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Henrik Ibsen

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Beschreibung

In "Peer Gynt" entfaltet Henrik Ibsen ein faszinierendes Drama, das die Lebensreise des Protagonisten Peer Gynt verfolgt. Der Text ist in Form eines Versdramas gestaltet und kombiniert lyrische Sprache mit einem tiefgründigen, oft surrealen Erzählstil. Ibsen thematisiert universelle Fragen der Identität, der Selbstfindung und des menschlichen Seins, während Peer zwischen Träumen und Realität, Egoismus und Verantwortung schwankt. Die mythologischen Elemente und folkloristischen Anspielungen verleihen dem Werk eine einzigartige Tiefe, die nicht nur die norwegische Kultur widerspiegelt, sondern auch universelle menschliche Konflikte beleuchtet. Henrik Ibsen, als einer der Begründer des modernen Theaters, war geprägt von den gesellschaftlichen und psychologischen Umbrüchen seiner Zeit. Sein eigenes Leben, das von Reisen, politischen Überzeugungen und der Auseinandersetzung mit Traditionen geprägt war, fand in der komplexen Figur des Peer Gynt Widerhall. Ibsens Interesse an den dunklen Seiten des menschlichen Geistes und seine kritische Haltung zur Gesellschaft offenbaren sich in der Konstruktion dieser vielschichtigen Charakterstudie. "Peer Gynt" ist ein Meisterwerk, das jeden Leser einlädt, sich mit den Fragen von Individualität und dem Streben nach Sinn auseinanderzusetzen. Die Mischung aus Philosophie und Poesie schafft eine eindringliche Leseerfahrung, die sowohl emotional berührt als auch intellektuell herausfordert. Dieses Werk sollte auf keiner Liste von essentieller Literatur fehlen. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine Autorenbiografie beleuchtet wichtige Stationen im Leben des Autors und vermittelt die persönlichen Einsichten hinter dem Text. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Henrik Ibsen

Peer Gynt

Bereicherte Ausgabe. Deutsche Ausgabe - Ein dramatisches Gedicht (Norwegische Märchen)
Einführung, Studien und Kommentare von Andreas Köhler
EAN 8596547738206
Bearbeitet und veröffentlicht von DigiCat, 2023

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Autorenbiografie
Peer Gynt
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Die Flucht vor der Verantwortung ist eine Reise ohne Ankunft. In Henrik Ibsens Peer Gynt begegnen wir einer Figur, die im unablässigen Ausweichen ihre Freiheit wähnt und doch stets an sich selbst zurückgeworfen wird. Der Text legt die Verlockung des Ausbruchs frei, zeigt aber ebenso die Kosten des Selbstbetrugs. Zwischen praller Einbildungskraft und nüchterner Bilanz entfaltet sich ein Panorama menschlicher Wunschbilder. Ibsen nutzt das Abenteuerhafte, um die Frage nach Identität, Verpflichtung und Wahrheit zu schärfen. So wird ein scheinbar leichtfüßiger Lebenslauf zum Prüfstand eines Zeitalters, das seine Helden gern im Spiegel ihrer Erzählungen erfindet.

Peer Gynt gilt als Klassiker, weil es Folklore, Satire und psychologische Beobachtung in eine Form gießt, die zugleich volkstümlich und modern wirkt. Das Werk verbindet die Lust am Fabulieren mit der Präzision eines kritischen Blicks auf Individuum und Gesellschaft. Es hat Generationen von Leserinnen, Lesern und Theaterleuten geprägt, die in Ibsens Stoff eine offene Spielfläche für Deutung, Musik und Bildkraft fanden. Die Balance aus Komik und Abgrund, das Changieren zwischen Märchenwelt und Alltagsnähe, der unverwechselbare Ton des Versdramas – all dies macht die anhaltende Wirkung aus und erklärt, weshalb Peer Gynt weit über Norwegen hinausstrahlt.

Der Autor ist Henrik Ibsen (1828–1906), norwegischer Dramatiker und Dichter. Peer Gynt erschien 1867 als dramatisches Gedicht in fünf Akten. Ibsen verfasste den Text in Versen und legte ihn zunächst als Lesestück an. Erst später wurde es zu einem Bühnenereignis, das weltweite Bekanntheit erlangte. Die erste Aufführung fand 1876 in Christiania, dem heutigen Oslo, statt; für diese Premiere komponierte Edvard Grieg die bis heute berühmte Schauspielmusik. Seither gehört Peer Gynt zum festen Kanon der europäischen Theaterliteratur, wird fortlaufend neu gedeutet und in zahlreichen Sprachen gelesen. Diese historisch klar verortete Entstehung erleichtert die Einordnung seines künstlerischen Anliegens.

Die 1860er Jahre waren in Skandinavien von nationalen Debatten und einem wachen Interesse an Volkskultur geprägt. Ibsen lebte in dieser Zeit fern seiner Heimat und arbeitete an Stoffen, die Tradition und Gegenwart überraschend verschränken. Peer Gynt knüpft an Sagenmotive und Erzählungen an, ohne sich ihnen zu unterwerfen: Es ist als Lesedrama konzipiert, zugleich frech, poetisch und kritisch. Dass das Werk wenige Jahre später wirkungsmächtig auf die Bühne fand, zeigt, wie stark sein theatrales Potenzial ist. Der historische Kontext erklärt die doppelte Bewegung: die Suche nach einem kulturellen Gedächtnis und die Prüfung moderner, individueller Lebensentwürfe.

Im Zentrum steht der junge Peer aus ländlicher Umgebung, ein Fantast und Aufschneider, der sein Leben mit großen Geschichten auszumalen versteht. Unzufrieden mit den Grenzen des Dorfes und getrieben von hochfliegenden Vorstellungen, gerät er in Konflikt mit Erwartung und Konvention. Aus wechselnden Begegnungen erwachsen Gelegenheiten und Versuchungen, die ihn forttragen – erst über vertraute Pfade, dann weit hinaus. Die Reise führt durch Wirklichkeiten und Vorstellungen, deren Konturen einander durchdringen. Eine beständige Gegenfigur ist Solveig, deren stille Präsenz Maßstab und Rätsel zugleich bleibt. Mehr sei über den Verlauf nicht verraten; entscheidend ist die innere Bewegung des Suchenden.

Das Werk lotet Grundfragen des Selbst aus: Wer bin ich, wenn die Geschichten verstummen, die ich über mich erzähle? Welche Verantwortung erwächst aus Freiheit, und wo beginnt die Bindung an andere? Peer Gynt führt diese Fragen nicht abstrakt vor, sondern in Situationen, die Verlockung und Furcht, Anmaßung und Zweifel sichtbar machen. Die entlarvende Kraft der Komik steht neben Momenten echter Zärtlichkeit. Ibsen zeigt, wie Identität sich performativ bildet und zugleich an Wirklichkeit stößt. Der Held entwirft sich neu, doch jeder Entwurf fordert einen Preis. Genau darin liegt die zeitlose Schärfe des Textes.

Formal ist Peer Gynt ein Versdrama, das rhythmische Beweglichkeit, Lieder, Balladentöne und abruptes Szenenwechseln vereint. Die Sprache kann leichtfüßig und derb, lyrisch und spöttisch sein; sie trägt das Spiel zwischen Traum und Alltag. Ibsen montiert burleske Episoden neben poetische Bilder, lässt das Groteske an das Erhabene rühren und zeichnet Figuren, die größer als das Leben scheinen und doch erkennbar bleiben. Diese dramaturgische Elastizität macht den Text zur Herausforderung und Freude für Bühne und Leserschaft. Sie eröffnet eine dynamische Wahrnehmung: Was als Märchenposse beginnt, erweist sich als anspruchsvoller Spiegel moderner Selbstverhältnisse.

Die Wirkungsgeschichte wäre ohne die Musik nicht zu denken. Edvard Griegs Schauspielmusik hat Motive geschaffen, die weit über das Theater hinaus bekannt sind und vielen Menschen den Zugang zu Ibsens Welt öffnen. Sie unterstreicht das Spannungsfeld aus Naturbild, Ironie und innerem Drängen. Regie, Bühnenbild und Choreografie haben immer wieder neue Bilder gefunden, die Reise- und Traumcharakter sichtbar zu machen. So ist ein Werk entstanden, das nicht nur literarisch, sondern als Gesamtereignis prägt. Es bietet den seltenen Fall, dass Text und Klang zugleich eigenständig und untrennbar verbunden erscheinen, ohne einander zu überdecken.

Peer Gynt hat die Theaterpraxis nachhaltig beeinflusst. Es lädt zur bildstarken Überschreibung ebenso ein wie zur reduzierten Lesart, erlaubt satirische Schärfe, poetische Entrückung und analytische Nüchternheit. Viele Strömungen des 20. Jahrhunderts fanden in ihm einen Resonanzraum: Symbolistische Atmosphären, expressionistische Übersteigerung, psychologische Vertiefung. Auch in der Literaturkritik diente das Werk als Prüfstein für Fragen nach nationaler Mythologie, bürgerlicher Moral und dem prekären Ideal souveräner Individualität. Diese Offenheit für divergierende Zugriffe ist keine Schwäche, sondern die Quelle seiner Langlebigkeit: Wer Peer Gynt aufschlägt, entdeckt stets neue Fäden, die sich miteinander verweben lassen.

Die Übersetzungsgeschichte zeigt, wie wandlungsfähig der Text ist. Seine Wortspiele, Klangfarben und Verse fordern Übertragungen heraus, die Sinn und Musik gleichermaßen beachten. Unterschiedliche Lösungen haben ein vielfältiges Repertoire an Tonlagen hervorgebracht, vom derben Volksstück bis zur elegischen Parabel. Weltweite Aufführungen spiegeln lokale Fragen in Ibsens Szenen, ohne den Kern zu verlieren. Diese internationale Präsenz bezeugt die Stärke des Stoffes: Er ist spezifisch norwegisch verwurzelt und dennoch universell anschlussfähig. Jede Lesart stellt erneut die Frage, was es heißt, ein Selbst zu formen – und welche Geschichten man dafür erfindet oder hinter sich lässt.

Heute, in einer Gegenwart der Selbstinszenierungen und Optionenfülle, wirkt Peer Gynt bemerkenswert aktuell. Die Figur, die fortwährend Möglichkeiten prüft, ohne sich festzulegen, erinnert an Lebensentwürfe, die sich in Wahlfreiheit verlieren. Ibsens Werk fordert dazu auf, unter dem Glanz der Möglichkeiten nach Bindungen zu suchen, die tragen, und nach Wahrheiten, die nicht beliebig sind. Zugleich nimmt es die Kraft der Phantasie ernst: Ohne sie gäbe es keine Bewegung, keine Entwürfe, keinen Mut. Relevant bleibt deshalb die Balance, die der Text verlangt – zwischen Einbildung und Verantwortung, zwischen dem Ich als Erzählung und dem Ich als Tat.

Peer Gynt ist heute lesenswert, weil es die großen Fragen in die Form eines mitreißenden, vielgestaltigen Textes bringt. Es vereint Abenteuerlust und Selbstprüfung, Sprachspiel und Nachdenklichkeit, Bühnenwirksamkeit und Lesegenuss. Seine Zeitlosigkeit beruht nicht auf glatter Allgemeinheit, sondern auf der Offenheit, Widerspruch und Wandel auszuhalten. Ibsen liefert kein Rezept, sondern eine Einladung zur Prüfung des eigenen Maßes. Wer dieses Buch aufschlägt, begegnet einer Reise, die weniger Weltkarten als Spiegel bereithält. Gerade darin liegt die nachhaltige Qualität: Peer Gynt bleibt ein Erlebnis, das lange nachklingt und den Blick auf das eigene Leben schärft.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Peer Gynt ist ein Versdrama des norwegischen Autors Henrik Ibsen, 1867 veröffentlicht. Es verbindet Heimatmilieu, Märchenmotive und satirische Gesellschaftsbeobachtung zu einer weitgespannten Lebensreise. Im Zentrum steht Peer, ein fantasiebegabter, charmant-egoistischer Bauernsohn, dessen Geschichten grenzenlos sind und dessen Verantwortungssinn gering bleibt. Die Handlung folgt ihm von der norwegischen Provinz über ferne Länder zurück in die Heimat. Ibsen nutzt episodische Stationen, um die Frage nach Identität, Schuld und Selbsttäuschung zu stellen. Der Ton schwankt zwischen Komik, Groteske und ernster Prüfung. Die nachfolgende Zusammenfassung zeichnet die Abfolge der wichtigsten Wendepunkte nach, ohne die abschließenden Entscheidungen vorwegzunehmen.

In den ersten Szenen begegnen wir Peer in seinem Dorf, wo er mit übermütigen Prahlereien aneckt und seine Mutter Åse zwischen Stolz und Verzweiflung schwankt. Er erzählt großspurige Abenteuer, die Wirklichkeit und Einbildung verschmelzen lassen, und gerät dadurch in Konflikt mit Nachbarn und Autoritäten. Der junge Mann sehnt sich nach Größe, lehnt aber Pflichten und Maßhalten ab. Früh deutet sich der Grundkonflikt an: Peers Drang, sich selbst zu inszenieren, steht gegen die Erwartungen der Gemeinschaft. Diese Spannung bereitet die erste folgenschwere Entscheidung vor und etabliert den Gegensatz zwischen häuslicher Bindung und verlockender, ungehemmter Selbstentfaltung.

Ein Dorfhochzeitsfest bildet den ersten dramatischen Umschlagpunkt. Peer mischt sich prahlerisch ein, provoziert Rivalen und stiehlt im Überschwang die Braut, ein Akt, der Begeisterung und Empörung zugleich entfacht. Der Skandal macht ihn zum Außenseiter und verschließt ihm die Rückkehr in geordnete Verhältnisse. Gleichzeitig fällt sein Blick auf Solveig, eine junge Frau, die ihm mit stiller Entschiedenheit begegnet und ein anderes Lebensangebot verkörpert: Verlässlichkeit, Einfachheit und Wahrhaftigkeit. Aus Peers unbedachter Tat wächst eine Fluchtbewegung, während die Möglichkeit einer heilsamen Bindung aufscheint, deren Annahme jedoch Mut, Reue und Verantwortungsbereitschaft erfordern würde.

Auf der Flucht treibt es Peer in die Berge, wo die Realität in märchenhafte Sphären kippt. Er begegnet einer rätselhaften Grüngekleideten und gerät in den Hof der Trolle, die ihn mit Reichtum, Lust und sofortiger Anerkennung locken. Diese Welt fordert jedoch eine Selbstdefinition, die Bequemlichkeit über Wahrheit stellt. Peer schwankt zwischen Verführung und Abwehr und entkommt nur knapp den Folgen seiner Unschlüssigkeit. Eine weitere Begegnung mit einer gestaltlosen, überwältigenden Macht, die Umwege statt Konfrontation nahelegt, vertieft das Leitmotiv des Ausweichens. Die Episode bildet ein Sinnbild für Peers Hang, das Schwere zu umgehen und sich im Augenblick zu verlieren.

Nach den nächtlichen Grenzerfahrungen scheint ein ruhigeres Leben greifbar. Solveig folgt einer inneren Gewissheit und sucht Peer auf; er errichtet eine Hütte, als wolle er das Erratische abstreifen. In dieser Zwischenzeit leuchten Treue und die Möglichkeit eines Neubeginns auf. Doch Peers Vergangenheit meldet sich in Gestalt alter Bindungen und Versäumnisse, und sein innerer Unfriede wächst. Die Beziehung zu seiner Mutter, die zwischen strenger Sorge und hingebungsvoller Fürsorge steht, erhält einen rührenden, zugleich schmerzhaften Akzent. Schließlich reißt Peer sich los und bricht zu langen Wanderungen auf, ohne das angebotene Lebensmaß endgültig anzunehmen oder zu verwerfen.

Die folgenden Stationen führen Peer weit über Norwegen hinaus. Er tritt als Glücksritter, Kaufmann und Gelegenheitsunternehmer auf, immer auf der Suche nach Vorteil, Bewunderung und Bequemlichkeit. Er bewegt sich durch Häfen, Wüsten und Salons, umgeben von Mitläufern und Nutznießern, die seine Selbsttäuschungen verstärken. Kurzzeitige Triumphe weichen Enttäuschungen; im Orient wird er zum Spielball fremder Interessen und folgt einer verführerischen Tänzerin, die seine Eitelkeit spiegelt. In einem irrwitzigen Krankenhaus der Ideen begegnet er Figuren, die seine zersplitterte Identität ausstellen. Die Episoden entlarven Peers Anpassungskunst als Flucht vor Beständigkeit und innerer Verantwortung.

Als das Rad des Glücks sich wendet, zerbrechen Peers Unternehmungen. Streit, Betrug und Naturgewalten entziehen ihm Besitz und Fassade. Eine Seefahrt endet in Panik und Havarie; dabei tritt eine düstere Gestalt auf, die Peers moralische Bilanz prüft und ihn mit Schuld, Verschwendung und Täuschung konfrontiert. Diese Begegnung deutet an, dass das Spiel mit Rollen seinem Ende zugeht und eine Abrechnung bevorsteht. Ernüchtert, gealtert und vereinsamt wendet sich Peer der Heimat zu. Die Rückkehr ist keine Heimkehr, sondern eine Inventur des Verpassten, bei der die Jahre der Wanderschaft als kostspielige Umwege sichtbar werden.

Zuhause findet Peer sich von Prüfungen umstellt. Ein unheimlicher Gießer stellt die Frage, ob ein Leben ohne feste Form wieder eingeschmolzen werden müsse, und setzt ihm eine Frist zur Rechtfertigung. Erinnerungsfiguren, Spottgestalten und frühere Verführungen kehren wieder, als ob die Welt seine Ausflüchte nicht länger gelten ließe. Peer versucht, sich selbst zu definieren: Held, Sünder, Durchschnittsmensch? Doch jeder Anspruch zerbricht an Widersprüchen. Im Schatten dieser Auseinandersetzungen taucht auch die Erinnerung an jenes schlichte Versprechen auf, das er einst ausgeschlagen hat. Wie sich das Urteil und Peers letzte Wahl gestalten, bleibt hier unausgeführt.

Peer Gynt entfaltet die Lebensgeschichte eines Menschen, der sich in Phantasie, Opportunismus und Selbstbehauptung verliert, und prüft, ob daraus dennoch ein verantwortlicher Kern erwachsen kann. Ibsen verbindet Volksdichtung, Satire und psychologische Beobachtung zu einer Kritik des leichtfertigen Individualismus und einer Reflexion über Heimat, Treue und Wahrheit. Die Reise führt durch soziale Milieus und innere Landschaften und spiegelt eine moderne Identitätsfrage: Wer ist man jenseits von Rollen, Erfolgen und Ausreden? Die bleibende Wirkung des Stücks liegt in dieser offenen Herausforderung. Es lädt dazu ein, das Maß eines sinnvollen Lebens zu bedenken, ohne eine einfache Lösung zu liefern.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Peer Gynt entsteht im Kontext Norwegens der 1860er Jahre, als das Land noch in einer Personalunion mit Schweden stand und sich politisch wie kulturell als eigene Nation formierte. Dominant waren die lutherische Staatskirche, eine ländlich geprägte Gesellschaft und eine aufstrebende städtische Bourgeoisie. Das Stück, 1867 von Henrik Ibsen als Versdrama veröffentlicht, verlegt wesentliche frühe Szenen in das bäuerliche Gudbrandsdalen und entfaltet später eine weiträumige Reisebewegung. Gerade dieser Wechsel zwischen norwegischem Dorfmilieu und weltläufigen Stationen spiegelt den Spannungsbogen zwischen Tradition und Moderne, der die Epoche prägte, und verleiht dem Werk seine historische Tiefenschärfe.

Politisch bildete die liberale Verfassung von 1814 den Rahmen, zugleich blieb Norwegen bis 1905 in der Union mit Schweden. In den 1860er Jahren wuchsen Parlamentarismus und bürgerliche Öffentlichkeit, während die Frage nationaler Selbstbehauptung kontrovers blieb. Literatur, Malerei und Musik sollten Identität stiften und Bildung verbreiten. Dramatische Texte waren Teil dieser Nationenbildung, weil sie symbolische Selbstbilder auf die Bühne brachten. Peer Gynt steht in diesem Prozess als Werk, das die Selbstbilder nicht einfach bestätigt, sondern befragt. Die Figurendarstellung und die weltläufige Handlung setzen das politisch-kulturelle Projekt „Nation“ unter satirische Beobachtung und brechen heroische Selbstgewissheiten.

Kulturell dominierte die Nationalromantik, die seit den 1830er Jahren Bauernstand, Landschaft und Volksgeist als Träger des Norwegischen idealisierte. Maler wie Adolph Tidemand und Hans Gude, Komponisten und Dichter feierten Sitten und Bräuche des Landes. Diese Bewegung prägte Schullektüren, Festkultur und die frühen Institutionen des Theaters. Ibsens Peer Gynt nimmt Motive der Nationalromantik auf, etwa Brauch, Tracht und Bergwelt, stellt sie jedoch gezielt in Frage. Der Kontrast zwischen der idealisierten Volkskultur und den Eigensinnigkeiten, Illusionen und Ausweichbewegungen der Titelfigur erzeugt eine Reflexion, die romantischen Glanz sichtbar macht und zugleich seine Schattenseiten ausleuchtet.

Wesentliche Inspirationsquelle war die norwegische Volksüberlieferung, die Peter Christen Asbjørnsen und Jørgen Moe seit den 1840er Jahren sammelten und publizierten. In ihren Märchen- und Sagensammlungen erscheint auch der Name „Peer Gynt“ in Verbindung mit Geschichten aus Gudbrandsdalen. Ibsen übernahm jedoch nicht einfach Stoffe, sondern transformierte sie. Trolle, Berge und Sagenwesen werden im Drama zu Projektionsflächen für psychische und soziale Erfahrungen einer Zeit im Umbruch. Indem Ibsen tradierte Erzählmuster mit moderner Sprachbeobachtung und Ironie kreuzt, macht er deutlich, wie Folklore als kulturelles Kapital im 19. Jahrhundert funktionierte – zugleich verbindend und verführend.

Religiös war Norwegen lutherisch geprägt; die Kirche strukturierte Kalender, Bildung und Moral. Die Erweckungsbewegung um Hans Nielsen Hauge zu Beginn des Jahrhunderts wirkte noch nach: Pflichtbewusstsein, Innerlichkeit und Selbstprüfung galten im Volksleben als Tugenden. Im 19. Jahrhundert standen diese Normen neben einer wachsenden städtischen Kultur des Genusses und der Selbstdarstellung. Peer Gynt reflektiert diese Spannung, indem Frömmigkeit und weltliche Versuchungen nicht als einfache Gegensätze, sondern als konkurrierende Lebensdeutungen erscheinen. Das Drama zeigt damit eine Gesellschaft, die religiöse Maßstäbe bewahrt, während neue Begehrlichkeiten und Rollenmodelle an Einfluss gewinnen.

Ökonomisch befand sich Norwegen in einem Übergang: Landwirtschaft und Forstwirtschaft blieben zentral, doch Handel, Schifffahrt und frühe Industrien expandierten. Perioden wirtschaftlicher Unsicherheit beförderten Auswanderung, besonders in die USA, die in den 1860er Jahren stark zunahm. Mobilität, Hoffnung auf schnellen Aufstieg und die Bereitschaft, Bindungen zu lösen, prägten viele Biografien. Diese Dynamik spiegelt sich in Peer Gynts Ruhelosigkeit und seiner Neigung, Chancen situativ zu ergreifen. Das Stück kommentiert damit die ökonomische Mentalität einer Zeit, die zwischen Gemeindebindungen und dem Versprechen individueller Selbstverwirklichung oszillierte.

Technologisch veränderten Eisenbahn, Dampfschiffe und Telegraphie seit den 1850er Jahren Alltag und Wahrnehmungsräume. Norwegens Küstenschifffahrt band das Land enger an europäische Märkte; Nachrichten zirkulierten schneller, und Reiseberichte über ferne Regionen wurden populär. Diese Vernetzung erweiterte auch den Fundus dramatischer Schauplätze und Imaginationen. Peer Gynts Ausweitungen in außereuropäische Räume verweisen auf eine Epoche, in der die Welt kleiner schien und zugleich exotischer. Die neuen Medien und Verkehrswege ermöglichten es, globale Bilder in eine nationale Debatte zu speisen – ein Spannungsfeld, das Ibsen bewusst nutzt.

Die Theaterlandschaft war im Aufbau. Lange dominierten dänische Ensembles und Sprache, während Versuche, ein eigenständiges norwegisches Theater zu etablieren, mit finanziellen Schwierigkeiten rangen. Ibsen arbeitete ab 1851 am norwegischen Theater in Bergen und ab 1857 am Norske Teater in Christiania, das 1862 bankrottging. Diese prekären Institutionserfahrungen schärften sein Gespür für Wirkung, Publikumsanspruch und ökonomische Zwänge. Peer Gynt, als Lesedrama publiziert und später für die Bühne bearbeitet, steht auch für Ibsens Strategie, ästhetische Unabhängigkeit mit theatraler Praktikabilität zu verbinden – ein Balanceakt im kulturellen Gründungsprozess Norwegens.

Eng damit verknüpft war die Sprachfrage. Während das schriftsprachliche Norwegisch stark vom Dänischen geprägt war, kodifizierte Ivar Aasen ab den 1840er Jahren das Landsmål aus westnorwegischen Dialekten. Literatur und Bühne wurden zum Schauplatz dieser Auseinandersetzung. Ibsen schrieb in einem Dano-Norwegisch, das idiomatische Färbungen, Sprichwörter und regionale Anklänge aufnimmt, ohne ins Dialektstück zu kippen. Gerade Peer Gynt zeigt, wie Sprachschichten soziale Milieus markieren und nationale Identität verhandeln. Das Werk spiegelt die Ambivalenz zwischen Vereinheitlichung und Vielfalt, die die Sprachpolitik des 19. Jahrhunderts durchzog.

Biografisch schrieb Ibsen Peer Gynt im Ausland. Nach Konflikten um Kulturpolitik und der dänisch-deutschen Krise 1864 verließ er Norwegen und lebte vor allem in Italien und später Deutschland. Aus dieser Distanz entstanden Brand (1866) und Peer Gynt (1867). Die räumliche Entfernung verlieh seiner Norwegen-Kritik Schärfe und zugleich poetische Freiheit. Exil bedeutete für Ibsen nicht Entfremdung, sondern Perspektivwechsel: nationale Selbstbilder erschienen ihm als Konstruktionen, die literarisch zerlegt werden konnten. Peer Gynt nutzt diese Lage, um Nähe und Fremdheit zum Heimatland produktiv gegeneinander auszuspielen.

Die politische Erschütterung von 1864, als Dänemark im Krieg gegen Preußen und Österreich ohne skandinavische Bündnishilfe blieb, prägte Ibsens Zeitdiagnose. Viele Norweger empfanden die Untätigkeit als moralische Blamage; Ibsen artikulierte Enttäuschung in scharfen Gedichten und Briefen. In Peer Gynt kehrt diese Erfahrung als Kritik an großspuriger Rhetorik ohne Handlungsverantwortung wieder. Das Stück zielt nicht auf konkrete Politiker, sondern auf Mentalitäten: auf Selbstrechtfertigung, Opportunismus und den Hang, nationale Phrasen über persönliche Pflichten zu stellen. Damit adressiert es eine verbreitete Haltung der 1860er Jahre, die Ibsen als kulturelle Schwäche verstand.

Poetologisch steht Peer Gynt zwischen romantischem Versdrama, satirischer Allegorie und moderner Subjektstudie. Zeitgenossen ordneten es mitunter neben europäischen Bildungs- und Wanderdramen ein; Vergleiche mit Goethe’s Faust kreisten um das Motiv der ausgreifenden Selbstsuche. Zugleich markiert das Werk einen Übergang in Ibsens Schaffen: Nach Brand radikalisiert es die Frage, wie ein Individuum seinen Maßstab findet, bevor die späten Prosadramen den gesellschaftlichen Realismus entfalten. Diese Stellung erklärt, warum Peer Gynt sowohl als bildstarkes Märchenspiel wie als analytischer Kommentar zur Gegenwart gelesen werden konnte.

Die globalen Episoden des Stücks verweisen auf den Zeithorizont einer europäisch geprägten Weltsicht, in der „Orient“ und Afrika durch Reiseberichte, Handelskontakte und populäre Ethnografien präsent waren. Norwegens wachsende Schifffahrt und Kaufmannsnetze speisten die Fantasie vom Karrieresprung in der Ferne. Peer Gynt greift diese Imaginationen auf und zeigt, wie Unternehmergeist in moralisch prekäre Zonen geraten kann. Zugleich reflektiert das Drama die Stereotypisierungen der Epoche: die exotische Verklärung fremder Kulturen und den Blick des Nutzens. Darin wird nicht Kolportage reproduziert, sondern die Logik einer expansiven, oft bedenkenlosen Moderne offengelegt.

Geschlechterrollen der Zeit waren vom bürgerlichen Ideal der Häuslichkeit bestimmt. Frauen standen unter patriarchaler Vormundschaft, erhielten aber allmählich besseren Zugang zu Bildung; politische Rechte blieben begrenzt. Literatur modellierte weibliche Tugenden als Reinheit, Beständigkeit und Fürsorglichkeit, während „Fremdes“ leicht erotisiert oder moralisch abgewertet wurde. Peer Gynt spiegelt diese Diskurse in Figurenkontrastierungen, ohne programmatische Thesen zu verkünden. So wird sichtbar, wie familiäre Pflichten, erotische Projektionen und soziale Anerkennung um 1860 kulturell verhandelt wurden – ein Hintergrund, der die Spannungen zwischen persönlichem Begehren und normativen Erwartungen verständlich macht.

Als Bühnenereignis gewann Peer Gynt 1876 in Christiania besondere Strahlkraft, als Edvard Grieg die Schauspielmusik komponierte. Die Uraufführung verband Ibsens Text mit einer Klangsprache, die nationalromantische Idiome aufnahm und zugleich Szenencharaktere zuspitzte. Einzelnummern wie Morgenstimmung oder In der Halle des Bergkönigs wurden später als Orchestersuiten bekannt und trugen wesentlich zur internationalen Verbreitung des Stoffes bei. Die Kopplung von dramatischer Satire und eingängiger Musik schuf ein Paradox: Während der Text nationale Klischees seziert, half die Musik, ein „norwegischer“ Tonbildraum populär zu machen.

Die zeitgenössische Rezeption war gespalten. Einige Kritiker sahen im Werk eine Verhöhnung norwegischer Werte und des Bauernstandes; andere würdigten die schonungslose Selbstkritik als notwendige Läuterung einer jungen Nation. Mit den Bühnenfassungen und Griegs Musik wuchs die Popularität. Allmählich entwickelte sich Peer Gynt zum Kanonstück, das Schulunterricht, Festspiele und internationale Bühnen erreichte. Doch die Kontroverse blieb produktiv: Das Drama wurde wiederholt als Spiegel nationaler Befindlichkeiten gelesen – je nach Epoche als Warnung vor Opportunismus, als Kommentar zu Modernisierungsfolgen oder als Ironisierung idyllischer Selbstbilder.

Im literarischen Feld positionierte sich Peer Gynt gegenüber der dominanten Tendenz, nationale Identität über Idealbilder zu befestigen. Ibsen zeigt, wie Erzählungen von Größe, Ursprünglichkeit und Schicksal sich mit persönlichen Bequemlichkeiten mischen können. Indem er Motive der Volkskultur nutzt, ohne ihnen zu huldigen, verschiebt er den Blick vom Kollektivmythos zur individuellen Verantwortung. Dieser Perspektivwechsel bereitete den Boden für die gesellschaftskritischen Prosadramen der 1870er und 1880er Jahre und verschob den Maßstab von der Herkunftsromantik zum prüfenden Blick auf Gegenwart und Gewissen – ein Schritt von symbolischer Repräsentation zu sozialer Analyse.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Henrik Ibsen (1828–1906) gilt als einer der Begründer des modernen Dramas und als bedeutendster norwegischer Dramatiker des 19. Jahrhunderts. Sein Werk markiert den Übergang vom romantischen Historienstück zu realistischen und symbolistischen Formen, geprägt von genauer Bühnentechnik, psychologischer Tiefe und gesellschaftskritischem Blick. Ibsen behandelte konsequent das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, Wahrheit, Pflicht und persönlicher Freiheit und prägte damit Theaterdebatten in Europa und darüber hinaus. Seine Dramen gehören bis heute zum internationalen Repertoire und werden fortlaufend neu gedeutet. Zugleich prägte er das Verständnis moderner Inszenierung und Figurenführung mit subtextreicher, präziser Dialoggestaltung.

Ibsen wurde in Skien geboren und absolvierte ab Mitte der 1840er‑Jahre eine Ausbildung als Apothekengehilfe in Grimstad, wo seine ersten dichterischen Versuche entstanden. 1850 veröffentlichte er, noch unter dem Pseudonym Brynjolf Bjarme, das Frühwerk Catilina und zog nach Christiania. Dort bereitete er sich an Heltbergs sogenannter „Studentenfabrik“ auf das Examen vor, beschäftigte sich intensiv mit antiker Geschichte, Shakespeare und der Theaterpraxis seiner Zeit, ohne ein Studium abzuschließen. Früh prägten ihn die dänisch‑norwegische Bühnentradition und das Handwerk des gut gebauten Stücks; zugleich suchte er nach Formen, die nationale Stoffe und zeitgenössische Fragen dichterisch verbinden.

1851 wurde Ibsen vom Geiger und Theatergründer Ole Bull an das Norwegische Theater in Bergen berufen. Dort arbeitete er als Regisseur, Dramaturg und Hausautor, unternahm Studienreisen nach Kopenhagen und Dresden und erwarb solide Kenntnisse der szenischen Praxis. In dieser Phase entstanden romantisch‑historische Stücke wie Frau Inger auf Østråt, Das Fest auf Solhaug und Die Wikinger auf Helgeland. 1857 wechselte er als künstlerischer Leiter an das Norwegische Theater in Christiania; die Bühne geriet in wirtschaftliche Schwierigkeiten und wurde 1862 geschlossen. Mit der satirischen Komödie der Liebe wandte sich Ibsen bereits deutlicher der Gegenwart und ihren Konventionen zu.

1864 verließ Ibsen das Land und lebte fast drei Jahrzehnte in Italien und Deutschland, unter anderem in Rom, Dresden und München. In dieser Exilzeit schrieb er die großen Versdramen Brand (1866) und Peer Gynt (1867) sowie Kaiser und Galiläer (1873). Danach wandte er sich dem zeitgenössischen Prosa­drama zu: Stützen der Gesellschaft (1877) bereitete den internationalen Durchbruch vor, Nora oder Ein Puppenheim (1879) und Gespenster (1881) lösten heftige Debatten aus, Ein Volksfeind (1882) schärfte die öffentliche Kontroverse. Die Stücke wurden europaweit diskutiert, vielfach zensiert oder gefeiert und etablierten Ibsen als zentrale Stimme des modernen europäischen Theaters.

In poetologischer Hinsicht verband Ibsen die Struktur des „well‑made play“ mit strenger motivischer Ökonomie, Rückblendentechnik und subtextreicher Alltagssprache. Seine Bühnenwelten untersuchten soziale Konventionen, bürgerliche Moral, Ehe und Geschlechterrollen, die Macht von Ideologien und die Kosten unbequemer Wahrheitsliebe, ohne sich programmatisch einer Partei zuzuordnen. Zeitgenössische Realismus‑ und Naturalismusdebatten prägten die Rezeption; die „moderne Durchbruch“-Bewegung, durch Kritiker wie Georg Brandes artikuliert, verknüpfte seine Dramen mit einer europäischen Kulturkritik. Zugleich führte Ibsen symbolische und mythische Schichten ein, die über den Tagesstoff hinausweisen und den psychologischen Druck seiner Figuren in räumlichen Bildern und präzisen Regieanweisungen verdichten.

Zwischen Mitte der 1880er‑Jahre und 1899 entstand eine Kette reifer Dramen, darunter Die Wildente (1884), Rosmersholm (1886), Die Frau vom Meer (1888), Hedda Gabler (1890), Baumeister Solness (1892), Klein Eyolf (1894), John Gabriel Borkman (1896) und Wenn wir Toten erwachen (1899). 1891 kehrte Ibsen nach Norwegen zurück und lebte in Christiania. Er genoss hohes Ansehen im skandinavischen und deutschen Sprachraum sowie in Großbritannien und Russland. Inhaltlich vertiefte er psychologische Konflikte, erforschte Macht, Verantwortung und künstlerische Berufung und integrierte zunehmend symbolistische Texturen, ohne die präzise, illusionskritische Prosadramatik seiner mittleren Phase aufzugeben.

Um 1900 erlitt Ibsen Schlaganfälle, die seine Arbeitskraft stark einschränkten; er starb 1906 in Christiania. Sein Vermächtnis prägt das Welttheater bis heute. Er beeinflusste nachweislich Dramatiker wie Strindberg, Shaw, Tschechow, O’Neill und später Miller, und seine Stücke bleiben zentrale Prüfsteine für Darstellerinnen, Regisseure und Publikum. Die anhaltende Rezeption reicht von textgetreuen Inszenierungen bis zu radikalen Neuinterpretationen und Adaptionen in Literatur, Film und Tanz. Ibsens Kombination aus psychologischer Genauigkeit, gesellschaftlicher Analyse und theatraler Ökonomie wirkt weiterhin nach und macht ihn zu einem der dauerhaft meistgespielten Autoren des modernen Bühnenrepertoires. Seine Texte bilden einen festen Bestandteil der Ausbildung an Schauspielschulen und der Forschung zur Entstehung des modernen Dramas.

Peer Gynt

Hauptinhaltsverzeichnis
Personen
Erster AKT
ZWEITER AKT
DRITTER AKT
VIERTER AKT
FÜNFTER AKT

Personen

Inhaltsverzeichnis

Aase,eine BauerswitwePeer Gynt,ihr SohnZwei alte Weibermit KornsäckenAslak,ein Schmied Hochzeitsgäste. Küchenmeister. Spielleute usw.Ein zugewandertes BauernpaarSolvejgundKlein Helga,dessen TöchterDer HaegstadbauerIngrid,seine TochterDer Bräutigamundseine ElternDreiSäterdirnenEin grüngekleidetes WeibDerDovre-AlteEin Hoftroll.Mehrere andere Trolle. Trolljugend beiderlei Geschlechts Ein paar Hexen, Erdgeister, Zwerge, Kobolde usw.Ein häßlicher Junge.Eine Stimme im Dunkel. VogelschreieKari,eine Häuslersfrau MasterCottonMonsieurBallonDie Herrenvon EberkopfundTrumpeterstraale,Reisende. Ein Dieb und ein HehlerAnitra,die Tochter eines Beduinenhäuptlings Araber, Sklavinnen, tanzende Mädchen usw. DieMemnons-Säule(singend) DieSphinx von Gizeh(stumme Person)Begriffenfeldt,Professor, Dr. phil., Vorsteher des Tollhauses zu KairoHuhu,ein Sprachreformer von der malebarischen KüsteHussein,ein morgenländischer Minister.Ein Fellahmit einer Königsmumie Mehrere Tollhäusler nebst ihren WärternEin norwegischer Schiffskapitänund seine MannschaftEin fremder PassagierEin GeistlicherEin Leichengefolge. Ein Amtmann. Ein KnopfgießerEine magere Person

Das Stück, dessen Handlung im Anfang des 19. Jahrhunderts beginnt und gegen die sechziger Jahre hin endigt, spielt teils im Gudbrandstal und seinen Bergen, teils an der Küste von Marokko, in der Wüste Sahara, im Tollhaus zu Kairo, auf See usw.

Erster AKT

Inhaltsverzeichnis

(Abhang mit Laubholz bei Aases Hof. Ein Bach schäumt hernieder. Auf der andern Seite eine alte Mühle. Heißer Sommertag.)

(Peer Gynt,ein kräftig gebauter Mensch von zwanzig Jahren, kommt den Steig herab.Aase,seine Mutter, klein und fein, folgt ihm zornig scheltend auf dem Fuße.)

Aase. Peer, Du lügst[1q]!

Peer Gynt(ohne sich aufzuhalten.)Nein, nein, ich lüg’ nicht!

Aase. Na, so schwör’ drauf: Ist es wahr?

Peer Gynt. Warum schwören?

Aase. Pfui! Der früg’ nicht, Dessen Schuld nicht klipp und klar!

Peer Gynt(steht still.)Doch, ‘s ist wahr, – ich schwör’ es Dir.

Aase(vor ihm.)Und Du schämst Dich nicht vor mir? Bleibt man ganze Wochen aus, Läuft man, just wann Gras zu schlagen, Auf den Ferner, Renwild jagen, Kommt zerrissen dann nach Haus, Ohne Stutzen[1], ohne Bock, – Um zum Schluß am hellerlichten Mittag Mutter flugs ein Schock Jägerlügen vorzudichten? Also, wo hast Du ‘n getroffen?

Peer Gynt. Links vom Gendin.

Aase(lacht spöttisch.)Hm! Aha!

Peer Gynt. Kräftig blies der Wind von da; Und so stand der Weg mir offen, Mich durchs Holz hindurchzubirschen, Hinter dem er grub –

Aase(wie vorher.)Ja, ja!

Peer Gynt. Lautlos horchend, hör’ ich seinen Huf im harten Firnschnee knirschen, Seh’ vom einen Horn die Zacken, Wind’ mich durch Geröll und Wacken Vorwärts, und, verdeckt von Steinen, Seh’ ich einen Prachtbock, – einen, Wie man ihn seit Jahrer zehn, Sag’ ich Dir, hier nicht gesehn!

Aase. Gott bewahre, nein!

Peer Gynt. Ein Knall! Und den Bock zusammenbrennen! Aber knapp, daß er zu Fall, Sitz’ ich auch schon rittlings droben, Greif’ ihm in sein linkes Ohr, Reiß’ mein Messer schon hervor, Ihm’s gerecht ins Blatt zu rennen; – Hui! da hebt er an zu toben, Springt, pardauz, auf alle Viere, Wirft zurück sein Horngeäst, Daß ich Dolch und Scheid’ verliere, Schraubt mich um die Lenden fest, Stemmt ‘s Gestäng’ mir an die Waden, Klemmt mich ein wie mit ‘ner Zang’, – Und so stürmt er, wutgeladen, Just den Gendingrat[2] entlang!

Aase(unwillkürlich.)Jesus –!

Peer Gynt. Mutter, hast Du den Gendingrat einmal gesehn? Wohl ‘ne Meile läuft er drang Hin, in Sensenrückenbreite. Unter Firneis, Schuttmoränen, Schnee, Geröll, Sand, kunterbunter, Sieht Dein Aug’ auf jeder Seite Stumme, schwarze Wasser gähnen, An die fünf-, die siebenzehn- hundert Ellen rank hinunter. Dort lang stoben pfeilgeschwind Er und ich durch Wetter und Wind! Nie ritt ich solch Rößlein, traun! Unsrer wilden Fahrt entgegen Schnob’s wie Sonnenfunkenregen. Adlerrücken schwammen braun In dem schwindeltiefen Graun Zwischen Grat und Wasserrande, – Trieben dann davon wie Daun. Treibeis brach und barst am Strande; Doch sein Lärm ging ganz verloren; Nur der Brandung Geister sprangen Wie im Tanze, – sangen, schwangen Sich im Reihn vor Aug’ und Ohren!

Aase(schwindlig.)O, Gott steh’ mir bei!

Peer Gynt. Da stößt Plötzlich, wie ein Stein sich löst, Dicht vor uns ein Schneehuhn auf, Flattert gackernd, aufgeschreckt, Aus dem Spalt, der es versteckt, Meinem Bock, bums! vor die Lichter. Der verändert jach den Lauf – Und mit einem Riesensatze Nieder in den Höllentrichter!(Aase wankt und greift nach einem Baumstamm. Peer Gynt fährt fort.)Ob uns schwarzer Bergwand Fratze, Nid uns bodenloser Dust! – Durch zersplissne Nebelschichten Erst, sodann durch einen dichten Schwarm von Möwen, die, durchschnitten, Kreischend auseinanderstritten, – Nieder, nieder, nieder sauste es. Aber aus der Tiefe grauste es Weiß wie eine Renntierbrust. – Mutter, das war unser eigen Bild, das aus des Bergsees Schweigen Tief vom Grund zum Spiegel eilte, Umgekehrt, wie unser Sturz Lotrecht auf ihn nieder pfeilte.

Aase(schnappt nach Luft.)Peer! Gott helf’ mir –! Mach’ es kurz –!

Peer Gynt. Bock vom Berge, Bock vom Grunde Stieß zur selbigen Sekunde! Das Gespritz’ und das Geklatsche! Na, da lag man in der Patsche. – Nicht gar lang’ dann, und wir fanden Irgendwo ‘nen Fleck, zu landen; Er, er schwamm, und ich umschlang ihn, – Und hier bin ich nun –

Aase. Und er?

Peer Gynt. Hm, der springt wohl noch umher; –(Schnalzt mit den Fingern, wippt sich auf den Hacken und fügt hinzu:)Wenn Du ‘n laufen siehst, so fang ihn!

Aase. Daß Du nicht den Hals geknickt hast! Und die Beine gleich dazu! Ist Dein Rückgrat denn noch ganz? Herrgott, – Lob und Dank, daß Du Mir ihn wieder heim geschickt hast! – Zwar die Hose hat ein Loch; Doch davon ist nicht zu reden, Denkt man, was weit Schlimmres noch Sich bei so ‘nem tollen Tanz –(Besinnt sich plötzlich, sieht ihn mit offenem Mund und großen Augen an und kann lange keine Worte finden. Endlich stößt sie hervor:)O, Du Teufelslügenschmied! Kreuz noch ‘n Mal! Solch ein Geflunker! Was Du mir da singst – das Lied – Als das aufkam – zu der Frist Lief Dein Vater noch als Junker! Gudbrand Glesne – dem –demist Das geschehn, nicht Dir –!

Peer Gynt. Mir auch. Solcherlei kann oft geschehen.

Aase(giftig.)Ja, und Lügen kann man drehen, Wenden und mit Putz benähen, Bis von ihrem magren Bauch Nichts vor Flicken mehr zu sehen.DashastDuzu Weg gebracht, Alles wild und groß gemacht, Ausstaffiert mit Adlerrücken Und mit all den andern Nücken, Abgestutzt und zugesetzt Und mir so den Sinn verstört, Daß man nicht mehr kennt zuletzt, Was man hundertmal gehört.

Peer Gynt. Spräch’ ein andrer solchen Quark, Wollt’ ich heillos grob ihm kommen!

Aase(weinend.)Läg’ ich doch im schwarzen Sarg! Wär’ ich, Gott, doch nie geboren! Bitten, Tränen, nichts will frommen, – Peer, Du bist und bleibst verloren!

Peer Gynt. Liebes, süßes Muttchen mein, Hast ja recht mit jedem Wort; Sei nur wieder –

Aase. Scher’ Dich fort! Ist mir’s möglich, froh zu sein, Hab’ ich solch ein Schwein zum Sohn? Muß es mich nicht bitter schmerzen, Wird mir armem Witwenherzen Ewig Schande nur zum Lohn?(Fängt wieder an zu weinen.)Was verblieb uns, muß ich fragen, Seit Großvaters Wohlstandstagen? Wie hat sich der Wein verdünnt Seit dem alten Rasmus Gynt! Vater brachte ‘s Gold ins Rutschen, Warf’s hinaus wie Scheffel Sand, Kaufte Grund im ganzen Land, Karrte mit vergüldten Kutschen –. Alles weg. Wo sind die Reste Von dem großen Winterfeste, Da sein Trinkglas männiglich An die Wand warf hinter sich!

Peer Gynt. Hm, wo blieb der letzte Schnee?

Aase. Willst Du jetzt wohl schweigen, he! Sieh den Hof an! Jedes zweite Fenster ist verstopft mit Flicken, Heck’ und Zaun liegt auf der Seite, Keiner will das Feld beschicken. ‘s Vieh steht da in Mansch und Matsch, Jeden Monat wird gepfändet –

Peer Gynt. Schweig doch, Alte, mit dem Quatsch! Weil mal ‘s Glück den Rücken wendet, Heißt’s drum gleich: Und niemand sah’s mehr?