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Verschollen in Raum und Zeit: Perry Rhodan und seine Freunde stranden in einem unbekannten Sektor der Milchstraße – zugleich tief in der Vergangenheit. Sie finden sich in der Ära der Methankriege wieder, gut 10.000 Jahre vor unserer aktuellen Zeit. Fürchterliche Schlachten toben in den Tiefen der Milchstraße, die Flotten der Arkoniden und Maahks kämpfen unbarmherzig gegeneinander. Es ist die dunkle Zeit des großen Arkon-Imperiums. Sein Untergang steht kurz bevor. Verzweifelt suchen die Raumfahrer nach einem Weg, in ihre eigene Zeit zurückzureisen. Gleichzeitig müssen sie versuchen, durch ihre Taten nicht ihre Gegenwart zu verändern. Perry Rhodan muss erkennen, dass die Antworten auf die brennenden Fragen der Gegenwart in der Vergangenheit verborgen liegen. Er macht sich auf die Suche nach der Wahrheit – und entdeckt Arkons bittere Schuld!
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Seitenzahl: 2176
Veröffentlichungsjahr: 2022
Verschollen in Raum und Zeit: Perry Rhodan und seine Freunde stranden in einem unbekannten Sektor der Milchstraße – zugleich tief in der Vergangenheit. Sie finden sich in der Ära der Methankriege wieder, gut 10.000 Jahre vor unserer aktuellen Zeit. Fürchterliche Schlachten toben in den Tiefen der Milchstraße, die Flotten der Arkoniden und Maahks kämpfen unbarmherzig gegeneinander.
Es ist die dunkle Zeit des großen Arkon-Imperiums. Sein Untergang steht kurz bevor. Verzweifelt suchen die Raumfahrer nach einem Weg, in ihre eigene Zeit zurückzureisen. Gleichzeitig müssen sie versuchen, durch ihre Taten nicht ihre Gegenwart zu verändern.
Perry Rhodan muss erkennen, dass die Antworten auf die brennenden Fragen der Gegenwart in der Vergangenheit verborgen liegen. Er macht sich auf die Suche nach der Wahrheit – und entdeckt Arkons bittere Schuld!
Cover
Vorspann
Band 260 – Gestrandet in der Zeit
Vorspann
Gedankensplitter
1. Plasmakollisionen
2. Kurz zuvor im Beiboothangar
3. Madrigal
4. Erkundungsflug
5. Teleskop im Einsatz
6. Westerhout 40
7. Interessenkonflikte
8. Gefährliches Spiel
9. Eine Schlacht
10. In der Falle
11. Vabanquespiel
12. Das Prisenkommando
13. Der Auftrag des Quellmeisters
14. Der Unfall
15. Empfang beim Kristallprinzen
16. Die Sterne im F'Atkor
17. Eine Falle
18. Operation Samtpfote
19. Ehrentod
Band 261 – Die Imperatrix
Vorspann
1. Nivoo
2. Atlan da Gonozal
3. Atlan da Gonozal
4. Auf den unteren Decks
5. Nivoo
6. Atlan da Gonozal
7. Alaska Saedelaere
8. Atlan da Gonozal
9. Nivoo
10. Atlan da Gonozal
11. Nivoo
12. Atlan da Gonozal
Band 262 – Die Zeit aus den Fugen
Vorspann
Teil I – Feindschiff KASHLAKK
1. Atlan da Gonozal
2. Lexx da Perkoll
3. Atlan da Gonozal
4. Lexx da Perkoll
5. Mirona Thetin
6. Lexx da Perkoll
7. Atlan da Gonozal
8. Lexx da Perkoll
9. Mirona Thetin
10. Lexx da Perkoll
11. Atlan da Gonozal
Teil II – Feindschiff SOL
12. Mirona Thetin
13. Lexx da Perkoll
14. Atlan da Gonozal
15. Mirona Thetin
16. Lexx da Perkoll
17. Mirona Thetin
18. Atlan da Gonozal
19. Mirona Thetin
20. Atlan da Gonozal
21. Mirona Thetin
Band 263 – Die erste Kaskade
Vorspann
Prolog: Auszug aus Sofgarts Stundenbuch
1. Sofgart
2. Sofgart
3. Sofgart
4. Sofgart
5. Sofgart in der Inkarnation Akkran
6. Sofgart in der Inkarnation Akkran
7. Sofgart in der Inkarnation Akkran
8. Sofgart in der Inkarnation Som von Kopplar
9. Sofgart in der Inkarnation Mak von Kopplar
10. Sofgart in der Inkarnation Migyl von Senthor
11. Sofgart und Arbaraith
12. Sofgart in der Inkarnation Arbaraith
13. Sofgart in der Inkarnation Arbaraith
14. Sofgart in der Inkarnation Arbaraith
15. Sofgart in der Inkarnation Arbaraith
16. Sofgart in der Inkarnation Arbaraith
17. Sofgart
18. Sofgart
Band 264 – Leticrons List
Vorspann
1. Harkon von Bass-Teth
2. Reginald Bull
3. Thomas Rhodan da Zoltral
4. Leticron
5. Harkon von Bass-Teth
6. Reginald Bull
7. Harkon von Bass-Teth
8. Ronald Tekener
9. Harkon von Bass-Teth
10. Leticron
11. Harkon von Bass-Teth
12. Thomas Rhodan da Zoltral
13. Ronald Tekener
14. Reginald Bull
15. Harkon von Bass-Teth
16. Thomas Rhodan da Zoltral
17. Ronald Tekener
18. Thomas Rhodan da Zoltral
19. Reginald Bull
20. Reginald Bull
Band 265 – Meister der Spione
Vorspann
1. Der Schrecken aus dem Leerraum
2. Kalt erwischt
3. Ein Faktor für Arkon
4. Gath'Etset'Moas
5. Issrods Sternenreich
6. Jäger und Köder
7. Die Maske fällt
8. Kristallprinz
9. Ertrinken oder verbrennen
10. Der Herr der Augen
11. Chaos im Himmel
12. Der Todeswurm
13. Verfolger
14. Keiner soll sie haben
15. Das Geheimnis des Wasserfalls
16. Überraschungen
17. Verrat!
18. Mit dem Kopf durch die Wand
19. Katz und Maus
20. Finale
21. Das Ende
Band 266 – Schach für Thora
Vorspann
Tuales Träume I
1. Thora
Tuales Träume II
2. Kopramir
Tuales Träume III
3. Thora
Tuales Träume IV
4. Thora
Tuales Träume V
5. Thora
Tuales Träume VI
6. Kopramir
Tuales Träume VII
7. Thora
Tuales Träume VIII
8. Kopramir
Tuales Träume IX
9. Thora
10. Thora
Band 267 – Die Aloren
Vorspann
1. Der Angriff
2. Die Rede des Überschweren
3. Auswahl
4. Ausreden
5. Das geheime Institut
6. Das Signal
7. Optimierungen
8. Mitten im Kampf
9. Werkzeuge
10. Der Hilferuf
11. Die Halb-Ara
12. Nano-Einsatz
13. Ein bekanntes Ziel
14. Das Brennen
15. Der Aahrk-Ais
16. Flattern
17. Neue Energie
18. Widerstand
19. Haluter in Aktion
20. Drei Tropfen
21. Blutstropfen
22. Vot Fama vot Huhan
23. Suds Albtraum
24. Das Leben ist endlich
Band 268 – Die zweite Genesis
Vorspann
Erstes Stadium: Morula
1. Weit draußen
2. Wie aus dem Nichts
3. Im Foskurrion
4. Im Wartemodus
5. Krieg oder Evolution?
Zweites Stadium: Blastula
6. Arkon im Fokus
7. Sie sind hier!
8. Aushebung
9. Nur Schatten?
10. In freier Natur
Drittes Stadium: Gastrula
11. Ein Schemen am Himmel
12. Ein Flug in die Zukunft
13. Exzess
14. Närfouess
Viertes Stadium: Cumulatio
15. Abstieg
16. Die letzten Meter
17. Entsatz
18. Endspiel
Fünftes Stadium: Dissolutio
19. Wohin? Wannhin?
Band 269 – Der neunte Atorakt
Vorspann
Prolog
1. Rog Fanther
2. Perry Rhodan
3. Katrinka
4. Alaska Saedelaere
5. Perry Rhodan
6. Alaska Saedelaere
7. Perry Rhodan
8. Katrinka
9. Alaska Saedelaere
10. Katrinka
11. Perry Rhodan
12. Alaska Saedelaere
13. Katrinka
14. Perry Rhodan
15. Alaska Saedelaere
16. Perry Rhodan
17. Alaska Saedelaere
18. Perry Rhodan
19. Alaska Saedelaere
20. Rog Fanther
21. Perry Rhodan
22. Alaska Saedelaere
Epilog
Impressum
PERRY RHODAN – die Serie
Band 260
Gestrandet in der Zeit
Lucy Guth
Vor fast sieben Jahrzehnten ist der Astronaut Perry Rhodan als erster Mensch auf Außerirdische getroffen. Seither hat die Menschheit ihren Einflussbereich ausgedehnt und ferne Sonnensysteme besiedelt.
Dann aber werden im Jahr 2102 die Erde und der Mond unvorhergesehen in den 34.000 Lichtjahre entfernten Kugelsternhaufen M 3 versetzt. Mit dem Großraumschiff SOL bricht Rhodan auf, um die Ursache dieses Geschehens herauszufinden und es rückgängig zu machen.
Dabei kommt es erneut zu einem Raum-Zeit-Sprung – die SOL landet 10.000 Jahre in der Vergangenheit. Fürchterliche Schlachten toben in den Tiefen der Milchstraße zwischen den Flotten der Arkoniden und Maahks. Es ist die dunkle Zeit des großen Arkon-Imperiums, sein Untergang steht anscheinend bevor.
In dieser Ära der Kriege suchen die terranischen Raumfahrer einen Weg zurück nach Hause. Von allen Seiten attackiert, sind sie GESTRANDET IN DER ZEIT ...
Ich bin Arkonidin.
Ich bin Kommandantin der CREST II. Diplomatin auf der Erde. Ehefrau von Perry Rhodan. Mutter von Tom, Farouq und Nathalie. Ich bin Thora Rhodan da Zoltral.
Aber vor all dem war ich bereits Arkonidin.
Bereits lange bevor ich eine da Zoltral wurde, fühlte ich den Stolz, dem Volk der Arkoniden anzugehören. Ich bin damit aufgewachsen, Teil einer großen Gemeinschaft zu sein. Mitglied eines Volkes, das über ein riesiges Sternenreich herrscht. Selbst als Essoyakind, als Angehörige der untersten Gesellschaftsschicht, gehörte ich dazu. Das war es, was uns vorgelebt wurde: Die Arkoniden sind uralt und haben sich durch zahllose Schlachten und Kriege die Vorherrschaft in den uns bekannten Gebieten der Milchstraße gesichert.
Wir, die Arkoniden, waren es, die den Lauf der Geschichte bestimmten. Wir waren Lehrer, Eroberer, Anführer.
Erst durch uns gelang es den Terranern, nach den Sternen zu greifen. Wir haben ihnen die Raumfahrt gebracht. Ich habe einen von ihnen lieben gelernt. Ich lebe seit Jahrzehnten auf der Erde – und bin trotzdem Arkonidin geblieben.
Doch ich musste das Bild meiner Herkunft schon einige Male überdenken. Mein Volk ist tatsächlich alt, doch es ist nicht der Ursprung. Nicht die Arkoniden sind die Vorfahren der Menschen, wie wir zunächst annahmen. Wir haben gemeinsame Vorfahren. Wir sind zwei Triebe aus einer Wurzel.
Die Begegnung mit den Liduuri hat mich ernüchtert. Sie sind die Wurzel, unser Ursprung. Aber sie existieren nicht mehr.
Dann die Akonen, die wir im Blauen System antrafen – auch zu diesem Volk gibt es viele erstaunliche Parallelen. Die Wissenschaftler finden das faszinierend. Mich beunruhigt es.
Nun wurden wir mit dem Großraumschiff SOL unfreiwillig nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich versetzt. Ich befürchte, dass ich zehntausend Jahre in der Vergangenheit mitten in einem der größten Kriege des arkonidischen Imperiums, weitere Dinge herausfinden werde, die mein Weltbild ins Wanken bringen.
1.
Plasmakollisionen
In Thora Rhodan da Zoltrals Kopf wirbelten die Gedanken. Sie fühlte sich, als sei sie in einen wirren Traum geraten – keine jener konfusen, aber angenehmen Phantasien, über die man nach dem Aufwachen noch eine Weile nachdenkt. Nein, in einen Albtraum, den man so schnell wie möglich vergessen will.
Eigentlich war es nicht verwunderlich, dass sie so empfand. Jeder anderen Person in ihrer Lage wäre es genauso gegangen. Das war auch der Grund, weshalb sie ihren Mann Perry Rhodan noch vor der Transition um ein paar ruhige Minuten gebeten hatte, um sich mit ihm zu besprechen.
Ha! Nicht mal das ist uns vergönnt, was?
Es war die mentale Stimme ihres Extrasinns, die sie hörte – jenes zweiten Bewusstseins, das seit einigen Jahren in ihrem Kopf wohnte, ihr mal mehr, mal weniger hilfreiche Ratschläge gab und ihr die meiste Zeit mit frechen Sprüchen auf die Nerven ging. Sie kannte viele Arkoniden, die ebenfalls einen aktivierten Extrasinn hatten. Aber sie kannte keinen, der jemals den Wunsch geäußert hätte, diesen unsichtbaren Dialogpartner zu erwürgen. Ihr jedoch ging es zuweilen so.
Dieses Mal hatte der Logiksektor allerdings absolut recht. Eine Verschnaufpause gab es nicht. Die SOL, das 4000 Meter lange Generationenschiff, mit dem sie unterwegs waren, geriet von einer bedrohlichen Lage in die nächste.
Lass uns kurz rekapitulieren: Wir sitzen gewaltig in der Patsche.
Dem kann ich nicht widersprechen, gab Thora zu.
Wir haben eine Pechsträhne. Soll ich mal aufzählen, was in jüngster Zeit alles schiefgegangen ist?
Ich werde dich ohnehin nicht davon abhalten können.
Stimmt. Also: Zunächst haben die Kolonien der Erde den Aufstand geprobt und sind mit einer kleinen Raumschiffflotte ins terranische Sonnensystem gekommen, um der irdischen Regierung ein wenig Angst zu machen. Statt mit den Leuten zu reden, hatten die Verantwortlichen der Terranischen Union aber die grandiose Idee, Erde und Mond verschwinden zu lassen.
Thora sah noch immer die Flotte der zu allem entschlossenen Siedler vor sich, wie sie der Erde zustrebte. Sie schauderte. Na ja, es war ursprünglich keine Idee der Terranischen Union, sondern ein Langzeitprojekt von NATHAN für Notsituationen. Die Erde und der Mond sollten zudem nicht verschwinden, sondern lediglich eine Winzigkeit in die Zukunft versetzt werden ...
Petitessen, nicht als Petitessen, wehrte der Extrasinn ab. Die Regierung des Solsystems ist der Idee von NATHAN gefolgt, weil es ja völlig logisch ist, einer mysteriösen, auf dem Erdmond angesiedelten Künstlichen Intelligenz zu folgen, die sich selbst als Hyperinpotronik bezeichnet. Kann man machen – man sieht ja, was dabei herauskommt.
Nichts Gutes. Denn Terra und Luna waren nicht zeitlich, sondern räumlich versetzt worden – in das rund 34.000 Lichtjahre entfernte Akonsystem. Worüber weder die Terraner noch die dort beheimateten Akonen sonderlich erbaut waren. Den Akonen war nämlich dabei einer ihrer eigenen Planeten verloren gegangen.
Ich frage mich immer noch, wie du und Perry da mitmachen konntet. Ich hatte ja von Anfang an ein blödes Gefühl bei der Sache.
Das hatte ich auch. Und Perry erst recht. Aber er ist nicht mehr der Protektor der Erde, er hat überhaupt kein offizielles Amt mehr.
Umso seltsamer, dass er immer wieder Narrenfreiheit bekommt. Thoras Extrasinn war oft nicht besonders gut auf Perry Rhodan zu sprechen.
Trotzdem hat er seine Bedenken geäußert, aber ohne Erfolg. Ich bin Kommandantin der CREST II, des größten Kampfschiffs der Terranischen Flotte – meine Befürchtungen haben die Verantwortlichen ebenso wenig interessiert.
Das Ergebnis bleibt das gleiche: Erde und Mond sitzen im Akonsystem fest, genau wie die Terranische Flotte, und es hängt wieder an Perry und dir, eine Lösung zu finden.
Na ja, ich denke, dass die Verantwortlichen auf der Erde und im Solsystem ebenfalls an einer Lösung arbeiten.
Wie auch immer, die Pechsträhne setzt sich fort: Perry und du, ihr lasst die Erde und den Mond im fremden Sonnensystem zurück und stürzt euch in neue Abenteuer ...
Wir haben sie nicht zurückgelassen!
... um in einem auf Akon als »Bacor-Kavi« bekannten Bereich in Zentrum des Kugelsternhaufens M Drei nach der Ursache des ganzen Schlamassels zu forschen. Dass diese sogenannte Dunkelwolke so etwas wie das auf der Erde als Bermuda-Dreieck bekannte Phänomen ist, in dem Raumschiffe sang- und klanglos verschwinden, war euch nicht so wichtig.
Wir hatten guten Grund zu der Annahme, dass wir dort Antworten finden!, protestierte Thora.
Wegen ominöser Impulse, die ihr von dort angemessen habt – und weil deine ebenso ominöse Tochter Nathalie mit diesem Superschiff SOL ins Akonsystem gekommen ist und euch gesagt hat, dass ihr losfliegen sollt. Habe ich das korrekt zusammengefasst?
Bilder blitzten vor Thoras geistigem Auge auf, Erinnerungen an die einschneidenden Ereignisse: die blaue Riesensonne Akon, das Hantelraumschiff SOL, das überraschend aufgetaucht war, die unheimliche Dunkelwolke Bacor-Kavi, die wie ein düsteres Versprechen im Weltraum hing ...
Es ist eine ziemlich verkürzte Darstellung ...
Also ja, triumphierte der Extrasinn. Weiter geht es: Ihr habt herausgefunden, dass die Dunkelwolke nicht das ist, was sie zu sein scheint, und dass dort irgendwelche Quanten-Unregelmäßigkeiten für Chaos sorgen. Was genau da vor sich geht, haben weder du noch ich vollständig begriffen, aber unsere Wissenschaftler freuen sich wie kleine Kinder darüber. Um es kurz zu machen: Im Innern von Bacor-Kavi wird die Realität verformt, und wir wissen nach wie vor nicht, was das Ganze mit der Versetzung der Erde zu tun hat. Stattdessen ist die SOL in ein absurdes Abenteuer nach dem anderen geraten. Zuletzt waren wir in einer Realität, die aus den Erinnerungen von Atlan geformt wurde, der ebenfalls plötzlich in Bacor-Kavi aufgetaucht ist. Usurpatoren, angreifende Maahks – als hätten wir nicht ganz andere Sorgen!
Langsam wurde Thora ärgerlich, und der Gedanke mit dem Erwürgen formte sich neu. Was soll das Ganze? Wie lange willst du mir diese höhnischen Vorhaltungen machen?
Nicht lange – wie du weißt, laufen unsere unterhaltsamen kleinen Dialoge stets innerhalb von Sekunden ab. Schließlich finden sie nur in deinem Kopf statt. Außerdem wolltest du doch Zeit zum Nachdenken.
Also schön, komm zum Schluss!
Sehr gern, da unsere Pechsträhne gerade ihren Höhepunkt erreicht: Kurz nachdem wir Atlans Quantenrealität entkommen sind, gibt es einen lauten Knall, und wir werden angegriffen – schon wieder von Maahkschiffen. Nur dieses Mal sind sie echt, wie wir feststellen müssen, und laut den genialen Wissenschaftlern an Bord ist die SOL zehntausend Jahre in die Vergangenheit katapultiert worden.
Womit wir noch weiter von zu Hause entfernt sind als je zuvor.
Eine wahrhaftig beeindruckende Pechsträhne. Und sie ist noch nicht zu Ende ...
Eine Aussage des Extrasinns, die Thora augenblicklich zurück in die Realität zwang. Denn ein Hyperraumsprung, der die SOL vor den angreifenden Maahks hatte retten sollen, hatte sie vom Regen in die Traufe gebracht ...
Eine Erschütterung erfasste die Zentrale der SOL so heftig, dass es Thora von den Füßen riss. Und nicht nur Thora. Auch alle anderen Personen ringsum, die nicht durch Prallfelder gesichert waren, stürzten, schrien und fluchten.
Was soll das? Die SOL verfügt über Andruckabsorber, die so etwas verhindern sollten ...
Modernste Technik regulierte die Schwerkraft an Bord des Raumschiffs und gewährleistete, dass keine induzierten Erschütterungen oder gar Beharrungskräfte durchkamen – allein schon wegen der unfassbar hohen Beschleunigung, mit der die SOL oft unterwegs war. Irgendwas stimmt nicht.
Das bestätigte auch der Blick in das riesige Hologramm, das in der Mitte der Zentrale schwebte und dreidimensional die nähere kosmische Umgebung abbildete. Die positronisch aufbereitete Darstellung zeigte einen wahren Hexenkessel: Wolken und Strudel, Gase in einem wilden Fluss, ein Mahlstrom aus roter und gelber Glut – an einem Ende ein blauweißer Feuerball, am anderen ein feuriges Auge mit schwarzem Zentrum. Die SOL war mitten in einem Plasmastrom rematerialisiert. Ein Inferno.
Bis vor wenigen Sekunden war die SOL in eine Raumschlacht verwickelt gewesen, ehe Kommandant Chart Deccon kurz nach dem Andocken des Schlachtkreuzers FAIRY sowie dem Einschleusen der halutischen DOLAN und des thetisischen Schiffs GARTAVOUR eine Nottransition befohlen hatte.
Man sollte meinen, dass es nach einem Zeitsprung, der uns zehntausend Jahre in die Vergangenheit geschleudert hat, nicht viel schlimmer kommen kann ..., höhnte der Logiksektor.
»Bericht!«, rief Thora gleichzeitig mit Deccon. Sie biss sich auf die Lippen und stemmte sich auf die Füße. Sie hatte sich noch immer nicht gänzlich daran gewöhnt, auf diesem Raumschiff nur Gast und nicht Befehlshaberin zu sein. Chart Deccon war ein fähiger Mann, dem sie nicht ins Handwerk pfuschen wollte. Aber manchmal siegte ihr Instinkt.
Derzeit hantierte der stark fettleibige Kommandant auf dem speziell für ihn angepassten Sessel mit mehreren Hologrammen, die ihm die Statusberichte der verschiedenen Schiffsabteilungen zeigten. Auf Thoras Fehler reagierte er nicht, angesichts der Lage war er mit wichtigeren Dingen als Kompetenzgerangel beschäftigt.
»Der Sprung war zu kurz!« Rebecca Montgomery stand vor ihrem Arbeitspult, ohne zu schwanken. Prall- und Fesselfelder gaben der Ersten Offizierin stabilen Halt. »Wir sind mitten in einem aktiven Plasmastrom von Cygnus X-1 rematerialisiert, in dem die Masse des Riesensterns auf das Schwarze Loch zufließt.«
Eine erneute Erschütterung ließ die Zentrale erbeben. Thora fiel auf ein Knie und stützte sich mit beiden Händen auf dem Boden ab.
Es wäre intelligenter gewesen, im Gästebereich zu bleiben – dort hätten dich zur Not ergänzende Prallfelder geschützt. Doch du musst ja dem Kommandanten über die Schulter schauen, weil es dich nicht auf deinem Sitz hält ...
Thoras Extrasinn nahm mal wieder kein Blatt vor den Mund. Zum Glück war sie die Einzige, die die zweite Stimme in ihrem Kopf hören konnte – und die unangenehmen Wahrheiten, die der Logiksektor aussprach.
Plötzlich war Perry Rhodan an ihrer Seite, zog sie auf die Füße und zum Gästebereich hinüber, kurz bevor weitere Erschütterungen das Schiff erbeben ließen. Thora strich ihm dankbar über die Hand, ehe sie ihre Prallfelder aktivierte. Der Mausbiber Gucky war mit ihrem Mann und Thora erst vor Kurzem von der FAIRY in die SOL-Zentrale teleportiert. Der kleine Mutant war bereits wieder verschwunden, um an anderer Stelle zu helfen.
»Was sind das für Erschütterungen?«, rief sie dem Chefwissenschaftler Geoffry Abel Waringer zu. Obwohl sich die SOL in einer ungünstigen Lage befand, war es undenkbar, dass diese Störungen extern verursacht wurden, zumindest nicht ausschließlich.
Die Zentrale der SOL war wie ein Amphitheater konstruiert, mit einer runden Basis in der Mitte und aufsteigenden Rängen darum herum. Waringer hüllte sich auf seinem Tribünenarbeitsplatz in zahlreiche holografische Diagramme sowie Messergebnisse und reagierte nicht auf ihren Ruf. Er war offensichtlich noch damit beschäftigt, sich einen Überblick zu verschaffen.
Die Waffenchefin Vidonia Rocha und ihr Stellvertreter Ozias Gruber bemühten sich nicht weit entfernt mit hektischen Bewegungen an ihren eigenen Positronikpulten, die Schutzschirme des Schiffs zu stabilisieren, leiteten die Energie der eben noch im Kampfeinsatz verwendeten Waffensysteme in die Abwehrfelder um. Technokommandant Breckcrown Hayes erteilte wie ein General in der Schlacht über das holografische Kommunikationsnetz Befehle an relevante Abteilungen des Raumfahrzeugs.
Von überallher gingen Schadensmeldungen ein, auch von zahlreichen Verletzten war die Rede. Kaum jemand hatte sich die Zeit genommen, seine Arbeitsstation mit einem Akustikdämpfungsfeld zu umgeben, sodass zahlreiche Stimmen durcheinanderredeten und -riefen.
Hastig aktivierte Thora ein Hologramm, das ihr mehr Informationen direkt an ihren Platz lieferte. Cygnus X-1 war ein Röntgendoppelsternsystem, das aus einem Schwarzen Loch und einem blauweißen Riesen bestand. Beide bewegten sich mit hoher Geschwindigkeit umeinander, und das Schwarze Loch entzog der Sonne ständig Materie. Es war eine extrem gefährliche Umgebung.
Die SOL war zwar sehr groß und verfügte über höchst leistungsfähige Andruckabsorber sowie Energieschirme, die Beschleunigungskräfte wirkungsvoll kompensierten und Kollisionen mit kleineren Objekten oder Gas- und Staubmassen mühelos standhielten. Aber diesen Naturgewalten, in deren Einflusszone sie ungeplant aufgetaucht war, war sie nicht gewachsen. Das vier Kilometer lange Raumschiff war in dieser kosmischen Umgebung nur wie ein winziges Blatt, das auf einem reißenden Flusslauf trieb.
Und wir sind Gritokäfer, die darauf sitzen und ins Verderben steuern ...
Thora wünschte, ihr Extrasinn hätte sie nicht daran erinnert, dass sie als kleines Mädchen wie viele andere Kinder dieses grausame Spiel gespielt hatte. Sie waren im Park zum See gelaufen und hatten die kleinen, roten Käfer auf Blätter gesetzt und ins Wasser geworfen, um sich dann zu amüsieren, wenn die Insekten panisch herumkrochen. Immerhin hatte Thora im Anschluss an das Spiel die Käfer wieder aus dem Wasser gefischt. Sie bezweifelte allerdings, dass jemand kommen und die SOL aus dem Plasmastrom fischen würde.
Das sind enorme Energien, die uns umfließen. Trotzdem dürften wir im Innern der SOL normalerweise nicht viel davon mitbekommen. Also warum bei allen Sternenteufeln fühle ich mich wie in einer Waschmaschine beim Schleudergang?
»Waringer!«, rief sie drängend.
»Ich gebe mir Mühe«, gab der Wissenschaftler zurück. »Irgendwas stört meine Rechenprozesse – vielleicht derselbe Effekt, der die Substanz der SOL bis in die Grundfesten erschüttert ...«
Was auch immer es war, von dem Waringer sprach, Thora spürte es. Eine Art kribbelnde Energie, die sie erfasste und erschauern ließ. Dazu kam noch etwas ... Was ist das für ein Heulen? Oder Jammern? Habe ich Ohrensausen?
»Kosum, was brauchen Sie, um das Schiff wieder unter Kontrolle zu kriegen?«, fragte Deccon.
Der Pilot Mentro Kosum gab ein beunruhigendes Geräusch von sich, das in Thoras Ohren irgendwo zwischen Wimmern und Würgen einzuordnen war. Er war Emotionaut und verband sich mit allen Sinnen mental mit der SOL, was im Normalfall eine äußerst effiziente Schiffssteuerung ermöglichte. In dieser Situation allerdings musste Kosum sich vorkommen, als würde er selbst im Plasmastrom gebadet.
»Ich habe keine Ahnung, Sir. Momentan fühlt es sich an, als würden wir ohne Schutzkleidung durch einen Sandsturm taumeln. Ich versuche, mich an bestimmten Fixpunkten zu orientieren, um uns hier herauszunavigieren, aber ...« Kosum schrie auf, als eine neue Plasmawelle das Schiff aus der Bahn warf. Diesmal funktionierten die Andruckabsorber fehlerfrei.
»Das wird er auf Dauer nicht aushalten.« Rhodan verengte besorgt die Augen. »Er muss sich aus der Vernetzung mit den Schiffssystemen lösen, sonst wird es ihn mental zerfetzen.«
»Dann wäre die SOL aber führerlos – denkst du ernsthaft, jemand könnte dieses Riesenschiff mit manueller Steuerung in den Griff bekommen, bei diesen Gegebenheiten?« Thora atmete tief durch. »Kosum hält eine Menge aus, er hat schon Schlimmeres überstanden.«
Sie wusste nicht, ob sie sich das selbst glauben konnte.
Im Prinzip hätten sie SENECA mit der Steuerung des Raumfahrzeugs beauftragen können, doch Thora hatte Zweifel, ob die Positronik dafür schon bereit war. Die Künstliche Intelligenz der SOL war erst kürzlich in den Hantelraumer transferiert worden und noch immer dabei, sich in der neuen Heimat zurechtzufinden. Deccon schien ähnliche Gedanken zu hegen – sofern er SENECA überhaupt in Erwägung zog. Thora hatte auf der CREST II seit Jahren erfolgreich mit dieser KI zusammengearbeitet, für Deccon jedoch war es neu, etwas anderes als eine normale Positronik zur Verfügung zu haben.
Wir brauchen mehr Energie, forderte der Logiksektor. Erst mal ist die Richtung egal, nur raus aus diesem Hexenkessel. Ins Schwarze Loch hinein wird uns Kosum wohl nicht lenken.
»Deccon, wie viele Hyperenergiesilos sind bereits in Verwendung?«, rief Thora.
Der Kommandant wischte durch seine Holos. »Zwei sind leer, ein drittes wird gerade benutzt.«
»Können wir auf alle acht gleichzeitig zugreifen, damit Kosum ausreichend Energie bekommt, um mit einem Gewaltmanöver aus der Gefahrenzone auszubrechen? Sowohl was den Antrieb als auch was den Libraschirm angeht?«
»Den Versuch ist es wert. Danach haben wir allerdings ein neues Problem.«
Thora verstand, was er meinte. Die SOL bezog ihre Energie hauptsächlich aus einem Protonenreaktor, in dessen Kern ein winziges Schwarzes Loch integriert war. Die Materie, um diesen Reaktor zu betreiben, lieferten Prallfeldkollektoren, die das Benötigte während des Flugs aus dem All einsammelten. Dazu musste allerdings der Libraschirm abgeschaltet sein. Genau das war in Anbetracht der zerstörerischen Gewalten, die derzeit gegen die SOL brandeten, nicht möglich.
Also musste das Schiff auf die in den acht Siloröhren gespeicherte Hyperenergie zurückgreifen, was es schon zuvor während des Kampfs getan hatte. Die Energiereserven gingen seither rapide zur Neige. Waren die Silos komplett entleert und hatte die SOL den Plasmastrom zu diesem Zeitpunkt noch nicht verlassen, war das Spiel aus.
Die erhöhte Energiezufuhr hatte zumindest einen sichtbaren Erfolg: Die SOL kam besser voran, wenngleich Kosum unter der Belastung ächzte und stöhnte.
»Ich habe keine Ahnung, wohin wir müssen«, gab Mai Tai Tanaka zu. Die Funk- und Ortungsspezialistin brachte das Kunststück fertig, trotz des Chaos ringsum perfekt frisiert und geschminkt zu sein – wie immer erinnerte sie mit ihren bunten Strähnen und Zöpfchen an eine lebendig gewordene Animefigur. Nur etwas blass war sie unter dem Make-up. »Diese Umgebung macht es mir unmöglich, genaue Messungen zu erhalten. Also Kosum, ich würde sagen: einfach weiter geradeaus – oder eben dahin, wo Sie durchkommen.« Sie rieb sich die Schläfen.
Ein wenig professioneller Rat.
Aber ein sehr pragmatischer, insistierte der Logiksektor. Fällt dir eigentlich auf, dass etwas seltsam ist?
Ach ja? Meinst du den Plasmastrom oder die Tatsache, dass wir zehntausend Jahre in der Vergangenheit sind?
Ich meine die Effekte, von denen Waringer gesprochen hat. Das Ohrensausen.
Thora horchte in sich hinein. Ihr Extrasinn hatte wie üblich recht. Die sensorischen Empfindungen, die sie erfasst hatten, wurden immer intensiver: ein Flirren auf der Haut, ein Sirren in den Ohren. Als stünde sie unter Strom.
Während sie sich darauf konzentrierte, bemerkte sie etwas anderes. Die Holosphäre zeigte einen weiteren Plasmastoß, der auf die SOL zurollte.
»Vorsicht, Kosum!«, rief Thora instinktiv. Das Plasma umhüllte die SOL, doch der Energieschirm hielt, die Andruckabsorber taten ihren Dienst. Zumindest einen Moment lang.
Dann lief eine Erschütterung durch die Arbeitsstation von Montgomery – ihre nähere Umgebung indes war nicht betroffen. Die Erste Offizierin wurde quer durch die Zentrale geschleudert, schlug heftig mit dem Kopf auf den Boden.
Das ist der endgültige Beweis. Die Erschütterungen haben nichts mit den äußeren Einflüssen zu tun. Die SOL hat ein zusätzliches Problem, von dem wir keine Ahnung haben!
Thora desaktivierte die Prallfelder ihres Sessels, die ihr Schutz gegeben hatten, und lief zu Montgomery. »Medizinischer Notfall in der Zentrale!«, rief sie der Schiffspositronik zu, die daraufhin programmgemäß Medoroboter schicken würde.
Gleichzeitig mit Thora war Perry Rhodan aufgesprungen. Er rannte zu einer Frau aus der Wissenschaftlichen Abteilung von Waringer. Das kleine Expertenteam, das dem Hyperphysiker derzeit assistierte, hatte sich auf der obersten Rundgalerie der amphitheaterähnlichen Zentrale eingerichtet. Bei der jüngsten Plasmakollision hatte auch ihre Arbeitsstation mit einer Erschütterung reagiert. Dabei war die Wissenschaftlerin die Stufen der umlaufenden Tribüne heruntergestürzt und bis zur Basis der Zentrale gerollt. Mit schmerzverzogenem Gesicht hielt sie sich den Arm.
Um Rebecca Montgomery stand es schlimmer, wie Thora gleich bemerkte, als sie neben ihr niederkniete. »Doktor Breiskoll, ich habe hier eine bewusstlose Patientin mit einer stark blutenden Kopfwunde«, kontaktierte sie den Chefmediziner über ihr Multifunktionsarmband.
»Lassen Sie sie in die Medostation bringen«, kam die prompte Antwort. »Hier ist die Hölle los, viele Verletzte ... Meine Leute sind vollzählig im Einsatz.«
»Die Medoroboter übernehmen das.« Thora hatte ein mulmiges Gefühl dabei, auch wenn die soeben eingetroffene Maschine die Kopfwunde – einen klaffenden Riss – bereits versorgte.
Ich wünschte, Gucky wäre hier ...
Als habe der Mausbiber sie gehört – vielleicht hatte er das sogar, obwohl es eher unwahrscheinlich war, dass er alle Besatzungsmitglieder der SOL gleichzeitig belauschte – materialisierte der Teleporter in der Nähe und sah sich alarmiert um.
»Gucky, schnell!« Thora winkte ihn hastig zu sich. »Montgomery muss in die Krankenstation.«
Wie immer, wenn die Lage ernst war, stellte Gucky keine Fragen, sondern war im Bruchteil einer Sekunde mit der Verletzten verschwunden.
»Wie zur Hölle kann der Andruckabsorber ausfallen?«, brüllte Deccon in Richtung des Technokommandanten.
Hayes sah so wütend aus, wie sich Deccon anhörte. »Unsere Energiespeicher leeren sich rasant. Diese Umgebung saugt an unseren Schirmen, und es gibt überall an Bord energetische Schwankungen. Diese unerklärlichen Erschütterungen treten jedoch völlig willkürlich auf, unabhängig von den Plasmakollisionen.«
»Versuchen Sie, die Schwankungen in den Griff zu bekommen, indem Sie Energie an momentan unwichtigen Stellen sparen«, wies Thora ihn an.
Gucky materialisierte wieder. »Becky geht's gut, meint der Doc. Ist nur eine oberflächliche Wunde. Er hat ihr trotzdem verboten, mit hierher zurückzukommen.« Der Ilt schüttelte sich. »Auf der Medostation will ich momentan keinen Dienst tun, bei dem Chaos.«
Ozias Gruber schrie auf, weil eine grelle elektrische Entladung vom Arbeitspult seiner Vorgesetzten Vidonia Rocha auf seine Positronikkonsole übersprang und ihn nur knapp verfehlte.
Gucky rümpfte die Schnauze. »Wobei es bei euch nicht geruhsamer zugeht. Ich habe das Gefühl, dass die ganze SOL energetisch aufgeladen ist – es fühlt sich an, als würde mir jedes einzelne Fellhaar zu Berge stehen.«
»Dir geht das auch so?« Thora wollte konkret nachfragen, doch ihre Aufmerksamkeit wurde von Breckcrown Hayes abgelenkt.
Der Technokommandant war außer sich. »Was stellen Sie da an, Kosum? Unsere Energiereserven schrumpfen wie Wassereis in der Sonne! Wenn Sie so weitermachen, geht uns in einer Minute der Saft aus!«
Mentro Kosum hatte den Mund zu einem Zähnefletschen verzogen, und dicke Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Er stieß einen heiseren Schrei aus. »Jetzt!«
Erneut ruckte die SOL, wie im Außenbeobachtungsholo erkennbar war, wie ein bockender Esel, als sie einen Plasmastoß passierte und davon getroffen wurde; zumindest dieses Mal war es für die Besatzung nicht mechanisch spürbar. Kosum ließ sich davon nicht aufhalten. Er gab maximalen Vollschub – und die SOL schoss aus dem Plasmastrom heraus in den freien Raum.
Alle Besatzungsmitglieder in der Zentrale jubelten und klatschten, während sich Kosum erleichtert in seiner SERT-Liege zurücksinken ließ.
»Sie Teufelskerl!« Chart Deccon lachte, sein Kinn schwabbelte hin und her. »Sie haben es geschafft. Unsere Energiesilos sind nun zwar so gut wie leer, aber ...«
2.
Kurz zuvor im Beiboothangar
Atlan da Gonozal reichte Mirona Thetin die Hand, um ihr galant die letzten Schritte der Rampe hinunterzuhelfen, die von der GARTAVOUR in den Hangar der SOL führte. Mirona sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an, ignorierte die Hand und machte einen Sprung an ihm vorbei. Die Schwerelosigkeit in der Beiboothalle der SOL sorgte für ein elegantes Gleiten; das Gravitationsaggregat in ihrem Gürtel ließ sie sicher auf dem Metallboden aufsetzen.
Atlan unterdrückte ein Seufzen und folgte der schlanken Frau mit den langen, schwarzen Haaren, die momentan unter dem geschlossenen Helm der leichten Einsatzmontur verborgen waren. Selbst dieser Raumanzug, den sie im Vakuum des Großhangars tragen mussten, kleidete sie schmeichelhaft.
Er war der Kristallprinz, der Erbe des arkonidischen Imperiums und außerdem biologisch unsterblich, seit er vor Jahrtausenden einen Zellaktivator erhalten hatte. In all diesen Jahren hatte er viele Frauen gekannt. Geliebt hatte er nur wenige. Mirona Thetin, ebenfalls unsterblich und weitaus älter als er, war eine davon.
Ja, er liebte die Liduuri, doch Atlan hatte das Gefühl, dass sie sich in den vergangenen Jahren voneinander entfernt hatten. Er glaubte, dass sie etwas vor ihm verbarg. Sicher, Faktor Eins, wie sie bei den Meistern der Insel genannt wurde, hatte schon immer Geheimnisse gehabt. Aber Atlan hatte das sichere Gefühl, dass einige von Mironas Heimlichkeiten seit geraumer Zeit mit ihm zu tun hatten. Das gefiel ihm nicht. Und das wusste sie natürlich.
Gesten wie das Angebot seiner Hand beim Aussteigen strafte sie mit Verachtung, obwohl sie reiner Zuneigung entsprungen waren. Mirona war eine starke, selbstständige Frau, die jegliche Form von Schwäche ablehnte: bei Freunden, Feinden und bei ihrem Geliebten. Die Distanz, die sie künstlich zwischen ihnen schuf, besorgte ihn zusehends.
Doch für solch private Probleme war keine Zeit. Sie befanden sich mitten in einer Raumschlacht – mit Methans! Déjà-vu war eine zu harmlose Umschreibung für das, was Atlan gerade heimsuchte. Etwas hatte sie zehntausend Jahre in die Vergangenheit versetzt, hatten die Wissenschaftler der SOL gesagt. Atlan war fassungslos. Und wütend. Aber auf wen? Niemand von uns hat diese zeitliche Versetzung geplant! Wir nicht, und die Menschen erst recht nicht!
Sein Raumschiff, die GARTAVOUR, war soeben mittels Traktorstrahl während der Raumschlacht eingeschleust worden, genau wie Icho Tolots DOLAN – nach Aufforderung von Perry Rhodan. Weil der Hangar in der Nordkugel der SOL lediglich mit Prallfeldern zum Weltall hin abgeschirmt war, hatte es sich als erheblich einfacher erwiesen, dort zu landen, statt den offiziellen Gästehangar im zylindrischen Mittelteil der SOL anzusteuern, der über eine Großschleuse erreichbar war.
Atlan beschleunigte seine Schritte. Wie bei Mirona hielt ihn ein kleines Gravogerät sicher am Boden.
Ich muss in die Zentrale der SOL – ich bin der Einzige, der Erfahrung im Kampf mit den Wasserstoffatmern hat!
Alter Narr – hast du vergessen, dass auch die Terraner mittlerweile ihre Erfahrungen mit den Maahks gesammelt haben?, meldete sich sein Logiksektor zu Wort.
Das mag sein – doch dieser Krieg, in den wir hineingeraten sind, ist etwas völlig anderes als ein paar vereinzelt auftauchende Raumschiffe, mit denen sich Perry herumschlagen musste. Wir können von Glück sagen, wenn es nur die Maahks sind, mit denen wir es zu tun bekommen ...
»Hast du überhaupt eine Ahnung, wohin du rennst?«, fragte Mirona, während Atlan an ihr vorbeilief. Über die Funkverbindung verstand er sie trotz des Helms klar und deutlich.
Er blieb stehen. Sie hatte recht. Sie wussten nicht, wie die SOL aufgebaut war und wo sich die Zentrale befand. Schon allein der Hangar, in dem sie standen, war so groß, dass man die Orientierung verlieren konnte. Er war mindestens 150 Meter hoch, da die GARTAVOUR ebenso hineinpasste wie die etwas kleineren 100-Meter-Raumer, von denen mehr als ein Dutzend auf verschiedene Landeplätze in dem weiten Rund verteilt waren. Dazu kamen diverse 60-Meter-Korvetten und andere Beiboote, die nach und nach ebenfalls auf ihre Stellplätze zurückkehrten; einige davon hingen sogar unter der Decke.
»Dieses Schiff ist auf keinen Fall typisch für die irdische Ingenieurskunst«, meinte er.
»Da stimme ich dir zu. Es ist beeindruckend. Bislang haben sich die Menschen doch immer an der Bauweise der Arkoniden orientiert, oder? Wie einer ihrer üblichen Kugelraumer sieht es hier nicht aus.«
»Nun, zwei Kugeln gibt es ja.« Atlan verzog spöttisch den Mund. »Durch den zylindrischen Mittelteil entsteht aber eher eine Hantelform – so etwas habe ich bei den Menschen tatsächlich noch nie zuvor gesehen.«
Mirona strich mit der behandschuhten Hand über einen Materialcontainer, neben dem sie stehen geblieben waren. Sie legte den Kopf in den Nacken, um die weit entfernte Decke des Hangars zu mustern. »Sie müssen Hilfe gehabt haben. Oder sie haben das Schiff irgendwo erbeutet.«
Atlan dachte ein paar Sekunden über diese Äußerung nach. »Nein, das ist eigentlich nicht Perrys Stil. Soweit ich mich erinnere, hat er schon seit Jahrzehnten kein fremdes Raumfahrzeug mehr gestohlen. Das haben die Menschen gar nicht mehr nötig.«
»Dann wohl eher die erste Option. Aber wer ist in der Lage, eine solche Konstruktion zu erschaffen?«
»Und vor allem: warum? Niemand baut ein solches Schiff aus einer Laune heraus. Es muss eine Absicht dahinterstecken.«
Mirona schlang sich fröstelnd die Arme um den Oberleib.
Atlan beobachtete sie besorgt. »Geht es dir gut?«
»Ich weiß nicht. Ich habe so ein seltsames Gefühl, als stünde ich unter Strom. Es ist nicht schmerzhaft, aber ...«
»... unangenehm«, vollendete Atlan den Satz. »Ja, ich spüre das auch.«
Mirona riss die Augen auf. »Denkst du, es sind wieder die Zellaktivatoren?«
Atlan teilte ihre Besorgnis. Ihre beiden Zellaktivatoren, die seit Jahrtausenden ihre Leben verlängerten, hatten in den vergangenen Jahren für einige Unruhe gesorgt. Sie waren unzuverlässig, fielen zuweilen sogar aus; schon mehrere Male hatten sie beide sich in ärztliche Behandlung begeben müssen. Es war eine Situation, die an ihren Nerven zehrte.
»Vielleicht sollten wir das auf der Medostation überprüfen lassen.« Er runzelte die Stirn. »Später. Zuerst müssen wir die Zentrale finden. Positronik, gib uns einen Holoführer.«
Nichts geschah. Das konnte verschiedene Ursachen haben: Vielleicht hatte er den Befehl falsch formuliert, vielleicht gab es auf der SOL andere Lösungen als holografische Wegweisersysteme. Oder er war als Gast einfach nicht befugt, eine solche Anweisung zu erteilen, was die wahrscheinlichste Variante war.
»Wir werden die althergebrachte Methode wählen und jemanden fragen müssen.« Mirona zog ironisch die Augenbrauen nach oben.
Das sollte kein Problem sein, denn es waren genug Leute unterwegs. Die Besatzungen der gelandeten Space-Disks, Korvetten und anderen Beiboote gingen von Bord, und überall im Hangar wuselte technisches Personal umher. Auch der Schlachtkreuzer FAIRY war wieder angedockt, wie Atlan durch die großen Panoramafenster der Polmulde sehen konnte, die sich im Zentrum des Großhangars herabwölbte.
Das überraschte Atlan allerdings. Immerhin hatte dieser 500-Meter-Kugelraumer eben noch den Einsatz der kleineren Kampfeinheiten gegen die Maahkangreifer koordiniert.
»Ist die Schlacht gegen die Maahks etwa vorbei? Das kann ich mir nicht vorstellen.« Irritiert machte Atlan einem vorbeihastenden Piloten Platz. »Was hat Perry vor?« Für mehr als eine kurze Funkbotschaft an die GARTAVOUR, sich zum Einschleusen auf die SOL bereit zu machen, hatte es nicht gereicht. Atlan rechnete daher mit einem Fluchtmanöver.
»Sieh nur!« Mirona deutete auf eine andere Stelle im Hangar in etwa zwanzig Metern Entfernung. Dort trat gerade eine seltsame Gestalt hinter einem Beiboot hervor.
Der Fremde war kleiner als ein durchschnittlicher Arkonide, vielleicht 1,60 Meter, hatte graue Haut und schien fast nur aus langen, muskulösen Beinen zu bestehen. Statt eines Kopfs gab es einen höckerartigen Wulst, auf dessen Spitze zwei Stielaugen saßen. Der Mund war rund und lag im unteren Höckerbereich. Zwei tentakelartige Arme, über denen je eine verkümmerte Flughaut saß, komplettierten die Exotik.
Kleidung trug der Fremde nicht, stattdessen war der Körper teilweise mit neuneckigen Haftplatten bedeckt. Er trug keinen Raumanzug, wahrscheinlich schützte er sich mit einem individuellen, luftgefüllten Prallfeld vor dem Vakuum.
Atlan erinnerte sich: Er hatte vor einigen Jahren von diesem exotischen Lebewesen gehört, einem Angehörigen des als ausgestorben geltenden Volkes der Loower. Die Loower, genauer ihre technischen Hinterlassenschaften, waren in das Geschehen um das Dunkelleben beteiligt gewesen. Atlan hatte sofort den Verdacht, dass dieses Wesen auch irgendwie mit den jüngsten Ereignissen in Verbindung stand – vielleicht sogar mit dem Transfer in die Vergangenheit.
»Das muss dieser geheimnisvolle Quellmeister Pankha-Skrin sein«, sinnierte er.
Der Fremde drehte sich ihnen kurz zu, dann eilte er davon.
»So sieht also ein Loower aus.« Mirona neigte nachdenklich den Kopf. »Ein weiteres Rätsel.«
»Ich bin sicher, dass seine Anwesenheit kein Zufall ist.« Atlan kniff die Lippen zusammen. »Ich werde schon noch herausfinden, wie das alles zusammenhängt.«
»Mister Atlan?« Ein Mann in einem typischen, weltraumtauglichen Arbeitsschutzanzug, der für längere Arbeiten im Vakuum und der Schwerelosigkeit konzipiert war, trat auf die zwei Neuankömmlinge zu. Er sprach sie über die Standardfrequenz des Hangarfunks an.
»Atlan reicht völlig.« Der Arkonide deutete ein Lächeln an.
»Ich bin Clint Fabree, der Hangarmeister. Es tut mir leid, dass Sie warten mussten. Die Situation ist etwas ... chaotisch.« Der Terraner machte eine entschuldigende Geste. Durch seine Helmscheibe erkannte Atlan lediglich, dass Fabree hellhäutig war und auffallend buschige, weiße Augenbrauen hatte.
»Das ist verständlich. Wir müssten dringend in die Zentrale, können Sie uns weiterhelfen?«
»Sicher.« Der Hangarmeister machte eine rasche Geste, und vor Atlan und Mirona erschien ein kleiner, holografischer Ball in der Luft – ein Führer, wie Atlan es von anderen Schiffen kannte. »Folgen Sie einfach dem Holo, und bleiben Sie im Hangar bitte auf den Rollbändern, die Sie zur nächsten Ausgangsschleuse bringen werden.« Bei diesen Worten warf Fabree einen unglücklichen Blick auf die GARTAVOUR.
Atlan fragte sofort nach. »Stimmt etwas nicht? Diese Landeposition wurde uns zugewiesen.«
»Ich weiß. Allerdings macht mir Kopfzerbrechen, dass wir Ihr Schiff nur mit Fesselfeldern sichern können – üblicherweise sind unsere Beiboote zusätzlich mit mechanischen Klammern verankert.« Er runzelte die Stirn. »Bei Ihrem Raumfahrzeug wüsste ich auf den ersten Blick nicht mal, wo wir die Klammern ansetzen sollten. Außerdem blockiert es eine unserer Ein- und Ausflugschleusen. Aber daran ist momentan nichts zu ändern.«
Eine Funkdurchsage erschallte in ihren Helmen. Sie war wahrscheinlich auch in allen anderen Bereichen der SOL zu hören. »Warnung: Nottransition steht bevor.«
»Also tatsächlich eine Flucht!« Atlan atmete tief durch.
Die Stimme der Positronik war männlich, weich und moduliert. Sie kam Atlan vage bekannt vor. »In drei ... zwei ... eins ...«
Der Hyperraumsprung erfolgte ebenso rasch, wie er für Atlan unerwartet gekommen war.
Die Schiffsleitung wird so entschieden haben, um den Maahks zu entkommen – keine dumme Idee. Sie wird nur nicht besonders nachhaltig sein, die Methans sind überall ...
Der Transitionsschock war für Atlan nicht besonders schlimm. Das war schon seit vielen Jahren so. Es lag zum Teil an der Erfahrung und Gewöhnung, zum Teil auch am Zellaktivator. Nun, da Atlan sensibler auf das eigroße Gerät achtete, fiel ihm auf, dass es so ruhig und gleichmäßig pulsierte wie schon lange nicht mehr.
Das ist doch logisch, du Schlauberger. Die Funktionalität der Zellaktivatoren basiert auf Halatiumtechnologie. Die fällt vor allem deshalb zunehmend aus, weil es in unserer eigentlichen Gegenwart keine Verbindung zum Creaversum mehr gibt.
Seit Perry Rhodan vor etlichen Jahren die sogenannte Große Ruptur geschlossen hatte, waren nach und nach alle bekannten Zellaktivatoren unzuverlässig geworden und fielen zeitweise aus. Die vermeintliche Unsterblichkeit drohte zur Todesfalle zu werden.
Zehntausend Jahre in der Vergangenheit existiert die Verbindung zum Creaversum noch – also funktioniert diese Technik plötzlich wieder einwandfrei.
Ehe Atlan auf diese scharfsinnige Schlussfolgerung seines Extrasinns reagieren konnte, durchlief ein heftiges Beben den Hangarboden. Mirona keuchte erschrocken auf und hielt sich an dem Container neben ihr fest, während Atlan das Gleichgewicht verlor und recht ungrazil auf sein Hinterteil geworfen wurde. Auch Fabree riss es von den Beinen, er trudelte schwerelos davon.
»Bei allen Sternenteufeln ...«, entfuhr es Atlan.
Sein erster Gedanke war, dass die Wasserstoffatmer zurückgekommen waren und das Hantelraumschiff angriffen – doch wenn sie nicht gerade mit einer Transformkanone schossen, sollte ein erster Treffer die SOL nicht derartig durchschütteln. Schließlich verfügte sie über exzellente Schutzschirme. Für alles andere gab es Andruckabsorber.
In der Hangarhalle brach Chaos aus. Die Raumfahrzeuge und Arbeitsmaterialien waren alle gesichert, aber die meisten Besatzungsmitglieder wirbelten genauso herum wie Atlan und Fabree, was vor allem der fehlenden künstlichen Gravitation geschuldet war. Im Hangar herrschte aus praktischen Gründen meist Luftleere und Schwerelosigkeit, sodass schon ein leichter Anstoß ausreichte, um eine große Wirkung zu erzielen, sofern man nicht außergewöhnlich starke Magnetstiefel trug. Entsetzte Rufe und Schreie wurden über den Hangarfunk laut.
»Besser, Sie verlassen den Hangar!«, rief Fabree, der sich mithilfe seiner Anzugaggregate stabilisiert hatte und wieder in ihre Nähe zurückgekehrt war. Er machte eine entsprechende Handbewegung in Richtung der Ausgangsschleuse.
Atlan nickte, doch eine erneute Erschütterung verhinderte, dass er wieder sicheren Halt bekam.
Mirona war blass geworden. »Hörst du das?«
Erst wusste Atlan nicht, was sie meinte. Dann fiel es auch ihm auf: ein schwaches Heulen und Singen im Hintergrund, das er erst dann bemerkte, wenn er sich darauf konzentrierte. Es ließ ihm die Nackenhaare zu Berge stehen.
Mit was für einer Waffe werden wir da angegriffen?
Bist du sicher, dass das eine Waffe ist?, gab sein Extrasinn zu bedenken.
»Wir müssen in die Zentrale!« Atlan arbeitete sich mühsam auf die Beine.
Mirona packte ihn an der Hand und zog ihn mit sich. »Folgen wir dem Holoball! Komm!«
Sie eilten auf den Ausgang zu, ohne sich wie von Fabree erbeten an die Pfade der Rollbänder zu halten.
Sie hatten die Schleuse ins reguläre Schiffsinnere fast erreicht, als ein lautes Knirschen über die Hangarwände und den Boden in Atlans Stiefel sowie im Anzug an seine Ohren geleitet wurde. Er blickte sich suchend um und entdeckte, dass bei einer Korvette, die an der Hangardecke verankert war, ein Feldtriebwerk angesprungen war, wie ein blaues Flimmern am Ringwulst verriet.
Warum das? Eine energetische Überladung? Ehe Atlan weiter darüber nachdenken konnte, löste sich die Korvette aus ihrer Halterung und geriet ins Trudeln; der Traktorstrahl, der im selben Moment zugriff, gab ihr einen massiven Drall. Die Korvette drehte sich um die eigene Achse, wirbelte auf eins der Prallfelder zu, welche die Großhalle aus Sicherheitsgründen in Segmente gliederten, und wurde zurückgestoßen. Sie kollidierte mit einer weiteren Korvette, an der Atlan und Mirona gerade vorbeigekommen waren, und prallte gegen die äußere Hangarwand. Trümmerstücke und Metallschrott schleuderten in alle Richtungen davon.
»In Deckung!«, rief Atlan.
Er sprang vor und riss Mirona zur Seite, kurz bevor eins der Metallstücke dort auf den Boden aufschlug, wo sie eben noch gestanden hatte.
Während weitere automatisch eingreifende Traktorstrahlen die erste Korvette erfassten und zur Ruhe brachten, geriet die zweite, mit der sie kollidiert war, in Bewegung und kippte gegen die Wand einer großen, hoch aufragenden Einbuchtung, die vom Rumpf ausgehend in das Hangarareal ragte. Noch mehr Bruchstücke schossen durch die Gegend.
Über den Helmfunk hörte Atlan einen Schrei: »Halycon, Connor! Nein!«
Er sah sich um und entdeckte die Person, die geschrien hatte: eine dunkelhäutige Frau in einer Pilotenuniform der Terranischen Flotte stand neben dem gekippten 60-Meter-Beiboot an der Wand und hatte die Hände an den Helm geschlagen.
Für einige Sekunden stand sie still, dann sprang sie vor und zerrte an den Trümmern. Schwerelosigkeit hin oder her, eine zerschrottete und an der Wand verkeilte Korvette konnte sie unmöglich allein wegschaffen.
»Warte hier!«, rief Atlan Mirona zu und rannte zu der Pilotin. »Was ist passiert?«
»Meine beiden Kollegen, sie sind dort unter den Trümmern. Wir waren auf dem Weg zurück von unserer Space-Disk, eine Ebene höher, als wir die Erschütterung spürten und nachsehen wollten.«
Die Neugier ist der Katze Tod ...
Still! Wahrscheinlich wollten sie helfen, immerhin sind sie Flottenangehörige und keine Unfallgaffer!
»Halycon meinte, wir können vielleicht etwas tun, doch kaum waren wir aus der Schleuse heraus, ist die Korvette umgestürzt.« Die Pilotin zog weiter entschlossen an den Trümmerstücken und schaffte es, zwei davon freizubekommen. Die Metallteile trieben schwerelos davon. »Wir müssen den beiden helfen!«
Erneut packte sie zu und rupfte an den Trümmern.
»Wallpa, kannst du uns hören?« Die männliche Stimme kam über den Helmfunk. Sie wurde von Husten und Stöhnen im Hintergrund unterbrochen, klang jedoch ruhig.
Die Pilotin hielt inne und konzentrierte sich auf den Funkkontakt. »Halycon! Geht's euch gut?«
»Bei mir geht's, aber Connor hat was an den Kopf bekommen. Er blutet stark, sein Anzug hat die Erstversorgung eingeleitet. Die Lage ist unter Kontrolle; wir liegen in einem Hohlraum. Die Korvette scheint stabil zu sein.«
»Sehen Sie, wir brauchen nichts zu überstürzen.« Atlan legte der Pilotin beruhigend die Hand auf die Schulter. »Wir können abwarten, bis die Roboter die Trümmer nach und nach zur Seite geräumt haben.«
Die ersten Roboter rückten an und trugen mithilfe von Traktorstrahlen die Stahlteile und Bruchstücke ab. Auch der Hangarmeister eilte herbei.
»Schöner Schlamassel«, schimpfte Fabree. »Ausgerechnet jetzt!« Er dirigierte die Roboter an bestimmte Stellen und rief über Funk Unterstützung, die sich um die Bergung der gekippten Korvette kümmern sollte. Das andere Kugelboot, das den Unfall ausgelöst hatte, war bereits wieder durch Prall- und Fesselfelder gesichert.
Er wandte sich Atlan zu. »Ich wäre Ihnen wirklich dankbar, wenn Sie und Miss Thetin den Hangar ...«
Die beschädigte Korvette vor ihnen wurde unvermittelt von einer unbekannten Kraft durchgeschüttelt. Atlan, Fabree und die Pilotin wichen unwillkürlich zurück. Das Trümmerfeld reagierte mit Quietschen und Reißen auf die neue Belastung. Zwei Bergungsroboter prallten etwa drei Meter über ihnen zusammen, ihre Energiespeicher detonierten.
Was ist denn mit denen los?
Mit einem altehrwürdigen arkonidischen Fluch auf den Lippen riss Atlan die Arme vors Gesicht, um sich vor der kurzzeitig im Vakuum aufflammenden Explosion zu schützen – im Innern solcher Maschinen gab es oft Sauerstoffreste, die dafür ausreichten.
»Wallpa?« Die Stimme des Raumfahrers, den die Pilotin Halycon genannt hatte, erklang über Funk. Sie war nun nicht mehr so ruhig. »Ich nehme alles zurück. Diese Erschütterungen lassen ringsum alles zusammenbrechen. Gerade ist neben uns ein Aggregat aufgeschlagen, das Connor beinahe zermalmt hätte. Holt uns besser schnell hier heraus!«
Was sind das für seltsame Erschütterungen? Sie treten völlig willkürlich auf ...
»Du hast den Mann gehört!« Mit einem Mal war Mirona an Atlans Seite. »Ich weiß nicht, was auf der SOL los ist. Aber solange es jederzeit wieder passieren kann, sollten wir keine Zeit verlieren.« Sie hob ihre Energiewaffe und schoss auf die Trümmer. Der Desintegratorstrahl löste den Weltraumschrott auf und gab den Blick auf weitere Metallteile frei.
»Seien Sie bloß vorsichtig mit dem Ding!« Fabree machte einen nervösen Eindruck. »Solange das Schiff unkontrollierten Bewegungen ausgesetzt ist, halte ich den Einsatz von Desintegratoren für ... gewagt.«
Er wollte wohl eher fahrlässig sagen – und er hat nicht unrecht.
Im Gegenteil: Clint Fabree ist ein kluger Mann. Aber wir haben momentan wenig Optionen. Atlan zog seinen eigenen Strahler. Auch die Pilotin mit dem seltsamen Namen Wallpa richtete ihre Waffe auf die Trümmer.
Ein weiteres Mal schien eine riesige Hand das Wrack zu packen und zusammenzuquetschen. Über Funk ertönte ein schmerzerfüllter Aufschrei.
»Halycon, alles okay?«, rief Wallpa besorgt.
»Nein.« Eine andere Stimme antwortete. Der Mann klang entsetzt. »Ein Bruchstück ist heruntergeschleudert und hat Halycon getroffen.«
»Haltet durch, Connor, wir kommen!«
»Weiter, nicht aufhören!«, spornte Mirona sie an und zerstrahlte mit fest zusammengepressten Lippen weitere Metallfragmente. Atlan gehorchte; er hoffte, dass sie früh genug erkannten, wenn sie auf die beiden Verschütteten trafen.
»Da! Wir sind durch!«, rief Wallpa nach einigen Sekunden, die Atlan wie eine Ewigkeit vorkamen.
Ein schmaler Durchgang war entstanden, den die Pilotin vorsichtig etwas verbreiterte.
Mirona beugte sich vor. »Wir können nicht weiter desintegrieren. Erstens gefährden wir die Stabilität, zweitens könnten wir einen der beiden Menschen treffen. Ich gehe rein!«
»Das ist Wahnsinn!« Atlan schüttelte abwehrend den Kopf, während Fabree fast der Schlag zu treffen schien.
»Ich bin die Einzige, die hindurchpasst«, verwies Mirona auf die breiten Schultern der Männer und Wallpas stämmige Figur. Sie lag bereits auf allen vieren und kroch vorwärts durch das Loch.
»Ich bin auch klein!« Trotzig folgte die Pilotin der Liduuri. Allerdings kam sie auf halbem Weg tatsächlich nicht weiter.
»Hier sind zwei Verletzte, einer davon bewusstlos«, meldete sich Mirona über Funk. Kurz war es still, dann ertönte ein Stöhnen. »Korrigiere, zwei Bewusstlose. Der Mann mit der Kopfwunde ist ohnmächtig geworden, als ich ihn bewegt habe. Ich vergrößere den Gang etwas und schiebe ihn hindurch, der Schwerelosigkeit sei Dank.«
Atlan schaltete schnell. »Wallpa, greifen Sie seine Schultern, und ziehen Sie ihn heraus!« Hoffentlich wird der Trümmerstollen durch die weitere Vergrößerung nicht instabil.
Die Pilotin gehorchte und zerrte Momente später einen dünnen Mann mit kurzen, borstigen Haaren zutage. »Das ist Connor!«, rief sie aufgeregt.
Eine von vier mobilen Medoeinheiten, die Clint Fabree zum Unfallort beordert hatte, sicherte den Patienten mit Fesselfeldern auf einer hastig ausgefahrenen Liege und verschwand mit ihm durch die nächste Schleuse. Sie würde ihn direkt zur Medostation bringen.
Währenddessen war Mirona Thetin nicht untätig. »Ich kann die Trümmer, unter denen der andere Mann verschüttet wurde, zur Seite schieben und ihn darunter hervorziehen – allerdings weiß ich nicht, ob ich seine Verletzungen dabei nicht weiter verschlimmere.«
»Tun Sie, was Sie tun müssen!«, entschied Wallpa. »Halycon würde es genauso machen. Wer weiß, wie viel Zeit uns bleibt.«
Kurz darauf kam die Pilotin erneut rückwärts aus dem Gang gekrochen; sie zog einen Bewusstlosen mit auffallend blauer Haut hinter sich her.
Womöglich ein Ferrone, durchfuhr es Atlan.
Die Beine des Manns waren noch im Gang verborgen, als die Umgebung von neuen Erschütterungen geschüttelt wurde. Wallpa zog den Bewusstlosen hastig ins Freie. Das Beibootwrack zitterte und wankte, ehe es – von Bodenvibrationen abgesehen – lautlos vollends über den Trümmern zusammenstürzte.
»Mirona!«, schrie Atlan, während auch Wallpa und Fabree entsetzt keuchten.
»Hat jemand ein Taxi bestellt?«, piepste es fröhlich aus den Helmlautsprechern.
Atlan da Gonozal fuhr herum, in der Erwartung, dass Gucky hinter ihm stand. Doch da war niemand.
3.
Madrigal
Nachdem sie dem Plasmastrom entkommen war, lag die SOL vollkommen ruhig im All. In der Zentrale hatten sich die Entscheidungsträger um den Sitz von Kommandant Chart Deccon versammelt: Neben Perry Rhodan und Thora Rhodan da Zoltral waren Technokommandant Breckcrown Hayes und Chefwissenschaftler Geoffry Waringer anwesend. Eric Leyden hatte es sich ebenfalls nicht nehmen lassen, an der Besprechung teilzunehmen.
Seit der Hyperphysiker über die Positronik SENECA einen Projektionskörper erhalten hatte, mit dem er überall auf dem Hantelraumschiff nach Belieben auftauchen konnte, war man nirgendwo vor ihm sicher. Ebenso wenig vor seinem Kater Hermes. Sein Team indes, Luan Perparim und Abha Prajapati, war merklich zurückhaltender und hatte ein Labor in der Wissenschaftssektion bezogen. Wo sich die biologischen Körper der vier befanden, wusste niemand; zumindest niemand, der es Rhodan verraten hätte.
Sam Breiskoll war nur als Hologramm zugeschaltet, weil er als Chefarzt die Medostation momentan nicht verlassen wollte. Dort gab es noch reichlich zu tun. Gucky hatte Atlan da Gonozal und Mirona Thetin in die Zentrale gebracht und war auch geblieben. Der Haluter Icho Tolot hatte es vorgezogen, in seinem Raumschiff DOLAN zu bleiben und dort die beim Kampf gegen die Maahks entstandenen Schäden zu beheben.
Die Situation an Bord hatte sich in der vergangenen halben Stunde etwas beruhigt, obwohl nach wie vor seltsame Erschütterungen das Schiff heimsuchten wie Fieberschübe.
Zeit zum Durchatmen, dachte Rhodan. Wie lange haben wir wohl Ruhe?
»Die Schäden in der SOL sind immens, jedoch reparabel«, berichtete Hayes. »Durch das Sonnenplasma selbst gab es zum Glück kaum Defekte, der Libraschirm hat gerade so standgehalten. Sonst würden wir hier nicht stehen und miteinander plaudern.«
»Wir hatten Glück im Unglück«, bilanzierte Rhodan. »Der Vorfall im Hangar beispielsweise, dessen Zeugen Atlan und Miss Thetin geworden sind, hätte weit schlimmer ausgehen können.«
»Es ist unklar, wie es überhaupt dazu kommen konnte. Die Korvette, deren Feldtriebwerk sich plötzlich eingeschaltet hat, war überhaupt nicht im Einsatz – sie war zum Zeitpunkt des Unfalls nicht mal bemannt.« Hayes kratzte sich am Kopf. »Allerdings gab es während unseres unfreiwilligen Aufenthalts im Plasmastrom so viele energetische Effekte und Überladungen, dass die Aktivierung der Antriebsaggregate eine Folge davon gewesen sein könnte. Das muss näher untersucht werden.«
»Es war ein Glücksfall, dass weder diese noch die andere betroffene Korvette besetzt waren, sonst hätte es deutlich mehr Verletzte gegeben«, sagte Deccon. »Wie geht es den beiden Piloten?«
»Halycon Faulkner und Connor Lamondt sind so weit wiederhergestellt. Sie sind mit einem blauen Auge davongekommen – wortwörtlich.« Breiskoll wandte sich an die Liduuri. »Das haben sie nur Ihrem Einsatz zu verdanken, Miss Thetin. Und Ihnen, Atlan. Morena Quispe ist den beiden während der Behandlung nicht von der Seite gewichen, ich soll Ihnen auch von ihr herzlichen Dank ausrichten. Ich denke, in ein paar Tagen sind die beiden wieder einsatzfähig.«
»Das war doch selbstverständlich.« Atlan lächelte, während Thetin lediglich huldvoll den Kopf neigte.
Rhodan atmete auf. Er war mit den drei Piloten und ihrer BOUDICCA II zur SOL gekommen und fühlte sich für die Flottenangehörigen verantwortlich. »Das ist schön zu hören. Wie sieht es mit weiteren Verletzten aus?«
»Wir zählen sechsunddreißig Patienten infolge von Unfällen, drei davon sind schwer verletzt«, berichtete Breiskoll. »Dazu kommen elf Besatzungsmitglieder, die aufgrund der seltsamen Einflüsse kollabiert sind. Aber auch sie befinden sich auf dem Weg der Besserung«, berichtete Breiskoll.
Rhodan zog die Augenbrauen hoch. »Aufgrund der seltsamen Einflüsse – Sie sprechen von dem Phänomen, das wir seit dem Zeitsprung alle bemerken?«
»Er meint das Madrigal«, schaltete sich Leyden ein. »So haben wir das Phänomen getauft.«
»Madrigal wie die Gedichtart?«, hakte Deccon nach.
»Nein, Madrigal wie das mehrstimmige Chorstück – obwohl unser Madrigal leider nicht so wohlklingend ist.« Waringer verzog das Gesicht. »Die akustischen Auswirkungen sind eher unangenehm, nicht wahr? Deshalb hat es auf manche auch diese körperliche Wirkung. Denken Sie an einen starken Tinnitus und was er im Kopf eines Menschen anrichten kann.«
»Störungen im emotionalen, körperlichen und kognitiven Bereich, Schlafstörungen, Gleichgewichtsstörungen, Angstzustände«, zählte Breiskoll auf. »Diese Symptome können mit den heutigen medizinischen Mitteln allerdings effizient behandelt werden.«
»Die Auswirkungen des Madrigals hingegen nicht.« Leyden verschränkte die Arme vor der Brust. »Außerdem handelt es sich nicht um Phantomgeräusche. Die Stimmen, die wir hören, existieren wirklich.«
»Woher kommt dieses Phänomen?«, fragte Thora.
»Das können wir nur vermuten. Auf jeden Fall steht es in einem Zusammenhang mit dem Zeitsprung.« Waringer fächerte seine langgliedrigen Finger auf. »Tatsache ist, dass wirklich alles in und auf der SOL vibriert. Nicht extrem auffällig oder gar sichtbar, aber auf molekularer oder sogar atomarer Ebene. Daher auch die wiederkehrenden Erschütterungen. Sie werden allerdings schwächer.«
»Tote Materie und Lebewesen unterliegen diesem Effekt auf die gleiche Weise?«, hakte Deccon nach.
»Gewiss doch. Wie es aussieht, sind lediglich mein Team und ich nicht davon betroffen, weil unsere Körper derzeit nur virtuell existent sind.« Leyden strahlte. »Somit können wir das Phänomen perfekt als Unbeteiligte beobachten.«
»Wie schön für Sie!« Rhodan unterdrückte ein Seufzen. Virtuell hin oder her, Leyden hatte sich nicht verändert. »Und weiter?«
»Nun, Lebewesen nehmen das Madrigal so wahr, wie wir es gerade beschrieben haben – akustisch durch die Stimmen, haptisch durch das Gefühl von Elektrizität auf der Haut.« Waringer rief ein Holo auf, das ein Wassermolekül in Schwingung zeigte. »Die Technik wird darauf allerdings in unangenehmerer Weise reagieren, denn die Vibrationen schaukeln sich hoch. Die Materie der Schiffssysteme vibriert und regt die Moleküle der Luft an, was diese ebenfalls zum Schwingen bringt.«
Leyden deutete auf sein Beispielmolekül. »Diese Schwingungen sind es, die wir hören: Das Madrigal ähnelt tatsächlich unzählig vielen Stimmen, denn jedes Stück Materie, ob Metalle, Kunststoffe, Glassit oder Keramik, erzeugt einen eigenen Ton.«
»Nervtötend«, kommentierte Gucky. »Nicht nur, dass ich die Mentalstimmen der Besatzungsmitglieder als ständiges Summen im Kopf habe – jetzt redet auch noch die SOL mit mir.«
Waringer wiegte ernst den Kopf. »Es ist leider mehr als nur nervig, Gucky. Die SOL könnte, wenn sich das Phänomen weiter verstärkt, tatsächlich einfach auseinanderbrechen. Von den technischen Ausfällen, zu denen es bereits kommt, ganz zu schweigen.«
»Wir nehmen an, dass das Madrigal auch damit zu tun hatte, dass die SOL im Plasmastrom von Cygnus X-1 gelandet ist«, sagte Hayes. »Die überall erzeugten Schwingungen könnten die Strukturfelder des Transitionstriebwerks beeinflusst haben. Das wird uns mit Sicherheit weitere Probleme bescheren.«
»Können wir etwas gegen das Madrigal unternehmen?«, fragte Deccon.
»Mein Team arbeitet daran und wird bald eine Lösung haben.« Leyden legte das ihm eigene Selbstbewusstsein an den Tag.
Deccon nickte zufrieden. »In der Zwischenzeit sollten wir überlegen, wohin wir uns wenden.«
»Ha!« Gucky verzog die Schnauze, sodass sein Nagezahn gefährlich blitzte. »Hat nicht gerade jemand das Wort Zeitsprung benutzt? Wie wäre es, wenn sich unsere Eierköpfe mal Gedanken darüber machen, wie wir zurück in unsere eigene Zeit kommen – und warum wir eigentlich hier sind?«
»Ob du es glaubst oder nicht, darüber machen wir uns bereits Gedanken.« Leyden rümpfte beleidigt die Nase. »Leider ist die Sache kompliziert.«
»Das ist uns durchaus bewusst«, sagte Rhodan. »Haben Sie trotzdem irgendwelche Vorschläge?«
Waringer und Leyden wechselten einen Blick – so schnell wie Schulbuben, die bei einem Streich erwischt wurden. Schuldbewusst und in dem Wissen, dass sie sich lieber mit anderen Dingen beschäftigen sollten.
»Nein.« Waringer hob bedauernd die Schultern. »Momentan haben wir diesbezüglich leider keine Erkenntnisse«
»Dann bleiben Sie dran.« Deccon verlagerte ächzend sein Gewicht auf die andere Seite seines Sessels. »Zurück in unsere Gegenwart zu gelangen, sollte doch unser Hauptaugenmerk sein, oder nicht? Allerdings können wir nicht einfach so durchs All dümpeln und darauf warten, dass die Wissenschaft eine Lösung für unser Problem findet. Wir brauchen ein Ziel.«
»Das einzig Sinnvolle ist, sich Richtung Erde zu orientieren.« Rhodan blickte in die Runde. »Ein anderes Ziel haben wir nicht. Zehntausend Jahre vor unserer Gegenwart – hier ist alles anders.«
»Auch die Erde«, erinnerte ihn Atlan. »Im Larsafsystem gibt es eine junge arkonidische Kolonie.« Auf einem kreisrunden Kontinent der Erde, die von den Arkoniden Larsaf III genannt wurde, hatten die Arkoniden um 8000 vor Christus eine Stadt namens Atlantis errichtet, die später von den Maahks zerstört worden war.
»Das dürfte dennoch deutlich unkomplizierter sein, als Arkon aufzusuchen«, hielt Perry Rhodan dagegen. »Denkst du, dass du, also der frühere Atlan, sich derzeit in Atlantis aufhält?«
»Das kann ich nicht sagen, dazu bräuchte ich eine genauere Datierung.«
»Uns fehlen generell Daten.« Thora hatte eine holografische Karte der näheren stellaren Umgebung aufgerufen und tippte sich nachdenklich gegen das Kinn. »Unsere Darstellungen stimmen nicht mit den tatsächlichen Gegebenheiten da draußen überein. SENECA, kannst du versuchen, die in unseren Positronikspeichern vorliegenden Sternkarten an die Zeit vor zehntausend Jahren anzupassen?«
»Ohne eine genaue Datierung wird das schwierig. Ich kann es aber versuchen.« Die Hauptpositronik der SOL war mittlerweile für solche Hilfestellungen bereit, wie die SENECA-Interpreterin Donna Stetson ihnen versichert hatte. Zwar war SENECA nach wie vor damit beschäftigt, sich auf dem neuen Schiff einzufügen, doch sie machten Fortschritte. »Es würde helfen, wenn wir zumindest die Position der SOL exakt feststellen könnten.«
