Perry Rhodan Neo 275: Kriechende Kälte - Ruben Wickenhäuser - E-Book

Perry Rhodan Neo 275: Kriechende Kälte E-Book

Ruben Wickenhäuser

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Beschreibung

Vor sieben Jahrzehnten ist der Astronaut Perry Rhodan auf Außerirdische getroffen. Seither ist die Menschheit zu den Sternen aufgebrochen und hat fremde Welten besiedelt. Dann werden die Erde und der Mond in den fernen Kugelsternhaufen M 3 versetzt. Als Rhodan diesen Vorgang rückgängig machen will, verschlägt es ihn mit dem Raumschiff SOL 10.000 Jahre in die Vergangenheit. Nach seiner Rückkehr stellt er fest: Die Überschweren mit ihrem Anführer Leticron haben die Welten der Menschen sowie weitere Sternenreiche erobert. Rhodan will die unterdrückten Völker befreien, wobei ihn die Widerstandsbewegung der Vitalier unterstützt. Sie entdecken in einem havarierten Raumschiff einen Datenspeicher. Die Informationen in ihm können nur auf dem Mars entschlüsselt werden. Perry Rhodans Sohn Thomas unternimmt eine gefahrvolle Mission zum Roten Planeten. Aber die Geheimnisse, die sie suchen, werden geschützt durch KRIECHENDE KÄLTE ...

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Seitenzahl: 211

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Band 275

Kriechende Kälte

Ruben Wickenhäuser

Cover

Vorspann

1. Die Kälte des Weltraums

2. Der Geist einer Legende

3. Der Eiskönig

4. Die Bulle

5. Der Bastler

6. Ein falscher Freund

7. Versuchung

8. Das Versteckspiel

9. Diener des Herrn

10. Das Aerarium

11. Das Doppelspiel des Naats

12. Ein Fabergé-Ei

13. Und ... Start!

Impressum

Vor sieben Jahrzehnten ist der Astronaut Perry Rhodan auf Außerirdische getroffen. Seither ist die Menschheit zu den Sternen aufgebrochen und hat fremde Welten besiedelt. Dann werden die Erde und der Mond in den fernen Kugelsternhaufen M 3 versetzt.

Als Rhodan diesen Vorgang rückgängig machen will, verschlägt es ihn mit dem Raumschiff SOL 10.000 Jahre in die Vergangenheit. Nach seiner Rückkehr stellt er fest: Die Überschweren mit ihrem Anführer Leticron haben die Welten der Menschen sowie weitere Sternenreiche erobert.

Rhodan will die unterdrückten Völker befreien, wobei ihn die Widerstandsbewegung der Vitalier unterstützt. Sie entdecken in einem havarierten Raumschiff einen Datenspeicher. Die Informationen in ihm können nur auf dem Mars entschlüsselt werden.

Perry Rhodans Sohn Thomas unternimmt eine gefahrvolle Mission zum Roten Planeten. Aber die Geheimnisse, die sie suchen, werden geschützt durch KRIECHENDE KÄLTE ...

1.

Die Kälte des Weltraums

Im Innern des havarierten Walzenraumschiffs war es ähnlich dunkel wie an den entlegensten Orten des Universums, in jenen Weiten ohne Maß, in die kein Teilchen Wasserstoff und kein Photon vorgedrungen war. Kein Sternenlicht sickerte in die Gänge, sogar kosmische Strahlung wurde von der Isolation der Außenhülle abgehalten. Die Dunkelheit war vollkommen.

Energetisch tote Apparaturen hingen in ihren Halterungen und erinnerten an starre Skulpturen eines Technogotts. Servomotoren spotteten ihrer Bestimmung, Emitterkristalle strahlten keine Welle und kein Teilchen aus. Erblindete Kontrolllämpchen und stumpfe Mattscheiben waren wenig mehr als Zeugen einer Vergangenheit, in der Licht, Wärme und Aktivität geherrscht hatten. Die Kälte des Weltraums hatte die Dämmung der Wände durchdrungen. Was an atomarer Bewegungsenergie noch übrig war, unterschied sich kaum von der Temperatur, die das Universum durchdrang, knapp über dem absoluten Nullpunkt.

Plötzlich lief ein Impuls durch das Schiff. Zunächst war es nur ein Funke, der bislang verödete Leiterbahnen entlanghuschte, sich an Abzweigungen verästelte, in Transistoren und Widerständen versickerte ... der aber weitere Impulse nach sich zog, stärkere diesmal, nachhaltige, die fordernd in die erstarrte Technik eindrangen und eine Wiederbelebung erzwangen. Gravitation zupfte an bislang schwerelosen Gegenständen, ließ sie anfangs langsam hinabschweben, um sie dann brutal herabzureißen. Sprunghaft stieg die Temperatur an Bord.

Nun erst machte sich das feine, blaue Glimmen von Anzeigetafeln ans Werk, auch die Schwärze zu vertreiben. Ungesehen von den Augen lebendiger Wesen, führte gefrorene Luft einen wirbelnden Tanz auf, wurde zu einem blau irisierenden Schneegestöber, ehe die Wärme sie schmelzen, als Tropfen niederfallen und, bevor sie die Flurplatten benetzen konnte, zu Gas werden ließ. Ein Aneroid erwachte zum Leben und zeigte der Dunkelheit steigenden Luftdruck an. Mit der Luft kam der Ton, ein Fauchen der Notgebläse, ein Schnarren und Rattern erwachender Automaten, zudem reihten sich Farben in den Reigen ein, die bunten Lichter der Kontrollleuchten, die trotz fehlendem Publikum ihre eigene Choreografie darboten. Manche Aggregate kletterten von null auf hundert Prozent Leistungsfähigkeit, andere blieben in der Anzeige stumpfer Inaktivität oder finaler Fehlfunktionen gefangen.

Die Notbeleuchtung in den Fluren und Räumen sprang an. Bänder kaltblauen Lichts glommen entlang der Deckenkanten auf und machten die Umgebung nach dem Verwirrspiel der Kontrollanzeigen klarer erkennbar. Ein Schott schälte sich aus dem Schummerlicht. An der Decke schwenkte ein bizarres Etwas seine zwei parallel ausgerichteten Röhren darauf ein, langsam und zäh, da die Elektromotoren gegen die erhöhte Viskosität von Schmierung und Hydraulik anzukämpfen hatten. Ein rotes Auge blinzelte zwischen den beiden Röhren und verhieß Gefahr.

Irgendwann kam Ruhe in das maschinelle Treiben. Die meisten Kontrolllämpchen hatten sich für eine Farbe entschieden, das Brausen der Belüftung ging in ein kaum hörbares Schnurren über, und ebenso verwandelte sich das Heulen und Stampfen der überall verteilten Aggregate in ein gleichmäßiges Summen. Die Temperatur verweilte knapp unter null Grad Celsius.

Das Schiff war bereit.

Wenig später fuhr das Schott auf. Der Zwillingsstrahler an der Decke eröffnete das Feuer: Es waren Eindringlinge an Bord gekommen.

*

Thomas Rhodan da Zoltral betrachtete das Raumschiff mit gemischten Gefühlen. Es glich einem gestrandeten Wal – mehr noch dem Kopf eines Riesenkalmars.

Energetisch war es tot.

»Keine Anzeichen für einen Kampf?« Seine Frage ging per Lasernachricht an die zweite Space-Disk, die sich an der Hecksektion des Wracks positioniert hatte. Diese Art der Kommunikation über geringe Distanzen hatte den Vorteil, dass sie nicht geortet werden konnte. Beim Lagrangepunkt 5 befanden sie sich nicht allzu weit vom Mars und damit den Gon-Mekara entfernt.

Günter Wallheim, dem Piloten ihrer Space-Disk, war sichtlich unwohl. »Ein falsches Räuspern, und sie haben uns!«

Vom zweiten Raumboot traf die Antwort ein. »Auch hier keinerlei Anzeichen für Beschuss, die Waffenschächte sind versiegelt ... ebenso sämtliche Verdeckelungen der Rettungskapseln ... keinerlei ungewöhnliche Strahlung, die auf eine Havarie des Reaktors hindeuten könnte, und die Triebwerke sehen aus wie poliert ... tut mir leid. Äußerlich könnte das Ding gerade frisch überholt auf der Werft liegen.«

»Frisch auf der Werft, das trifft es genau.« Wallheim starrte hinaus auf die für Überschwere so typische Form, die einem antiken Geschützprojektil ähnelte. »Die Energieversorgung ist komplett abgeschaltet, da fehlt nur noch die Staubdecke drüber.«

»Allerdings befinden wir uns mitten im Weltraum, in der Nähe des Asteroiden Eureka. Kein guter Ort, um sein Sternenschiff zu parken, wenn der Weltraumschutt einem nicht auf kurz oder lang scheunentorgroße Löcher in den Rumpf schlagen soll.« Tom ließ den Blick ein letztes Mal über den Rumpf des großen Raumfahrzeugs schweifen, auf dem in kantigen Buchstaben der Gon-Mekara-Schriftzug »MAARKORON« angebracht war.

»Sieht nach einer Falle aus«, vermutete Inaka Chantico, die Wissenschaftsoffizierin.

Thomas schüttelte den Kopf. »Dafür steht die Walze nicht lange genug auf dieser Position, sonst müssten wir mindestens Einschlagspuren von Mikroasteroiden entdecken. Außerdem hätte ein Fallensteller keine Kontrolle darüber, wer ihm in die Falle geht. Wir werden das Rätsel lösen, und dazu müssen wir reingehen.«

Chantico, Wallheim, zwei Techniker und ein Kampfroboter bildeten gemeinsam mit Thomas Rhodan da Zoltral das Enterteam. Der KARO diente nicht nur zum Schutz vor etwaigen Überraschungen, sondern schleppte auch einen umfangreichen Werkzeugkoffer mit.

Wallheim überprüfte seinen Individualschutzschirm. »Mir ist nicht wohl dabei, unsere Space-Disk mit desaktivierten Prallfeldern zurückzulassen. Die Wahrscheinlichkeit für eine Kollision mit Asteroiden ist zwar gering – aber gering kann eben auch schon zu viel sein ...« Als Tom zu einer Erwiderung ansetzte, hob er die Hände. »Ja, ich weiß, keine Energieschirme, damit uns die Raumüberwachung der Überschweren nicht ortet, und ja, Siegmund Petersen ist für alle Fälle noch an Bord. Trotzdem fühlt es sich an, als säßen wir auf dem Präsentierteller.«

Thomas klopfte ihm auf die Schulter und schloss den Falthelm seines Raumanzugs. »Glauben Sie mir, mit Ihren Bedenken sind Sie nicht allein. Aber ohne etwas Glück geht es leider nicht.«

Die Space-Disk hielt mit einem sanften Ruck direkt über der kreisrunden Schleuse des Noteinstiegs. Dessen Versiegelung war noch intakt: Seit das Gon-Mekara-Schiff seine Reise begonnen hatte, war die Schleuse offenbar nicht benutzt worden.

Eine Kluft von etwa zwei Metern trennte die kleine Einsatzgruppe vom Eingang. Die fünf Menschen benötigten nicht mal die Steuerdüsen ihrer Monturen, um diese Distanz zu überwinden. Der vorausfliegende Kampfroboter betätigte den mechanischen Öffnungsmechanismus und kurbelte das Schleusentor auf, das sich in die Schiffshülle zurückschob und dabei den Eindruck eines sich träge hebenden Augenlids vermittelte. Anschließend schwebte der KARO hinein und gab nach einer gründlichen Abtastung des Innern grünes Licht.

In der Schleusenkammer bereitete sich Tom innerlich auf das vor, was sie im Bauch des Schiffs erwarten mochte. Wracks zu erkunden, war für ihn nichts Neues, aber jedes Mal verlief anders, und immer wieder gab es neue, zudem selten angenehme Überraschungen. Neben ihm zog Wallheim seinen Handstrahler. Das äußere Schleusentor schloss sich.

Normalerweise müsste jetzt das Zischen einströmender Atmosphäre erklingen, es sollten Anzeigen aufflackern oder es sollte irgendeine andere Reaktion geben. Stattdessen ... nichts. Thomas fröstelte es.

»Selbst die mehrfach redundanten Notsysteme sind tot«, sagte Chantico.

Tom bemerkte, dass Wallheim an seinem Anzug herumschaltete. Fragend sah er den Piloten an. »Alles in Ordnung?«

Wallheim gab ein undefinierbares Geräusch von sich. »Meine Anzugpositronik spinnt manchmal. Haben wir schon ein paarmal zu reparieren versucht, aber eigentlich gehört das ganze Ding ins Museum. Oder auf den Müll.«

Das Problem war Thomas Rhodan da Zoltral nur zu gut bekannt. Die Vitalier, wie sich ihre Gruppierung aus modernen Freibeutern nannte, litten unter chronischer Materialnot. Trotz einiger erfolgreicher Beutezüge herrschte in vielen Bereichen vorprogrammierter Mangel. Tüftlergeschick war gefragt, reichte oft aber nicht aus, um Verschleiß und Ausfälle zu kompensieren.

Wallheim presste den Daumen auf ein Bedienfeld am Ärmel. »Passt schon. Ist nichts Neues.«

Tom nickte, wenngleich mit einem unguten Gefühl.

Der Roboter kurbelte das innere Schott auf. Er tat es mit äußerster Vorsicht, damit es zu keinem abrupten Druckausgleich in der Schleusenkammer kam. Aber auch diesmal geschah nichts. Kein Zischen einströmender Luft aus dem dahinterliegenden Raum. Stattdessen ...

»Schnee?« Wallheim deutete verwundert auf die dünne, weiße Schicht, die im Licht ihrer Anzugscheinwerfer auf allen Oberflächen glitzerte.

Gustave Millet, einer der beiden Techniker, schaltete ein Messgerät ein. »Gefrorener Sauerstoff. Es gibt zudem keine Bordgravitation, also wird die Atmosphäre wohl vor deren Ausfall gefroren sein.«

Alle aktivierten die Antigravaggregate ihrer Monturen, die nun ein künstliches Schwerefeld erzeugten, und betraten den Vorraum der Schleuse.

»Das jenseitige Schott ist dicht«, stellte Wallheim fest. »Und es gibt keine mechanische Notöffnung. Wir müssen es also mit Gewalt durchschneiden.«

Tom deutete auf ein Wandpaneel. »Laut den Plänen, die uns hinsichtlich der Standardkonstruktion ihrer Raumfahrzeuge vorliegen, haben die Überschweren dort Noteinspeisungen für Energieleiter installiert. Wir können Notstrom reinschicken – spätestens für den Zugang zu den Datenspeichern werden wir das ohnehin tun müssen, wenn wir wissen wollen, was hier geschehen ist.«

Chantico unterstützte den Vorschlag. »Dies ist der klassische Typ einer Trosswalze. Ein Versorger oder Frachter, etwas in der Art. Solche Raumfahrzeuge sind so wenig militärisch, wie Überschwerenschiffe es nur sein können.«

Millet öffnete das bezeichnete Wandpaneel, hinter dem tatsächlich mehrere Anschlüsse zum Vorschein kamen, hob eine Kiste aus dem Transportbehälter des Kampfroboters und verband die Zuleitung eines mitgebrachten Energiegenerators mit den Schiffsbuchsen. Tom hielt unwillkürlich den Atem an, während der Techniker die Initialisierung für die Energieübertragung einleitete und sein Kollege Oliver Bell sich über ein Messgerät beugte. Mehrere Lämpchen warfen einen Lichtschein aus dem Innern der Kiste, blinkten erst langsam, dann immer schneller, bis die Farbe von Gelb auf Grün wechselte.

»Der Initalisierungsimpuls kommt durch«, meldete Millet. »Die Notsysteme des Schiffs reagieren und laufen an. Allerdings auf einem extrem niedrigen Niveau.«

Noch war nichts davon zu merken. Erst nach einigen Sekunden glomm eine stumpfe Lichtbahn um den Rahmen des Schotts auf. In Toms Helm aktivierte sich die Anzeige des Umgebungsdruckmessers, dann sickerten mit zunehmend dichter werdender Atmosphäre Töne durch den vormals evakuierten Raum. Die dünne Schneeschicht zu ihren Füßen hatte sich bereits verflüssigt und war gleich darauf gasförmig geworden. Die Umgebungswärme stieg auf knapp unter null Grad Celsius. Das Raumschiff kommentierte den Temperaturanstieg mit einer geisterhaften Klangkulisse aus Ächzen, Quietschen und Jaulen, während sich seine metallenen Konstruktionselemente ausdehnten. Die fünf Menschen spürten, wie die künstliche Gravitation einsetzte.

Wallheim fluchte über Fehlermeldungen an seinem Anzug und justierte die integrierten Instrumente nach. »Das Ding zickt rum ... Sauerstoffatmosphäre, atembar.«

»Gleich haben wir knapp unter einem Bar erreicht«, ergänzte Tom. »Wir lassen das Energieaggregat hier zurück und angeschlossen, falls die Systeme des Schiffs unterwegs erneut versagen. Alle bereit?«

Rundum hoben die anderen die Daumen.

Wallheim trat an das Ausgangsschott heran und zog an einem breiten, gelb lackierten Hebel, der in einer Vertiefung neben dem Türrahmen prangte. Einen Moment lang geschah nichts, dann aber erklang das Zischen einer Hydraulik, und das Schott fuhr auf.

Erschrocken fuhr Wallheim zurück, als ihm ein großer, massiger Gegenstand entgegenfiel.

Es war ein Überschwerer. Der Mann oder die Frau – der Raumanzug, in den die Gestalt gehüllt war, verriet das Geschlecht des Insassen nicht – stürzte so auf den Boden, wie er am Schott gelehnt haben musste: eine Hand zur Faust geballt und über den Kopf gehoben, als habe der Gon-Mekara gegen die Panzertür gehämmert, die andere Hand zu einer Klaue verkrümmt, mit der er wohl vergeblich versucht hatte, den Öffnungsmechanismus zu betätigen. Das Visier des Raumhelms war erblindet, sodass sich seine Gesichtszüge nicht erkennen ließen.

»Keine Anzeichen für äußere Gewalteinwirkung ...« Das Multimessgerät in Chanticos Hand tickte. »Keine Strahlung. Wir müssten den Anzug öffnen, um herauszufinden, was mit ihm geschehen ist.«

»Das ist eine raumtaugliche Kampfmontur«, sagte Tom. »Zudem keine einfache, sondern ein Modell der Elitetruppen. Aber er trägt weder Waffen noch leere Holster oder Ähnliches.«

»Für Gon-Mekara sind Waffen geradezu Teil ihrer selbst.« Ratlosigkeit drückte sich in Wallheims Gesicht aus. »Selbst wenn er keinen Kampf erwartet hatte, hätte er zumindest einen Strahler oder ein Kampfmesser mitgenommen.«

Auch Thomas vermochte sich keinen Reim darauf zu machen. »Er erwartete also keinen Kampf oder hatte keine Zeit mehr, Waffen mitzunehmen. Aber er trägt einen Raumanzug, der für Gefechte ausgelegt ist. Und das auf einem Frachtschiff?«

»Er muss es sehr eilig gehabt haben«, überlegte Wallheim. »Aber warum? Hat ihn etwas verfolgt? Gon-Mekara laufen nicht vor einem Kampf davon. Schon gar nicht Angehörige der Eliteeinheiten.«

Da schüttelte Chantico ihr Messgerät. »Was macht das Ding nur? Es hat bisher immer einwandfrei funktioniert! Geht gerade alles kaputt hier?«

Tom war mit einem Schritt bei ihr. »Was ist los?«

»Das Ding zeigt bei dem Überschweren – übrigens eine Sie – eine Körpertemperatur von einem Grad an.«

»Und? Die Körperwärme wurde wohl vom Anzug erhalten, dafür ist sie sogar eher niedrig. Ich hätte mehr erwartet.«

»Nicht ein Grad Celsius. Ein Kelvin!«

Theatralisch streckte Wallheim die Hände in die Höhe. »Es geht bergab mit den Vitaliern. Jetzt fangen schon unsere einfachen Diagnoseinstrumente zu spinnen an.«

Misstrauisch warf Thomas einen Blick auf ihren Kampfroboter. War es nur Chanticos Apparatur, die fehlerhaft war, oder beeinträchtigte etwas in dieser Umgebung Technik im Allgemeinen? Vielleicht ist es nur Zufall, dass unser Multianalysator defekt ist, versuchte sich Tom zu beruhigen. Bei dem Zustand unserer Ausrüstung wäre das ja kaum verwunderlich ... Andererseits gibt uns dieses Schiff mit seinem Totalausfall Rätsel auf, da dürfen wir nichts ausschließen.

Der Roboter sah über sie hinweg in den Flur und schwenkte seinen Sensorkopf ruhig von einer Seite zur anderen. Die Waffenarme zeigten gewöhnliche Einsatzbereitschaft.

»Selbstdiagnose!«, befahl Tom der Maschine.

Der KARO bestätigte und meldete kurz darauf: »Volle Einsatzbereitschaft. Keine Abweichungen von der Sollnorm, die vor Beginn der Mission bekannten Verschleißerscheinungen wurden hierbei berücksichtigt. Gesamte Leistungsfähigkeit bei einundneunzig Prozent im Vergleich zu einundneunzig Prozent vor Beginn der Mission, der Wert liegt innerhalb der Toleranzen. Wird ein ausführlicher Bericht gewünscht?«

»Danke nein. Melde ab sofort auch kleine Abweichungen und Unregelmäßigkeiten in deiner Funktionsfähigkeit. Gehen wir weiter!«

Der in dunkelgrauen und schwarzen Farben ausgekleidete Flur und die angrenzenden Räume waren so düster, wie es für Gon-Mekara-Schiffe typisch war. Die in einem kalten Blauton gehaltene Notbeleuchtung vermochte dieses trostlose Bild kaum aufzuhellen. Abgesehen davon war alles sauber und ordentlich. Nichts deutete darauf hin, dass ein Kampf stattgefunden oder Verzweiflung unter der Mannschaft um sich gegriffen hatte.

In einer Wartungsnische fanden sie den zweiten Toten. Im Gegensatz zum ersten trug diese Überschwere keinen Raumanzug, sondern die praktische Kleidung einer Technikerin. Ein Kampfmesser steckte unbenutzt in seiner Scheide. Die Frau war über einer Konsole zusammengesunken.

»Nicht zu gebrauchen«, murmelte Chantico, die auch bei dieser Leiche Messungen vorzunehmen versuchte und wieder zum gleichen Ergebnis kam. Frustriert steckte sie das Diagnosegerät weg.

Millet wuchtete die Überschwere von ihrem Platz weg. Er ächzte, schaffte es aber gerade noch, bevor Bell ihm zu Hilfe eilen musste.

Thomas blickte auf die Gon-Mekara. »Seltsam. Ist diese Totenstarre normal?«

Die Leiche lag nun in genau der Haltung auf der Seite, die sie zum Todeszeitpunkt über der Konsole eingenommen hatte. Sie erweckte eher den Eindruck einer Statue als eines organischen Körpers.

In diesem Augenblick meldete sich Millet zu Wort. »Das ist ein Kontrollpult für einen der Notstromkreise.« Er rieb sich die Hände. »Sie hat wohl versucht, die Heizung für die Kernsektionen der Walze aufzudrehen. Und zwar bis zum Anschlag. Solche Elemente sind dazu gedacht, ein Raumschiff nach einer Havarie vor dem Auskühlen zu bewahren ... Und weil wieder Notstrom zur Verfügung steht, sind sie auch angelaufen.«

»Drehen Sie den Regler runter auf den Gefrierpunkt«, wies Tom den Techniker an. »Ich möchte nicht, dass wir durch die Wärme versehentlich etwas... wecken.«

»Sie meinen, einen unbekannten Erreger?« Es war Chantico anzuhören, dass sie dies für eher unwahrscheinlich hielt. »Der wäre sicher auch schon bei null Grad Celsius aktiv. Allerdings kann es ja auch nicht schaden.«

Millet drehte den Regler wie befohlen zurück.

Ein eingehender Funkspruch ließ Thomas aufsehen. Die Empfangsqualität war miserabel, weil er mit geringstmöglicher Leistung abgestrahlt worden war, um das Risiko einer Entdeckung zu minimieren.

»HENNING MANDÜVEL an Expeditionsleiter. Unsere Ortung hat mehrere Schiffe entdeckt, die vom Mars gestartet sind. Soweit wir das sagen können, sieht es nach einem Hilfskonvoi aus, der zur MAARKORON unterwegs ist. Da sie für die geringe Entfernung nicht transitieren werden, haben Sie noch etwas Zeit – aber beeilen Sie sich bitte. Ich gebe Ihnen eine Stunde, dann möchte ich Sie alle wieder an Bord haben!«

Tom berichtete den anderen von der Neuigkeit. »Wir müssen also schnell sein. Eine Stunde ist so gut wie nichts. Gehen wir weiter!«

Chantico bedachte die Leiche mit einem bedauernden Blick, musste ihren Wunsch nach einer näheren Untersuchung aber wohl oder übel aufgeben.

An der Spitze ihrer Gruppe fragte Thomas den Status des Roboters ab. »KARO, gibt es unvorhergesehene Statusänderungen?«

»Alle Systeme weiterhin bei einundneunzig Prozent Leistungsfähigkeit. Keine Fehlfunktionen.«

»Wenn es nur bei meinem Anzug auch so wäre!«, schimpfte Wallheim. »Am liebsten würde ich diesen Fetzen wegwerfen.« Er schaltete erneut an seiner Montur herum. »Die okulomotorische Steuerung ist auch hin. Zurück zur guten, alten Handarbeit!«

Millet blinzelte ebenfalls nervös. »Ja, wir haben zunehmend Probleme mit einzelnen Bauteilen. Wird Zeit, dass wir einen Vorrat an Raumkombinationen erbeuten. Bei mir ist der Temperaturregler defekt. Das Mistding zeigt optimale Werte an, aber stattdessen kühlt es jetzt.«

Alarmiert sah Tom auf. »Ihr Anzug kühlt?«

»So fühlt es ...« Der Techniker kam nicht mehr dazu, den Satz zu vollenden.

Wallheim hatte das nächste Schott geöffnet, und die Hölle brach los.

Das Fauchen der Thermostrahler ihres KAROS mischte sich in das dumpfe, intermittierende Wummern der Impulsgeschütze, die das Einsatzteam mit einem Hagel aus todbringenden Plasmaladungen bestrichen. Wo sie nicht in die automatisch aktivierten Individualschutzschirme schlugen, zerrissen die Energieballungen die Flurplatten mit ohrenbetäubenden Explosionen.

Thomas hastete gemeinsam mit Chantico hinter den Rahmen des Schotts zurück und drückte sich gegen die Wand; ein unzureichender Schutz, da der Rahmen kaum eine Handbreit tief war, aber wenigstens befanden sie sich damit nicht mehr im Hauptschussfeld. Millet und Bell pressten sich auf der gegenüberliegenden Seite an die Verkleidung. Alle hatten ihre Strahler aus den Holstern gerissen und versuchten, in dem energetischen Chaos einen Blick auf den Angreifer zu erhaschen. Der Kampfroboter indes verweilte mitten im Durchgang, hatte seinen Abwehrschirm auf maximale Leistung hochgeregelt und feuerte aus beiden Waffenarmen.

»Ein an der Decke montiertes Sicherheitssystem!« Tom versuchte, am KARO vorbei eine Schusslinie auf das in maschineller Wut feuernde Zwillingsgeschütz zu erhalten. Der Roboter versperrte ihm jedoch das Sicht- und Schussfeld; zugleich fing er dadurch die feindlichen Feuergarben ab. Sein Schirm flackerte.

»Die Überschweren kleckern nicht.« Chantico wedelte mit ihrem Strahler. »Das ist eine ausgewachsene Panzerkanone! Erstaunlich, dass sie trotz bloßer Notstromversorgung einsatzbereit bleibt und sogar ein leistungsfähiges Schutzfeld aufspannen kann ...«

Thomas verstand sie im Lärm der Einschläge kaum. Geschmolzener Stahl spritzte aus den zerplatzenden Flurplatten; ein unter hohem Druck stehendes Gas entwich zischend aus einer zerstörten Leitung.

Dann erstarb der Krach. Der KARO stand für einen Augenblick unbeweglich da, hielt die Waffenarme mit den rot glühenden Mündungen noch immer vorgestreckt.

»Leistung des Individualschirms bei dreißig Prozent.« Die mechanische Stimme war völlig emotionslos. »Keine strukturellen Schäden. Das Feindobjekt ist vernichtet.«

Nachdem der Kampfroboter Wallheim aufgehoben und sich anschließend umgedreht hatte, sahen Tom und Chantico den leblosen Körper des Piloten in seinen Armen.

»Schwere Beeinträchtigung der Vitalfunktionen«, verkündete die Maschine.

Günter Wallheims Schirm hatte dem Beschuss nicht standgehalten. Schon die ersten Plasmafluten hatten die energetische Schutzhülle zusammenbrechen lassen, und obwohl der KARO nur einen Augenblick später sein eigenes Abwehrfeld über Wallheim ausgedehnt hatte, hatte der Space-Disk-Pilot schwere Treffer abbekommen. Seine Raummontur war zerfetzt und blutüberströmt.

Inaka Chantico stürzte zu ihm, überprüfte die Anzeigen seines Anzugs – »Das Mistding hat ihm keine Notmedikamente verabreicht!« – und setzte eine Injektion. »Er muss sofort auf die Medostation!«

»Wir kehren um!«, entschied Thomas. »Was auch immer hier geschehen ist, es wird wohl das Geheimnis der Gon-Mekara bleiben müssen.« Er aktivierte sein Funkgerät. »HENNING MANDÜVEL, Einsatzleiter hier. Wir haben einen Schwerverletzten. Wir brechen ab und kommen rüber!«

»Bestätigt.« Die Antwort kam sofort. Dann war ein erstauntes Aufkeuchen zu hören. »Was ist ... Warten Sie!«

Thomas Rhodan da Zoltral runzelte die Stirn. »Wir können nicht warten.«

Sein Gegenüber in der Zentrale ihres Mutterschiffs hörte ihm gar nicht mehr zu, stattdessen drangen erstaunte Rufe aus dem Helmfunk.

2.

Der Geist einer Legende

An Bord der HENNING MANDÜVEL, dem Mutterschiff der zwei Space-Disks, verfolgte man den Weg des Prisenkommandos mit Spannung. Der Erste Maat Valencio de Carabras wusste, dass Kapitän John Baptist Freund schon viele ähnliche Einsätze geleitet hatte, üblicherweise auf Raumschiffen, die sie zuvor im Kampf besiegt hatten, aber es war immer wieder aufs Neue ein Wagnis. Dass es sich diesmal um ein energetisch totes Überschwerenschiff handelte, machte die Angelegenheit sogar mysteriös.

»Liefern unsere Datenbanken Informationen über einen Frachter namens MAARKORON?«, erkundigte sich Freund. »Letzter Auftrag, Flugroute, irgendwas?«

»Leider nein«, antwortete de Carabras, der zu Ehren seiner spanischen Vorfahren wallendes, schwarzes Lockenhaar und einen Spitzbart zur Schau trug.

Dass es nicht viel zu bedeuten hatte, ob ein bestimmtes Raumfahrzeug der Gon-Mekara ihnen unbekannt war oder nicht, war Freund selbstverständlich bewusst. Denn die Vitalier aktualisierten ihre Datenbestände zwar, wann immer es ging – und das bedeutete: selten genug. Aber naturgemäß erhielten sie dadurch nur solche Auskünfte, die ihr Informantennetzwerk den Überschweren hatte abringen können. Aktuelle und detaillierte Kursdaten eines unscheinbaren kleinen Frachters zählten da wahrscheinlich eher nicht dazu.

»Aber inzwischen haben wir immerhin eine wahrscheinliche Route ermitteln können«, sagte de Carabras. »Demnach kam die MAARKORON aus Richtung des Sternbilds der Jungfrau.«

»Hm. Dort liegt Spica mit der Kolonie Cybora, die NATHAN gegründet hat. Vielleicht war der Frachter also von Cybora unterwegs zum Mars. Gefällt mir nicht.« Freund pochte mit den Fingern auf die Lehne seines Kapitänsessels. »Weshalb treibt diese Walze jetzt bei Eureka?«

Der Erste Maat hob die Schultern. »Vielleicht ist der Energiereaktor ausgefallen. Wir werden ja bald mehr wissen, wenn Rhodan da Zoltral fündig geworden ist.«

»Prisenschlepper bereit machen zum Ausschleusen!«, befahl Freund. »Ich will so wenig Zeit wie möglich an diesem Ort verbringen.«

»Sollen wir sie schon mal auf Position bringen?«, fragte de Carabras.

»Noch nicht. Erst will ich wissen, ob sich der Aufwand lohnt. Wenn der Frachter eine Leerfahrt macht oder nur Schutt an Bord hat, können wir uns die Bergung sparen.«

Sie beobachteten das weitere Geschehen draußen.

Da Carabras zupfte sich am Bart. »Ich hätte gern eine Holoverbindung, um zu sehen, was die Entergruppe an Bord entdeckt.«

»Da müssen Sie sich bis zur Rückkehr gedulden«, beschied der Kapitän.

Für einige Zeit geschah nichts. Eureka hing wie ein Steinklumpen vor dem fernen Lichtpunkt des Mars. Beide Space-Disks verharrten bewegungslos an den Enden der MAARKORON.

Gelangweilt und ungeduldig zugleich tippte de Carabras auf den Holokontrollen seines Positronikpults herum. Er wusste, dass eine Expedition wie die von Thomas Rhodan da Zoltral Stunden in Anspruch nehmen konnte.

Ein Signal in der Passivortungsanzeige erregte seine Aufmerksamkeit. Er setzte sich kerzengerade auf und schob beide Hände in die Steuerung des entsprechenden Hologramms. Das Bild entfaltete sich zu einer vergrößerten, dreidimensionalen Darstellung. Ergänzend flackerten Analysedaten darin auf.

»Kontakt! Fünfundzwanzig Schiffe, fast ausschließlich Kriegswalzen, aus dem Marsorbit!«, meldete de Carabras. Auf seinen Fingerzeig hin wuchsen hauchdünne Pfeile aus den Lichtpunkten. Alle wiesen in eine Richtung. »Und sie halten genau auf uns zu!«

Kapitän Freund musterte das Ortungsholo. »Positronik, was sagt der Schiffstypenabgleich?«

»Die passive Ortung liefert kein klares Ergebnis«, antwortete die Positronik. »Und aktive Tasterimpulse einzusetzen, würde signifikant das Risiko erhöhen, dass die Gon-Mekara uns entdecken.«

»In Ordnung, darauf verzichten wir also besser weiterhin. So viele Schiffe werden sicher nicht unseretwegen in Marsch gesetzt ... eher wegen der MAARKORON. Sie muss für die Überschweren enorme Bedeutung haben, wenn sie einen solchen Aufwand treiben. Jetzt dürfen Sie funken, de Carabras. Warnen Sie das Prisenkommando, dass die Überschweren zu der Walze unterwegs sind. Ich gebe ihnen ein Zeitfenster von einer Stunde bis zur Rückkehr. Mehr will ich nicht riskieren.«

»Wird gemacht.«

Nach der Funkwarnung an die zwei Space-Disks und den Leiter des Außenteams prüfte de Carabras die Einsatzbereitschaft der STROKE-Aggregate. Dieses Geschützsystem, das sie dem technischen Können der Posbis zu verdanken hatten, war das Ass im Ärmel der Vitalierschiffe. Nicht nur vermochte es gegnerische Schirme kurzzeitig kollabieren zu lassen, vor allem konnten sie damit die Besatzung eines kompletten Schiffs für eine Weile außer Gefecht setzen.

»Vergessen Sie's!« Freund kannte seinen Ersten Maat gut.

De Carabras seufzte. »Ja, ich weiß. Zu lange Aufladepause nach jedem Schuss, zu geringe Reichweite. Keine Chance gegen so viele Kriegsschiffe. Trotzdem wäre es einfach zu schön ...«

»Denken Sie an Ihre Vitalierideale. Soweit ich weiß, zeichneten sich die historischen Vitalierbrüder der Erde ebenfalls dadurch aus, dass sie schnell verschwanden, wenn sich die Masten der Obrigkeit am Horizont zeigten ...«