Perry Rhodan 125: Fels der Einsamkeit (Silberband) - William Voltz - E-Book
Beschreibung

Man schreibt das Jahr 425 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Seth-Apophis bedroht die Milchstraße - eine sogenannte Superintelligenz mit unbegreiflichen Machtmitteln. Um das Überleben der Menschheit zu sichern, folgt Perry Rhodan einer Spur, deren Anfang tief in der Vergangenheit liegt.   Die Suche führt den Terraner in einen unerforschten Sternhaufen in der Milchstraße. Dort verbergen sich angeblich die Angehörigen eines längst vergessenen Volkes, die Porleyter. Mit ihrer hoch entwickelten Technik könnte der drohende Krieg noch verhindert werden. Doch Seth-Apophis selbst greift nach den uralten Machtmitteln der Porleyter.   Der Schiffbruch auf einer unbekannten Welt ist unausweichlich - und selbst für Perry Rhodan scheint der Tod plötzlich nahe zu sein ...

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Nr. 125

Fels der Einsamkeit

Man schreibt das Jahr 425 Neuer Galaktischer Zeitrechnung. Seth-Apophis bedroht die Milchstraße – eine sogenannte Superintelligenz mit unbegreiflichen Machtmitteln. Um das Überleben der Menschheit zu sichern, folgt Perry Rhodan einer Spur, deren Anfang tief in der Vergangenheit liegt.

Die Suche führt den Terraner in einen unerforschten Sternhaufen in der Milchstraße. Dort verbergen sich angeblich die Angehörigen eines längst vergessenen Volkes, die Porleyter. Mit ihrer hoch entwickelten Technik könnte der drohende Krieg noch verhindert werden. Doch Seth-Apophis selbst greift nach den uralten Machtmitteln der Porleyter.

1.

Khrat war eine Welt, die kosmische Geschichte atmete, ein Schnittpunkt universeller Ereignisse. Für Perry Rhodan war das längst spürbar. In den letzten Tagen hatte der Terraner sich von den Geschehnissen erholt, die ihn fast das Leben gekostet hätten – nun flog er an Bord einer Space-Jet auf den Dom Kesdschan zu. Die BASIS, das Fernraumschiff der Menschheit, stand weiterhin im Orbit über dem Planeten.

Rhodan erwartete die Weihe zum Ritter der Tiefe.

Ein starker Besucherstrom herrschte bereits. Aus allen Gebieten der Galaxis Norgan-Tur trafen Abgesandte ein, um an den Feierlichkeiten teilzunehmen. Mit ihnen kam eine geradezu greifbar werdende Unruhe. Hektik war indes das Letzte, was Perry Rhodan bei seinem zunächst geplanten Vorstoß in das Gewölbe unterhalb des Domes brauchen konnte.

Er war nicht der erste Terraner, den die Aura eines Ritters der Tiefe auszeichnete und der die Weihe empfing. Jen Salik war vor ihm auf Khrat gewesen, ebenfalls in dem Gewölbe, von dem Gerüchte behaupteten, dass es Antworten auf elementare Fragen des Universums barg, dass dort aber zugleich unvorstellbare Gefahren lauerten. Anlass genug für Rhodan, den Dingen auf den Grund zu gehen ...

Wie ein halbes Riesenei aus leuchtendem Stahl ragte der Dom Kesdschan 156 Meter in die Höhe; er schien willkürlich in die Ebene gesetzt worden zu sein.

Jedes Haus von Naghdal, der Stadt, die unweit des Domes in Hufeisenform angelegt worden war – mit der Öffnung zum Dom hin –, sah ansprechender aus. Die Gebäude rund um den Dom, in denen Zeremonienmeister und Domwarte lebten, erschienen klein und unbedeutend.

Trotz dieser Einfachheit versetzte die Anlage jeden Besucher in eine besondere Art der Hochstimmung. Wäre man der Sache auf den Grund gegangen, hätte man wahrscheinlich nichts anderes entdeckt als das Gewicht von Legenden und Mythen.

Perry Rhodan entspannte sich angesichts des friedvollen Bildes. In seiner Erinnerung hatte er sich während des kurzen Fluges mit jenen schrecklichen Vorgängen befasst, die ihn beinahe das Leben gekostet hätten. Die Nähe des Domes machte ihn ausgeglichen.

Domwarte und Zeremonienmeister hatten den zentralen Bereich der Anlage für Besucher bis zum Beginn der Feierlichkeiten gesperrt. Umso stärkeres Treiben herrschte am Raumhafen und in Naghdal, das aus seinem Dornröschenschlaf herausgerissen worden war und in seinen schalenförmigen, luftigen Gebäuden die unterschiedlichsten Intelligenzen beherbergte.

Ein Domwart kam aus einem der Seitengebäude und näherte sich dem Platz, auf dem die Space-Jet soeben aufgesetzt hatte.

Perry Rhodan beherrschte die Umgangssprache, deren sich jeder auf Khrat bediente. Es war die Sprache der sieben Mächtigen. Seine beiden Begleiter, Roi Danton und Waylon Javier, trugen entsprechend programmierte Translatoren.

Danton, Rhodans Sohn, blickte durch die Polkuppel der Space-Jet über die Landefläche. »Ein Ein-Mann-Empfangskomitee!«, bemerkte er geringschätzig. »Eigentlich ein bisschen wenig für einen Besucher, dessen Ritterstatus hier bestätigt werden soll.«

Rhodan warf ihm einen verweisenden Blick zu. Danton deutete auf ihre Ausrüstung. »Das heißt, dass wir das alles selbst tragen müssen«, stellte er fest, packte aber schon zu und lud sich einen der Behälter auf die Schulter.

Der Domwart, der schon unter dem diskusförmigen Beiboot wartete, war nur eineinhalb Meter groß. Er hatte einen borkigen Hautpanzer und ein eulenhaftes Gesicht. Ein durchsichtiges Gewand umhüllte ihn nur unvollkommen. An seinem linken Unterarm hing eine Fülle von Instrumenten.

»Willkommen!« Es schien, als spräche der Fremde ausschließlich zu dem Ritter der Tiefe. »Ich bin Johudka und werde euch in den Dom bringen.«

»Gut«, sagte Rhodan knapp.

»Sind das Geschenke?« Johudka deutete auf die Kisten, die die drei Männer trugen.

Waylon Javier, der Kommandant der BASIS, bedachte Rhodan mit einem vielsagenden Blick.

»Nein«, antwortete der Terraner. »Es befinden sich ... Geräte darin.«

»Welchem Zweck sollen sie dienen?«

»Ausschließlich unserer Sicherheit«, sagte Danton ärgerlich.

Das eulenhafte Gesicht des Domwarts verzog sich in einer offenbar grimmigen Geste. »Für eure Sicherheit wird gesorgt. Während der Zeremonie braucht der Ritter ohnehin nur solche Dinge, die ihm von uns zur Verfügung gestellt werden. Und in das Gewölbe dürfen keine Waffen mitgenommen werden, das ist ein uraltes Gesetz, an das wir uns halten müssen.«

Rhodan stellte sein Paket ab. Widerwillig folgte Danton dem Beispiel. Auch Javier entledigte sich seiner Last.

Johudka schien zu lächeln. »Kommt nun!«, forderte er die drei Besucher auf.

Sie folgten ihm zum torbogenförmigen großen Eingang des Domes. Hölzerne Bänke standen in zwei Reihen bis zur Empore auf der gegenüberliegenden Seite der Domhalle. Zwischen den Bänken arbeiteten weitere Domwarte.

Der Raum war schmucklos. Als Rhodan eintrat, überkam ihn der Eindruck, sich im Innern von etwas Lebendigem zu befinden. Die hohe Kuppel schien zu atmen und Wärme abzugeben. Es war ein Gefühl absoluter Geborgenheit, trotzdem irritierte es ihn.

Auf der Empore machten sich drei Zeremonienmeister in dunklen Roben an fremdartigen Gegenständen zu schaffen. Sie und die Domwarte in der Halle waren unterschiedlichster Herkunft, doch sie arbeiteten reibungslos zusammen.

Irgendetwas verbindet sie!, dachte Rhodan beeindruckt.

Der Boden war hart, trotzdem dämpfte er das Geräusch der Schritte. In dieser Stille wirkte das Knarren und Quietschen eines hölzernen Gefährts beinahe wie eine Serie von Explosionen.

Johudka hatte sich seitlich zwischen die Bänke zurückgezogen. Als Rhodan sich umwandte, sah er eine Art Rollstuhl, in dem ein offenbar weibliches Wesen saß. Die Fremde kam aus einem der zahlreichen Seitenräume. Sie war groß und von dunklem Pelz bedeckt. Ihr Gesicht zeichnete sich als helles Dreieck ab, mit einem wuchtigen Auge und einer Art Mund, der von zapfenförmigen Verzahnungen verschlossen wurde und ziemlich bedrohlich aussah. Langes rötliches Haar wuchs zwischen dem Kopfpelz der Unbekannten, es reichte ihr bis zur Körpermitte.

Hinter ihr folgte ein männlicher Artgenosse, ein fast zweieinhalb Meter großer Hüne, dessen Muskelpakete seinen Pelz scheinbar zu sprengen drohten. Er schob sich an dem archaisch wirkenden Rollstuhl vorbei und trat den Männern von der BASIS entgegen.

In der Regel hütete sich Perry Rhodan vor allzu schnellen Beurteilungen, wenn es um Stimmungen von Extraterrestriern ging, aber in diesem Fall dachte er spontan: Bei allen Planeten, dieser Bursche ist schlecht gelaunt!

»Ich gehöre zu den Domwarten«, sagte der Riese mit angenehm klingender Stimme. »Meine Heimatwelt ist der Planet Croul. Ich bin ein Zarke, mein Name ist Skenzran.« Er sprudelte die Sätze hervor, als müsste er diese Information schnellstmöglich loswerden.

Während die anderen Domwarte die Menschen bisher überwiegend freundlich, zumindest gleichgültig behandelt hatten, zeigte Skenzran deutliche Ablehnung. Er deutete auf den Rollstuhl. »Das ist meine Tochter. Sie leidet an der Tyrillischen Lähmung.«

Weder Rhodan noch Danton oder Javier fragten, warum die Angehörige eines hoch technisierten Volkes in einem derart primitiven Gefährt sitzen musste.

Offenbar hatten alle drei so gebannt auf den Rollstuhl gestarrt, dass Skenzrans Tochter dies nicht übersehen konnte. »Mein Vater hat ihn gebaut«, sagte sie. »Skenzran ist ständig dabei, ihn zu verbessern, obwohl ich glaube, dass ich in absehbarer Zeit darauf werde verzichten können.«

»Ja, ja«, sagte Waylon Javier zögernd.

Es war schwer, die Schönheitsideale fremder Völker nachzuvollziehen, aber die junge Frau war zweifellos eine Schönheit unter ihresgleichen. Und sie war, im Gegensatz zu ihrem düster wirkenden Vater, außerordentlich liebenswürdig.

»Dich kenne ich«, sagte Skenzran unvermittelt zu Perry Rhodan. »Du bist der neue Ritter der Tiefe.«

»Das ist richtig«, bestätigte Rhodan. »Der Mann neben mir ist Roi Danton, mein Sohn. Mein anderer Begleiter heißt Waylon Javier, er ist der Kommandant unseres Raumschiffs.«

Das Interesse, mit dem der Domwart Javier musterte, schien sich zu verstärken, als sein Blick kurz auf dessen bläulich schimmernden Händen haften blieb. Skenzran stellte dennoch keine Fragen.

»Ich bin für eure Betreuung zuständig«, sagte der Zarke. »Das heißt, dass ich euch in das Gewölbe unter dem Dom begleite. Wir gehen davon aus, dass der Ritter der Tiefe es sehen will.«

»Du kennst dich dort unten aus?«, fragte Rhodan.

»Ich war niemals dort«, lautete die überraschende Antwort.

»Aber das ist absurd!«, sagte Rhodan. »Wir brauchen einen erfahrenen Führer. Ich muss einen der Zeremonienmeister bitten, dass er uns einen anderen Begleiter zuteilt.«

»Das wäre mir sogar recht«, brummte Skenzran. »Ich bin nicht erpicht darauf, mit euch nach unten zu gehen. Leider sind die Zeremonienmeister niemals umzustimmen. Radaut hat mich euch zugeteilt, daran wird sich nichts ändern.«

»Dann können wir ebenso gut allein gehen«, warf Roi Danton ein.

»Bitte akzeptiert die Dinge, wie sie sind«, sagte das Mädchen mit der Tyrillischen Lähmung. »Es wurde mir gestattet, meinen Vater und euch zu begleiten. Für mich hängt sehr viel davon ab. Wenn ihr meinen Vater als Führer ablehnt, kann ich das Gewölbe nicht besuchen.«

Rhodan schaute sie nachdenklich an. Wenn er jemals eine flehentlich vorgetragene Bitte gehört hatte, dann war es diese.

»Sie glaubt, dass sie dort unten geheilt werden könnte«, erläuterte Skenzran.

Der BASIS-Kommandant reagierte sichtlich ablehnend, und Rhodan verstand das sogar. Sie wollten Geschehnissen von kosmischer Bedeutung auf die Spur kommen, von ihrem Erfolg hing womöglich die Existenz ganzer Völker ab. Und da war nun diese fremde junge Frau mit ihrem ureigensten Anspruch auf Glück und Gesundheit.

»Meinst du, dass wir es verantworten können, sie mitzunehmen?« Rhodan wandte sich an den Domwart. »Wie groß ist das Risiko?«

»Das hängt von euch ab«, sagte Skenzran.

Javier biss sich auf die Unterlippe. Er zeigte offen, wie froh er war, dass nicht er diese Entscheidung zu treffen hatte.

»Wir werden sehen, wie sich die Sache entwickelt«, sagte Perry Rhodan schließlich. »Sollte sich herausstellen, dass das Unternehmen gefährlich wird, müssen wir deine Tochter vielleicht zurückschicken.«

»Warum kommt ihr nicht endlich nach vorn?«, rief einer der Zeremonienmeister von der Empore herab. »Skenzran, führe den Ritter der Tiefe und seine Begleiter hierher!«

Der Zarke schien in sich zusammenzusinken, er konnte sich der Teilnahme an dieser Mission nicht entziehen.

Sie schritten zwischen den Bankreihen bis nahe an die Empore, den Abschluss bildete das Mädchen im Rollstuhl.

Die drei Zeremonienmeister hantierten an einem altarähnlichen Tisch. Sie waren Nichthumanoide, für Menschen grotesk aussehende Wesen, von denen eines einen klobigen Atemfilter trug. Rhodan versuchte, den Sinn der von ihnen verteilten Gegenstände zu erkennen. Einige dieser Gebilde waren in der Tischplatte verankert, bei den anderen handelte es sich vermutlich um Zubehör für die bevorstehende Ritterweihe.

»Das ist Radaut.« Skenzran deutete auf den Zeremonienmeister, der einem achtbeinigen Käfer ähnelte.

Gleich darauf erklang Radauts surrende Stimme: »Wir werden den Zugang zum Gewölbe sofort öffnen.«

Der Tisch, angetrieben von einem verborgenen Mechanismus, glitt quer über die Empore. Der Boden war eben und fugenlos. Vergeblich schaute sich Rhodan nach einem abwärtsführenden Zugang um.

»Vielleicht hättest du besser auf diese Expedition verzichten sollen, mein Ritter«, surrte Radaut. »Manchmal macht man sich ein falsches Bild von dem, was einen erwartet.«

Der Zeremonienmeister mit dem Atemgerät beugte sich über den Tisch und griff nach einigen aus der Platte ragenden Stäben. Als würden sich mehrere übereinander liegende Facetten verschieben, entstand im Boden eine Öffnung: eine nüchtern wirkende Schleuse.

»Das Gewölbe kann nur durch diese Kammer betreten werden, das ist Tradition«, erläuterte der Zeremonienmeister. »Ihr müsst wissen, dass vor langer Zeit die Temperatur in der Tiefe statisch war. Altersbedingter Zerfall soll vermieden werden.«

»Du warst schon dort unten?«, fragte Rhodan.

Radauts Augenballung schien zu zucken. Er antwortete nicht.

Skenzran und Danton hoben den Rollstuhl mit der Tochter des Domwarts in die Bodenkammer. Der Raum war groß genug, um allen gleichzeitig Platz zu bieten. Waylon Javier schwang sich als Letzter hinein, nicht ohne einen sehnsüchtigen Blick zurück in die Domhalle zu werfen. Rhodan bemerkte die Regung durchaus, schwieg aber dazu.

Radaut trat an den Rand der Kammer und blickte aus seinen unzähligen Augen auf sie herab. »Bei eurer Rückkehr könnt ihr den Boden von innen her öffnen«, sagte er. »Macht euch auf einen Schock gefasst ...«

Danton und Javier wechselten einen bestürzten Blick. Rhodan setzte zu einer Frage an, jedoch schloss sich der Raum bereits. Es wurde dunkel, nur Waylon Javiers Kirlianhände spendeten einen schwachen Lichtschimmer.

Sekunden später glitt ein Wandsegment zur Seite. Grelle Helligkeit drang in die Kammer. Als Rhodan sich daran gewöhnt hatte, sah er das Gewölbe vor sich. Er reagierte zwar keineswegs schockiert, doch der Anblick ging unter die Haut.

Vor Perry Rhodan und seinen Begleitern erstreckte sich ein gigantisches subplanetares Reich.

Kunstsonnen sorgten für ausreichend Helligkeit. Der ferne Horizont versank im Dunst. Nirgendwo zeigte sich Leben.

Das war keine Stadt unter der Oberfläche des Planeten, eher eine in verschiedene Bereiche aufgegliederte Station. Die zentrale Region bestand aus einer Ansammlung von gewaltigen Spulen, Türmen und Kuppeln – höchstwahrscheinlich gab es dort Energieaggregate, Speicherbänke, Maschinen- und Steueranlagen. Rundum gruppierten sich untergeordnete Bereiche in unterschiedlicher Form und Größe, jeder in einem eigenen Farbton gehalten. Diese Sektoren vermittelten den Eindruck ausgedehnter Ausstellungen. Zwischen ihnen schlängelten sich kühn geschwungene Straßen, über die jede der unterschiedlich hohen Ebenen der einzelnen Bereiche erreichbar war.

Schon der zweite Blick verriet, dass eine Katastrophe stattgefunden hatte, dass Ordnung und Unberührtheit nur Fassade waren. Eine zerstörerische Macht hatte diesen Bereich heimgesucht.

Waylon Javier stöhnte. Einige der großen Türme im Zentrum waren eingedrückt und übereinander gestürzt wie zerfetzte Riesenskelette. Das Labyrinth der Straßen war in vielen Abschnitten unterbrochen, verdreht und scheinbar unentwirrbar verflochten.

»Hast du das gewusst?« Perry Rhodan wandte sich an den Domwart. »Hattest du eine Ahnung, wie groß das Gewölbe ist?«

Skenzrans dreieckiges Gesicht schimmerte kalkweiß. »Nein!« Er schnaubte heftig. »Davon wusste ich nichts.«

»Und diese schlimmen Zerstörungen? Was weißt du darüber?«

»Nichts«, antwortete der Zarke schwach. »Ich weiß nichts.«

Seine Tochter schluchzte verhalten.

Wahrscheinlich sah sie sich um ihre Hoffnung gebracht, unter dem Dom Hilfe zu finden.

»Warum haben die Zeremonienmeister uns nicht darauf vorbereitet?«, fragte Rhodan. »Ich bin überzeugt davon, dass sie über alles informiert sind.«

Skenzran schwieg.

»Was nun?«, erkundigte sich Danton. »Denkst du, dass wir hier finden, was wir suchen?«

»Auf keinen Fall kehren wir jetzt schon um«, entschied Perry Rhodan. »Wir gehen die Trasse hinab bis zur nächsten Ebene und schauen uns dort um. Vielleicht finden wir Hinweise.«

Er dachte darüber nach, wie Jen Salik sich zurechtgefunden haben mochte. Wie viel Zeit hatte der auf Gäa geborene ehemalige Klimaingenieur und heutige Ritter der Tiefe in dem Gewölbe verbracht, bis er die Relikte der Steinernen Charta von Moragan-Pordh entdeckt hatte? Tage? Monate – oder gar Jahre? Ihnen blieben nur wenige Stunden, bestenfalls ein Tag.

»Ich verstehe nicht, dass Salik mir die Ausmaße des Gewölbes verschwiegen hat«, sagte Rhodan ärgerlich. »Er hätte mich warnen und mir eine exaktere Beschreibung geben müssen.«

Roi Danton sah seinen Vater nachdenklich an. »Vermutlich hat Jen dir so viel verraten, wie er durfte. Er musste sich an die Weisungen der Zeremonienmeister halten. Sie wiederum beziehen ihre Anordnungen offenbar von Dienern der Kosmokraten.«

»Was schließt du daraus?«

»Von einem Ritter der Tiefe erwartet jeder, dass er sich hier zurechtfindet«, behauptete Danton.

Skenzran trat zwischen sie. »Ich glaube nicht, dass ich euch eine Hilfe sein kann. Wenn ihr gestattet, kehre ich um. Meine Tochter wird mich zurück in den Dom begleiten.«

Die junge Frau mit der Tyrillischen Lähmung schien sich im Rollstuhl aufzubäumen. Ihr Körper spannte sich; die fingerlangen Hornzapfen vor ihrem Mund knirschten aufeinander. »Ich werde bei diesen Menschen bleiben«, sagte sie wild entschlossen.

Beide Zarken starrten einander an. Rhodan hatte den Eindruck, dass sie eine stumme Zwiesprache hielten, über deren Inhalt er nicht einmal Mutmaßungen anstellen konnte. Zweifellos ging es dabei um die Beziehung zwischen Vater und Tochter.

Rhodan beendete diesen Zweikampf der Blicke, indem er entschied: »Vorläufig musst du bei uns bleiben, Skenzran, auch wenn du dich hier unten nicht besser auskennst als wir. Es ist denkbar, dass wir in eine Situation geraten, in der wir auf deine Hilfe nicht verzichten können.«

»Noch bist du nicht geweiht«, protestierte der Domwart. »Ich muss deinen Befehlen nicht gehorchen.«

»Trotzdem wirst du tun, was ich verlange!«

Der hünenhafte Zarke wand sich wie unter körperlichem Schmerz. Sein Stolz war verletzt, jedes weitere falsche Wort hätte vermutlich genügt, ihn handgreiflich werden zu lassen. Dieser bedrohliche Moment ging aber schnell vorüber. Skenzran neigte den Kopf und sagte dumpf und kaum verständlich: »Ich begleite euch.«

Rhodan deutete die Trasse hinab, die wie ein platt getrampelter, ausgetrockneter Wurm abwärtsführte. »Kommt!«, forderte er seine Begleiter auf und setzte sich wie selbstverständlich an die Spitze.

Schon auf den ersten Metern entstand die Vision, in einen brodelnden Mahlstrom hinabzuschreiten. Waylon Javier zögerte plötzlich. Skenzran hielt die Rückenlehne des Rollstuhls umklammert, um zu verhindern, dass dieser sich auf der abschüssigen Strecke selbstständig machte. Seine Tochter hatte den Kopf erwartungsvoll gehoben; sie mochte die Einzige sein, die den Aufbruch mit fieberhafter Erwartung erlebte.

Der feindselig wirkende Kunsthimmel schien sich wie eine gigantische Blüte immer weiter zu öffnen, je tiefer die Gruppe kam. Bevor sie die erste Ebene und einen in Blau gehaltenen Sektor erreichten, stießen sie auf ein leuchtendes Gespinst, das quer über der Trasse lag. Es bestand aus haarfeinen metallischen Fäden mit einigen kugeligen Verdickungen, die rhythmisch aufleuchteten.

Als Skenzran den Rollstuhl mit seiner Tochter darüber hinwegschob, knirschte das Gebilde wie unter Schmerzen. Rhodan erschien es in dem Moment, als liefe er über etwas Lebendiges hinweg.

An ihrem Ende war die Trasse einen halben Meter abgesackt. In der Bodenfalte hatte sich allerhand Gerümpel angesammelt.

Rhodan blickte zu den Kunstsonnen auf. Sie waren so installiert, dass es kaum Schattenwurf gab. Und dennoch: Wenn Perry oder die anderen sich bewegten, huschten um sie herum nur vage wahrnehmbare Erscheinungen über den Boden.

Der Eingang zum blauen Sektor bestand aus einem bogenförmigen, geschmückten Tor. Es stand einsam da, beinahe wie ein Galgen, an mehreren Stellen geknickt und auf einer Seite so weit aus dem blauen Boden gerissen, dass es umzukippen drohte. In der Mitte des Bogens hing ein fledermausähnliches Objekt aus Metall herab, das mit schriller Stimme krächzte: »Willkommen! Willkommen!«

Skenzran blickte hinauf.

»Das ist nur ein robotischer Sensor«, erklärte Rhodan. »Kein Grund zur Sorge.«

»Man begrüßt uns«, sagte das Mädchen mit der Tyrillischen Lähmung. »Ich wusste, dass wir freundlich aufgenommen werden.«

»Und wer, bei allen Planeten, ist man?« Roi Danton schaute sich argwöhnisch um.

Die Frage war verständlich, denn so leblos die Station vom oberen Eingang aus gewirkt hatte – hier, in der ersten Ebene, entstand bereits ein völlig anderer Eindruck. Es war, als beobachteten unsichtbare Augen die Eindringlinge.

Sie unterquerten den Torbogen und betraten den blauen Bereich. Sechs strahlenförmig angeordnete Schneisen führten tiefer in den Sektor. Jede Schneise war mit doppelseitigen großen Boxen bestückt, in denen alle möglichen Dinge aufbewahrt oder, vielleicht der passendere Ausdruck, ausgestellt wurden.

Rhodan sah seine Begleiter der Reihe nach an. Er fühlte sich müde, doch angesichts der Strapazen in den letzten Tagen wunderte ihn das nicht. Ohne seinen Zellaktivator wäre er ausgebrannt gewesen.

Nicht allein der Zellaktivator!, korrigierte er sich. Da war mehr im Spiel, das er nicht so recht klassifizieren konnte. Die Kraft eines Ritters der Tiefe?

»Ich glaube, es ist ziemlich egal, wo wir anfangen«, sagte er achselzuckend.

»Warum trennen wir uns nicht?«, schlug Danton vor. »Auf diese Weise kämen wir schneller voran.«

Rhodan lehnte das ab. »Es ist durchaus möglich, dass wir auf Probleme stoßen, die wir nur gemeinsam lösen können.«

Sie drangen in die am weitesten links liegende Schneise ein. Die Boxen sahen alle gleich aus: blauer Boden, blaue Wände, keine Decke. Die Wände waren drei Meter hoch, hatten aber an keiner Stelle Verzierungen oder Aufschriften. Wen immer die Erbauer dieses Museums als Besucher erwartet hatten – sie schienen deren Kenntnis aller hier ausgestellten Dinge vorausgesetzt zu haben.

Und nun kommt eine Handvoll Blinder!, dachte Rhodan.

Sie wanderten von einer Box zur nächsten, und obwohl alles fremdartig und vieles spektakulär wirkte, hatte er das Gefühl, Objekte zu betrachten, die für ihre Besitzer alltäglich gewesen waren.

Rhodan ließ den Blick schweifen. Erst vor den letzten Wänden blieb er stehen. Da lag ein zylindrisches Rohr mit zernarbter Außenfläche, ein Stab war wie ein Degen hindurchgestochen. Das Gebilde war von seinem Podest gestürzt. Es erweckte den Anschein, als wäre es von jemandem mit außergewöhnlicher Kraft kurz aufgehoben, untersucht und dann achtlos fallen gelassen worden.

Rhodan wollte diese Box betreten, und erst jetzt wurde er sich einer unsichtbaren Grenze rings um die blauen Wände bewusst. Sie materialisierte als etwas Gegenständliches in seinem Bewusstsein, als er den entscheidenden Schritt tat. Jäh hielt er inne.

»Ritter, du darfst hier nichts anrühren.« Skenzrans Stimme klang bestürzt.

»Wie sollen wir Erfolg haben, wenn wir alles nur betrachten können?«, widersprach Rhodan und überschritt die unsichtbare Grenze.

Er hatte mit der verrücktesten Reaktion gerechnet, aber nichts geschah. Perry Rhodan beugte sich über das Rohr und griff nach dem Stab, der darin steckte. Der Domwart gab einen erstickten Laut von sich und schien sich hinter dem Rollstuhl seiner Tochter verkriechen zu wollen.

Eine mechanische Stimme sagte unverhofft: »Das ist eine lautlose Faust. Sie wurde entworfen und konstruiert von Damus Kdrak Orv aus der Dynastie der Regenbogen-Ingenieure.«

Das leere Podest glühte von innen heraus. In einem transparent werdenden Hohlraum erschien ein winziges skelettöses Modell der lautlosen Faust. Auf der einen Seite des Modells tobte ein energetischer Wirbel, der von einem unwiderstehlichen Sog in das Rohr gezogen wurde – auf der anderen Seite entstanden Blitze, so groß wie Stecknadelköpfe. Dann erlosch das Podest, der Spuk war vorüber.

»Eine recht harmlose Demonstration.« Rhodan lächelte seinen Begleitern zu. »Hier ist offenbar alles friedlich wie in einem Museum. Ich glaube, dass die hier angeblich lauernden Gefahren nur eine Legende sind.«

Er kam auf den Gang zurück. Eine Querschneise hinter den Boxen hätte es der Gruppe erlaubt, von oben aus in den nächsten Gang zu gelangen. Rhodan entschied sich jedoch dagegen: »Ich glaube nicht, dass es in diesem blauen Sektor viel zu sehen gibt. Wir suchen einen Weg auf die nächste Ebene.«

»Weißt du, wer die Regenbogen-Ingenieure waren?« Danton wandte sich an den Domwart.

»Porleyter, wer sonst?«, sagte Perry Rhodan, weil der Zarke schwieg.

Von der Querschneise aus führten zahlreiche Bandstraßen zu anderen Ebenen. Die meisten dieser Straßen waren in einem derart erbärmlichen Zustand, dass sie nur mit riskanten Klettermanövern zu überwinden gewesen wären, ungeeignet für den Rollstuhl mit Skenzrans Tochter.

Schließlich entdeckten sie eine einigermaßen intakte Straße, wenn sie auch zerrissen und aufgebrochen aussah wie eine Schlange vor der Häutung. Sie führte zu einem in Grün gehaltenen Sektor. Das Gefälle war nicht stark, die junge Frau mit der Tyrillischen Lähmung konnte ihren hölzernen Stuhl selbst steuern. Sie hatte nichts von ihrer erwartungsvollen Haltung verloren, und es schmerzte Rhodan, wenn er an die Enttäuschung dachte, die ihr zweifelsohne bevorstand.

»Ich habe ein eigenartiges Gefühl, wenn ich mich umsehe«, bekannte er.

»Mir geht es genauso«, bestätigte Javier. »Es ist, als würden wir beobachtet.«

»Das meine ich gar nicht.« Rhodan schüttelte den Kopf. »Mir geht es um das Gesamtbild der porleytischen Technik, wie es sich uns nun darstellt.«

Die Gefährten blickten ihn verständnislos an.

»Ich kann mich täuschen ...« Rhodan machte eine kurze Pause. »Aber rein gefühlsmäßig würde ich sagen, dass es eine Affinität zwischen Cyber-Brutzellen, Zeitweichen und all diesen Dingen hier gibt.«

Javier schluckte schwer.

»Wo soll der Zusammenhang sein?«, fragte Danton. »Du denkst hoffentlich nicht, dass die Porleyter mit Seth-Apophis zu tun haben könnten?«

»Es gibt keine Porleyter mehr«, erinnerte Javier.

»Wartet!« Danton sah seinen Vater entsetzt an. »Nimmst du an, dass Seth-Apophis aus den Porleytern hervorgegangen ist? Dass die unglückliche und gefährdete Superintelligenz eine evolutionäre Weiterentwicklung der Porleyter sein könnte, der Vorläuferorganisation der Ritter der Tiefe?«

»So kompliziert sehe ich das nicht«, entgegnete Rhodan. »Ich vermute nur, dass Agenten der Seth-Apophis hier unten waren, Ideen und Dinge gestohlen und die Anlage teilweise verwüstet haben.«

»Seth-Apophis im Besitz porleytischer Waffen?«, ächzte Javier. »Das wäre entsetzlich!«

»Vielleicht stoßen wir auf Hinweise, die meinen Verdacht als falsch erweisen werden«, sagte Rhodan. »Trotzdem glaube ich, dass Querverbindungen zwischen Seth-Apophis und den Porleytern bestehen.«

Sie setzten den Weg zum grünen Sektor fort. Mehrmals musste der Rollstuhl über zerstörte Straßenteile hinweggehoben werden.

Waylon Javier hatte Gelegenheit, über Rhodans Vermutungen nachzudenken. Je länger er sich damit auseinandersetzte, desto wahrscheinlicher erschien ihm, dass der Aktivatorträger recht haben könnte. Zeitweichen und Cyber-Brutzellen waren für menschliche Begriffe exotische Waffen. Die Verantwortlichen der Kosmischen Hanse und der Liga Freier Terraner hatten sich oft gefragt, wie Seth-Apophis sie entwickelt haben oder in ihren Besitz gelangt sein könnte. Nun zeichnete sich möglicherweise eine Antwort ab.

An der Schwelle zum grünen Sektor waren die Zerstörungen besonders schlimm; der Boden war ausgeglüht und von einer verbackenen Ascheschicht bedeckt, die unter dem Gewicht der vier Männer und des Rollstuhls knirschte und stellenweise sogar nachgab.

Die Aufteilung der Gänge und Boxen unterschied sich bis auf die Farbe nicht vom blauen Bereich, aus dem sie kamen. Es gab jedoch keinen Torbogen. Dafür sanken von der Stationsdecke über den Kunstsonnen tropfenförmige Gebilde herab. Sie hingen an leuchtenden Fäden, die nicht dicker als wenige Millimeter zu sein schienen.

Fäden und Tropfen bildeten eine Art Vorhang. Die Fäden erzitterten, sodass die Tropfen leise klirrend aneinanderstießen. Dabei entstand eine Folge beinahe melodischer Laute, die den Kommandanten der BASIS innerlich anrührten. Er fragte sich, wie sie auf die andere Seite des klingenden Vorhangs gelangen konnten, ohne diese Kostbarkeit zu zerstören.

Nach einer Weile, während der sie alle fünf fasziniert gelauscht hatten, sank ein dickerer Tropfen herab, der an mehreren Fäden hing. »Willkommen! Willkommen!«, sagte er wie schon die künstliche Fledermaus am Eingang zum blauen Bereich.

»Danke«, erwiderte Perry Rhodan. »Und nun macht uns Platz!«

Keiner rechnete damit, dass dieses Verlangen Erfolg haben würde. Aber die Fäden ruckten prompt nach oben und zogen die Tropfen mit sich, alle bis auf jenen, der gesprochen hatte und der nicht aufhörte, seinen Willkommensgruß zu verkünden.

Sie passierten die Schwelle zwischen Straße und grünem Sektor. Wie schon im blauen Bereich drangen sie in die am weitesten links liegende Schneise ein. Die Boxen unterschieden sich nicht von denen im blauen Areal, allerdings schienen die in ihnen aufbewahrten Dinge, sofern nicht zerstört, ungleich interessanter zu sein.

Javier erkannte den Grund dafür schnell: Im grünen Bereich waren alle Ausstellungsstücke wesentlich älter. Ihnen haftete etwas an, was daran keine Zweifel aufkommen ließ. Außerdem waren sie feiner gearbeitet und wiesen komplizierte Details auf. Sie wirkten so fremdartig, dass jeder nur darüber rätseln konnte, ob es sich um Gebrauchsgegenstände, Waffen oder Kunstwerke handelte.

Wahrscheinlich war von allem etwas da, sinnierte Javier. Sie mussten nur lernen zu unterscheiden.

Wieder eilte Rhodan an den Ausstellungsboxen vorbei, als wäre er in der Lage, die Stücke und ihre Bedeutung ohne Weiteres abzuschätzen. Skenzran schien das nicht zu gefallen, denn er brummelte ununterbrochen vor sich hin, bis seine Tochter aufbegehrte. »Musst du fortwährend schimpfen?«, fragte sie.

Ungefähr in halber Höhe der Schneise blieb Rhodan stehen. Er blickte in ein Fach, in dem ein Helm präsentiert wurde. Jedenfalls erinnerte das Objekt an einen riesigen Helm.

Danton kam seinem Vater zuvor und betrat den Ausstellungsbereich. Er setzte sich die orangefarbene Haube auf, und seine Stimme klang dumpf darunter hervor.

»Allerhand verrücktes Zeug hier drinnen!«

Ein greller Blitz zuckte unter dem Helm hervor – ein Blitz, der sich unglaublich langsam ausbreitete und mit seinen Tausenden von verschiedenfarbigen Verästelungen genau zu sehen war.

Javier schrie auf, als er erkannte, dass der Blitz sich weder auflöste noch im Boden verschwand, sondern wie feurige Lianen Dantons Beine umhüllte.

»Komm da raus!«, rief Rhodan.

Auf der Vorderseite der Haube öffnete sich eine Klappe und spie einen elfenbeinfarbenen Würfel aus, der zu Boden polterte. Ein weiterer Blitz brannte mit feurigen Ausläufern Zeichen in den Quader. Es waren die hässlichsten Symbole, die Javier je gesehen hatte, und sie schienen ihn grausam anzustarren, obwohl es nur verbrannte schwarze Furchen in einer weißen Fläche waren.

Prompt schloss der Raumfahrer die Augen. Aber schon in der nächsten Sekunde zwang ihn ein dumpfer Laut, die Lider wieder zu öffnen.

Danton war zusammengebrochen, und Flammen züngelten über ihn hinweg, als suchten sie nach einer Stelle, wo sie ihre Zeichen in den Körper einbrennen konnten.

Perry Rhodan stürzte in die Box, packte seinen Sohn an den Beinen und zog ihn auf den Gang zurück.

Die Flammen erloschen.

»Was ... was war das?« Javier holte tief Luft.

Rhodan antwortete nicht. Er bemühte sich um seinen Sohn, der entweder das Bewusstsein verloren hatte oder tot war.

Erst in diesem Augenblick wurde sich Waylon Javier der Tatsache bewusst, dass Skenzran nicht mehr bei ihnen war. Er schaute sich um und sah den Zarken, den Rollstuhl schiebend, in der Richtung verschwinden, aus der sie gekommen waren. Javier hörte zugleich Skenzrans Tochter protestieren; sie schien mit dieser Flucht nicht einverstanden zu sein.

Rhodan hob kurz den Kopf. Sein Gesicht war von Sorgen und quälenden Fragen geprägt. »Hol ihn zurück!«, bat er.

Javier stürmte los. Er holte den Domwart ein, als dieser die Schwelle zur Straße fast schon erreicht hatte. Beharrlich hing dort der große Tropfen und sang seinen Willkommensgruß.

Waylon Javier packte Skenzran am Arm. Dabei war er sich durchaus der Tatsache bewusst, dass der Hüne ihn mit einem einzigen Hieb niederstrecken und schwer verletzen konnte.

»Der Ritter hat dir nicht gestattet, dich von uns zu entfernen!«, mahnte Javier. »Kehr um, Domwart! Wir haben einen Verletzten, um den wir uns kümmern müssen.« Er sagte Verletzter und hoffte, dass es sich nicht bereits um einen Toten handelte.

Der Zarke starrte ihn mit seinem Auge an. Javier spannte die Muskeln an.

»Du darfst ihm nichts tun, Vater!«, rief das Mädchen.

Javier schenkte der Kranken einen dankbaren Blick, dann ergriff er kurz entschlossen die Lehne des Rollstuhls und wuchtete das primitive Gefährt herum. »Vorwärts!«, befahl er, zugleich drückte er gegen die Lehne. Offensichtlich war es ihm gelungen, Skenzran zu überrumpeln, denn der Domwart folgte schweigend.

Javier sah, dass Rhodan seinem Sohn wieder auf die Beine half. Danton war grau im Gesicht, seine Augen standen weit offen und wirkten irgendwie starr.

»Er ist noch nicht richtig bei sich«, erklärte Rhodan. Dann, mit einem Unterton von Schärfe in der Stimme: »Keiner außer mir betritt ab sofort eine dieser Boxen! Ich hoffe, das ist deutlich genug.« Danton versuchte zwar zu grinsen, brachte aber nur eine Grimasse zustande.

Sie setzten ihren Weg fort, bis sie am Ende der Schneise auf vier Räume stießen, in denen Fossilien ausgestellt waren. Es handelte sich um Wesen, die wie große Amöben aussahen und selbst als Versteinerung ausdrucksvolle Augen hatten. Als die Besucher vor die Box traten, erhellten sich die Steinplatten. Zu Javiers Entsetzen zappelten die Amöben plötzlich und scharrten mit ihren krallenbewehrten Beinchen, als lebten sie. Sie bewegten sich wie in zähem Schlamm, jedoch ohne nur einen Schritt voranzukommen. Es war ein gespenstisches Schauspiel, für das es keine Erklärung zu geben schien.

»Weiter!«, drängte Rhodan.

Was mochten die Porleyter sich gedacht haben, als sie dieses seltsame Museum einrichteten? Javier hatte den Wächterorden bislang glorifiziert und war der Meinung gewesen, dass eine Vorläuferorganisation der Ritter der Tiefe eine unvorstellbar hohe Ethik entwickelt haben musste.

Aber das war ja alles Unsinn!, dachte er, ärgerlich auf sich selbst. Was war er nur für ein Narr, dass er diese Dinge ausschließlich von seinem menschlichen Standpunkt aus beurteilte, aus einer Sicht, die alles verzerrte.

Die nächsten Stunden vergingen unglaublich schnell. Was er erlebte, wirkte auf Waylon Javier wie ein seltsamer Traum. Er sah Dinge, die er sich in seiner kühnsten Phantasie nicht auszumalen versucht hätte – und ebenso schnell vergaß er sie wieder, weil sie einfach zu weit außerhalb jeder Vorstellungskraft lagen.

Perry Rhodan machte nur selten halt. Zwei- oder dreimal betrat er in den einzelnen Gängen eine Box und untersuchte kurz deren Inhalt. Dabei wurde er immer verschlossener. Ob das ein Zeichen von Ungeduld oder Furcht war, blieb dahingestellt.

Javier kämpfte gegen seinen aufkommenden Pessimismus an. Rhodans Vorgehen erschien ihm sinnlos. Sie alle, mit Ausnahme von Skenzrans Tochter, wurden der Suche müde.

Inzwischen waren sie in einen dritten Bereich übergewechselt. Hier herrschte hellrote Färbung vor.

In einer der ersten Boxen stießen sie auf die Gestalt.

Die Bezeichnung als Statue wäre der Figur nicht gerecht geworden, denn sie wirkte trotz ihrer Starre wie ein lebendiges Wesen.

Über und über war die Gestalt mit Ausrüstungsgegenständen behängt. Javier konnte nicht sagen, ob es sich dabei um Waffen oder wissenschaftliche Instrumente handelte. Die Haltung der Gestalt vermittelte jedoch den Eindruck von Wachsamkeit und Angriffslust, deshalb war er geneigt, in dem Objekt die Darstellung eines Soldaten zu sehen.

Ein kurzer, gedrungener Körper, vier stempelähnliche Beine und ein sich zum Kopf hin verjüngendes Oberteil, das zur Hälfte Brust und zur anderen Hälfte Hals zu sein schien. Aus der Brusthälfte ragten vier schlanke Ärmchen, die in langen Greiflappen mit jeweils drei Extremitäten endeten. Der Kopf war flach und entfernt katzenhaft. Zwei große behaarte Ohren standen seitwärts ab, die großen Augen traten ein Stück hervor, und der herzförmige Mund war halb geöffnet. Ob dieses Wesen in seiner letzten Sekunde wütende Laute hervorgestoßen hatte? Ängstliche? Oder einfach nur ein überraschtes Knurren? Wo die Haut des Unbekannten von der Uniform nicht bedeckt wurde, schimmerte sie in blassem Rosa.

Die Gestalt war an die drei Meter groß, eine überaus imposante Erscheinung. Ohne dass Rhodan es anordnete, wie auf ein geheimes Kommando hin, blieb die Gruppe vor der Box stehen.

»Dieses Kunstwerk kommt dem Original wahrscheinlich sehr nahe«, sagte Danton nach einer Weile.

»Vielleicht handelt es sich um das Original«, bemerkte Rhodan.

Die Vorstellung, jemand könnte ein lebendes und offensichtlich hochintelligentes Wesen auf unbekannte Weise über einen langen Zeitraum hinweg konserviert haben, um es in dieser unglaublichen Ausstellung zu zeigen, erschien Javier barbarisch.

»Ob es sich um einen Porleyter handelt?«, fragte er.

»Ich bin sicher, dass das nicht der Fall ist«, antwortete Rhodan, ohne zu erklären, was ihn so sicher machte. »Wir wissen über die Ritter der Tiefe, dass sie von Orbitern begleitet wurden. Warum sollten die Vorläufer des Wächterordens nicht ähnliche Gepflogenheiten gehabt haben? Ich nehme an, wir stehen dem Orbiter eines Porleyters gegenüber.«

2.

Domwart Skenzran wurde nur mehr von Überlegungen beherrscht, wie er unauffällig und ohne seiner Tochter zu schaden, die Expedition verlassen und in den Dom Kesdschan zurückkehren könnte. Sein erster Versuch war fehlgeschlagen, weil er ihn nur halbherzig durchgeführt hatte, aber auch, weil sich seine an den Rollstuhl gefesselte Tochter als schwerer Ballast erwiesen hatte. Mit dem unbesiegbaren Optimismus ihrer Jugend glaubte sie an eine Heilung. Dabei hatte die Tyrillische Lähmung sich längst tief in ihren Körper gefressen; sie war eine seltene Krankheit, die nur auf Croul auftrat und nur Zarken befiel. Bislang gab es weder Impfstoffe noch eine Heilungsmethode.

Inzwischen waren Skenzrans Überlegungen so weit gediehen, dass er es für legitim hielt, allein in den Dom zurückzukehren. Sein Kind war offensichtlich versessen darauf, bei den Terranern zu bleiben. Er hätte der Kranken keinen Gefallen getan, wenn er sie aus dieser gefährlichen Umgebung rettete.

Während Skenzran sich eine brüchige Rechtfertigung seiner eigenen Schwäche konstruierte, stieß die Gruppe auf die Gestalt.

Der Domwart erkannte, dass es so schnell keine günstigere Gelegenheit zur Flucht geben würde. Die drei Terraner beachteten ihn nicht, ihre Aufmerksamkeit galt dem vierbeinigen Wesen in der Box.

Trotzdem verharrte Skenzran wie erstarrt hinter dem Rollstuhl.

Seine Aussichten wuchsen, als Perry Rhodan den engen Raum betrat und das konservierte Wesen sich zu aller Entsetzen plötzlich bewegte. Skenzran floh dennoch nicht, er war einfach nicht dazu in der Lage. Er sah, dass Rhodan einen Schritt zurückwich.

»Zu deinen Diensten«, sagte das soeben zum Leben erwachte Wesen mit einer knurrenden, keineswegs unangenehm klingenden Stimme. »Ich stehe jedem Berufenen zur Verfügung.«

Skenzran wurde übel vor Furcht, er redete sich beinahe ein, dass er den Verstand verloren hatte. Gerade deshalb kam er nicht umhin, Rhodan zu bewundern. Der Ritter der Tiefe blieb jedenfalls stehen und ließ zu, dass der Unbekannte sich ihm näherte.

Als der Vierbeinige Rhodan fast erreicht hatte, streckte dieser den rechten Arm aus – und seine Hand verschwand in dem rosafarbenen Körper.

»Wie ich vermutet hatte ...«, sagte der Terraner zu seinen Freunden. »Eine Art perfektes Hologramm.«

Skenzran fiel auf, dass der Fremde sorgfältig darauf achtete, nicht über die Grenze der Box hinaus auf den Gang zu geraten. Vermutlich hätte er sich dort aufgelöst.

»Eines stört mich«, fuhr der Vierbeinige fort, eindeutig an Rhodan gewandt. »Du bist ein Berufener, aber du bist es auch wieder nicht.«

»Ich habe den Status eines Ritters der Tiefe, nur meine Ritterweihe steht noch aus«, antwortete der Terraner.

»Eine Katastrophe hat sich ereignet«, verkündete die Gestalt. »Eine schreckliche Katastrophe, die zu schwerwiegenden Verwüstungen geführt hat. Ich hätte ihr ebenfalls zum Opfer fallen können.«

»Ich weiß«, bestätigte Rhodan. »Wer bist du eigentlich?«

»Ich war Sartelephan«, antwortete das Ding. Um seinen Körper herum entstand ein schwaches Flackern, als könnte es seine rätselhafte Existenz im Zustand der Bewegung nicht länger aufrechterhalten.

»Ist dies eine Anlage der Porleyter?«, fragte Rhodan schnell.

»Ja.«

»Gehörst du zu den Porleytern?«

»Ich gehörte nicht zu ihnen.«

Skenzran folgte der Unterhaltung in einem Zustand merkwürdiger Apathie. Nach wie vor bedrängte ihn der Gedanke, sich so schnell wie möglich abzusetzen, doch eine bleierne Schwere hinderte ihn daran.

»Wir suchen nach den Relikten der Steinernen Charta von Moragan-Pordh«, erklärte Perry Rhodan. »Kannst du uns sagen, wo wir sie finden?«

»Im gelben Bereich nahe dem Zentrum. Dort sind die Zerstörungen am schlimmsten. Außerdem treiben sich aus dem Steuer gelaufene Trivers dort herum.«

»Was ist eigentlich mit den Porleytern geschehen?«, fragte Rhodan weiter. »Gibt es sie noch?«

»Sie sind gegangen!«

»Gegangen? Wohin?«

»Das weiß niemand. Es ist auch nicht bekannt, ob sie noch existieren. Nur über ihre letzte große Tat gibt es eine Legende.«

Rhodan beugte sich vor. »Was war das für eine letzte große Tat?«, forschte er.

»Es heißt, dass sie den Frostrubin verankert haben«, sagte Sartelephans Abbild.

Skenzran wusste nicht, warum, aber er hatte den Eindruck, dass diese Auskunft den Ritter der Tiefe innerlich aufwühlte.

»Den Frostrubin?«, echote Rhodan. »Was heißt das? Was ist der Frostrubin, und warum wurde er verankert?«

»Darüber besitze ich keine Informationen.« Das Hologramm kehrte an seinen ursprünglichen Platz zurück und nahm exakt jene Haltung wieder ein, in der es sich zuvor befunden hatte.

Skenzran hatte das Gefühl, als fiele eine schwere Last von ihm ab. Er hörte nicht länger auf das, was Rhodan und die Gestalt miteinander redeten, sondern beugte sich über den Rollstuhl nach vorn und flüsterte seiner Tochter zu: »Ich ziehe mich zurück! Sobald ich im Dom bin, werde ich Radaut berichten, was sich hier unten abspielt.«

»Vater, du bist dieser Gruppe zugeteilt worden, und es ist deine Pflicht, bis zum Ende der Mission dabeizubleiben«, widersprach die Gelähmte.

Der Domwart zuckte betroffen zusammen. Trotzdem war er nicht bereit, seinen Entschluss aufzugeben. Er klammerte sich an das, was er sich innerlich zurechtgelegt hatte. »Das verstehst du nicht«, sagte er grob.

Seine Tochter sah ihn in einer Art und Weise an, die ihm klarmachte, dass sie ihn völlig durchschaute, dass sie sogar seine geheimsten Gedanken kannte und verstand. Das machte alles richtig schlimm.

»Warum bist du nur nach Khrat gekommen?«, würgte Skenzran hervor, dann warf er sich herum und stürmte davon. Er rechnete damit, dass sie hinter ihm herrufen und die anderen warnen würde, aber sie saß ruhig in ihrem Rollstuhl und schwieg.

Unangefochten erreichte er das Ende der Schneise und bog in den Hauptgang ein. Gleich darauf betrat er eine halbwegs intakt gebliebene Trasse und stürmte sie hinauf. Diesmal würde ihn niemand einholen.

Als er merkte, dass er nicht verfolgt wurde, hielt er inne. Über den Rand der Straße hinweg konnte er den unter ihm liegenden roten Bereich einsehen. Vor der Box schien sich nichts verändert zu haben, wenngleich seine Tochter und die Terraner ebenso erstarrt wirkten wie Sartelephan. Einen Augenblick lang vermutete Skenzran, dass ein schreckliches Schicksal die anderen ereilt haben könnte, doch dann sah er, dass sie sich in Bewegung setzten. Sie erschienen ihm wie Insekten, die über ein blutgetränktes Brett dahinkrochen.

Hoffentlich entkommt sie niemals von hier!, schoss es Skenzran durch den Kopf, und er hasste sich für diesen Gedanken.

Die Anlagen nahe dem Zentrum waren zyklopenhaft und so gewaltig, dass die verheerenden Verwüstungen erst richtig sichtbar wurden, als die kleine Gruppe in den gelben Sektor vorstieß. Waylon Javier hatte es übernommen, sich um das Mädchen mit der Tyrillischen Lähmung zu kümmern.

Die im gelben Sektor aufgebauten Boxen waren zum größten Teil zerstört, nahezu ihr gesamter Inhalt bestand nur mehr aus Trümmern. Perry Rhodan gewann jedoch den Eindruck, dass viele Dinge weggeschafft worden waren, entweder von Zeremonienmeistern und Domwarten oder von Helfern der Superintelligenz Seth-Apophis.

Vorsichtig bahnten sich die vier Eindringlinge einen Weg durch die Ruinen. Dabei hatte Rhodan wieder oft den Eindruck, dass sie von huschenden Schemen begleitet wurden. Sosehr er sich aber bemühte, etwas Konkretes zu entdecken, er hatte keinen Erfolg. Was Sartelephan über die Trivers gesagt hatte, ging ihm nicht aus dem Sinn.

Die Schneise, durch die sie sich bewegten, führte auf das Zentrum zu. Rhodan glaubte ein leichtes Vibrieren des Bodens zu spüren, das vielleicht von noch arbeitenden Maschinen herrührte. Plötzlich vernahm er ein schabendes Geräusch. Er schaute sich um und sah zwischen den uralten Fragmenten eine unglaubliche Szene: Ein sechsfingriger Handschuh kämpfte mit einem gürteltierähnlichen Metallgeschöpf.

Das »Gürteltier« war zweifellos ein Spezialroboter. Er hatte bedrohlich aussehende Instrumente ausgefahren und versuchte, dem Handschuh damit beizukommen. Inzwischen hatten Javier, Danton und die Tochter des Domwarts die seltsamen Kontrahenten ebenfalls entdeckt und beobachteten sie wie gebannt.

Ein linker Handschuh!, schoss es Rhodan durch den Kopf, und er fragte sich, wo der dazu passende rechte sein mochte.

Der Handschuh schien aus einem elastischen Material zu bestehen. Über dem Handgelenk saß eine Art Spange. Aus den Fingerkuppen zuckten verschiedenfarbige Energiestrahlen. Das ließ nur die Deutung zu, dass der Handschuh bemüht war, seinen Gegner zu treffen.

Rhodan zeigte auf das »Gürteltier«. »Ich glaube, dass dies einer der Trivers ist, von denen Sartelephan sprach.«

Er wusste nicht, weshalb, innerlich ergriff er Partei für den Handschuh, obwohl ihm dies absurd erschien. Der Kampf tobte erbittert; es stand außer Frage, dass jeder der beiden Kontrahenten versuchte, den anderen zu vernichten.

Wie unter einem inneren Zwang trat Rhodan näher an die ineinander verschlungenen Widersacher heran. Er überlegte kurz, dann holte er mit dem rechtem Bein aus und versetzte dem »Gürteltier« einen derben Tritt.

Der Roboter quietschte, als er durch die Luft gewirbelt wurde. Er landete jedoch geschickt auf seinen Beinen und kroch hastig zwischen den Trümmern davon.

Der Handschuh krabbelte noch ein Stück über den Boden, dann blieb er liegen, als hätten ihn seine Kräfte verlassen.

Rhodan folgte ihm. Als er sich hinabbeugte, rief Roi Danton warnend: »Ich würde das Ding nicht anrühren. Vermutlich kommt es aus einer der Boxen und ist eine geheimnisvolle Waffe.«

Perry Rhodan zuckte die Achseln und ergriff den Handschuh. Er fühlte sich kalt und schlaff an. Für eine menschliche Hand schien er zu groß zu sein.

Rhodan schob das Artefakt unter seinen Gürtel. »Eigentlich sollten zwei existieren«, sagte er leichthin. »Jedenfalls nach menschlichem Verständnis. Vielleicht finden wir irgendwo den rechten.«

Ihm war klar, dass er sich leichtsinnig verhielt. Der Handschuh hatte bewiesen, wozu er in der Lage war, und dabei vermutlich nur einen Teil seiner Fähigkeiten gezeigt. Wenn er auch wie ein einfaches Kleidungsstück an Rhodans Gürtel hing, konnte er jederzeit neue Aktivität entfalten. Perry Rhodan war indes so von seinem Fund fasziniert, dass er ihn auf keinen Fall zurücklassen wollte.

Waylon Javier starrte auf Rhodans Hüfte, auf den Handschuh. »Ob er einem Porleyter gehörte?«, fragte der BASIS-Kommandant.

Rhodan lächelte. »Dann wüssten wir wenigstens, dass Porleyter große, sechsfingrige Hände haben.«

Kratzende Geräusche unterbrachen ihn. Mehrere Trivers kletterten vor ihnen auf einen Trümmerhaufen und blickten zu ihnen herüber.

Zum ersten Mal zeigte das Mädchen mit der Tyrillischen Lähmung Anzeichen von Furcht. Sie hatten keine Waffen mitgenommen, ein massierter Angriff einiger Dutzend Roboter konnte ihnen durchaus zum Verhängnis werden.

»Wir müssen weiter!«, entschied Rhodan. »Die Trivers dürfen keine Zeit haben, sich zu formieren.«

Javier schob den Rollstuhl und folgte Rhodan, der wieder die Führung übernahm. Danton bildete den Abschluss. Sie bewegten sich an zerstörten Boxen und Ausstellungsstücken vorbei und mussten immer wieder anhalten, um gemeinsam das primitive Gefährt über Barrieren hinwegzuheben.

Jeder Blick zurück zeigte, dass die Meute der Verfolger größer wurde. Unter diesen Umständen wagte Rhodan nicht, an ihren Rückweg zu denken.

Danton schien ähnliche Bedenken zu haben. »Wir brauchen Waffen, mit denen wir uns verteidigen können«, sagte er.

Rhodan war unschlüssig. »Was wir bislang gefunden haben, war so fremdartig, dass es sicher ein Risiko wäre, damit gegen die Roboter zu kämpfen. Die meisten Objekte könnten sich nach ihrer Aktivierung als Bumerang erweisen. Trotzdem: Halten wir einfach die Augen offen.«

Kurz darauf erreichten sie eine Box, deren eine Seite völlig eingedrückt war. Ein wuchtiger Träger hing schräg über den Mauern und verhinderte, dass die andere Seite ebenfalls zusammenbrach. Unter diesem Träger lagen zwölf seltsame Steinblöcke.

Sie sahen alt und verwittert aus, und zweifellos waren sie in ferner Vergangenheit bearbeitet worden. Obwohl einige von ihnen umgestürzt waren, konnte jeder erkennen, dass sie eine kreisförmige Formation gebildet hatten.

Rhodan fragte sich, warum der Anblick einiger ungefüger Steinklötze keine Enttäuschung in ihm auslöste. Zumal er sich unter der Steinernen Charta von Moragan-Pordh etwas völlig anderes vorgestellt hatte. Er hatte erwartet, Kunstwerke zu sehen – steinerne Reliefs mit eingemeißelten filigranen Szenen. Aber diese Steine trugen keine Botschaft, nicht einmal Verzierungen. Selbst wenn sie früher eingeschlagene Motive getragen hatten, waren diese längst abgebröckelt und zu Staub zerfallen.

Wieso hatte Jen Salik behaupten können, hier Teile eines Textes erhalten zu haben, der mit den drei Ultimaten Fragen zusammenhing? Oder war dies noch nicht die eigentliche Charta?

Perry Rhodan wusste mit untrüglicher Sicherheit, dass er am Ziel seiner Suche angelangt war. Niemals war er sich einer Sache so sicher gewesen. Er hatte sich der Box bis auf wenige Schritte genähert und fühlte sich wie in Trance.

»Die Steinerne Charta von Moragan-Pordh«, flüsterte er.

»Wieso bist du so sicher?«, fragte Danton. »Und was hat es mit deinen Ahnungen auf sich?«

Rhodan sah seine Gefährten an. »Ihr könnt es nicht verstehen, weil ihr zu jung seid«, antwortete er. »Vor allem du nicht, Javier. Roi wird sich bestimmt gleich erinnern, denn er sollte zumindest Bilder und Fotos gesehen haben.«

»Bilder?«, echote Danton. »Fotos? Wovon sprichst du?«

Rhodan lächelte. »In meiner Jugend existierte auf der Erde ein nahezu globales Netz von allen möglichen Steinkreisen, Menhiren und Dolmen. Die bekanntesten befanden sich in Stonehenge, Rollright und Avebury. Es gab sie ebenso in Schottland, Irland, Frankreich, Jordanien, Japan, Peru, Indien und an vielen anderen Orten. Die meisten davon sind längst zerstört oder zerfallen.«

Javier und Danton blickten ihn ungläubig an. Roi deutete auf die zertrümmerte Box. »Du willst doch nicht sagen ...?«

»Genau das will ich! Das Aussehen und die Formation dieser Steine lassen für mich keinen Zweifel. Die Ähnlichkeit besteht, sie kann kein Zufall sein.«

»Aber wie ...?«, begann Danton erneut.

»Wenn wir das wüssten.« Rhodan wirkte fast verzweifelt. »Wenn wir wenigstens eine halbwegs plausible Erklärung finden könnten.«

»Es gibt diese Erklärung«, versetzte Danton. »Jemand hat in ferner Vergangenheit einen Steinkreis auf der Erde gestohlen und ihn hierher geschafft.«

»Über eine Entfernung von sechsundachtzig Millionen Lichtjahren? Das glaubst du selbst nicht. Warum sollte sich jemand dieser Mühe unterziehen?«

»Ich weiß nichts über die terranischen Steinkreise«, gestand Javier. »Welche Bedeutung hatten sie, und von wem wurden sie errichtet?«

»Das war immer umstritten«, antwortete Rhodan. »Es gab viele Theorien über die Erbauer und den Sinn der Kreise. Besonders fragwürdig erschien mir die Behauptung der Archäologen, Steinzeitkulturen hätten diese historischen Stätten hervorgebracht. Einige Wissenschaftler behaupteten, in diesen Steinkreisen wären astronomische Daten verborgen; die Quader wären demnach nichts anderes als ein gewaltiges steinernes Buch, in dem man nur zu lesen verstehen müsste.«

»Wie auch immer«, bemerkte Danton. »Diese Charta hat uns nichts zu sagen, ihre Botschaft ist verloren. Was immer hier eingeritzt war, existiert nicht mehr.«

»Da täuschst du dich«, widersprach Rhodan. »Diese Steine bergen ein wichtiges Geheimnis. Ich hoffe, dass ich in der Lage bin, ihre Botschaft zu verstehen.«

Danton trat kopfschüttelnd in die halb zerstörte Ausstellungsbox und strich mit den Händen über die raue Oberfläche eines Menhirs. Er seufzte. »Hier gibt es keine Botschaft, Perry.«

»Die Steine werden zu mir sprechen«, beharrte Rhodan. »Glaube es mir einfach.«

Javier und Danton wechselten einen bestürzten Blick. Ihnen war anzusehen, dass sie den Strapazen der vergangenen Tage die Schuld gaben: Der psychische Stress, dem Rhodan ausgesetzt gewesen war, forderte nun seinen Tribut.

»Wir sollten uns damit abfinden, dass hier nichts zu holen ist«, kommentierte Danton. »Außerdem müssen wir überlegen, wie wir in den Dom zurückkehren können, ohne von den Trivers angegriffen zu werden.«

Perry Rhodan schien überhaupt nicht zuzuhören. Er kroch unter den schweren Träger und ging ziemlich genau in der Mitte des Steinkreises in die Hocke.

Es schien eine kindische oder gar verrückte Tat zu sein; trotzdem fiel es schwer, sie unter diesem Gesichtspunkt zu beurteilen.

»Sprechende Steine!« Rhodan seufzte. »Ein Mythos erfüllt sich.«

Danton wollte seinem Vater folgen, aber Javier hielt ihn zurück. »Ich glaube, dass Perry genau weiß, was er tut«, sagte der Kommandant der BASIS.

Als er den Steinkreis betrat, spürte Perry Rhodan, dass er sich im Zentrum eines Spannungsfelds aufhielt. Diese Überzeugung entsprang sowohl einer körperlichen als auch geistigen Reaktion. Ihm war, als flösse Strom durch seinen Körper, ausgehend von den untersten Wirbeln seines Rückgrats. Gleichzeitig fühlte er, dass etwas an sein Bewusstsein rührte, eine geheime Kraft, die längst allgegenwärtig war, die er aber erst jetzt auf diese Weise wahrnehmen konnte.

Die Steine, die einen Ring um ihn bildeten, schienen lebendig zu werden.

Rhodan sträubte sich nicht gegen die Reaktionen, denn ihm war klar, dass er sie damit wahrscheinlich abgetötet hätte. Vielmehr gab er sich den neuen Eindrücken hin.

Die Umgebung hinter den Steinen schien zu verschwimmen. Waylon Javier, Roi und die junge Frau im Rollstuhl wurden zu diffusen Gestalten, die sich in grauem Nebel auflösten. Aber das war nicht wirklich. Rhodan erkannte, dass er auf eine schwer zu erklärende Weise in eine fremde Bewusstseinsebene entrückt wurde.

Sein Geist öffnete sich für neue Erfahrungen. Wenn er seine Weihe auch noch nicht bekommen hatte, so war er immerhin ein Mitglied des Wächterordens, und als solchem stand ihm Wissen zu, das anderen nicht zugänglich war.

Wenn es stimmte, dass Elektronen die eigentlichen Träger universeller Informationen waren, dann strömten sie nun in riesigen Mengen gezielt in Rhodans Bewusstsein, und die alten Quader wirkten dabei als Projektoren.

Rhodan zermarterte sich das Gehirn darüber, was wohl geschehen wäre, hätten es Menschen in der Vergangenheit fertiggebracht, die Steine auf der Erde zu verstehen. Oder hatte es tatsächlich einige gegeben, die in der Lage gewesen waren, den Zeugen aus tiefer Vergangenheit zuzuhören? Vermutlich waren sie verlacht und nicht ernst genommen worden. Niemand hatte Augen und Ohren für die wichtigste aller Botschaften gehabt, dass nämlich der Mensch eine kosmische Bestimmung hatte.

Perry Rhodan spürte aber auch etwas, das ihn traurig machte. Die Botschaft war nicht vollständig, sie bestand nur aus Bruchstücken. Jen Salik hatte das bereits angedeutet.

Der Weg zum Ziel führt über die Beantwortung der drei Ultimaten Fragen, lautete der erste Teil der Nachricht.

Danach folgten verworrene Angaben zu den drei Ultimaten Fragen, die sich in Form von bildhaften Symbolen in Rhodans Bewusstsein bemerkbar machten. Er musste seiner Phantasie freien Lauf lassen und sich manches, was den Sinn verloren hatte, neu zusammenreimen. Immerhin erhielt er auf diese Weise eine neue Reihenfolge der drei Ultimaten Fragen. Sie schien der Bedeutung der Fragen eher angemessen zu sein als die frühere, und sie war, zumindest was den Frostrubin anging, detaillierter.

In der Botschaft lautete die erste Ultimate Frage:

Was ist der Frostrubin?

Die zweite:

Wo beginnt und wo endet die Endlose Armada?

Und die dritte:

Wer hat das GESETZ initiiert, und was bewirkt es?

Perry Rhodan war nun völlig entspannt, deshalb traf ihn der letzte Teil der Botschaft, der nur indirekt mit den Ultimaten Fragen zu tun hatte, umso heftiger. Er schrie, als sich neue Bilder in seinem Bewusstsein formierten. Jäh sprang er auf und stieß mit dem Kopf gegen den metallenen Träger. Der Stoß war so heftig, dass er fast das Bewusstsein verlor.

Die Hände an die Schläfen gepresst, taumelte er aus der Box hinaus und landete stöhnend in den Armen seines Sohnes und Waylon Javiers, die ihn zu beruhigen versuchten.

Nach einer Weile kam er wieder vollständig zu sich.

»Was ist da drinnen geschehen?«, fragte Danton. »Du bist ja völlig außer dir.«

Rhodan sah erst seinen Sohn an, dann den BASIS-Kommandanten. »Ich kenne nun die richtige Reihenfolge der drei Ultimaten Fragen«, sagte er ächzend. »Ebenso ihren vollständigen Inhalt.«

Er wiederholte die Botschaft, die er erhalten hatte.

»Das ist es, was die Steinerne Charta von Moragan-Pordh unter anderem beinhaltet«, erklärte er. »Das gesamte andere Wissen existiert nicht mehr. Es ist erloschen oder wurde gestohlen.«

Danton fixierte ihn scharf.

»Das ist nicht alles. Weiche mir nicht aus, Perry, ich kenne dich zu gut. Was hast du noch erfahren?«

Rhodan senkte den Kopf. Er konnte nicht darüber reden, weil er zu aufgewühlt war. Er musste erst selbst damit fertig werden. »Später«, sagte er ausweichend. »Wir kehren in den Dom zurück. Hier haben wir nichts mehr verloren.«

Roi Danton deutete auf den Handschuh an seinem Gürtel. »Und das da? Willst du das Ding wirklich mitnehmen, auch nachdem du die Botschaft kennst?«

»Es gibt einige Gründe dafür.« Rhodan nickte. »Vor allem glaube ich, dass jener Handschuh, der den Kosmischen Basar ROSTOCK bedrohte, ein rechter war.«

»Du siehst Zusammenhänge?«

Rhodan nickte. Er warf einen letzten Blick auf die Steine, und es erschien ihm beinahe schon unglaubhaft, was er zwischen ihnen erlebt hatte. War alles nur eine Halluzination gewesen, ein Streich, den ihm sein überreiztes Gehirn gespielt hatte?

Ein Aufschrei riss ihn aus seinen Gedanken. Er fuhr herum und sah, dass Dutzende Trivers unbemerkt herangekommen waren und den Rollstuhl umringten. Sie versuchten, das Gefährt mit der Gelähmten wegzuschleppen.

Als Skenzran in den Dom zurückkehrte, waren die Vorbereitungen zur Ritterweihe in vollem Gang. Er hoffte, dass er sich unbemerkt unter die arbeitenden Domwarte mischen und eine der üblichen Beschäftigungen aufnehmen könnte, doch Zeremonienmeister Radaut erspähte ihn und glitt auf seinen acht Beinchen sofort auf ihn zu.

»Warum kommst du allein zurück?«, surrte der Schcoide ärgerlich. »Du hast sie im Stich gelassen, nicht wahr?«

»Unter dem Dom herrschen völlig andere Bedingungen, als ich angenommen hatte«, verteidigte sich Skenzran. »Es liegt eine gewaltige Station unter uns.«

»Denkst du, das wüsste ich nicht?«

»Es war – lebensgefährlich! Ich habe die anderen gewarnt und sie beschworen, mit mir zurückzukehren, aber sie wollten nicht hören.«

Radaut dachte kurz nach. »Eigentlich habe ich nicht mehr von dir erwartet«, sagte er schließlich. »Sobald die Feierlichkeiten abgeschlossen sind, wirst du durch einen anderen Domwart ersetzt werden. Du kannst dann mit deiner Tochter nach Croul zurückkehren.«

Zu seiner eigenen Überraschung empfand Skenzran seine Entlassung als Erleichterung. Er begriff, wie wenig ihm im Grunde genommen daran gelegen hatte, auf Khrat als Domwart zu arbeiten.

»Ich glaube, dass meine Tochter gern hierbleiben möchte«, sagte er.

Radaut hatte sich bereits abgewandt und ging davon, ohne eine Antwort zu geben. Die anderen Domwarte beobachteten Skenzran. Vermutlich wussten sie schon, was vorgefallen war. Der Zarke fühlte sich als Außenseiter, doch das weckte lediglich seinen Trotz. Verbissen nahm er die Arbeit wieder auf.

Er wunderte sich, wie weit die Vorbereitungen bereits gediehen waren. Die Schmuckgegenstände, die zu diesem Zweck aus den Nebenräumen des Domes geholt und an den Wänden befestigt wurden, waren bereits angebracht. Niemand wusste, wer sie hergestellt hatte und welcher Sinn ihnen zuzuschreiben war. Es befanden sich merkwürdig geformte Metallobjekte darunter, fremdartige Spiegel, verblichene Bilder und bis zur Unkenntlichkeit ineinander verschmolzene Glasfigürchen.

Vor dem großen Tor drängten bereits jene Besucher, die während der Weihe im Dom Platz finden würden. Es waren Abgesandte von den verschiedensten Planeten der Galaxis Norgan-Tur.

Sobald die stählerne Domhülle zum ersten Mal schlug, würden die Zuschauer hereinkommen und auf den einfachen Bänken Platz nehmen. Soweit es zu ihren Gewohnheiten gehörte, Kleidung und Schmuck zu tragen, hatten die Besucher kostbare Gewänder und glitzernde Utensilien angelegt.

Sobald der Dom voll besetzt war, würde sich ein farbenprächtiges Bild bieten.

Und falls Rhodan nicht zurückkehrt?, argwöhnte Skenzran.

Wenn Radaut und die anderen Zeremonienmeister von den Gegebenheiten unterhalb des Domes wussten, und das war offenbar der Fall, woher nahmen sie dann ihre Ruhe? Was machte sie so sicher, dass die Ritterweihe des Terraners stattfinden würde? Skenzran knirschte mit den Hornstäbchen über seinem Mund, denn er begriff, wie groß der Unterschied zwischen einem Zeremonienmeister und einem Domwart war.

Er gab sich einen Ruck. Meine Tochter passt vielleicht hierher!, dachte er wütend. Ich nicht!

Er sah, dass die Zeremonienmeister zu den Projektoren schritten. Wollten sie alle, die mit ihren Raumschiffen nach Khrat gekommen waren, bereits hereinrufen?

Einer der anderen Domwarte, ein zyklopenhafter Amuter namens Kreyn, ergriff Skenzran am Arm. »Es wird Zeit, dass wir unsere Plätze einnehmen«, sagte er.

»Aber der, um den es geht, ist noch nicht hier!« Skenzran deutete auf die verlassene Empore.

»Er wird kommen«, beteuerte Kreyn, als sei er sich seiner Sache ebenso sicher wie die Zeremonienmeister. »Weißt du nicht, dass bisher jeder, der zum Ritter der Tiefe geweiht wurde, vorher das Gewölbe besuchte?«

»Ich habe niemals eine Weihe mitgemacht«, versetzte der Zarke mürrisch. »Und auf alte Geschichten gebe ich nichts.«

»Jen Salik kam ebenfalls aus dem Gewölbe«, fuhr Kreyn fort.

»Das ist lange her!«

Der Amuter schien einzusehen, dass Skenzrans schlechter Laune nicht beizukommen war. Er ließ ihn stehen und begab sich zu den Bänken, die für die Domwarte reserviert waren. Widerstrebend folgte ihm Skenzran.

In diesem Moment begann der Dom zu schwingen und schlug zum ersten Mal.

Es war überwältigend! Skenzran war nicht darauf vorbereitet und wurde tief in seinem Innern getroffen. Die Schwingung, die ihn berührte, war wie eine gewaltige Woge, die ihn umfasste, in ihn eindrang und sein Bewusstsein vom Körper trennte. Sie war Geräusch, Emotion und Berührung gleichzeitig; sie zwang ihn an seinen Platz und hob ihn trotzdem auf eine Ebene, die er nie vorher kennengelernt hatte.

Skenzran dachte an die Behauptung, dass sensible Wesen, die Khrat schon einmal besucht hatten, diese Schwingung sogar über Galaxien hinweg spüren konnten. Bisher hatte er derartige Aussagen belächelt, nun zweifelte er plötzlich nicht mehr daran. Er hielt es sogar für möglich, dass ein weiter Bereich des Universums dieser Schwingung voller Ergebenheit lauschte.

Taumelnd erreichte er den für ihn vorgesehenen Sitzplatz. Er umklammerte den vorderen Rand der Bank und presste sich mit dem Rücken gegen die Holzwand.

Die Schwingung klang ab. Die Zeremonienmeister begaben sich zur Empore und bildeten dort einen Kreis um den steinernen Tisch. Von Perry Rhodan und seinen Begleitern war nach wie vor nichts zu sehen.

Hinter Skenzran erklang Stimmengewirr. Er drehte sich auf der Bank zur Seite und blickte zum Tor.

Die Besucher drängten herein und füllten die Bankreihen. Viele würden draußen bleiben und die Weihe von dort aus verfolgen müssen.

Falls sie überhaupt stattfindet!

Die Trivers hatten eine Art bewegliche Plattform gebildet, indem sie mit ihren Körpern dicht zusammendrängten, und versuchten, den hölzernen Rollstuhl auf ihren gepanzerten Rücken davonzuschleppen. Das primitive Gefährt schwankte und knirschte, während sich Skenzrans Tochter verzweifelt an den Armlehnen festklammerte. Sie schrie nicht mehr, ihr Gesicht zeigte stummes Entsetzen.

Das Gefühl, der Entführung ohnmächtig zusehen zu müssen, ließ Waylon Javier beben.

»Ich kann das nicht zulassen!«, stieß Danton hervor und machte Anstalten, sich auf die Trivers zu stürzen.

Perry Rhodan bekam seinen Sohn gerade noch an der Schulter zu fassen und hielt ihn zurück. »Halt!«, befahl er. »Du machst alles nur schlimmer.«

»Und was willst du tun?«

»Vorläufig wollen sie dem Mädchen offenbar kein Leid zufügen, sondern es nur wegschleppen – aus welchen Gründen immer. Folgen wir ihnen und warten auf eine günstige Gelegenheit zum Eingreifen.«

Die Trivers bewegten sich auf das Zentrum der Station zu. Zweifellos war ihre Programmierung durcheinandergeraten. Aber gerade das machte sie gefährlich, denn niemand konnte vorhersagen, wie sie sich im nächsten Moment verhalten würden.

Wie schnell die Trivers lernten, bewies die Behändigkeit, mit der einige der Roboter auf den Rücken der anderen kletterten, um von dieser Position aus dem Schaukeln ein Ende zu machen. Skenzrans Tochter schrie erneut, denn einige Trivers kamen ihr nun sehr nahe.

Ein Durchbruch in einer Wand diente den Robotern als Tor zu einer Art Terrasse, auf der riesige Trümmerbrocken lagen. Der Boden bestand aus erstarrten Wellen eines Materials, das irgendwann bis zur Glutflüssigkeit erhitzt worden war. Die Trivers glichen diese Unebenheiten geschickt aus, indem sie sich tiefer sinken ließen oder Buckel machten. Ihre aus Segmenten bestehenden Körper bereiteten ihnen dabei keine Schwierigkeiten.