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Die Fußballweltmeisterschaft 2006 wurde von breiten Teilen der Öffentlichkeit als positiver Wendepunkt in der Selbstwahrnehmung eines neuen deutschen Nationalbewusstseins nach 1945 wahrgenommen. Eine differenzierte Positionsbestimmung des neuen Nationalismus seit der WM in Deutschland zeigt jedoch, dass seine energischen Befürworter bis heute zu einer auffallenden Marginalisierung von kritischen Impulsen aus der jüdischen Diaspora tendieren. Felix Kampel zeigt am Beispiel einschlägiger Schriften und politischer Statements von Robert Menasse, Maxim Biller, Lena Gorelik und Olga Grjasnowa den offen artikulierten Widerstand, den der neue Nationalismus bei diesen vier "jüdischen" Gegenwartsintellektuellen provoziert. Vor dem Hintergrund klassischer sowie neuerer Texte der Nationalismusforschung wird deutlich, dass die vier Autoren durch ihre Proteste an einer transnationalen Aufklärungsarbeit beteiligt sind, die bereits bei Friedrich Nietzsche prominent angedeutet wurde und die derzeit durch die virulenten Renationalisierungstendenzen in ganz Europa eine ungebrochene Aktualität erfährt.
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Seitenzahl: 589
Veröffentlichungsjahr: 2017
Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag
ReiheLiteraturwissenschaft
Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag
Reihe:Literaturwissenschaft
Band43
FelixKampel
Peripherer Widerstand
Der neue Nationalismus im Spiegel jüdischer Gegenwartsliteratur
Tectum Verlag
FelixKampel
Peripherer Widerstand. Der neue Nationalismus im Spiegel jüdischer Gegenwartsliteratur
Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum VerlagReihe:Literaturwissenschaft; Bd.43
©Tectum Verlag Marburg,2017
D82 (Diss. RWTH Aachen University, 2016)
ISBN:978-3-8288-6625-6
(Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Buch unter der ISBN978-3-8288-3874-1 im Tectum Verlag erschienen.)
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Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Meinem Großvater Emil Majer
Inhaltsverzeichnis
I.Einleitung
1.Der neue Nationalismus vs. Menasse, Biller, Gorelik und Grjasnowa
2.Transnationalismus als Sujet der jüdischen Diaspora?
3.Thesen der neueren Nationalismusforschung: Minoritäten und Antiessentialismus
4.Arbeitsthese und Methodik
II.Theoretische Grundlagen: Transnationalismus als postmoderne Aufklärungsarbeit
1.Antiessentialistische Argumentationsstrategien der Nationalismusforschung
2.Literatur und Transnationalismus: Homi K. Bhabhas DissemiNation
III.Lena Gorelik:Hochzeit in Jerusalem (2007)
1.Einführung
2.Lena Gorelik: Ein transnationales Porträt
3.„Warum ich nicht mehr dankbar sein will, dass ich hier leben darf“ – Lena Gorelik vs. Thilo Sarrazin
4.Hochzeit in Jerusalem: Eine interkulturelle Einführung
5.HiJ im deutschsprachigen Feuilleton
6.Zum Forschungsstand von HiJ: Nationalismus im Fokus
7.Anja Buchmanns Biographie als transnationale Gegen-Geschichte
8.Fazit
IV.Maxim Biller:Der gebrauchte Jude (2009)
1.Einführung
2.Maxim Biller: Ein transnationales Porträt
3.Attacke auf Deutschland: Der gebrauchte Jude in der Kritik
4.Der gebrauchte Jude als transnationale Gegen-Geschichte
5.Fazit
V.Olga Grjasnowa:Der Russe ist einer, der Birken liebt(2012)
1.Einführung
2.Olga Grjasnowa: Ein transnationales Porträt
3.Der Russe ist einer, der Birken liebt: Eine interkulturelle Einführung
4.Olga Grjasnowas Debütroman in der Kritik: Rezeption und Forschungsthesen
5.Der Russe ist einer, der Birken liebt als transnationale Gegen-Geschichte
5.1Transnationalität als topographisches Element: Metropolen und Dörfer
5.2Die Romanfiguren: ein internationales Ensemble
5.3Mascha Kogans Weltbild – Konflikte und transnationale Perspektiven
6.Fazit
VI.Robert Menasse:Der Europäische Landbote (2012)
1.Einführung
2.Robert Menasse: Ein transnationales Porträt
3.Rezeption: Der Europäische Landbote in der Kritik
4.Der Kommissionsbeamte als aufgeklärter EU-Idealtypus?
5.Fazit
VII.Schlussbetrachtung und Ausblick
Literaturverzeichnis
I.Einleitung
1.Der neue Nationalismus vs. Menasse, Biller, Gorelik und Grjasnowa
Im Fokus der vorliegenden Studie stehen vier Texte der jüngeren Gegenwartsliteratur von jüdischen Autorinnen und Autoren1 deutscher Sprache. Mit Robert Menasses Der Europäische Landbote (2012)2 und Maxim Billers Der gebrauchte Jude (2009)3 handelt es sich dabei einerseits um zwei Texte von Autoren aus der zweiten, also der Kinder-Generation nach dem Holocaust.4 Mit Lena Goreliks Hochzeit in Jerusalem (2007)5 und Olga Grjasnowas Der Russe ist einer, der Birken liebt (2012)6 handelt es sich andererseits um zwei Texte von Autorinnen aus der dritten, also der Enkel-Generation nach dem Holocaust.
Das Ziel der vorliegenden Untersuchung besteht darin, die vier genannten Texte auf die Frage zu prüfen, ob in ihnen eine spezifische Reaktion auf die Renaissance des neuen deutschen Nationalismus erkennbar ist. Mit einer durchaus eigenwilligen Dynamik entfaltete sich dieser neue Nationalismus in Deutschland besonders auffallend seit der Fußballweltmeisterschaft 2006 sowohl in qualitativer als auch quantitativer Hinsicht – obgleich viele Intellektuelle eine patriotische Entwicklung in der Form nach 1945 nicht mehr für möglich gehalten hatten.7 Von einer neuen Quantität des Nationalismus kann nach der Fußballweltmeisterschaft 2006 dabei insofern gesprochen werden, als es sich bei diesem Massenevent um eine „patriotische[] Gefühlswallung“ handelte, die „alle Bevölkerungsschichten erfasst hatte.“8 Um eine neue Qualität des Nationalismus als Zäsur in der deutschen Nachkriegsgeschichte handelt es sich darüber hinaus deshalb, weil die WM 2006 einerseits als positiver Wendepunkt des deutschen Nationalbewusstseins inzwischen Eingang in chronologische Darstellungsformen von massenwirksamen Fernsehproduktionen gefunden hat.9 Andererseits, weil in dieser Phase erstmals eine breitere Autorenschaft besonders im kulturredaktionellen Interaktionsfeld in Erscheinung trat, die eine Rechtfertigung des neuen deutschen Patriotismus besonders auf demokratietheoretischer Ebene zu legitimieren versuchte10: „Die WM 2006 war nicht irgendein Turnier. Es waren Wochen, in denen sich eine Nation neu erfand“, schreibt Christian Spiller in der Zeit beispielsweise noch 2015 über die anhaltende patriotische Virulenz. „Soziologen und Feuilletonisten schreiben sich die Finger wund.“11
Für Kenner der Nationalismusforschung war das plötzliche Aufkeimen des neuen deutschen Patriotismus12 dagegen gerade im Zuge der WM 2006, die gezielt von den „Massenmedien […] als Mega-Event vorbereitet“13 wurde, weit weniger überraschend. Tatsächlich hatte Eric Hobsbawm bereits 1983 in seinem Klassiker Nationen und Nationalismus auf die zentrale Bedeutung von Sport – insbesondere Fußball – und Massenmedien bei der Konstituierung der nationalen Ideologie in Europa seit den 1920er Jahren aufmerksam gemacht.14 So verwies Hobsbawm in seiner Studie explizit darauf, dass die Befürworter der nationalen Doktrin seit dieser Zeit „neue Mittel“ fanden, um „sich in modernen urbanisierten und hochtechnisierten Gesellschaften auszudrücken.“15 Zwei dieser Mittel waren Hobsbawm zufolge besonders hervorzuheben:
Das erste, das kaum einer Erläuterung bedarf, waren die modernen Massenmedien: Presse, Film und Funk. Mit ihrer Hilfe konnten Ideologien für die Massen einerseits standardisiert, homogenisiert und umgeformt und andererseits natürlich von Privatinteressen von Regierungen für die Zwecke einer gezielten Propaganda eingesetzt werden.16
Das zweite Mittel, auf das Hobsbawm neben den neuen Massenmedien hinwies und das „heute […] weltweit Bestandteil des Alltagslebens“17 ist, war der Sport:
Zwischen den Kriegen wurde der Sport als Massenschauspiel zu einer endlosen Abfolge von Gladiatorenkämpfen zwischen Personen und Mannschaften gemacht, die Staaten symbolisierten[.] […] Sportler, die ihre Nation oder ihr Land vertraten, wurden zu zentralen Symbolfiguren ihrer vorgestellten Gemeinschaft. Es war die Zeit, […] als der World Cup in den internationalen Fußball eingeführt wurde.18
Wie selbstverständlich nehmen es daher heute die meisten Menschen hin, dass Deutschland und Italien in einem WM-Finale als Nationalstaaten gegeneinander antreten und nicht etwa europäische Regionen, wie die Toskana gegen die Lüneburger Heide. Massenpsychologisch war und ist darüber hinaus die mediale Indienstnahme des Fußballs als nationales Kampfsymbol für Akteure der politischen Klasse bei der Selbstinszenierung mit Vorteilen verbunden. Entsprechend war die Präsenz von Angela Merkel in den deutschen, südafrikanischen und brasilianischen Fußballarenen während der letzten drei Fußballweltmeisterschaften eine selbstverständliche Praxis19 – was Hobsbawm zufolge besonders auf politikferne Bevölkerungsteile eine nachhaltige Breitenwirkung erzielt:
Was den Sport als Medium der Vermittlung einer nationalen Gesinnung zumindest bei Männern so unerhört wirksam macht[], ist die Mühelosigkeit, mit der sich selbst die politisch oder öffentlich uninteressierten Individuen mit der Nation identifizieren können, sobald diese durch erfolgreiche Sportler symbolisiert wird, in deren Disziplin fast jeder irgendwann einmal in seinem Leben gern Besonderes geleistet hätte. Die vorgestellte Gemeinschaft von Millionen scheint sich zu verwirklichen als eine Mannschaft aus elf Spielern, die alle einen Namen tragen.20
Von zentraler Bedeutung bei dem offensiven Versuch einer Reintegration des deutschen Nationalismus durch die „Neuen Patrioten“21 ist überdies, dass das öffentlich geäußerte Versprechen der WM 2006 nicht eingehalten werden konnte: Die Welt zu Gast bei Freunden. So lautete damals das Motto der Fußballweltmeisterschaft. Damit war der Bevölkerung von den Neuen Patrioten als Gegenleistung für das breite Wiedererwachen des deutschen Nationalgefühls ein vorgeblich weltoffener und inklusiver Nationalismus versprochen worden – ein schwieriges Versprechen, mit zu hochgesteckten Zielen.22 Zumindest wenn man jenseits der feuilletonistischen Artikel und Kommentare kurrente Ergebnisse aus der Nationalismusforschung konsultiert, die von den entsprechenden Journalisten in ihrer nationalen Schreibarbeit offenkundig nicht zur Kenntnis genommen wurden.
Entsprechend wies nicht nur Roger Boyes als Deutschlandkorrespondent der englischen Times bereits 2007 pointiert darauf hin, dass „Patriotismus […] eine viel zu komplexe Angelegenheit“ sei, „um sie den Feuilleton-Chefs zu überlassen, welche die Debatte bisher geführt haben.“23 Sondern darüber hinaus mündet die vermeintlich optionale Vorstellung eines ‚weltoffenen‘ Nationalismus vor dem Hintergrund von neueren Untersuchungen der Nationalismusforschung stets in einer Sackgasse: „Entweder man erreicht einen friedlichen Pluralismus und damit die Entzauberung des nationalen Territoriums, oder man hat irgendwann mit ethnischen Säuberungen zu rechnen“, schreibt Ernest Gellner 1997 drastisch. „Wer einigermaßen menschlich denkt, wird angesichts dieser beiden Alternativen nicht lange zögern.“24
Weiter handelt es sich bei dieser offenkundigen Skepsis um kritische Impulse gegenüber dem Nationalismus, die auch in der internationalen Literatur der jüngeren Gegenwart in unterschiedlicher Weise aufgenommen wurden: „Ich persönlich war nicht davon überzeugt, dass die Republik und der Patriotismus ‚zu etwas führen konnten‘, außer zu einer ununterbrochenen Folge sinnloser Kriege“25, konstatiert beispielsweise der Protagonist und Literaturwissenschaftler François in Michel Houellebecqs politischem Roman Unterwerfung, „die Nationen insgesamt waren nichts als eine mörderische Absurdität“.26 Und Milan Kundera weist als logische Konsequenz derartiger Erfahrungen dem Roman als Gattung sogar konstitutiv die Aufgabe zur Transzendenz der nationalen Ideologie zu, wenn er in seinem Essay Die Kunst des Romans explizit schreibt: „Ich möchte noch hinzufügen: der Roman ist das Werk Europas.“27 Denn „seine Entdeckungen, wenn auch in unterschiedlichen Sprachen ausgeführt, gehören ganz Europa an. […] Nur in diesem übernationalen Kontext kann der Wert eines Werkes (das heißt, die Tragweite seiner Entdeckung) voll und ganz gesehen und verstanden werden.“28
Längst ist im Nachraum der Fußballweltmeisterschaft 2006 am Beispiel kontrovers und erregt geführter Debatten in der deutschen Öffentlichkeit zudem klargeworden, dass das Versprechen eines ‚weltoffenen‘ Nationalismus von Seiten der Neuen Patrioten nicht eingehalten werden konnte.29 Zum paradigmatischen Bruch der proklamierten Freundschaft zählten seit der WM beispielsweise das deutsche Spardiktat nach der Eurokrise von 2009, das in Europa „unverkennbar Wellen eines vehementen, tief verwurzelten Nationalismus ausgelöst hat, der durch Arbeitslosigkeit, die Staatskrise und die wirtschaftlichen Wechsellagen […] weiter genährt wird.“30 Ferner gehören dazu die Skandale bei den Ermittlungen im Zusammenhang mit den NSU-Mordprozessen. So wurden die gezielten Tötungen von Migranten in der Pressearbeit etwa fahrlässig mit dem Begriff „Döner-Morde“ etikettiert, „ohne in Frage zu stellen, dass dieser verharmlost, weil nicht Döner, sondern Menschen ermordet wurden, dass der Begriff die Opfer gleichzeitig ausbürgert, sie zu Fremden macht.“31 Sehr stark ins Gewicht fällt seit 2010 zudem die Debatte um Thilo Sarrazins Thesen von der Angst, Deutschland könne sich als Staat durch seine Migrationspolitik künftig selber eliminieren32, die von breiten Teilen der Gesellschaft affirmativ getragen wird: „Über die schiere Abnahme der Bevölkerung hinaus gefährdet vor allem die kontinuierliche Zunahme der weniger Stabilen, weniger Intelligenten und weniger Tüchtigen die Zukunft Deutschlands“33, schreibt Thilo Sarrazin in seinem Bestseller Deutschland schafft sich ab, der binnen kurzer Zeit zum Politsachbuch mit der meistverkauften Auflage in der vergangenen Dekade avancierte.34 „Eine weitere Massenimmigration von bildungs- und kulturfernen Gruppen aus Afrika, aus Nahost- und Mittelost wird kein Problem lösen, aber viele neue schaffen.“35 Zuletzt müssen in den misslungenen Versuch der Reintegration eines ‚weltoffenen‘ Nationalismus schließlich die in ganz Deutschland einsetzenden Pegida-Demonstrationen mit ihrem Höhepunkt im Osten der Republik Ende 2014 eingerechnet werden. So konnten allein in Dresden mehr als 20.000 Anhänger mobilisiert werden, was offenkundig für die rassistisch motivierte These spricht, „dass viele immer noch meinen, jemand, der Paul heißt, sei mehr Teil dieses Landes als jemand namens Mustafa.“36
Ethnische oder religiöse Minderheiten in Deutschland, die als Zielgruppe von diesen Debatten und Attacken anvisiert werden, fühlen sich auf unterschiedliche Weise betroffen.37 Sie protestierten gelegentlich öffentlich gegen den neu aufkeimenden Nationalismus: Und zu ihnen gehören in entscheidender Weise auch die vier Autoren, deren literarische Texte im Fokus der vorliegenden Untersuchung stehen.
Dieser Beobachtung entsprechend äußerte sich Lena Gorelik etwa zur Frage: „Wie haben Sie die Sarrazin-Debatte erlebt?“ in einem Interview gegenüber der Zeitung Der Freitag von den gesellschaftlichen Auswirkungen irritiert:
Ich habe mehr als 100 Seiten Kommentare und 300 Rezensionen [zu Deutschland schafft sich ab] gelesen. So viel Zustimmung! Danach habe ich mein Verhalten im Alltag verändert. Wenn ich auf Russisch mit dem Handy telefoniere, rede ich extra leise – weil ich das Gefühl habe: das gehört sich nicht. Ich empfinde so eine andere, aggressivere Stimmung seitdem.38
Ferner scheut Gorelik in unmittelbarem Zusammenhang mit der Sarrazin-Debatte in ihrem 2012 erschienenen Sachbuch „Sie können aber gut Deutsch“ keineswegs Vergleiche mit Quellen aus der Zeit unmittelbar vor der NS-Diktatur, die aus ihrer Perspektive ein beunruhigendes Momentum der Wiederholung aufweisen, das lediglich durch ein neues Objekt der Verachtung ausgetauscht worden sei:
Vielleicht wären die Nachwirkungen nicht so verheerend, die Begeisterungsrufe nicht so laut und vielstimmig gewesen, wenn man dies einmal deutlich festgestellt hätte: Ja, ihr [Deutschen] dürft! Ihr dürft auf Probleme und Missstände hinweisen, ihr dürft eure Ängste äußern, ihr dürft sagen, was euch auf dem Herzen liegt, ohne als Rassisten oder ausländerfeindlich abgestempelt zu werden, das ist erlaubt. […] Vielleicht wären die Internetforen zu den Medienberichten zu diesem Thema dann nicht explodiert vor lauter Zustimmung, die sich zunehmend wie Quellen aus der Zeit kurz vor dem nationalsozialistischen Regime las, nur, dass der Begriff „Jude“ durch ein neues Hassobjekt ausgetauscht worden war: die Muslime.39
Auch Robert Menasse spricht 2012 in seinem Essay mit deutlicher Schärfe aus, dass durch den neuen Nationalismus der vergangenen Jahre eine Ideologie sukzessiven Auftrieb bekommen hat, die er für ein rückwärtsgewandtes Zivilisationsmodell des 19. und 20. Jahrhunderts hält. Bedenklich sei besonders das Verhalten Deutschlands gegenüber Griechenland in der Finanzkrise seit 2008, als „die deutsche Regierungspolitik zusammen mit einigen Massenmedien den Popanz eines Sündenbocks“ (DEL 32) aufbaute:
Es ist tatsächlich keine simple Aktualisierung eines alten Klischees, wenn man feststellt: So viel Nationalismus leisteten sich Deutsche schon lange nicht mehr – eine Haltung, die doch, gemäß der Legitimationsideologien der EU, im Zuge des Zusammenwachsens Europas nach und nach verschwinden sollte. […] Nach den Erfahrungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, nach dem Schock, der Zerknirschung und der „Nie-wieder-Rhetorik“ von 1945, und nach dem jahrzehntelangen Engagement für ein geeintes, friedliches, nachnationales Europa, hätte man es nicht mehr für möglich gehalten, dass in Deutschland heute so schnell, so wirksam, so fanatisch ein Feindbild produziert werden kann, das vom Industriellen bis zum Hartz-IV-Empfänger nahezu alle in nationalistischem Hass zu einer „Volksgemeinschaft“ vereint, die mit allen Mitteln den fremden Parasiten bestrafen will, der am gesunden deutschen Volkskörper schmarotzt. Es ist fast aussichtslos, erklären zu wollen, dass mir dies mehr Angst macht als die Schulden Griechenlands oder die Haushaltsdefizite in anderen Ländern. (DEL 31 f.)
Maxim Biller wiederum hatte seinen Protest gegen den neuen Nationalismus bereits im November des WM-Jahres 2006 zum Ausdruck gebracht. In einer scharfen Replik auf die Fußballweltmeisterschaft bezeichnete er den Massenjubel der deutschen Mehrheitsgesellschaft sogar als Startpunkt einer tiefgreifenden Umwälzung: „Nicht alle haben diese Revolution mitbekommen. Es fing mit Fußball an.“40 Und die Folgeentwicklungen des Sommers 2006 stufte Biller schließlich sogar als eine nationale Massenbewegung ein, die in ihrer Nachhaltigkeit deutlich gewichtiger eingeordnet werden könne als die Wiedervereinigung von 1989. Denn „plötzlich wurde den […] Deutschen klar, sie könnten in diesem Sommer [2006] für die nationale Sache mehr erreichen als in dem fast historischen Herbst, als die Mauer fiel.“41
Olga Grjasnowa erlangte die Aufmerksamkeit des öffentlichen Literaturdiskurses im Jahr 2012 mit ihrem Debütroman Der Russe ist einer, der Birken liebt – also erst nach dem Einsetzen der Debatten um Thilo Sarrazins Thesen. Doch als Reaktion auf die inzwischen vielfach in eine chauvinistische Spielart des Nationalismus umgeschlagene Heimatliebe in der deutschen Gesellschaft sagte Grjasnowa im Gespräch gegenüber dem Tagesspiegel: „Ich weiß nicht, was das ist: Heimat. Das war für mich noch nie wichtig, dieses Wort hat was von Ausschluss, von Ausgrenzung. Es bedeutet […] Deutschland den Deutschen.“42 In einem weiteren Interview gegenüber dem Online-Frauenmagazin Aviva konstatierte Grjasnowa ferner: „Ich glaube, das wird immer nur dargestellt als ein Verlust, dass man angeblich eine Sprache, eine Heimat verliert. Ich weiß nicht, ob da so viel dahinter steckt, das hinterfrage ich.“43 Und schließlich hielt sie im Mai 2015 mit Blick auf die gegenwärtige Flüchtlingspolitik der BRD noch einmal fest: „Ich glaube nicht an Heimat. Dabei geht es doch immer darum, sein Territorium zu verteidigen, gegen Flüchtlinge zum Beispiel.“44 Wobei Grjasnowa an der nationalen Rhetorik besonders stört, dass „immer so getan“ wird, „als wären die Menschenrechte hier erfunden worden, als hätte man die absolute Freiheit. Aber dass die Freiheit sehr eingeschränkt ist, sie zum Beispiel eben nicht für Asylsuchende gilt, wird in diesem Zusammenhang nie erwähnt.“45
Des Weiteren wäre es eine eklatante Fehleinschätzung, von der Vorstellung auszugehen, dass Sarrazin mit seinen statistischen Analysen zur Migrationspolitik schlagende Beweise liefere, weil er in seinem Buch ‚Zahlen‘ für migrationsskeptische Thesen liefert. Hier avanciert die gebotene Skepsis zur wissenschaftlichen Pflichthaltung. Denn wer sich (berufsbedingt) mit dem Anführen von Zahlen und Statistiken zur Unterfütterung der eigenen Argumente auskennt, findet bald empirische Untersuchungen, die gerade mit dem Protest gegen den neuen Nationalismus und seine fremdenfeindlichen Folgen korrelieren, den Menasse, Biller, Gorelik und Grjasnowa in engagierter Form im öffentlichen Raum artikulieren: „Insbesondere Ausländerfeindlichkeit ist tief in den gesamtgesellschaftlichen Diskurs verwoben“, heißt es beispielweise 2012 aus den seit 2006 im regelmäßigen Zweijahresrhythmus erscheinenden „Mitte“-Studien, „von einer toleranten Mehrheitsgesellschaft sind wir noch weit entfernt.“46 Auch für das Jahr 2014 halten die Autoren fest, dass „Ausländerfeindlichkeit die Dimension“ ist, „die auf die größte Zustimmung trifft.“47 Entsprechend findet „jeder dritte Deutsche […], Muslimen und Musliminnen sollte die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden, 42,7 % der Befragten fühlen sich ‚wie ein Fremder im eigenen Land.‘“48 Und somit kann durch die Anführung dieser Alternativ-Zahlen49 vielmehr eine Formel gegen die Neuen Patrioten als verifiziert ins Argumentationsfeld geführt werden, die Robert Menasse analog zu Gellner pointiert mit den Worten zum Ausdruck gebracht hat: „Nationalstolz ist nun einmal ohne Ressentiments und Aggressionen gegen andere nie ganz zu haben.“ (DEL 48)
Ein Blick in bisherige Untersuchungen zur jüdischen Gegenwartsliteratur in Deutschland macht zudem deutlich, dass der Frage nach einer expliziten Reaktion von Schriftstellern auf den neuen deutschen Nationalismus bisher keine genaue Aufmerksamkeit geschenkt worden ist. „Das Konzept der persönlichen Identität der heute in Deutschland lebenden jüdischen Schriftsteller befindet sich im Stadium der verschiedenen experimentellen Selbstdefinitionen“50, schreibt zwar Hanni Mittelmann in einer Untersuchung aus dem Jahr 2009. Mittelman geht es darin um die „literarischen Selbstfindungsversuche“51 der jüdischen Schriftsteller in Deutschland von den 1980er Jahren bis ins 21. Jahrhundert: „Der Diskurs über Authentizität und Homogenität ist abgelöst worden vom Modell der mehrfachen Identitäten bzw. Identifikationen, deren Realität man anerkennt und mit denen man kreativ umgeht.“52 Doch welche Kreativität – so wird vor dem Hintergrund der Einwände von Menasse, Biller, Gorelik und Grjasnowa in dieser Untersuchung vertiefend zu fragen sein – lassen die Autoren in ihren Texten erkennen, wenn es explizit um eine Auseinandersetzung mit der nationalen Identität in Deutschland geht?
2.Transnationalismus als Sujet der jüdischen Diaspora?
Das eine ist die auffällige Korrelation von Empirie und analytischer Aussagekraft der Autoren und ihren kritischen Aussagen zum neuen deutschen Nationalismus. Doch auf der anderen Seite drängt sich im Zusammenhang mit der offenkundigen Skepsis der ausgewählten Schriftsteller noch eine weitere Frage auf: Ist es reiner Zufall, dass der Versuch einer intellektuellen Zurückweisung des neuen Nationalismus verstärkt von jüdischen Autoren deutscher Sprache stammt? Die These jedenfalls, dass gerade den mitteleuropäischen Juden als einer verstreuten Gemeinschaft in der Diaspora eine besondere Aufgabe dabei zukommt, „den Weg zu jener neuen Synthesis vorzubereiten und versuchsweise den Europäer der Zukunft vorwegzunehmen“53, kann bereits schriftlich fixierten Dokumenten des ausgehenden 19. Jahrhunderts entnommen werden.54
So hatte Friedrich Nietzsche als prominentes Beispiel seit 1878 immer wieder die innovative Rolle angedeutet, die jüdische Intellektuelle bei der künftigen Konstruktion eines transnationalen Europas spielen würden. Seinen Zeitgenossen im Kaiserreich empfahl Nietzsche überdies, auf den eskalierenden Nationalismus sowie den damit verknüpften Antisemitismus zu verzichten. Vielmehr sei es an der Zeit, so Nietzsche, endlich die Assimilationsbereitschaft anzunehmen, die die Juden in aller Freundschaft gegenüber Deutschland seit langer Zeit an den Tag zu legen versuchten:
Ein Denker, der die Zukunft Europa’s auf seinem Gewissen hat, wird bei allen Entwürfen, welche er bei sich über diese Zukunft macht, mit den Juden rechnen wie mit den Russen, als den zunächst sichersten und wahrscheinlichsten Faktoren im großen Spiel und Kampf der Kräfte. Das, was heute in Europa „Nation“ genannt wird und eigentlich mehr eine res facta als nata ist […], ist in jedem Falle etwas Werdendes, Junges, Leicht-Verschiebbares, noch keine Rasse, geschweige denn ein solches aere perennius, wie es die Juden-Art ist: diese Nationen sollten sich doch vor jeder hitzköpfigen Conkurrenz und Feindseligkeit in Acht nehmen! Dass die Juden, wenn sie wollten – oder, wenn man sie dazu zwänge, wie es die Antisemiten zu wollen scheinen –, jetzt schon das Übergewicht, ja ganz wörtlich die Herrschaft über Europa haben könnten, steht fest; dass sie nicht darauf hin arbeiten und Pläne machen, ebenfalls. Einstweilen wollen und wünschen sie […] in Europa, von Europa ein- und aufgesaugt zu werden, sie dürsten darnach [sic!], endlich irgendwo fest, erlaubt, geachtet zu sein und dem Nomadenleben, dem „ewigen Juden“ ein Ziel zu setzen – ; und man sollte diesen Zug und Drang […] wohl beachten und ihm entgegenkommen: wozu es vielleicht nützlich und billig wäre, die antisemitischen Schreihälse des Landes zu verweisen.55
Scharf kritisierte Nietzsche weiter den heraufziehenden Nationalismus; charakterisierte ihn als eine pathologische Form kultureller Entfremdung auf dem Weg zu einem geeinten Europa, von der keine positiven Folgen für das Zusammenleben der Menschen auf dem Kontinent zu erwarten sei. Zugleich legte er die wachsende Popularität der nationalen Ideologie vor allem den agitierenden Politikern seiner Zeit zur Last. Ihnen warf er vor, den in der Bevölkerung allmählich etablierten, aber offenkundig unreflektierten Nationalismus in seiner Verquickung mit dem Antisemitismus für eigene Machtansprüche auszunutzen; obgleich die Verfolgung nationaler Interessen doch bestenfalls einen politischen Zwischenakt auf dem Weg zu einem geeinten Europa darstellen könne:
Dank der krankhaften Entfremdung, welche der Nationalitäts-Wahnsinn zwischen die Völker Europa’ s gelegt hat und noch legt, Dank ebenfalls den Politikern des kurzen Blicks und der raschen Hand, die heute mit seiner Hülfe obenauf sind und gar nicht ahnen, wie sehr die auseinanderlösende Politik, welche sie treiben, nothwendig nur Zwischenakts-Politik sein kann […] werden jetzt die unzweideutigsten Anzeichen übersehen oder willkürlich und lügenhaft umgedeutet, in denen sich ausspricht, dass Europa Eins werden will.56
Dennoch bezweifelte Nietzsche bereits, dass es seinen Zeitgenossen gelingen würde, den um die Jahrhundertwende eskalierenden Nationalismus in einer gesamteuropäischen Synthesis zu überwinden. Für das 20. Jahrhundert prognostizierte Nietzsche vielmehr den Aufstieg national agitierender Staatsmänner, die bald schon einzelne Länder der europäischen Bevölkerung durch diktatorische Methoden beherrschen würden:
Ja, ich könnte mir dumpfe zögernde Rassen denken, welche auch in unserem geschwinden Europa halbe Jahrhunderte nöthig hätten, um solche atavistische Anfälle von Vaterländerei und Schollenkleberei zu überwinden und wieder zur Vernunft, will sagen zum „guten Europäerthum“ zurückzukehren. [Aber] […] Es ist das Zeitalter der Massen: […] auch in politicis. Ein Staatsmann, der ihnen einen neuen Thurm von Babel, irgendein Ungeheuer von Reich und Macht aufthürmt, heisst ihnen „gross“: – was liegt daran, dass wir Vorsichtigeren und Zurückhaltenderen einstweilen noch nicht vom alten Glauben lassen, es sei allein der grosse Gedanke, der einer That und Sache Grösse gibt.57
Zeitgleich ahnte Nietzsche, dass das 20. Jahrhundert in politischer Hinsicht nicht das der scharfen Denker und Individualisten sein werde, sondern das der zornigen Demagogen und Massenlenker. Abwarten, schlug er seinen Lesern vor – mindestens fünfzig Jahre. Schreiben und Argumentieren könne am Ende wenig gegen die Demagogie politischer Agitatoren ausrichten. All das empfahl Nietzsche, ohne zugleich die konstitutive Verknüpfung von Antisemitismus und deutschem Nationalismus aus dem Blick zu verlieren:
Man muss es in den Kauf nehmen, wenn einem Volke, das am nationalen Nervenfieber und politischen Ehrgeize leidet, leiden will –, mancherlei Wolken und Störungen über den Geist ziehen, kurz, kleine Anfälle von Verdummung: zum Beispiel bei den Deutschen von Heute bald die antifranzösische Dummheit, bald die antijüdische, bald die antipolnische, bald die christlich-romantische, bald die Wagnerianische, bald die teutonische, bald die preußische und wie sie alle heißen mögen, die Benebelungen des deutschen Geistes und Gewissens.58
Heute ist es müßig zu fragen: Was wäre gewesen, wenn die deutsche Mehrheitsbevölkerung 1914 auf die zitierten Passagen Nietzsches Rücksicht genommen hätte, statt dem Kommando der herrschenden politischen Klasse im Kaiserreich zu folgen, um sich den versprochenen Platz an der Sonne zu erobern. Müßig ist es auch zu fragen, was gewesen wäre, wenn die deutsche Bevölkerung 1933 Nietzsches Vorschlag angenommen hätte, der ja empfahl, „die antisemitischen Schreihälse des Landes zu verweisen“. Man ging in Deutschland aber den entgegengesetzten Weg. Die Bevölkerung wählte sich – mit Nietzsches Worten – einen „Staatsmann, der ihnen einen neuen Thurm von Babel, irgendein Ungeheuer von Reich und Macht aufthürmt[e]“. Und mit der politischen Machtübergabe an den Reichskanzler Adolf Hitler sowie an die Partei der Nationalsozialisten, „die wenig später in reichsweiten Wahlen mit absoluter Mehrheit durch das Volk bestätigt wurde, änderte sich die Situation der deutschen Juden schlagartig“.59 Der Umfang dieser Studie bietet nicht den Raum, um noch einmal tiefer die Geschichte des Antisemitismus im 20. Jahrhundert auszuloten. Doch durchaus entscheidend an Nietzsches Passagen ist auch aus heutiger Sicht noch der Umstand, dass sie tief in das Wesen eines Problems mit dem Nationalismus vorgreifen, das innerhalb der Völker Europas nicht einfach als gelöst betrachtet werden kann – was besonders die jüngsten Debatten zeigen. Als politische Ideologie ist der Nationalismus vielmehr ein gesellschaftlich grundlegendes Problem europäischer Gegenwartsgesellschaften, das – wie noch genauer ausgeführt wird – zur ungerechtfertigten Marginalisierung von Minoritäten führt.
Unübersehbar ist in Nietzsches Passagen jedenfalls bereits der Hinweis auf den fiktionalen oder imaginären Faktor bei der Konstruktion nationaler Weltbilder enthalten. Eine These, mit der Benedict Anderson 1983 für großes Aufsehen innerhalb der Nationalismusforschung sorgen sollte, das bis in die jüngste Zeit ungebrochen ist.60 So sei, erklärt Nietzsche, die Nation weniger eine res nata, also ein Gebilde, dessen Grenzen naturgegeben sind, als vielmehr eine res facta – folglich eine künstlich gemachte Sache, deren Grenzen in jedem Falle „etwas Werdendes und Leicht-Verschiebbares“ sind. Gleichzeitig verknüpfte Nietzsche genau diese Passagen mit der jüdischen Diaspora in Deutschland als aere perennius, einem Volk also, das älter ist als Erz. Ein mobiles Volk zudem, das im scharfen Kontrast zur territorialen Nation Deutschland stand, die gerade seit wenigen Jahren im Entstehen begriffen war: „Niemand hat so wie Nietzsche das Knistern im europäischen Gesellschaftsbau gefühlt,“ konstatiert Stefan Zweig in einem Porträt des Philosophen in seiner Abhandlung Baumeister der Welt bereits 1925, „niemand so verzweifelt in einer Zeit optimistischer Selbstgefälligkeit den Schrei zur Flucht, zur Flucht in die Redlichkeit, in die Klarheit, zur Flucht in die höchste intellektuelle Freiheit über Europa hingeschrien.“61 Und weiter schrieb Zweig in seiner Abhandlung über Nietzsche, der nach schwerer Krankheit gezwungen war, seine Produktionsstätte in den Süden Europas, nach Frankreich und Italien, zu verlegen:
Von nun an gibt es für ihn [Nietzsche] keine andere Perspektive mehr als die Vogelschau des ‚guten Europäers‘, jener ‚wesentlich übernationalen und nomadischen Art Mensch‘, deren unausbleibliches Kommen er atmosphärisch fühlt und in der er sich einzig wohnhaft macht – in einem jenseitigen, einem zukünftigen Reich.62
Dagegen ist Nietzsches europäisch-jüdische Vision einer gesamteuropäischen Synthesis heute keine Realität auf dem Kontinent – mag diese nach wie vor auch das Ziel vereinzelter Intellektueller sein.63 Der politische Alltag wird vielmehr in einem konfliktanfälligen Europa gestaltet, das nach wie vor durch reale Grenzen in Nationalstaaten eingeteilt ist: „Das so lange verkündete ‚Ende des Zeitalters des Nationalismus‘ ist nicht im Entferntesten in Sicht“64, schreibt Benedict Anderson daher zuletzt 2005 in seiner vielfach aufgelegten Studie Die Erfindung der Nation. „Das Nation-Sein ist vielmehr der am universellsten legitimierte Wert im politischen Leben unserer Zeit.“65
Zudem wirft der Holocaust als unauslöschbares Erbe der nationalen Ideologie auch im 21. Jahrhundert seinen Schatten auf Europa: Dabei wird im hier skizzierten Kontext deutlich, dass es ausgerechnet jüdische Schriftsteller deutscher Sprache sind, die heute vehement gegen die Tendenzen des neu etablierten Nationalismus anschreiben. Abermals schreiben diese jüdischen Schriftsteller der zweiten und dritten Generation nach dem Holocaust von Deutschland aus: Sie wehren sich gegen eine rigide BRD-Sparpolitik im Umgang mit anderen europäischen Ländern (Menasse). Sie attackieren Debatten und Thesen in Deutschland, die Minderheiten ausgrenzen sollen (Grjasnowa/Gorelik vs. Sarrazin) und sie widersetzen sich dezidiert einem offenkundig unreflektierten Massenjubel während einer Fußballweltmeisterschaft (Biller). In diesem Zusammenhang äußert sich der neue Nationalismus als ein gesellschaftlicher Erregungszustand, in dessen öffentlicher Inszenierung die Positionen der jüdischen Schriftsteller weitgehend marginalisiert werden. Denn trotz der neuen Austausch- und Identifikationsangebote durch diese Autoren scheinen weite Teile der Mehrheitsgesellschaft mehr nach einem Frieden mit sich selber zu suchen, in dem die kritischen Reaktionen aus der jüdischen Diaspora auffallend unreflektiert bleiben. Alternativ könnte man mit Maxim Billers provokanten Worten formulieren, dass die überwiegende Mehrheit der „Deutschen […] ihre Traumata bis heute immer weitervererbt. Das vergessen sie, verdrängen sie, was auch immer.“66 Und weil ein offener und kritischer Austausch über den Nationalismus mit jüdischen Vertretern aus der jüngeren jüdischen Diaspora in der Regel weder gesucht noch gepflegt wird, ist derzeit alles, „[w]oran […] sich der Deutsche“ erinnert, „eine gewonnene Fußball-WM“67.
Auch Erin McGlothlin konstatiert zur öffentlichen Marginalisierung von jüdischer Gegenwartsliteratur in Deutschland in ihrer Untersuchung Generations and German-Jewish Writing analog zu dieser Beobachtung, dass
the second generation largely ignores the existence of a German-Jewish second generation. On the one hand, this is understandable. In Germany and Austria, on account of the relatively small (though, at least in Germany, growing) size of the Jewish communities and their fragmentation and lack of prominent public identity, the idea of a post-Holocaust Jewish second generation has not been nearly as widely established or accepted as it has in the United States, Israel, and other countries. Moreover, there are far fewer second-generation Jewish writers in Germany and Austria, which means that German readers are much less familiar with their experiences than they are with those of […] German non-Jewish second-generation writers like Uwe Timm[.]68
Doch gerade weil die zweite (und dritte) Generation von Rezipienten in Deutschland zu einem Großteil die Existenz jüdischer Schriftsteller der zweiten (und dritten) Generation ignoriert, wird der Jubel aus dem WM-Jahr 2006 von nichtjüdischen Feuilletonisten positiv zu deuten versucht als „massenhafte Demonstration einer bis dahin nicht wahrgenommenen Normalität“69. Als Demonstration einer nationalen Selbstgewissheit, die „die Welt, am meisten aber die Deutschen in Staunen versetze.“70
Doch interessanterweise gibt es auch heute innerhalb der Forschung wieder Positionen, die in unmittelbarer Analogie zu Nietzsches Beobachtungen darauf aufmerksam machen, dass es gerade die jüdische Perspektive auf Europa ist, die als ein besonderer Schritt in eine transnationale Zukunft des Kontinents reichen könnte. In diesem Sinne verdeutlichen nicht nur die „Mitte“-Studien von 2012 explizit die Tatsache, dass in „der Stabilisierung“ der „nationalen Weltbilder […] dem Jüdischen gerade durch das Transnationale seiner Existenz eine besondere Funktion“ zugekommen sei, da dieses Transnationale ex negativo von Nationalisten oft „zum Antiprinzip der Nation an sich stilisiert“71 wurde und wird. Ferner weist Dan Diner in einem innerhalb der geistesgeschichtlichen Forschung vielbeachteten Aufsatz72 ausgerechnet aus dem WM-Jahr 2006 explizit darauf hin, dass es gerade die jüdische Minderheitenperspektive jenseits der nationalstaatlichen Organisation ist, die künftig eine zentrale Rolle einnehmen kann, wenn es darum geht, ein transnationales Europa von morgen zu gestalten. Denn:
Juden sind eine historisch wie geographisch allgegenwärtige Bevölkerungsgruppe in Europa gewesen, sie sind ein europäisches Volk per se, sozusagen Europäer avant la lettre. Was macht ihre Lebenswelten so evident europäisch – und dies im Unterschied zu einer nationalstaatlich imprägnierten Lebensform? Die Antwort liegt auf der Hand: Die Juden waren eine transnationale, eine multilingual, vorwiegend urbane Bevölkerung, und sie waren – verglichen mit anderen Völkern – außergewöhnlich mobil. Wie kann in einer solchen Vorwegnahme des Späteren ihre Erfahrung für eine neue Perspektive auf Europas Geschichte und Zukunft fruchtbar gemacht werden? Die Antwort liegt ebenfalls auf der Hand: Ihre Lebenswelten auf dem Kontinent lagen jenseits jener Organisationsform, die in der Regel als Nationalstaat bezeichnet wird. Die jüdischen diasporischen Lebenswelten entsprachen den Strukturen multinationaler Imperien bei weitem mehr als den homogenen und dadurch assimilatorisch geneigten Nationalstaaten, so liberal sie sich auch geben mochten.73
Des Weiteren findet sich bei Dan Diner auch der signifikante Hinweis darauf, dass die jüdische Perspektive auf Europa mehr sein kann als der bloße Versuch, einzelne Nationalgeschichten miteinander zu verknüpfen. Dass die Berücksichtigung der jüdischen Erfahrung eine innovative Sichtweise auf Europa liefern könne, die jenseits des Projekts zu verorten sei, das als Nationalstaat im Europa des 20. Jahrhunderts für massenhafte Vernichtung und kriegerische Auseinandersetzung gesorgt hat:
Jüdische Erfahrung als die Erfahrung einer nichtteritorrialen, nicht an einen Nationalstaat gebundenen Bevölkerung der Diaspora kann als eine faszinierende Perspektive auf eine Reinterpretation einer gesamteuropäischen Geschichte dienen, sozusagen einer europäisierten europäischen Geschichte. Das ist etwas anderes als ein weiterer Versuch, einzelne europäische Nationalgeschichten miteinander zu verknüpfen. Also keine histoires croisées, sondern eine einzige Geschichte Europas, die per definitionem jenseits des Projektes steht, dem die neuere Geschichtsschreibung als solche ihre Geburt verdankt: dem Nationalstaat.74
Es sind einerseits diese Passagen Dan Diners, andererseits aber gleichermaßen auch die vorangestellten Passagen Friedrich Nietzsches, die den entscheidenden Perspektiveinschlag für die Untersuchungsrichtung für die vorliegende Studie liefern.75 Dabei wird mit unmittelbarem Blick auf die vier ausgewählten Texte der jüdischen Autoren Robert Menasse, Maxim Biller, Lena Gorelik und Olga Grjasnowa folgende Frage im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen: Inwieweit handelt es sich gerade bei diesen Texten tatsächlich um eine jüdisch-diasporische Sichtweise, die im Unterschied zu einer nationalstaatlichen Anschauung für eine neue Perspektive auf Europas Geschichte und Zukunft fruchtbar gemacht werden kann?
Doch gesetzt den Fall, der jüdischen Erfahrung kommt als einer nicht-territorialen und nicht an einen Nationalstaat gebundenen Lebensform tatsächlich eine besondere Funktion bei der Überwindung der nationalen Ideologie zu. Aus demokratietheoretischer Perspektive ist eine solche These in jedem Fall mit einem Problem behaftet, das als ernstzunehmender Einwand nicht einfach übergangen werden darf. Denn was ist, wenn Robert Menasse, Maxim Biller, Lena Gorelik und Olga Grjasnowa gegenwärtig in einen sozialpolitischen Kontext hineinschreiben, in dem seit der WM 2006 aus guten Gründen von einer patriotischen Gefühlswallung ausgegangen werden kann, die alle Teile der deutschen Bevölkerung erfasst hatte?76
Das jedenfalls behaupten keineswegs zu Unrecht die Neuen Patrioten. Korrelierend ging dazu etwa aus den „Mitte“-Studien des Jahres 2012 deutlich hervor, dass mehr als 70 % der deutschen Bevölkerung voll bis teilweise der These zustimmen: „Wir sollten endlich wieder Mut zu einem starken Nationalgefühl haben.“77 Was also, wenn der Jubel während der WM 2006 tatsächlich die massenhafte Demonstration einer bis dahin nicht wahrgenommenen Realität gewesen ist?78 Was, wenn diasporische Vertreter der Minderheiten wie Menasse, Biller, Gorelik und Grjasnowa sich mit ihren kulturpolitischen Ansichten täuschen? Wenn sie nur fälschlicherweise in einem transnationalen Projekt wie beispielweise ‚Europa‘ die „Chance einer Befreiung“79 erblicken – wie die Neuen Patrioten behaupten? Und zwar ganz einfach deshalb, weil die Mehrheit der deutschen Bevölkerung die kritische Minderheitenperspektive dieser Autoren auf den deutschen Nationalismus keineswegs teilt. Kann in einem solchen Fall nicht zu Recht behauptet werden, dass es sich bei diesen jüdischen Autoren um demographisch nicht wahrnehmbare Ausnahmefälle handelt? Dass man es mit intellektuellen Träumern ohne gesellschaftlich akzeptierte Basis zu tun hat, die nicht mit der Wucht und Dynamik, mit der Freude der deutschen Mehrheitsbevölkerung über ihren neugefundenen Nationalismus während der WM 2006 gerechnet haben?
In jedem Fall ist der pronationale Diskurs mit unmittelbarem Bezug auf die zustimmenden Bevölkerungsmehrheiten diejenige Argumentationslinie, die als zentraler Einwand solcher Autoren vorgelegt wird, die auch künftig Deutschland als Nationalstaat erhalten wollen. Denn die Neuen Patrioten drängen in ihrer Hauptargumentationslinie gerade auf das demokratische Recht der Mehrheitsentscheidung, wenn sie über den WM-Jubel 2006 schreiben:
Als eine flüchtige Erregung ohne Bedeutung nimmt ihn [den neuen Patriotismus] nur derjenige wahr, der ausblendet, mit welcher Intensität und Vielfalt sich die Deutschen in den vergangenen Jahren in Politik, Medien und Kultur mit der Frage, was denn des Deutschen Vaterland sei, auseinandergesetzt haben.80
Per Definitionem ist Demokratie aber nun einmal die Herrschaft des Volkes, der territoriale Nationalstaat nach Anderson der am universellsten legitimierte Wert im politischen Leben unserer Zeit.81 Die nationale Bevölkerung als Kollektiv entscheidet demnach in einem freien und quantitativen Mehrheitsvotum, von wem sie auf welche Weise regiert werden möchte. Was aber, wenn eine deutsche Bevölkerung bis heute lieber die Entscheidungen von nationalen Politikern befolgen möchte, sich also nicht als ‚europäisches Volk‘ vom transnationalen Brüsseler EU-Parlament regieren lassen will – wie es Robert Menasse beispielsweise in seinem essayistischen Entwurf vorschlägt?82
3.Thesen der neueren Nationalismusforschung: Minoritäten und Antiessentialismus
In Anlehnung an Sigmund Freud ergibt sich im Hinblick auf den gegenwärtigen Nationalismus eine entscheidende Möglichkeit des Widerspruchs; auch wenn es korrekt ist, dass es sich seit der WM 2006 um eine Mehrheitsentscheidung der deutschen Bevölkerung für den neuen deutschen Patriotismus handelt. Denn im zweiten Kapitel seines 1930 veröffentlichten Textes Das Unbehagen in der Kultur geht Freud von der Annahme aus, „daß jeder von uns sich in irgendeinem Punkte ähnlich wie der Paranoiker benimmt, eine ihm unleidliche Seite der Welt durch eine Wunschbildung korrigiert und diesen Wahn in die Realität einträgt.“83 Weiter bemerkt Freud mit Blick auf eine solche Dynamik in Großgruppen: „Eine besondere Bedeutung beansprucht der Fall, daß eine größere Anzahl von Menschen gemeinsam den Versuch unternimmt, sich Glücksversicherung und Leidensschutz durch wahnhafte Umbildung der Wirklichkeit zu schaffen.“84 Kann es aber sein, dass – mit Freud gesprochen – der Nationalismus im Nachraum von Auschwitz auch heute noch „ein Wahn“ ist, in seinen empirischen und argumentativen Grundannahmen hochgradig irrational, gleichwohl aber dazu geeignet, dass eine überwiegende Anzahl von Menschen der europäischen Bevölkerung den Nationalismus als „Wunschbildung“ in die Realität einträgt?
Benedikt Anderson beschreibt das gegenwärtige (Aufklärungs-)Problem mit dem Nationalismus aus der Sicht der Forschung jedenfalls folgendermaßen: „Der ‚politischen‘ Macht des Nationalismus steht seine philosophische Armut oder gar Widersprüchlichkeit gegenüber.“85 Und Eric Hobsbawm ergänzt: „Versuche der Festlegung objektiver Kriterien für nationale Zugehörigkeit […] stützen sich auf einzelne Merkmale wie Sprache oder ethnische Zugehörigkeit oder auf eine Kombination von Merkmalen wie Sprache, gemeinsames Territorium, gemeinsame Geschichte, kulturelle Eigenarten oder was auch immer.“86 Die Schwierigkeit bei derartigen Homogenitätskriterien hinsichtlich eines geographischen Territoriums wie beispielsweise ‚Deutschland‘ aber ist, dass „die Kriterien, die diesen Zweck erfüllen sollen […] ihrerseits so verschwommen, wandelbar und mehrdeutig und als Anhaltspunkte zur Orientierung ebenso nutzlos“ sind „wie Wolkenformationen zur Orientierung von Reisenden im Vergleich zu Wegzeichen.“87
Jenseits der Feuilletondebatten sprechen die Untersuchungsthesen in Bezug auf den Nationalismus demnach tatsächlich für die inkonsistente Argumentationsstruktur einer mehrheitsfähigen, bis heute anhaltenden Wunschbildung. Denn auf der einen Seite meinen mehr als 70 % aller Befragten, dass ‚die Deutschen‘ endlich wieder Mut zu einem starken Nationalgefühl haben sollten. Auf der anderen Seite liegt diesem starken Nationalgefühl keineswegs ein homogenes Wesensmerkmal ‚der Deutschen‘ zugrunde, auf dem der daraus abgeleitete Patriotismus basieren könnte: Ethnisch betrachtet ist Deutschland spätestens seit der Integration der Flüchtlinge aus dem früheren Jugoslawien, der Kontingentflüchtlinge, der Spätaussiedler sowie den ‚Gastarbeitern‘ und den Kindern aus deutsch-türkischen oder deutsch-portugiesischen Ehen etc. in sexueller Hinsicht mehrfach durchkreuzt – einmal abgesehen von den 40.000 integrierten Protestanten, die im 17. Jahrhundert wegen religiöser Verfolgung aus Frankreich kamen88 –, sodass das homogene Kriterium einer nationalen Bluts- oder Volksahnenschaft allein im Hinblick auf die jüngere Geschichte als empirisch unhaltbar zurückgewiesen werden muss.89 Auch die Sprache kann kein homogenes Merkmal allein ‚der Deutschen‘ sein, weil Deutsch heute weit über die Grenzen der BRD hinaus etwa in Österreich, in Teilen von Luxemburg, der Schweiz, Norditalien oder Belgien etc. gesprochen wird. Mit Blick auf die Religion garantiert das Grundgesetz laut Artikel 3 und 4 zudem nicht nur die Freiheit zur weltanschaulichen Diversität. Darüber hinaus ist auch offenkundig, dass etwa das Christentum weit über den europäischen Kontinent hinaus verbreitet ist, sodass dieses, heute auf die deutsche Mehrheitsgesellschaft zutreffende Glaubensbekenntnis als homogenes Merkmal allein ‚der Deutschen‘ ebenfalls aus evidenten Gründen zurückgewiesen werden muss. Vielmehr zeigt sich dagegen bei genauerem Hinsehen mit zunehmender Intensität, dass gerade der „enge Kontinent“ Europa „seit je einer der Vermischung, der Völkerwanderung, der Migration und der kulturellen Durchdringung“90 gewesen ist. Und da es eben auch jenseits der lokal tatsächlich begrenzten und zugleich allgemein verbreiteten Massenkriterien – wie Ethnie, Sprache oder Religion – auch bei einer sehr profunden Suche nicht ein einziges homogenes Merkmal gibt, das als wesenhaftes Kriterium auf ‚alle Deutschen‘ (und zugleich eben nur auf diese) zutrifft91, kann mit Hobsbawms Hinweis auf das offenkundige Fehlen von solchen homogenen Merkmalen buchstäblich von einer misslungenen Aufklärung namentlich im Nachraum des Holocaust gesprochen werden, wenn es um den Nationalismus als wirkungsmächtige Doktrin unserer Gegenwart geht.
Deutlich erhärten lässt sich dieser Verdacht auch nach der Konsultation weiterer Ergebnisse, die seit den 1980er Jahren der neueren Forschung zum Thema Nationalismus entnommen werden können. So diagnostiziert beispielweise Hans-Ulrich Wehler über die mentale Verfasstheit von postmodernen Gegenwartsgesellschaften trotz inkonsistenter Argumentationsbasis in Bezug auf den Nationalismus: „Die konventionelle Auffassung von der Nation – und diese Vorstellung ist im kollektiven Gedächtnis von Angehörigen gegenwärtiger Nationalstaaten tief verankert – insistiert darauf, dass diese Nation seit archaischen Urzeiten bestanden habe.“92 Nun ist aber die Vorstellung von der Nation als einer seit archaischen Urzeiten bestehenden Nationalgesellschaft ganz einfach falsch. Vielmehr handelt es sich – erneut mit Freud gesprochen – um eine Art kollektiven Wahn der Postmoderne; auch dann, wenn die Mehrheit der Bevölkerung in dieser konkreten historischen Situation nur glaubt, dass ihre Nation seit archaischen Urzeiten bestanden habe. Falsch ist diese Auffassung ganz einfach deshalb, weil es aus rein wissenschaftlicher Perspektive historische Sachverhalte gibt, die die konventionelle Auffassung in einen offenen Widerspruch treiben. So kreuzt beispielsweise Robert Menasse die Vorstellung der nationalen Urgemeinschaft im einleitenden Kapitel seines Essays Der Europäische Landbote durch ein polemisches Bild. Der wortmalerischen Rhetorik zufolge zielt dieses Bild auf den Tatbestand, dass sich die Grenzen in Europa allein seit den Aufzeichnungen der geschriebenen Geschichte durch unterschiedliche Herrschaftsinteressen diverse Male verschoben haben, sodass die These von einer natürlichen Grenze, die im gegenwärtigen Nationalstaat ihre finale Vollendung gefunden haben soll, unmittelbar ad absurdum geführt wird:
Wenn man auf einer Europakarte alle politischen Grenzen, die es im Lauf der geschriebenen Geschichte je gegeben hat, mit einem schwarzen Stift einzeichnet, dann liegt am Ende über diesem Kontinent ein so engmaschiges schwarzes Netz, dass es fast einer geschlossenen schwarzen Fläche gleichkommt. Welche schwarze Linie auf dieser schwarzen Fläche kann da augenfällig als natürliche Grenze gelten? (DEL 7)
Ferner bemerkt Ernest Gellner über die Zeit vor der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung ebenfalls in die historische Richtung: „Tatsache [ist], daß sich der Nationalismus in der Geschichte allzuoft nicht hat blicken lassen.“93 Und so mag es zwar sein, dass der Nationalismus „[g]emäß konventioneller Weisheit […] etwas Notwendiges“94 ist. Doch die Tatsache allein, dass der Nationalismus bis heute „die Herzen und Köpfe von Menschen fest im Griff“95 hat, kann zugleich die historische Tatsache nicht beseitigen, dass der Nationalismus erst „die notwendige Folge beziehungsweise Implikation bestimmter sozialer Verhältnisse, unserer Verhältnisse“ im kapitalistischen Zeitalter ist: „Sie sind weitverbreitet, tiefverwurzelt und dominierend.“96 Auch Anderson fügt schließlich zu den sozialen Verhältnissen der neuartigen nationalen Gemeinschaft hinzu, dass sie
unabhängig von realer Ungleichheit und Ausbeutung als ‚kameradschaftlicher‘ Verbund von Gleichen verstanden wird. Es war diese Brüderlichkeit, die es in den letzten zwei Jahrhunderten möglich gemacht hat, dass Millionen von Menschen für so begrenzte Vorstellungen [wie die der homogenen Nation] […] bereitwillig gestorben sind.97
Man kann als Folge des modernen, brüderlich inszenierten Nationalismus mit „realer Ungleichheit und Ausbeutung“ hier en passant näher auf Kinderarbeit eingehen, die dazu führt, dass Minderjährige in südostasiatischen Industrieanlagen Textilien für deutsche Märkte produzieren. Ebenso wie man im Einzelnen darauf aufmerksam machen sollte, dass vor den Grenzen der europäischen Nationalstaaten täglich Menschenmassen (zumeist auf See) ihr Leben verlieren, bei dem Versuch, das als einheitliche Nation definierte Territorium zu erreichen. Nicht zuletzt weisen Tageszeitungen (besonders aus dem linken Spektrum) regelmäßig darauf hin, dass noch in der jüngeren Vergangenheit beispielsweise „Deutschland sein Flüchtlingsproblem auf die Nachbarländer abwälzte. Jene, die trotzdem kamen, erwarteten Schikanen: Lagerleben, Arbeitsverbot, fast halbierte Sozialbezüge, vorzugsweise auszuzahlen als ‚Sachleistungen‘.“98 Schlagzeilen wie „Innenminister de Maizière will das Asylrecht verschärfen“99 sind folglich weniger eine Ausnahme als vielmehr die Regel. Und im Zusammenhang von Ausbeutung durch Kinderarbeit bietet sich bis heute daher auch in Bezug auf den Nationalismus eine berühmte Formel an, der zufolge Walter Benjamin treffend auf den Umstand verweist: „Es ist niemals ein Dokument der Kultur, ohne zugleich ein solches der Barbarei zu sein. Und wie es selbst nicht frei ist von Barbarei, so ist es auch der Prozess der Überlieferung nicht, in der es von dem einen an den anderen gefallen ist.“100
In der Tat perfide mutet vor dem Hintergrund von Kindersklaven und massenhaft ertrinkenden Flüchtlingen – auf die insbesondere Olga Grjasnowa als Folge nationalstaatlicher Politik entschieden aufmerksam gemacht hatte – die Proklamation der Menschenrechte an, zu deren Hüter sich die westlichen Nationalstaaten durch vertragliche Ratifikation erklärt haben. Entsprechend heißt es in Artikel 1 der Konvention der Menschenrechte im scharfen Kontrast zur alltäglichen Praxis der Ausbeutung und Ausweisung: „Alle Menschen sind frei und gleich an […] Rechten geboren.“ Kurzum, die rhetorische Gebärde der modernen Nationalstaaten ist auch heute nach außen liberal; die alltägliche Praxis in der globalen und nationalen Realität ist hingegen geprägt von enormer Grausamkeit. Das fällt freilich erst auf, wenn es jenseits der ideologisch aufgeladenen Sätze in Gesetzestexten um konkrete Einzelfälle geht. Wenn der betroffene, von einer Ausweisung bedrohte Asylbewerber in Deutschland etwa von dem Versprechen Gebrauch machen will, dass „alle Menschen gleich an […] Rechten geboren sind“. Genau genommen muss es dann aber heißen: Alle Deutschen, also ein minimaler Teil der Weltbevölkerung, sind vor dem Gesetz gleich. Und auch das deutsche Grundgesetz weist daher in bewusster Anlehnung an die Proklamation der Menschrechte zweifellos eklatante Widersprüche auf, wenn in Art 3. Abs. 1 emphatisch verkündet wird: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ Entsprechend ihrer kritischen Haltung zur Nation als rechtsstaatlicher Institution weist Olga Grjasnowa in einem weiteren Interview gegenüber der Süddeutschen Zeitung daher nicht nur auf den Umstand hin, dass revolutionäre Volksbegehren „in der Durchführung […] problematisch [sind] – vor allem, wenn eine nationale Komponente hinzukommt.“101 Vielmehr stellt sie in unmittelbarem Bezug auf die alltägliche Praxis der Ausweisung von Asylbewerbern und anderen Schutzsuchenden im Nationalstaat Deutschland fest: „Es geht uns ja tatsächlich gut. Wenn man die deutsche Staatsbürgerschaft hat, ist eigentlich alles rosig […]. Was an den Grenzen Europas passiert, ist das Schlimme.“102
Der Nationalismus und seine konkrete Realisation in den gegenwärtigen Staatsgrenzen Europas ist in diesem Sinne offenkundig eine ideologische Verwirrung, die sich trotz widersprüchlicher Argumentationsbasis seit der Moderne tief in den Köpfen der Mehrheitsgesellschaft festgesetzt hat. Genauer noch ist der Nationalismus gemäß Freuds Terminologie ein ‚irrationaler Wahn‘, den in Deutschland eine größere Anzahl historisch nicht aufgeklärter Bevölkerungsmehrheiten von bis zu 70 % als Glücksversicherung fälschlich in die Realität eingetragen hat.103 Diese Mehrheiten konnten namentlich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erfolgreich durch nationalistische Propaganda für Kriege von historischer Beispiellosigkeit mobilisiert werden; eine nationalistische Propaganda, die bis heute ausgesprochen virulent ist – wie es gegenwärtig der überaus brutale Konflikt zwischen der Ukraine und Russland an der Peripherie Europas zeigt.104 Die praktischen Konsequenzen dieses ‚irrationalen Wahns‘ erreichten ihren Kulminationspunkt aus deutscher Perspektive bisher im Versuch der Vernichtung der europäischen Juden.
Doch abhängig und unabhängig vom Holocaust zugleich zeigt die Annäherung an Freuds Massenwahnanlyse als illusorisches Glücksversprechen, dass kritische Intellektuelle auf der Grundlage von rationalen Argumenten heute auch dann der nationalen Doktrin nicht zwangsläufig unterworfen sind, wenn eine Mehrheit der Bevölkerung eine neue Stärkung des deutschen Nationalgefühls fordert. Immerhin hat der Nationalismus „[a]nders als andere Ismen […] nie große Denker hervorgebracht – keinen Hobbes, keinen Marx und keinen Weber“, wie Anderson treffend anmerkt. „Diese ‚Leere‘ gibt kosmopolitischen und polyglotten Intellektuellen gerne zu einer gewissen Herablassung Anlass.“105 Wobei damit „keineswegs die Macht nationaler Gefühle in der Welt von heute heruntergespielt werden“ sollte, ergänzt Hobsbawm. Insbesondere „zu einer Zeit, da es den Anschein hat, als wäre Fremdenhaß in dieser oder jener Spielart in den meisten Regionen des Erdballs die vorherrschende Form der Volksideologie.“106
4.Arbeitsthese und Methodik
Vor dem theoretischen Hintergrund der bisher referierten Grundannahmen über den Nationalismus soll im Folgenden die erkenntnisleitende These vertreten werden, dass Robert Menasse, Maxim Biller, Lena Gorelik und Olga Grjasnowa in ihren Texten aus einer intellektuellen Diasporaposition heraus als Aufklärer zu Recht gegen den neuen Nationalismus anschreiben. Zu Recht schreiben sie gegen den neuen Nationalismus an, weil er eine irrationale Doktrin ist, die nur dann in ihrer paradoxalen Struktur aufgelöst werden kann, wenn der historische Irrtum vom Glauben an die homogene Einheit der Nation in ihrer gesellschaftlichen Breitenwirkung effektiv überwunden wird. Als Aufklärer schreiben sie ferner gegen den Nationalismus an, weil ihre Texte das Potential enthalten, die Rezipienten mit der sozialpolitischen Erkenntnis auszurüsten, dass der Nationalismus auch dann auf irrationalen Annahmen basiert, wenn die Mehrheit in unserer konkreten historischen Situation über dieses Wissen nicht verfügt. Denn Aufklärung in Europa bezeichnet per definitionem „die Kritik und Ersetzung eines gegebenen sozialen Wissens durch ein neues“107. Weiter ist Aufklärung konstitutiv verknüpft mit dem Anspruch, den „Menschen zu selbstständiger und vernunftgeleiteter Erforschung der Wirklichkeit“108 zu erziehen. Unausweichlich schwingt dabei gemäß der vorliegenden Generalthese die Grundannahme mit, dass es (aus wissenschaftlicher Perspektive) nicht die jüdischen Autoren sind, die in ihrer Minderheitenposition einem Irrtum über den Nationalismus erliegen, sondern breite Teile der deutschen Mehrheitsgesellschaft, an die sich die Schriftsteller in ihren Arbeiten potentiell wenden.
Das jeweilige Reflexionsniveau der einzelnen Texte ist demnach insgesamt auf einer Ebene zu verorten, zu der ein großer Teil der deutschen Bevölkerung heute nur in Einzelfällen vordringen kann, obgleich mit den Texten als Literatur ein möglichst breiter Adressatenkreis angepeilt wird. Das eigentliche Problem der Texte ist aber schlicht die Tatsache, dass die „nationalstaatlichen Traditionen und Mentalitäten […] sich bisher, trotz aller anerkennenswerten Kompromisse, als übermächtig erwiesen“109 haben. Um die erkenntnisleitende These der vorliegenden Arbeit in operationaler Hinsicht zu plausibilisieren, ist folgender Gang der Untersuchung vorgesehen:
(II) Im zweiten Kapitel werden zunächst explizit die theoretischen Grundlagen erarbeitet, die in detaillierter Analyse die These veranschaulichen, dass der Nationalismus eine auf paradoxalen Annahmen basierende Doktrin ist. In Abgrenzung zur feuilletonistischen Darstellungsweise, bei deren Begeisterung über den Mehrheitsjubel von 2006 ein Mindestmaß an theoretischer Reflexion aus der Nationalismusforschung in der Regel nicht zur Kenntnis genommen wurde, wird hier gerade eine Orientierung besonders an klassischen und neueren Forschungstexten zur Nationalismustheorie angestrebt. Denn wenn gezeigt werden soll, dass die vier jüdischen Autoren in ihren Texten eine signifikante Aufklärungsarbeit über den Nationalismus leisten, dann muss vorab konsequent demonstriert werden, worüber die Texte der Autoren genau aufklären und welche Aufgabe der Literatur in diesem Zusammenhang eigentlich zufällt.
(1.) Notwendigerweise kommt es im ersten Theorieteil auf die Untersuchung einer gewissen Kategorie von essentialistischen Aussagen zum Nationalismus an, die als solche argumentativ entschärft und in ihrer Widersprüchlichkeit veranschaulicht werden. Ein Bezug auf die Nationalismusforschung (als einheitliche Doktrin einer unumstößlichen Wahrheit) wird im vorliegenden Untersuchungszusammenhang nicht angestrebt. Denn „Bücher zu diesem Thema füllen mehrere Regale“, wie Miroslav Hroch treffend zur Offenheit der laufenden Debatten angemerkt hat, „von der wachsenden Zahl der Fachzeitschriften abgesehen.“110 Vielmehr hat der bisherige Argumentationsverlauf deutlich gemacht, dass die vier Autoren in der vorliegenden Untersuchung im Kontext einer gegenwartsbezogenen Aufklärung verortet werden. Deshalb wird in diesem theoretischen Teil in erster Linie einerseits eine Konzentration auf zentrale Klassiker der Nationalismusforschung und ihre Generaleinwände gegen den nationalen Essentialismus angestrebt. Andererseits sollen unter direkter Bezugnahme auf die vier relevanten Texte besonders die irrationalen Aspekte des Nationalismus im Vordergrund stehen. Denn besonders der Frage nach den unlogisch-emotionalen Tendenzen der Ideologie ist innerhalb der Forschung in den vergangenen Jahren ein elementares Gewicht bei der Aufklärung über den Nationalismus zugefallen: „Explizit wird“ dabei, so bemerkt Miroslav Hroch „die Bedeutung der irrationalen Faktoren gegenüber den rationalen, des Gefühls gegenüber der Vernunft betont.“111
Hauptausgangspunkt der Überlegungen ist im ersten Teil von Kapitel II eine nach wie vor aufschlussreiche Rede des französischen Historikers Ernest Renan, die er am 11. März 1882 unter dem Titel Was ist eine Nation? an der Sorbonne in Paris gehalten hat. Entscheidend an diesem Vortrag ist, dass Renan darin bereits explizit auf den vorübergehenden Status von Nationen hingewiesen hat112, der bei der europäischen Mehrheitsgesellschaft auch nach zwei verheerenden Weltkriegen im Namen der Nation kaum im Bewusstsein verankert werden konnte: „Die Nationen sind nichts Ewiges. Sie haben einmal angefangen, sie werden einmal enden. Die europäische Konföderation wird sie wahrscheinlich ablösen.“113 Ferner ist Renans Vortrag von entscheidender Bedeutung, weil er gemäß der Andeutung von Hobsbawm darin mindestens vier kulturelle Homogenitätskriterien als absurde oder irrationale Bestimmungsmerkmale herausarbeitet, die bis heute gleichwohl von Nationalisten immer wieder zur Manifestation der nationalen Ideologie artikuliert werden. Dabei handelt es sich konkret um die vier folgenden Merkmale: Volk/Rasse, Sprache, Religion und gemeinsames Territorium.114 Flankiert wird die Analyse dieser vier Kriterien durch Argumente aus der klassischen und neueren Nationalismusforschung, die im Grunde seit über 130 Jahren nach Anderson damit beschäftigt ist, der „‚politischen‘ Macht des Nationalismus […] seine philosophische Armut oder gar Widersprüchlichkeit“115 aufzuzeigen. Wenn es überdies auch durchaus positive Effekte infolge unterschiedlicher Nationalbewegungen im Verlauf der vergangenen 250 Jahre gegeben hat116, so finden solche Entwicklungen hier keine nähere Beachtung, da das ideologische Konstrukt der „Nation“ als solches den Maßstäben der wissenschaftlichen Exaktheit nicht gerecht wird. Das Problem der nationalen als einer irrationalen Ideologie hat Eric Hobsbawm aus Sicht der Forschung vielmehr in der prägnanten Feststellung zum Ausdruck gebracht, „daß kein ernsthafter Historiker, der über Nationen und Nationalismus arbeitet, ein überzeugter Nationalist sein kann“, da der „Nationalismus […] zu viel Glauben an etwas“ erfordert, „das offensichtlich in dieser Form nicht existiert.“117
(2.) Im zweiten theoretischen Teil des Kapitels geht es um die Anschlussfähigkeit der ausgewählten Schriften an ein Analysemodell aus der Literaturtheorie. Als sinnvoll erweist sich dabei eine Verbindung mit dem postkolonialen Ansatz von Homi K. Bhabha. Fruchtbar gemacht werden kann diese Verbindung hier besonders deshalb, weil Bhabha der Literatur insgesamt eine besondere Funktion zuweist, wenn es um die Überwindung von nationalen Weltbildern in postmodernen Gesellschaften geht. In diesem Sinne hat Bhabha mit seiner Publikation Die Verortung der Kultur eine Reihe von Aufsätzen herausgegeben, in denen er eine „Kulturtheorie“ entwickelt, „die ausgehend von einer ästhetischen Theorie mit einer starken Verankerung in der Literaturwissenschaft die Dekonstruktion von nationalen Literaturen, kulturellen Identitäten und Geschichte(n) sucht.“118 Denn: „Während einst die Weitergabe nationaler Tradition das Hauptthema war,“ so konstatiert Bhabha in seiner inzwischen sehr einflussreichen Aufsatzsammlung, „können wir jetzt möglicherweise annehmen, daß transnationale Geschichten von Migranten, Kolonialisierten oder politischen Flüchtlingen […] die Gebiete der Weltliteratur sein könnten.“119 Dennoch ist eine gewisse Zurückhaltung im vorliegenden Anwendungsfall erforderlich, da Bhabha zwar explizit Migranten, nicht aber jüdische Literatur primär in den Blick seiner theoretischen Beobachtungen nimmt. Zumindest Robert Menasse – der kein Migrant im engeren Sinne ist – fällt damit etwas aus dem Profil der für diese Untersuchung gewählten Autoren. Allerdings ist Bhabhas transnationales Analysemodell durchaus auf einen breiteren Kontext zugeschnitten, der nicht nur Migranten einbindet, sondern auch politische „Minderheitengruppen“120 im Allgemeinen: „Denn die Demographie des neuen Internationalismus besteht“ Bhabha zufolge keineswegs ausschließlich aus „der Geschichte postkolonialer Migration“121, sondern eben auch aus „den Erzählungen der kulturellen und politischen Diaspora“122, zu denen die transnationalen Schriftsteller Menasse, Biller, Gorelik und Grjasnowa durch ihren jüdischen Familienhintergrund gemeinsam zählen.
In den vier umfangreichen Hauptkapiteln der Studie (III, IV, V, VI) kommt es schließlich zur literarischen Einzelfalluntersuchung. Im Zentrum der Aufmerksamkeit wird dabei jeweils die Frage stehen, inwieweit tatsächlich von einer Aufklärung über den Nationalismus in den relevanten Texten gesprochen werden kann. Damit soll zugleich jedoch nicht behauptet werden, dass Aufklärung über den Nationalismus die primäre Intention der untersuchten Texte und Autoren ist, auch wenn sich eine solche Position unter Berücksichtigung zugrundeliegender Interviews und Paratexte im aufgeworfenen Kontext buchstäblich aufzudrängen scheint. Dennoch sollte klargestellt werden, dass der ästhetische Mehrwert der Texte, die freilich als vieldeutige Kunstwerke betrachtet werden können, durch das vorliegende Untersuchungsverfahren nicht angetastet wird. Doch was auch immer die Texte im Einzelnen zusätzlich zum Ausdruck bringen mögen, im vorliegenden Zusammenhang werden sie lediglich auf die Frage geprüft, inwieweit nationale Identität und postnationale Aufklärungsarbeit darin eine inhaltlich relevante Rolle spielen.
Die Beschränkung auf vier jüdische Autoren, von denen jeweils ein prägnanter Text auf seine postnationalen Aufklärungselemente untersucht werden soll, ergibt sich zudem aus der Notwendigkeit einer antiessentialistischen Argumentationsstrategie.123 Nietzsche und Diner mögen in den referierten Passagen zwar andeuten, dass transnationale Positionen innerhalb der jüdischen Diaspora eine überdurchschnittlich hohe Signifikanz aufweisen. Auch Hobsbawm schreibt dazu, dass er „die Anziehungskraft von Hitlers Nationalsozialismus auf seine deutschen Klassenkameraden verstehen konnte, auch wenn er selbst zum Glück nicht nur intellektuell, sondern auch als […] Jude dagegen immun war.“124 Ein essentialistischer Ansatz mit Blick auf die jüdische Gegenwartsliteratur in Deutschland würde sich für den vorliegenden Untersuchungszusammenhang in aller Konsequenz aber als unbrauchbar erweisen. Denn eine These nach dem Format: Alle Juden in der Gegenwartsliteratur argumentieren transnational, wäre – wie jede übersteigerte Allgemeingültigkeitsaussage – zu schnell fehlerhaft. Dementsprechend äußerte sich zum Beispiel der französische Publizist und Jude Alain Finkielkraut als dezidierter Gegner vom vereinten Europa in einem Streitgespräch mit dem deutschen Soziologen Ulrich Beck zum Nationalismus am 13.02.2014 in der Zeit wie folgt:
[E]s gibt keine postnationale Demokratie. Damit die Demokratie funktioniert, braucht es eine gemeinsame Sprache, gemeinsame Lebensbezüge und ein gemeinsames Projekt. Wir werden nicht als Weltbürger geboren. Menschliche Gemeinschaften haben Grenzen. Dem trägt Europa nicht Rechnung. Deshalb kann sich die europäische Öffentlichkeit heute nicht für die Europäische Union erwärmen.125
Dennoch soll der vorangehende Verweis auf Nietzsche und vor allem der auf Diner andeuten, dass jüdische Schriftsteller deutscher Sprache auch in der Gegenwart bei der Überwindung nationaler Ideologien eine überdurchschnittlich signifikante und auffällige Rolle spielen. Die vorliegende Studie ist als ein Beitrag zu verstehen, der die Thesen von Nietzsche und Diner am konkreten Beispiel von vier Autoren mit dem Schwerpunkt auf jeweils einen zentralen Text zur nationalen Thematik stützt. Dabei kann im Gegenzug jedoch kaum stark genug betont werden, dass die vorliegende Untersuchung aus den genannten Gründen nicht als empirisch quantifizierbares Urteil missverstanden werden darf. Denn es gibt schlicht zu viele Texte von jüdischen Autoren deutscher Sprache, die sich unmittelbar dem analytischen Umfang dieser Studie entziehen.
Die Untersuchung der einzelnen Texte ist darüber hinaus chronologisch mit Blick auf die gesetzte Zäsur seit der WM 2006 angelegt. Damit ist der Einschnitt zugleich auch ein Hinweis darauf, dass es in dieser Studie um eine Auseinandersetzung mit Texten aus der Gegenwartsliteratur geht. Die Analyse beginnt folglich mit Lena Goreliks Roman Hochzeit in Jerusalem (2007) und geht über zu Maxim Billers Der gebrauchte Jude (2009). Schließlich folgen Olga Grjasnowas Der Russe ist einer, der Birken liebt und Robert Menasses Der Europäische Landbote, beide Texte stammen aus dem Jahr 2012. Abschließend muss an diesem Punkt noch einmal explizit hinzugefügt werden, dass die Untersuchung der einzelnen Texte keineswegs einem textimmanenten Ansatz verpflichtet ist. Vielmehr soll im Gegenteil gerade die postnationale Aufklärungsarbeit der Autoren aus einer ganzheitlichen Perspektive in den Blick genommen werden. Auch wenn also der Analysefokus auf jeweils einem literarischen Text der Autoren liegt, bedeutet das nicht, dass ausschließlich dieser Text ohne die Berücksichtigung politischer Statements oder literaturtheoretischer Konzepte der Schriftsteller untersucht wird, worauf an späterer Stelle noch einmal gesondert einzugehen ist.
Aus dem erwähnten Anspruch einer ganzheitlichen Perspektive wird grundsätzlich ein allgemeiner Teil den jeweiligen Autorenpart einleiten. Darin wird explizit der relevante Bezug zur Ausgangsthese noch einmal erläutert sowie der Gang der Untersuchung für das einzelne Kapitel präzisiert. Darauf aufbauend soll jeweils ein transnationales Porträt die Autoren sowie ihre Texte ausloten; ein besonderer Fokus wird dabei auf Informationen gelegt, die unmittelbar mit dem Nationalismus und der postnationalen Aufklärungsarbeit der jeweiligen Schriftsteller in Zusammenhang stehen. Dabei kann es sich einerseits um bisherige Ergebnisse aus der Forschung zu den einzelnen Schriftstellern handeln, die erste relevante Aspekte zur nationalen Thematik aufweisen. Andererseits können in diesen transnationalen Profilen auch Autorenaussagen aus Interviews oder weiteren schriftlichen Stellungnahmen herangezogen werden, die von den Schriftstellern entweder direkt zum Nationalismus gemacht worden sind oder zu Aspekten, die eine thematische Nähe zur nationalen Ideologie aufweisen. Falls erforderlich, wird daran anschließend noch einmal ein eigener Schwerpunkt ausgearbeitet, der als argumentative Basis die spätere Einzeltextanalyse theoretisch fundieren soll – so im Fall von Lena Gorelik und Olga Grjasnowa (vgl. Inhaltsverzeichnis). Dann liegt der Fokus stets auf der bisherigen Rezeption der ausgewählten Texte: Sowohl im deutschsprachigen Feuilleton als auch innerhalb der Forschung – zumindest sofern bereits entsprechende Untersuchungen der fiktionalen und essayistischen Zieltexte vorliegen. Dabei erweist sich der Blick ins Feuilleton in Einzelfällen auch deshalb als hilfreich, weil durch die bisherige Rezeption der Autorentexte unter Umständen bereits Potentiale erschlossen wurden, die sich mit Blick auf die vorliegende Untersuchungsthese als hilfreich oder stützend erweisen – was keineswegs grundsätzlich der Fall gewesen ist. Abgeschlossen wird das jeweilige Kapitel durch eine fundierte Analyse der relevanten Autorentexte mit direktem Bezug auf die vorliegende Ausgangsthese.
1Die Begriffe Autoren, Schriftsteller, Künstler und Aufklärer schließen die weibliche Form der Zuschreibung ausdrücklich für den Gesamtumfang der vorliegenden Untersuchung mit ein. Von wenigen Ausnahmen abgesehen soll der Lesbarkeit halber im Folgenden jedoch auf eine Doppelaufzählung der männlichen und weiblichen Form verzichtet werden. Zudem folgt die Reihung der Schriftsteller dem Alter und ist damit ohne gendertheoretische Relevanz. Sie beginnt stets mit Menasse als dem ältesten Autor und endet mit Grjasnowa als der jüngsten Autorin.
2Menasse, Robert: Der Europäische Landbote. Die Wut der Bürger und der Friede Europas. Wien: Zsolnay 2012. (Im Folgenden im Fließtext zitiert als „DEL“)
3Biller, Maxim: Der gebrauchte Jude. Selbstporträt. Frankfurt a. M.: Fischer 2009. (Im Folgenden im Fließtext zitiert als „DgJ“)
4Es sollte gleich zu Beginn darauf hingewiesen werden, dass Robert Menasse nach den Regeln der Halacha kein Jude ist. Menasse hat keine jüdische Mutter. Aber sein Vater, der ehemalige österreichische Fußballspieler Hans Menasse, ist Jude. In diesem Zusammenhang hat Andrea Reiter in einer Untersuchung zu Menasses Roman
