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Der Herr auf Schloss Kherzesch - er regiert den Arphonie-Sternhaufen Im Kampf gegen die Kybernetischen Heerscharen befindet sich Perry Rhodan mittlerweile im Sternhaufen Arphonie, in unmittelbarer Nähe des Schlosses Kherzesch. Dort regiert Tagg Kharzani, der grausame, aber mysteriöse Herrscher über den Sternhaufen. Gemeinsam mit der Schutzherrin Carya Andaxi bilden Perry Rhodan, Atlan und die Motana unter ihrer Stellaren Majestät Zephyda nunmehr die so genannte Allianz der Moral. Als Atlans Raumschiff ELEBATO als vernichtet gemeldet wird, scheint alles verloren. Doch der Terraner gibt nicht auf: Obwohl der vorborgene Planet Graugischt von einer großen Flotte der Kybb bedroht ist, organisiert Perry Rhodan die Gegenwehr. Erst als Hilfe eintrifft, wie sie unerwarteter kaum sein könnte, wird die Schlacht entschieden: Graugischt und seine Bewohner haben überlebt. Währenddessen wartet Tagg Kharzani auf seine Flotte: Der seltsam aussehende Humanoide ist DER GEFALLENE SCHUTZHERR...
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Veröffentlichungsjahr: 2014
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Nr. 2273
Der gefallene Schutzherr
Der Herr auf Schloss Kherzesch – er regiert den Arphonie-Sternhaufen
Horst Hoffmann
Im Kampf gegen die Kybernetischen Heerscharen befindet sich Perry Rhodan mittlerweile im Sternhaufen Arphonie, in unmittelbarer Nähe des Schlosses Kherzesch. Dort regiert Tagg Kharzani, der grausame, aber mysteriöse Herrscher über den Sternhaufen.
Gemeinsam mit der Schutzherrin Carya Andaxi bilden Perry Rhodan, Atlan und die Motana unter ihrer Stellaren Majestät Zephyda nunmehr die so genannte Allianz der Moral. Als Atlans Raumschiff ELEBATO als vernichtet gemeldet wird, scheint alles verloren.
Doch der Terraner gibt nicht auf: Obwohl der verborgene Planet Graugischt von einer großen Flotte der Kybb bedroht ist, organisiert Perry Rhodan die Gegenwehr. Erst als Hilfe eintrifft, wie sie unerwarteter kaum sein könnte, wird die Schlacht entschieden: Graugischt und seine Bewohner haben überlebt.
Währenddessen wartet Tagg Kharzani auf seine Flotte: Der seltsam aussehende Humanoide ist DER GEFALLENE SCHUTZHERR ...
Tagg Kharzani – Der Schutzherr verfällt dem Wahnsinn.
Enkrine – Ein seltsames Wesen versucht eine Stimme der Vernunft zu sein.
Gon-Orbhon – Ein »Gott« bietet einen Handel für Leben an.
Deitz Duarto –
Gegenwart
Es ist ein Verbrechen, und das weißt du genau!, wispert die Stimme in dir; diese ewig quälende, mahnende, moralisierende Stimme.
Oh, wie du sie hasst!
Du hast sie verraten, alle, aber das war dir noch nicht genug! Jetzt wartest du auf die Vollzugsnachricht, dass auch die letzte von ihnen tot ist! Durch deinen Befehl!
»Sei endlich still!«, schreist du und erschrickst vor dir selbst.
Enkrine schweigt, aber es wird nicht für lange sein. Du weißt, dass er sich wieder melden wird, so, wie er es immer getan hat, seit den Tagen, als er milde mit dir war, ja sogar stolz auf dich; als es nichts zu kritisieren gab, weil du ein anderer warst. Noch nicht die Gestalt, vor der du selbst manchmal Angst hast. Diese graue, bleiche Karikatur eines humanoiden Wesens. Haut und Knochen warst du immer schon, seit du dich erinnern kannst. Die Farbe, die andere dir immer voraushatten, von Natur aus, hast du dir durch Kleidung zu geben versucht: einen grellorangefarbenen Hut, in dessen Krempenschatten man dein Gesicht nicht sieht; den Überwurf mit den breiten Schulterstücken, ebenfalls orangefarben; die hohen, dunkelroten Stiefel.
Ha, du stehst auf dem Balkon eines der höchsten Türme deines prachtvollen Schlosses. Da bist du am liebsten und lässt den Blick über die Dächer und Giebel deiner herrlich illuminierten Prunkpaläste schweifen. Paläste, Türme, blühende Parks und schillernde Seen, so weit dein Auge reicht. Sie scheinen die ganze Welt zu bedecken, nicht wahr? Deine Welt. Kherzesch.
Du hörst das Spiel deiner Zirkularen Kapelle, die in ihrem ewigen Zug das Schloss umkreist, fünfzehn Kilometer lang und immer unterwegs. Es sind nur Roboter, prächtige, wunderbare Spielmaschinen, aber wie herrlich betörend sind ihre Klänge. Seit vielen Jahrtausenden wandern sie ohne Unterlass um das Schloss, über die Spinnen-Brücken, unter denen die stillen Teiche ruhen. Manche der Brücken sind viele Kilometer lang, und die Roboter werden sie bis in alle Ewigkeit überqueren, selbst dann noch, wenn du schon längst ... Schluss damit!
Kein Gedanke daran. Es quält dich.
Nein. Nicht!
Die Sonne scheint warm vom wolkenlosen Himmel, versucht deinem Körper Farbe zu geben und mit ihren Lichtblicken deine Augen zu schauen. Natürlich gelingt es nicht. Die breite Krempe deines Huts lässt ihre Strahlen nicht in dein Gesicht, und der Körper darunter ist in genauso bleiche Kleider gewickelt, wie deine Haut es ist: grau, fahl, wie tot.
Nein, nicht ... dieses Wort!
Du spürst die Sonne nicht, aber du siehst, wie ihr weißes Licht die Welt in ihren göttlichen Schein taucht – dein Kherzesch, in Ewigkeiten erbaut von fleißigen Helfern, deren Zahl du dir nicht einmal vorstellen kannst. Auch jetzt sind sie dort und putzen, polieren, halten in Schuss oder erfreuen dich einfach mit ihrer bloßen Anwesenheit, damit es zwischen den prunkvollen Bauten von Leben wimmelt und du dich nicht so allein fühlen musst – sollte es nicht so sein?
Überall Kybb, deine ältesten und besten Freunde, und die Techniten, die emsigen Konstrukteure und Arbeiter, winzige kleine und riesig große, alle für einen bestimmten Zweck konzipiert; Milliarden und Abermilliarden von ihnen, ein ganzes Heer, der Puls des Lebens; deine Diener, alles deine Diener. Und beinahe hättest du sie ... Schon gut, nichts davon.
Und natürlich: Wenn du nach Norden siehst, genau hinter dem Palais des Lebendigen, erblickst du dich selbst. Das Ehrenmal des Lebendigen. Dein Denkmal, ganz genau 1011 Meter hoch in einer von Parks bedeckten Schneise zwischen den Bauten Kherzeschs, errichtet von den besten Künstlern, die sich im Arphonie-Haufen finden ließen.
Ja, es ist ein Wunderwerk. Deine Welt. Dieses Schloss sucht seinesgleichen im Universum – es wird es niemals finden. Nirgendwo kann es eine solche Pracht, solche Schönheit geben. Die Sonne wird in wenigen Stunden untergehen. Dann kommt die Nacht, aber sie wird vielleicht noch schöner sein als der helle Tag. Am Himmel werden die phantastischen Lichteffekte perlen, die deine Lux-Akrobaten an das sternen- und mondlose Firmament zaubern.
Du nimmst einen tiefen Atemzug, als könntest du die Pracht in dich hineinsaugen. Aber kannst du es wirklich? Dein Gemüt bleibt dunkel, so, wie es immer war, weil dir nie die Anerkennung zugekommen ist, die dir zustand. Andere Wesen haben immer Scheu vor dir gehabt, weil du ihnen unheimlich warst. Der Graue! Aber jetzt ist da noch etwas anderes. Du wartest auf Nachricht. Du fragst dich, warum es so lange dauert. Und da ist wieder Enkrine, der dich plagt und quält.
Aber du brauchst ihn, das ist dein Fluch.
Es ist nicht recht! Wie viel Blut muss noch fließen, bis du endlich genug hast?
»Ich will nichts mehr hören! Schweig endlich!«
Er wird nicht schweigen, das weißt du genau. Du hast seine Stimme, tief in dir drin, immer schon ertragen müssen. Und hat sie dich je von deinem Tun abgehalten?
Ohne Enkrine könntest du nicht leben. Du hast ihn versteckt, solange du mit ihm lebst. Niemand, selbst die anderen Schutzherren nicht, ist je hinter dein Geheimnis gekommen. Wie auch? Wenn er bei dir ist, liegt er unsichtbar um dich wie ein feines, fast durchsichtiges Netz. Früher hast du es nur zugelassen, wenn du unbeobachtet warst, heute trägst du ihn fast immer. Wer genau hingesehen hätte, hätte ihn vielleicht doch entdeckt, als matt schimmernde zweite Haut über deinem Körper, auch wenn er sich deiner Körperfarbe perfekt anpassen kann.
Er ernährt sich von deinen durchaus üppigen Hautausscheidungen. Er nimmt die Giftstoffe auf, die dein Körper abgibt. Du darfst es nie vergessen. Natürlich nicht. Deshalb erträgst du seine moralisierenden Einflüsse ja, die du so hasst.
Früher hat es genügt, dich zweimal am Tag von ihm umhüllen zu lassen, manchmal vollständig, oftmals nur partiell. Manchmal hast du es sogar genossen, wenn es sich anfühlte, als striche ein Büschel weicher Federn über die umhüllten Körperstellen.
Immer öfter aber blieb Enkrine selbst in deinem Schlaf an deinem Körper, und am nächsten Morgen hast du dich über die Verfärbungen der Haut gewundert, wie von starken Saugnäpfen. Du hast dich lange Zeit gefragt, was er in solchen Nächten mit dir anstellte, bis du erkannt hast, dass er auf eine dir immer noch rätselhafte Weise für deine extreme Langlebigkeit gesorgt hat – und dies heute noch tut.
Das ist das Problem. Das ist der Fluch. Ohne Enkrine kannst du nicht leben und mit ihm ... mehr schlecht als recht.
Die Sonne sinkt. Du wartest. Bald wird es dunkel, und das Himmelsspiel der Lux-Akrobaten beginnt. Wenn bis dahin immer noch keine Nachricht von Deitz Duarto eingetroffen ist, wirst du wirklich unruhig werden. Du hast Probleme genug. Du hast dich auf ihn verlassen, einen deiner Auswärtigen Prim-Direktoren, nachdem du mit den Zwölf kurzen Prozess gemacht hast. Du hast ihn zum Planeten Graugischt geschickt, zum echten Graugischt, wie du sehr wohl erkannt hast, um alles ausradieren zu lassen, was er dort vorfinden würde – vor allem aber deine alte, ewige Feindin.
Carya Andaxi! Die letzte Schutzherrin, der du wünschst, dass sie für alle Zeiten im Feuer der Hölle schmoren soll, wenn sie denn an eine Hölle glaubt!
»Sie muss sterben!«, schreist du hinaus, ins lustige Spiel der Zirkularen Kapelle, das deiner Stimmung so überhaupt nicht entspricht. Aber sie hört nicht auf. Sie spielt immer weiter und wird es immer weiter tun, bis ...
Nein, nicht daran denken!
»Carya Andaxi ist tot!«, sagst du. »Sie muss tot sein! Sie wird mich nicht länger in Angst versetzen! Wenn sie wirklich je die Macht besaß, die Kybb-Titanen zu vernichten, ist es jetzt damit vorbei!«
Dein Albtraum. Die geheime Waffe, die Andaxi angeblich besitzen sollte, um das Rückgrat deiner Macht zu brechen.
Aber warum meldet Deitz Duarto sich nicht?
*
Er wird nicht kommen, flüstert Enkrine dir ein. Dein Plan ist gescheitert, und das ist gut so.
»Du bist verrückt!«, stößt du wütend hervor, obwohl du auch lautlos mit ihm kommunizieren kannst. Normalerweise tust du das. Aber heute bist du viel zu erregt. Es muss heraus – was? Nur die Angst, deine alte Freundin, oder ist es bereits Verzweiflung?
Es ist dunkel geworden und kühl. Du hast dich in den Turm zurückgezogen und wartest ungeduldig in einem der prächtigen Salons darauf, dass Duarto doch zurückkehrt und dir die ersehnte Meldung bringt.
Langsam beginnst du zu zweifeln. Du kannst die Panik noch bekämpfen, aber für wie lange?
Wenn es nur Carya Andaxi wäre!
Deine Sorgen türmen sich höher und höher vor dir auf, höher als der höchste Turm deines wundervollen, einmaligen Schlosses.
Deine Späher, Kommandanten und Verwalter melden dir nichts Gutes. Im gesamten Arphonie-Haufen kommt es zu den gleichen seltsamen Phänomenen. An zahllosen Stellen werden mittlere bis sehr starke Raumbeben angemessen. Dazu kommen Hyperstürme von extremer Stärke.
Du weißt nicht, was es bedeutet, aber du hast einen Verdacht. Denn vielleicht ist es ja das Ende der Ewigkeiten währenden Isolation Arphonies. Irgendwann musste es ja dazu kommen. Und jetzt, da so viel Neues passiert ... wäre es da ein Wunder, wenn auch noch das geschähe? Sozusagen als Wiedergutmachung für die zerstörte DISTANZSPUR?
Zu allem Überfluss wird das schwerste Beben von allen ausgerechnet aus dem benachbarten Dixon-System gemeldet. Das ist besonders fatal, weil doch die Dixon-Welten deine wichtigste Waffenschmiede sind, deine Rüstungskammer.
Du wanderst rastlos umher, schließlich kannst du nicht eingreifen. Dann und wann bleibst du vor einem der tausend großen Spiegel stehen und siehst dich selbst im Schein der prachtvollen, von der hohen Decke hängenden Lüster. Nie erträgst du den Anblick lange, denn er ist nicht echt. Du weißt es, das ist das Schlimme daran. Du wendest dich ab, weil sie dir nicht die Wahrheit sagen, trittst hinaus auf die Prunkgalerien und beginnst wieder mit deiner rastlosen Wanderung.
Und Enkrine nützt es aus. Er flüstert dir seine Predigten zu, foltert und martert dich. Deine Schreie hallen hundertfach von den weiten Wänden wider, von den Decken, aus der Tiefe jenseits der langen, breiten Treppen aus edelstem Marmor. Schmerzhaft wird dir klar, dass du jetzt ganz allein bist.
Allein mit deinem Symbionten, dem Garanten deines Lebens, deiner Versicherung gegen den Tod, den du so fürchtest, dass du schon fast den Verstand verlierst, wenn du andere sterben siehst – was dich aber noch nie besonders berührt hat, seit ... seit du zu dem wurdest, was du heute bist.
Du trägst Enkrine und musst dir seine Einflüsterungen anhören. Er ist dein Gewissen, die klebrige Moral, die dir selbst fehlt und der du doch nie hast entkommen können. Enkrines wispernde Stimme verfolgt dich überallhin.
Immerhin kannst du nicht behaupten, dass er nicht auch ein guter Ratgeber sein kann. Er hat noch kein einziges Mal versucht, dich zu hintergehen, oder? Enkrine ist extrem lästig, er ist dir verhasst – aber immer loyal.
Es war einmal ganz anders, weißt du noch?
Du quälst dich mit diesen und anderen finsteren Gedanken, weil du warten musst und entsetzliche Angst davor hast, dass dein Prim-Direktor versagt hat.
Dass du eine weitere Enttäuschung erleben wirst, wie so oft in deinem langen Leben. Du denkst zurück. Du versuchst, in der Vergangenheit Vergessen zu finden – vielleicht auch Trost?
Du weißt, dass es so nicht ist, nie sein kann. Du weißt, dass du dich nur noch weiter quälst, denn die Sonne, die den anderen schien, hat auch vor Ewigkeiten dir nie geschienen.
Vergangenheit
Es war eine Routinemission gewesen. Tagg Kharzani hatte einen Krieg geschlichtet, der zwischen zwei Sonnensystemen tobte. Zwei Völker, die gerade eben die Raumfahrt entwickelt und zwangsläufig hatten aufeinander prallen müssen. Es war immer wieder das gleiche Spiel. So oder ähnlich lief es überall in Ammandul ab, alle paar Jahre wieder. Zwei intelligente Spezies, die sich unterschiedlich entwickelt hatten und verschiedene Sprachen sprachen. Nur eins war ihnen gemeinsam: die Angst vor dem jeweils anderen.
Der Krieg zwischen den Intelligenzen aus Amringhar und den Kybb war nach über neunhundert Jahren endlich zu Ende. Im großen kosmischen Rahmen war es ruhig geworden. Die Völker begannen sich überall in den betroffenen Regionen des Universums zu erholen; aber im Kleinen loderten die Feuer immer wieder auf, die es zu löschen galt.
Tagg Kharzani hatte nicht verhindern können, dass in einer Raumschlacht ein halbes Dutzend Schiffe zerstört wurden, aber er konnte die Flotten abfangen, die den Tod zu den Planeten der verfeindeten Völker bringen sollten. Sie hatten noch nie etwas vom Orden der Schutzherren gehört, aber allein der Anblick des riesigen Schutzherren-Porters, der sieben Kilometer langen, rostroten Walze, machte ihnen klar, dass es noch andere, ungleich stärkere Mächte in der Galaxis gab.
Kharzani hatte zu den Völkern gesprochen und ihre Führer zusammengebracht. Als er den Raumsektor verließ, war der Friede wiederhergestellt und für Jahrhunderte garantiert. Es war ein weiterer kleiner Schritt hin zur Harmonie im unendlichen Kosmos, ein weiterer kleiner Sieg für das Leben.
Tagg Kharzani war zufrieden mit sich – bis auf die üblichen trüben Gedanken, die sein Gemüt umwölkten. Er hatte seinen Auftrag erledigt, wie so viele Mal schon, seitdem er dem Orden angehörte, doch er würde kaum Anerkennung dafür finden. Es war nichts gegen die Großtaten, deren sich Gimgon oder Gon-Orbhon rühmen konnten. Und selbst wenn ihm etwas Gleichwertiges einmal beschieden sein sollte, würde sich daran nichts ändern.
Sie waren die strahlenden Helden, auf die sich die bewundernden Blicke der anderen Schutzherren richteten, der Schildwachen und der Motana.
Er selbst hingegen stand nur im Schatten. Er tat seine Arbeit, er wirkte für das Licht und das Leben, für den Frieden zwischen den Sternen, aber nie würde er zu der Lichtgestalt werden, die es mit ihnen aufnehmen konnte.
Es war ihm unbegreiflich, wie sich die Mitglieder des Ordens und die Schildwachen so sehr von Äußerlichkeiten blenden lassen konnten. Mit dem strahlenden Helden Gimgon konnte er sich nicht vergleichen. Gegen ihn war er hässlich, da machte er sich keine Illusionen. Farblos, ein lebendes Skelett.
Und noch etwas unterschied ihn von den anderen, aber daran wollte er nicht denken. Er verbannte jeden Gedanken daran weit in den Hintergrund seines Bewusstseins.
Sein Porter hatte die halbe Strecke zurück zum Tan-Jamondi-System zurückgelegt und war für kurze Zeit in den Normalraum zurückgefallen, als Enoppep'Orz, sein Kommandant und Pilot, den Empfang eines Funkspruchs meldete. Es war ein Hilferuf aus weniger als zehn Lichtjahren Entfernung.
»Das sehen wir uns aus der Nähe an«, ordnete Tagg Kharzani an.
Als sie am Ort des Geschehens eintrafen, musste er erkennen, dass sie zu spät gekommen waren. Es gab nichts mehr zu retten. Am Rand eines Doppelsonnen-Systems trieben sechs teilweise noch glühende Wracks, kleine Diskusschiffe von einer Bauart, die nicht in den Speichern des Porters verzeichnet waren.
Die Schiffe schwiegen, waren energetisch tot. Die Art und Weise ihrer Zerstörung jedoch ließ sich auch so rekonstruieren. Es war die Handschrift der Unbekannten, die seit einigen Jahren ihr Unwesen überall in Ammandul trieben. Niemand wusste, woher sie kamen und warum sie so kompromisslos zuschlugen. Noch nie war es gelungen, etwas über sie herauszufinden. Sie kamen, verrichteten ihr tödliches Handwerk und verschwanden sofort wieder spurlos. Raumschiffe waren vor ihnen ebenso wenig sicher wie Planeten.
Aber vielleicht fand sich in den Wracks endlich ein Hinweis. Vielleicht gab es Überlebende. Tagg Kharzani machte sich nicht viel Hoffnung, aber es war das Risiko wert. Wenn er Licht in das Rätsel um die Fremden zu bringen vermochte, wäre das ein wirklich großer Erfolg für ihn und den Orden, von dem er stolz in der Runde unter Uralt Trummstam berichten konnte, im Stam-Forum.
Dann konnten ihm die anderen ihre Anerkennung nicht versagen. Noch während er das dachte, wusste er, dass er sich wieder einmal selbst belog.
*
Es gab keine Überlebenden.
Tagg Kharzani streifte mit erlöschender Hoffnung durch die langen, dunklen Korridore des Diskus. Er musste über tote Raumfahrer steigen, die unnatürlich verkrümmt am Boden lagen. Es waren zwei Meter große, schlanke Echsenabkömmlinge, und obwohl ihre Gesichter fremd waren, verrieten die aufgerissenen Augen namenloses Entsetzen, das sie im Moment ihres Todes erfasst haben musste. Kharzani schauderte bei dem Gedanken an die Waffen, welche die Fremden gegen die Diskusschiffe eingesetzt haben mussten. Eine Strahlung, die stählerne Wände wie nichts durchdrang und auf alles wirkte, was lebte. Diese Bilder waren nicht neu.
Dennoch ging er weiter, bis er die Zentrale des Wracks erreicht hatte. Ihm bot sich das gleiche Bild – überall nur Tote in meist noch nicht einmal geschlossenen Raumanzügen. Sie hatten offenbar keine Zeit mehr gehabt, sie zu schließen. Ob das etwas genützt hätte, war zweifelhaft.
Eine weitere Hoffnung starb. Der Schutzherr hatte sich schon halb umgewandt, um zurück zum Porter zu gehen, als er aus den Augenwinkeln die Bewegung wahrnahm.
Ein Sessel vor einem Kontrollpult schwenkte ganz langsam zu ihm herum. Bisher hatte er von ihm nur den Rücken gesehen.
Jetzt starrte er in die Augen eines Echsenwesens, das sich mit zitternden Händen an die Lehnen klammerte. In ihnen war noch ein winziger, schwacher Funke von Leben.
