Perry Rhodan 3025: Ich erinnere mich - Wim Vandemaan - E-Book + Hörbuch

Perry Rhodan 3025: Ich erinnere mich E-Book und Hörbuch

Wim Vandemaan

0,0

Beschreibung

Mehr als 3000 Jahre in der Zukunft: Längst verstehen sich die Menschen als Terraner, die ihre Erde und das Sonnensystem hinter sich gelassen haben. In der Unendlichkeit des Alls treffen sie auf Außerirdische aller Art. Ihre Nachkommen haben Tausende von Welten besiedelt, zahlreiche Raumschiffe fliegen bis zu den entlegensten Sternen. Perry Rhodan ist der Mensch, der von Anfang an mit den Erdbewohnern ins All vorgestoßen ist. Nun steht er vor seiner vielleicht größten Herausforderung: Die Rückkehr von seiner letzten Mission hat ihn rund 500 Jahre weiter in der Zeit katapultiert. Eine Datensintflut hat fast alle historischen Dokumente entwertet, sodass nur noch die Speicher der RAS TSCHUBAI gesichertes Wissen enthalten. Eine Begleiterin Perry Rhodans ist die mysteriöse Thesan Zemina Paath, die etliche Erinnerungslücken aufweist. Auf dem dritten Planeten des Solsystems erhielt Perry Rhodan aber ein Gehirnfragment eines Thesan. Wenn es gelingt, dieses mit Zemina Paath zu vereinen, könnte es bald heißen: ICH ERINNERE MICH ...

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 161

Das Hörbuch können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS

Zeit:4 Std. 3 min

Sprecher:Renier Baaken




Nr. 3025

Ich erinnere mich

Die Geschichte einer Zivilisation – und eines kosmischen Komplotts

Wim Vandemaan

Cover

Vorspann

Die Hauptpersonen des Romans

Prolog: Damals

1. Zu Gast bei Mister Stringer

2. Das Haus am Berg

3. Nekrophagen

4. Parnastare

5. Das Werk der Geier

6. Die Umwertung

7. Ansichten eines unfertigen Landes

8. Mission Rhe

9. Das Summen der Maschinen

10. Euer Gast. Euer Wirt.

Epilog: Neu-Terrania

Fanszene

Leserkontaktseite

Glossar

Impressum

Mehr als 3000 Jahre in der Zukunft: Längst verstehen sich die Menschen als Terraner, die ihre Erde und das Sonnensystem hinter sich gelassen haben. In der Unendlichkeit des Alls treffen sie auf Außerirdische aller Art. Ihre Nachkommen haben Tausende von Welten besiedelt, zahlreiche Raumschiffe fliegen bis zu den entlegensten Sternen.

Perry Rhodan ist der Mensch, der von Anfang an mit den Erdbewohnern ins All vorgestoßen ist. Nun steht er vor seiner vielleicht größten Herausforderung: Die Rückkehr von seiner letzten Mission hat ihn rund 500 Jahre weiter in der Zeit katapultiert. Eine Datensintflut hat fast alle historischen Dokumente entwertet, sodass nur noch die Speicher der RAS TSCHUBAI gesichertes Wissen enthalten.

Eine Begleiterin Perry Rhodans ist die mysteriöse Thesan Zemina Paath, die etliche Erinnerungslücken aufweist. Auf dem dritten Planeten des Solsystems erhielt Perry Rhodan aber ein Gehirnfragment eines Thesan. Wenn es gelingt, dieses mit Zemina Paath zu vereinen, könnte es bald heißen: ICH ERINNERE MICH ...

Die Hauptpersonen des Romans

Perry Rhodan – Der Terraner erhält Berichte aus der Vergangenheit.

Zemina Paath – Die Thesan versucht, ihre Erinnerungslücken zu füllen.

Eyx Xunath – Der Thesan ließ nur Erinnerungen zurück.

Numud Stupandse und Attadh Machaimani – Zwei Konsuln der Cairaner tragen Verantwortung für das, was geschieht.

Oling

Als die VECU in der Aureole erschien, fragte sie der Konsul: »Wie kannst du da sein, wo die Welt in Flammen steht?«

Die VECU, die in der Aureole war, antwortete: »Ich bin das Feuer.«

Prolog

Damals

Oling stolpert, fällt. Lärm überall. Sein Stöhnen und Ächzen.

Ich frage ihn: »Lebst du noch?«

»Ich überprüfe es soeben, Meister. Habt einen Moment Geduld.«

»Melde dich, falls nicht.« Ich bin erleichtert, behalte das aber für mich. Ich sage: »Gegebenenfalls müsste ich mich dann um ein neues Faktotum kümmern.«

Oling heult auf. »Ihr seid zu gütig, Meister!«

»Leider«, sage ich. »Mein größter Fehler.«

»Warum sonst hättet ihr mich aus den Gen-Öfen von Vey gerettet, Meister!«

Die Gen-Öfen von Vey. Ich erinnere mich: Sein winziger Leib in der Glaskapsel. Der Nährsud, lichtblau und durchsichtig. Die Mechorganellen schwimmen, winzig, grimmig, auf der Hut.

Sein Kopf, der sich zu mir dreht, als könnte er mich mit seiner Sehschiene erblicken.

Ich erinnere mich.

Ich bin Zemina Paath.

Stimmt das? Aber nein. Ich bin...

Ich erinnere mich nicht. Ich bin ... ich.

»Wenn der Tag kommt, nach dem kein Tag mehr kommt, werde ich dich dennoch nie vergessen«, murmele ich.

Die zerschellte Geburtskapsel. Wie ich ihn aus den Scherben hebe, wie ich meine Jacke aufreiße und ihn hineinstecke und wie er sich in meine Brust verbeißt. Dieser winzige Schmerz. So lange her. Sein langer und loyaler Dienst.

Oling richtet sich auf. »Trostloser Tröster«, flüstert er.

Ich sehe eine Gestalt – eine Gestalt, die nicht hierhergehört. Die nirgends hingehört: ein in den Nacken gehobenes Haupt; ein nach hinten gebogenes Schläfengeweih, witternd; weit vorgestülpte Augen, die sich suchend bewegen.

»Wir müssen fort von hier!«, schreie ich. »Unverzüglich.«

Fort von Vey. Fort von den Gen-Öfen, die gleich explodieren müssen.

»Aber wir sind längst fort, Meister«, sagt Oling mit leisem Tadel.

Das Universum kennt keine Kontinuität. Keine Unendlichkeit.

Ich schaue auf das Wrack. Ich höre das Geräusch kreischenden Metalls.

»Konsul«, schreie ich. Mein Blick geht über das Wrack hinaus, das nicht mehr nur Wrack ist, sondern Sinnbild. Es ist nicht nur dieses Schiff abgestürzt; wir alle sind abgestürzt. Wir stürzen noch immer, tiefer und tiefer.

»Ist alles verloren, Konsul?«, frage ich.

Der Konsul streift seine Handschuhe ab. Die Choreografie seiner Arme und Hände, vier Finger an jeder Hand. Es ist eine sonderbar intime Geste. Cairaner legen eigentlich niemals die Handschuhe vor Angehörigen eines anderen Volkes ab. Er faltet sie sorgfältig. Er sieht mich an, seine waagerecht stehenden Pupillen in den sandfarbenen Augen wirken unnatürlich weit. »Sag du es mir. Was siehst du?«

»Es kann nicht alles verloren sein«, antworte ich.

»Alles geht einmal verloren.« Der Konsul wirkt beinahe heiter, wie von einer Last befreit.

»Nicht die Zukunft!«, widerspreche ich. Bin ich Fürsprecher der Zukunft? Wohl kaum.

Wir haben sie für den erleuchteten Ort gehalten, von dem alles Licht auf die Gegenwart fällt.

Welch ein Irrtum.

Wir sind ihr in die Falle getappt.

Die Zukunft hat uns verraten.

1.

Zu Gast bei Mister Stringer

2. Dezember 2045 NGZ

Die BJO BREISKOLL näherte sich der Sonne Mister Stringer durch den Linearraum.

Perry Rhodan verfolgte den Anflug mit leichtem Unbehagen. Er wollte das Nashadaan wieder aufnehmen, das Sternenschiff der Thesan Zemina Paath. Sie hatten dieses Objekt, das Paath auch als ihre Hülse bezeichnete, am 10. September 2045 unweit Mister Stringers geparkt.

Mister Stringer war eine rote Sonne, etwa 2200 Lichtjahre vom Solsystem entfernt, aber nur 76 Lichtjahre vom Olubneasystem, in dem das Beiboot der RAS TSCHUBAI zu diesem Zeitpunkt operiert hatte.

Rhodan dachte kurz an die Olubfaner zurück und an die erste, nicht eben erfreuliche Begegnung mit den Ladhonen, die sich seit Jahrhunderten in der Rolle einer galaktischen Landplage gefielen.

Seit den Jahrhunderten, die wir übersprungen haben, dachte Rhodan. Wäre die Welt eine andere, hätte er mit der RAS TSCHUBAI und ihrer Besatzung vor Ort sein können? Möglich.

Rhodan fiel ein Interview ein, das ein Simulationshistoriker, dessen Namen er vergessen hatte, einige Jahre nach Gründung der Kosmischen Hanse gegeben hatte. Die Simulation, die der Historiker mittels diverser speziell geschulter Positroniken durchgespielt hatte, war von der Voraussetzung ausgegangen, dass der Schwarm die Milchstraße nicht heimgesucht hätte.

»Wie wären wir dem Hetos der Sieben begegnet? Wehrhafter?«, hatte der Interviewpartner den Wissenschaftler gefragt. »Erfolgreicher? Wie viel Leid, wie viele Schäden wären der Milchstraße erspart geblieben.«

Der Wissenschaftler hatte dargelegt, wie die Cynos insgeheim die Regierungen etlicher Sternenvölker beraten, eigentlich: unterwandert hätten. Wie sie die Sternenstaaten mit neuen Waffen aufgerüstet und so heimlich gegen die Invasion des Hetos in Stellung gebracht hätten, um zu verhindern, dass das Hetos mit seinen überlegenen Mitteln den verspätet eintreffenden Schwarm übernähme. Wie es beim Eintreffen der SVE-Flotten der Laren zu einem langen, blutigen Krieg zwischen den Streitkräften des Hetos und den hochgerüsteten Flotten der von Cynos gesteuerten Milchstraßenstaaten hätte kommen können. Wie der sich ausweitende Krieg nichts zurückgelassen hätte als verbrannte Planeten, verödete Sonnensysteme.

Rhodan erinnerte sich nicht mehr an den Namen des Journalisten, wohl aber an dessen entgeistertes Gesicht: »Heißt das, es wäre alles noch schlimmer gekommen?«

»Aber ja!«, hatte der Simulationshistoriker gerufen. »Viel schlimmer! Wie mein präastronautischer Kollege Leibniz gesagt hat: Wir leben in der besten aller möglichen Welten!«

Die Entgeisterung des Journalisten hatte sich noch einmal vertieft.

»Wir sind am Ziel«, riss die Stimme Muntu Ninasomas ihn aus seinen Gedanken.

Wie üblich saß der beinahe zwei Meter große Terraner mit weit von sich gestreckten und gespreizten Beinen im Sessel des Kommandanten, eine Hand auf einem Buch, das aufgeschlagen auf der Lehne lag. Er hatte es in einer kleinen Druckerei auf Rudyn erworben, die sich, wie Ninasoma Rhodan mit einigem Besitzerstolz mitgeteilt hatte, auf den Nachdruck von Werken der präastronautischen Zeit spezialisiert hatte.

Rhodan nickte gedankenverloren und schaute in das Panoramaholo der Zentrale. Die rote Sonne Mister Stringer hatte keine Planeten, wurde aber von einem breiten und tiefen Asteroidenring umlaufen. Wie eine Maschine mit einer Unzahl zerbrochener Zahnräder, die dennoch nicht aufhören können, sich zu drehen.

Vor langer Zeit hatte sich irgendwo in diesem lautlosen Wirbel lebloser Steinbrocken ein Geheimstützpunkt des Solaren Imperiums befunden, der in den Zeiten nach der Dolan-Krise verlassen und aufgegeben worden war.

Der Sternatlas verzeichnete das System deswegen auch nicht mehr als Stützpunkt.

Farye Sepheroa und Donn Yaradua betraten die Zentrale, offenbar in ein lebhaftes Streitgespräch vertieft. Rhodan bemerkte unwillkürlich, wie nah die beiden nebeneinander gingen, die Schultern keinen Fingerbreit voneinander entfernt. Sehr gravierend konnte der Streit nicht sein.

»Unsinn!«, sagte Farye und boxte Yaradua von hinten bekräftigend in die Hüfte.

»Gewalt ist kein Argument«, erwiderte Yaradua.

»Sprach der Baum zur Axt«, sagte Farye abschließend. Nach einigen Schritten in Richtung Rhodan blieben beide stehen, wie gebannt vom Anblick Mister Stringers und seiner spröden, kreisenden Felsenwelten.

Rhodan registrierte befriedigt, dass Faryes Schulter nun auch seiner sehr nah war.

Als die BJO BREISKOLL vor einigen Wochen zum ersten Mal bei Mister Stringer gewesen war, hatte Rhodan die uralte Station notdürftig wieder in Betrieb genommen. Das Gebäude war ausgeschlachtet, verwüstet, und vieles war aufgrund der Hyperimpedanz-Erhöhung ohnehin nicht mehr funktionstüchtig. Immerhin: Die Lebenserhaltungssysteme, Kernstück aller für Menschen gemachten Weltraumobjekte, waren intakt.

Zemina Paath hatte die Absicht, ihr Nashadaan an diesem Ort abzustellen, nicht eben gutgeheißen. Aber ihr war klar, dass zwar sie selbst ein gern gesehener Gast an Bord seines Schiffes sein mochte, ihre Hülse aber mit ihrer für die Galaktiker fremden und unkalkulierbaren Technik vorläufig nicht.

»Und wenn ich mich nicht einverstanden erklärt hätte?«, hatte sie gefragt.

Worauf Rhodan nur gelächelt und geschwiegen hatte. Immerhin war man ihrer Sorge, das Nashadaan könnte unbewacht bleiben – oder hätte man besser sagen sollen: ohne Gesellschaft? –, begegnet, indem man eine kleine Besatzung in der Station zurückgelassen hatte. Sie bestand aus Yester Moon, einem auf Plophos geborenen Terraner, Robotiker weniger von Beruf als aus Berufung, einem Posbi namens Anderman und dessen Matten-Willy Taalwerz.

Die BJO BREISKOLL hatte außerdem eine leistungsfähige Hyperfunkanlage installiert sowie einige TARA-Kampfroboter abgeordnet. Ob zum Schutz des Nashadaans vor unverhofften Angreifern aus dem All oder zum Schutz der neuen Besatzung vor dem Nashadaan, hatte Rhodan offengelassen.

Auch vor sich selbst.

OXFORD, die Bordpositronik der BJO BREISKOLL, meldete, dass sie das Nashadaan geortet hatte und im Kontakt mit Anderman stand: »Keine besonderen Vorkommnisse; alles in Ordnung.«

»Stell eine akustische Verbindung zur Station her!«, befahl Rhodan.

Einige Sekunden später meldete sich eine menschliche Stimme. »Hallo, BJO BREISKOLL. Yester Moon hier. Das Nashadaan hat sich ruhig verhalten.«

»Gut«, sagte Rhodan. »Wir holen die Hülse ab.«

Moon antwortete zunächst nicht. Aus irgendwelchen Gründen gab es keine Bildübertragung. »Warum?«, erklang Moons Stimme schließlich.

Rhodan antwortete: »Wir benötigen das Nashadaan, um einen neurochirurgischen Eingriff bei Zemina Paath vorzunehmen.«

»Sie ist krank?«, fragte Moon.

»Sie braucht Hilfe«, wich Rhodan aus. Tatsächlich hatten bereits einige Mediker versucht, ihr das Hirnfragment einzusetzen, das YLA ihnen auf der neuen Erde übergeben hatte.

Matho Thoveno, der Chefmediker der RAS TSCHUBAI, hatte zusammen mit einem weiteren Ara, Pa-Shomen, einem Spezialisten für Neuronalarchitektur, versucht, das thesanitische Hirnfragment in eine Schädelkaverne Zemina Paaths zu implantieren. Der Transfer war gelungen, die neuronale Verschaltung mit Paaths Gehirn hingegen nicht.

Man hatte das Hirnfragment zurücktransferieren müssen.

Die Thesan hatte den Eingriff nicht besonders gut überstanden. Sie litt seitdem unter einer sporadischen Desorientierung, Halluzinationen und kleineren, aber spürbaren Sprachstörungen. Dennoch bestand sie weiterhin darauf, das Fragment aufzunehmen. Allerdings brauchte es dazu, wie sie meinte, die medizinische Assistenz ihres Nashadaans.

Rhodan war sich nicht sicher, ob dies den Tatsachen entsprach oder ob Paath schlicht die Möglichkeit sah, ihr Sternenschiff zurückzubekommen.

Immerhin: Falls das Nashadaan Hilfestellung leisten konnte und dazu bereit war, sollte es willkommen sein. Rhodan betrachtete die Chance, die das Hirnfragment bot, als zu groß, um sie auszuschlagen.

Auch wenn seine Sorge um die Thesan nach dem ersten Versuch nicht geringer geworden war.

»Gut«, sagte Moon endlich. »Wir erwarten euch. Wir haben das Nashadaan sicherheitshalber verankert. Aber die Lösung des Ankers sollte nicht viel Zeit kosten.«

»Danke«, sagte Rhodan.

Farye räusperte sich. »Täusche ich mich, oder klang da bei Moon etwas wie Eifersucht durch?«

Rhodan lächelte flüchtig. »Ich gehe zu unserem Gast«, verkündete er und sagte zu dem Kommandanten: »Nehmt die Hülse so bald wie möglich in Schlepp. Dann setzen wir Kurs auf das Ephelegonsystem.«

Er nickte Farye ebenso wie Donn Yaradua kurz zu und verließ die Zentrale.

*

Die Medoabteilung lag einige Decks unterhalb der Zentrale des MARS-Kreuzers und knapp oberhalb der Lebenserhaltungssysteme. Die Atmosphäre in der Medoabteilung unterschied sich ein wenig von der in den anderen Räumen des Schiffes: Das Aroma war herber, frischer, als wäre an einem milden Herbsttag Regen gefallen. Dazu ein Hauch von Zimt.

Der Raum, in dem die Thesan ruhte, war spartanisch eingerichtet. Die weiß bespannte Liege war breit genug, dass Paath mit weit ausgebreiteten Armen dort liegen konnte. Ihr Körper war bis zur Brust mit einer eng aufliegenden Medofolie bedeckt, die dank zahlloser Sensoren den Medoroboter mit Informationen versorgte, der am Kopfende stationiert war wie ein stummer, metallener Paladin.

Zemina Paath schlief. Die Medofolie hob und senkte sich gleichmäßig.

Am Fußende der Liege stand ein Tisch, an dem zwei Aras saßen. Sie gehörten beide nicht zur Stammbesatzung der BJO BREISKOLL. Der eine, Matho Thoveno, bekleidete das Amt des Chefmedikers der RAS TSCHUBAI. Bei dem anderen handelt es sich um Pa-Shomen. Er war auf Rudyn an Bord gekommen. Die Ähnlichkeit der beiden war verblüffend, allerdings trug Thoveno wie üblich ein rotes Tuch um den Kopf, das er im Nacken verknotet und so fixiert hatte.

Die beide spielten Domino. Sie sahen kurz auf und nickten Perry Rhodan grüßend zu, als dieser den Raum betrat.

»Wir haben Mister Stringer erreicht«, teilte Rhodan den beiden Aras mit. »Wir nehmen das Nashadaan mit ins Ephelegonsystem. Alles wie geplant.«

»Das ist fein«, murmelte Thoveno, ohne seinen Blick von der verästelten Dominolandschaft zu nehmen. »Diese Walze ist dreihundert Meter lang, richtig? Dann hätten wir einen sehr sensiblen Assistenten für unseren zweiten Transplantationsversuch.«

Pa-Shomen lachte leise und zog zwei Steine aus dem Talon.

»Wir werden sehen«, entgegnete Rhodan. Er nickte in Richtung der Thesan. »Weckt sie auf!«

*

Zemina Paath hatte nichts von ihrer Fremdartigkeit eingebüßt. Dabei war sie deutlich humanoid, ihre Haut von einem marmornen Weiß, die ausdrucksstarken Augen fast unwirklich blau, und auch die kurz geschnittenen, nachtschwarzen Haare hatten, wenn das Licht in einem bestimmten Winkel auf sie fiel, einen Stich ins Blaue.

Wenn das Licht in einem bestimmten Winkel auf sie fiel, wirkte sie wie eine berückend schöne, sehr hochgewachsene, grazile Frau.

Wenn dies aber nicht der Fall war, enthüllte sich ihre Fremdheit schonungslos. Dann wirkte sie, als würde in ein Holodrama, das von ganz alltäglichen Situationen handelte – einer Küchenszene, einem gemeinsamen Essen – eine Erfindung eingeblendet, eine Figur, die zu keiner anderen in Beziehung stand und auch keine Beziehung suchte.

Was Rhodan über sie wusste, war immer noch wenig. Sie mochte die RAS TSCHUBAI gerettet haben. Aber wie hatte sie das Schiff im grenzenlosen Halo der Milchstraße überhaupt gefunden?

Sie war eine Thesan aus dem Volk der Thesanit. Was hatten diese Thesanit mit dem Verschwinden der Erde und des Mondes zu tun?

Sie bezeichnete sich als Kundschafterin. Aber wonach hielt sie Ausschau und in wessen Auftrag? Was hatte es mit ihrem Paau auf sich, diesem Ding, das halb Koffer, halb Klanginstrument war und das, um tätig zu werden, ein Mandat benötigte? Normalerweise schlief Zemina Paath sogar in ihrem Paau, doch in der aktuellen Situation hatten die beiden Aras auf einem konventionellen Bett bestanden, damit die Thesan ihrer Medotechnologie zugänglich blieb.

Der Medoroboter, der ihr eben eine Injektion gegeben hatte, glitt geräuschlos von der Medoliege zurück.

Paath schlug die lichtblauen Augen auf. Die beiden Aras beobachteten sie und hatten beide das gleiche starre, maskenhafte Lächeln des Beobachters aufgesetzt.

»Wir sind da«, informierte Rhodan.

Sie richtete sich auf. »Wie geht es dem Nashadaan?«

»Es ist alles unverändert«, sagte Rhodan.

Nach wie vor trug Zemina Paath ihre einteilige Kombination aus weißem Stoff, der auch ihre Füße umschloss. Die Zehen waren klar erkennbar, mit denen sie, wie Rhodan gelegentlich beobachtet hatte, gut und sicher greifen konnte.

Paath fuhr sich mit der linken Hand, an der die beiden äußeren von fünf Fingern fehlten, kurz durch das Haar. Auf allen Fingern – außer den Daumen – saßen technoid wirkende Fingerhüte, deren Funktion Rhodan immer noch nicht klar war. Er und Atlan hatten darauf gedrängt, diese Objekte untersuchen zu lassen. Paath hatte dem nach kurzem Zögern zugestimmt. Rhodan hatte den Eindruck gewonnen, als wüsste sie selbst nicht mit letzter Sicherheit, was es mit den Fingerhüten auf sich hatte.

Aber die Untersuchung war unergiebig geblieben. Die Xenotechnikanalysten der RAS TSCHUBAI waren zu keinen Ergebnissen gekommen, die sie überzeugt hätten. Ihr vorläufiges Urteil: Die Machart dieser Technik bewegte sich auf einem Niveau, das man sonst in den Maschinenparks von Superintelligenzen erwartete.

Was die Herkunft dieser Fingerhüte und ihre Handhabung anging, wusste Paath, wie gehabt, von nichts.

Rhodan hatte der Thesan die Fingerhüte dennoch wieder ausgehändigt. Eine Geste des Vertrauens. Er war sich nicht sicher, ob er es wirklich hatte. Aber wozu sollten er und die Terraner sich Dinge aneignen, die sich möglicherweise gegen diese Inbesitznahme wehrten und dann gegen sie wandten? Paath, da war er sich sicher, stand ihm und der Menschheit nicht feindselig gegenüber. Die Fingerhüte waren bei ihr in guter Hand.

Um den Hals der Thesan lag eine Halskrause, aus der ein halbkugeliger Helm ausfahren und ihren Kopf umschließen konnte. Ihr Anzug war damit weltraumtüchtig, und Rhodan hatte keinen Zweifel, dass er den SERUNS der Terraner mindestens gleichwertig war.

»Gehen wir in die Zentrale«, bot er Paath an. Er vermutete, dass das Nashadaan mittlerweile an die Hülle der BJO BREISKOLL angedockt war.

So war es auch, doch es gab eine Überraschung. Rhodan bemerkte die leichte Irritation der Zentralebesatzung sofort. Er warf Farye einen fragenden Blick zu. Sie antwortete: »Das Nashadaan hat Passagiere aufgenommen, wie wir eben erfahren haben.«

Rhodan hob die Augenbrauen.

»Es sind unsere Leute«, fuhr Farye fort. »Yester Moon, Anderman und der Matten-Willy.«

Rhodan wandte sich Zemina Paath zu. »Was sagt man dazu?«

»Ich möchte mit der Hülse sprechen«, sagte die Thesan. Als die Verbindung stand, fragte sie ihr Sternenschiff: »Welchen Status hast du diesen Personen verliehen?«

»Den Status von Permanentgästen«, antwortete das Nashadaan.

»Hou!«, sagte sie leise – bei ihr ein Ausruf des Erstaunens.

»Bist du einverstanden?«, erkundigte sich das Nashadaan.

Zemina Paath bildete mit dem Daumen und dem Zeigefinger ihrer rechten Hand einen Kreis: Ja.

Die Verbindung wurde beendet.

»Geschieht es oft, dass dein Nashadaan Permanentgäste aufnimmt?«, fragte Perry Rhodan.

»Ich kann mich an keinen Fall erinnern«, antwortete die Thesan. Was, da man ihr Teile ihres Gehirns gestohlen hatte, weder ein klares Ja noch ein Nein war.

Rhodan verlangte, mit einem der drei Permanentgäste zu sprechen. Kurz darauf ertönte die Stimme Yester Moons. »Warum hast du uns nicht über diese Entwicklung unterrichtet?«, fragte Rhodan.

»Das Nashadaan hat uns dieses Angebot gerade erst unterbreitet«, gab Moon zurück.

»Und ihr habt es angenommen?«

»Ja«, antwortete Moon, hörbar erstaunt über die Frage. »Mir wurde ein Daan angeboten, und Anderman mit Taalwerz ebenfalls.«

Perry Rhodan hatte die Daans des Nashadaans gesehen: In dem weitgehend hohlen Innenraum des Sternenschiffs hingen verschieden große geometrische Körper im Raum, die teils an Würfel, teils an Bienenwaben erinnerten – Mathematiker bezeichneten ein solches Gebilde als Oktaederstumpf.

»Es ist gut«, sagte Perry Rhodan.

Dann sah er Muntu Ninasoma an.

Der Kommandant nickte. Der dunkelrot schimmernde, sechseckige, etwa dreihundert Meter lange Hohlzylinder, dessen Bug und Heck von Kuppeln abgeschlossen waren, lag an der Hülle der BJO BREISKOLL fixiert.

»Auf nach Ephelegon!«, sagte Rhodan.

Der MARS-Kreuzer beschleunigte lautlos. Mister Stringer blieb im Nichts zurück.

*