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Die Lage auf der Erde wird prekär - ein selbst ernannter Marschall greift an Während die Milchstraße noch mit dem Hyperimpedanz -Schock und seinen Folgen zu kämpfen hat, dem völligen Versagen der galaktischen High Tech, steht Perry Rhodans Heimat wieder einmal im Fokus übergeordneter Mächte. Die Sonne Sol - umschrieben als "sechsdimensional schimmerndes Juwel" - birgt allem Anschein nach die seit Jahrmillionen toten Überreste der Superintelligenz ARCHETIM. Ebendiese Reste werden seit mehr als einem halben Jahr aus der Ferne angezapft. Der Verursacher dieses Vorgangs scheint identisch zu sein mit dem Gott eines geheimnisvollen Kultes, der seither auf Terra immer mehr Anhänger gewinnt. Die "Jünger" Gon-Orbhons, allen voran ihr charismatischer Verkünder Carlosch Imberlock, fordern den Verzicht auf alle Technik - und sie sind bereit, ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Obwohl es nicht direkt beweisbar ist, werden Anhänger Gon-Orbhons zu Selbstmordattentätern. Die Regierung der LFT kann offiziell nichts unternehmen - was die Bürger Terras immer stärker gegen den Kult selbst aufbringt. So entsteht die BÜRGERGARDE TERRANIA...
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Seitenzahl: 172
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Nr. 2244
Bürgergarde Terrania
Die Lage auf der Erde wird prekär – ein selbsternannter Marschall greift ein
Horst Hoffmann
Während die Milchstraße noch mit dem Hyperimpedanz-Schock und seinen Folgen zu kämpfen hat, dem völligen Versagen der galaktischen Hightech, steht Perry Rhodans Heimat wieder einmal im Fokus übergeordneter Mächte.
Die Sonne Sol – umschrieben als »sechsdimensional schimmerndes Juwel« – birgt allem Anschein nach die seit Jahrmillionen toten Überreste der Superintelligenz ARCHETIM. Ebendiese Reste werden seit mehr als einem halben Jahr aus der Ferne angezapft. Der Verursacher dieses Vorgangs scheint identisch zu sein mit dem Gott eines geheimnisvollen Kultes, der seither auf Terra immer mehr Anhänger gewinnt.
Die »Jünger« Gon-Orbhons, allen voran ihr charismatischer Verkünder Carlosch Imberlock, fordern den Verzicht auf alle Technik – und sie sind bereit, ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Obwohl es nicht direkt beweisbar ist, werden Anhänger Gon-Orbhons zu Selbstmordattentätern.
Die Regierung der LFT kann offiziell nichts unternehmen – was die Bürger Terras immer stärker gegen den Kult selbst aufbringt. So entsteht die BÜRGERGARDE TERRANIA ...
Chip Greuther – Der Kommandant der WAYMORE bekommt einen neuen Auftrag.
Bernie Schneider – Der TLD-Agent besitzt einen Hang zu Zigarren und Spirituosen.
Maggie Sweeken – Eine Frau sucht nach der Wahrheit hinter den Dingen.
Noviel Residor – Der Geheimdienstchef muss versuchen, das Recht zu wahren.
Carlosch Imberlock
I believe in a higher power
One that loves us one and all
Not someone to solve my problems
Or to catch me when I fall
He gave us all a mind to think with
And to know what's right or wrong
He is that inner spirit
That keeps us strong.
(Waylon Jennings, 1937–2002)
Prolog
An diesem Vormittag konnte Alisha nichts mehr aus der Fassung bringen. Das glaubte sie jedenfalls, als sie den Kode für ihre Appartementwohnung eingab und geduldig wartete, bis das akustische Signal erklang und die Tür sich öffnete. Sie lebte im 27. Stockwerk des großen, luxuriösen Cascadia-Wohnturms, direkt an der Cascal-Allee.
Längst schien es ihr wie eine Fügung, sich nach der Dscherro-Katastrophe aus dem damals verwüsteten Stadtteil Terranias ausgerechnet den Cascadia ausgesucht zu haben: Sie spürte, wie eng sie die luftige Höhe mit ihrem Glauben an Gott verband, obwohl sie bis vor kurzem eigentlich nie sonderlich religiös gewesen war. Sie hatte sich zwar als Mitglied der Neo-Ökumene einschreiben lassen, einer der größten Religionsgemeinschaften der LFT, aber nie einen Gottesdienst besucht. Dann war er ihr erschienen und hatte ihre Spiritualität geweckt.
In der vergangenen Nacht hatte sie wieder von ihm geträumt, ihrem Gott.
Gon-Orbhon.
Die Erinnerung an den Traum umhüllte sie erneut, während sie in der Glassitkabine nach oben glitt. Er war ihr erschienen und hatte zu ihr gesprochen, Worte von Weisheit, Erlösung und Frieden.
Früher hätte sie sich derartige Träume dadurch erklärt, dass Jehad neben ihr lag und sie den ganzen langen Abend philosophiert hatten. Ein Streich ihres Unterbewusstseins.
Heute wusste sie, dass Traum und Realität keine Gegensätze waren. Sie hatte ihren Gott zwar nicht sehen können – aber spüren und hören. Seine Präsenz hatte den Himmel ausgefüllt und den See, vor dem sie stand. Sein Schwert war aus dem Wasser aufgetaucht, und seine Stimme hatte die ganze Welt um sie herum zum Schwingen gebracht.
Nein, das ganze Universum!
Die, die ihm folgten, würden in seiner Unendlichkeit aufgehen, wenn erst sein Reich gekommen war, während die Ungläubigen von seinem Zorn vernichtet würden.
Es war ein wundervoller Traum gewesen. Und es würde eine wundervolle Realität werden. Erwache, Gon-Orbhon!
*
Alisha betrat ihre Wohnung und stellte die Einkaufstasche neben dem Kleiderständer im engen Flur ab. Einkaufen zu gehen – selbst einzukaufen und vor allem zu gehen – vermittelte einen herrlichen, derzeit unglaublich angesagten Retro-Chic und war zugleich eine dezente Geste ihres Glaubens, der die krankhaften Wucherungen von Technologie ablehnte.
Von einer wunderbaren Leichtigkeit erfüllt, zog sie den knöchellangen, gefütterten Mantel aus und hänge ihn an einen der Haken, so, wie es früher einmal gewesen sein musste und wie es nun wieder war. Es war eigentlich nicht so, dass sie eines gefütterten Mantels bedurft hätte, dazu war es in Terrania eigentlich zu warm. Doch kalendarisch ging es auf den Frühling zu, und früher hatte man solche Kleidungsstücke um diese Jahreszeit getragen.
Die Wärme des Mantels stand für Alisha sinnbildlich für die Wärme des Einsseins mit ihrem Gott und natürlich die Wärme ihres Partners. Ihre Liebe war nicht mehr nur körperlich wie in den ersten Tagen. Sie hatte eine andere, viel bessere Qualität erreicht, eine spirituelle. Sie lebten nur noch für ihren Glauben – und in ihm.
»Jehad?«, rief die schlanke, fast dürre Jüngerin mit den braunen Augen und dem dunklen Teint. Die Tür zu ihrem Wohnzimmer, das sie zur Hälfte in einen Arbeitsraum umfunktioniert hatten, war nur angelehnt.
Alisha bekam keine Antwort. Sie strich sich durch das kurz geschnittene, pechschwarze Haar und nahm die Tasche. Noch einmal rief sie nach ihm. Er reagierte nicht.
Aber auch das beunruhigte die Jüngerin an diesem Morgen keineswegs. Sicher ist er in Meditation versunken, dachte sie, oder in das Buch Gon vertieft. Dass er bereits fort war, wieder im Tempel der Degression, wo eigentlich sein Platz war, konnte sie sich nicht vorstellen. Seine Besuche, jede Stunde bei ihr waren zu kostbar, um ohne Abschied zu gehen. Außerdem hatte er sich Arbeit mitgebracht.
Jehad war ihr spiritueller Halt, war mehr als ein normaler Jünger des Gottes. Jehad war einer der vierzehn Adjunkten des Carlosch Imberlock, des Mediums, Verkünders und Predigers Gon-Orbhons. Des Heiligen Mannes, dessen Ruf sie aus dem fernen Mallorca gefolgt war. Sie hatte alles hinter sich gelassen – ihre Familie, das Paradies, in dem sie gelebt hatte, und ihren Beruf als Journalistin. Diesem Beruf, in dem sie aufgegangen war und den sie geliebt hatte, hatte sie es im Grunde zu verdanken, dass sie heute hier war und Gon-Orbhon dienen durfte. Zuerst war es nur die Neugier der Reporterin gewesen, die sie nach Terrania geführt hatte, die Verlockung einer großen Story über den Mann, der längst zu einer Legende geworden war. Doch dann hatte sie ihn erlebt, bei einer seiner öffentlichen Predigten – und sie war berührt worden. Von da an war alles anders. Sie wusste nun, dass ihr Leben erst jetzt einen Sinn bekommen hatte. Einen wunderbaren, alles erfüllenden Sinn ...
»Jehad?« Sie öffnete die Wohnzimmertür mit einem Lächeln. Jehad saß vor einem Bildschirm, über den mit atemberaubender Schnelligkeit Zahlenkolonnen und Texte flossen. Er drehte ihr den Rücken zu. Es war völlig still im Raum. Natürlich, sie sah, dass er in Arbeit vertieft war – aber er hätte sie hören müssen. Warum hatte er also nicht geantwortet?
»Jehad?«, sagte sie noch einmal, diesmal mit gedämpfter Stimme. Vielleicht durfte sie ihn ja nicht stören. Vielleicht war er so sehr in seine Konzentration versunken, dass die Welt um ihn herum und diese Daten, die er da studierte, im Moment überhaupt nicht existierten.
Sie redete es sich ein, aber leises Unbehagen beschlich sie. Etwas von der Leichtigkeit, in der sie schwebte, verlor sich. Jehad war nicht taub!
Und seine kurzen hellblonden Haare leuchteten im Widerschein des Bildschirms keinesfalls ... blau!
Alishas Lächeln erstarb. Die Unsicherheit in ihr wich blankem Entsetzen, als der Drehsessel vor dem Bildschirm herumgedreht wurde. Rasch wandte sie den Blick ab von der Gestalt mit den hellblauen, kurzen Haaren, die sie nicht kannte und die zurückgelehnt da saß, wo eigentlich Jehad sitzen musste. Nur für einen kurzen Moment, dachte sie, dann ist Jehad wieder da.
Und sie hatte Recht.
Jehad war da.
Ihr Blick verriet es ihr, dieser rasche, scheue Blick, für den sie sich noch im gleichen Moment verfluchte. Das konnte nicht wahr sein – mit brennenden Augen starrte sie wieder auf den Sessel.
Alisha spürte einen Kloß im Hals, als ihr Blick ruhig, beinahe gelassen und heiter, erwidert wurde. Das Feuer in ihren Augen erlosch, und die Einkaufstasche entglitt ihren plötzlich kraftlos gewordenen Händen. Instinktiv folgte sie dem Blick der Fremden. In der nächsten Sekunde griff das nackte Grauen nach ihrer Seele.
»Nein!« Sie würgte das Wort hervor – dieses eine Wort, in dem ihre ganze Verzweiflung lag, die jähe Erkenntnis, der tödliche Schrecken.
»Es tut mir Leid«, hörte sie die Stimme der Unbekannten, aber es klang nicht so. »Er war leider unvernünftig, verstehst du?«
Nichts verstand sie, gar nichts. Es gab nichts zu verstehen. Was sie sah, war so eindeutig, so furchtbar ... endgültig! Es konnte, es durfte nicht sein.
»Jehad«, flüsterte sie. Ohne sich dessen bewusst zu sein, machte sie drei, vier Schritte auf ihn zu. Dann sank sie in die Knie. Ihre Hand zitterte, als sie sie nach ihm ausstreckte. Er lag auf dem Rücken. Mitten auf seiner Stirn war ein winziger roter Fleck.
»Jehad, ich bin es, Alisha«, wisperte sie und berührte seine linke Wange. »Wach auf, Jehad, sieh mich an.«
»Er wird niemanden mehr ansehen«, hörte sie die Stimme der Fremden. »Was regst du dich auf? Er ist doch jetzt bei eurem Gott. Danach sehnt ihr euch doch, oder?«
Es klang spöttisch. Wie bitterer Hohn tropften die Worte in Alishas Ohr. Die Jüngerin hob den Kopf und starrte die Frau an. Tränen standen in ihren Augen. Sie sah das Gesicht der Unbekannten nur verschwommen. Aber ihr Blick war klar genug, um den kleinen Nadler zu sehen, den sie auf sie gerichtet hielt.
»Dein Jehad und dein Gott erwarten dich schon, Schätzchen.«
Alisha wischte sich über die Augen, schüttelte den Kopf. Dann richtete sie sich auf. »Gon-Orbhon wird dich strafen, und du wirst erlöschen und getilgt werden auf ewig.«
»Ich habe Zeit«, erwiderte die Fremde lakonisch. »Du nicht mehr.« Der Lauf der Waffe folgte Alishas Bewegungen, zielte auf ihre Stirn.
»Warum?«, fragte die Jüngerin Gon-Orbhons nur. Jedes weitere Wort blieb ihr im Halse stecken, bis sie die Anzeige auf dem 3-D-Bildschirm aufleuchten sah. Die Zahlenreihen und Textzeilen waren verschwunden. Stattdessen las sie: »Kopiervorgang beendet«.
»Jehads Dateien«, flüsterte sie. »Die geheimen Pläne für ...«
»Er war keinem Argument zugänglich«, sagte die Fremde. »Aber er ist kein Verlust für eure Kirche. Ein anderer wird seine Stelle einnehmen.«
»Du hast die Pläne kopiert!« Alishas Stimme war nur ein Krächzen. »Gestohlen. Jehad musste sterben, weil er nicht zum Verräter werden wollte?«
Obwohl es so klang, war es keine Frage, sondern eine bittere Feststellung. Alisha sah, wie die Fremde mit der freien linken Hand einen Speicherkristall entnahm und in eine Tasche ihrer blauen Kombination steckte. Dabei ließ sie sie keinen Moment aus den Augen. Ihr Blick war kalt, kälter als Eis.
»Du bist nur drei Minuten zu früh zurückgekommen«, sagte die Frau und zuckte die Achseln. Auf ihrer Stirn bildeten sich Falten wie die des Bedauerns. »Dein Pech. Du hast zu viel gesehen. Verstehst du?«
»Wer bist du?«, fragte Alisha flüsternd. »Sag mir deinen Namen.«
»Aber Schätzchen, davon hättest du doch nichts.«
Die Fremde lachte laut auf. Dann drückte sie ab.
15. April 1332 NGZ
Die Halle war erfüllt von den gedämpften Stimmen vieler Männer und Frauen, die fast ohne Ausnahme Augenmasken trugen. Getrockneter Schlick verkrustete noch immer Teile des Bodens, in den Ecken türmte er sich meterhoch. Ein Mensch, der ungesehen Zeuge der seltsamen Versammlung geworden wäre, hätte im ersten Augenblick an eine Art bizarren Kostümball denken müssen. Aber es war alles andere als das.
Sie nannten diesen Ort die Sagha-Eysbir-Halle, nach der Tochter Theorod Eysbirs, die gestorben war, weil sie glaubte, Gon-Orbhon dienen zu müssen. Alle, die sie hier standen, wussten davon. Alle kannten die tragische Geschichte: Theorod Eysbir, am Boden zerstört und arbeitslos, hatte zu Beginn des Hyperimpedanz-Schocks in dieser vergessenen, überwucherten unterirdischen Lagerhalle alte Positronikbauteile gefunden und versucht, sich damit eine neue Existenz und Terra eine neue Zukunft aufzubauen. Und seine Tochter hatte ihn verraten. Sie war dafür verantwortlich gewesen, dass Wasser und Schlamm durch den Zugangsschacht geflossen waren und alles unbrauchbar machten, was hier lagerte.
Es schien ihnen eine gute Idee gewesen zu sein, diesen symbolträchtigen Ort zu ihrem Versammlungsplatz zu machen. Es hatte eine Weile gedauert, doch schließlich war es ihnen gelungen, einen Zugang zu schaffen und die Halle weitgehend leer zu räumen. Terraner packen's an!, hieß es derzeit überall auf dem dritten Planeten des Solsystems, und sie hatten angepackt, wenn vielleicht auch nicht ganz so, wie es die Regierung gerne gesehen hätte.
Und doch dienten sie ihr mehr als so manch anderer, der in ihrem Namen sprach und in ihrem Auftrag handelte.
Die Sagha-Halle war nur spärlich erleuchtet und es war klamm hier unten. Keine Energieverschwendung, keine Streustrahlung. Die Anwesenden standen in kleinen Gruppen beieinander und unterhielten sich leise. Alle waren sichtbar aufgeregt. Sie schienen auf etwas zu warten. Niemand wagte laut zu reden. Es gab kein Gelächter, keine lauten Gefühlsäußerungen. Über dem Ganzen lag eine gespannte, schon beinahe düstere Atmosphäre ungeduldiger Erwartung.
Insgesamt waren es an die zweihundert Menschen, gekleidet in vorwiegend dunkle Kombinationen und weite Mäntel, sodass Männer und Frauen manchmal nur schwer zu unterscheiden waren. Ebenso wenig Rückschlüsse ließen sich hierdurch über das Alter der Maskierten ziehen. Doch so uniform sie von weitem wirken mochten, so wenig waren sie es: Einige standen gebeugt, andere hoch aufgerichtet. Einzelne unterstrichen ihre Worte durch kräftige Gesten, andere sprachen schleppend, und wieder andere schwiegen ganz und rührten sich nicht.
Immer noch betraten vereinzelte Maskierte die Halle, der eine oder andere legte neben dem Eingang eine einzelne Blume ab. Es war bereits ein ansehnlicher Haufen entstanden, der vor dem eingerahmten Bild einer jungen, schönen Frau lag: Sagha Eysbir. Sie standen für die Trauer um die den meisten hier gewiss persönlich Unbekannte, stellvertretend für alle, die ihr Leben und das ihrer Mitmenschen im Dienste des unseligen Kultes von Gon-Orbhon opferten.
Jeder Neuankömmling suchte sich einen Platz, still und schnell. Es gab keine Tische und keine Stühle, nur ein Podest in der Mitte der Halle, zu dem drei breite Stufen hinaufführten. An den Rändern des Podests klebten zerstörte Positronikbausteine, mahnten an die Werte, die hier zerstört worden waren. Je mehr Zeit verging, desto unruhiger wurden die Versammelten. Die Atmosphäre wurde deutlich gespannter. Dann endlich ertönte aus mehreren Lautsprechern ein Gongschlag, unnatürlich laut und hallend an diesem Ort. Früher wären Akustikfelder beliebig platzierbar gewesen, heute mussten sie zu diesen einfachen Mitteln greifen. Doch das würde sich auch wieder ändern, das wussten sie alle.
Das Gemurmel erstarb mit dem letzten Nachhallen des Gongschlages. Die Maskierten drehten sich zu dem Podest um und warteten auf das, was jetzt geschehen würde. Es dauerte noch zwei Minuten, bis einer aus ihrer Mitte auf das Podest zuging und die Stufen hinaufstieg. Die in einen dunklen Ledermantel gehüllte Gestalt war kräftig und hatte einen Dreitagebart, der ihrem Gesicht etwas Düsteres gab. Ihre Bewegungen wirkten entschlossen.
Der Düstere sah sich um. Seine Augen blitzten hinter der schwarzen Maske. Dann endlich nickte er und hob die rechte Hand.
»Ich danke für euer Kommen!«, sagte er. Seine Stimme war ebenso kräftig wie seine Erscheinung, aber sie klang leicht metallisch, verzerrt, verfremdet. Keine Stimmidentifizierung.
Es war so still im Gewölbe, als ob niemand zu atmen wagte. Der Redner nannte seinen Namen nicht, und niemand fragte danach. Keiner der hier Versammelten würde einen anderen so etwas fragen. Nicht hier. Sie trugen die Masken, weil Anonymität ihr Schild und ihr Schwert war – noch. Der Abend würde zeigen, ob sich das ändern würde.
»Wir alle sind heute hier, um ein Gespenst zu verscheuchen – ein böses Gespenst, das seit nunmehr sieben Monaten sein Unwesen treibt, zuerst in der Hauptstadt, aber inzwischen auf der ganzen Erde. Das Gespenst hat einen Namen. Seine Jünger sehen in ihm einen Gott, den Gott Gon-Orbhon. In einem Atemzug damit muss der Name desjenigen genannt werden, der sein Kommen und sein künftiges Reich verkündet und das Gift der Verblendung in die Herzen und Seelen unserer Brüder und Schwestern und unserer Kinder trägt: Carlosch Imberlock!«
»Der Teufel in Menschengestalt!«, rief eine weibliche Stimme aus der Zuhörerschaft. »Er hat meine beiden Töchter auf dem Gewissen!«
»Er gehört hingerichtet!«, rief eine andere Stimme. »Öffentlich! Es ist nicht zu glauben, dass einer wie er frei seine Hetzereien verbreiten darf! Was tut die Regierung?«
»Nichts«, antwortete der Maskenträger. »Deswegen sind wir hier – ausgewählte, aufrechte Bürger Terranias. Ihr alle habt die Einladung erhalten und bisher nur ihr. Ihr besitzt entweder eine ganz besondere Eignung oder verfügt über Einfluss, der für uns wichtig sein kann. Gemeinsam ist euch allen, dass ihr nicht mit dem einverstanden seid, was sich in diesen Tagen, Wochen und Monaten in Terrania tut. Ihr seid die Ersten, aber in wenigen Tagen könnten es Tausende sein, die sich zur Wehr setzen. Es kommt auf euch an, auf eure Entschlossenheit. Seid ihr bereit, das Krebsgeschwür herauszuschneiden, das die Seelen unserer Mitbürger auffrisst? Das unseren Staat und unser Leben vergiftet? Seid ihr bereit, euch zu wehren? Wollt ihr die Elite sein und für unsere Freiheit und die Seelen unserer Kinder kämpfen? Wollt ihr die Geopferten rächen?«
»Ja!«, erscholl es aus vielen Kehlen und hallte von den Wänden der Halle wider.
Das Echo vermischte sich mit den Stimmen, und das erweckte den Eindruck, als seien es keine zweihundert, sondern tausend wild entschlossene Menschen, deren Blicke zunehmend fanatisch an den Lippen des Redners klebten.
»Ich danke euch. Nichts anderes haben wir erwartet. Sollte aber doch ein Zweifler unter euch sein, so möge er jetzt in Frieden gehen – noch ist Zeit dazu. Niemand wird ihm folgen. Wir sind freie Bürger. Wer aber bleibt, wird seine Stimme hören und seine Botschaft vernehmen.«
»Moment mal!«, rief jemand. »Du redest wie Imberlock von seinem Gott!«
»Nichts könnte falscher sein«, antwortete die Stimme des Redners aus den Akustikfeldern. »Ihr werdet es gleich selbst sehen. Der, für den ich spreche, ist kein Gott, sondern ein Mensch wie wir alle, ein Mensch aus Fleisch und Blut. Es war sein Ruf, dem ihr gefolgt seid! Ich bin, wenn ihr so wollt, seine rechte Hand. Mein Name ist Terrence, einfach Terrence. Wenn einige von euch Fragen haben, wendet euch an mich. Ich werde euch anhören und helfen, wenn ich kann. Vorher aber gebe ich euch noch einmal die Chance zu wählen: ihn zu hören, seine Botschaft und seine Vision, oder zu gehen, bevor er meinen Platz einnimmt. Trefft jetzt eure Wahl!«
Niemand rief etwas. Niemand löste sich aus der Traube der Versammelten. Niemand verließ den Schacht. Der Redner wartete eine Minute. Dann nickte er, hob beide Hände und rief aus:
»Dann habt ihr euch entschieden! Ich mache nun Platz für ihn, den Führer unseres gemeinsamen Kampfes gegen Carlosch Imberlock und seine Brut, gegen seinen falschen Gott! Erwartet und begrüßt ihn – Marschall Tellon, den Kopf unserer neuen Bewegung!«
Der Redner drehte sich dem Eingang des Rohrbahnschachts zu. Zögernd bildeten die Maskierten eine Gasse.
Es war so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Aller Augen richteten sich erwartungsvoll auf den Eingang.
*
»Zum Teufel jagen«, knurrte Bernie Schneider. »Das ganze Pack!« Er paffte an seiner Zigarre und hüllte seinen Nebenmann in eine blaugraue Rauchwolke. »Auf einem Ödplaneten sollte man sie aussetzen, Carlosch Imberlock geteert und gefedert!« Er schüttelte eine Faust. »Ich würde auch nicht um sie heulen, wenn Adams und Curtiz gleich kurzen Prozess mit ihnen machten – am besten noch heute. Aber sie lassen diese Mörder und Brandschatzer in Ruhe weiter die Seelen unserer Kinder vergiften. Sie schützen sie auch noch! Ehrlich, da könnte ich dreinschlagen!«
»Ich will nichts mehr davon hören«, sagte Chip Greuther und blies und wedelte den Zigarrenqualm fort. »Wenn hier einer etwas vergiftet, und zwar die Luft zum Atmen, dann bist du das.«
»Oh, ich bitte vielmals um Verzeihung.« Schneider schnitt eine Grimasse. »Ich hatte vergessen, dass Rauchen in Raumschiffen der LFT verboten ist. Das ist ja auch schlimmer, als von einem Gott zu predigen, der nur unsere Vernichtung will, oder sich mit Dutzenden unschuldigen Opfern in die Luft zu sprengen. Ja, ja, ich bin schon still.«
Der Mann, etwa 40 Jahre alt, etwas korpulent, mit vollem dunkelbraunem Haar und einem mächtigen Schnauzbart, drehte sich mit seinem Schwenksessel um und blies demonstrativ eine Rauchwolke in die andere Richtung, mit dem Ergebnis, dass nun Maggie Sweeken sie voll mitbekam. Greuther schüttelte den Kopf und seufzte. Sein kantiges Faltengesicht wirkte nicht gerade freundlich. Mit Bernie Schneider arbeitete er seit fast zehn Jahren zusammen, aber so richtig verstehen konnte er ihn bis heute nicht. Ihre Meinungen waren immer schon auseinander gegangen, in vielen Fragen – aber noch nie so sehr wie in den letzten Wochen.
