Perry Rhodan Neo 242: Sturm über Olymp - Lucy Guth - E-Book

Perry Rhodan Neo 242: Sturm über Olymp E-Book

Lucy Guth

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Beschreibung

Das Jahr 2090: Ein halbes Jahrhundert nachdem die Menschheit ins All aufgebrochen ist, bildet die Solare Union die Basis eines friedlich wachsenden Sternenreichs. Aber die Sicherheit der Menschen ist immer wieder gefährdet: durch interne Konflikte und externe Gegner, zuletzt durch das mysteriöse Dunkelleben. Eigentlich hat Perry Rhodan gehofft, diese Gefahr im galaktischen Zentrum gebannt zu haben. Mittlerweile muss er aber erkennen, dass der Feind längst nicht besiegt ist. Insbesondere überall dort, wo der machthungrige Iratio Hondro aktiv ist, bleibt das Dunkelleben existent. Immerhin können die Terraner den skrupellosen Despoten von Plophos und Epsal vertreiben – doch dann ruft der Kaiser von Olymp Perry Rhodan zu sich. Im Castorsystem zeichnen sich dramatische Entwicklungen ab – Iratio Hondro entfesselt offenbar einen STURM ÜBER OLYMP ...

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Seitenzahl: 220

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Band 242

Sturm über Olymp

Lucy Guth

Cover

Vorspann

Schwarze Gedanken

1. Howard Snipes

2. Jessica Tekener

3. Perry Rhodan

4. Howard Snipes

5. Jessica Tekener

6. Howard Snipes

7. Jessica Tekener

8. Perry Rhodan

9. Jessica Tekener

10. Perry Rhodan

11. Howard Snipes

12. Kurz zuvor: Jessica Tekener

13. Perry Rhodan

14. Howard Snipes

15. Jessica Tekener

16. Perry Rhodan

17. Howard Snipes

18. Perry Rhodan

19. Howard Snipes

20. Perry Rhodan

21. Perry Rhodan

Reprise: Schwarze Gedanken

Impressum

Das Jahr 2090: Ein halbes Jahrhundert nachdem die Menschheit ins All aufgebrochen ist, bildet die Solare Union die Basis eines friedlich wachsenden Sternenreichs. Aber die Sicherheit der Menschen ist immer wieder gefährdet: durch interne Konflikte und externe Gegner, zuletzt durch das mysteriöse Dunkelleben.

Eigentlich hat Perry Rhodan gehofft, diese Gefahr im galaktischen Zentrum gebannt zu haben. Mittlerweile muss er aber erkennen, dass der Feind längst nicht besiegt ist. Insbesondere überall dort, wo der machthungrige Iratio Hondro aktiv ist, bleibt das Dunkelleben existent.

Immerhin können die Terraner den skrupellosen Despoten von Plophos und Epsal vertreiben – doch dann ruft der Kaiser von Olymp Perry Rhodan zu sich. Im Castorsystem zeichnen sich dramatische Entwicklungen ab – Iratio Hondro entfesselt offenbar einen STURM ÜBER OLYMP ...

Schwarze Gedanken

Ich renne und renne, während die Schwärze wie eine Flutwelle heranwogt.

Einige Schritte vor mir läuft mein Bruder. Ich höre ihn rufen, mich anfeuern: »Schneller, wir haben es gleich geschafft!«

Ich bemühe mich, mit ihm Schritt zu halten, doch die Schwärze huscht mir vor die Füße, bringt mich zum Stolpern. Sie spielt mit mir wie eine Katze mit der Maus, während sich der Abstand zwischen meinem Bruder und mir immer weiter vergrößert. Ich mobilisiere meine letzten Kräfte, um ihn einzuholen. Er springt in ein Loch im Boden – nein, kein Loch: eine ummauerte Öffnung ins Nichts. Ein Zeitbrunnen.

Nein! Ich will dort nicht hinein! Ich versuche anzuhalten. Doch ringsum kollabiert die Welt, ein starker Sog erfasst mich, zieht mich in den Zeitbrunnen hinein. Während ich ins Nichts stürze, höre ich meinen Bruder nach mir rufen. Ich will antworten, aber aus meiner Kehle fließt nur Schwärze. Es fühlt sich an, als erbräche ich Ameisen. Ich sehe genauer hin – es sind Sporen. Schwarze Sporen, die mir über die Lippen kriechen und mich umwirbeln wie ein Schwarm giftiger Insekten.

Im nächsten Moment tauche ich in die tintige Dunkelheit des Zeitbrunnens. Das zähe Schwarz, das ihn ausfüllt, umhüllt mich wie klebrige Melasse. Mir wird eiskalt. Und dann ... stecke ich fest. Ich bin eingefroren wie ein Insekt im Bernstein der Zeit. Ich kann mich nicht mehr rühren, während die Ewigkeit um mich herum vergeht.

Irgendwann sehe ich ein Gesicht vor mir, wie hinter Glas. Ich kenne dieses Gesicht, auch wenn es keine vertraute Person ist. Eine Helferin, eine Heilerin – Sud! Wie kommt sie hierher, ins Nichts des Zeitbrunnens?

Sie streckt die Hand aus, wie um mich zu berühren. Aber sie erreicht mich nicht, sie ist auf der anderen Seite ... auf der anderen Seite von was?

Mir wird immer kälter. Ich wusste bisher nicht, dass einem Menschen so kalt sein kann. Ich glaube, die Flüssigkeit in meinen Augen wird jeden Moment gefrieren. Ich kann die Lider nicht schließen, um meine Augen zu schützen, ich kann nach wie vor keinen Finger rühren. Ich glaube, ich habe sogar zu atmen aufgehört. Vor einer ganzen Weile schon.

Die Schwärze rückt näher. Sie kriecht mir in die Ohren, in die Nasenlöcher, in jede Pore meiner Haut. Sie erfüllt mich und zwingt mich, meine Glieder zu regen. Es ist keine Erleichterung, dass ich mich wieder bewegen kann. Im Gegenteil: Es erfüllt mich mit abgrundtiefem Grauen. Denn nicht ich bin es, die sich bewegt. Das Schwarz bewegt mich wie eine Marionette. Ich hebe meine Hand, die einen Strahler hält. Woher habe ich die Waffe? Ich weiß es nicht.

1.

Howard Snipes

Seine Hände waren schweißnass und zitterten. Fest umklammerte Howard Snipes die abgegriffene Aktentasche, während er den Kopf in den Nacken legte und an der Fassade des imposanten Gebäudes entlang nach oben sah. Zwischen den Giganten aus Glas und Stahl, die sich ringsum erhoben, wirkte es winzig. Dafür war seine Architektur umso beeindruckender. Die fast kreisrunde obere Etage ruhte auf blauen Säulen, die mit den flachen, viereckigen Bauten des Erdgeschosses verbunden waren. Über dem Haupteingang prangte der Schriftzug »GCC«.

Die Handelsniederlassung der General Cosmic Company auf Olymp – sein neuer Arbeitsplatz.

Snipes holte tief Luft und ging die Stufen nach oben. Die Glastüren glitten mit einem leisen Sirren vor ihm auf. Seine Nervosität war nachvollziehbar. Er war das erste Mal auf Olymp, und der Moloch von Trade City hatte ihn beeindruckt. Er hatte am Raumhafen seinen Koffer in die Verwahrung gegeben und eine Elektrodroschke genommen, ein Fortbewegungsmittel, das auf Olymp in jüngster Zeit mehr und mehr in Mode gekommen war. Ein kleiner Roboter hatte den einrädrigen Wagen gezogen und war so schnell durch die Häuserschluchten gesaust, dass es Snipes unmöglich gewesen war, von den grell blinkenden Reklametafeln mehr als verschwommene Neonfarben wahrzunehmen. Als er aus dem Gefährt geklettert war, hatte er ein flaues Gefühl im Magen gehabt – es war noch immer nicht verschwunden.

Die trockene Hitze von Trade City blieb hinter Snipes zurück, als er die Eingangshalle der GCC betrat. Dort war die Luft angenehm kühl, er atmete erleichtert durch. Die Halle war gut zehn Meter hoch und in angenehmen Dunkelblau- und Silbertönen gehalten. Ein breiter Empfangstresen dominierte den Raum, mehrere Sitzgruppen mit schwarzen Ledersesseln und kleinen Glastischen standen ringsum verteilt.

Ein junger Mann hinter dem Tresen hob den Kopf, als Snipes hereinkam. Seine pechschwarz glänzenden Haare, modisch mit regenbogenfarbenen Strähnen durchzogen und zu einem steilen Kamm gegelt, passten zu seinem professionellen Lächeln. »Willkommen bei der General Cosmic Company auf Olymp – wie kann ich Ihnen helfen?«

»Oh. Ich bin hier, weil ... äh ... Einen Moment, bitte.« Umständlich nestelte Snipes seine Datenbrille aus der Innentasche seines schwarzen Sakkos. Er hatte sie abgesetzt, weil er auf der Herfahrt die Wunder von Olymp mit eigenen Augen hatte bestaunen wollen. Und wie fast immer hatte er danach vergessen, sie wieder aufzusetzen.

Der GCC-Mitarbeiter wartete geduldig, während sich Snipes die Datenbrille aufsetzte und danach mit den Bewegungen seiner Augen seine Kommunikationsdateien durchforstete, um das Einladungsschreiben zu suchen. Immer wieder wurde er darauf angesprochen, warum er keine positronischen Kontaktlinsen oder gar Implantate benutzte, die viel einfacher zu handhaben seien. Vor allem seine ehemaligen Kollegen hatten mit Unverständnis reagiert und ihn spöttisch als »kommunikationsamputiert« bezeichnet. Doch Snipes reagierte allergisch auf jegliche Art von Kontaktlinsen – sie ließen seine Augen so extrem zuschwellen, dass er schließlich gar nichts mehr sah. Mit Implantaten hatte er es gar nicht erst versucht – sein Arzt hatte ihm wegen möglicher dauerhafter Schäden dringend davon abgeraten.

Während Snipes noch suchte, öffnete sich an der Rückwand des Saals eine eher unscheinbar wirkende Aufzugtür. Heraus trat eine etwa fünfzigjährige Frau mit kurzen, braunen Haaren. Sie kam mit forschen Schritten auf ihn zu.

»Mister Snipes, nehme ich an?«

Er ließ irritiert die Hände sinken. »Ja, das bin ich, Howard Snipes.«

»Sehr gut, wir haben Sie bereits erwartet.« Sie nickte ihm zu, ohne ihm die Hand zu reichen – auf den Kolonialwelten war das auf der Erde übliche Händeschütteln häufig verpönt. Das konnte durchaus damit zusammenhängen, dass man es auf Welten wie Olymp vielfach mit exotischen Gesprächspartnern zu tun hatte, bei denen man nicht recht wusste, welche Gliedmaße man eigentlich schütteln sollte. »Sie sind ein wenig spät dran, nicht wahr? Der Botschafter wartet nicht gern. Er selbst ist äußerst diszipliniert und stets pünktlich.«

Snipes zog unwillkürlich das Genick ein. Ausgerechnet an seinem ersten Tag! Er hatte gar nicht mitbekommen, dass er zu spät war. »Es tut mir leid ...«

Die Frau winkte ab. »Ist jetzt nicht wichtig. Kommen Sie mit, Mister Snipes. Mein Name ist übrigens Lisa Arlon.« Sie drehte sich auf dem Absatz um und strebte wieder dem Fahrstuhl zu. Sie schien fest davon auszugehen, dass Snipes ihr folgte.

Er stand ein paar Sekunden überrascht da, dann nickte er dem Mann am Empfangstresen zu und eilte Arlon hinterher. Als er sie erreichte, öffneten sich die Aufzugtüren, und sie stiegen ein.

»Wie ich sehe, benutzen Sie weiterhin bewährte traditionelle Lifte statt modernster Antigravtechnik«, bemerkte Snipes.

Arlon lächelte. »Das ist reine Vorsicht. Wir wollen verhindern, dass arglose Besucher in einem offenen Antigravschacht irrtümlich nach unten statt nach oben schweben. Deshalb setzen wir lieber auf Kabinenfahrstühle. Geheimhaltung hat bei uns oberste Priorität.«

»Natürlich.« Snipes biss sich auf die Lippen. Er hätte sich denken können, dass jemand, der ihn namentlich begrüßte, über die Hintergründe aufgeklärt war. Seine Aufregung wuchs, während sich der Expresslift abwärtsbewegte. Gleich würde er eines der bestgehüteten Geheimnisse der Abteilung III sehen.

»Sie sind noch nicht lange im Dienst von GHOST?«, fragte Arlon.

»Nein. Und ich hätte mir ehrlich gesagt niemals vorstellen können, für den terranischen Geheimdienst zu arbeiten. Noch dazu für die Abteilung Drei ...«

»Von der Sie wahrscheinlich wie die meisten Menschen gar nicht wussten, dass es sie überhaupt gibt.« Arlon lächelte.

»Genau. Man hat mich vor etwa einem Jahr angeworben, direkt nach meinem Abschluss an der Akademia Terrania. Vielleicht hat mein Studium der Exobiologie dazu beigetragen, dass man auf mich aufmerksam wurde ...«

»Das mag sein. Ihre Abschlussarbeit mit der vergleichenden Analyse der verschiedenen Zellaktivatorträger und -typen hat jedenfalls für Aufsehen gesorgt.«

Snipes schwieg verblüfft. Er rief sich ins Gedächtnis, dass er es mit einer GHOST-Agentin zu tun hatte, die seine Akte vermutlich auswendig kannte. Wer in eine Basis wie diese versetzt wurde, den durchleuchtete der Geheimdienst mehr als gründlich.

»Und ich denke, dass auch Ihre arkonidische Mutter ein Detail war, das unserem Chef Nike Quinto zugesagt hat«, fuhr Arlon fort. »Diese Stelle hier ist heikel und verlangt neben einem wissenschaftlichen Hintergrund diplomatisches Geschick.«

»Das ist mir bewusst« sagte Snipes steif.

Die Fahrstuhltüren glitten auf. Sie befanden sich nun ein gutes Stück unter der Planetenoberfläche, wie Snipes aus den Unterlagen wusste, die man ihm vorab übermittelt hatte. Vor ihnen öffnete sich eine Halle, die etwa fünfmal so groß war wie die Empfangshalle, die sie gerade verlassen hatten. Darin wimmelten ein gutes Dutzend Lebewesen durcheinander: Humanoide, deren Haare stachelig aufrecht standen und knisterten – das mussten Etrinonen sein. Bei den anderen hätte Snipes annehmen können, dass es sich um Menschen handelte, doch er wusste von Quinto, dass es vorwiegend Thetiser oder Kur'shiden waren, die sich an verschiedenen Arbeitsstationen den unterschiedlichsten Labortätigkeiten widmeten. Außer einer Handvoll GHOST-Mitarbeitern, die vorgaben, für die GCC tätig zu sein, und ein paar terranischen Wissenschaftlern arbeiteten in der Geheimbasis kaum Menschen.

»Hier, den werden Sie brauchen.« Arlon reichte ihm einen Ausweis von der Größe einer Visitenkarte. Darauf standen der Name Howard Snipes und sein neuer Titel »Verbindungsoffizier« – wie militärisch. Daneben war ein Bild von ihm, auf dem sein mageres, bleiches Gesicht mit den rötlichen Augen fast panisch aussah. Die altmodischen, dunklen Koteletten, von denen er sich einfach nicht trennen konnte, unterstrichen den Eindruck. Der Ausweis wirkte ein wenig aus der Zeit gefallen, aber sein Einsatz hatte einen praktischen Grund. Im Vieraugengespräch war es immer gut, den Namen seines Gegenübers zu kennen, erst recht, wenn es sich um ungewohnte extraterrestrische Namen handelte. Zudem wusste Snipes sehr gut, dass der im Ausweis integrierte Datenchip neben Stimm- und Retinamuster seine DNS-Sequenzierung enthielt. Er war also alles andere als antiquiert.

»Was ist Ihre Funktion hier?«, fragte er, während er neben Arlon das Labor durchquerte. Neben ihnen justierten ein paar Etrinonen ein seltsames Gerät mit einer riesigen Kugel an der Spitze, über die elektrische Entladungen tanzten. Ein paar Schritte weiter beobachtete er Thetiser oder Kur'shiden bei der Sektion eines kleinen Fleischbrockens.

»Ich bin Ihre Vorgängerin«, antwortete sie lapidar. »Sie sind hier, um mich abzulösen. Morgen Nachmittag geht mein Flug nach Hause.«

»Ich ... äh ... Was?« Snipes war schockiert. Ihm war nicht klar gewesen, dass er ins kalte Wasser springen musste. Er hatte damit gerechnet, in Ruhe eingearbeitet zu werden.

Arlon lachte laut auf, als sie seine Miene sah. Das brachte die Umstehenden dazu, stirnrunzelnd zu ihnen herüberzusehen. »Keine Angst. Die Aufgabe als Verbindungsmann ist kein Hexenwerk. Sie sollen vor allem zwischen den Thetisern, unter deren Leitung das Labor steht, und dem Kaiser von Olymp vermitteln. Für diese Basis gilt die höchste Geheimhaltungsstufe, von ihrer Existenz weiß kaum jemand. Ihre Aufgabe ist, unseren Experten aus der Nachbargalaxis jeden Wunsch von den Augen abzulesen und ihn zu erfüllen, damit das auch so bleibt. Die Etrinonen suchen manchmal die Enklave ihres Volkes im Bezirk sechs auf, aber die Thetiser und Kur'shiden bleiben meist unten im Laborkomplex oder in ihren Quartieren.«

»Und ... der Botschafter?«

»Er ist nur selten persönlich auf Olymp. Dass es ausgerechnet während Ihres Dienstantritts so ist, hat nichts mit Ihnen zu tun – so wichtig sind weder Sie noch ich. Purer Zufall.«

Snipes war erleichtert. Er wollte gar nicht wichtig sein. Er wollte nur seine Arbeit gut machen. Zwar war es ein wichtiger Aspekt, dem Leiter dieses diplomatischen Forschungskomplexes beratend und praktisch zur Seite zu stehen, doch je weniger er mit diesem Mann persönlich zu tun hatte, desto glücklicher war Snipes. Er hatte schon viel von seinem zukünftigen Chef gehört – und ein Bruchteil davon reichte aus, ihm den Angstschweiß auf die Stirn zu treiben.

Er hatte die Position trotzdem nicht abgelehnt, als Niko Quinto sie ihm angeboten hatte. Das wäre karrieremäßiger Selbstmord gewesen – wenn man eine solche Stellung bekam, nahm man sie einfach an, selbst wenn sie nicht auf der belebtesten terranischen Kolonie, sondern auf irgendeinem Asteroiden am hintersten Rand des bekannten Universums gelegen hätte.

»Machen Sie sich keine Gedanken«, sagte Arlon, die wohl seine Mimik beobachtet hatte. »Er ist bei Weitem nicht so schlimm wie sein Ruf.« Sie hatten das Ende des Labors erreicht und standen nun vor einer unscheinbaren, hellen Tür.

Arlon identifizierte sich mit einem Zeigefingerabdruck und wies Snipes an, es ebenfalls zu tun. Seine Daten waren in den Systemen von GHOST erfasst und bereits an dem Tag, an dem er sich für die Stellung entschieden hatte, nach Olymp übermittelt worden. Die GHOST-Agentin wartete, bis neben der Tür ein kleines Licht grün aufleuchtete und ihnen signalisierte, dass sie eintreten durften, dann öffnete sie den Schließmechanismus. Snipes atmete einmal tief durch, ehe er hinter Arlon durch die Tür trat.

In dem großzügigen Arbeitszimmer, das über ein Tageslicht simulierendes Holofenster verfügte, stand ein Humanoide über ein Analysegerät gebeugt. Er richtete sich auf, als er die beiden Besucher eintreten hörte, und wandte sich um. Es war ein fülliger, großer Mann mit einem breiten Gesicht und grau-weißen Haaren.

2.

Jessica Tekener

Ein Blinzeln, ein kurzer Schwindel – dann war Jessica Tekener wieder in der Gegenwart angekommen. Sie schüttelte sich kurz und unterdrückte einen Würgereiz. Iratio Hondro hatte zwar damit aufgehört, sie geistig zu vergewaltigen und ihre Erinnerungen zu korrumpieren. Doch das, was er ihr mittlerweile antat, war nicht viel angenehmer.

Schwarze Gedanken nannte er das Folterspiel, das er seit ihrer beider Abreise von Epsal mit ihr trieb. Es waren albtraumhafte Bilder und falsche Erinnerungen, mit denen er sie quälte.

Man sollte meinen, falsche Erinnerungen seien besser als echte Erinnerungen, die er vergiftet. Dem war indes nicht so. Denn wenn sich Hondro auf diese Weise in ihren Kopf schlich, war sie sich nicht bewusst, dass es nicht real war. Sie glaubte stets, genau den Albtraum zu durchleben, den Hondro ihr gerade schickte.

Jessica war nicht sicher, warum Hondro auf diese Art der Folter umgestiegen war und sie nun mit diesen schwarzen Gedanken quälte, aber sie hatte eine Vermutung. Die Geschehnisse auf Epsal hatten ihn geschwächt. Wahrscheinlich war es einfacher, ihr schwarze Gedanken zu senden, als aktiv ihren Willen zu manipulieren. Die Kontrolle der Sporen und der vielen Siedler auf Epsal hatten ihn Kraft gekostet. Genauso wie der Mord an Jessicas Bruder Ronald Tekener.

Jessica hatte die Waffe gehalten, deren Strahl Ronald ins Herz getroffen hatte. Es war ihr Finger gewesen, der den Auslöser betätigt hatte. Doch es war Hondro, der sie gezwungen hatte, ihren eigenen Bruder zu erschießen. Sie hatte sich gewehrt, versucht, sich zu widersetzen. Aber es war ihr nicht gelungen. Sie hatte Ronald durch ihre eigene Hand sterben sehen.

Sie strich sich mit den Fingern durchs Haar und schüttelte den Kopf, um wieder klare Gedanken zu fassen. Wie immer nach einer solchen Attacke Hondros war sie kurz desorientiert. Sie erfasste das großzügige Hotelzimmer mit seinem hellen Teppich, der Minibar und dem Riesenholo, das irgendeine alberne Trividkomödie zeigte. Hondro saß mit versteinertem Gesicht auf dem Sofa und starrte ins Nichts.

Jessica ging zu einem Sessel und ließ sich in das weiche Polster sinken, das sich automatisch ihren Körperkonturen anpasste. Hondro hatte eine luxuriöse Unterkunft für sie gewählt – etwas anderes wäre ihm nie in den Sinn gekommen. Es wäre unter seiner Würde gewesen, sich mit einer billigen Kaschemme zu begnügen. Der einzige Makel an diesem Hotel war, dass es nah am Zentralraumhafen von Trade City lag. Von dem Lärm dieses weitläufigen Waren- und Personenumschlagsareals bekam man dank moderner Schallisolierung trotzdem nichts mit, und der Blick aus dem Fenster auf die Geschäftigkeit von Port Zeus – oder Port Business, wie die Einheimischen den Raumhafen nannten – war beeindruckend.

Zwar war das Hauptverwaltungsgebäude eher spartanisch gestaltet und nur ein flacher, schmuckloser Bau, aber das, was im Luftraum über Port Zeus passierte, war gigantisch. Die olympische Transmitterkonfiguration, einst mithilfe aus Andromeda errichtet, war einmalig. Drei Sonnentransmitter und ein Situationstransmitter hatten die Kolonie zu einer erfolgreichen Freihandelswelt gemacht. Der fest installierte Situationstransmitter im Orbit von Olymps Nachbarplanet Jerschon schuf eine direkte Verbindung zur Orbitalzone des Saturns im Solsystem. Ein sogenanntes Ganglion, auf das Jessica nun blickte, verlängerte diese Transmitterstrecke sogar bis auf Olymps Planetenoberfläche herab.

Am Frachtzentrum herrschte ständige Bewegung. Ohne Pause wurden Container verladen, Waren aus- und eingeräumt, Raumschiffe landeten und starteten in dichter Folge.

Sehr schlau von Hondro, sich gerade hier zu verstecken. In diesem Trubel ist es einfach, unterzutauchen.

Der Betrieb außerhalb des Frachtzentrums war genauso groß – ganz Trade City war ein einziges Gewimmel, und wäre Jessica nicht bereits so oft in der Kolonie gewesen, hätte sie sich darin verlieren können. Auch Hondro befand sich auf Olymp auf gewohntem Terrain – umso erstaunlicher kam es Jessica vor, dass er im Hotelzimmer verharrte und vor sich hin brütete. Die Ereignisse auf Epsal schienen ihn sogar stärker angegriffen zu haben, als sie bislang gedacht hatte.

»Schlechte Laune?«, fragte sie, obwohl sie wusste, dass es keine gute Idee war, Hondro zu reizen. Ihr war mittlerweile aber alles egal. Sie hatte ihren kleinen Bruder getötet. Mit geschlossenen Augen lehnte sie den Kopf in den Nacken. Von mir aus kann Hondro mich einfach umbringen – dann wäre es endlich vorbei.

Den Gefallen tat der ehemalige Obmann von Plophos ihr indes nicht. Er wurde nicht mal wütend. »Das Schiff?«, fragte er.

»Steht unter falscher Kennung auf einem der abseits gelegenen Landefelder des Raumhafens.« Jessica hatte den »Dolphin«, das kleine Raumschiff des ermordeten Abteilung-III-Agenten Stewart Princess, selbst dort geparkt, nachdem Hondro es ihr befohlen hatte. Die behördliche Genehmigung hierfür hatte er mithilfe seiner Fähigkeiten leicht beschafft. Der Frachtbereich des Raumboots war derartig vollgestopft mit Pilzsporen, dass jeder Allergiker schon vom Anblick einen anaphylaktischen Schock erlitten hätte. Wenn man nicht achtgab, blieben die Sporen leider nicht im Frachtraum, sondern wimmelten durch das ganze Fahrzeug.

»Und was jetzt? Willst du die Sporen benutzen, um den Kaiser von Olymp unter deine Kontrolle zu bekommen?«

Hondro wandte ihr das Gesicht zu. Er sah gruselig aus: Unter seinen Augen lagen tiefe Schatten, und die Narben auf seiner linken Wange glänzten schwarz. »Das wäre bestimmt ein Spaß. Ich konnte diesen aufgeblasenen Gecken noch nie leiden. Aber ich habe Wichtigeres mit den Sporen vor.«

Jessica legte den Kopf schief. Es hatte sie zutiefst erschreckt, was Hondro mit den Sporen alles bewirken konnte. Seine Fähigkeiten wurden immer größer – gleichzeitig wuchs seine Erschöpfung, was ihr Anlass zur Hoffnung gab. »Geht es um die Planetenmaschine von Olymp? Hast du ihren Standort gefunden?«

Hondro winkte ab. »Schon vor ein paar Tagen. Ich überlege noch, was ich mit dieser Information anfange. Und ob ich überhaupt etwas damit anfange – meine bisherigen Versuche, die Anlagen in Gang zu setzen, sind gescheitert. Es bringt nichts, erneut zu versuchen, einzelne Planetenmaschinen zu kontrollieren.«

Dass Hondro bei diesen Worten wütend die Lippen zusammenkniff, verschaffte Jessica Genugtuung. »Dann gibst du also auf?«

Eine Woge von Zorn spülte ihr entgegen. Sie war keine Telepathin, doch ihre mentale Verbindung zu Hondro war mittlerweile recht stark. Sie spürte seine Emotionen ebenso wie seine Erschöpfung. »Ich gebe niemals auf. Ich passe höchstens meine Pläne an. In diesem Fall muss ich sie nicht mal ändern, sondern nur beschleunigen. Ich muss ins Zentrum.«

Er sprang auf und lief unruhig hin und her. Er erinnerte Jessica an einen Panther im Käfig. Gab es da nicht ein altes Gedicht? Sie grübelte, und ein paar Zeilen fielen ihr ein. Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, der sich im allerkleinsten Kreise dreht, ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein großer Wille steht. Sie verzog ihre Lippen zu einem bitteren Grinsen, obwohl ihr eher zum Heulen zumute war.

Hondros Wille ist alles andere als betäubt. Aber er ist ausgelaugt. Er richtet sich mit dem Einsatz seiner Kräfte selbst zugrunde. Nun, wenn er das so will, bin ich ihm gern dabei behilflich.

»Ich muss herausbekommen, wie ich die Transmitterstraße nutzen kann«, murmelte Hondro.

Jessica runzelte die Stirn. Der Plophoser hatte sie bislang nicht in seine weiterreichenden Pläne eingeweiht. Aber vielleicht bekam sie ihn in seiner derzeitigen Stimmung zum Reden. »Wozu das? Wo willst du hin?«

»In die Nähe des Saturns natürlich. Ins Sonnensystem der Erde.« Hondro schnaufte. »Aber mir ist nicht klar, wie ich das anstellen soll. Ich muss behutsam vorgehen – meine Kräfte sind nicht unerschöpflich. Ich kann nicht einfach das komplette am Transportvorgang beteiligte Personal unter meinen Willen zwingen.«

Sie vermochte ein ungläubiges Auflachen nicht zu unterdrücken. »Du hast fast die ganze Bevölkerung von Epsal unter Kontrolle gebracht – da dürfte so etwas für dich kein Problem sein.«