Per Anhalter durch die Krise - Christopher Hörster - E-Book

Per Anhalter durch die Krise E-Book

Christopher Hörster

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Beschreibung

„Ich muss raus aus der Brüsseler EU-Welt. Schon viel zu lange schimpfe ich auf lächelnde Lobbyisten und höfliche Kommissionsbeamte, es müssen endlich Taten folgen.“ In der sich anschließenden Reise trampt der Autor 1.500 Kilometer durch Südeuropa, erlebt Demonstrationen, Volksfeste und eine Bankbesetzung in Barcelona, schmuggelt sich auf eine Mitgliederversammlung der griechischen Nazipartei „Golden Dawn“, schließt Freundschaft mit Lastwagenfahrern aus Neapel und lernt Graffiti-Künstler aus Lissabon kennen. Daneben spüren Gespräche mit Journalisten, Aktivisten, Ökonomen, Studenten und vielen anderen den Ursachen der Krise in Südeuropa nach und dokumentieren die Auswirkungen der europäischen Politik nach dem Ausbruch der Finanzkrise. „Per Anhalter durch die Krise“ ist eine Hommage an Europa und eine eindringliche Warnung vor der autoritären Krisenpolitik der EU. Ein Buch für jeden überzeugten Europäer, der einen kritischen Blick auf die politischen Entwicklungen im heutigen Europa werfen möchte.

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Seitenzahl: 240

Veröffentlichungsjahr: 2015

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FÜR

ALMUDENA ABASCAL SÁNCHEZ DE MOLINA

DER AUTOR

Christopher Hörster, geboren 1982 in Bergisch Gladbach, wuchs in Köln auf und studierte Jura in Passau, Nantes und Freiburg. Er verbrachte fünf Monate als Praktikant am Europäischen Gerichtshof in Luxemburg und absolvierte anschließend sein Rechtsreferendariat in Berlin.

Nach fast zwei Jahren als Jurist in Brüssel unternahm er 2013 eine zehnwöchige Reise durch Südeuropa, woraus der Reisebericht „Per Anhalter durch die Krise“ entstand. Seit Januar 2014 ist Christopher Hörster Richter im Oberlandesgerichtsbezirk Düsseldorf.

DANKSAGUNGEN

Mein besonderer Dank gilt den Menschen, die sich die Zeit genommen haben mit mir zu sprechen und von denen ich auf meiner Reise viel lernen konnte.

DANKEN MÖCHTE ICH AUCH:

meinem Vater, der mich, trotz der Entscheidung meinen Job zu kündigen, nicht enterbt, sondern mir stattdessen einen Laptop für meine Reise geschenkt hat; meiner Mutter für das Korrekturlesen der vielen Texte; Claudio Schulz-Keune für hilfreiches, kritisches Feedback und schließlich all denen, die mich in der Entscheidung, dieses Buch zu schreiben, bestärkt haben.

INHALT

PROLOG

ERSTES KAPITEL

ENTSCHEIDUNG & ABREISE

ZWEITES KAPITEL

GRIECHENLAND

DRITTES KAPITEL

ITALIEN

VIERTES KAPITEL

PORTUGAL

FÜNFTES KAPITEL

SPANIEN

EPILOG

PROLOG

Wie an so vielen Winterabenden sitze ich in einem großen, hell erleuchteten Saal. Draußen malt der Regen dünne Streifen an die Fenster, es ist schon seit Stunden stockdunkel und ein ungemütlicher Wind weht durch das kalte Brüsseler Europaviertel. Ich nehme den Blick von den nassen Glasscheiben, rutsche ein bisschen tiefer in meinen bequemen Stuhl und öffne den obersten Knopf meines Hemdes. Der Saal ist gerappelt voll. Hinter den Reihen stehen die zu spät erschienen Besucher, größtenteils pensionierte europäische Beamte, und auch um mich herum sitzt die übliche Mischung adretter Menschen aus EU-Institutionen und Lobbyverbänden. Die Landesvertretung Baden-Württembergs hat heute einen österreichischen Schriftsteller zu Gast, dessen Buch zu EU und Europa augenblicklich in allen Brüsseler Buchhandlungen ausverkauft ist. Nach einer Weile tritt der Leiter der Landesvertretung an das Mikrophon und das Gemurmel verstummt. Er ergeht sich kurz in den gewöhnlichen Huldigungen an den Gast, dann endlich tritt der heiß ersehnte Autor selbst an das Rednerpult. Viele Augenbrauen ziehen sich konzentriert zusammen.

„Liebe Freunde! Was wir brauchen ist eine Vision.“ Gravitätisch lässt er einige Sekunden verstreichen. „Ein Vision für Europa.“ Im Saal herrscht respektvolle Stille. Angstfrei und konsequent, fährt er fort, müsse man den notwendigen Schritt wagen, die große Lösung müsse her, die Vereinigten Staaten von Europa, eine postnationale Superdemokratie, und zwar sofort. Einige Hände beginnen zu klatschen. Denn das in Europa geschaffene sei einzigartig, er nimmt Fahrt auf, Wohlstand für alle, 60 Jahre Frieden, Reisefreiheit, Rechtsstaat und Reichtum! Er will noch weiter sprechen, doch begeisterter Applaus der mitgerissenen Zuhörer braust auf und verschluckt seine letzten Worte. Verwundert blicke ich mich um.

Eine volle Stunde später hat der Redner jeden Begriff aus der Europa-Feuilleton-Debatte genannt, sich über europakritisches Gemecker ewig gestriger Nationalisten beschwert und klargestellt, dass jeder EU-Beamte ein besserer Mensch der neuen, europäischen Avantgarde ist. Die Stimmung im Saal ist bestens und so kann in entspannter Atmosphäre die Podiumsdiskussion beginnen, die sich dem Vortrag anschließt. Der berühmte Gast sitzt mit drei anderen vor kleinen Mineralwasserflaschen und ergreift sogleich das Wort. Außenhandelsüberschuss und Defizit, Vermögen, Schulden, Arbeitslosigkeit, bilanziert er, das alles sei im Grunde ein rein perspektivisches Problem. Nehme man zum Beispiel die Außenhandelsbilanz. Da habe Deutschland einen Überschuss, Griechenland ein Defizit, gemeinsam, gesamteuropäisch, Sie verstehen, also ausgeglichen! Er breitet die Arme aus. Entgeistert bemerke ich offene Münder und fasziniertes Schweigen um mich herum. Gesamteuropäisch, fährt er in die gebannte Stille fort, sei vor allem eines nicht: der Fußball. Kurz genießt er die Verwunderung über diese Weisheit, lehnt sich zurück und schlägt die Beine übereinander. Die Mannschaften bei den großen Turnieren, streng nationalistisch nach Staatsangehörigkeit getrennt, gehörten endlich abgeschafft. Als Relikt eines kriegerischen Europas seien sie Hauptgrund für die Verhaftung in der eigenen, kulturellen Identität, ein Symbol der Rückwärtsgewandtheit des europäischen Pöbels, kurz: die Wurzel allen Übels. Viele Köpfe nicken bedächtig.

Resigniert verbringe ich den Rest des Abends damit, über das begeisterte Publikum hinweg in die Ferne zu starren, bis die Moderatorin mich endlich erlöst und die Veranstaltung beendet. Hastig werfe ich mir meinen Mantel über die Schultern und kämpfe mich zum Ausgang. Draußen regnet es noch immer und ein kalter Wind pfeift um die scharfen Ecken. Ich bleibe eine Zeit lang auf dem schmalen Bürgersteig stehen und sehe in die wenigen, erleuchteten Büros auf der anderen Straßenseite. In der hohen Glasfassade geht plötzlich eines der Lichter aus. Ich schaue noch eine Weile in das dunkle Viereck, ziehe dann entschlossen meinen Schal fester und mache mich auf den Weg nach Hause.

ERSTES KAPITEL

ENTSCHEIDUNG & ABREISE

Gesendet: Dienstag, 5. März 2013, 10:52

Von: „Christopher Hörster“ <christopher.hoerster@...>

An: drw@...; g@...; kh@...; o@...; a@...; l@...

Betreff: Neuigkeiten

Lieber Papa, liebe Mama, liebe Katharina, liebe Geschwister, liebe alle,

ich habe meinen Job gekündigt. Ich muss raus aus der Brüsseler EU-Welt, schon viel zu lange schimpfe ich auf lächelnde Lobbyisten und höfliche Kommissionsbeamte, es müssen endlich Taten folgen.

Anders als Ihr vielleicht erwartet, habe ich mir jedoch vorläufig keine neue Anstellung gesucht. Bevor ich wieder einem geregelten Broterwerb nachgehe, habe ich Folgendes vor:

Am 20.4.2013 geht mein Flug nach Athen. Nach zwei Wochen im Epizentrum der europäischen Krise werde ich mich langsam Richtung Westen zum Meer durchschlagen, die Fähre nehmen und Italien hoch bis Neapel reisen. Von dort soll mich ein Flugzeug auf die iberische Halbinsel tragen, Lissabon, Porto, Madrid und Barcelona werden meine letzten Stationen auf dem Weg zurück nach Brüssel sein. Das Ganze soll so ungefähr zehn Wochen dauern.

Die zweieinhalb Monate im Süden Europas sollen aber nicht nur persönliches Vergnügen sein. Ich bin über das, was augenblicklich auf unserem Kontinent passiert, wirklich besorgt. Auf meiner Reise möchte ich daher die Schönheit und Vielfalt Europas, aber auch die harte Realität der Krise, in der sich seine Bewohner augenblicklich befinden, dokumentieren. Zu diesem Zweck werde ich versuchen, mit so vielen Aktivisten, Journalisten, Akademikern, Politikern, Künstlern, Studenten und jedem Menschen sonst, der sich für mich Zeit nimmt, zu sprechen. Alle Erlebnisse und Gespräche plane ich dann in einem Reisebericht zusammenzufassen. Ihr sollt die Ersten sein, die ihn lesen. So Ihr denn wollt.

Ich habe den Verdacht, dass die Reaktionen auf diese Mail relativ unterschiedlich ausfallen werden. Eigentlich schön.

Wünscht mir Glück, liebe Familie!

Euer Christopher

20. APRIL 2013 – FLUGHAFEN KÖLN/BONN

Der Abschied von Almudena tut wirklich weh. Die großen Augen meiner Freundin sehen mich traurig an, ich winke ein letztes Mal hinter der Sicherheitskontrolle und stehe alleine in der riesigen Halle. Obwohl ich an meiner Entscheidung nie gezweifelt habe, macht mir die große Ungewissheit, die heute in dem anonymen Terminal beginnt, auf einmal Angst. Als ich kurze Zeit später zum Gate komme, wo eine laute Menschenmenge auf das Boarding wartet, überkommt mich Panik. Ich bleibe stehen, sammele mich und hebe den Fuß zu einem Schritt nach vorn. Plötzlich schreit ein kleines Kind neben mir laut auf, vor Schreck tue ich fast einen Sprung zur Seite. Schnell gehe ich an das andere Ende der Halle und setzte mich, weit weg von der angsteinflößenden Meute, allein in eine Ecke.

ZWEITES KAPITEL

GRIECHENLAND

21. APRIL 2013 – ATHEN

Ich sitze auf einer gemütlichen Parkbank im Nationalgarten neben dem Parlament. Einige große Wolken verdunkeln hin und wieder die angenehm warme Sonne, die Vögel zwitschern und entfernt hört man Menschen und Autos. Ich habe mich relativ weit in den Park hinein begeben und sitze ungestört an einem der weißen Wege aus Kies und Sand, die sich durch den Park schlängeln. Meinen ersten Tag habe ich zu einer ausgiebigen Erkundungstour durch das Zentrum genutzt und bin, offen gestanden, etwas überrascht. Athen kommt mir wie eine nicht unbedingt schöne, aber trotzdem gewöhnliche Großstadt vor. Es ist laut, viele der breiten Straßen sind schmutzig und zahlreiche Gebäude renovierungsbedürftig, insgesamt ist mein erster Eindruck aber weit entfernt von dem im Chaos versinkenden Moloch, dessen Bilder die letzten drei Jahre über den Bildschirm im meinem Wohnzimmer geflimmert sind. Bereits gestern Nacht, als ich mit dem riesigen Trekkingrucksack auf dem Rücken in die Metro stieg, wurde ich zu meiner Verwunderung kaum beachtet und konnte gegen Mitternacht unbehelligt mein Hostel erreichen. Zwei alte Männer, die gemächlich diskutierend an meiner Bank vorbeilaufen, reißen mich aus meinen Gedanken. Ich ziehe meine Wasserflasche aus dem Rucksack, nehme einen tiefen Schluck und sehe den Beiden hinterher, wie sie über den weißen Weg schlendern und hinter einer Hecke verschwinden.

22. APRIL 2013 – ATHEN

In der Morgensonne warte ich auf meinen ersten Gesprächspartner. Gegenüber führen die rot gekachelten Treppenstufen hinauf in mein Hostel, ich betrachte das schmale, schmutzige Schild und stelle fest, dass ich mit der Unterkunft eigentlich ganz zufrieden bin. Im Inneren gibt es zwar fast kein natürliches Licht, ich schlafe in einem engen Raum mit sieben Anderen und die Toilettentür schließt nicht richtig, aber es kostet neun Euro die Nacht, ist sauber und der Typ am Empfang wirklich hilfsbereit. Ich brauche nicht mehr, denke ich zufrieden, lehne mich an die Hauswand hinter mir und schaue auf die Uhr.

Tasos ist griechischer Pfarrer und nur zehn Minuten zu spät kommt seine kleine Gestalt eilig die Straße herauf. Er trägt trotz der Frühlingstemperaturen Hemd und Jacke, in seinem schwarzen Haar und seinen dunklen Augenbrauen über der kleinen Brille fallen mir einzelne Schuppen auf. Wir schlängeln uns durch die volle Metro und sitzen eine Stunde später auf einer wunderschönen Terrasse mit Blick auf die Akropolis. Tasos organisiert nicht nur eine Essenausgabe für die Bedürftigen seiner Gemeinde, sondern hat auch einen MBA in den USA gemacht, weswegen er mir die griechische Situation auf tadellosem Englisch erklären kann.

„Es ist wichtig zu verstehen, warum die reine Sparpolitik für die griechische Wirtschaft so schlecht ist. In Griechenland werden über 70% des Bruttoinlandprodukts durch kleine Dienstleister und Warenverkäufer erwirtschaftet. Das sind Geschäfte wie der Tante-Emma-Laden an der Ecke oder der Klempner nebenan. Die strenge Sparpolitik hat nun zum völligen Zusammenbruch der Binnennachfrage, also des Konsums in Griechenland geführt. Niemand hat mehr Geld. Diese kleinen Unternehmen hängen aber ausschließlich von der Nachfrage in Griechenland ab. Um es einfach zu sagen: Ein selbstständiger Klempner aus Thessaloniki hat nicht die Möglichkeit, seine Dienste in Mailand anzubieten. Beauftragt ihn niemand in Griechenland, geht er pleite. Und genauso über 70% der griechischen Wirtschaft, die aus kleinen Unternehmen besteht. Deswegen hat die augenblickliche Politik dahin geführt, wo wir heute stehen: Jeder vierte Grieche lebt unter der Armutsgrenze, die offizielle Arbeitslosigkeit liegt bei 25%, inoffiziell geht man von knapp einem Drittel aus. Die Wirtschaft ist seit 2008 um 25 Prozent geschrumpft, die Arbeitslosigkeit hat sich verdreifacht.“

„Dazu kommt“, er holt tief Luft, „dass 30% der Arbeitnehmer nicht pünktlich bezahlt werden und selbst der privilegierte Rest aus Angst vor der Zukunft nichts ausgibt. Eine Wirtschaft, die so sehr vom Konsum im Inland abhängt wie die griechische, kann auf diesem Weg nicht wieder auf die Beine kommen.“

Als ich einen Moment von meinem Notizbuch aufsehe, studiert Tasos gerade einen Zettel mit Bullet points. Nüchtern fährt er fort: „Zu Hilfspaketen und Staatschulden: Das Geld der Euroländer hat weder dem griechischen Staat noch den Menschen im Land geholfen. Die Hilfsgelder gehen zu einem großen Teil direkt wieder aus Griechenland heraus an ausländische Gläubiger. Auch der Schuldenschnitt1 hat lediglich die Falschen wie Pensionsfonds, Sozialversicherungen und Privatpersonen getroffen. Jede Bank konnte sich sofort im Anschluss bei der Europäischen Zentralbank fast zinslos Geld leihen und so die entstandenen Ausfälle kompensieren. Eine Möglichkeit, die den griechischen Pensionsfonds unglücklicherweise nicht offenstand. Aber abgesehen davon, wen es trifft“, Tasos zieht die Schultern hoch und sieht mich an, „weiß hier sowieso jeder, das ein zweiter Schuldenschnitt absolut unausweichlich ist. Auch die Politik erklärt offen, dass man nach den Wahlen in Deutschland darüber verhandeln werde.“

Er schiebt den Zettel ein Stück zur Seite und steckt sich den gelben Strohhalm aus seinem Fruchtsaft in den Mund. Ich nehme einen Schluck von meinem Cappuccino und werfe einen kurzen Blick auf die strahlend weiße Akropolis vor dem blauen Himmel. Einen Moment lang fliehen meine Gedanken vor den komplizierten Problemen in den mediterranen Frühling, doch schnell fange ich mich wieder, senke den Blick und konzentriere mich auf meine nächste Frage.

„Nimmt aufgrund der deutschen Politik gegenüber Griechenland die Abneigung gegen Deutschland generell zu?“

Tasos lehnt sich zurück und überlegt kurz: „Ich glaube, dass die Meisten noch zwischen der deutschen Politik und den Menschen in Deutschland unterscheiden. Aber aufgrund des Austeritätdiktats gibt es Hass auf Deutschland. Der Druck ist enorm und vielen missfällt die offensichtliche Fremdbestimmung.“ Er sieht hoch auf die Akropolis, bevor er fortfährt: „In Griechenland fühlt man sich wie ein abschreckendes Beispiel. Man statuiert an uns ein Exempel, um andere Länder durch die harten Konditionen zum Gehorsam zu erziehen.2 Wenn man sich in die Situation der vielen Familien versetzt, die vor dem Nichts stehen, ist dieser Gedanke nicht einfach.“

„Warum beugt man sich dann den Konditionen der Geldgeber?“

„Weil man nicht genau weiß, was passiert, wenn man es nicht tut. Die Konsequenzen eines Staatsbankrotts und eines Ausscheidens aus der Eurozone sind ungewiss. Das macht Angst.“ Er zuckt mit den Achseln: „Es gibt einfach noch zu viele Menschen, die etwas zu verlieren haben.“

Nach dem ersten Bericht über die griechische Sicht der Dinge hat Tasos mich durch saubere Fußgängerzonen in ein kleines Restaurant geführt, wo ich inzwischen vor einem leeren Teller sitze und mich umsehe. Die Tische stehen eng beieinander, die Menschen reden laut und zu meiner Freude größtenteils griechisch. Mein Souvlaki war exzellent, ich hätte gerne ein zweites, vermute aber, dass man mich wieder nicht bezahlen lassen wird und begnüge mich damit, auf den Teller meines Nachbarn zu schielen. Das gute Essen hat Tasos, der gerade seinen Mund mit einer Papierservierte säubert, sichtlich gut getan, auch der Zettel mit seinen Notizen ist verschwunden.

„Weißt du“, er lehnt sich zurück und streckt die Beine unter der karierten Tischdecke aus, „Griechenland war nie eine starke Industrienation. Ich bezweifele, dass man diesen Umstand in den nächsten Jahren durch die Senkung des Mindestlohns ins Bodenlose ändern wird.“ Er nimmt den letzten Schluck von seinem Bier. „Und die sozialen Folgen dieser Politik sind schlicht katastrophal. Ich habe manchmal das Gefühl, die Deutschen“, ich horche auf und freue mich, dass es ihm rausgerutscht ist, „haben aus ihrer Geschichte nicht viel gelernt. Eine gesellschaftliche Situation wie die jetzige kann sehr gefährlich werden.“

Tasos verabschiedet sich, ermahnt mich anzurufen, falls ich etwas bräuchte, lehnt mein Geld für das Essen entschieden ab, und so schlendere ich zufrieden mit meinem ersten Treffen über den Monastiraki-Platz. Ich möchte mich auf den Weg zur Uni machen, als ich links zwei Menschen bemerke, zwischen denen eines dieser großen, hundeartigen Mikrophone steht. Ralph und Inken sind deutsche Journalisten vom WDR und drehen eine Reportage für die Sendung mit der Maus. Ja, der Aufhänger sei die Krise, sie würden eine Woche lang eine griechische Familie begleiten. Ja, sie hätten sich die Verhältnisse in Athen auch schlimmer vorgestellt. Nein, Ralph schaut mich an und lächelt, das Mikrophon habe keinen Namen…

Eff ist 20 Jahre alt, studiert im zweiten Semester Jura, hat feuerrote Haare, eine kaputte Jeans und ein Piercing in der Nase. Wenn man erraten hat, dass das mit Graffitis und Plakaten gepflasterte Gebäude die juristische Fakultät der Universität Athen ist und sich auch noch hineinwagt, trifft man sie in dem großen, niedrigen Eingangsraum. Hinter einem Tisch, an dem vorne zwei Plakate mit der Aufschrift „No future“ hängen, sitzt sie und versucht Studenten zu überreden, auf einer Liste zu unterschreiben. Nachdem ich mich an die kleine Gruppe herangetraut habe, stellt sie direkt zu Anfang in holprigem, aber gut zu verstehendem Englisch klar, dass es sich bei „No future“ um eine politisch weit links stehende Studentenorganisation handelt. Ich setzte mich auf einen abgewetzten Stuhl neben dem Tisch, und sie beginnt über die ärgsten Probleme wie Armut, Kürzungen im Bereich der Bildung und die Zustände in der Gesundheitsversorgung zu erzählen. Bei diesem letzten Stichwort fällt mir wieder ein, was mir Tasos heute Mittag erzählt hat: Jedem Arzt müsse man, gerade vor großen Operationen, Bargeld geben, um sich eine anständige Behandlung zu sichern. Ich stelle mir kurz das Gesicht eines deutschen Chefarztes vor, dem man einen Umschlag mit Bargeld unter die Nase hält, kehre dann aber zu Eff zurück, die mich aufmerksam ansieht und auf weitere Fragen wartet.

„Hat sich durch die Krise Deine Meinung zur EU verändert?“

„Die politischen Entscheidungen aus Brüssel sind ganz offensichtlich an den Interessen der Finanz- und Großindustrie und nicht an den Bedürfnissen der Menschen orientiert. Ich bin nicht gegen Europa, aber die EU steht nun mal für diese Politik. Die wirtschaftsliberale Orientierung der EU hat mir schon immer missfallen. In der Krise ist nun aber für jeden klar erkennbar geworden, wofür die EU in letzter Konsequenz steht.“

„Bist Du für einen Austritts Griechenlands aus der EU?“

„Ja. Wir müssen raus aus diesem System, nur dann können wir wieder eigene Politik für alle Menschen im Land machen. Außerdem...“, sie hebt den rot lackierten Fingernagel, „wäre man so ein Beispiel für andere Länder. Man muss sich dieser Politik nicht beugen. Es gibt eine Alternative.“

„Hat sich Deine Sicht auf Deutschland durch die Krise verändert?“

„Nein!“, entschlossen schüttelt sie den Kopf. „Wir sind gegen die Politik Angela Merkels, fühlen uns aber an der Seite aller Arbeiter, auch der Deutschen.“

Die Internationale, die in meinem Kopf zu spielen beginnt, wird von den einzigen Worten der Studentin unterbrochen, die sich hinter Eff gesetzt hat. Sie lächelt mich an:

„We like you.“

Die ersten zwei Tage sind mir mehrfach die roten Plakate mit Hammer und Sichel aufgefallen. Zwar konnte ich 22. April und 19 Uhr entziffern, sonst aber leider nichts. Als ich wieder grübelnd vor dem Plakat stehe, diesmal vor der juristischen Fakultät, frage ich kurzentschlossen einen vorbeieilenden Studenten. Er nennt mir die Metrostation, bei der sich die Versammlung abspielen soll. Megaro Moussikis.

„Ja, KKE ist die griechische kommunistische Partei.“ Die großen, schwarzen Augen des langen Mädchens lächeln freundlich. Sie trägt ein Bündel Zeitungen auf dem Arm, in ihrem hageren Gesicht hebt sich eine große Nase von dem bleichen Teint ab. Der Park, in den ich nach längerem Fußmarsch gelangt bin, ist voller Menschen, ich klettere ganz oben auf den Hügel, zu dessen Fuß ein älterer Mann vor einem Meer aus roten Fahnen spricht. Der Altersdurchschnitt ist deutlich über vierzig, trotzdem skandieren alle in den Pausen zwischen der Rede inbrünstig ihre Parolen. Wirklich verstehen kann ich nichts, nur einige Wörter wie „Kommunismus“ oder „Bertolt Brecht“ fallen mir auf, insbesondere das letzte freut mich sehr. Ungefähr eine Stunde höre ich zu und bewundere die große Anzahl griechischer Kommunisten, nach dem langen Tag bin ich aber recht müde und langsam wird mir kalt. Nach einem Blick auf den Stadtplan beschließe ich, die Metro zu nehmen und überlege, schwarz zu fahren. Nach kurzem Nachdenken fällt mir allerdings auf: als Deutscher die griechischen Verkehrsbetriebe um 1,40 Euro zu betrügen ist wohl mit das schäbigste, was man europaweit augenblicklich tun kann. Müde trotte ich in die U-Bahn und ziehe mir eine Fahrkarte.

23. APRIL 2013 – ATHEN

Exarchia3 hat mir auf Anhieb gut gefallen. Kleine Plattenläden, Bars und Cafés durchziehen die engen Straßen, niedrige, grüne Bäume krallen sich in das Pflaster vor den grauen Häuserzeilen. Immer wieder stoße ich auf kurze Fußgängerzonen, in denen die Menschen im Schatten sitzen und den Tag an sich vorbeiziehen lassen. Mein erstes Stammcafé der Reise liegt am Ende einer solchen Fußgängerzone, 20 bunte Tische stehen davor und als ich die Kellnerin frage, ob sie Zigaretten verkaufen, legt sie mir lächelnd ihren Tabakbeutel aus rotem Cord auf dem Tisch. Angetan von ihren wuscheligen Locken klappe ich den Beutel auf, öffne eine kleine Tasche auf der Suche nach Filtern und schmunzele, als mich ein Stückchen Hasch anlacht. Ich drehe meine Zigarette zu Ende und betrachte rauchend die anderen Gäste. Die Meisten sind jung, tragen Pluderhosen oder Buntes, diskutieren, lesen oder spielen Backgammon, einer der wenigen älteren Herren setzt ruhig die runden Steine aufeinander und nippt an seinem Tee. Ich bedanke mich bei der süßen Kellnerin, die wieder vor mir steht, rauche meine Zigarette zu Ende und lasse den warmen Frühlingstag gemeinsam mit Alexis Sorbas4 und einem weiteren Bier ausklingen.

24. APRIL 2013 – ATHEN

Schon am nächsten Morgen sitze ich wieder auf meiner Lieblingsterrasse, die Kellnerin ist leider eine andere als gestern, und habe einen dieser herrlichen Eiskaffees vor der Nase, die in Athen Cappuccino Freddo heißen und überall getrunken werden. Der Himmel ist wie jeden Tag strahlend blau und die Temperatur angenehm warm. Ich mache meinen Computer an, um die morgendlichen Nachrichten zu lesen, doch mein Browser zeigt nur eine Nachricht auf Griechisch. Ich klicke auf die kleine englische Fahne: „You are kindly informed that your landline services provided by Wind have been suspended due to: Non-payment.”

Den zugeklappten Laptop vor mir schaue ich die Fußgängerzone hinunter und beginne zu grübeln, denn die Nachricht auf meinem kleinen Bildschirm bestätigt, was mir im Gegensatz zu meinen ersten Eindrücken von Athen mehr und mehr aufgefallen ist. Die Lage ist schlecht. An jeder Ecke stehen die Männer in den schwarzen Uniformen, noch nie war ich in einer Stadt mit derart massiver Polizeipräsenz. Die allermeisten Cafés sind leer und die wenigen Gäste trinken kein Bier, sondern drei Stunden lang einen Cappuccino. Ununterbrochen wird kostenlos Leitungswasser nachgeschenkt, kein Kellner wagt zu fragen, ob man nach Stunden vor der leeren Tasse noch etwas bestellen möchte. Alle zehn Minuten steht ein Taschentuchverkäufer oder Bettler am Tisch, vor allem alte Leute, die sich auf einen Gehstock gestützt langsam von Terrasse zu Terrasse bewegen. Die Mehrwertsteuer liegt bei inzwischen 23%, bei jedem Kaugummikauf bekommt man sofort eine Quittung in die Hand gedrückt, die Lebensmittel im Supermarkt sind deutlich teurer als in Deutschland, bei den minimalen Gehältern verstehe ich nicht, wie man hier überhaupt überleben kann. Überall schieben Männer mit Gerümpel beladene Einkaufswagen still über die Bürgersteige und wühlen in den grünen Müllcontainern an den Ecken. Plötzlich bemerke ich die junge Frau mit dem Dutt auf dem Kopf und dem schwarzen Kellnerportemonnaie neben mir. Ich begleiche die Rechnung, stelle meinen leeren Kaffee auf den Tisch, starre einen Moment abwesend auf das gelbe Blech und beschließe dann, mich heute nicht mehr mit der Krise zu beschäftigen.

Ich bin froh am Nachmittag meiner Intuition gefolgt zu sein, als ich es am Ende einer kleinen Seitenstraße Grün schimmern sah. Nach einem halbstündigen Aufstieg durch einen ungepflegten Park stehe ich hoch über der Stadt. Der Ausblick von Agios Georgios muss der schönste auf die riesige griechische Metropole sein. Ein Meer von tausend grauen Würfeln umschließt alles, was nicht als Berg oder kleiner grüner Fleck aus der Masse herausragt. Durch den blauen Dunst hoch über den Stadt schießen vereinzelte Schwalben, am Horizont sieht man bewegungslos große Tanker vor der Küste liegen. Ein leichter Wind geht, zum ersten Mal rieche ich den unvergleichlichen Duft des mediterranen Frühlings und mich erfasst der brennende Wunsch, in dieses graue Meer unter mir einzutauchen, vertraut durch seine Straßen zu schlendern und zufällig getroffene Freunde überschwänglich zu begrüßen. Ich möchte mich monatelang ohne Plan und Pflicht in den Schluchten Athens verlieren, unter grünen Bäumen Rotwein trinken, schwer auf mein Bett sinken und nur von einem dünnen Laken bedeckt schlafen. Ich möchte morgens mit leichtem Kater Eiscappuccino trinken und eine kleine griechische Freundin haben, mit pechschwarzen Haaren und vollen Lippen, die aus Eifersucht schreit und Gläser zerschmeißt. Ich seufze tief und mein Blick wandert über die tausend Seelen hinaus aufs Meer, wo die großen Schiffe ruhig und friedlich in der Sonne schlafen.

25. APRIL 2013 – ATHEN

„You wanna see something terrible? Ok, I’ll give you the best.“ Mit einem grünen Textmarker streicht einer der beiden jungen Männer, die abwechselnd 24-Stunden-Schichten am Empfang meines Hostels schieben, vier Straßen auf meinem Stadtplan an. Anders als in meinem Traum von einem Leben als Athener bieten die markierten Straßen und umliegenden Gebiete, durch die ich heute laufe, ein desaströses Bild. Keine 100 Meter von „Omonia”, einem der größten Plätze mitten im Zentrum Athens, zerfallen die Häuser rechts und links, große Gruppen junger Männer stehen beschäftigungslos herum und starren mich an. Man sieht zwar hin und wieder Polizei, allerdings nur in Vierergruppen und, wie in ganz Athen, mit schusssicheren Westen. Vor einem Haus steht eine junge Frau, drei Meter neben ihr ein Mann in Jogginghose, der offensichtlich verhindern will, dass sich jemand umsonst bedient. Ein dritter kommt, nimmt kurz das Kinn der jungen Frau zwischen zwei Finger, runzelt die Stirn und geht weg. Ein anderer nähert sich und ist wohl weniger wählerisch, denn als ich fünf Minuten später die Straße wieder heraufkomme, sind beide verschwunden. Überall stinkt es nach Urin, dreimal sehe ich, wie Koks gezogen wird, einmal direkt vom Bürgersteig. Aus einer Seitenstraße komme ich sofort wieder heraus, als ich in der Mitte der Straße 20 Männer sehe, die sich anschreien. Eigentlich wollte ich versuchen, ein kurzes Gespräch mit jemandem zu führen, mich beschleicht aber das Gefühl, dass gut gemeinte Fragen hier fehl am Platz sind. Auch aus Angst um meinen Laptop im Rucksack sitze ich bald darauf am Omonia-Platz im Schatten. Mit einer Zigarette versuche ich mich zu beruhigen und auf das Thema des restlichen Tages zu konzentrieren: Flüchtlinge, Asylsuchende und Migration in Griechenland.

Abends sitze ich frustriert in meinem Stammcafé und lasse den heutigen Tag Revue passieren. Nachdem ich die Gegend um den Omonia-Platz unbeschadet verlassen konnte, wollte ich zuerst zum Büro des UNHCR5, um dort einen Termin für ein Gespräch zu bekommen, denn meine Mails bleiben seit Wochen unbeantwortet. Leider zeigt die freundlich ins Internet gestellte Karte einen Ort an, der nicht ansatzweise in der Nähe der tatsächlichen Adresse liegt, weswegen ich zwei Stunden umherirre, um schließlich einzusehen, dass sich das Büro dort schlicht nicht befindet. Auf dieser Irrfahrt fällt mir noch eine Gruppe junger Studenten auf, die einen Kurzfilm drehen. Interessiert angesprochen würdigt man mich nicht mal einer arroganten Antwort, sondern bittet mich desinteressiert und unter dem Hinweis, man habe zu tun, das Weite zu suchen. Anschließend will ich das Büro einer weiteren Flüchtlingsorganisation besuchen, die ebenfalls auf meine Mails nicht geantwortet hat. Auch hier ist allerdings im Internet eine falsche Hausnummer angegeben. Schon deutlich genervt kann ich das Büro schließlich finden. Ein kleiner, weißer Eingangsraum, in dem mehrere Menschen afrikanischen Aussehens Dokumente ausfüllten, lässt mich zunächst hoffen. Ob ich einen Termin hätte? Der Mann am Empfang spricht immerhin Englisch. Nein? Ja, dann sei wohl das Beste, eine E-Mail zu schreiben... Ob ich nicht einfach kurz hoch in das Sekretariat gehen könnte? Erschreckt schaut er mich an und im ganzen Raum wird es plötzlich mucksmäuschenstill. Naja, der Mann bemerkt meine Enttäuschung und lächelt freundlich, wenn es dringend sei könne ich auch anrufen. Er zwinkert mir zu und schiebt einen Zettel mit einer Telefonnummer über den Tisch. Für den Rest des Tages rufe ich dort im Stundentakt an, wie erwartet geht aber niemand ans Telefon. Als letzten Programmpunkt will ich ein Kunstprojekt besuchen, es nennt sich „Beton 7“ und ist fast eine Stunde Fußmarsch entfernt. Ich komme dort an, es ist wirklich ein lustiges Zentrum mit einem kleinen Künstlercafé. Der Barkeeper, mit dem ich versuche ins Gespräch zu kommen, versteht aber offensichtlich kein Wort Englisch, ich trinke also frustriert mein Bier und mache mich wieder auf den Weg zurück nach Exarchia. Da sitze ich nun, mit tiefen Falten auf der Stirn, nippe an meinem Getränk und sehe die lachenden, bunten Menschen um mich herum, wie sie sich auf ihren Stühlen herumlümmeln und den warmen Sommerabend genießen.

26. APRIL 2013 – ATHEN

Meine schlechte Laune, die ich am Vortag erfolglos versucht habe in griechischem Schnaps zu ertränken, hat mir auch heute während meines dürftigen Frühstücks und auf dem Weg zum Syntagma-Platz freundlich Gesellschaft geleistet. Als ich aber in die hellblauen, wachen Augen auf der anderen Seite des Tisches schaue und mich zum ersten Mal die weißen Zähne aus dem große Mund anlachen, verändert sich der lästige Grießgram in ehrliche Freude. Meine bis jetzt beste Interviewpartnerin ist nicht nur unglaublich sympathisch, sondern kann auch Vieles aus ihren letzten 20 Jahren als Journalistin in Athen berichten. Sie ist schon etwas länger über 40, hat trotzdem fast keine Falten in ihrem freundlichen Gesicht, trägt ihre grauen Haare kurz geschnitten und redet wie ein Wasserfall, während sie im Akkord Espresso in sich hineinschüttet. Wir sitzen in dem großen Café direkt vor dem griechischen Parlament, das teuerste Athens, wie sie fröhlich bemerkt, aber nett sei es und so zentral, was zweifelsohne der Fall ist. Angesichts Ihrer langen Erfahrung mit der griechischen Politik habe ich mir einen detaillierten Fragenkatalog zurechtgelegt und obwohl sie in ihrem Redefluss meinen säuberlich gegliederten Gesprächsplan immer wieder durcheinanderwirbelt, lerne ich eine Menge über Griechenland.

„Wie haben sie die Zeit vor dem Beginn der Krise in Griechenland erlebt?“

„Während der Regierungszeit von Kostas Karamanlis6 war es eigentlich am schlimmsten. Es wurde extrem viel konsumiert, ohne dass ein reales Wirtschaftswachstum als Fundament dafür existierte. Man hatte nichts Neues, keine neue Industrie oder Ähnliches, geschaffen, trotzdem gab es auf einmal eine Menge Leute mit viel Geld. Es hatte etwas Surreales. Man konnte die sich bildende Blase förmlich spüren.“