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Beim Dom der Schutzherren - ein altes Wesen bewahrt das wertvolle Erbe Im Jahr 1332 NGZ sind Perry Rhodan und Atlan, die beiden ehemaligen Ritter der Tiefe, noch immer im Sternenozean von Jamondi unterwegs. Seite an Seite mit den menschenähnlichen Motana und dem Nomaden Rorkhete stehen sie im Kampf gegen die Herrscher des Sternhaufens, die Kybb. Nach Anfangserfolgen und -rückschlägen im direkten Kampf suchen die Unsterblichen nach dem notwendigen Rückhalt im Sternenozean: Neue Schutzherren müssen geweiht und die Völker Jamondis unter dem Banner der Friedenskrieger gesammelt werden. Mit dem letzten Shoziden Rorkhete, den Ozeanischen Orakeln, den Motana und den wieder erweckten sechs Schildwachen ist ein Anfang gemacht. Um den Orden der Schutzherren wiederzubeleben, benötigen sie aber das Paragonkreuz, dem ein "Splitter" der Superintelligenz ES innewohnt. Zuletzt erschien das Paragonkreuz im System Tan-Jamondi, auf dem Zentralplaneten des alten Ordens, heute eine Hochburg der Kybb -Zivilisationen. Die Schutzherren sind lange tot, ihre Truppen vernichtet oder in alle Winde zerstreut, der majestätische Dom nur mehr eine leere Hülle und der mythische Jahrtausendbaum Uralt Trummstam längst vergangen. Nur einer hält einsam seine Wacht: DER EWIGE GÄRTNER...
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Seitenzahl: 162
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Nr. 2254
Der ewige Gärtner
Beim Dom der Schutzherren – ein altes Wesen bewahrt das wertvolle Erbe
Horst Hoffmann
Im Jahr 1332 NGZ sind Perry Rhodan und Atlan, die beiden ehemaligen Ritter der Tiefe, noch immer im Sternenozean von Jamondi unterwegs. Seite an Seite mit den menschenähnlichen Motana und dem Nomaden Rorkhete stehen sie im Kampf gegen die Herrscher des Sternhaufens, die Kybb.
Nach Anfangserfolgen und -rückschlägen im direkten Kampf suchen die Unsterblichen nach dem notwendigen Rückhalt im Sternenozean: Neue Schutzherren müssen geweiht und die Völker Jamondis unter dem Banner der Friedenskrieger gesammelt werden. Mit dem letzten Shoziden Rorkhete, den Ozeanischen Orakeln, den Motana und den wiedererweckten sechs Schildwachen ist ein Anfang gemacht. Um den Orden der Schutzherren wiederzubeleben, benötigen sie aber das Paragonkreuz, dem ein »Splitter« der Superintelligenz ES innewohnt.
Zuletzt erschien das Paragonkreuz im System Tan-Jamondi, auf dem Zentralplaneten des alten Ordens, heute eine Hochburg der Kybb-Zivilisationen. Die Schutzherren sind lange tot, ihre Truppen vernichtet oder in alle Winde zerstreut, der majestätische Dom nur mehr eine leere Hülle und der mythische Jahrtausendbaum Uralt Trummstam längst vergangen. Nur einer hält einsam seine Wacht: DER EWIGE GÄRTNER ...
Orrien Alar – Der ewige Gärtner beweint Uralt Trummstam.
Lyressea – Die Mediale Schildwache trauert um ihren Geliebten.
Perry Rhodan – Der Terraner erinnert sich an seine Ritterweihe.
Atlan
Heute
(Neue Galaktische Zeitrechnung:
3. September 1332)
Irgendetwas war ... anders. Es flößte ihm Furcht ein. Er hatte die Hoffnung nie aufgegeben, seit dem Tag seiner Erleuchtung. Aber er hatte auch Angst vor jeder Veränderung – außer der einen, gegen die er nichts tun konnte und die immer wiederkam. Aber das lag noch in weiter Ferne. In hundert Jahren konnte es so weit sein, vielleicht später. Und irgendwann vielleicht ... nie mehr ...
Zu oft war er bitter enttäuscht worden ...
Er spürte es, die Natur spürte es. Der Baum, in dessen Krone er saß, hielt den Atem an, der Saft in seiner Rinde floss langsamer von den Wurzeln zu den Zweigen, den grünen Blättern und den roten Knospen. Das Gewächs litt. Die Wolken, aus denen es seit dem Tagesanfang warm regnete, zogen nicht über den Himmel wie sonst. Sie schienen erstarrt zu sein. Der laue Wind war verebbt, kein Lüftchen rührte sich. Das Geräusch des Regens in den Wipfeln des Waldes war alles, was er überhaupt noch hörte. Der Wald, die ganze Welt, schien gebannt in banger Erwartung.
»Nein«, sagte Orrien Alar, leise und langsam. Er sprach selten laut, doch jetzt war seine Stimme kaum mehr als ein dumpfes Flüstern, das im Prasseln der schweren Tropfen unterging. »Nein, nicht ...«
Er klammerte sich an den Stamm. Hätte jemand unter dem Baum gestanden, er hätte ihn nicht gesehen, egal, wie sehr er sich angestrengt hätte. Es gab keinen optischen Unterschied zwischen Borke und ewigem Gärtner, überall sah man den Baum, seine an vielen Stellen aufgeplatzte Borke, von der Witterung und dem Alter zerfurcht und vernarbt. Er war ein Teil des Baumes, ein Teil der Welt, so, wie er einst ein Teil eines anderen, viel größeren Baumes gewesen war, in jener unbeschwerten Zeit vor dem Ende der Ewigkeit, doch eines schied ihn von all dem: ihm fügte die Zeit keine sichtbaren Wunden zu.
Keine sichtbaren ... In dem Augenblick, da seine Hoffnung und seine Furcht sich mischten, stöhnte Orrien Alar gequält auf. Dabei hatte er so lange darauf gewartet. Aber die Angst war einfach da, schlug wieder zu. Angst davor, dass wieder etwas so Schreckliches geschehen könnte wie an jenem Tag, als sein Leben jedes Inhalts beraubt worden war, an dem Tag, als ...
Er wollte nicht noch einmal den furchtbaren Schmerz fühlen, die schreckliche Leere, als ihm nur die Sehnsucht geblieben war, zugleich mit ihm zu erlöschen, der ihm anvertraut gewesen war, solange er sich zurückerinnern konnte – und das war eine lange, sehr lange Zeit.
Aber er hatte es natürlich nicht gekonnt. Er war zum Leben verurteilt. Allein. Allein inmitten des Waldes, der seine Existenz aus dem Schmerz geführt und ihr wieder einen Sinn gegeben hatte. Der Wald und die Anlagen. Wenn er auch sie noch verlöre – er wagte es nicht, daran zu denken. Er schob es mit Gewalt von sich, aber ganz gelang es ihm nie. Er zitterte, obwohl es drückend warm war. Die Welt atmete nicht mehr. Die Welt wartete – vielleicht auf das Wunder, vielleicht auf das endgültige Ende. Orrien Alar spürte, wie der Saft in ihm hochkochte und Blasen auf seine borkige Haut trieb, die beim Zerplatzen einen üblen Geruch zurückließen.
Ein Blitz zuckte aus den Wolken und blendete ihn. Der Donner folgte nur wenige Augenblicke später. Der Einschlag war so nahe gewesen, dass er ihn wie einen elektrischen Schlag gespürt hatte. Die Natur duckte sich unter der Wucht des Unwetters, das plötzlich über die Welt hereinbrach. Orrien Alar klammerte sich noch fester an den Stamm. Der aufkommende Wind rüttelte an den Zweigen, wurde innerhalb von Minuten zum Sturm. Die Regentropfen peitschten die Natur. Sie verwandelten sich in Hagelkörner, wie mitten im Winter. Dabei war es Hochsommer in diesem Teil von Tan-Jamondi II, wie die Schutzherren ihre Welt genannt hatten, vor langer, langer Zeit.
Der Hagel riss Löcher in die Blätter der Bäume und peinigte die Stämme und Äste. Es war dunkel geworden. Immer neue Blitze zerfetzten die tobende Düsternis. Der Donner wollte kein Ende nehmen, rollte von einem Ende der Welt zum anderen und wieder zurück. Orrien Alar stöhnte gequält. Seine Stimme ging unter im Toben der Elemente und dem knarrenden Ächzen der sturmgepeitschten Äste. Es war, als sollte die Welt untergehen.
Der Hüter hatte in seinem viele tausend Jahre währenden Leben so manches Unwetter über sich ergehen lassen müssen. Es machte ihm unter normalen Umständen nichts aus. Aber das hier war anders, so fürchterlich anders. Er wusste es, die Welt wusste es. Die Vögel, die Käfer, die Bewohner des Bodens – sie alle spürten es.
Fast eine Stunde lang war der ewige Gärtner eins mit dem Baum. Der Hagel schmerzte und schlug kleine Krater in seine braune Haut, die ihn aussehen ließ wie aus Erde gemacht; ein Geschöpf, das gerade dem Urschlamm entstiegen war. Orrien Alar ertrug es ohne einen Laut, doch seine Seele litt wie die Seelen aller Lebewesen, die dem schrecklichen Toben ausgesetzt waren.
Endlich hörten die Blitze auf, Donner und Sturm erloschen, und ganz gemächlich endete der Schrecken, und die Welt lag wieder ruhig. Es wurde heller, obwohl die Wolken blieben und einen dichten Vorhang am Himmel bildeten, den die Sonne nicht mit ihren Strahlen durchbrechen konnte. Dennoch wich die Kälte, die der Hagel gebracht hatte, rasch neuer Wärme, die die niedergeschlagene Feuchtigkeit verdampfen ließ. Modriger Dunst erfüllte die Luft. Die Zweige richteten sich wieder auf.
Normalerweise begannen jetzt die Vögel zu singen und die kleinen Baumbewohner zu keckern. Aber sie taten es nicht. Kein Laut war zu hören. Der Wald, die Welt wartete. Orrien Alar spürte ihren Herzschlag nicht. Sie wusste, dass es noch nicht vorbei war. Vielleicht hatte sie gerade erst den Anfang erlebt, ein Vorspiel zu dem, was noch kommen sollte.
Der ewige Gärtner löste sich von dem Stamm. Stumm drehte er den Kopf und sah in die Richtung, in welcher der Dom lag. Für einen Moment erwachte in ihm der Drang, hinabzuklettern und den Wald zu verlassen. Aber es war noch zu früh. Das, worauf er wartete, seitdem er die Kapsel in die heilige Erde gelegt hatte, konnte noch nicht geschehen sein. Er durfte noch nicht gehen. Die Ungewissheit quälte ihn mehr als vorhin das Unwetter, aber er musste warten. Er musste sich ablenken, durfte am besten überhaupt nicht daran denken.
Orrien Alar besann sich darauf, wozu er hierher gekommen war. Er hatte nicht nur die Anlagen im und um den Dom herum zu hegen und zu pflegen. Auch der Wald brauchte seine Hilfe. Der Wald, die Bäume, dieser Baum. Vor lauter Warten auf das, was ihm diesmal vielleicht endlich gelingen konnte, vor lauter Angst vor dem, was mit seiner Welt geschehen mochte, hatte er es fast vergessen. Er hatte das Klagen der Bäume nicht mehr gehört, ihr Leiden nicht mehr gespürt, als sei es sein eigenes.
Jetzt war es wieder da. Orrien Alar verdrängte alle anderen Gedanken und ließ nur die Gefühle auf sich einwirken. Das stumme Klagen des Baumes führte ihn zu den Stellen, wo seine Wunden am schlimmsten waren.
Er machte sich an die Arbeit. Der Tag war noch lang und die Nacht noch länger. Erst wenn die Sonne wieder aufging – falls sie je wieder aufginge! –, würde er zum Dom der Schutzherren gehen können.
*
Orrien Alar war ein zwar langsamer, aber ungemein geschickter Kletterer für ein Wesen, das aussah wie für das Leben auf dem Boden geschaffen. Er versorgte die Wunden der Bäume, schloss die tiefen Risse in ihrer Rinde, glättete sie und entfernte die Parasiten, die sich vom Saft der stolzen, alten Gewächse ernährten. Vor allem sie, die Alten und Weichenden, brauchten seine stetige Pflege. Unter ihren Wipfeln sprossen die Jüngeren, die Keimenden und die Strebenden, die aus ihren Samen hervorgegangen waren und sie einmal ablösen würden, bis auch sie von der Zeit eingeholt wurden und dahinschwanden.
Es war ein ewiger Kreislauf. Orrien Alar erlebte das Kommen und Vergehen mit, immer wieder, denn er lebte für immer und alle Zeit. Es widersprach allen Gesetzen der Schöpfung. Was geboren wurde, trug bereits den Keim des Todes in sich. So war es überall in der Welt – nur nicht bei ihm.
Oh ja, er kannte es auch, das Älterwerden, die Schwäche des Körpers, die immer größer wurde, je mehr Jahre vergingen. Auch er wich, wenn seine Zeit gekommen war, aber darüber machte er sich inzwischen schon längst gar keine Gedanken mehr. Noch während Orrien wich, strebte Orrien wieder nach draußen, der neue Leib wurde neu geboren, während der alte Körper noch nicht tot war. Es wiederholte sich immer wieder, er wusste nicht mehr, wie oft schon. Er hatte lange aufgehört, es zu zählen.
Auch die Zeit, als er sich noch mit der Frage quälte, wann dieser immer wiederkehrende Zyklus einmal angefangen hatte, war lange vorbei. Jene Zeit, als Uralt Trummstam noch im Hof des Domes Rogan lebte und von ihm gehegt und gepflegt wurde.
Er wusste nicht, wann oder auch nur wie alles begonnen hatte. Ob er immer schon gelebt hatte, beim ersten Atemzug der Schöpfung, oder irgendwann in düsterer Vergangenheit zum ersten Mal geboren worden war. Er wusste, dass er darauf keine Antwort bekommen würde. Er hatte viel Zeit gehabt zu lernen, mit seiner Einsamkeit zu leben. Er hatte sich daran gewöhnt, das Weichen der Geschöpfe zu ertragen und das Entschwinden alter Freundschaften zu beklagen. Und dennoch ...
Ich muss warten, sagte er sich immer wieder, obwohl der Drang, zum Dom zu gehen, mit jeder verstreichenden Stunde größer wurde. Er arbeitete wie ein Besessener, stampfte und kletterte von Baum zu Baum, nur um nicht daran denken zu müssen – und seine Ungewissheit zu betäuben. Aber ganz gelang es ihm nie. Etwas kam auf ihn zu, auf ihn und seine Welt. Sollte er wagen zu hoffen?
Am Abend war er so erschöpft, dass er sich zu einer Astgabel zurückzog, in der er oft schlief, obwohl er nicht weit von hier eine kleine Hütte besaß, die er aus abgestorbenen Ästen und Lianen über einer Wurzelhöhle errichtet hatte. Dort lagerten Vorräte, und sein Funkgerät ruhte sicher im Dunkel, seit Ewigkeiten unbenutzt, denn es gab niemanden mehr, den er damit hätte erreichen können und wollen. Aber trotz aller Geborgenheit der Wurzelhöhle, er hätte in ihr keine Ruhe gefunden. Er wollte draußen sein, durch nichts von der Welt getrennt, und fühlen, was geschah.
Selbst jetzt, als die untergehende Sonne doch ihre letzten Strahlen durch die kurz aufreißenden Wolken schickte, schwieg der Wald. Das Konzert der Vögel, mit dem sie sonst jeden weichenden Tag verabschiedeten, blieb aus. Keine Nachtjäger erwachten zum Leben, um auf Beutefang zu gehen. Die Welt schwieg und wartete.
Irgendwann schlief der ewige Gärtner ein. Er erwachte einige Male und drehte sich in der Gabel. Immer wieder suchten ihn wirre Träume heim, zeigten ihm Gesichter aus der Vergangenheit, aus der glücklichen Zeit vor dem Ende der Ewigkeit. Die Bilder drangen auf ihn ein, und er hörte Worte, die er nicht verstand.
Als endlich der neue Tag anbrach, fühlte er sich ausgezehrt. Sein Körper war steif, wie verholzt. Es dauerte eine Weile, bis er wieder die Kraft fand, auf den moosbewachsenen Boden hinunterzuklettern und ein letztes Mal tief Atem zu holen, bevor er sich auf den Weg machte, an dessen Ende vielleicht wieder, wie so oft zuvor, die große Enttäuschung stand. Oder aber ...
Es wurde nicht richtig hell und regnete ununterbrochen. Orrien Alars Schritte wirkten schwerfällig, als er nach Westen ging. Er scheuchte ein kleines Tier auf, das sich im hohen Gras versteckt hatte, das zwischen dem alles bedeckenden Moos in Büscheln wuchs. Es huschte davon und verschwand in einem Dickicht. Andere Bewohner des Waldes, etwas mutigere kleine Nager, streckten halb neugierig, halb ängstlich die Köpfe aus ihren Löchern und warfen scheue Blicke um sich.
Vor Orrien Alar hatten sie keine Furcht. Sie kannten ihn und wussten, dass er noch nie einer Kreatur etwas Böses angetan hatte – einzig und allein er wusste, dass das kurze Gedächtnis dieser Wesen keine Erinnerung mehr daran trugen, wie trügerisch seine Friedfertigkeit sein konnte: einmal, ein einziges Mal hatte das, was unter der Borke schlummerte, sich Bahn gebrochen, jenes eine Mal, das er niemals vergessen konnte, niemals vergessen durfte. Sie sahen in ihm ihren Beschützer, aber er konnte ihnen diesmal nicht helfen.
Der ewige Gärtner näherte sich dem Ende des Waldes. Den Pfad, dem er folgte, hatte er selbst ausgetreten. Er kam an großen Büschen mit prallen gelben Früchten vorbei, die er sonst besonders gerne aß. Orrien Alar ernährte sich ausschließlich von Pflanzen, nie hatte er auch nur einen Bissen tierischen Fleischs zu sich genommen. Sein Magen zog sich vor Hunger zusammen. Seit zwei Tagen hatte er nichts mehr gegessen, aber die Ungeduld erlaubte ihm keine Rast. Er ging weiter, seine Schritte wurden schneller.
Dann endlich teilte sich das grüne Dickicht vor ihm, und er sah den Dom vor sich aufragen, Ehrfurcht gebietend wie in den uralten Zeiten, ehe Schutzherren und deren Schildwachen schwanden und nicht zurückkehrten, vor dem Ende der Ewigkeit. Er hatte all die Jahrtausende hindurch dafür gesorgt, dass sich das Grün nicht über ihn ausbreitete und ihn überwucherte. Der Dom der Schutzherren war seit seiner ersten Stunde heilig und würde es bis ans Ende aller Zeiten bleiben.
Orrien Alar war aufgeregt wie selten zuvor in den letzten Jahren. Es war nicht das erste Mal, dass er diesen Weg nahm und voller Ungeduld dem Ergebnis seiner Bemühungen entgegensah. Immer wieder hatte es ihn überkommen, hatte ihn gedrängt, etwas zu tun, Hoffnung und Vertrauen zu zeigen, aber noch nie war es so schlimm gewesen wie jetzt.
Dort, wo Uralt Trummstam gewichen war, schuf er die Möglichkeit eines neuen Keimenden, aber bisher stets umsonst: Doch diesmal würde es funktionieren. Es musste funktionieren, denn viel mehr Versuche blieben ihm nicht mehr. Die Samenkapsel, die er im Hof des Domes in die Erde gesteckt hatte, war die vorletzte von einem guten Dutzend, die er einst von Uralt Trummstam genommen und aufbewahrt hatte, lange bevor der große alte Baum zu weichen begann. Alle anderen Samenkapseln waren verloren, ungekeimt, aufgelöst im heiligen Boden. Keine einzige hatte gekeimt, um einen neuen Trummstam wachsen zu lassen – und mit ihm vielleicht eine neue Zeit einzuleiten, eine bessere Zeit.
Denn auch wenn er eigentlich nicht daran glauben konnte, dass ein Wunder geschah – die uralte Prophezeiung war ihm in all den Jahren nie aus dem Sinn gegangen: Das Schicksal der Schutzherren ist mit dem des Heiligen Baumes untrennbar verbunden. Weichen sie, so stirbt auch er, und erwacht er, so entstehen sie neu; der eine ist des anderen Keim und Tod und umgekehrt ...
Orrien Alar verhielt im Schritt, bevor er den Dom betrat, der als mächtige, zapfenförmige Kuppel vor ihm aufragte. Sein Herz klopfte heftig, der Saft floss heiß in seinem Körper, und aus den groben Poren seiner lehmartigen Haut sickerte klebrige Flüssigkeit, als plötzlich doch wieder die Hoffnung durchbrach, die sich einfach nicht verdrängen ließ – bei allen erlebten Enttäuschungen nicht.
Aber die Angst lauerte weiter tief in ihm ...
Orrien Alar fror. Er musste sich zu jedem Schritt in den mächtigen Dom hinein zwingen, in den großen Innenhof, die aus dem Gebäude ausgesparte Stelle, wo einst Uralt Trummstam in den Himmel von Tan-Jamondi II geragt und den Dom Rogan ergänzt hatte.
Wieder zuckten Blitze aus dem finsteren Himmel. Donner zerriss die Stille dieser heiligen Stätte, und Wind kam auf.
Der Gärtner ging schwankend, eine grob menschenähnliche Gestalt, wie aus Lehm und Borke gefertigt. Die weit auseinander stehenden, glitzernden Kristallaugen waren starr auf den Boden vor seinen klobigen Füßen gerichtet. Er wagte nicht, den Blick zu heben, bis er endlich, es kam ihm vor wie eine Ewigkeit, vor der Stelle stand, wo einst Uralt Trummstams Wurzeln in der Erde verankert gewesen waren, mehr als zwanzig Meter tief.
Es war exakt die Stelle, an der Trummstams Ableger keimen und sprießen sollte, um einmal ein ebensolcher Riese zu werden, dessen Blätter dem ganzen Hof Schatten spendeten. Und unter dem dann ... Der Gärtner wagte nicht daran zu denken.
Er ließ sich auf die Knie fallen. Der Regen hatte den Boden des Hofs aufgeweicht und die Samenkapsel freigespült. Orrien Alars Hände tasteten zitternd nach ihr. Als er es endlich schaffte, sie zu berühren und aufzuheben, wusste er bereits, dass auch diese Hoffnung zerstört war.
Aus der Kapsel war kein neuer Keim getrieben. Sie hatte bereits zu verfaulen begonnen. Es war kein Leben in ihr.
Orrien Alar wurde von Krämpfen geschüttelt. Tränen rannen über sein Gesicht. Er weinte lautlos, wie so oft zuvor, und beinahe wünschte er sich, dass er noch oft würde weinen müssen, denn das hätte bedeutet, über noch mehr Samenkapseln zu verfügen. Doch so war es nicht. Jetzt gab es nur noch eine, die allerletzte, die er in seiner Hütte aufbewahrte. Nur noch einmal eine Hoffnung – und dann womöglich die endgültige, letzte furchtbare Enttäuschung? Denn was hatte sich schon verändert?
Nach vielen Minuten der inneren Qual hob sich der Kopf des Gärtners. Er warf ihn weit in den Nacken, und diesmal löste sich ein einziger, lang gezogener Schrei aus seiner nichtmenschlichen Kehle.
Er erstarb, als er das Raumschiff sah, das sich vom Himmel herabsenkte. Das Unwetter hatte aufgehört. Die Wolken rissen teilweise auf, um den Strahlen der Sonne Platz zu machen, die das Schiff in einen matten, schier überweltlichen Glanz tauchten.
Orrien Alars Herzschlag setzte aus. Sein Verstand weigerte sich zu akzeptieren, was ihm seine Augen zeigten.
Heute
Perry Rhodans Blick wanderte von Zephyda, der Stellaren Majestät, die das Schiff sicher durch die dichten Gewitterwolken steuerte, auf die Holos der Außenbeobachtung. Er konnte immer noch kaum glauben, dass sie es tatsächlich so weit geschafft hatten – ins von den Kybb-Traken beherrschte System Tan-Jamondi hinein und bis in die Atmosphäre des zweiten Planeten, von dem aus einst der Sternenozean beherrscht worden war. Der Einflug in das System, noch vor wenigen Stunden undenkbar und als Selbstmordunternehmen abgetan, war gelungen.
Tan-Jamondi stellte eine absolute Sperrzone dar. Nicht einmal die Kybb-Cranar durften sich hier aufhalten, nur die ihnen übergeordneten Kybb-Traken unterhielten hier, in erster Linie auf dem dritten Planeten, einer Eiswelt, ihre Basen. Es war davon auszugehen, dass das System von mehreren Kyber-Neutros abgeriegelt war, jener geheimnisvollen Waffe, der sie den Totalverlust eines Großteils ihrer Flotte zuzuschreiben hatten.
