Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Ein Schohaake hat direkten Kontakt - und verspürt eine Superintelligenz Während auf der Erde der mysteriöse Gott Gon-Orbhon immer mehr Menschen in seinen Bann zieht, entdecken terranische Wissenschaftler, dass sich im Innern der Sonne ein psimaterielles Feld befindet. Anscheinend handelt es sich dabei um den Leichnam einer Superintelligenz ; dieser wird über kosmische Entfernungen hinweg von Gon-Or bhon "angezapft". Mittlerweile wissen die terranischen Forscher auch, dass es sich bei dem seltsamen Feld um die Überreste der Wesenheit ARCHETIM handelt. Die kleinwüchsigen Schohaaken waren ihr bevorzugtes Hilfsvolk. Myles Kantor, der terranische Chefwissenschaftler, rüstet eine Expedition aus, um Näheres über ARCHETIM in Erfahrung zu bringen. Mit an Bord ist auch Orren Snaussenid, einer von wenigen tausend Schohaaken, die vor kurzem wie aus dem Nichts auf Terra erschienen, ohne Erinnerung an ihre Vergangenheit. An Bord des Schiffes INTRALUX erreicht das Team drei geheimnisvolle Sonnenstationen - und erlebt eine ZEIT DER SCHATTEN...
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 149
Veröffentlichungsjahr: 2014
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Nr. 2279
Zeit der Schatten
Ein Schohaake hat direkten Kontakt – und verspürt eine Superintelligenz
Horst Hoffmann
Während auf der Erde der mysteriöse Gott Gon-Orbhon immer mehr Menschen in seinen Bann zieht, entdecken terranische Wissenschaftler, dass sich im Innern der Sonne ein psi-materielles Feld befindet. Anscheinend handelt es sich dabei um den Leichnam einer Superintelligenz; dieser wird über kosmische Entfernungen hinweg von Gon-Orbhon »angezapft«.
Mittlerweile wissen die terranischen Forscher auch, dass es sich bei dem seltsamen Feld um die Überreste der Wesenheit ARCHETIM handelt. Die kleinwüchsigen Schohaaken waren ihr bevorzugtes Hilfsvolk.
Myles Kantor, der terranische Chefwissenschaftler, rüstet eine Expedition aus, um Näheres über ARCHETIM in Erfahrung zu bringen. Mit an Bord ist auch Orren Snaussenid, einer von wenigen tausend Schohaaken, die vor kurzem wie aus dem Nichts auf Terra erschienen, ohne Erinnerung an ihre Vergangenheit.
An Bord des Schiffes INTRALUX erreicht das Team drei geheimnisvolle Sonnenstationen – und erlebt eine ZEIT DER SCHATTEN ...
Orren Snaussenid – Der Schohaake atmet die Luft der Heimat.
Druben Eskuri – Ein Chronist lebt in einer Zeit der Schatten.
ARCHETIM – Die Superintelligenz bringt Frieden, Hoffnung und Glück.
Orgid Sasstre – Einer von fünfzehn Gouverneuren steht vor der größten Herausforderung seiner Karriere.
Na-Da
6. März 1333 NGZ
Die INTRALUX glitt, gezogen von mächtigen Traktorstrahlen, in den Hangar. Kamerafelder fingen den Ausgang aus dem riesigen, ansonsten leeren Raum ein: ein Portal, flankiert von zwei reglosen Wächtern, Bildnissen, stummen Zeitzeugen. Ein einsamer Passagier an Bord betrachtete aufmerksam einen Holoschirm, von dem ihm die beiden Statuen entgegenzustarren schienen. Orren Snaussenid erwiderte die leeren Blicke, alles andere verblasste neben diesem Anblick. Ihm war, als stände er bereits leibhaftig vor ihnen. Sie zogen ihn in ihren Bann, schienen nach ihm greifen zu wollen, lockten sein Innerstes, den Kern seines Wesens mit all seinen Sehnsüchten, wie ein Zauberbann, wie ein ... ungeträumter Traum ...
Was wollt ihr von mir? Weshalb verstehe ich euch nicht?
Etwas ging von ihnen aus; etwas Unheimliches, das nicht zu greifen war. Obwohl ... es doch nur Statuen waren, nur Statuen.
Tot.
Eine Stimme riss ihn in die Wirklichkeit zurück. Er drehte den Kopf und sah, wie sie ihn beobachteten, fragend und schweigend anblickten. Aber was sollte er ihnen sagen?
Über die Träume sprechen, die er sich durch Schlafentzug verwehrte, dieses ... Erlebnisteilen mit seinen Art- und Leidensgenossen? Dieses seltsame Dahingleiten, Verschmelzen, Auseinanderdriften?
Er fühlte sich einerseits immer noch ein wenig fehl am Platz – und gleichzeitig doch plötzlich im Mittelpunkt allen Interesses.
Der abenteuerliche Flug hierher, der sie um ein Haar das Leben gekostet hätte, hatte die ganze Aufmerksamkeit der terranischen Riesen und ihrer beiden kleineren Gefährten erfordert. Aber jetzt sahen sie ihn an, und obwohl sie nichts sagten, war klar, was sie dachten. Er brauchte dazu keine Gedanken lesen zu können. Sie starrten abwechselnd auf ihn und dann wieder auf den Holoschirm mit den beiden Figuren rechts und links neben dem Portal. Jede der beiden Plastiken war eine naturalistische Darstellung eines Schohaaken – eines Wesens, wie er selbst eines war, mit blassgelber bis ockerfarbener Schuppenhaut, ein Mann und eine Frau. Sie waren knapp über einen Meter groß, dünn, hatten zwei Beine, zwei Arme, einen von dicken Haaren bedeckten Kopf und ein sehr schmales Gesicht.
Die Statuen wirkten im hellen Licht des riesigen würfelförmigen Raumes regelrecht lebendig und passten zu den wie geschnitzt wirkenden, prächtigen farbigen Bildern, Zeichen oder Symbolen der Wände und der Decke.
Beide waren durch einen goldenen Bogen verbunden, der das Portal überspannte. Es sah fast so aus, als würden sie sich symbolisch bei den Händen halten.
»Nun, Orren?«, fragte Myles Kantor, der die Expedition der INTRALUX in die Sonne leitete, die in der mittleren der drei TRIPTYCHON-Stationen zu ihrem vorläufigen Ende gekommen war. »Ist das hier nicht der beste Beweis dafür, dass wir einen guten Grund hatten, dich mitzunehmen?«
Eine ähnliche Frage hatte er eben schon gestellt, als sie die Statuen zum ersten Mal sahen. Seitdem hatten sie geschwiegen, alle sieben noch lebenden Mitglieder der Expedition. Sie warteten darauf, dass er etwas sagte.
»Orren?«, drängte Myles.
»Nun lass ihm doch Zeit«, sagte Inshanin, die Augen hinter der getönten Brille verborgen. »Du siehst doch, dass er noch ganz benommen ist.«
»Vielleicht«, sagte Kantor, »weckt der Anblick seine Erinnerung an die Zeiten ARCHETIMS. Das war schließlich die große Zeit der Schohaaken.«
»Das ist eine wissenschaftliche Hypothese, die ich nur als gewagt bezeichnen kann«, kam es von Aileen Helsin, der kleinen Siganesin, die auf Kantors Schulter saß. »Nichts deutet darauf hin, kein Schohaake hat bisher angesichts eines anderen eine derartige Reaktion gezeigt. Und an den Statuen ist nichts Anmessbares, das ...«
»Still jetzt.« Myles seufzte. »Das ist einer jener Fälle, in denen Intuition weiterhilft. Und die Erfahrung mit kosmischen Geheimnissen. Analogiebildung gewissermaßen.«
»Nein!« Orrens Kehle entrang sich ein qualvolles Stöhnen. »Nein, da ist ... nichts. Alles ist tot ... leer ... traumlos ...!« Der Schohaake erschrak vor seiner eigenen Stimme. Er hatte nicht so heftig sein wollen. Aber er fühlte sich in die Enge getrieben. Myles meinte es nicht böse, das wusste er ja. Sie hatten ihn nicht ohne Grund mitgenommen, sondern gerade darauf gehofft – dass er sich erinnerte, an seine Herkunft, an alles, was vor jenem Moment gelegen hatte, als Alexander Skargue ihn im Schnee fand und mühsam aufpäppelte.
Er wusste auch, dass sie ihn für einen »materialisierten Aktionskörper« der längst verstorbenen Superintelligenz ARCHETIM hielten, deren »Leichnam« in der Sonne Sol vermutet wurde. Sie wussten so gut wie nichts über ARCHETIM, deshalb hofften sie, dass er seine Erinnerung wiederfand und ihnen mit wertvollen Informationen weiterhelfen konnte. Aber da war noch nichts.
Momentan war er ein Gestrandeter ohne Erinnerung, doch was würde er sein, wenn die Spekulationen der Terraner zur Gewissheit wurden? Ein bloßes Instrument, ein hohler Behälter für etwas ganz anderes? Das Puzzlestück eines Plans, der über ihn selbst weit hinausging? Wäre er dann nicht degradiert, entwürdigt, entwertet? Und was, wenn er ein Individuum bliebe, das zwar seinen eigenen Wert besaß, aber dafür seinen Lebensmittelpunkt verloren hatte? Würde er den Seelenschmerz fühlen, erdulden und womöglich dahinsiechen, um an diesem Verlust zu Grunde zu gehen?
Sein Verstand riet Orren, es dabei bewenden zu lassen, wie es war. Und zugleich riet er ihm, alles zu ändern: Klarheit anstelle des Schleiers, der über seiner Vergangenheit lag.
Innerhalb kürzester Zeit hatten Ereignisse wie Donnerkeile seine Welt erschüttert und die Neugierde erweckt: Als Myles ihn im Augenblick größter Gefahr gedrängt hatte, sich als Schohaake über Funk an die Station zu wenden, hatte sich wie durch ein Wunder die energetische Röhre aufgebaut, in der sie Rettung fanden. Und jetzt – zwei Schohaaken-Statuen, die den Zugang zu dieser wundervollen goldenen Sonnenstation bewachten? War das Zufall?
»Nein«, sagte er leiser. »Da ist nichts. Ich weiß nichts. Es tut mir Leid.«
»Es braucht dir nicht Leid zu tun, Orren«, tröstete ihn Inshanin. Sie drehte den Kopf und sagte in tadelndem Tonfall: »Eine Holo-Aufzeichnung bringt nicht so viel wie eine direkte Begegnung. Seht euch doch die Sehnsucht in seinen Augen an, Leute! Es ist an der Zeit, sich draußen umzusehen, Myles. Für die INTRALUX können wir nichts tun. Sie ist in einem furchtbaren Zustand, aber wir sind Wissenschaftler und keine Techniker.«
»Sie hat Recht«, meinte Attaca Meganon. »Ich bin auch dafür, dass wir aussteigen.«
Der schlanke Terraner wirkte bedrückt. Sie alle hatten den tragischen Tod ihres Gefährten Rui Agh'anas noch nicht verwunden. Doch so groß ihre Trauer auch war, es durfte sie nicht lähmen.
Orren Snaussenid war erleichtert, als Myles nickte. Er und die anderen trugen bereits ihre Schutzanzüge. Sogar für ihn hatten sie einen mitgeführt. Er war ihm unbequem, aber er sah ein, dass er ihn brauchte. Auch wenn Myles etwas anderes glaubte – oder hoffte –, er hatte nicht den Hauch einer Ahnung, was sie erwartete, wenn sie die Plattform verließen.
Er war innerlich aufgewühlt. Natürlich machte er sich seine Gedanken und fragte sich, was die beiden Statuen zu bedeuten hatten. Und deshalb zog es auch ihn nach draußen.
Selbstverständlich wollte er mehr über diese drei Stationen erfahren, die wie riesige goldene Blasen in diesem »hyperphysikalischen Hohlraum an der Grenze zwischen Fotosphäre und beginnender Konvergenzzone der Sonne« versteckt waren, wie die Wissenschaftler es nannten. Er spürte, dass er noch nie so nahe daran gewesen war, Licht in seine Vergangenheit und das Rätsel seiner Herkunft zu bringen – und die seiner ebenfalls auf der Erde materialisierten Artgenossen. Die Terraner hatten für sie ein Dorf errichtet und sich um sie gekümmert. Aber auf ihre Fragen hatten sie den zweieinhalbtausend Schohaaken keine Antworten geben können.
Anfangs war Orren Snaussenid nur verwirrt gewesen, und es hatte ihm Leid getan, dass er besonders Mondra Diamond enttäuschen musste. Er mochte sie. Sie war seine Freundin, so, wie Alexander Skargue sein Freund war. Als er gebeten worden war, an der Expedition in die Sonne teil zu nehmen, war er dennoch zunächst unsicher gewesen. Es hatte die Trennung von seinen Artgenossen bedeutet, dem Einzigen, was ihm in dieser unbekannten Umwelt ein Anker war.
Aber spätestens nachdem er die Plastiken neben dem Portal gesehen hatte, glaubte er, dass es richtig gewesen war. Er konnte das Geheimnis förmlich spüren, das diese wahrscheinlich uralte Station umgab, doch er hütete sich davor, seine Gefühle die Oberhand gewinnen zu lassen. Sie alle brauchten einen klaren Kopf, wenn sie hier bestehen wollten. Sie durften sich auch nicht dadurch entmutigen lassen, dass ihr erster Versuch, mit der Station und ihrer potenziellen Besatzung Funkkontakt aufzunehmen, ebenfalls gescheitert war.
Die Station schwieg. Aber irgendjemand hatte sie aus den elementaren Gewalten der Protuberanz gerettet, indem er die energetische Röhre projizierte und sie in den Hangar holte.
Myles Kantor gab ihm ein Zeichen. Alle anderen Wissenschaftler hatten ihre Helme schon geschlossen. Orren Snaussenid tat es jetzt auch, Myles als Letzter.
Der Schohaake holte noch einmal tief Luft. Es war so weit. Es ging nach draußen – was immer sie dort erwartete.
*
Das Innere des Hangars glich im hellen, warmen Licht tatsächlich einer großen Museumshalle, wie jemand aus der Crew spontan gesagt hatte. Die geschnitzt wirkende Pracht der Wände und Decken war einfach überwältigend. Irgendwie wollte sie nicht zur Zweckmäßigkeit eines solchen Raums passen.
Orren zerbrach sich den Kopf darüber, ob es ihm etwas sagen sollte. Falls ja, war die Erinnerung daran ebenso blockiert oder verschüttet wie an alles andere.
Er war nicht sicher. Das war er nur bei den beiden Statuen. Sie mussten etwas bedeuten, etwas mit ihm zu tun haben. Sie zogen ihn wie magisch an.
Die ganze Mannschaft der INTRALUX hatte den »Sonnentaucher« inzwischen verlassen. Sie standen vor der auch äußerlich arg ramponierten Plattform. Orren hatte keine Ahnung von terranischer Technik, hoffte aber, dass Myles und die anderen sie so weit reparieren konnten, dass es ihnen möglich war, die Sonne wieder zu verlassen. Sie besaßen zwar Vorräte für eine Weile, aber ewig konnten sie nicht hier bleiben.
»Die Analyse des Umgebungs-Luftgemischs ist abgeschlossen«, hörte er Kantors Stimme. »Ihr zufolge können wir es atmen.«
»Ich kann mir nicht helfen«, sagte Kyran Anteral ruhig, »aber das kommt mir alles so vor, als hätte man ... ja, auf uns gewartet.«
»Hat man vielleicht auch«, meinte Inshanin.
Myles Kantor sah sie durch die Helmscheibe an. »Das ist nicht sehr wissenschaftlich gedacht. Selbst falls es so wäre – woher sollten die Betreiber der Station wissen, welche Luft wir atmen können?«
Sie zuckte die Achseln. »Probieren wir's einfach aus.«
Damit öffnete sie ihren Helm. Kantor hob warnend eine Hand, doch da hatte sie es schon getan und sog die Hangarluft prüfend ein. Orren sah sie abwartend an. Sie atmete aus und wieder ein. Dann nickte sie, verzog dabei das Gesicht.
»Einwandfrei atembar«, stellte sie fest. »Aber ich warne euch. Die Luft ist gut, aber hier stinkt's ekelhaft süß.«
Jetzt öffneten auch die anderen ihre Helme, Orren als Letzter. Er nahm einen vorsichtigen Atemzug. Dann sog er die Luft tiefer in seine Lungen.
»Wenn hier irgendwer extra für uns Atemluft geschaffen hat, hat er sich gewaltig im Aroma verhauen«, sagte Myles Kantor mit einer Miene, als habe er in etwas Saures gegessen. »Für menschliche Nasen ist das jedenfalls keine Freude.«
»Ich verstehe euch nicht«, sagte Orren. »Diese Luft riecht doch wunderbar. So wie ...« Er stockte, Myles und Inshanin sahen ihn an.
»So wie?«, fragte Kantor. »Was wolltest du sagen?«
»Musst du das wirklich fragen?« Inshanin lachte kurz. »Es liegt doch auf der Hand, oder? Wenn Orren diese Atmosphäre wunderbar findet und wir nicht, ist es zwar Atemluft, aber nicht für uns, sondern ...«
»... für Schohaaken«, vollendete Kantor für sie. »Natürlich. Die Statuen am Portal und jetzt ... Dieses Luftgemisch wurde für Schohaaken produziert. Es passt. Es passt alles zusammen.«
Orren sah die Blicke, die sich wieder auf ihn gerichtet hatten, und die Fragen darin. Er wandte sich ab. Und fast ohne es zu merken, setzte er sich langsam in Bewegung.
Wenn es eine Erklärung – oder wenigstens einen Hinweis – gab, dann dort beim Portal.
Orren blieb kurz vor den beiden Statuen stehen. Unter dem goldenen Bogen, der die Hände der Plastiken verband, war das Portal wie eine Einladung. Doch nichts geschah. Es öffnete sich nicht. Keine Stimme klang auf. Kein Holo bildete sich vor ihm – nichts von dem, was Orren erwartet hätte.
Das Team war hinter ihm stehen geblieben. Die Wissenschaftler warteten immer noch darauf, dass er etwas tat oder ihm etwas einfiele. Doch da war nichts – außer der unerklärlichen Anziehung, die die beiden Statuen auf ihn ausübten.
Fast wie in Trance trat er noch näher heran, bis er die Hände nach ihnen ausstrecken konnte. Er musterte die Schohaaken-Standbilder intensiv, und sie erschienen ihm noch lebendiger. Es waren vollendete Kunstwerke, oder etwa mehr?
Seine sensiblen Finger berührten die rechte Statue, glitten sanft und vorsichtig über die Züge des Gesichts, wie über eine richtige Haut, dann über die Schultern, die Brust. Er spürte ein irritierendes Kribbeln, wie beim Kontakt mit leichtem Strom.
Orren zog die Hand zurück. Myles Kantor fragte: »Nun?«
»Ich ... weiß nicht«, murmelte Orren. Er trat hinüber zur linken Statue. Wie automatisch streckte sich seine Hand wieder aus. Er spürte erneut das leichte Kribbeln, und je länger seine Finger das unbekannte Material berührten, desto stärker wurde es. Er wollte wieder loslassen, aber etwas hinderte ihn daran. Von der Plastik ging etwas aus, was ihn lockte. Er verstand es nicht.
Aber etwas geschah ... Er hatte für einen Moment das Gefühl, als würde die Statue unter seiner Berührung lebendig, aber das konnte nur Einbildung sein.
Doch er sprach es aus. Er sagte den Wissenschaftlern, was er fühlte und dachte, während die Statue immer echter und plastischer, immer lebensechter auf ihn wirkte. Das Kribbeln in den Fingern wurde stärker. Die Statue schien plötzlich mehr und mehr vor Energie zu vibrieren, so als erwache sie durch die Berührung aus einem tiefen und langen Schlaf ...
»Orren«, hörte er Myles' Stimme. Sie klang schwach und wurde schwächer, je länger er sprach. »Komm zurück! Ich habe keine Ahnung, was da passiert, aber ich ...«
Er hörte es nicht mehr. Ganz plötzlich kam es über ihn. Er wurde in einen Strudel gerissen, ohne sich dagegen wehren zu können. Er drehte den Kopf und sah seine Gefährten nur noch als Schemen, die langsam ganz verblassten. Alles versank in goldenen Nebeln und leise wispernden Stimmen, die auf ihn eindrangen.
Seltsamerweise hatte er auch jetzt überhaupt kein Angst. Im Gegenteil. Er fühlte eine wohlige Wärme, die sich über seinen Körper ausbreitete.
Er hörte einen Namen, als die Welt um ihn herum sich auflöste. Druben Eskuri ...
Ich habe noch nie von einem Druben Eskuri gehört,
Der RUF
An diesem Morgen war die Welt noch in Ordnung.
»Komm her, Na-Da!«, sagte Druben Eskuri. »Bring mir die Nachrichten!«
Na-Da war sein Hausgefährte, und zwar der einzige. Druben lebte allein. Für eine Bindung hatte er noch nie Zeit gehabt, vor allem nicht seit seinem Studienabschluss mit der höchsten Auszeichnung der Akademie auf Nekrion-Chapin. Gleich danach, vor mittlerweile elf Jahren, hatte er auf Nekrion-Momon niedergelassen. In der Zwischenzeit hatte er sich durch Talent und harte Arbeit einen Ruf als Pro-Chronist erworben, der weit über das Nekrion-System hinausging.
»Na, komm schon, Na-Da«, sagte der Schohaake geduldig. Er winkte mit einem kleinen Fladen, der noch warm war. »Ich will heute nicht spielen.«
Na-Da war aufgerichtet etwa sechzig Zentimeter groß. Er balancierte auf seinen Hinterbeinen und hatte die Vorderbeine ausgestreckt. Die kleine goldene Scheibe steckte zwischen den Zähnen seines rechten Kopfes. Die großen Augen beider Köpfe leuchteten erwartungsvoll. Die Ohren waren gespitzt, und der heftig rotierende Ringelschwanz verriet seinem Besitzer, was er erwartete.
Druben seufzte. »Na-Da, ich habe heute wirklich keine Zeit. Wir spielen, wenn wir Feierabend haben, versprochen. Sei ein braver Togg und lass uns tauschen.«
»Es wd s'spät wieder aber werden«, sagte das Tier mit kehliger Stimme. Wer nicht mit ihm vertraut war, verstand es vielleicht nicht, aber Druben hatte ihm das Sprechen selbst beigebracht. Na-Da bemühte sich. Mehr konnte man von einem Togg nicht erwarten.
»Heute nicht. Ich verspreche es feierlich.« Er streckte die Hand aus. »Jetzt komm!«
Na-Da gehorchte. Druben nahm die kleine Metallscheibe aus seinem Maul und legte sie in das Wiedergabefach des KOM-Geräts. Das Stück Fladen warf er dem Togg zu. Na-Da schnappte es mit den Zähnen und begann zu kauen.
Auf dem 3-D-Schirm des Geräts erschien das Gesicht einer Schohaakin, die den üblichen Überblick über die Nachrichten des Tages gab. Druben wählte auf der Symbolleiste durch einfaches Antippen mit dem Finger das aus, was ihn interessierte. Der hübsche Kopf verschwand und machte den Bildern aus allen Teilen Phariske-Erigons Platz, von denen es nach Drubens Anwahl Neues zu berichten gab. Neben den Tagesereignissen waren das vor allem kulturelle Dinge, und diese wiederum vorwiegend auf Nekrion-Momon und seine Nachbarwelten konzentriert. Die Nachrichtenvielfalt aus ganz Phariske-Erigon war schier unüberschaubar. Selbst die Neuigkeiten aus der Randzone der Galaxis, in der das Nekrion-System lag, waren von einer fast erdrückenden Fülle.
