Perry Rhodan Neo 31: Finale für Snowman - Hermann Ritter - E-Book + Hörbuch

Perry Rhodan Neo 31: Finale für Snowman E-Book und Hörbuch

Hermann Ritter

3,5

Beschreibung

Im Januar 2037 steckt Perry Rhodan in einer verzweifelten Lage: Eigentlich wollte er mit der TOSOMA nach Arkon vorstoßen, ins Zentrum eines riesigen Sternenreiches - doch unterwegs strandete das Raumschiff buchstäblich im Leerraum. Auf dem Gespinst, einer gigantischen Station im All, ergaben sich zwar wichtige Kontakte, vor allem aber neue Probleme. Seit die riesenhaften Naats aufgetaucht sind, die Söldner des Arkon-Imperiums, hat sich die Lage zugespitzt: Die Menschen werden als Gegner betrachtet. Rhodan verbirgt sich zusammen mit der Arkonidin Thora und dem Mausbiber Gucky auf der Eiswelt Snowman. Andere Raumfahrer sind bereits in Gefangenschaft der Naats geraten, während sich einige noch an Bord der Raumstation verstecken können. Überall nimmt der Druck auf die Flüchtigen zu - und Perry Rhodan stößt auf der Eiswelt auf ungewöhnliche Verbündete. Können andere Gestrandete dabei helfen, die Menschen vor den Naats zu retten?

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Zeit:5 Std. 57 min

Sprecher:Hanno Dinger

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Band 31

Finale für Snowman

von Hermann Ritter

Im Januar 2037 steckt Perry Rhodan in einer verzweifelten Lage: Eigentlich wollte er mit der TOSOMA nach Arkon vorstoßen, ins Zentrum eines riesigen Sternenreiches – doch unterwegs strandete das Raumschiff buchstäblich im Leerraum. Auf dem Gespinst, einer gigantischen Station im All, ergaben sich zwar wichtige Kontakte, vor allem aber neue Probleme.

Seit die riesenhaften Naats aufgetaucht sind, die Söldner des Arkon-Imperiums, hat sich die Lage zugespitzt: Die Menschen werden als Gegner betrachtet. Rhodan verbirgt sich zusammen mit der Arkonidin Thora und dem Mausbiber Gucky auf der Eiswelt Snowman. Andere Raumfahrer sind bereits in Gefangenschaft der Naats geraten, während sich einige noch an Bord der Raumstation verstecken können.

Und ich lag träumend in den Hallen des Eiskönigs.

Tausend Jahre lag ich dort und doch nur einige

Wimpernschläge lang. Die Zeit floss an mir vorbei,

klar wie Wasser, doch träge wie Melasse.

Immer wieder meinte ich, den Herrn der Hallen zu sehen.

Doch der Eiskönig entzog sich meinem Blick.

Er war nie mehr als ein Huschen in den Hallen,

beobachtet aus den Augenwinkeln,

so wie ein leises Räuspern am Rande der Wahrnehmung.

Aber ich fühlte, nein, ich wusste, dass sein Blick auf mir lag

während meines Schlafes und meines Traumes

und während meines ganzen bisherigen Lebens.

Aus »Nimm deine Träume ernst«,

unveröffentlichtes Manuskript, Terrania

1.

In den Hallen des Eiskönigs

Snowman, 4. Januar 2037

Perry Rhodan hatte seinen Helm geöffnet. Kalte, neblige Schwaden bildeten sich vor seinem Gesicht, wenn er ausatmete. Seine Augen tränten. Er schluckte, dann räusperte er sich. Seine Stimme klang immer noch belegt. »Warum?«

Er ließ den Blick schweifen. Diese eisigen Kavernen waren Wunderwerke. Unter der Oberfläche von Snowman musste es Tausende und Abertausende von diesen Höhlen geben, die entstanden, wenn sich das Eis des Planeten ausdehnte, bewegte und arbeitete – immer dann, wenn der Planet sich auf seiner exzentrischen Bahn der Sonne Beta-Albireo näherte. Dazu kamen weitere Faktoren, denn jede vulkanische Aktivität, jeder Planetoideneinschlag veränderte die fragile Struktur Snowmans, schuf neue Gänge, verschüttete andere.

Der Anblick war faszinierend. Das Licht wurde von den Eisflächen gebrochen und zurückgeworfen. Kleine Irrlichter schienen auf verschiedenen Ecken zu brennen; einige Flächen wirkten wie antike Spiegel, die einem suggerierten, die Welt dahinter sei eine andere als die Welt davor.

Rhodan erinnerte sich lebhaft an eine historische Dokumentation über Osteuropa hinter dem Eisernen Vorhang; vor einigen Jahrzehnten, in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Damals hatten Arbeiter eine Kathedrale in einen Salzstock geschlagen. Dort unten, tief im Salz, hatten sie ihre Gottesdienste abgehalten, während auf der Oberfläche die Religionsausübung verboten war. So ähnlich mussten sie sich damals gefühlt haben – in der Stille gefangen, tief im Glitzern von Eis oder Salz.

Thora schaute sich um. Die Arkonidin hatte ihren Helm nicht geöffnet, aber ihre Hände schlossen und öffneten sich immer wieder. Also ließ der Anblick sie ebenfalls nicht unberührt.

Gucky hatte seine Hände in die Hüften gestützt, er wirkte angespannt. Er schaute auf jene Stelle im Eis, zu der es Rhodans Blick immer wieder hinzog.

In Mildred Orsons' Gesicht stand Schrecken. Ihre Augen waren geschlossen, die Wangen ein wenig gerötet, so als hätte man ihr gerade ein Kompliment gemacht. Doch wenn man den Blick von den Wangen löste, dann erkannte man, dass ihre Körperhaltung nur eines ausdrückte: Angst.

Trotzdem erinnerte sie Rhodan an Schneewittchen in ihrem Glassarg. Und sie standen trauernd davor und gedachten jenes fröhlichen Wesens, das ihr Leben in den letzten Tagen so durcheinandergebracht hatte. Schmerzhaft wurde Rhodan klar, dass das hier kein Märchen war. Sie befanden sich nicht in einer Geschichte der Brüder Grimm, in der gleich ein junger Prinz um die Ecke reitet, von seinem Pferd springt, um dann die Rosenhecke zu teilen, welche ihn von der Prinzessin trennt.

Der einzige Prinz, der Mildred hätte retten können, lag neben ihr im Eis. Sie hatten sich in der Todesangst aneinander festgeklammert, sich eng umschlungen. Trotzdem strahlte Julian Tifflors Gesicht jene Gelassenheit aus, die man bei Toten selten findet. Rhodan hatte in den letzten Wochen viele Wesen sterben sehen – Menschen wie Außerirdische. Die wenigsten hatten den Tod als ein Geschenk empfangen, das sie von Schmerzen und Leiden erlöste. Die meisten hatten sich gegen den Tod gewehrt, der sie aus einem Leben riss, das ihrer Meinung nach noch nicht vollendet war.

Ist es das, was ich wollte, als ich von den Sternen träumte? Rhodan wusste sehr genau, dass es sein Beispiel gewesen war, das diese jungen Leute aus ihrem bisherigen Leben gerissen hatte. Als hätte eine ganze Generation, nein, eine ganze Gruppe von Menschen jedes Alters, jeder Herkunft und jeder sozialen Stellung auf das auslösende Auf zu den Sternen! gewartet, das durch Perry Rhodan Gestalt angenommen hatte. Aus allen Bereichen der Erde waren sie gekommen, um sich unter der Flagge einer geeinten Menschheit zu sammeln. Orsons und Tifflor hatten zu jenen gehört, in denen das Feuer am hellsten brannte. Sie waren jung und das Symbol für eine erneuerte Menschheit, die es sich auf die Fahnen geschrieben hatte, diese jugendliche Begeisterung zu den Sternen zu tragen.

Ohne mich wären sie nie gestartet, machte sich Rhodan klar.

Rhodan dachte an das Husarenstück, das sich Harnahan, Tifflor und Orsons geleistet hatten, um in den Weltraum zu gelangen. An das kosmische Schicksal, das Harnahan in Form einer mysteriösen Kugel ereilt hatte, die aus purer Energie bestand.

Er hörte ein Räuspern. Thoras Stimme klang traurig, aber sie hatte sich unter Kontrolle. »Sie wirken so lebendig ...«

»Die Kampfanzüge verbergen alles außer ihrem Gesicht. Die aufrechte Haltung, ihr Blick – erweckten den Eindruck, als würden sie schlafen, vielleicht sogar träumen. Aber – das hier ist lediglich eine Vorratskammer für Raubtiere.« Rhodan hustete, um den Belag von seinen Stimmbändern zu bekommen. »Die Raubtiere haben ein Interesse daran, dass ihre Opfer lange frisch bleiben.«

Gucky meldete sich zu Wort: »Ich finde das weniger grausig als die Vorstellung, sie wären so schlimm zugerichtet, dass man sie nicht mehr erkennen kann.«

»Was tun wir jetzt mit ihnen?«, fragte Thora.

»Es wird schwierig werden, ihre Leichen aus dem Eis zu befreien. So grotesk das klingen mag – hier sind sie vor dem Zahn der Zeit sicher. Irgendwann sollten wir uns um sie kümmern. Dann kommen wir wieder und errichten hier etwas, das für immer an sie erinnern soll, damit ...«

»Einen Moment!« Guckys Ausruf unterbrach Rhodans Überlegungen.

»Was ist?«

»Perry, ich weiß nicht, wie ich es erklären soll. Aber ich spüre etwas von den beiden. Es ist so, als seien ihre Gehirne noch aktiv.« Gucky zögerte einen Moment. »Es ist so, als träumten sie tatsächlich.«

Rhodan wusste nicht, ob er Guckys Wahrnehmung trauen konnte. Hier unten war alles so irreal, dass sogar der Mutant vielleicht ein Opfer von Erinnerungen an Märchen von schlafenden Prinzen geworden war. Quatsch, ermahnte er sich. Seine Kultur wird niemanden hervorgebracht haben, der Märchen über Prinzessinnen und Zwerge sammelte.

»Bist du dir sicher?«, wandte sich Rhodan an Gucky.

Inzwischen inspizierte auch Thora die beiden im Eis gefangenen Körper aus der Nähe. »Rhodan ...« Sie stockte kurz. »Ich glaube, dass Mildred blinzelt.«

Rhodan trat neben sie. Mit der behandschuhten Hand wischte er über die Oberfläche des Eises, um einen besseren Blick auf Mildred Orsons' Körper zu erlangen. Nach einer Weile erkannte er, dass Thora recht hatte. Wie in Zeitlupe schlossen sich Orsons' Lider, um sich genauso langsam wieder zu öffnen.

»Ich habe es ebenfalls gesehen, Thora«, bestätigte Rhodan.

»Ihre Gedanken sind langsam. Sie sind kaum zu spüren. Ich kann keine klaren Bilder erkennen.« Gucky überlegte einen Moment und formulierte eine passende Erklärung für das, was er gedanklich wahrnahm: »Es ist so, als würde ich in einen großen Raum hineinspüren. Dieser Raum steht mit Bildern und Erinnerungen voll, die aber von einem Nebel verhangen sind. Durch diesen kann ich nur ab und an einen klaren Blick erhaschen. Ich habe so etwas früher schon einmal erlebt – sie träumen. Aber sie träumen in einer Geschwindigkeit, die weit unter dem liegt, was ich normalerweise empfange.«

»Das heißt, dass die Raubtiere ihre Opfer nicht töten, sondern frisch einlagern«, sagte Rhodan. »Damit haben wir eine Chance, die beiden zu retten.«

Thora unterbrach seine Überlegungen. »Rhodan, sind Sie sich sicher, dass wir den beiden einen Gefallen tun, wenn wir sie jetzt befreien? Wir wissen nicht einmal, wie wir sie aus dem Eis bekommen sollen. Und wenn wir sie befreit haben – was tun wir, damit sie nicht zum Opfer der Kälte werden? Holen wir sie vielleicht aus ihrem eisigen Panzer, um sie kurz danach dem Erfrieren preiszugeben?«

Rhodan überlegte einen Moment. »Es gibt viele Faktoren, die wir nicht einschätzen können. Ist diese Kammer stabil? Die Decke sieht eigentlich stabil aus – aber das sagt überhaupt nichts darüber, wie lange sie hält. Noch leben die beiden – aber wir können niemand zurücklassen, um sie zu beaufsichtigen. Wir können nicht sicher sein, dass sich kein Raubtier an ihnen zu schaffen macht, kein Unglück sie verschüttet. Und wir wissen nicht, ob ihre Konstitution ausreicht, um sie hier Stunden, Tage oder gar Wochen am Leben zu lassen.«

Er erinnerte sich an jene Dinge, die man ihm in der Akademie über Kälte und ihre Wirkung auf den menschlichen Organismus beigebracht hatte. »Irgendwann ist die Unterkühlung so groß, dass ihr Gehirn beeinträchtigt wird. Noch sorgen hoffentlich die Kampfanzüge dafür, dass ihre Haut und ihre Organe keinen großen Schaden nehmen.«

Er zögerte. »Gucky sagt, sie träumen – also besteht Hoffnung, dass wir sie lebend und als Herren ihrer Sinne aus dem Eis holen. Wer weiß, ob das in Zukunft möglich ist. Ich will mir keine Vorwürfe machen müssen, jemand zurückgelassen zu haben. Bei uns können wir uns gemeinsam dem Schicksal stellen – wenn wir sie hier allein lassen, drücken wir uns um die Verantwortung.«

Nach diesen Sätzen schwieg Thora einen Moment. »Sie haben recht. Aber wie wollen wir sie aus dem Eis holen?«

»Mit den Thermostrahlern.«

Thora zog ihre Waffe und warf einen Blick auf die Energieanzeige. »Das könnte funktionieren. Aber die Dosierung der Wärme ist Glückssache – das sind Waffen, keine Werkzeuge.«

Rhodan hatte jetzt ebenso einen Thermostrahler in der Hand. »Richtig, Thora. Wenn wir zu hoch dosieren, töten wir die beiden. Wenn wir die Waffen zu niedrig dosieren, erwachen sie vielleicht aus ihrer Starre und nehmen Schaden, weil ihr Metabolismus wieder normale Geschwindigkeit annimmt, sie aber weiterhin im Eis gefangen sind.«

»Ich könnte sie aus dem Eis befreien, wenn ihr mit den Strahlern genug von dem Eispanzer entfernt habt«, schlug Gucky vor.

»Danke für das Angebot. Aber ich denke, dass wir deine Gaben für den Notfall aufheben.« Bevor Gucky widersprechen konnte, teilte er ihn zu einer anderen Arbeit ein: »Die Bleichsauger jagen in Rudeln. Das hier ist eine ihrer Wohnhöhlen. Wenn sie also hier auftauchen, sind es mehrere Tiere auf einmal. Und jeder, der einen Saugrüssel abbekommt, wird von ihrem Gift in einen tiefen Schlaf versetzt – und fällt aus, um der Gruppe gegen sie beizustehen. Gucky, es tut mir leid, aber vor dieser Gefahr wirst du uns schützen müssen! Halt nach den Tieren Ausschau, deren Winterlager wir gerade plündern. Ich glaube nicht, dass sie sehr gut gelaunt sind, wenn sie uns in ihrem Bau vorfinden. Und ich möchte keine Gefahr in meinem Rücken haben, wenn wir damit beschäftigt sind, unsere Freunde aus dem Eis zu schälen.«

»In Ordnung.« Gucky drehte sich um und entfernte sich einige Schritte in Richtung Eingang.

Rhodan musterte Thora, die ihren Thermostrahler abwartend in der Hand hielt. »Erst einen, oder wollen wir gleichzeitig anfangen?«

Thora betrachte die eisige Fläche. »Die beiden sind eng nebeneinander eingefroren. Es wird sich daher nicht vermeiden lassen, dass der eine erwärmt wird, wenn wir den anderen befreien. Also sollten wir gleichzeitig arbeiten – das erhöht ihre Chancen, dass wir sie gleichzeitig aus dem Eis holen.«

Rhodan atmete ruhig ein und aus, um sich zu konzentrieren. Er wusste, dass er in den nächsten Minuten mit höchster Präzision arbeiten musste, um die beiden Menschen im Eis nicht zu gefährden. »Thora, ich bin so weit.«

»Ich auch.«

Beide hoben ihre Thermostrahler und richteten den schwachen Hitzestrahl gegen die Eiswand. Die Oberfläche verlor ihren spiegelnden Charakter, dann floss Eiswasser in kleinen Bächen die Wand herunter. Am Fuß der Wand und um die Stiefel der beiden bildeten sich erst kleine Seen, dann eine eisige Fläche, deren Oberfläche zerbrach und tausend haarfeine Risse bildete, wenn einer der beiden sich bewegte und sein Gewicht auf einen neuen Standort verlagerte.

Rhodan rann der Schweiß in Strömen über die Stirn. Thora und er hatten ihre Helme geöffnet, um einen besseren Blick auf die beiden Körper im Eis zu erhalten.

Anfangs hatten sie noch versucht, die beiden Menschen in einem Stück herauszuschneiden. Doch bald war ihnen klar geworden, dass es besser wäre, wenn sie in auf- und absteigenden Schwenks die Oberfläche des Eises Stück für Stück erhitzten, sodass Schicht um Schicht von vorne abgetragen wurde.

»Thora, ich bin fast durch. Wie sieht es bei Ihnen aus?«

Die Arkonidin hielt kurz inne, verglich dann ihren Erfolg beim Freilegen von Mildreds Körper mit Rhodans Versuch, sich vorsichtig Tifflors Körper zu nähern. »Ähnlich wie bei Ihnen. Ich glaube, dass wir beide in den nächsten zwei oder drei Minuten erfahren werden, ob unsere Strategie von Erfolg gekrönt wurde ...«

... oder ob die beiden nicht überleben werden – oder in keinem Zustand, dass sie an die beiden Menschen erinnern, die wir von früher kennen, vervollständigte Rhodan in Gedanken ihre Überlegungen. Er wusste, wie schnell es zu irreparablen Gehirnschäden kommen konnte.

Ist der Tod das Ende aller Träume?

Ist der Traum das Ende des Todes?

Aus »Nimm deine Träume ernst«,

unveröffentlichtes Manuskript, Terrania

2.

Im Hangar

KEAT'ARK, 4. Januar 2037

Eine mörderische Glut durchfuhr meine linke Hüfte. Ich biss die Kiefer zusammen, um nicht laut aufzuschreien. Dann schaute ich an mir hinunter. Mein Kampfanzug war an der Seite zerfetzt. Was ich sah, wirkte wie eine Masse aus Blut, Haut, Fleisch und Anzugresten, die sich zu einem unansehnlichen Haufen Hackfleisch mit Textil vereint hatten.

Der Schmerz war fast unerträglich.

Wo bin ich?

Ich versuchte, mich ein wenig aufzurichten, um einen besseren Blick auf meine Umwelt zu erlangen. Sofort durchzuckte heißer Schmerz mein Bein. Dazu kam ein Stich in meinen Eingeweiden, als hätte jemand mit einer Gabel in meinen Bauch gestochen und diese Gabel dann gedreht. Die Luft wich pfeifend aus der Lunge, in meinem Mund verbreitete sich der Geschmack von Blut. Ich hatte mich selbst in die Wange gebissen, um nicht laut zu schreien.

Schweiß trat mir auf die Stirn. Meine Hände zuckten, verkrampften sich, zuckten erneut. Ruhig atmen. Ru-hig at-men. Die flammenden Kreise vor den Augen verzogen sich, der Schmerz war immer noch vorhanden, wanderte aber in einen kleinen Raum im Hintergrund meines Bewusstseins. Ich schloss den Raum ab und verwahrte die Schmerzen ganz weit unten, um nicht andauernd an sie zu denken.

Du hast Schlimmeres überlebt. Du hast eine Astronautenausbildung hinter dir. Du hast gelernt, mit Schmerzen umzugehen.

Ich atmete ruhig ein und aus. Ein und aus. Mein Blick klärte sich.

Wo bin ich? Und wie komme ich hierher? Bilder tauchten vor meinem inneren Auge auf. Langsam klärte sich die Erinnerung, die einzelnen Bilder reihten sich zu einer zeitlichen Folge. Der Absturz der TOSOMA. Die Verletzung und meine Entscheidung, Rhodan und den anderen nichts davon zu sagen. Ich wollte, dass sie keine Rücksicht auf mich nehmen müssen. Eine bescheuerte Idee ... nicht weniger bescheuert als die Idee, die Flucht der anderen zu decken. Wie konnte ich mich nur mit Naats und Robotern anlegen ... als würde es nicht reichen, verletzt in den Händen des Feindes zu sein.

Hat es etwas genützt? Konnte Perrys Trupp entkommen? Und wenn sie entkommen konnten – was wurde aus ihnen?

Mühsam erinnerte ich mich an die Augenblicke vor meinem Aussetzer. Wahrscheinlich bin ich durch die Schmerzen ohnmächtig geworden.

Erneut versuchte ich, meine Umwelt zu erfassen. Mein Kopf war immer noch umnebelt. Was ich sah, kam mir bekannt vor – stählerne Wände, die einen riesigen Saal begrenzten. Große Tore, hermetisch geschlossen. Weitere Eingänge an den Seiten des Saales. Wahrscheinlich führten sie in das Innere des Gebäudes. An den Wänden erkannte ich arkonidische Schriftzeichen. Auf dem Boden waren Markierungen zu sehen, nicht unähnlich jenen, die auf Flugzeugträgern die Standpunkte für die verankerten Flugzeuge markierten. Ich korrigierte mich: Das Ganze wirkte wie ein riesiger Hangar, ein Hangar eines Raumschiffes, nicht wie der Teil eines Gebäudes auf irgendeinem Planeten. Der Größe des Hangars nach zu urteilen, handelte es sich um ein arkonidisches Schlachtschiff.

Ich sah verschiedene Wesen im Hangar. Einige waren arkonidische Roboter. Ihre Aufgaben waren mir nicht immer klar – zum Teil schienen sie Wache zu halten, zum Teil waren sie mit Reparatur- und Wartungsaufgaben betraut.

Überall im Raum verstreut lagen Verletzte. Es handelte sich um Menschen, augenscheinlich Überlebende der Auseinandersetzungen um den Planeten Snowman. Ich versuchte weiterhin, eine Ordnung im Chaos zu erkennen. Doch ich sah kein System, nach dem die Verletzten aufgereiht waren. Menschen würden selbst ein Notlazarett ordentlich organisieren. Dort gäbe es Reihen von Feldbetten, die wie in einem Schulraum hintereinanderstanden, sodass das betreuende Personal möglichst kurze Wege hätte, um von Patient zu Patient zu gelangen. Hier aber gab es kein System, nur chaotisch angeordnete Gruppen von Verletzten. Zwischen diesen Gruppen bewegten sich mehrere Teams.

Ich spürte wieder die Hitze in der Hüfte. Ich konzentrierte mich auf den schmerzhaften Feuerball in meinem Körper, nahm ihn vorsichtig in die Hände und rollte ihn mental eine Kellertreppe hinunter. Vor dem Aufprall öffnete sich die Tür in meinem Geist, der Feuerball aus Schmerzen rollte in den Raum zu meinen anderen Empfindungen. Sofort schloss ich hinter ihm die Tür.

Ruhig atmen!, ermahnte ich mich.

Ich schüttelte die Benommenheit ab. Ruhig musterte ich die Teams, die sich durch den Raum bewegten. Sie bestanden immer aus einem Roboter, einem Arkoniden und einem riesigen Wesen mit drei Augen, einem Mund wie ein Kanarienvogel und einer dreigliedrigen Hand. In der Zentrale der TOSOMA war ich Zeuge der Unterhaltung zwischen Perry Rhodan und Novaal, dem Anführer der Riesen, gewesen. Naats, richtig. Das mussten diese Monster sein, die im Team unterwegs waren. Wie Ärzte sahen sie nicht aus – und warum brauchte ein Arkonide neben einem Roboter einen weiteren Schutz?

Jemand keuchte. Zu meiner Linken hatte eine Frau versucht, sich ebenfalls aufzurichten. Sie war zurückgesunken und presste die Hände schwer atmend an die Seiten.

Ich schaute mich kurz um. Niemand sah in meine Richtung. Bis zu der Frau waren es drei oder vier Meter. Ich biss die Zähne zusammen, richtete mich halb auf und hoppelte auf meinem guten Bein in drei Sprüngen hinüber. Bei jeder Bewegung fühlte es sich an, als bräche meine Wirbelsäule. Tränen traten mir in die Augen. Meine Hüfte blutete schon wieder, was ich daran merkte, dass warme Flüssigkeit in meiner Kombination hinunterrann.

Ich ließ mich erschöpft neben der Frau auf den Boden fallen.

Sie schaute mich aus großen Augen an. »Sie sind Reginald Bull!«

Ihre Uniform war fleckig, ihre Stiefel hatten Brandspuren. Eine hübsche Frau, aber nicht ausgesprochen schön; zierlich, ziemlich jung, mit kurz geschnittenen blonden Haaren. Aber im Moment war sie alle Gesellschaft, die ich brauchte und wollte. Daher versuchte ich ein Lächeln. »Richtig geraten! Schön, dass man mich überall in der Milchstraße zu kennen scheint.«

Sie lächelte. Doch sofort überzog ein Beben ihr Gesicht. Ihre Halsmuskeln zuckten rhythmisch, ihr rechtes Auge zwinkerte unkontrolliert.

Ich erschrak. Sie ist ernsthaft verletzt. Ich musterte sie erneut. Das Zucken am Hals hatte aufgehört, aber ihr Auge zwinkerte immer noch. Sie wagte ein müdes Lächeln. Ich bin kein Arzt. Das kann alles sein – eine Nervenstörung, ein Gehirnschaden. Wo bleiben die Medoroboter?

Vorsichtig streckte ich die rechte Hand aus und berührte ihre warme, fast heiße Wange. Für einen Moment schmiegte sie sich in meine Handfläche, suchte meine Körperwärme. Dann zog ich die Hand behutsam wieder zurück.

Ich muss sie bei Bewusstsein halten, bis sie behandelt werden kann.

»Da Sie den Vorteil haben, meinen Namen zu kennen, aber ich nicht weiß, wer Sie sind, würde ich diesen Vorteil gerne ausgleichen, indem Sie mir Ihren Namen mitteilen.«

Sie lächelte ein wenig. Ein schönes Lächeln, das für einen Moment von ihrem zuckenden Auge ablenkte. »Ein schöner, ausgezeichnet gedrechselter Satz«, brachte sie schwer atmend hervor. »Mein Name ist Felicita Kergonen.«

Ich wechselte die Position, um mich entspannter mit ihr unterhalten zu können. Ein Stück hoch schaffte ich es ohne Probleme, aber der Rückweg ... das letzte Stück, um meinen Hintern auf den Boden zu bringen, brachte wieder jenen stechenden Schmerz in der Hüfte hervor, den ich fast zu ignorieren gelernt hatte. Ich unterdrückte einen Kraftausdruck und nahm erneut neben ihr Platz.

»Niemand scheint gemerkt zu haben, dass ich mich zu Ihnen gesetzt habe«, sagte ich, nachdem ich wieder zu Atem gekommen war. »Also gibt es auf arkonidischen Raumschiffen kein Flirtverbot für Verletzte ...«

Sie lächelte wieder jenes Lächeln, das einen vergessen ließ, wo man sich befand und wie es einem ging. »Danke, Mister Bull. Sie sind sehr freundlich.«

»Du. Bitte, ich heiße Reginald oder Reg. Ich glaube, das ist nicht der Ort für Förmlichkeiten.«

»Danke!«, antwortete sie erneut. Sie schluckte. »Was wird aus uns werden?«

Ich versuchte, sie zu beruhigen. »Wir sind an Bord eines arkonidischen Raumschiffs. Die Arkoniden haben eine Medizin entwickelt, die der irdischen weit überlegen ist. Und man erobert kein großes Reich im Weltraum, wenn man nicht gelernt hat, sich an die Grundregeln einer Art galaktischer Kriegsordnung zu halten. Wer im Kampf stirbt – okay, das ist das Risiko bei einer Auseinandersetzung. Aber danach kümmert man sich um die Verletzten, und am Ende tauscht man ganz artig die Gefangenen aus.« Ich strahlte einen Optimismus aus, den ich selbst nicht fühlte, aber im Moment war es der Strohhalm, an den sie sich klammerte.

»Und Sie ...« Felicita stockte. Sie verbesserte sich sofort: »Und du glaubst wirklich, dass die Fremden uns helfen?«

Wieder legte ich meine Handinnenfläche vorsichtig an ihre Wange. »Man wird dir und mir helfen. Bestimmt.« Langsam nahm ich meine Hand zurück. Ihre Wange brannte. Sie hatte hohes Fieber. Hoffentlich führte das seltsame System der Inspektion der Verletzten irgendein Dreierteam lieber früher als später auch zu uns.

Wo blieb das nächste Team? Nach einer Weile erkannte ich ein Muster in deren Fortbewegung. Doch immer wenn ich glaubte, ich hätte verstanden, welche Gruppe von Verletzten als Nächstes inspiziert wurde, gab es eine neue Bewegung – so, wie sich ein Springer beim Schach bewegte, unvermittelt zwei Reihen hoch und einen Platz zur Seite. Die Zahl der Gruppen, die noch nicht besucht worden waren, wurde kleiner. Und zwei Teams bewegten sich mehr oder weniger zielgerichtet in unsere Richtung.

Ich konnte nur hoffen, dass Felicita bis dahin durchhielt. Sie muss wach bleiben!

»Wo kommst du her?«, fragte ich sie.

Sie schaute mich überrascht an, sagte aber kein Wort.

»Hey, das ist doch der ideale Ort für einen kleinen Flirt«, versuchte ich es erneut. »Und wann ist ein Mann wie ich schon einmal in der Position, dass einem eine schöne Frau nicht entkommen kann?« Mit einer weiten Armbewegung schloss ich die Hangarhalle des Raumschiffs in meine Erklärung ein.

Aber ich hatte mit meinem eigenartigen Flirtversuch Erfolg: Der Anflug eines bezaubernden Lächelns zog über ihr Gesicht.

»Ich bin Jahrgang 2011«, antwortete sie. »Übernächsten Monat werde ich 26. Vor über hundert Jahren kamen meine väterlichen Vorfahren aus Bordeaux in die USA. Daher der Familienname. Meine Mutter ist Biologin, mein Vater arbeitet als Imker.« Sie lachte. »Ich weiß, dass Imker nicht gerade ein Beruf ist, der einem Kind den Wunsch eingibt, zu den Sternen zu fliegen. Wenn man meinen Vater fragte, warum er Imker geworden ist, sagte er immer, dass ein Beruf, der für den alternden Sherlock Holmes gut genug war, auch für einen Kergonen gut genug sein muss.«

Ich musste ebenfalls lachen. »Und wie kommt Sherlock Holmes' Tochter in den Weltraum?«

»Meine Mutter ist wie gesagt Biologin. Von ihr habe ich viel gelernt – lange bevor ich mich dazu entschloss, diesen Beruf auch zu studieren. Und der Weltraum öffnete mir auf einmal ein Feld, wo ich mich mit Biologie beschäftigen konnte, ohne immer gleich mit meiner Mutter zu konkurrieren.«

Ich schmunzelte. »Tja, bei uns zu Hause war das nicht so einfach.« Doch bevor ich dazu kam, die häuslichen Verhältnisse der Familie Bull zu analysieren, fiel ein Schatten über uns.

Aus meiner sitzenden Position sah der Naat noch viel bedrohlicher aus. Der Riese war sicherlich drei Meter hoch und stämmig gebaut. Seine Beine waren fast doppelt so breit wie meine – und meine Beine waren schon nicht von schlechten Eltern. Die Welt, die diesen fleischgewordenen Märchenriesen hervorgebracht hatte, musste eine deutlich höhere Schwerkraft haben als die Erde.

Doch das Gesicht war noch viel fremdartiger als sein Körperbau. Der Kopf wirkte wie eine Kugel, die mit schwarzem Leder bespannt war. Die drei Augen waren nicht gleichmäßig um den Kopf verteilt, sondern sie bildeten ein Dreieck auf der Stirn, so als würde das oberste Auge die beiden unteren kontrollieren. Eine Nase fehlte, dafür hatten die Naats Öffnungen über dem lippenlosen Mund, die wohl zum Atmen dienten.

Die Kleidung war eine schlichte Uniform. Die schwarz-silberne Farbe passte gut zum ledrigen Gesicht. Die rechte Seite wurde von drei Reihen mit farbigen Symbolen geschmückt, die anscheinend Rang und Einheit repräsentierten.

Der Naat war das einzige Lebewesen in dem Dreierteam. Der Arkonide entpuppte sich als Roboter, nur dass er im Gegensatz zu dem Kampfroboter neben ihm einem Lebewesen äußerlich nachgeahmt war. Wahrscheinlich tat man dies, um den Verletzten das Gefühl zu geben, von einem fühlenden, humanoiden Wesen behandelt zu werden – aber spätestens nach einem Blick auf den Kampfroboter und den Naat war mir klar, dass das bei uns beiden nicht funktionieren würde. Zu bedrohlich, zu fremd wirkte die Dreiergruppe.

Der Naat sah nicht nur fremd, sondern auch gefährlich aus. Wenn ich laufen könnte, ich hätte sicherlich gemacht, dass ich so schnell wie möglich von hier wegkam – allein um der Präsenz des Riesen zu entfliehen. Ich schob es auf die Anstrengung der letzten Tage und die bedrückende Situation hier im Hangar, dass ich Angst empfand.

Genau das war es: Angst. Dieser Naat war so anders, dass es in meinem Gehirn einen Teil gab, der sofort zurückschaltete auf einen Modus, der wahrscheinlich die Höhlenmenschen davor bewahrt hatte, von Säbelzahntigern gefressen zu werden, weil sie sich ihnen sonst zu neugierig genähert hätten.

Der Roboter fing mit Felicitas Untersuchung an. Dazu führte er seinen rechten Arm über ihren Körper. Aus dem Teil, der wohl einer Hand entsprechen sollte, fuhr er dabei sechs oder sieben kleine Geräte aus, die Felicita von innen und außen aus der Ferne nach allen Regeln der arkonidischen Medizin durchleuchteten.

Endlich hörten die Lichter an den kleinen Geräten auf, hektisch zu blinken. »Und?«, wandte sich der Naat an den Medoroboter.