Perry Rhodan Neo 56: Suchkommando Rhodan - Hermann Ritter - E-Book + Hörbuch

Perry Rhodan Neo 56: Suchkommando Rhodan E-Book und Hörbuch

Hermann Ritter

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Beschreibung

Perry Rhodan ist verschwunden - zumindest müssen das die Menschen auf der Erde annehmen. Im Sommer 2037 ist der Kontakt zu dem Raumfahrer abgebrochen, der nach vielen Schwierigkeiten endlich direkt ins Zentrum des großen Arkon-Imperium vorstoßen wollte. Niemand weiß, was mit dem Mann geschehen ist, der als erster die Außerirdischen getroffen hat. Zusammen mit einigen Gefährten bricht Reginald Bull auf, um Rhodan zu suchen. Er folgt einer Spur, die ihn über mehrere Stationen hinweg führt: Zuletzt landet er auf Trebola, der Welt der spinnenartigen Trebolaner. Dort kommt es zur Konfrontation mit dem Imperium: Um die Geheimnisse der Trebolaner zu erlangen, beginnen arkonidische Raumschiffe mit einer Militäraktion. Die Menschen von der Erde und ihre Verbündeten stehen auf einmal zwischen den Fronten ...

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Zeit:5 Std. 44 min

Sprecher:Axel Gottschick

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Band 56

Suchkommando Rhodan

von Hermann Ritter

Perry Rhodan ist verschwunden – zumindest müssen das die Menschen auf der Erde annehmen. Im Sommer 2037 ist der Kontakt zu dem Raumfahrer abgebrochen, der nach vielen Schwierigkeiten endlich direkt ins Zentrum des großen Arkon-Imperium vorstoßen wollte.

Niemand weiß, was mit dem Mann geschehen ist, der als erster die Außerirdischen getroffen hat. Zusammen mit einigen Gefährten bricht Reginald Bull auf, um Rhodan zu suchen. Er folgt einer Spur, die ihn über mehrere Stationen hinweg führt: Zuletzt landet er auf Trebola, der Welt der spinnenartigen Trebolaner.

1.

Terrania-Central, 16. Mai 2037

»Ich glaube nicht, dass er uns hören kann.« Eric Manoli hatte seine Hand auf die Schulter seines Freundes Reginald Bull gelegt.

Bull saß vornübergebeugt in dem schlichten, fensterlosen Zimmer in der Klinik im Zentrum Terranias. »Ich wüsste so gerne, was hier vor sich geht.« Er seufzte.

Manoli ging zum Druckluftbett, in dem ein alter Mann lag. Er hörte das leise Zischen der Düsen. Das Luftpolster sollte verhindern, dass die Haut des Patienten durch langes Liegen brüchig und mürbe wurde. Die vielen Kabel und Nadeln verbanden den ausgemergelten Körper mit dem Besten an medizinischer Technologie, was die Erde im 21. Jahrhundert aufzubieten hatte.

Manoli inspizierte erneut die Geräte, die um das Bett aufgebaut waren. »Ich habe mich im Vorfeld mit der Technik vertraut gemacht«, sagte er zu Bull. »Das hier ist das Allerbeste, was wir dank unserer neuen außerirdischen Freunde an medizinischer Technologie einsetzen können.«

Ein Ruck ging durch Bulls Körper. »Gut. Was wissen wir über den Patienten?«

Manoli schaute seinen Freund einen Moment lang an. Dann veränderte sich seine Haltung. Der Ton seiner Stimme wurde bestimmter. »Unser Patient ist zwischen achtzig und neunzig Jahren alt. Für sein Alter ist er in einem sehr guten körperlichen Zustand, beweglich, ohne jedes Anzeichen von Muskelschwund oder Ernährungsschwierigkeiten. Offensichtlich hat er Sport und Gymnastik betrieben, um seinen Körper schlank und sehnig zu halten.

Am Körper selbst sind einige Verletzungen zu sehen, die aber gut verheilt sind. Außerdem gibt es – außer den dokumentierten Narben und Hautveränderungen bis zum Mondflug – noch einige neuere Operationsnarben hier, hier und hier.« Manoli deutete auf die Innenseite des rechten Oberschenkels, die Schulter und das linke Handgelenk. Sein Finger wanderte zum Oberschenkel des Patienten zurück. »Das hier ist ein verdammt sauber verheilter Bruch. Und auch andere Kleinigkeiten sind überraschend.«

Er fuhr langsam mit dem Finger eine etwas hellere Hautlinie, an der rechten Schulter beginnend, die rechte Körperseite hinunter. »Dieser Hautstreifen von der Schulter bis zum Oberschenkel ist jünger als die restliche Haut. Wir vermuten, dass die Haut nachgezüchtet worden ist, um eine Verletzung zu versorgen. Leider haben wir keine Ahnung, woher die Verletzung stammt.«

Manoli konsultierte einen Augenblick lang seine Unterlagen. »Eine Punktierung hat ergeben, dass das Gewebe der Niere ebenfalls jünger ist als das Gewebe der restlichen Organe. Wir vermuten, dass sie durch die Neuzüchtung aus körpereigenem Gewebe entstanden ist. Dann, als sie ausgewachsen war, sind sie gegen die nicht mehr funktionstüchtige Originalniere ausgetauscht worden.«

Nach einem kurzen Blick in die Notizen sprach er weiter. »Bei unserem ersten Kontakt mit ihm bewegte er sich selbst – wenn auch mithilfe eines archaisch anmutenden Gehstocks. Nach einem Sturz fiel er in ein Koma. Der Patient reagiert auf Schmerzen und gibt manchmal unvermittelt unverständliche Laute von sich.«

»Wirklich unverständlich?«, fragte Bull.

Manoli zuckte mit den Schultern. »Wir haben alle Übersetzungsprogramme darauf losgelassen, die uns zur Verfügung stehen. Die Laute sind Gebrabbel, mehr nicht. Keine geheimen Botschaften und keine Versuche, mit uns Kontakt aufzunehmen. Und um gleich deine nächste Frage zu beantworten: Die Gehirnaktivität lässt keinen Hinweis darauf vermuten, dass er im Moment wirklich zur Sprachbildung fähig wäre.«

»Und das Koma ...«, hakte Bull nach.

»... bleibt ein Koma, Reg. Wir haben es alle versucht – Frank Haggard, Fulkar, ich. Aber wir trauen uns nicht, etwas zu unternehmen, was bleibende Schäden hinterlassen könnte. Schon weil uns nicht klar ist, wie er hierhergekommen ist.«

»Wir hatten das doch alles diskutiert.« Bull hatte augenscheinlich große Schwierigkeiten damit, einfach nur den Vorträgen des ehemaligen Bordarztes der STARDUST zu folgen. »Gibt es denn immer noch keine Hinweise, was ihm zugestoßen ist?«

»Ja«, antwortete Manoli, »ich weiß. Aber ich bin kein Weltraummediziner. Dafür gibt es inzwischen auf der Erde andere Ärzte, die damit Erfahrung haben. Das Koma ist unserer Meinung nach die Folge eines Transitionsschocks. Wir wissen immer noch nicht, woher oder von wann er hierhergekommen ist.«

Sie wussten nur eines: Der greise Perry Rhodan war real und vor zwei Tagen, auf dem Höhepunkt der Genesis-Krise, von den in den Trümmern von Lakeside versammelten Mutanten irgendwoher geholt worden. Sie hatten ihn mittels eines parapsychischen Blocks heraufbeschworen. Wozu, dazu schwiegen die Mutanten – auch John Marshall, der seit dem Erscheinen auf seine eigene Weise ebenso rätselhaft wirkte wie Perry Rhodan. Der ehemalige Leiter des Instituts war fassungslos, als könnte er nicht glauben, was geschehen war, was er getan hatte.

Bull unterdrückte einen Fluch. »Ich weiß nicht, wie viele schlechte Fernsehserien ich in meiner Jugend über Ermittler gesehen habe, die aufgrund von einem Speichelmolekül am Rande eines Whiskeyglases erkennen können, wer der Mörder war, warum der Mord geschehen ist und was der Nachbar vorher wusste. Und wir stehen hier herum und rätseln.«

Manoli wusste, dass die Frustration aus seinem Freund sprach. Er ließ ihn poltern. Nachdem Bull geendet hatte, nahm Manoli seine Unterlagen erneut zur Hand.

»Die Kollegen haben alles, aber auch wirklich alles untersucht, was wir an Schmutz, Staub und Pollen an seinem Körper und seiner Kleidung gefunden haben«, sagte er ruhig. »Viel Kleinkram wurde von den Wissenschaftlern zugeordnet. Die Dinge erwiesen sich oft als absolut nicht signifikant – so wie der Stock, der aus dem Holz einer banalen, irdischen Haselnuss besteht. Die Kleidung, die er anfangs trug, ist umfassend untersucht worden. Sie besteht aus einem baumwollähnlichen Gewebe, das aber ganz sicher keine Baumwolle ist. Die Herkunft ist unklar, aber das Gewebe ist nicht irdischen Ursprungs. Einige Pollen, ein wenig Staub und einige Schmutzflecken auf der Kleidung stammen ebenfalls nicht von der Erde. Sie wurden von uns – und mit uns meine ich auch unsere nicht irdischen Freunde – keiner der bekannten Welten des Imperiums zugeordnet. Du siehst ...«

Bull richtete sich auf. »Ich muss das alles nicht verstehen. Aber ich weiß, dass mein Freund Perry vor drei Monaten nach Arkon aufgebrochen ist.« Sein Blick fiel auf den Körper des alten Mannes vor ihm. »Perry, altes Haus. Ich weiß nicht, wie du es geschafft hast, als alter Mann zur Erde zurückzukehren. Aber ich werde dich suchen gehen.« Er nickte Manoli zu. »Ich werde mich auf die Suche nach Perry machen. Er hat versprochen, eine Spur zu hinterlassen. Ich werde diese Spur finden und ihr folgen.«

Manoli wies mit dem Kopf hinüber zu Rhodans Körper. »Langt es nicht zu wissen, dass er irgendwann mal heimkommt?«

Bull überlegte einen Moment. »Würde es dir reichen?«

Manoli schüttelte den Kopf.

2.

Der Sündenfall

An Bord der AL'EOLD, 17. Mai 2037

Der Raum roch nach Angst. Es war eine Mischung aus Schweiß, der Luft in einem Tigerkäfig und einem unterliegenden Geruch eines exotischen Gewürzes, das nicht zu identifizieren war. Caine kannte diesen Geruch. Er hatte ihn in Krankenhäusern gerochen, wo Menschen lagen, die kaum wie Menschen aussahen. Ihre schwärenden Wunden hatten die Luft vergiftet.

Einheimische Schwestern waren durch die Gänge geeilt, hatten kostbare Medikamente zu denen gebracht, die eine Chance hatten, gesund zu werden. Andere Patienten waren einfach mit ihren Betten an die Wand geschoben worden. Sie waren hier, um zu sterben. Ihre Verwundungen waren zu groß, eine Rettung war mit der vorhandenen medizinischen Versorgung nicht möglich.

Und doch atmeten die Patienten noch, klammerten sich an das Leben, an die Hoffnung auf ein Wunder. Dieses würde mit einem UN-Transporter vor dem weißen Zelt landen, um im gleißenden Licht einer Halogenlampe Menschen in knitterfreien weißen Uniformen auszuspucken, die sofort in seriöser Geschäftigkeit Karton nach Karton ausluden. Mit den Gaben der westlichen Welt, die verteilt wurden, würden sie die Opfer eines der vielen Bürgerkriege versorgen.

Caine kannte das Gefühl der Hilflosigkeit, das einen in diesen Momenten übermannte. Er sah sich selbst auf einem Campingstuhl, dessen Kakibraun vor Jahren schon einem undefinierbaren Farbton gewichen war – genauso wie die Uniformen der Soldaten in jenem längst vergessenen, unwichtigen Konflikt.

Er vermochte die vielen Hände zu fühlen, die er gehalten hatte. Alte Hände, bedeckt mit braunen Flecken. Junge Hände, noch nicht gezeichnet von schwerer Arbeit oder den vielen kleinen Narben des Älterwerdens. Er hatte manikürte Frauenhände gehalten, mit langen Nägeln, auf denen kleinen Strasssteine blinkten. Er hatte Hände gehalten, deren Finger offene Wunden waren. Er hatte sie gehalten, wenn der Atem der Sterbenden schwächer wurde. Wenn sie sich in einem letzten, rasselnden Atemzug gegen das Unvermeidbare auflehnten und ein letztes Mal Luft einsogen, bevor sie starben.

Erst wenn die Finger in seiner Hand erschlafften, hatte er das medizinische Personal gerufen, dessen einzige Aufgabe es war, den Tod festzustellen. Nur wenn jemand Qualifiziertes die üblichen Bewegungen gemacht hatte – das Halten zweier Finger an die Halsschlagader, das traurige Nicken und das Hochziehen der Decke über das Kinn –, hatte er die Hand vorsichtig genommen und sie zusammen mit der anderen Hand auf dem Bauch des Toten gefaltet.

Er hatte viel gesehen in jenen Jahren, in denen er als junger Priester in die Welt gegangen war, um zu missionieren. Ungezählte Male hatte er UN-Missionen begleitet, die eigentlich Frieden bringen sollten. Andauernd hatte er mit ansehen müssen, wie schwierig es war, den Menschen diesen Wunsch zu erfüllen. Und immer wieder hatte er sich gefragt, ob seine Mission nicht viel sinnloser war als das, was die Soldaten versuchten. Denn er wollte den Menschen den Glauben bringen.

In all seinen Jahren hatte er keinen einzigen Menschen missioniert. Doch, den kleinen Jungen in Ghana oder Nigeria oder Uganda, der ihn mit kindlicher Neugier gefragt hatte, wer der Mann sei, der auf dem Symbol um seinen Hals zu sehen war. In den Stunden, in denen er damit beschäftigt war, etwas aufzuräumen oder zu säubern, hatte der kleine Junge seinen Geschichten zugehört. Von der Geburt des kleinen Kindes in Bethlehem. Von den drei Weisen aus dem Morgenland, die gekommen waren, um Geschenke zu bringen. Von dem schwarzen König, von dem weißen König und dem arabischen König – die drei Weltgegenden, die drei damals bekannten Kontinente, die sich in Gestalt der Könige vor dem neuen Herrscher der Welt verbeugten und ihm Geschenke brachten.

Er hatte von der Berufung des kleinen Kindes erzählt, von seinem ersten Auftritt im Tempel, von dem Anschwellen seiner Jüngerschar und seinem Leidensweg. Lange hatte er gebraucht, um dem kleinen Jungen zu erklären, dass es mal einen Garten Eden gegeben hatte. Einen Garten, in dem alle Pflanzen gediehen und alle Tiere glücklich waren. Und wie es zum Sündenfall gekommen war.

Der Junge hatte ihn nur ungläubig angeschaut. Caine hatte versucht, dessen Neugierde zu stillen. Bis er nach vielen schmerzvollen Stunden begreifen musste, dass der Junge nicht die theologische Grundlage seiner Erzählung anzweifelte. Er hatte hier nicht erklären müssen, warum die Erschaffung der Welt in sieben Tagen neben der Evolution als Lehre bestehen blieb, ohne den Anspruch zu haben, sie zu ersetzen.

Diese Diskussionen waren es, die ihn von der Isle of Man vertrieben hatten, hinaus an einen Ort, wo nicht Wissenschaft und Vernunft jeden Tag voranschritten und das Recht der Gläubigen bestritten, Dinge zu glauben, anstatt sie zu wissen.

Der Junge hatte einfach nicht verstanden, dass es einen Garten geben könnte, in dem die wilden Tiere friedlich waren und in dem Nahrung im Überfluss vorhanden war. Und wenn es jenen Garten wirklich gegeben hatte, irgendwo da draußen vor langer, langer Zeit – warum hatten die Menschen dieses Paradies verlassen? Dabei hatte der Junge anklagend auf das Zelt geschaut, das sie umgab. Auf das schäbige Feldbett mit dem Moskitonetz, auf den alten Reisekoffer, der Caine viele Jahre lang begleitet hatte, auf die schäbige Kleidung des weißen Priesters, der hierhergekommen war, um seiner eigenen, unverständlichen Berufung zu dienen.

An diesem Tag hatte Caine beschlossen, nach Europa zurückzukehren. Er wusste, dass er keine Antworten für die Skeptiker hatte, die ihn nach der Evolution fragten. Aber er hatte noch weniger Antworten für den kleinen Jungen mit den großen Augen und dem vor Hunger geblähten Bauch.

Keine einzige Antwort.

Für mehrere Jahre war er in ein Kloster nach England zurückgekehrt. Er hatte gelesen, sein theologisches Wissen erweitert; gebetet und meditiert und Gott um Antworten auf diese Fragen gebeten.

Dann kamen die Außerirdischen.

Von einem Tag auf den nächsten war es nicht mehr wichtig, was in seiner Klosterzelle geschah. Die Politik der Welt wurde in der Wüste Gobi entschieden, wurde in den Datenkanälen diskutiert. Als wäre aus der Wüste erneut ein Ruf erschallt, mit dem man die Gläubigen zu sich rief, waren sie aus allen Teilen der Welt gereist, um sich Perry Rhodan anzuschließen.

Eines wurde ihm schnell klar: Dieser Rhodan war kein weiterer selbst erklärter Messias. Er tat keine Wunder. Die Menschen, die dazu fähig waren, sammelten sich trotzdem um ihn. Sie nannten sich Mutanten. Viele von ihnen waren wirklich zu Leistungen fähig, die wie Wunder aussahen.

Und die Außerirdischen.

Auf einmal tauchten sie überall auf der Erde auf. Sie sammelten Dinge von der Erde. Und ihre Fremdartigkeit war völlig anders als jene der grauen Männchen, welche die UFO-Gläubigen vor fünfzig Jahren überall gewittert hatten. Diese Außerirdischen waren keine Engel und erst recht keine Teufel. Sie waren ein Zeichen dafür, dass Gottes Erfindungsreichtum auch auf anderen Welten gewirkt hatte.

Und die Kirchenbänke, die schon von Jahr zu Jahr leerer geworden waren, verloren für die Menschen noch mehr von jenem Trost und Zuspruch, die in den letzten Jahrzehnten wie eine Tünche auf der obersten Schicht des Gottesdienstes gelegen hatten.

Caine hatte auf einmal verstanden, was er tun musste. Er hatte seine Sachen gepackt und war wild entschlossen, sich wieder der Menschheit zu widmen. Jahre nach seinen Erlebnissen in Afrika und Monate nach seiner Entscheidung in der Klosterzelle waberte wieder der Geruch von Angst durch seine kleine Kabine. Wieder lag eine Hand in seiner. Doch dieses Mal war die Hand nicht krank. Sie war gesund, kräftig; unter den Fingernägeln waren noch die Spuren von Öl oder einer anderen dunklen Flüssigkeit zu erkennen.

Muss man Raumschiffe schmieren? Er wusste es nicht. Er wusste, dass früher irgendwas von Walen – der Tran? – verwendet worden war, um Satelliten zu schmieren. Angeblich war es das einzige Material, das in der Kälte des Weltraums nicht zerstört wurde.

Caine riss sich zusammen. Der Mann vor ihm hatte Angst. Kreatürliche Angst. Und er hatte in der Tiefe des Weltraums zu einem Glauben zurückgefunden, den er auf der Erde sicher vor Jahren, wenn nicht gar Jahrzehnten abgelegt hatte. Er war auf einmal wieder Christ.

Caine hatte nie damit hinter dem Berg gehalten, dass er nicht nur als medizinische Fachkraft an Bord des Raumschiffes diente. Die Jahre in Krankenstationen, die nötigen Vorbereitungen hatten aus ihm keinen Arzt gemacht, auf den man angewiesen sein wollte, wenn man lichtjahreweit von der Erde entfernt im Weltraum unterwegs war. Aber er war ein guter Krankenpfleger, immer noch kräftig und geduldig. Und er hatte die Befähigung, den Menschen zuzuhören, egal welchen Glauben sie ihren eigenen nannten. Wenn jemand kam, der über etwas reden wollte, war Caine für ihn da. Er war kein Psychiater oder Psychologe. Aber viele Menschen brauchten keinen ausgebildeten Arzt, um sich zu unterhalten. Sie genossen die niedrige Hemmschwelle, die er bei seinen Gesprächen aufbaute. Wer kam, der erhielt seine ganze Aufmerksamkeit.

In den letzten Tagen hatte er viele Gespräche geführt. Einige Menschen waren auch im Weltraum nur Menschen mit begrenztem Horizont. Es war nicht mehr die Frage nach der Evolution und der Schöpfungsgeschichte, die er beantworten musste. Er wurde gefragt, ob es bei den Fantan einen Sündenfall gegeben hatte. Ob eines jener fremdartigen Wesen für die Sünden seiner Artgenossen gekreuzigt worden war – oder ob dessen Gläubige nicht ein Zeichen mit mehreren Balken tragen müssten, weil ein Kreuz kaum ausreichen würde, um einen Fantan zu kreuzigen.

Mit stoischer Gelassenheit hatte er all diese Fragen über sich ergehen lassen, hatte akzeptiert, dass sie wichtig waren, weil die Menschen Dampf ablassen mussten. Hier draußen, viele Lichtjahre von der Erde entfernt, waren sie trotzdem noch dieselben einfachen, hilflosen, ungeschützten Seelen wie auf der Erde. Aber hier fielen die Schleier nicht zwischen ihnen herunter, welche den Menschen auf der Erde vom anderen abtrennten. Hier draußen war Weglaufen unmöglich. Nicht vor den wenigen Mitmenschen, die an Bord waren, nicht vor den Naats, die unübersehbar durch die Gänge des Schiffes strichen, und schon gar nicht vor Gott.

Caine hielt die Hand des Ingenieurs ruhig in seiner eigenen. »Ich weiß ebenfalls nicht, wie das alles einen Platz in Gottes Plan haben soll«, sagte er zu dem jungen Mann. »Ich bezweifle, dass es überhaupt jemand weiß – kein Mensch, kein Fantan, kein Naat, kein Was-auch-immer. Wenn sie die Antwort hätten, dann hätten sie auch die Weisheit, sie weiterzugeben. Aber hier draußen ist nur Schweigen.«

Die Hand in seiner Hand bewegte sich, als der Mann leise zu weinen anfing. »Es ist so weit ... weit weg von der Erde. Und wir sind so klein, so unbedeutend. Auf einmal fühle ich mich ... so allein.«

Caine verstärkte den Druck auf die Finger, um dem anderen zu zeigen, dass er weiterhin bei ihm war und ihm zuhörte. Technisch überwinden wir mit Transitionen in Nullzeit die Distanzen zwischen den Sonnensystemen. Aber innen drin haben wir kein Uhrwerk, keinen Mechanismus, der uns schützt. Wir sind immer noch Menschen. Seelen in Gehäusen aus Fleisch, hinausgeworfen in die Dunkelheit des Alls.

»Wissen Sie«, sagte er mit ruhiger Stimme zu dem Mann, der im abgedunkelten Licht der Kabine weinte. Er roch die Angst: Angst vor dem Unbekannten, Angst vor dem Alleinsein, Angst vor dem Sterben. »Wissen Sie, manchmal merkt man erst ganz weit weg von zu Hause, dass man viele Dinge schon gewusst hat, als man noch daheim war. Man hat nur nie richtig zugehört.« Er hob seine zweite Hand und umfasste die Hände des anderen mit allen zehn Fingern. »Wir haben alle nicht zugehört. Und dabei war die Antwort stets da. Die Welt war nur zu laut, um die Worte wirklich zu hören.« Caine räusperte sich kurz. »Vater unser, der du bist im Himmel ...«

3.

Schreie in der Nacht

An Bord der RANIR'TAN, 18. Mai 2037

Shanekas Blick schweifte umher. Die voll besetzte Zentrale der RANIR'TAN, die ursprünglich mit ausreichend Platz für eine arkonidische Besatzung geplant war, wirkte durch die Anwesenheit der drei Meter großen Riesen recht eng.

Jede Position war doppelt besetzt. Die Naats standen immer so aufgestellt, dass der zweite Naat die Erstbesetzung im Blick hatte. Beim geringsten Zögern, beim geringsten Schwindel oder Unwohlsein musste die Erstbesetzung in Sekundenschnelle ausgewechselt werden. Zusätzlich wachten zwei Naats mit bedrohlich aussehenden Handwaffen neben dem Eingang.

Ihre Aufgabe war Shaneka nicht ganz klar. Sollten sie die Zentrale vor Eindringlingen schützen, die aus dem Nichts zwischen den Naats auftauchten? Hatte man Angst vor einer Meuterei der Naats gegen die Arkoniden, so, wie es sich angeblich schon auf anderen Schiffen abgespielt hatte? Und wie sollte man sichergehen, dass ausgerechnet die beiden Naats der Wache loyal sein würden – auf einem Schiff, auf dem außer Naats nur zwei Arkoniden Dienst taten?

Früher hätte niemand einen solchen Blödsinn wie diese beiden Wachen durchgesetzt. Die Naats waren loyale Diener des Großen Imperiums. Schon immer. Sicherlich hätte Shaneka irgendein Schlupfloch in den neuen Anweisungen gefunden, wenn sie nicht sicher wäre, dass ihr Erster Offizier Hagnor ter Gaden jede minimale Abweichung vom Protokoll sofort melden würde. In der momentanen Situation konnte sie es sich nicht leisten, auch nur den geringsten Makel in ihren Personaldaten zuzulassen. Zu viel stand auf dem Spiel.

Normalerweise war die Vorbereitung einer Transition eine einfache Angelegenheit, die sie alle schon viele Male hinter sich gebracht hatten. Schaffst du einen Sprung, schaffst du tausend Sprünge, lautete eine alte Raumfahrerweisheit, an die sie unwillkürlich erinnert wurde. Das war zwar nicht die ganze Wahrheit, wie das Mitführen von Notkapseln belegte. Diese waren dafür gedacht, jenen Besatzungsmitgliedern zumindest eine winzige Chance des Überlebens im hoch relativistischen Flug zu geben, die eine weitere Transition nicht überstehen würden. Aber wer an Bord eines Kriegsschiffes eingesetzt war, der hatte so viele Prüfungen über sich ergehen lassen wie sonst niemand. Daher war eine einfache Transition im bekannten Raum nichts, bei dem üblicherweise die höchste Sicherheitsstufe galt.

Aber in den letzten Tagen hatte sich viel verändert. Das Gefühl an Bord hatte sich verändert, seitdem das Kriegsrecht ausgerufen worden war. Eine eigenartige Nervosität hatte sich breitgemacht. Wo man früher keine Angst haben musste, drohte auf einmal überall und unverhofft die Gefahr durch die Methans.

Würden wirklich Methans mit ihren Schiffen auf uns einstürzen, wenn wir die Transition hinter uns haben? Niemand, den ich kenne, hat irgendwann eines dieser Wesen gesehen. Kein einziges Schiff ist jemals durch Methans vernichtet worden. Oder vielleicht ist es doch wahr, und die Angreifer schlagen so schnell zu, dass es keine Opfer gibt? Niemand kann einen Notruf absenden, weil es blitzartig geschieht ...

Nein!, ermahnte sie sich gedanklich. Wenn etwas an dieser ganzen Geschichte dran wäre, müsste es einen Anstieg bei der Zahl der vermissten Schiffe geben. Irgendetwas, das als Beweis für eine handfeste Bedrohung ausreicht. Aber bis jetzt gab es nicht einmal über die Flüsterlisten Informationen. Aber dort herrscht natürlich dasselbe große Schweigen, das auf einmal überall bis hinab in die privateste Kommunikation eingezogen ist.

Vor ihrem inneren Auge passierten die Ereignisse der letzten Wochen Revue. Wie eine Nova war die Nachricht vom Kriegsrecht in den Flüsterlisten aufgeblüht, hatte alle anderen Mitteilungen und Meldungen bei Weitem überstrahlt. »Die Methans sind wieder da!«, so hatte man überall zu hören bekommen. Und wie eine Nova hatte die Meldung ebenso dafür Sorge getragen, dass jede normale Kommunikation überstrahlt wurde – nur in diesem Falle dadurch, dass diese Art der Unterhaltung nicht mehr sicher war.

Es war nicht das Knistern einer Hyperraumstörung, das leise Knacken des Sonnenwinds, das auf einmal den Gedankenaustausch in diesem Medium überlagerte. Es war ein alles bedeckendes Schweigen, das sich wie eine schwarze Samtdecke über alle Räume im Netz ausbreitete.

Verhandeln die ersten Kommandanten des Großen Imperiums schon mit dem übermächtigen Feind? Gibt es Spione in unseren Reihen, die jede Information über Schiffsbewegungen sofort weiterleiten?

Warum? Shaneka musste sich zusammenreißen. Sie war nicht so weit gekommen, um jetzt durch die Gedanken an einen missgünstigen Ersten Offizier und die Angst vor einer einfachen Transition alles zu verlieren, was sie so mühevoll über lange Jahre hinweg aufgebaut hatte.

»Bereit machen zum Sprung!«

»Lagemeldungen!«, befahl Shaneka dem Ersten Offizier.

Hagnor ter Gaden warf einen kurzen Blick auf die vor ihm stehenden Holos. »Keine Vorkommnisse.«

Auf einmal blinkte ein roter Punkt auf einem der Holos. Sie fixierte ihn. Doch bevor sie selbst die Meldung erfasste, hatte Hagnor die Information schon aufgenommen. Mist. Das wird er mich wieder Tage spüren lassen.

»Ein Notruf, Kommandantin«, meldete er.

»Position?«

»Zwischen uns und der KE-MATLON.«

»Wer ist näher dran – die Mehandor oder wir?« Für einen Moment gab sich Shaneka der Hoffnung hin, dass ein Schiff vom Gespinst aus schneller bei der Position des Notrufs sein könnte als ihr Kreuzer.

»Wir.«

Geschwätzigkeit war nicht gerade ein Zeichen von Hagnors Persönlichkeit. Er redete mit seiner Kommandantin nur das Nötigste – egal, ob dienstlich oder privat. Hagnor vermittelte ihr das Gefühl, dass es unter seiner Würde war, mit einer Gewöhnlichen zu sprechen. Auf einem Schiff voller Naats hatte der einzige andere Arkonide Zeit, sich seinen adeligen Allüren hinzugeben.

»Empfang bestätigen!«, befahl sie. »KE-MATLON anfunken und mitteilen, dass wir uns um das Problem kümmern. Alarmbereitschaft auf allen Stationen. Haben wir eine Ortung?«

Hagnor drehte sich wieder seinen Holos zu. Sie wartete nicht, bis er die nötigen Informationen bereitstellte, sondern sprach den Naat zu ihrer Linken direkt an. »Geehron, was hast du für mich?«

»Ein Leichter Kreuzer, Kommandantin. Großes Imperium. Flottenmaterial. Das Schiff scheint schwer beschädigt. Offensichtlich die Folge von Kampfhandlungen.«

Die Methans!, war ihr erster Gedanke. »Weitere Ortungen?«

»Keine«, lautete Geehrons beruhigende Antwort.

»Reagiert das Schiff auf unsere Annäherung?«, hakte Shaneka nach.

»Nein. Sie haben Schwierigkeiten mit ihrem Hyperfunk. Die Kennung wird nicht übermittelt, dafür ein Notsignal und ein nicht zu identifizierender Datenstrom.«

Shaneka überlegte einen Moment. »Ein Datenstrom?« Sie blickte aus den Augenwinkeln zu Hagnor hinüber, aber er war nur hektisch damit beschäftigt, Holo nach Holo vor sich aufzurufen. Der Naat war schneller als der Arkonide – was ihr diebische Freude bereitete.

»Es ist schwer zu beschreiben«, antwortete Geehron. »Es wirkt so, als hätte ihr Rechner ein Leck. Sie senden einfach alles, was sie haben – fabrikneue Fiktivspiele und 3-D-Filme, scheinbar aktuelle Erwerbungen von ihrem letzten Aufenthalt in einem System, dazu Tausende private Aufzeichnungen, etwa eine Million Katzenbilder und diverse disparate Dateien. Zusätzlich erhalten wir ihren Notruf, klar und störungsfrei. Aber nur einen automatisierten Text, keine näheren Informationen über den Zustand des Schiffes.«

»Gnat!« Sie fluchte leise in ihrem heimatlichen Dialekt. War das die Falle, von der alle sprachen – ein Schiff der Methans, das ihnen auflauerte? Aber nein. Selbst ein Methan musste wissen, dass man mit einem Leichten Kreuzer einem Schiff wie der RANIR'TAN nicht wirklich gefährlich werden konnte.

»Ter Gaden, spricht etwas gegen das Vorgehen nach Protokoll für diesen Fall?«

Ihr Erster Offizier schaute sie verständnislos an.

»Gibt mir das Kriegsrecht weiterhin die Möglichkeit, havarierten Schiffen nach Protokoll zu Hilfe zu eilen?«, formulierte sie die Frage erneut.

Ter Gaden musste nachdenken. Shaneka genoss es, dass die Kiefer in seinem Gesicht arbeiteten. Sie war die Kommandantin, er der Erste Offizier. Sie würde sich keinen Fehler zuschulden kommen lassen, den er sicherlich sofort an eine höhere Stelle melden würde. Und an dieser höheren Stelle saß dann wahrscheinlich ein Mitglied der weitverzweigten Ter-Gaden-Familie, das dafür Sorge trug, dass ihr Verhalten deutlich schlechter aussah als das ihres Ersten Offiziers.

Hagnor straffte sich. »Kommandantin, das Kriegsrecht sieht äußerste Vorsicht vor. Alle Aufzeichnungen über das Rettungsmanöver werden ausgewertet. Aber selbstverständlich liegt die Entscheidung, wie wir vorgehen, weiterhin bei Ihnen.« Er drehte sich weg, ohne auf ihre Antwort zu warten.