlang!

Aaseunwillkürlich. Jesus —!

Peer Gynt.

Mutter, hast Du den

Gendingrat einmal gesehn?

Wohl ’ne Meile läuft er drang

Hin, in Sensenrückenbreite.

Unter Firneis, Schuttmoränen,

Schnee, Geröll, Sand, kunterbunter,

Sieht Dein Aug’ auf jeder Seite

Stumme, schwarze Wasser gähnen,

An die fünf-, die siebenzehn-

hundert Ellen rank hinunter.

Dort lang stoben pfeilgeschwind

Er und ich durch Wetter und Wind!

Nie ritt ich solch Rößlein, traun!

Unsrer wilden Fahrt entgegen

Schnob’s wie Sonnenfunkenregen.

Adlerrücken schwammen braun

In dem schwindeltiefen Graun

Zwischen Grat und Wasserrande, —

Trieben dann davon wie Daun.

Treibeis brach und barst am Strande;

Doch sein Lärm ging ganz verloren;

Nur der Brandung Geister sprangen

Wie im Tanze, — sangen, schwangen

Sich im Reihn vor Aug’ und Ohren!

Aaseschwindlig. O, Gott steh’ mir bei!

Peer Gynt.

Da stößt

Plötzlich, wie ein Stein sich löst,

Dicht vor uns ein Schneehuhn auf,

Flattert gackernd, aufgeschreckt,

Aus dem Spalt, der es versteckt,

Meinem Bock, bums! vor die Lichter.

Der verändert jach den Lauf —

Und mit einem Riesensatze

Nieder in den Höllentrichter!

Aase wankt und greift nach einem Baumstamm. Peer Gynt fährt fort.

Ob uns schwarzer Bergwand Fratze,

Nid uns bodenloser Dust! —

Durch zersplissne Nebelschichten

Erst, sodann durch einen dichten

Schwarm von Möwen, die, durchschnitten.

Kreischend auseinanderstritten, —

Nieder, nieder, nieder sauste es.

Aber aus der Tiefe grauste es

Weiß wie eine Renntierbrust. —

Mutter, das war unser eigen

Bild, das aus des Bergsees Schweigen

Tief vom Grund zum Spiegel eilte,

Umgekehrt, wie unser Sturz

Lotrecht auf ihn nieder pfeilte.

Aaseschnappt nach Luft.

Peer! Gott helf’ mir —! Mach’ es kurz —!

Peer Gynt. Bock vom Berge, Bock vom Grunde

Stieß zur selbigen Sekunde!

Das Gespritz’ und das Geklatsche!

Na, da lag man in der Patsche. —

Nicht gar lang’ dann, und wir fanden

Irgendwo ’nen Fleck, zu landen;

Er, er schwamm, und ich umschlang ihn, —

Und hier bin ich nun —

Aase.

Und er?

Peer Gynt. Hm, der springt wohl noch umher; —

Schnalzt mit den Fingern, wippt sich auf den Hacken und fügt hinzu:

Wenn Du ’n laufen siehst, so fang ihn!

Aase. Daß Du nicht den Hals geknickt hast!

Und die Beine gleich dazu!

Ist Dein Rückgrat denn noch ganz?

Herrgott, — Lob und Dank, daß Du

Mir ihn wieder heim geschickt hast! —

Zwar die Hose hat ein Loch;

Doch davon ist nicht zu reden,

Denkt man, was weit Schlimmres noch

Sich bei so ’nem tollen Tanz —

Besinnt sich plötzlich, sieht ihn mit offenem Mund und großen Augen an und kann lange keine Worte finden. Endlich stößt sie hervor:

O, Du Teufelslügenschmied!

Kreuz noch ’n Mal! Solch ein Geflunker!

Was Du mir da singst — das Lied —

Als das aufkam — zu der Frist

Lief Dein Vater noch als Junker!

Gudbrand Glesne — dem — dem ist

Das geschehn, nicht Dir —!

Peer Gynt.

Mir auch.

Solcherlei kann oft geschehen.

Aasegiftig. Ja, und Lügen kann man drehen,

Wenden und mit Putz benähen,

Bis von ihrem magren Bauch

Nichts vor Flicken mehr zu sehen.

Das hast Du zu Weg gebracht,

Alles wild und groß gemacht,

Ausstaffiert mit Adlerrücken

Und mit all den andern Nücken,

Abgestutzt und zugesetzt

Und mir so den Sinn verstört,

Daß man nicht mehr kennt zuletzt,

Was man hundertmal gehört.

Peer Gynt. Spräch’ ein andrer solchen Quark,

Wollt’ ich heillos grob ihm kommen!

Aaseweinend. Läg’ ich doch im schwarzen Sarg!

Wär’ ich, Gott, doch nie geboren!

Bitten, Tränen, nichts will frommen, —

Peer, Du bist und bleibst verloren!

Peer Gynt. Liebes, süßes Muttchen mein,

Hast ja recht mit jedem Wort;

Sei nur wieder —

Aase.

Scher’ Dich fort!

Ist mir’s möglich, froh zu sein,

Hab’ ich solch ein Schwein zum Sohn?

Muß es mich nicht bitter schmerzen,

Wird mir armem Witwenherzen

Ewig Schande nur zum Lohn?

Fängt wieder an zu weinen.

Was verblieb uns, muß ich fragen,

Seit Großvaters Wohlstandstagen?

Wie hat sich der Wein verdünnt

Seit dem alten Rasmus Gynt!

Vater brachte ’s Gold ins Rutschen,

Warf’s hinaus wie Scheffel Sand,

Kaufte Grund im ganzen Land,

Karrte mit vergüldten Kutschen —.

Alles weg. Wo sind die Reste

Von dem großen Winterfeste,

Da sein Trinkglas männiglich

An die Wand warf hinter sich!

Peer Gynt. Hm, wo blieb der letzte Schnee?

Aase. Willst Du jetzt wohl schweigen, he!

Sieh den Hof an! Jedes zweite

Fenster ist verstopft mit Flicken,

Heck’ und Zaun liegt auf der Seite,.

Keiner will das Feld beschicken,

’s Vieh steht da in Mansch und Matsch,

Jeden Monat wird gepfändet —

Peer Gynt. Schweig doch, Alte, mit dem Quatsch!

Weil mal ’s Glück den Rücken wendet,

Heißt’s drum gleich: Und niemand sah’s mehr?

Aase. Nein; auf dem Fleck wächst kein Gras mehr.

Und Du bist doch was, Du Strick, —

Immer noch so keck und quick,

Schmuck und klug, wie, da der Pfaff, —

Der aus Kopenhagen, weißt Du, —

Dazumal Dich frug: Wie heißt Du?

Und, ob Deiner Antwort baff,

Sich verschwor, die schiene wert ihm

Eines Prinzen, — daß zum Dank

Vater Schlitten gleich samt Pferd ihm

Übern Tisch zu eigen trank.

Hei, da ging es lustig her!

Propst, Kap’tän, was drum und dran war,

Hing hier taglang, soff und fraß,

Bis kein Knopf am Wanst mehr saß.

Aber als dann Not an Mann war,

Ward’s hier öde, still und leer.

„Scheffel-Jon“, anjetzt Hausierer,

War nicht mehr ihr Pokulierer.

Trocknet die Augen mit der Schürze.

Ach, Du bist doch stark und groß, —

Solltest bessern Deiner alten

Armen Mutter elend Los,

Solltest Haus und Hof verwalten,

Daß Dein Erb’ nicht ganz zerfällt —

Weint von nenem.

Statt daß ich mich an Dir halten

Könnt’, verlumpst Du Zeit und Geld!

Hier verträumst Du und verdreckst Du

Dich mit in der Herdglut Wühlen;

Trittst Du in die Tanzsäl’, schreckst Du

Alle Mädels von den Stühlen,—

Machst mir üb’rall Schand und Tränen,

Raufst Dich mit den ärgsten Hähnen —

Peer Gyntgeht von ihr. Laß mich sein.

Aasefolgt ihm.

Du bist am Ende

Nicht gewesen bei der letzten

Großen Schlägerei zu Lunde,

Wo sie sich wie tolle Hunde

Überfielen und zerfetzten?

Hast Du nicht Aslak, dem Schmied,

Der Dir damals in die Hände

Fiel, verrenkt die halbe Lende, —

Oder war’s ein Fingerglied?

Peer Gynt. Dämliches Gefabulier’!

Aasehitzig. Häuslers Kari hörte ’s Heulen!

Peer Gyntreibt sich den Ellenbogen.

Ja, doch das, das kam von mir.

Aase. — Dir?

Peer Gynt. Denn ich — bekam die Beulen.

Aase. Was —?

Peer Gynt. Der haut Dir, sag’ ich Dir!

Aase. Wer —?

Peer Gynt. Na, wer! Den Aslak mein’ ich.

Aase. Pfui, o pfui! daß ich nicht spucke!

So ’ne alte Wirtshaushucke,

So ein Tagdieb, so ein dreister

Lügenschmied wird Deiner Meister?

Weint wieder.

Auch noch so was! Längst schon wein’ ich

Mir die Augen aus; doch das,

Das geht wahrlich übern Spaß.

Haut er Dich, so frag’ ich: haust

Du nicht auch ’ne gute Faust?

Peer Gynt. Ob ich Amboß oder Hammer, ’s bleibt dasselbichte Gejammer.

Lacht.

Tröst’ Dich, Mutter —

Aase.

Hätt’st Du wieder

Mal gelogen?

Peer Gynt. Diesmal, ja.

Schluck’ die Tränen fröhlich nieder; —

Ballt die linke Hand.

Schau, — mit dieser Kneifzang’ da

Hielt ich ihn, den ganzen Schmied, —

Ballt die Rechte.

Während die mein Hammer war —

Aase. Raufbold, Du! Du gibst nicht Fried’,

Bis ich nicht zur Grube fahr’!

Peer Gynt. Nein, doch, Du bist Bessres wert,

Tausend Male Bessres, Du,

Kleine, böse, süße Mu,

Trau mir nur und wart’ nur zu,

Bis Dich ’s ganze Dorf noch ehrt,

Wart nur, bis ich was gemacht, —

Recht was Großes, gib nur acht!

Aasespöttisch. Du!

Peer Gynt. Was kommen kann, weiß keiner!

Aase. Würd’ Dir doch nur eins bewußt:

Daß Du mal den Riß in Deiner

Eignen Hose stopfen mußt.

Peer Gynthitzig. König, Kaiser will ich werden!

Aase Jetzt kutschiert ihm mit vier Pferden

Noch sein letzter Witzrest fort!

Peer Gynt. Laß mir Zeit nur, — und ich bin’s!

Aase. Laß mir Zeit, so werd’ ich Prinz,

Geht im Volk ein altes Wort!

Peer Gynt. Wirst schon sehen!

Aase.

Halt den Rand!

Bist ja völlig von Verstand. —

Übrigens, es hätt’ wohl schon

Etwas aus uns werden mögen,

Wenn wir nur nicht, mein Herr Sohn,

Allzeit Schnacks und Schnurren pflögen!

Die von Haegstad war Dir gut.

Hättest leicht die Dirn’ gewonnen,

Hätt’st Du’s recht nur angesponnen —

Peer Gynt. So?

Aase.

Der Alte, schwachgemut,

Ist der Tochter wohl gesonnen.

Zwar er ist ein arger Bocker,

Doch die Ingrid läßt nicht locker,

Und, wo sie geht, Schritt für Schritt,

Stapft er endlich knurrend mit.

Fängt wieder an zu weinen.

Ach, mein Peer, ein steinreich Mädel, —

Eingesessner Bauernstamm!

Hättest Du mehr Witz im Schädel,

Gingst Du jetzt als Bräutigam —

Statt auf abgetretnen Sohlen!

Peer Gyntrasch.

Komm, ich will mir ’s Jawort holen!

Aase. Wo?

Peer Gynt. Zu Haegstad!

Aase.

Armer Peer,

Deine Freite hilft nichts mehr.

Peer Gynt. Und warum?

Aase.

Verdienst den Stock,

Wie Du Dir Dein Glück verdorben!

Peer Gynt. Na?

Aaseschluchzend.

Derweil Du dort vom Himmel

Niederkamst auf Deinem Bock,

Hat Matz Moen um sie geworben!

Peer Gynt. Was? Die Weiberscheuch’! Wie kann —!

Aase. Ja, die nimmt sie nun zum Mann.

Peer Gynt. Wart’ so lang, bis ich den Schimmel Angespannt —

Wendet sich zum Gehen.

Aase. Spar’ solch Gered’.

Wenn sie morgen Hochzeit feiern —

Peer Gynt. Ist’s heut nacht noch nicht zu spät!

Aase. Schäm’ Dich! Willst Du, daß sie Dir

Auch noch ihren Spott nachleiern?

Peer Gynt.

Pah! Man wird mir ’s Feld schon räumen.

Juchzt und lacht.

Heißa, Du! Der Gaul bleibt hier;

’s nimmt nur Zeit, ihn aufzuzäumen —

Schwingt sie hoch empor.

Aase. Laß mich!

Peer Gynt. Nein, auf diesen Armen

Trag’ ich Dich zum Hochzeitshaus!

Watet in den Bach.

Aase. Hilfe! Lieber Gott, Erbarmen!

Wir ertrinken —

Peer Gynt. Nein, der Schmaus

Lockt den Teufel noch nicht —

Aase.

Stimmt!

Weil er Dich gehängt erst nimmt.

Rauft ihn an den Haaren.

Untier, Du!

Peer Gynt. Na, gib jetzt Ruh’;

Hier der Grund ist glitschrig.

Aase.

Junge!

Esel!

Peer Gynt. Brauch’ Du nur die Zunge;

Wer ein Mann ist, lacht dazu.

So, das war die ärgste Müh’ —

Aase. Halt mich feste!

Peer Gynt.

Hottehü!

Peer kommt auf dem Bock geritten; —

Galoppierend.

Ich bin Bock, und Du bist Peer!

Aase. Ach, ich kenne mich nicht mehr!

Peer Gynt.

So, da wär’ der Bach durchschritten; —

Watet ans Land.

Gib dem Bock jetzt einen Schmatz

Für den trocknen Fährenplatz —

Aasegibt ihm eine Ohrfeige.

Da! Da hast Du ’s Fährgeld!

Peer Gynt.

Au!

Das war lumpig, schöne Frau!

Aase. Laß mich —

Peer Gynt.

Erst vorm Hochzeitshause.

Stell’ den alten Wiedehopf,

Gib dem Kerl ’ne kalte Brause,

Sag’, Matz Moen ist ein Tropf —

Aase. Laß mich los!

Peer Gynt.

Und hinterher

Sag’, was für ein Kerl Dein Peer!

Aase. Ja, des kannst Du sicher sein!

Dir brock’ ich ’ne Suppe ein;

Male Dich von vorn und hinten;

Alle Deine Schlich’ und Finten

Sei’n den Leuten vorgesetzt —

Peer Gynt. So?

Aasestrampelt wütend mit den Beinen.

Solang’ sperr’ ich den Mund auf,

Bis der Bau’r zuletzt den Hund auf

Dich wie auf ’nen Stromer hetzt!

Peer Gynt. Hm; so geh’ ich halt alleine.

Aase. Ja, doch ich hab auch zwei Beine!

Peer Gynt. Aber nicht die Kraft dazu!

Aase. Nicht? Ich bin so wilde, Du, —

Steine könnt’ ich knacken, Steine!

Kiesel könnt’ ich fressen, hu!

Laß mich los!

Peer Gynt. Du mußt geloben —

Aase. Nichts! Du wirst schon sehen droben;

Wissen soll’n sie, wer Du bist!

Peer Gynt. Nimm Dir Überlegungsfrist!

Aase. Seine Hunde soll er hetzen —

Peer Gynt. Darfst nicht mit.

Aase.

Was willst Du tun?

Peer Gynt. Dich aufs Mühlendach hier setzen.

Setzt sie hinauf. Aase schreit.

Aase. Heb’ mich ’nunter!

Peer Gynt.

Willst Du ruhn —?

Aase. Schnickschnack!

Peer Gynt.

Muttchen, wüt’ nicht mehr! —

Aasewirft ein Rasenstück nach ihm.

Heb mich stracks hinunter, Peer!

Peer Gynt. ’s war ja so Dein eigner Wille.

Näher.

Sei nun klug und sitz fein stille!

Stoß’ und stampf’ nicht mit den Beinen,

Rück’ und reiß’ nicht an den Steinen,

Sonst, das singt Dir jede Grille,

Stürzt Du ab.

Aase.

Du Gernegroß!

Peer Gynt. Nicht so zappeln!

Aase.

Daß Du bloß

Wärst als Wechselbalg verschollen!

Peer Gynt. Schäm’ Dich!

Aase.

Pfui!

Peer Gynt.

Du hättst mir lieber

Deinen Segen geben sollen.

Willst Du nicht?

Aase.

Ich werd’ Dich walken;

Du machst mir noch lang’ nicht bang!

Peer Gynt. Leb’ denn wohl! Ich bleib’ nicht lang’. Halt Dich brav auf Deinem Balken!

Geht, wendet sich jedoch noch einmal um, hebt mahnend den Finger und sagt:

Also, bloß kein Zappelfieber!

Ab.

Aase. Peer! — Gott steh’ mir bei, da rennt er! Böckereiter! Lügenprinz!

Willst Du hören! — Nein, da brennt er

Durch —!

Schreiend.

Zu Hilf’! Ich krieg’ das Drehn!

Zweialte Weiber mit Säcken auf dem Rücken kommen den Weg herab nach der Mühle.

Erstes Altes Weib. Kreuz; wer schreit da?

Aase.

Ich, ich bin’s!

Zweites Altes Weib.

Aase! Schau’, — so hoch gestiegen?

Aase. Pah; hier ist nicht viel zu sehn; —

Bald werd’ ich gen Himmel fliegen!

Erstes Altes Weib. Glück zur Reise!

Aase.

Holt ’ne Leiter

Ich will ’runter! Dieser Peer —!

Zweites Altes Weib. Euer Sohn?

Aase.

Jetzt mögt Ihr weiter

Sagen, was der anstellt, der — —

Erstes Altes Weib. Gerne.

Aase.

Helft mir bloß hinunter;

Denn ich muß nach Haegstad machen.

Zweites Altes Weib. Ist er dort?

Erstes Altes Weib.

So könnt Ihr lachen;

Denn da duckt der Schmied ihn unter.

Aaseringt die Hände.

Gott, o Gott, was soll geschehn,

Wenn sie ihm ans Leben gehn!

Erstes Altes Weib.

Ja, der Tod hat lange Beine.

Will er wen, dem hilft kein Flitzen!

Zweites Altes Weib.

Je, sie fährt schier aus der Haut!

Ruft nach oben.

Ejvind, Anders! Kommt und schaut!

Eine Männerstimme. Was ist los?

Zweites Altes Weib.

Peer Gynt hat seine

Mutter auf dem Mühldach sitzen!

Eine kleine Anhöhe mit Büschen und Heidekraut.

Hinten, durch einen Zaun getrennt, führt die Straße vorüber. Peer Gynt kommt einen Fußsteig herauf, geht rasch auf den Zaun zu, bleibt stehen und blickt hinaus, wo die Aussicht sich öffnet.

Peer Gynt.

Dort liegt Haegstad. Bald werd’ ich’s haben.

Steigt halb über; dann bedenkt er sich.

Ob wohl die Ingrid allein ist, wer weiß?

Beschattet sich die Augen und lugt in die Weite.

Nein. Dort wimmelt’s von Leuten mit Gaben. —

Hm! Am schlausten, ich tät’ mich drücken!

Zieht das Bein wieder an sich.

Allweil da grienen sie dir hinterm Rücken

Und zischeln, — es wird einem kalt und heiß.

Macht einige Schritte vom Zaun hinweg und reißt gedankenlos Laub ab.

Wer jetzt was Starkes zum Heizen hätt’!

Oder wer da hingehn könnt’ unbemerkt —

Oder unbekannt wär’. — Irgendwas, das recht stärkt,

Wär’ am besten, — daß der Spott nicht so beizen tät’!

Sieht sich mit einem Mal wie erschrocken nach allen Seiten um und versteckt sich darauf im Gebüsch. Einige Leute mit Kostgaben gehen vorbei nach dem Hochzeitshof hinunter.

Ein Mannim Gespräch.

Sein Vater war ein Saufbold, seine Mutter hat’s im Kopf.

Ein Weib.

Dann wundert man sich, daß der Bursch’ solch ein Tropf!

Die Leute gehen weiter. Bald darauf kommt Peer Gynt hervor und guckt ihnen mit schamrotem Gesichte nach.

Peer Gyntleise.

Was, hat das von mir geschnackt?

Mit einer gezwungenen Geberde.

Ach, laß sie schnacken!

Sie könn’n mir ja doch wohl den Kopf nicht abhacken.

Wirft sich nieder ins Heidekraut, liegt lange auf dem Rücken, die Hände unterm Kopf, und starrt ins Blaue.

So ’ne schnurrige Wolke! Genau wie ein Pferd!

Und ein Mann ist auch drauf — und Sattel — und Zügel. —

Dahinter reitet ’ne Hex’ auf ’nem Prügel.

Lacht leise in sich hinein.

Das ist Mutter, die jammert und aufbegehrt:

Peer! Biest! — —

Schließt nach und nach die Augen.

Nun bangt ihr! — Voran seinem Trosse

Reitet Peer Gynt auf goldhufigem Rosse.

Die Mähr’ hat ’nen Federbusch zwischen den Ohren.

Selbst hat er Handschuh’ und Säbel und Sporen.

Der Mantel ist lang und mit Taft ausgeschlagen.

Wacker sind die, die hinter ihm jagen.

Er aber sitzt doch am stracksten zu Pferde,

Er aber strahlt doch am hellsten zur Erde.

Drunten die Leut’ stehn, ein schwarzes Gewimmel,

Ziehen die Hüt’ ab und gaffen gen Himmel.

Die Weiber verneigen sich. Alle gewahren

Kaiser Peer Gynt und seine Heerscharen.

Nickel und Silber, ein blankes Geriesel,

Streut er hinunter wie Hände voll Kiesel

Allen im Dorf geht’s von nun an zum besten.

Peer Gynt sprengt quer übers Meer gen Westen.

Engellands Prinz steht und wartet am Strande;

Mit ihm alle Schönen von Engellande.

Engellands Kaiser und Engellands Barone

Steigen die Stufen herab vom Throne.

Der Kaiser nimmt seine Kron’ ab und sagt —

Der Schmiedzu einigen anderen Leuten, mit denen er jenseits des Zaunes vorüberkommt.

Sieh da; Peer Gynt, das betrunkene Schwein —!

Peer Gyntfährt halb in die Höhe.

Wie, Kaiser —!

Der Schmiedlehnt sich an den Zaun und grient.

Willst Du nicht aufstehn? Nein?

Peer Gynt.

Was Teufel! Der Schmied! Was willst Du hier, he?

Der Schmiedzu den anderen.

Von Lunde der Tanz sitzt ihm noch in den Knochen.

Peer Gyntspringt auf.

Schmied, geh im Guten!

Der Schmied. Geh schon, geh.

Doch, Kerl, wo warst Du die letzten sechs Wochen? Warst bergverhext? Oder was hast Du gemacht?

Peer Gynt.

Ich hab’, Schmied, dir gar seltsame Taten vollbracht!

Der Schmiedzwinkert den anderen zu.

Laß uns hören, Peer!

Peer Gynt. Dahin ist’s noch weit.

Der Schmiednach einer kleinen Weile.

Du willst wohl nach Haegstad?

Peer Gynt.

Nein.

Der Schmied.

Eine Zeit,

Da hieß es, die Dirn dort, die wär’ Dir nicht leid.

Peer Gynt. Du Kolkrabe —!

Der Schmiedweicht etwas zurück.

Immer härm’ Dich nicht, Peer;

Hat Dich Ingrid verschmäht, — es gibt ja noch mehr.

Der Sohn von Jon Gynt; pah! Der treibt sie zu Paaren!

Du findest dort Lämmlein wie Witwen von Jahren —

Peer Gynt. Zur Hölle —!

Der Schmied. Da wird Dich schon eine wählen.— Guten Abend! Ich werd’ Dich der Braut empfehlen. —

Sie gehen unter Lachen und Geflüster ab.

Peer Gyntsieht ihnen eine Weile nach, macht eine wegwerfende Bewegung und wendet sich halb um.

Meinthalben teilt die Haegstad ihr Bette,

Mit wem sie Lust hat. Was mich das schiert!

Sieht an sich hinunter.

Die Hosen zerrissen. Zerlumpt, beschmiert. —

Wer bloß was Neues zum Wechseln hätte!

Stampft auf den Boden.

Könnt’ ich mit einem Schlächtergriff

Ihnen die Mißachtung aus der Brust reißen!

Sieht sich plötzlich um.

Was war das? War das nicht eben ein Pfiff?

Als möcht’ sich ein Mensch da sein Lachen verbeißen?

Ich will heim zu Muttern.

Geht, bleibt aber wieder stehen und horcht nach dem Hochzeitshof hinunter.

Da fängt der Tanz an!

Starrt und horcht; geht Schritt um Schritt wieder zurück; seine Augen leuchten; er reibt sich die Beine.

Dies Gewimmel von Mädels! Sieben, acht auf den Mann.

Ah, Tod und Teufel auch, — wen das nicht lockte! —

Wenn Mutter nur nicht auf dem Mühldach hockte —!

Seine Blicke werden wieder hinabgezogen; er hüpft und lacht.

Heißa, der Hallingtanz tollt über die Wiese!

Ja, ja, der Guttorm geigt die Waden in Gang!

Das stampft und das braust wie ein Sturzbach am Hang.

Und dann all diese schimmernden Mädels! Diese

Mädels! Zum Henker! Wer da nun noch stockte!

Setzt mit einem Sprung über den Zaun und den Weg hinunter.

Der Hofplatz auf Haegstap.

Im Hintergrund das Wohnhaus. Viele Gäste. Auf dem Wiesenplan wird lebhaft weiter getanzt. Der Spielmann sitzt auf einem Tisch. Der Küchenmeister steht in der Tür. Kuchenweiber eilen zwischen den Gebäuden hin und her, ältere Leute sitzen hier und dort im Gespräch zusammen.

Eine Fraunimmt Platz in einer Gruppe, die auf einigen Balken sitzt.

Die Braut? Ach Gott, das bißchen Gewein’,

Das macht nichts; so tun alle Bräute.

Der Küchenmeisterin einem andern Haufen.

Da habt Ihr zu trinken, gute Leute!

Ein Mann.

Du meinst es zu gut; Du schenkst zu oft ein.

Ein Burschezum Spielmann, während er, ein Mädel an der Hand, vorbeifliegt.

Heißa, Guttorm, in die Fiedel gewettert!

Das Mädel.

Streich, daß es über die Wiesen hinschmettert!

Mädelsim Kreis um einen Burschen, der tanzt.

Fein war der Sprung!

Ein Mädel. Seine Knie’ haben’s weg!

Der Burschetanzend.

Hier ist’s weit bis zur Wand und noch weiter bis zur Deck’!

Der Bräutigamnähert sich greinend dem Vater, der im Gespräch mit ein paar anderen steht, und zieht ihn an der Jacke. Sie will nicht, Vater; sie ist so voll Trotz.

Der Vater Sie will nicht?

Der Bräutigam.

Sie hat sich eingeschlossen.

Der Vater.

So find’ den Schlüssel, und werd’ nicht zum Possen!

Der Bräutigam