Perry Rhodan Neo 22: Zisternen der Zeit - Wim Vandemaan - E-Book

Perry Rhodan Neo 22: Zisternen der Zeit E-Book

Wim Vandemaan

3,0

Beschreibung

Im Herbst 2036: Bei ihrer Suche nach der Welt des Ewigen Lebens gehen Perry Rhodan und seine Begleiter auf eine riskante Reise. Sie vertrauen sich einem sogenannten Transmitter an. Ein solches Gerät kann einen Menschen in "Nullzeit" in ein anderes Sonnensystem transportieren. Doch dieser Transmitter schleudert Rhodan und seine Gefährten durch Zeit und Raum. Seither sind sie auf einer Odyssee, bei der sie bereits 10.000 Jahre in die Vergangenheit und in das System der blauen Sonne Wega gelangt sind. Die größtmögliche Gefahr ist ihnen bewusst: Ändern sie in der Vergangenheit ein Ereignis, kann dies große Auswirkungen auf die Gegenwart und auf die gesamte Menschheit haben. Perry Rhodan und seine Gefährten müssen ums Überleben kämpfen, ohne den Zeitablauf zu stören. So kommen sie auf eine geheimnisvolle Welt namens Ambur - diese gibt es in ihrer Gegenwart aber nicht mehr. Sind sie etwa selbst für das Verschwinden von Ambur verantwortlich?

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Band 22

Zisternen der Zeit

von Wim Vandemaan

Im Herbst 2036: Bei ihrer Suche nach der Welt des Ewigen Lebens gehen Perry Rhodan und seine Begleiter auf eine riskante Reise. Sie vertrauen sich einem sogenannten Transmitter an. Ein solches Gerät kann einen Menschen in »Nullzeit« in ein anderes Sonnensystem transportieren. Doch dieser Transmitter schleudert Rhodan und seine Gefährten durch Zeit und Raum.

Seither sind sie auf einer Odyssee, bei der sie bereits 10.000 Jahre in die Vergangenheit und in das System der blauen Sonne Wega gelangt sind. Die größtmögliche Gefahr ist ihnen bewusst: Ändern sie in der Vergangenheit ein Ereignis, kann dies große Auswirkungen auf die Gegenwart und auf die gesamte Menschheit haben.

1.

Rhodans Abstieg

Perry Rhodan trat aus dem Transmitter. Er machte ein paar Schritte in die vage Dunkelheit des Raums und blieb dann stehen. Für einen flüchtigen Augenblick erlebte er etwas wie ein Nachbild: Er sah die Reste der zerstörten Insel Rey; den Katamaran, mit dem sie von der Insel geflohen waren; die Oberin Alrad; den fremden Kundschafter; schließlich den Torbogentransmitter, den dieser Kundschafter auf seine Bitte hin zum Deck des Katamarans beordert hatte.

Und durch den Rhodan eben getreten war.

Langsam verblassten die Szenen von Reyan. Seine Augen gewöhnten sich an die diffuse Düsternis. Einige Kontrollanzeigen am Transmitter leuchteten bernsteinfarben. Sie waren die einzige Lichtquelle im Raum und verbreiteten nur einen schwachen Schimmer. Wenige Meter vom Transmitter entfernt war es dunkel. Ihn fröstelte. Die Luft war kalt; sie schmeckte leer und dünn. Das Atmen fiel ihm schwer.

Der Transmitter hatte die eine Wirklichkeit gegen eine andere vertauscht. Vom herben Aroma des Ozeans war nichts mehr zu spüren.

Zögernd flackerte Licht auf.

»Wir sind in einer Höhle«, hörte er Chaktors Stimme hinter sich.

Rhodan nickte und drehte sich um. Der Ferrone war mit ihm zusammen durch den Transmitter gegangen. Er stand noch in der Nähe des Torbogens.

Im Bogen glänzte es auf, ein dunkles Gold oder Schlagmetall wie auf dem Hintergrund alter russischer Ikonen. Nur dass dieser Glanz gegenstandslos war und die Figuren, die aus ihm hervortraten, keine Heiligen: Thora und Ras Tschubai erschienen – die Arkonidin weiß wie Schnee, gespannt, aufmerksam; Ras dunkelhäutig, athletisch und sofort präsent.

Unmittelbar nach ihnen tauchten Reginald Bull und Sue Mirafiore im Transmitter auf. Bulls Hand lag leicht auf Sues Schulter. »Ich hasse solche Verschwindekabinette«, sagte Bull und schüttelte sich. »Mit den Leuten, die derartige Trickkisten bauen, würde ich gerne mal ein Wörtchen wechseln.«

»Ich auch«, sagte Rhodan.

Sie warteten, aber es kam niemand mehr.

Der Transmitter schaltete sich aus.

»Wo bleibt Lossoshér?« Bull schaute Chaktor verwundert an.

Der kleine, kompakt gebaute Ferrone lachte wie so oft, dröhnend und ohne jeden für Menschen ersichtlichen Grund. »Ich bin Lossoshérs Hüter nicht«, sagte er, dann, etwas begütigend: »Ich weiß nicht, wo er bleibt.«

»Wo sind wir?«, fragte Sue. Sie atmete auffallend rasch wie die anderen mittlerweile auch.

»Keine Ahnung«, sagte Chaktor.

Rhodan und Bull verständigten sich mit einem Nicken und begannen, die Wand der Höhle systematisch nach einem Ausgang abzusuchen. Sie bewegten sich langsam im Uhrzeigersinn, tasteten vorsichtig herum.

»Perfekt«, sagte Bull nach einer Weile. »Im Sinne von: perfekt abgeschlossen.«

»Irgendwie muss der Transmitter hier hineingekommen sein«, vermutete Tschubai.

»Weder eine Tür noch eine Luftzufuhr«, sagte Rhodan. »Der Raum ist nicht groß. Die Luft wird nicht besser.«

Sie versuchten, den Transmitter in Betrieb zu nehmen und neu zu justieren. Beides misslang. Lossoshér, der alte ferronische Transmitterwächter, war der Einzige unter ihnen, der diese Geräte zumindest in Ansätzen beherrschte. Aber Lossoshér war nicht erschienen.

Wieso?, fragte sich Rhodan. Ein Gerätedefekt? Oder hat der Kundschafter ihn zurückbehalten?

Er wandte sich von der Maschine ab und warf Tschubai einen Blick zu. »Versuchen wir es?«

Der große Mann nickte. »Ich probiere es erst allein und schaue mich um.«

Rhodan widersprach: »Verschwenden wir keine Kräfte.« Er streckte dem Teleporter die Hand hin.

Tschubai griff zu. Sein dunkles Gesicht glänzte schon jetzt vor Anstrengung. Er atmete einige Male rasch hintereinander ein, dann sprang er.

Bereits der erste Blick enthüllte, dass sie sich nicht mehr auf Reyan befanden, der Wasserwelt. Rhodan stand im schattenlosen Glast der Wega wie entrückt, Teil eines überbelichteten Hologramms.

Tschubai hatte seine Hand noch immer nicht losgelassen. Schon die ersten Atemzüge zeigten, dass die Luft an diesem Ort nicht sauerstoffhaltiger und dichter war als in der Höhle.

»Zurück?«, krächzte Tschubai.

»Ja«, sagte Rhodan. »Spring zurück! Hol die anderen!«

»Wir werden hier ersticken«, wandte Tschubai ein.

»Hier vielleicht. In der Höhle aber auf jeden Fall«, gab Rhodan zurück. »Wenn es so weit ist, wirst du nicht mehr in der Lage sein, mit ihnen ins Freie zu springen. Und von außen kommt keine Hilfe.«

»Der Transmitterberg scheint nicht der Mittelpunkt der hiesigen Tourismusindustrie zu sein.«

Tschubai ließ Rhodan los und sprang.

Rhodan atmete ein, so tief es eben möglich war. Er kniff die Augen eng zusammen. Sie befanden sich hoch an einem steilen, steinernen Hang. Das flachere Land, das sich tief unter ihnen am Fuß des Hangs scheinbar endlos ausbreitete, war felsig, steinig, voller Geröll. Aber Rhodan meinte, in einiger Ferne einen eng begrenzten Flecken Grün zu sehen und darin, noch verheißungsvoller, einen Tupfer spiegelndes Blau.

Wasser.

Wenn er den Schattenwurf in dieser fernen grünen Oase richtig deutete, dann lag sie in einer Caldera, einem Landschaftskessel, wie sie durch vulkanische Aktivitäten entstanden. Die Größe der Caldera war kaum zu schätzen; sie mochte zehn, vielleicht zwanzig Kilometer durchmessen und, wenn sie Glück hatten, noch einmal tiefer liegen als das Umland.

Und ihre Luft deswegen atembarer sein.

Der Weg dorthin war allerdings weit, der Abstieg alles andere als ungefährlich. Rhodan entdeckte einige ausgedehnte Schnee- oder Eisfelder, die sie zu durchqueren haben würden, und kaum eine Möglichkeit, sie zu umgehen. Gab es Risse im Eis, Spalten unter der Schneedecke? Vielleicht. Jedenfalls war keiner von ihnen für eine solche Kletterei ausgerüstet. Und Tschubai? Wo blieb er?

In diesem Moment kehrte der Teleporter aus der Höhle zurück, mit Bull und Mirafiore an der Hand. Rhodan registrierte mit Erschrecken, wie der athletische Mann bereits jetzt abgeschlagen wirkte, obwohl Sue sich mit ihrer paramentalen Kraft am Sprung beteiligt haben würde.

»Nun?«, fragte Bull.

Rhodan wies auf den Kessel. »Wir haben ein Ziel. Unser nächstes Problem wird das Wasser. Dort ist Wasser.«

Bull schirmte die Augen mit der Hand ab. »Wenn das da unten wirklich ein See ist, dann liegt er nicht ganz nah.«

»Leider«, sagte Rhodan.

Tschubai hatte die Lippen gespitzt und saugte die Luft hörbar ein. Er brauchte fast fünf Minuten, dann erst sprang er.

Als er beinahe eine Viertelstunde später wieder erschien, nachdem er Thora und Chaktor geholt hatte, sank er stumm erst in die Hocke und rollte sich dann auf den Rücken. Sein Atem klang pfeifend.

Auch Bulls Atem ging inzwischen schnell und immer schneller. »Wo sind wir hingeraten?« Er warf Chaktor einen Blick zu.

Der Ferrone schlug ratlos die beiden Daumen gegeneinander. »Die Wega erscheint kleiner als von Reyan aus. Aber wir sind nicht auf Ablon: Das Gestein dort ist eisenrot und ...« Er betrachtete zweifelnd das Firmament. »Der Himmel ist grünblau. Es ist auch nicht Carpa. Und auf einer der weiter außen liegenden Welten wären wir längst erstickt.«

»Kommt noch«, ächzte Bull.

»Sind wir noch im Wega-System? Ist das die Wega?«, erkundigte sich Rhodan.

»Natürlich«, sagte Chaktor, aber seine Stimme klang verunsichert.

Wenn sie doch wieder durch die Zeit geschleudert worden waren, vielleicht auf ein Pigell oder einen Reyan der fernen Zukunft, in der diese wie die anderen Planeten verödet, entvölkert waren?

Natürlich gab es noch eine Möglichkeit: Hatte nicht Kerlon auf Lannol von einem zehnten Planeten der Wega gesprochen, und hatte nicht die Positronik der Bastion Kerlons Aussagen bestätigt? Einer Welt, die ursprünglich auf einer Bahn zwischen Rofus und Ablon um die Wega gekreist war?

Rhodan sagte: »Dann denke ich, wir sind auf Wega X, dem verloren gegangenen Planeten.«

Bull hielt Sue am Armgelenk und zog sie hinter sich her. Er fing sie auf, wenn sie stolperte. Sie stolperte immer öfter.

Tschubai hatte sich von der Sprungfolge noch nicht erholt, und die Umweltbedingungen verschlechterten seinen Gesamtzustand weiter. Chaktor stöhnte. Thora schwieg. Rhodan und Bull kamen als trainierte und an Unterdruck gewöhnte Raumfahrer mit der äußerst dünnen Luft noch am besten zurecht. Die Atmosphäre war so dünn, wie sie auf der Erde ab etwa 7000 Metern wurde, in der Todeszone der Hochgebirge. Menschen konnten in diesen Regionen nur für kurze Zeit überleben und nur nach vorheriger sorgfältiger Akklimatisierung.

Sie waren dagegen übergangslos in eine solche Zone versetzt worden. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sich ernstere Folgen zeigten. Völlige Erschöpfung. Wahnvorstellungen.

Sue brauchte eine Pause; Bull hatte versucht, die noch fast kindliche Gestalt des Mädchens zu tragen, es aber nach einigen Schritten aufgegeben.

Nun saß sie da, die Arme nach hinten gestreckt, den Kopf mit weit geöffnetem Mund nach oben. Ihre Lippen waren blau.

Thora stolperte noch einige Schritte und willigte dann mit einem stummen Nicken in die Rast ein. Sie ging in die Hocke. Rhodan setzte sich neben sie. »Wie geht es Ihnen?«

»Bestens. Wie lange brauchen wir, bis wir eine bessere Umgebung erreicht haben?«

Rhodan blickte an ihr vorbei auf den grünblauen Flecken tief unter ihnen. »Ich weiß es nicht.«

»Schätzen Sie.«

»Drei Stunden.«

Ihr Lächeln sollte wohl spöttisch wirken. »Sie sollen schätzen. Nicht trösten.« Sie schnappte nach Luft. »Wie lange wirklich?«

»Sieben Stunden. Vielleicht acht. Oder zehn.«

»Zu lange«, sagte sie.

Er nickte. Täuschte er sich, oder begann ihre unter dieser Sonne viel zu helle Haut sich bereits zu röten? Er streifte seine Jacke ab, zog das Hemd aus und reichte es ihr.

Sie nahm es kommentarlos, senkte den Kopf und legte sich das Hemd so über den Kopf, dass es zugleich ihren Nacken bedeckte und wie ein Vorhang über ihr Gesicht hing.

Seine Jacke streifte Rhodan wieder über. »Ras?«

Tschubai reagierte nicht. Er hatte die Stirn auf die angezogenen Knie gelegt und schien zu schlafen. Seine Wangen bebten kaum merklich.

»Ich habe Kopfweh«, jammerte Sue. »Es klopft, es klopft mich entzwei.«

Bull legte ihr die Hand in den Nacken und massierte behutsam. Mit der anderen Hand fuhr er sich über die Brust, immer in Herznähe. Er sah blass aus und ausgelaugt. »Ich hole Hilfe«, sagte er. »Ich ruhe ein wenig aus, und dann gehe ich.«

»Nein«, sagte Sue, »nein, nein.«

Rhodan erhob sich. Er musste einen Schwindelanfall niederkämpfen. Es blitzte und funkelte vor seinen Augen. Dann stand er sicher. Er starrte mit zusammengekniffenen Augen in die Ferne. »Ich werde gehen«, entschied er.

Thora imitierte ein Lachen. »Von wo denn?«

»Dort unten ist nicht nur Wasser. Ich glaube, ich sehe Gebäude. Straßen. Eine Siedlung.«

»Natürlich«, sagte Thora. »Eine herbeigezauberte Siedlung.« Sie griff nach Rhodans Unterarm. Ihre Fingernägel gruben sich durch den Stoff in sein Fleisch.

»Es ist eine Siedlung«, wiederholte er. »Ferronen. Sie werden uns helfen.«

Thora krallte noch fester zu, dann löste sie den Griff. Sie leckte sich die Lippen, sagte aber nichts.

Rhodan brach auf.

Eine halbe Stunde später ging es nicht mehr. Er keuchte, stützte die Arme auf die Knie und zitterte am ganzen Leib. Die dünne Luft kostete ihn viel Flüssigkeit, die er durch den Mund verlor. Er wusste, dass sein Blut sich allmählich verdickte. Das sirupartige Blut würde die feinen Blutgefäße bald nicht mehr versorgen können. Taubheit in den Fingerspitzen, in den Zehen wäre die Folge. Ohne Zehen war nicht gut laufen.

Er richtete sich auf und machte den nächsten Schritt.

Seine Füße wurden immer schwerer. Er war keine dreißig Schritte gegangen, da musste er ausruhen. »Einunddreißig«, nahm er sich laut vor. Er zählte die Schritte. Bis fünfundzwanzig kam er voran. Danach musste er sich zu jedem Schritt zwingen. Schritt um Schritt. »Dreiunddreißig!«, rief er. Mehr, als er mit sich vereinbart hatte. Er überlegte, ob er sich erlauben sollte, die gewonnenen Schritte beim nächsten Durchgang einzusparen.

Dann aber verwarf er die Idee.

So portionierte er sich den Abstieg. Hin und wieder musste er ein Schneefeld durchstapfen. Der Schnee war selten mehr als knöcheltief, aber schon das war anstrengend. Rhodan war bewusst, dass er viel trinken musste; er ließ den Schnee in der Hand schmelzen und schlürfte.

»Englische Luft«, fiel ihm ein. »Englische Luft.« Er summte es und machte ein Lied daraus. Englische Luft – so hatten die Sherpas die Sauerstoffflaschen genannt, die die Engländer bei der Erstbesteigung des Mount Irgendwas bei sich getragen hatten. Er hatte den Namen der Engländer und den des Berges vergessen, sehr ärgerlich, aber noch ärgerlicher war er auf die Engländer selbst und ihren blanken Egoismus, die Flaschen für sich zu behalten, statt sie mit ihm zu teilen.

Aus Protest ging er nur noch jeweils fünfundzwanzig Schritte weit.

Damals hatte man wenigstens gut isolierte Kleidung besessen, leichte Sachen, seidene Unterwäsche, einen Daunenanzug und doppelte Plastikstiefel.

Modegecken. Nichts als Dandys.

»Englische Luft, englische Luft«, sang er vor sich hin.

»Amerikaner dagegen verzichten ja gerne auf zweckdienliche Ausrüstung, nicht wahr? Ihr seid eben Naturburschen. Sehr sportlich!«

»Das hat mit Sport nichts zu tun«, verteidigte sich Rhodan.

»Wo doch die Amerikaner so herausragende Sportler sind. Zumal in Sportarten, die außer ihnen niemand betreibt: Baseball. Football.«

»Sagt jemand, der seine Jugend wahrscheinlich mit Cricket verbracht hat. Oder mit Crocket.«

»Fachleute wissen da zu unterscheiden. – Der Name ist übrigens Sandy Irvine.«

Sandy Irvine, Sandy Irvine, dachte Rhodan. Es fügte sich wunderbar in die Zwanzig-Schritte-Melodie.

Rhodan musste ein weiteres Schneefeld durchqueren. Das Feld war merkwürdigerweise mit Eistürmen bestückt wie ein Schachbrett mit Figuren. Einer der Türme begann zu knirschen, während Rhodan an im vorüberstapfte. Dann fiel er in eine Masse aus Eisfragmenten in sich zusammen.

Rhodan rastete kurz, ließ Schnee auf seiner Hand schmelzen und leckte das Wasser auf.

Auf das Geplärr Irvines hörte er nicht mehr. Rhodans Vorhaltungen, dass er gar nicht existieren könne, dass Irvines Mount-Everest-Expedition tödlich gescheitert war und – selbst wenn nicht – nichts und niemand, schon gar nicht die Leiche eines verunglückten Bergsteigers, zu Fuß ins Wega-System vordringen könnte, hatte dieser mit ein paar höhnischen Bemerkungen quittiert und Rhodan geraten: »Wenn du meinst, ich bin ein böser Geist: Exorziere mich doch!«

»Du bist nur ein Produkt des Sauerstoffmangels«, hatte Rhodan unwirsch geantwortet.

»Hört, hört!«

Endlich lagen die Schneefelder hinter ihm. Die Wega machte noch immer keine Anstalten, unterzugehen. Rhodan war sich nicht sicher, ob er fror oder schwitzte. Die Hand an die Stirn zu legen hätte ihn zu viel Kraft gekostet.

Inzwischen rastete er nach jedem fünfzehnten Schritt. Bei einer der länger werdenden Pausen machte er eine Entdeckung. Dort, wo sich bereits ein Hauch von blassem Grün in die granitene Landschaft mischte, lag ein unnatürlich regelmäßiger Klotz, ein steinernes Geviert mit dunklen Öffnungen und einer dunkleren, merkwürdig aufgewölbten Schicht – einem Dach? – obenauf.

Ein Gebäude. Eine Kate.

Also ein von der Sonne geschützter Innenraum. Vielleicht gab es darin verwahrtes Wasser, Nahrung. Er ging weiter, kam sogar ins Laufen, aber nur für eine kurze Weile. Etwas stimmte mit seinen Augen nicht. Wahrscheinlich waren allerlei Äderchen geplatzt. Er blieb stehen, ruhte, ging dann langsamer weiter.

Äderchen, die im Auge platzten, das war nur körperlich. Schlimmer wäre es, wenn Gedächtnisausfälle einsetzten. Litt er bereits unter Gedächtnisausfällen? Das war leicht festzustellen. Wer war noch mit ihm aus dem Transmitter gekommen? »Reg«, sagte er. »Reg und Thora. Reg, Thora und Sue. Und Ras. Und ...« Noch ein Mann, da war er sich sicher. Irvine?

Nein. Irvine war tot und unsichtbar, was ihn unbedingt disqualifizierte. Außerdem mochte Rhodan ihn nicht. Er dachte nach. Ein Mann, der laut und ohne jeden Anlass lachte. Ein blauer Mann. Ja, so blau wie dieses Gesicht, das ihn neugierig, beinahe besorgt anschaute.

Rhodan versuchte, mit den Fingern in den Fugen der Mauern Halt zu finden, in den Moosballen, die dort siedelten. Das Fenster bildete einen Rahmen für dieses Gesicht, das unter einer transparenten Atemmaske lag. Im Hintergrund des Gesichts schimmerte etwas Metallisches, blinkten Lichter, leuchteten Flächen rhythmisch auf, lag etwas Fremd-Vertrautes.

Das Gesicht rückte noch näher ans Fensterglas. Es war blau, bingo, aber nicht sehr männlich. Es war weiblich. Die Lippen bewegten sich, die Augenbrauen waren angehoben. Die Stimme sagte etwas, doch das war schwer zu verstehen. Irgendetwas mit I, irgendetwas mit O. Wer sollte damit etwas anfangen? I und O. Cricket und Crocket.

2.

Garrean und die Zisternen der Zeit

Von allen Lohen der Welt loderte die Wega am hellsten. Ihr Licht war die Erleuchtung von allem.

In seiner Kindheit hatte Garrean mit seinen Eltern am Rand der Grafschaft Kush gelebt, in einem Bungalow hoch über dem Byton-See. Den Tag über schien der See in Flammen zu stehen; die steinernen Mulden an seinem Ufer glühten vor Hitze, sodass man sie mit einer Streu aus Bourinc-Borke bedecken musste, wenn man darin liegen wollte.

In den Nächten, wenn er vom Schwimmen im See und von der Hitze erschöpft im Bett gelegen und seine Mutter ihm von den bodenlosen Zisternen der Zeit erzählt hatte, hatte er gedacht: So bodenlos und schwarz sie auch sind – dem Licht der Wega haben sie nichts entgegenzusetzen.

Sein Vater war Raumsoldat gewesen. Manchmal hatte seine Mutter mit der Mutter seines Vaters televidiert. Während sie sprachen, strich Garreans Mutter gedankenverloren über ihren kupferfarbenen Zopf, der ihr bis zur Hüfte reichte.

Sie sprachen über allerlei, nur nie über Garreans Vater.

Als würde mit dem ersten Wort, das eine von beiden über ihn sprach, der Bann brechen, der ihn am Leben hielt dort draußen, auf den Schlachtfeldern im Orbit von Rofus oder Reyan.

Wenn seine Mutter sein Zimmer verlassen hatte, lag er immer noch eine Weile wach und sann über ihre Geschichten nach. Er hörte die Chaklan in den Tiefen ihres Hauses die Litanei des Götzenbeieinanders psalmodieren; manche Verse konnte er schon mitsingen.

Eines Tages, er war noch immer sehr jung, war die Stille in ihr Haus über dem See eingezogen wie ein giftiger Nebel. Es war die Stunde, in der die Chaklan hätte singen sollen, aber sie sang nicht. Leise, leise, um die Bestie der Stille nicht zu reizen, war Garrean in das Zimmer seiner Eltern geschlichen. Er hatte seine Mutter gesehen; sie hatte allein an der Bettkante gesessen, steinern wie erstarrte Lava. Den schönen Zopf hatte sie abgeschnitten und auf den Boden geworfen. Dort lag er wie ein totes Tier.

Garrean war in der Tür stehen geblieben. Durch das Fenster hatte er den See gesehen, seinen blendend weißen Spiegel. Seine Mutter hatte ihn nicht angeblickt, aber sie hatte seine Anwesenheit bemerkt. »Yrapad«, hatte sie gesagt, »dein Vater. Er ist in die tiefste der bodenlosen Zisternen getaucht.«

Kalt, kalt war ihm geworden. Zugleich so heiß wie Nacktheit im Zenit des Sommers.

»Er ist tot«, hatte seine Mutter übersetzt, als hätte er noch immer nicht begriffen.

Garrean hatte sich umgedreht, zornig, und war in sein Zimmer gelaufen. Er hatte sich auf den Boden gelegt und gedacht: Vater ist nicht tot. Wie soll man tot sein, wenn man in die Zisterne der Zeit taucht. Man kann ihn nur nicht mehr sehen, seine ruhigen Augen, seine großen, großen Hände. Das ist alles. Aber wenn am Fernsten Tag die Wega im Zenit über der Zisterne steht, dann werde ich ihn wiedersehen. Dann wird er auftauchen. Dem Licht der Wega kann nichts widerstehen.

So weit außerhalb des Planeten hatte die Sonne alles Vertraute eingebüßt. Wie ein Geheimnis, in das niemand eingeweiht war, lag ihr Glanz im All. Das Knistern und Knacken im Lautsprecher verstärkte sich. Garrean hörte über Funk ein geplagtes Atmen, dann die Stimme seines Sekretärs. Shim sagte: »Mir wird heiß.«

»Hm«, machte Garrean.

»Elend heiß sogar.«

»Was macht denn die Kühlung deines Raumanzugs?«

»Sie kühlt«, sagte Shim. »Sonst wäre ich längst gekocht. Das Problem: Sie kühlt bei Weitem nicht genug.«

Garrean spürte am eigenen Leib, dass sein Sekretär recht hatte. Die Kühlsysteme waren längst überfordert. Die unteren Schichten des Anzugs, die auf der Haut auflagen, wurden von einem ausgeklügelten Geflecht winziger Kanäle durchzogen, in denen eisgekühltes Wasser zirkulierte. Garrean meinte zu spüren, wie das Wasser im Lamellensystem förmlich pulsierte, wie auch die Klimaanlage tat, was sie konnte, um zu verhindern, dass das Wasser aufbrodelte und verdampfte. Und wie das Kühlaggregat im Begriff war, den Kampf gegen die elektromagnetischen Fluten der Wega zu verlieren.

»Ich war dagegen, das Shuttle zu verlassen«, erinnerte ihn Shim. »Ich war ganz und gar dagegen.«

»Hm«, machte Garrean wieder. »Geschehen ist geschehen.«

»Falsch ist falsch«, ergänzte Shim. »Tot ist tot.«

»Warum bist du dann mitgekommen?«

»Ja, warum bin ich mitgekommen? Weil Sie es mir befohlen haben?«

»Befohlen«, echote Garrean skeptisch. »Warum folgst du meiner freundlichen Empfehlung, mich nach draußen zu begleiten, wenn du Angst davor hast?«

Die Wega erfüllte den Raum, eine unerschöpfliche, immerwährende, lautlose Lichtexplosion, die jeder kreatürlichen Angst einen guten Grund gab.

»Weil ich vor Ihnen noch mehr Angst habe«, bekannte Shim.

Garrean lachte lautlos. Für einen Moment war nichts zu hören als das an- und abschwellende Knistern und Knacken im Lautsprecher. »Du bist eben ein Feigling«, stellte Garrean ohne jeden Vorwurf fest. Das Visier seines Helmes war derart abgedunkelt, dass er nichts außer der Wega selbst sehen konnte – keinen Planeten, nicht einmal Ambur selbst.

Geschweige denn die Umrisse von Shim.

Garrean und Shim hatten das Shuttle vor etwa drei Minuten verlassen. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis Ambur sich vor die Sonne schieben würde. Garrean blieb ruhig.

»Im Schatten wären wir sicher gewesen«, sagte Shim. »Das ist eine völlig überflüssige Aktion, Gouverneur.«

»Dass deine Mutter mit deinem Vater die Vergnügen nächster Nähe gesucht hat, war auch keine notwendige Aktion«, erklärte Garrean.

Er hörte Shim ächzen. »Sie sind eine Plage«, sagte sein Sekretär. »Oder Sie suchen den Tod.«

Wieder lachte der Gouverneur lautlos.

Als ehemaliger Raumfahrer empfand Garrean durchaus Ehrfurcht vor dem All, ja er fürchtete diesen ungeheuerlichen Raum, wie ein Mann eine Frau fürchtete, die zu schön war, um außer Acht gelassen zu werden. So wie eine Frau erfüllte auch der Weltraum das Leben mit Risiken; er warf jedermann aus den Bahnen des Alltags, erschloss einen neuen Blick auf alle Dinge.

Das All machte alles neu.

Shim verstand nichts von Frauen. Er verstand folglich auch nichts vom All.

»Ich sterbe dann jetzt«, kündigte Shim an.

»Hm«, grummelte Garrean. »Warte bitte noch einen Moment.«

Ambur schob sich vor das Lichtmeer der Wega. Die Hitze wurde von ihnen gehoben wie eine Stahlplatte. Nach und nach hellte das Visier des Raumanzugs auf. Garrean sah die PACVASS III über sich hängen, ihr Shuttle. Die PACVASS III war ein älteres, aber immer noch elegantes Raumschiff. Am deltaförmigen Boden des Nurflüglers entdeckte er zwei Eiserne Hände. Die Maschinen glichen tatsächlich einer überlebensgroßen ferronischen Hand, wobei der abgewinkelte Daumen als kleines Luftdrucktriebwerk diente. Die vier Finger der Eisernen Hände behoben Schäden an den Hitzekacheln des Shuttles. Garrean machte sich darum keine Sorgen. Die Eisernen Hände waren verlässliche Maschinen. Nach getaner Arbeit würden sie sich wieder in ihre Nischen zurückziehen.

Er widmete sich dem größeren Problem: Der unter seiner Ägide in der Umlaufbahn assemblierte riesige Orbitalspiegel wurde in Position gebracht und ausgerichtet.

Die robotischen Sammler hatten monatelang den Orbit abgeerntet. Sie hatten Weltraumschrott gesichtet, auf seine Eignung überprüft und zur Baustelle geschafft.

Schrott gab es im Wega-System zuhauf. Der große Krieg des Dunklen Zeitalters, vom Thort, den manche allsehend, allwissend und allgegenwärtig nannten, erst vor wenigen Jahren zu einem Ende gebracht, hatte seine Spuren hinterlassen. Natürlich taugten nicht alle herumirrenden Trümmerteile als Bausteine für den Orbitalspiegel; einiges musste gründlich bearbeitet und umgeformt werden, bis es ein passgenaues Teil abgab.

Außerdem war es Garrean gelungen, aus offiziellen wie inoffiziellen Quellen ein wenig Material abzuzweigen und in den Orbit von Ambur zu schicken – ein paar zehntausend Tonnen.

Nun näherte sich die Arbeit vieler Monate ihrem Abschluss.

Garrean hatte an den Polregionen Ruß verstreuen lassen. Auf sein Geheiß hatten die Bioarchitekten von Karbush ferronische und amburische Bakterien modifiziert; sie hatten den Mikroben dunkel pigmentierte Zellhäute angezüchtet. Dann waren diese neuartigen Geschöpfe in den Polregionen ausgesetzt worden.

Die Verdunkelung der Eisflächen durch die Kleinstlebewesen und den Ruß würde einen allmählichen Temperaturanstieg bewirken; in der größeren Wärme würde das Eis allmählich schmelzen, und ganz allmählich würde sich dadurch eine dichtere, besser atembare Atmosphäre herausbilden.

Garrean war allerdings kein großer Freund des Allmählichen. Er war ins rasche Gelingen verliebt.

Der Orbitalspiegel spielte in Garreans Plänen eine Schlüsselrolle. Er würde schneller Fakten schaffen und beweisen, dass man aus Ambur mehr machen konnte.

Vorausgesetzt, man war Garrean, hatte seine Visionen und einen Blick für Möglichkeiten, der über den Tellerrand der Bürokraten auf Ferrol hinausschaute.

Der Orbitalspiegel würde Garreans bislang eher unscheinbarem Projekt, Ambur zu ferrolformen, ein entscheidendes Momentum verleihen, einen Schwung, der sich weit über seine Amtszeit als Gouverneur fortsetzen sollte.

»Alles verläuft nach Plan«, hörte er Shim sagen. Der Jammer war aus der Stimme seines Sekretärs gewichen.

»Gut«, sagte Garrean beschwörend. »Gut so. Sehr gut.«

Der Orbitalspiegel war ein beeindruckendes Gebilde. Seine Oberfläche bestand aus polymerverstärkter Alufolie. Diese Fläche würde die Strahlen der Wega bündeln und auf die nördliche Polkappe Amburs leiten. So würde sich die Temperatur der Polregion in den nächsten Jahrzehnten um bis zu sechs Grad erhöhen lassen. Das Eis würde schmelzen; Bäche, Flüsse und Seen würden sich bilden, und ferronisches Leben wäre nicht nur in den Senken, Niederungen und Tälern möglich.

Der Spiegel war gewaltig. Der Durchmesser der Folie betrug 220 Kilometer. Dutzende von Fängersatelliten beschützten die hauchdünne Folie schon jetzt vor herumtreibendem Weltraumschrott.

Eine raumfeste Autokamera trudelte vorbei, korrigierte ihren Kurs leicht und richtete ihr Objektiv auf Garrean. Der Gouverneur war sich nicht sicher, ob die Kamera irgendetwas von seinem Gesicht würde aufzeichnen können oder nur sich selbst in der Verspiegelung filmte.

Wie auch immer: Er setzte ein zuversichtliches Lächeln auf und nickte ernst in Richtung der Aufnahmeoptik.

Die Autokamera übertrug nicht live; eine Livesendung hätte auf Ferrol zu Reaktionen führen können, die Garrean – nun ja: wenig wünschenswert erschienen.

Man würde die Heimat aller Ferronen später mit einem Zusammenschnitt der Operation beglücken.

Einen Wimpernschlag bevor Shim »Achtung!« schrie, hatte Garrean es entdeckt. Das Steuertriebwerk eines Teilaggregates versagte. Statt mit sanftem Gegenschub zu bremsen und das Segment an vorgesehener Stelle einzusetzen, schaltete es auf Dauerschub.

»Ich sehe es«, murmelte er.

Garrean sah, was sich tat und welche Auswirkungen es haben würde. Das Segment würde durch die Folie schießen und auf die Zentralsektion des Spiegels treffen, auf das Gehäuse mit dem Rechner und dem Selbststeuersystem. Der Spiegel würde ins Taumeln geraten, zerreißen, schlimmstenfalls abstürzen.

Garrean versuchte, das zum Geschoss gewordene Segment über Funk zu erreichen und dessen Redundanzsystem zu aktivieren. Aber das Triebwerk reagierte nicht und hielt seinen katastrophalen Kurs.

Also reagierte Garrean.

»Was tun Sie da?« Shims Stimme gellte aus dem Lautsprecher.

»Shim«, sagte Garrean leise, aber im Ton eines Befehls. »Sei so gut und füge meinem Gehör keine irreparablen Schäden zu.«

»Was tun Sie?«, wiederholte Shim.

»Das siehst du doch«, sagte Garrean. »Ich beschleunige.«

»Lassen Sie das!«, rief Shim. »Wahrscheinlich hat das Triebwerk seine Fehlfunktion längst diagnostiziert und eine Selbstzerstörungssequenz eingeleitet.«

»Mag sein«, gab Garrean ungerührt zu.

»Sie werden sterben«, prophezeite Shim.

Die Düsen seines Raumanzugs katapultierten Garrean förmlich zum Spiegel. Kurz darauf war er auf gleicher Höhe mit dem Segment, das auf die Zentralsektion des Spiegels zustürzte. Dann hatte er es überholt. Garrean zog beide Beine an und versetzte dem Ding einen gewaltigen Tritt. Das Segment schoss am Spiegel vorbei. Garrean überschlug sich einige Male, bis er seinen Flug über die Düsen wieder unter Kontrolle hatte.

»Siehst du«, sagte er. »Keine Gefahr.«

In diesem Moment explodierte das Segment lautlos. Einige der Trümmer durchschlugen die Folie, ohne allzu großen Schaden anzurichten. Ein scharfkantiges Stück torkelte auf Garrean zu. Der Gouverneur riss die Arme vor das Visier. Das Fragment zerfetzte in Höhe seines Ellenbogens einen Teil des linken Ärmels. Garrean spürte den Druckabfall und hörte Sekundenbruchteile später das Zischen der winzigen Düsen, die eine Abdichtmasse in das Loch spritzten. Aber das Zischen verstummte, und mehr und mehr Luft entwich. Garrean versuchte, die Stelle mit dem rechten Handschuh abzudecken, aber ohne großen Erfolg.

Plötzlich war ein anderer Körper bei ihm, Shim, und barg die aufgerissene Stelle an seinem Bauch.

Erst in diesem Moment spürte Garrean den Schmerz und schrie auf.

»Alles in Ordnung?«, fragte Shim mitleidlos.

»Natürlich«, grummelte Garrean. »Was dachtest du denn?«

»Sie wissen, was ich dachte.«

»Wenn wir an Bord der PACVASS III geblieben wären, wäre unser Projekt jetzt am Ende«, sagte Garrean.

»Wenn ich an Bord der PACVASS III geblieben wäre, wären Sie jetzt tot. Ein Held, aber tot.«

Garrean grinste. »Was für ein herrlicher Tag.«

Sie waren zurück im Cockpit der PACVASS III. Das Funkgerät zeigte an, dass Vela Waygen mehrfach versucht hatte, sie über Funk zu erreichen.

»Frag, was sie wollte«, sagte Garrean, während er den verletzten Arm aus dem Raumanzug schälte.