Pensioniert- und jetzt? - Bernadette Widmer - E-Book

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Bernadette Widmer

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Beschreibung

Mit der steigenden Anzahl an Pensionären im Behindertenbereich, wird der Bedarf an geeigneten Tagesstrukturkonzepten immer dringender. Da diese Thematik im deutschsprachigen Raum noch relativ unerforscht ist, greift die Autorin ein aktuelles und bisher wenig untersuchtes Thema auf. Diese Arbeit klärt die Frage, wie das Aktivierungsangebot zur Tagesstrukturierung beschaffen sein muss, damit es den Wünschen und Bedürfnissen von Pensionären mit einer geistigen Behinderung im institutionellen Setting entspricht. Nebst Aussagen von Fachleuten aus der allgemeinen Gerontologie, der Aktivierung und der Behindertenarbeit, werden auch die Ansichten der Betroffenen berücksichtigt.

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Seitenzahl: 124

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Pensioniert- und jetzt?

Pensioniert - und jetzt?Abstract1.     Einleitung1.2.       Ziel2.     Wissenschaftliche Fundierung: Recherchebericht zum Forschungsstand2.2.       Menschen mit geistiger Behinderung2.3.       Pensionierung2.4.       Tagesstruktur2.5.       Aktivierung2.5.1.    Gerontologische Modelle2.6.       Wünsche und Bedürfnisse3.     Fragestellung3.2.       Forschungsbedarf3.3.       Fragestellung3.4.       Anliegen und Abgrenzung4.     Methodisches Vorgehen4.2.       Erhebungs- und Auswertungsmethode5.     Ergebnisse5.1.2.    Aktuelle Umfrage5.2.       Querverbindungen zu den theoretischen Grundlagen5.2.1.    Alter5.2.2.    Menschen mit geistiger Behinderung5.2.3.    Pensionierung5.2.4.    Tagesstruktur5.2.5.    Aktivierung5.2.5.1.          Gerontologische Modelle5.2.6.    Wünsche und Bedürfnisse5.3.       Bezug zur Fragestellung6.     Diskussion6.2.       Kritische Auseinandersetzung zum methodischen Vorgehen6.3.       Weiterführende Gedanken, Ideen und Fragen6.4.       ResümeeLiteraturverzeichnisDankSelbständigkeitserklärungImpressum

Pensioniert - und jetzt?

Aktivierung als Tagesstrukturgestaltung für Menschen mit geistiger Behinderung nach ihrer Pensionierung

Masterarbeit

eingereicht im Rahmen des Studienganges                           MAS Gerontologie -                                                                                                Altern: Lebensgestaltung 50+                                                                                                2013-2017

vorgelegt von                                                                        Bernadette Widmer

Datum des Einreichens                                                         21.April 2017

Referent                                                                                Prof. Stefan Ribler

Abstract

Mit der steigenden Anzahl an Pensionären im Behindertenbereich, wird der Bedarf an geeigneten Tagesstrukturkonzepten immer dringender. Da diese Thematik im deutschsprachigen Raum noch relativ unerforscht ist, greift die Autorin ein aktuelles und bisher wenig untersuchtes Thema auf. Laut Fachliteratur erhöht ein vielfältiges Angebot das Wohlbefinden im Alter, fördert die Gesundheit und schützt vor negativen Symptomen wie Depression oder Vereinsamung. Das Johanneum – Lebensraum für Menschen mit geistiger Behinderung – reagierte aufgrund dessen vor drei Jahren mit der Bildung eines Aktivierungsbereiches auf diese Entwicklung. Dessen Angebote basieren auf dem Wissen aus der allgemeinen Altersarbeit und reichen von körperlichen, über geistige, bis hin zu musischen und kreativen Aktivitäten.

Diese Arbeit klärt die Frage, wie das Aktivierungsangebot beschaffen sein muss, damit es den Wünschen und Bedürfnissen der Pensionäre mit geistiger Behinderung, die im Johanneum leben, entspricht. Dabei war es der Autorin wichtig, die Betroffenen direkt zu befragen, was laut Literaturanalyse selten gemacht wird. Hierfür setzte sie einen Fragebogen, basierend auf „Leichter Sprache“ und „Unterstützter Kommunikation“ ein. Die übereinstimmenden Aussagen der Fachleute aus der allgemeinen Gerontologie, der Aktivierung und der Behindertenarbeit wiesen darauf hin, dass sich das Aktivierungsangebot zur Tagesstrukturgestaltungfür Menschen mit geistiger Behinderung eignet. Die Umfrageergebnisse untermauern bestehende Studien und zeigen auf, dass die Freizeitbedürfnisse von Menschen mit geistiger Behinderung und nichtbehinderten Menschen übereinstimmen, erstere jedoch mehr Begleitung und Unterstützung in deren Umsetzung benötigen. Zudem berücksichtigt die Aktivierung die, in der Fachliteratur stark gewichtete, selbstbestimmte und individuell angepasste Alltagsgestaltung der Pensionäre. Dabei geht es nicht nur darum, den Alltag zu strukturieren, sondern gleichzeitig sinnerfüllte und sinnstiftende Handlungen zu ermöglichen. Auch ein Gespräch oder in einem bequemen Stuhl sitzend aus dem Fenster zu schauen, kann sinnstiftend sein. Die Umfrage ergab zudem, dass die meisten Pensionäre den Ruhestand geniessen, jedoch für einige von ihnen Freiwilligenarbeit ein Thema ist.

Fazit: Das bestehende Aktivierungsangebot deckt die Bedürfnisse der Klientel ab. Zusätzlich formulierte Wünsche werden als Anstoss zur Weiterentwicklung aufgenommen.

1.     Einleitung

1.1. Themenwahl und Forschungsidee

Die Lebenserwartung von Menschen mit geistiger Behinderung war noch nie so hoch wie heute. Das bedeutet, dass eine immer grössere Gruppe von Menschen mit Behinderung das Rentenalter erreicht. Durch den Wegfall der Arbeit bei der Pensionierung entsteht eine neuartige Lücke, die durch die bisher bestehenden Bereiche Wohnen, Arbeit und Freizeit nicht geschlossen werden kann. Viele Institutionen sind jedoch (noch) nicht darauf ausgerichtet, der älteren Klientel eine adäquate ganztägige Begleitung zu bieten oder anderweitige Alternativen zu eröffnen.Der Arbeitgeber der Autorin, das Johanneum, ist eine Institution, die 220 Kindern, Jugendlichen und erwachsenen Menschen mit geistiger Behinderung, Entwicklungsstörungen oder Lernbehinderung, Lebensraum bietet. Nebst verschiedenen Wohnmöglichkeiten, können die Klienten Sonderschulen besuchen, eine Ausbildung machen oder in den geschützten Werkstätten arbeiten. Auch hier zeichnete sich bereits vor einigen Jahren eine steigende Zahl an älteren Menschen ab, was Umstrukturierungen und Anpassungen zur Folge hatte. So wurde unter anderem das Betriebskonzept des Erwachsenenbereichs überarbeitet und Anpassungen für die ältere und ressourcenschwächere Klientel im Bereich Wohnen und Arbeiten vorgenommen. Neu geschaffen wurde der Aktivierungsbereich. Dieser sollte das Tagesstrukturangebot der Wohngruppen für die Pensionäre ergänzen.In den vergangenen drei Jahren konnte die Autorin erste Aufbauarbeiten in der Aktivierung vornehmen. Heute steht für die Pensionäre ein breites Angebot zur Auswahl, welches die Autorin aus ihrer vorhergehenden Arbeit in der klassischen Aktivierung in Alters- und Pflegeheimen kannte. Obwohl die Angebote sehr beliebt sind, stellt sich die Frage, ob diese tatsächlich den Bedürfnissen der Teilnehmenden entsprechen und ob sie auch mit den Empfehlungen aus der Fachliteratur übereinstimmen. Für die Autorin ist unklar, ob Menschen mit geistiger Behinderung andere Angebote bevorzugen oder andere Strukturen benötigen würden. Um die Bedürfnisse und Wünsche der Pensionäre besser kennenzulernen und entsprechende Massnahmen und Verbesserungen einleiten zu können, wurde bei den Aktivierungsteilnehmenden im vergangenen Herbst eine erste kleine Umfrage durchgeführt. Nun soll diese erweitert und vertieft werden. Das Angebot soll nicht die Nachfrage bestimmen, sondern die Nachfrage das Angebot. Somit würde auch dem übergeordneten Ziel der Institution, die Befähigung der Klientel zu grösstmöglicher Autonomie und Partizipation in der individuellen Lebensgestaltung, Rechnung getragen (Johanneum, 2011).

1.2.       Ziel

Die Durchführung der Umfrage über die Wünsche und Bedürfnisse der Pensionäre dient dazu, eine auf die Klientel abgestimmte Tagesgestaltung nach der Pensionierung im Rahmen der Aktivierung anbieten zu können. Mit der Studie soll zudem der Klientel ein grösserer Stellenwert zukommen, da sie bis heute erst wenig in institutionelle Veränderungen miteinbezogen worden sind. Sie sollen soweit wie möglich selber bestimmen.

Da die Altersthematik im Behindertenbereich relativ neu ist und noch kaum Konzepte für die Alltagsgestaltung von Pensionären vorhanden sind, kann es auch für andere Institutionen interessant sein, von einem auf die Klientel abgestimmten und sich bewährten Angebot zu erfahren. Zudem bestehen im deutschsprachigen Raum noch kaum Studien zur Thematik der Tagesstrukturgestaltung von Menschen mit geistiger Behinderung nach der Pensionierung. Deshalb kann diese Arbeit einerseits zu breiterem Wissen über die Bedürfnisse von Menschen mit geistiger Behinderung beitragen, andererseits kann die Durchführung der Befragung andere Bereiche im Johanneum oder gar andere Institutionen ermutigen, selber Befragungen durchzuführen und so die Klientel miteinzubeziehen.

Ebenso könnte es für Ausbildungsinstitutionen von Aktivierungsfachpersonen einen wichtigen Hinweis zur Festlegung von Schwerpunkten in der Schulung geben.   

2.     Wissenschaftliche Fundierung: Recherchebericht zum Forschungsstand

2.1.      Alter

Nach Schäper und Graumann (2012) hat die Gerontologie die Menschen mit geistiger Behinderung erst in den letzten Jahren als Adressatengruppe wahrgenommen. Zwar wurden in den zurückliegenden Jahrzehnten vielfältige Angebote zur Lebensgestaltung für Menschen mit geistiger Behinderung geschaffen, so Komp (1995), die Frage, wie die Betroffenen altern oder im Alter leben sollen, ist jedoch bis heute noch weitestgehend ungeklärt. Obwohl bereits 1987 von Bernath (zit. n. Fässler-Weibel & Jeltsch-Schudel, 2008) darauf hingewiesen wurde, dass entsprechende Angebote für die Begleitung älterer Menschen mit geistiger Behinderung geplant werden müssen, fehlen laut Jeltsch-Schudel (2009a) und Komp (1995) noch immer Konzepte für diese Gruppe. Schäper und Graumann (2012) führen dies auf die dieser Personengruppe überwiegend negativen Zuschreibungen, alt und behindert, zu. In gesellschaftlichen Diskursen werden Menschen mit geistiger Behinderung, die alt werden, nicht thematisiert und auch in der Reform der Pflegeversicherung oder der Entwicklung von Angebotsstrukturen nicht mitbedacht (s. Höpflinger & Hugentobler, 2005; Wacker, 2001) – Schäper und Graumann (2012) sprechen dabei vom „unsichtbar“ machen. Da es noch nicht viele alte Menschen mit lebenslanger Behinderung gibt, empfehlen Haveman und Stöppler (2010) deshalb Lösungen, Konzepte und Methoden aus der allgemeinen Gerontologie einzuholen.

Das Thema Alter ist heute und für die kommenden Jahre als grosse Herausforderung zu werten (s. Schäper & Graumann, 2012; Sutter, Kägi & Gasser, 2009). Denn dank des Fortschritts im medizinischen Bereich und in der sozialen Versorgung, gleicht sich die Altersentwicklung in der Gruppe der Menschen mit geistiger Behinderung, laut Schäper und Graumann (2012) sowie Berghaus, Knapic & Sievert (1995), immer mehr an die der Allgemeinbevölkerung an. In den kommenden Jahren wird erstmals eine Vielzahl an Menschen mit geistiger Behinderung das Rentenalter erreichen. Laut Jeltsch-Schudel (2009b) und Roters-Möller (2009) ist es jedoch schwierig, Aussagen über die aktuelle Anzahl und somit auch über die Entwicklung von älteren Menschen mit geistiger Behinderung zu treffen, da in der Schweiz weder eine Erfassung noch eine spezielle Behindertenstatistik existiert. Eine Umfrage von Wicki (2015) in Schweizer Behinderteninstitutionen ergab, dass im Jahr 2015 ungefähr 10% der Bewohner pensioniert waren. Das Durchschnittsalter lag dabei bei 44,9 Jahren, 40% waren bereits über 50 Jahre alt. Dies deckt sich mit den Berechnungen von Dieckmann und Giovis (2012, zit. n. Wolff & Müller, 2013), welche für das Jahr 2030 voraussagten, dass dann bereits jeder zweite Bewohner das 60. Lebensjahr erreicht oder gar überschritten haben wird. Umso wichtiger sei es deshalb, schon heute Vorkehrungen für die kommenden Jahre zu treffen.

Spätestens seit den 1980er Jahren ist unumstritten, dass das Alter eine eigenständige Lebensphase mit besonderen Anforderungen und Lebenschancen ist (s. Baltes & Baltes, 1990; Lehr, 2010). Diverse Forscher (s. Zöller, 2006; Wieland, 2004; Kruse, 2001; Haveman, Michalek, Hölscher & Schulze, 2000; Theunissen, 2002) stellten zudem klar, dass auch Menschen mit einer geistigen Behinderung lebenslang lernfähig bleiben. Sie können nach ihrer Aussage auf bestimmte Kompetenzen zurückgreifen oder diese im Alter mit entsprechender Unterstützung neu entwickeln.

Kalbermatten, Müller & Stricker (2013) verstehen das Alter als eine Lebensphase analog der Kindheit oder Jugend, welche gesellschaftlich durch den Übergang in die Pensionierung definiert wird. Die mit dem Alter einhergehenden steigenden Freiheitsgrade und wachsenden Handlungsspielräume würden jedoch sehr unterschiedlich genutzt. Die Gestaltung des Alltags im Alter sei zudem eine nicht zu unterschätzende Herausforderung. Lehr (2007) legt ihr Augenmerk auf eine möglichst lange Erhaltung der Selbständigkeit. Sie spricht dabei vom Pro-Aging, das heisst die Grenzen des Alters (z.B. der körperliche Abbau) genauso zu sehen, wie die Möglichkeiten (z.B. neugewonnene Freiheiten) und diese zu nutzen.

Unter guter Begleitung sehen Schäper und Graumann (2012) die Lebensphase Alter als grosse Chance neue Interessen zu entwickeln und neue Lebensziele zu definieren. Dabei verweisen sie auf die Biografiearbeit. Anderer Meinung ist Schmitz-Scherzer (1995), der feststellte, dass nach dem Eintritt in den Ruhestand kaum neue Hobbys angegangen, jedoch die augenblicklichen Interessenskreise und sozialen Beziehungen zu erhalten versucht werden.

2.2.       Menschen mit geistiger Behinderung

Dass Menschen verschieden und Behinderungen sichtbar sein können, ist nach Fässsler-Weibel und Jeltsch-Schudel (2008) seit jeher bekannt. Begrifflich ist der Mensch mit einer geistigen Behinderung nach Haveman und Stöppler (2010) jedoch nicht zu fassen. Einerseits seien die Betroffenen unterschiedlich beeinträchtigt, andererseits gebe es keine allgemeingültige Definition des Begriffs „geistige Behinderung“. Insieme (2016) erklärt den Begriff mit einer Beeinträchtigung oder Verlangsamung der intellektuellen Entwicklung.

„Das Bemühen richtet sich heute vielmehr darauf, individuelle, d.h. nicht nur auf Bedarf, sondern vor allem auf Bedürfnisse abgestimmte Unterstützungsleistungen anzubieten“ (Metzler, 2002, S. 10)

Mit der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) (2005) ein Modell geschaffen, mit welchem die Funktionsfähigkeit und Beeinträchtigung jedes Menschen beschrieben und klassifiziert werden kann (Abb. 1).

Abb.1: Wechselwirkung zwischen den Komponenten der ICF (Quelle: ICF 2005, S. 23)

Im Zentrum des Modells stehen die Aktivitäten. Diese lassen sich beobachten. Ebenso wichtig ist die Einschätzung, wie die Möglichkeiten der Partizipation eines Menschen sind: Kann er/sie am Alltag teilhaben? Kann er/sie sich in verschiedenen sozialen Bezügen einbringen? Wenn Aktivitäten oder die Partizipation eingeschränkt sind, können körperliche Ursachen einen Einfluss haben (Körperstrukturen, Körperfunktionen). Es ist aber auch immer zu überlegen, welche Umweltfaktoren unterstützend oder hemmend einwirken (z.B. bauliche Barrieren oder das Verhalten von Mitmenschen). Und schliesslich können auch personenbezogene Faktoren (z.B. prägende Erfahrungen im bisherigen Leben) einen wichtigen Einfluss haben.

Die Behinderung ist somit nicht nur auf das Individuum bezogen, sondern steht in Wechselwirkung verschiedener Dimensionen (Fässler-Weibel & Jeltsch-Schudel, 2008). In der Arbeit mit geistig behinderten Menschen steht deshalb laut Speck (2005) auch nicht seine Schädigung oder Behinderung, sondern sein Entwicklungs- und Lernpotenzial im Mittelpunkt.

Laut Fässler-Weibel und Jeltsch-Schudel (2008) hat sich die Unterstützung, Betreuung, Förderung und Bildung dieser Bevölkerungsgruppe in den vergangenen Jahrzehnten stark weiterentwickelt. Trotzdem bleibt ihnen laut Berghaus et al. (1995) die „normale“ Erfahrungswelt meist nur über Sondersysteme, wie dies eine Behinderteninstitution bietet, eröffnet. 

2.3.       Pensionierung

„Nimm einem Mann seine Arbeit und du entfernst die für ihn bedeutsamste Quelle instrumenteller Kontrolle“ (Seligman, 1986, S. 177)

In ihren Untersuchungen kam Teuscher (2003) zum Schluss, dass der Verlust der Arbeit nach der Pensionierung nur schwer durch etwas Gleichwertiges ersetzt werden kann. Es benötigt nach ihr eine hohe Diversifizierung, um eine hohe Lebenszufriedenheit zu erreichen. Komp (2006, zit. n. Fässler-Weibel & Jeltsch-Schudel, 2008) stellte in einer Studie fest, dass die Wenigsten Pläne und Vorstellungen zur Gestaltung der Pensionierung haben. Umso wichtiger sind Vorbereitungsmassnahmen und eine aktive Einbindung für angehende Rentner (s. Dieckmann et al. 2010, zit. n. Schäper & Graumann, 2012; Gusset-Bährer, 2010; Lehr, 2007; Skiba, 2003). Wesentlich für die passende Versorgung ist es nach Gusset-Bährer (2010), die Sicht der Betroffenen, ihre Wünsche und Vorstellungen zu kennen. Zudem sollte man sich bereits vorher in neuen Handlungsfeldern bewegen, denn in je mehr verschiedenen Interessensfeldern sich ein Mensch bewegt, desto grösser ist sein „Stützsystem“ (Kalbermatten et al., 2013).

Nach Meinung von Köppe (2008, zit. n. Grunwald,Kuhn, Meier & Voss,2012) ist für die Zukunftsplanung eine ganzheitliche Strategie notwendig. Dabei sollten folgende Punkte in Bezug auf die Aktivierung beachtet werden:

-Multidisziplinäres Assessment

-Umweltanpassung

-Personenzentriertes Arbeiten

-Selbstbestimmung und Teilhabe der älteren Menschen mit Behinderung

-Frühzeitige Konzeptentwicklung und Qualifizierung der Mitarbeitenden

-Gestaltung des Übergangs in die nachberufliche Lebensphase

-Gestaltung einer Tagesstruktur für die Senioren

-Massnahmen zur Gesundheitsförderung von Senioren

Durch den Wegfall der Arbeit aufgrund der Pensionierung entsteht nach Roters-Möller (2009) eine neuartige Lücke im Versorgungssystem. Um diese Lücke zu schliessen, haben in den vergangenen Jahren viele Behinderteninstitutionen begonnen tagesstrukturierende Angebote anzubieten. Dies in Form von Weiterbeschäftigung in den Werkstätten, alternativen tagesstrukturierenden Angeboten innerhalb oder ausserhalb der Wohneinrichtungen oder teilweise in besonderen Seniorengruppen (s. Lennermann-Knobloch, 2013; Gusset-Bährer, 2010; Roters-Möller, 2009; Lehr, 2007; Skiba, 2003; Jehr, 1998, zit. n. Haveman & Stöppler, 2010; Berghaus et al,. 1995; Komp, 1995). Die Angebote entsprechen den gewohnten Lebensmustern und Bedürfnissen vieler Menschen mit geistiger Behinderung, so Roters-Möller (2009). Sie ist jedoch klar der Meinung, dass die Verlängerung einer festen Tagesstruktur keine langfristige Perspektive für die Gestaltung des Ruhestandes ist. Denn diese Form untergrabe die individuelle und selbstbestimmte Gestaltung des Ruhestandes. Um diese zu gewährleisten, seien andere Lösungen erforderlich. Mit dem Projekt „Den Ruhestand gestalten lernen“ wurde nach Klein-Haar & Roters-Möllers (2010) Ansicht eine mögliche Alternative erarbeitet. Dabei standen die Betroffenen mit ihren Wünschen für die Ruhestandsgestaltung im Mittelpunkt. Ergänzend dazu wurden die Mitarbeitenden befragt. Das Projekt arbeitete vier Ebenen heraus, welche für eine gelungene Gestaltung des Ruhestandes erforderlich sind:

1. Der Mensch mit Behinderung steht als „Souverän“ im Zentrum, das heisst er muss frei entscheiden können, welche Angebote er wahrnehmen möchte. Dazu müssen ausreichend bekannte Wahlmöglichkeiten vorhanden sein, die von den Teilnehmenden mitbestimmend gestaltet werden können. Sie orientieren sich am aktuellen Lebenskontext und den sozialen Bezügen sowie an der biografischen Erfahrung. Die Wünsche und Bedürfnisse werden regelmässig evaluiert.

2. Für den Übergang in den Ruhestand stehen den Menschen mit Behinderung Begleitungs-, Beratungs- oder Coachingangebote zur Verfügung. Diese sollen einen flexibel angepassten Übergang ermöglichen.

3. Damit die ersten beiden Punkte verwirklicht werden können, benötigt es geeignete Strukturen und Kompetenzen auf institutioneller Ebene. Diese dienen zur Koordination einer bedarfsgerechten Basisversorgung, Abstimmung von Angeboten und Gewährleistung von interdisziplinären Verknüpfungen beziehungsweise Dienstleistungen.

4. Eine weitreichende Öffnung und Vernetzung der Institution ist unverzichtbar. Es müssen Möglichkeiten zur Inklusion durch Beziehungen und Austauschmöglichkeiten mit anderen, aussenstehenden Systemen organisiert sein.

Weiter arbeitenDurch die steigende Lebenserwartung, die verkürzte Lebensarbeitszeit und die Expansion der Freizeitindustrie, ist die nachberufliche Lebensphase, laut Kolland (2012), zu einer aktiven Lebenszeit mutiert. So werde seit Ende des 20. Jahrhunderts von „aktivem Altern“ gesprochen. Dass sich Aktivitäten zudem günstig auf die Lebenszufriedenheit und Gesundheit auswirken, zu sozialer Integration und zur Entwicklung von Fähigkeiten führen, die eine bessere Alltagsbewältigung gewährleisten, belegten 1997 Rowe und Kahn.

Nach Rosenmayr (2005) steigt der Altersanteil in der Gesellschaft durch die demografische Entwicklung stetig an und führt dazu, dass auch die Kräfte der älteren Generation mobilisiert werden müssen. Aus diesem Grund würden Altersaktivisten neue Handlungsfelder und Projekte erschliessen: Die Älteren sollen mehr und mehr zu einem tragenden Element in der Gesellschaft werden, demnach „produktiv altern“. Dieser Meinung sind auch Di Nardo (2015), Amann, Ehgartner & Felder (2010) sowie Lehr (2007). Die junggebliebenen und fitten Alten sind eine Hauptquelle an „Arbeitskraft“ für alle Tätigkeiten im ehrenamtlichen Rahmen, meint Di Nardo (2015). Die Realität zeigt sich nach Rosenmayr (2005) jedoch im Moment noch in einem anderen Licht. So würden neue Rollen zu neuen Verpflichtungen und gleichzeitig zu weniger Freiräumen führen, was abschreckend wirke. Böhme (2004) und Atchley (1971, zit. n. Kolland