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Mit dem Jahr 3588 beginnt für die Milchstraße eine Epoche des Friedens: Gemeinsam arbeiten die Völker der Galaxis daran, die Kosmische Hanse aufzubauen. Perry Rhodans Vision einer geeinten Milchstraße scheint Wirklichkeit zu werden - die Neue Galaktische Zeitrechnung wird zum Symbol für die Aufbruchsstimmung auf Zigtausenden von Planeten. Nicht nur die Menschen wirken daran mit, sondern ebenso zahlreiche andere Intelligenzwesen der Sterneninsel. Die Milchstraße blüht auf: Moderne Raumschiffe verbinden die Völker miteinander, über Jahrhunderte hinweg wachsen die Freundschaften. Doch im Verborgenen lauert die Gefahr. Die negative Superintelligenz Seth-Apophis plant einen Schlag gegen die Superintelligenz ES und die Menschen. Es droht ein Krieg der Geistesmächte, in den mehrere Galaxien verwickelt werden können. Anfangs des fünften Jahrhunderts Neuer Galaktischer Zeitrechnung spitzt sich die Lage langsam zu ...
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Seitenzahl: 6344
Veröffentlichungsjahr: 2012
Band 1000
Der Terraner
Die kosmische Bestimmung der Menschheit
von William Voltz
Der PERRY RHODAN-Roman »Der Terraner« markiert in der Geschichte der größten Science-Fiction-Serie der Welt einen Einschnitt: Band 1000 war bei seinem Erscheinen im Jahr 1980 nicht nur ein zuvor für unmöglich gehaltenes Jubiläum – der Roman überzeugte auch durch seine kosmische Vision
Mit dem Jahr 3588 beginnt für die Milchstraße eine Epoche des Friedens: Gemeinsam arbeiten die Völker der Galaxis daran, die Kosmische Hanse aufzubauen. Perry Rhodans Vision einer geeinten Milchstraße scheint Wirklichkeit zu werden – die Neue Galaktische Zeitrechnung wird zum Symbol für die Aufbruchsstimmung auf Zigtausenden von Planeten.
Nicht nur die Menschen wirken daran mit, sondern ebenso zahlreiche andere Intelligenzwesen der Sterneninsel. Die Milchstraße blüht auf: Moderne Raumschiffe verbinden die Völker miteinander, über Jahrhunderte hinweg wachsen die Freundschaften.
Den Perry-Rhodan-Lesern
»Junge Menschen lernen zu glauben,
der Mensch sei buchstäblich nicht
mehr als ein Apparat – ohne Macht
oder Einfluss, was seine Bestimmung
angeht. Gegen dieses fatalistische
Dogma, das alles Streben nach Höherem
zerstört, alles Bemühen schwächt,
habe ich, in meinem eigenen kleinen
Bereich, seit ich zu schreiben begann,
nie abgelassen anzukämpfen.«
William McDougall, 1927
(Character and the Conduct of Life)
»Wir müssen der Entfremdung ein Ende
setzen, die der moderne Mensch sich
auferlegt, indem er Subjektivität,
Phantasie und Magie jeden Wert abspricht,
indem er die kosmischen Kräfte der Seele
amputiert, verbannt, zurückweist – ja das
Wort Seele selbst zur Zielscheibe von Spott
und Hohn macht.«
Pierre Emmanuel, 1976
ES – Das Geistwesen gibt seine Geheimnisse preis.
Carfesch – Botschafter eines Kosmokraten.
Berritz, Charruta und Jynker Rook – Drei aus einer unermesslichen Schar von Suchern.
Perry Rhodan – Der Terraner begründet die Kosmische Hanse.
Reginald Bull
Graffiti
Sein Name ist Taou Sun Heng. Vor vier Tagen hat er zum letzten Mal gegessen, eine winzige Portion Reis. Über seinen vorstehenden Wangenknochen spannt die gelbe Haut wie trockenes Pergament. Er ist 37 Jahre alt, verheiratet und Vater von drei Kindern. Seine Familie wurde vor zwei Wochen, als Angehörige einer Armee, über deren Zugehörigkeit Taou Sun Heng nur rätseln kann, sein Dorf überfielen, gefoltert und getötet. Taou Sun Heng ist auf der Flucht. Sein Weg führt quer durch den Dschungel auf eine Grenze zu, hinter der er sich Nahrung und Sicherheit erhofft. Immer wieder stößt er auf niedergebrannte Dörfer und kämpfende Soldaten. Taou Sun Heng hat längst aufgehört, Schmerzen zu empfinden oder verzweifelt zu sein. Dazu ist er zu abgestumpft.
Taou Sun Heng ist ein Terraner.
1.
Der Auftrag
Ambur-Karbush war eine Stätte des Friedens, des Glücks und der geistigen Einheit, und weil dies so war, betrachtete Carfesch es als Auszeichnung, die Reise dorthin unternehmen zu dürfen. Sein Reisegepäck war denkbar klein, es bestand aus einem abgewetzten Ledermantel, einem Paar Ledersandalen, einer Proviantbüchse mit Konzentraten und einem Memoring für jene, die in Ambur-Karbush bauten. Wegen seiner bescheidenen Ausrüstung (und vielleicht auch wegen seines zurückhaltenden Auftretens) hätten unaufmerksame Beobachter Carfesch vielleicht für einen unbedeutenden Abgesandten einer unbedeutenden Macht halten können – dabei war genau das Gegenteil der Fall.
Carfesch war der Beauftragte des Kosmokraten Tiryk, und seine Mission besaß ein derartiges Gewicht, dass ihr Scheitern einer kosmischen Katastrophe gleichgekommen wäre.
Carfesch war humanoid, bei seinem Beruf eher Zufall als die Regel. Er maß fast zwei Meter, wirkte aber schlank, fast zierlich. Seine Schultern standen weit hervor, als hätte man in die Achselstücke des Ledermantels zwei Wattebälle eingenäht. Sein Gesicht war strohfarben, es bestand aus achteckigen schuppenähnlichen Hautplättchen, die sich je nach Temperatur zusammenzogen oder ausdehnten. Anstelle einer Nase besaß er eine Atemöffnung mit einem organischen Filter aus einem gazeähnlichen Gewebe, das bei jedem Atemzug, den der Sorgore tat, ein bisschen knisterte. Die Augen waren zwei strahlende Murmeln von tiefem Blau, sie waren starr, standen aber so weit hervor, dass ihr Besitzer leicht einen Halbkreis seiner Umgebung beobachten konnte, ohne auch nur den Kopf zur Seite zu drehen. Carfeschs Arme endeten in Krallen, die auf den ersten Blick steif und unbeweglich wirkten. Unter den hornartigen Verdickungen der sieben Krallenenden nisteten jedoch winzige Symbionten, die vom absterbenden Horn lebten und als Gegenleistung die Hände Carfeschs derart sensibilisierten, dass er jedes Ding, das er betastete, bis in seine kleinsten Feinheiten erfühlen konnte.
Carfeschs Stimme war melodisch und sanft, ihre einschmeichelnde Freundlichkeit allein stempelte Carfesch zu einem überragenden Diplomaten, obwohl er sich diesen Titel durch seinen Intellekt und seinen Charakter verdient hatte. Erstaunlicherweise entsprang diese Stimme, der man eine fast hypnotische Wirkung nachsagte, einem eher düster zu nennenden Mund ohne Lippen, der wie eine kleine Höhlenöffnung inmitten von Carfeschs breitem Kinn saß.
Nach langen Vorbereitungen war es Tiryk gelungen, seinen Gesandten direkt auf Ambur abzusetzen. Carfesch war sozusagen die zweite »Sendung«, die von jenseits der Materiequellen hier ankam. Die erste hatte aus zwei neutralisierten Zellaktivatoren bestanden, die nun mit Hilfe des Memorings vorjustiert werden sollten.
Ambur war eine Welt, bei der man nicht auf Anhieb feststellen konnte, ob sie natürlichen oder künstlichen Ursprungs war. Carfesch nahm jedoch an, dass es sich um einen Planeten handelte, der aus seinem ursprünglichen System herausgerissen und auf eine lange Reise geschickt worden war. Die junge Superintelligenz, die Karbush baute, war zweifellos in der Lage, einen derartigen Prozess zu steuern. Vor langer Zeit, soviel hatte Carfesch von Tiryk erfahren, war Ambur in zwei Halbkugeln geteilt worden.
Von den Sonnenblumenhügeln aus (da er nicht wusste, wie die Bewohner diese Orte nannten, erfand Carfesch für jedes Gebiet einen Namen entsprechend der dominierenden organischen Spezies) hatte der Gesandte einen guten Ausblick auf Ambur-Karbush.
Die Stadt lag auf einer weiten Hochebene am Ufer eines gewaltigen Stromes, der über den Rand eines Felsplateaus in ein tiefblaues Meer hinabstürzte. Die Gebäude der Stadt schmiegten sich harmonisch aneinander, ihre stählernen Hüllen funkelten im Licht der künstlichen Sonnen hoch oben am Himmel. Zentrum der Stadt war ein großer freier Platz, an dessen Rand ein über eintausend Meter hoher, zerbrechlich wirkender Turm stand.
Es war sicher absurd, so von einer Stadt zu denken, aber als Carfesch auf Ambur-Karbush hinabblickte, erinnerte sie ihn an ein dösendes Lebewesen. Plätze und Straßen waren verlassen, und doch spürte der Diplomat die Allgegenwart intelligenten Lebens.
Seltsam, überlegte Carfesch, ich bin nie auf den Gedanken gekommen, Tiryk danach zu fragen, auf welche Weise sich das Leben dieser geistigen Einheit auf Ambur manifestieren kann.
Er stieg die Sonnenblumenhügel hinab zur grasbewachsenen Hochebene. Ambur-Karbush war längst noch nicht fertig gestellt, das sah Carfesch beim Näherkommen noch deutlicher als unmittelbar nach seiner Ankunft.
Zwischen den ersten Gebäuden, denen der Abgesandte sich näherte, trat plötzlich eine Gestalt hervor. Ihre Bewegungen ließen keinen Zweifel daran, dass sie Carfesch entgegenkam. Der Diplomat war zusammengezuckt und stehen geblieben. Dass der so unvermittelt Aufgetauchte einen Körper besaß, der seinem eigenen glich, hielt Carfesch für einen Akt der Höflichkeit. Es war vielleicht die schwache Stelle bei Carfesch, dass er alles vom Standpunkt des Diplomaten aus betrachtete und zu erklären versuchte.
Als sie sich bis auf zwei Schritte einander genähert hatten, blieb Carfesch abermals stehen, und auch der Fremde hielt inne. Nun sah Carfesch, dass der andere doch erheblich anders war, vor allen Dingen glatter als er selbst. Diese Glätte löste Unruhe in Carfesch aus, denn sie verbreitete den Eindruck von Kühle und Unwirklichkeit.
Dies, durchzuckte ein Gedanke Carfeschs Bewusstsein, ist ein künstliches Ding!
Unwillkürlich drückte er den Memoring fester an sich, denn er hatte nicht die Absicht, ihn einem dahergelaufenen Roboter oder Androiden zu überlassen. Er war auch enttäuscht darüber, von einem derartigen Ableger empfangen zu werden. Als Gesandter der Kosmokraten hatte er sich eine andere Behandlung erhofft.
In der Sprache, die Carfesch eigens für diese Mission erlernt hatte, sagte der Fremde: »Ich stehe zu deiner Verfügung, Bote. Du kannst mir einen Namen geben.«
Carfeschs Unruhe wich schlagartig einer gewissen Belustigung. Er hatte auf Ambur bereits so viele Dinge benamt, dass es ihm in diesem Fall nicht schwer fallen sollte. Doch entweder war da noch eine Spur von Unsicherheit in ihm, oder seine Phantasie ließ ihn vorübergehend im Stich, als er wenig geistreich sagte: »Ich werde dich Begleiter nennen.«
Begleiter ließ nicht erkennen, ob ihm diese Bezeichnung behagte. Er machte eine einladende Geste in Richtung der Stadt und forderte Carfesch auf: »Begleite mich zu ES.«
Warum diese Superintelligenz sich ausgerechnet ES nannte, hatte auch Tiryk nicht zu sagen vermocht. Es hing jedoch vermutlich damit zusammen, dass sie aus unzähligen Bewusstseinsinhalten bestand und sich daher nicht festlegen wollte. ES umschloss in knapper Form noch am ehesten das, was man hinter dieser Existenzform vermuten konnte.
Carfesch brach diese Überlegungen sofort ab. Wenn er auch ein Abgesandter der Kosmokraten war, so hielt er sich doch für unfähig, seine Auftraggeber oder die Superintelligenzen zu begreifen. Carfesch wusste, dass es um das Spiel der Kräfte im Universum ging, um die Stabilisierung und Weiterentwicklung von Mächtigkeitsballungen im Sinn einer kosmischen Ordnung, die von mächtigen Feinden immer wieder gestört wurde.
Ohne profundes Wissen über all diese Dinge nachzudenken, war für ein Wesen wie Carfesch gefährlich, denn es würde nur dazu führen, ihn zu irritieren und von seiner Mission abzulenken.
Begleiter ging voraus und bewegte sich so, wie man es von einer perfekten Maschine erwartete – lautlos und geschmeidig. Im Vergleich zu diesem Wunderwerk war Carfeschs Körper sicher unzulänglich, nur wäre dem Diplomaten niemals eingefallen, einen derartigen Vergleich anzustellen, denn er wusste um die Überlegenheit seiner psychischen Substanz, zu der Begleiter niemand in diesem Universum verhelfen konnte.
Die Stille dieser Stadt lastete schließlich so schwer auf Carfesch, dass er sie mit Hilfe eines Gesprächs zu brechen gedachte.
»Wo halten sich all die Bewohner dieser Gebäude auf?«, erkundigte er sich.
»Sie kommen und gehen«, lautete die wenig informative Antwort. »Außerdem müssen Gebäude nicht immer bewohnt sein.«
»Befinden sich die beiden Zellaktivatoren noch im Besitz von ES?«, brachte Carfesch das Gespräch auf ein anderes Thema.
»ES besitzt viele Instrumente zur Veränderung der Lebenserwartung«, sagte Begleiter. »ES ist in der Lage, sie zu schaffen und an geeignete Wesen zu vergeben.«
»Darum geht es nicht«, versetzte der Gesandte mit einem Anflug von Ärger. »Ich spreche von den beiden besonderen Aktivatoren, die von den Kosmokraten zur Verfügung gestellt wurden.«
»Sie werden gehütet wie ein Schatz«, sagte Begleiter.
»Gut«, sagte Carfesch zufrieden.
Wenig später erreichten sie den freien Platz, und Begleiter steuerte auf eine große Kuppelhalle zu. Carfesch hatte das Gefühl, tief in seinem Innern von etwas berührt zu werden, von einer geistigen Kraft, die mühelos in sein Bewusstsein eindrang und seine Gedanken sondierte. Er stöhnte leise auf. Bevor er diese Halle betreten konnte, wurde er zweifellos einer strengen Prüfung unterzogen. Davon hatte Tiryk ihm nichts gesagt, aber eigentlich war es nur natürlich. Er ahnte, dass er nur vorgelassen wurde, wenn seine Psyche den Vorstellungen von ES entsprechen sollte. Er machte sich jedoch keine Sorgen darüber, denn er hielt sich für ein Wesen von lauterem Charakter.
Deutlich spürte er die Heiterkeit, die diese Gedanken bei jenem hervorriefen, der ihn mental abtastete. Bestürzt fragte er sich, ob er am Ende zu eitel und selbstbewusst dachte.
Sofort gewannen die mentalen Impulse in seinem Innern an Deutlichkeit, wurden zu Worten und ganzen Sätzen.
Ein Abgesandter der Kosmokraten ohne Selbstbewusstsein ist für mich schlecht vorstellbar.
»Ich hoffe nicht«, sagte Carfesch unwillkürlich, »dass du mich zu hoch einschätzt. Ich bin nur ein Bote und gehöre nicht zu den Kosmokraten. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Ich habe noch nicht einmal einem von ihnen von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden.«
Komm jetzt herein!, wurde er auf telepathischem Weg aufgefordert.
Durch den Eingang erblickte Carfesch eine Reihe von fremdartig geformten Maschinen in rosaroter Lichtflut. Als der Diplomat hinter Begleiter das Kuppelinnere betrat, änderte sich die Szenerie schlagartig. Vom Kuppelzenit schien ein Blitz herabzuzucken. Dämpfe quollen aus dem Boden hervor. Carfesch sah fasziniert zu, wie sie schließlich die Form eines langsam rotierenden, spiralig ineinander fließenden Balles annahmen.
Ein leises Lachen erklang, diesmal wirklich und nicht nur im Bewusstsein des Reisenden. Vergeblich schaute Carfesch sich nach der Quelle der Laute um.
»Willkommen«, sagte eine sanfte Stimme. »Auch für mich ist der Kontakt zu anderen Intelligenzen eine Wohltat, vor allem dann, wenn es sich um positive Arten handelt.«
»Ich bedanke mich für diese Einschätzung«, erwiderte Carfesch, ganz gegen seine sonstige gewandte Art ein bisschen unbeholfen. Aber unter diesem fühlbaren mentalen Druck einer unvorstellbaren Wesenheit gewann er einfach nicht seine gewohnte Selbstsicherheit zurück.
Carfesch kramte in den Taschen seines Ledermantels, wo er den Memoring verborgen hatte.
»Ich komme wegen der beiden neutralen Zellaktivatoren«, sagte er, während er den Memoring hervorzog. Es war ein mit Quecksilberkristallen gefülltes Gebilde von zwanzig Zentimeter Durchmesser und drei Zentimeter Dicke. Mit seinen sensibilisierten Krallen spürte Carfesch es im Innern des Ringes pulsieren. Dort waren die Justierungsdaten für die beiden besonderen Zellaktivatoren aufbewahrt.
»Sie sollen also eingesetzt werden?«, erkundigte sich ES, dessen Heiterkeit rasch abklang.
»Ich habe den Auftrag für dich«, verkündete Carfesch förmlich. Es bedurfte seiner ganzen Willenskraft, hier zu stehen und frei zu sprechen – zu einem Wesen, das ihm in jeder Beziehung überlegen war. Warum eigentlich, so fragte er sich spontan, übernahmen die Kosmokraten derartig schwierige Aufgaben nicht selbst?
»Die Kosmokraten sind aus dir bekannten Gründen an der Erhaltung und Stabilisierung deiner Mächtigkeitsballung interessiert«, sprach Carfesch aus, was Tiryk ihm aufgetragen hatte. »Allein wirst du dieses Ziel aber trotz aller Fähigkeiten kaum erreichen können. Du brauchst Wesen, die aus den Völkern deiner Mächtigkeitsballung kommen und die Fähigkeit besitzen, dir zu helfen.«
Ein spöttisches Lachen war die Reaktion auf diese Worte.
»Wie sollten mir Wesen helfen können, die auf einer viel niedrigeren Entwicklungsstufe stehen als ich? Gewiss, ich weiß, dass ich die Völker des von mir behüteten Sektors beaufsichtigen und lenken kann – und dies ganz in meinem Sinne. Aber Individuen?«
Bei allen Planeten, dachte Carfesch niedergeschlagen, wie kann ich ihm etwas erklären, was ich selbst nicht verstehe?
»Auch die Kosmokraten bedienen sich ab und zu einzelner Wesen, die berufen sind, große Leistungen zu vollbringen. Diese Mitarbeiter sind im Wächterorden der Ritter der Tiefe vereint. Die beiden Wesen, für die die besonderen Zellaktivatoren gedacht sind, besitzen ungewöhnliche Fähigkeiten, ihr Status wird dem eines Ritters der Tiefe entsprechen.«
»Man könnte meinen, du wüsstest nicht einmal, wie diese beiden Wesen heißen und wo sie zu finden sind!«, rief ES aus.
»Genauso ist es«, bestätigte Carfesch. »Sobald die beiden Zellaktivatoren, die dir von den Kosmokraten zur Verfügung gestellt wurden, mit Hilfe des Memorings aktiviert und vorjustiert worden sind, können sie nur noch von den dafür bestimmten Personen getragen werden. Auf diese Weise unterscheiden sie sich erheblich von den Apparaten, mit denen du ab und zu relative Unsterblichkeit verleihst.«
Eine Zeitlang herrschte Stille. Unbehaglich blickte Carfesch zu Begleiter hinüber, der jedoch wie erstarrt dastand und sich nicht an dem Gespräch beteiligt hatte.
»Auch für eine Superintelligenz ist es so gut wie unmöglich, die passenden Wesen für die beiden Aktivatoren zu finden«, sagte ES nach einer Weile, und Carfesch konnte die unterschwellige Kritik an den Maßnahmen der Kosmokraten kaum überhören.
»Es wird aber unerlässlich sein, sie zu finden«, beharrte Carfesch auf einem Standpunkt, den zu verstehen er nicht in der Lage war.
Ein Wesen, das ein fast genaues Ebenbild von Begleiter war, kam durch eine bisher unsichtbar gebliebene Seitentür in die Kuppelhalle. Auf einem tablettförmigen schimmernden Energiefeld trug es zwei oval geformte Gegenstände von Eigröße herein. Auch ohne sie je gesehen zu haben, begriff Carfesch, dass es sich um die Aktivatoren handelte.
»Es ist müßig, mit dir darüber zu streiten, ob ich Erfolg haben könnte oder nicht«, meinte ES etwas versöhnlicher. »Ich weiß, dass du nur ein Bote bist, der für das, was er übermittelt, keine Verantwortung trägt.«
Begleiters Doppelgänger machte vor Carfesch halt. Die Augen im glatten Gesicht des Roboters oder Androiden waren auf den Diplomaten gerichtet, aber sie wirkten seelenlos.
Von einer inneren Eingebung getrieben, legte Carfesch den Memoring auf die beiden Aktivatoren. Dabei berührte er mit seinen Krallenenden die beiden Apparate, und die Symbionten unter den hornigen Verdickungen ließen ihn eine unglaubliche Kraft spüren, die durch seine Arme in seinen Körper strömte. Einen Augenblick gab er sich ganz diesem wunderbaren Gefühl hin und erfasste wie einen Hauch, was es hieß, ein Unsterblicher zu sein.
Da zog der Androide das Kraftfeld mit den Aktivatoren und dem darauf abgelegten Memoring zurück, drehte sich um und ging davon.
»Ich hoffe«, murmelte Carfesch benommen, »dass ich richtig gehandelt habe.«
»Ja«, bestätigte ES.
Carfesch senkte den Kopf. Der Blick in den ineinander fließenden, pulsierenden Ball tat seinen Augen weh.
»Ich werde Ambur nicht wieder verlassen können«, sagte er wehmütig.
»Ja, deine Reise ist hier zu Ende«, bestätigte ES. »Ich werde dich in mir aufnehmen, wie es mit den Kosmokraten ausgemacht ist. Sicher empfindest du das als Nachteil, aber nun hast du wenigstens Gelegenheit, herauszufinden, wie die Suche ausgeht.«
Wie viele Ewigkeiten würden vergehen, bevor ES auch nur eines der beiden Wesen finden konnte, für die die Aktivatoren bestimmt waren?, fragte sich der Abgesandte.
Vielleicht waren diese Wesen nur eine Fiktion, ein absurder Traum der Kosmokraten in ihrem offenbar verzweifelten Kampf um Dinge, von denen Carfesch zum größten Teil nicht einmal etwas ahnte.
Jemand berührte den Diplomaten am Arm. Es war Begleiter.
»Komm«, sagte er. »Ich bringe dich in deine Unterkunft, Bote.«
Was hatte Begleiter von den Bewohnern dieser Stadt gesagt?, versuchte Carfesch sich zu erinnern.
Sie kommen und gehen!
Ich bin einer von der ersten Sorte, sagte sich Carfesch. Vorläufig zumindest.
Graffiti
Sein Name ist Kdoro. Er gilt als ein mutiger Mann, manche bezeichnen ihn als einen Revolutionär. Gerade hat er eine Straße überquert, durch deren Mitte eine unsichtbare Grenze verläuft. Vor dem Eingang eines Restaurants hält er zögernd inne. Ein Schild an der Tür belehrt ihn, dass nur Weiße hier Zutritt haben. Kdoro ist ein schlanker großer Mann von 45 Jahren. Und er ist schwarz. Er öffnet die Tür und betritt das Innere des Restaurants. Atemlose, gespannte Stille umfängt ihn. Dann kommen zwei Männer auf ihn zu, ergreifen ihn an den Armen und führen ihn hinaus. Der eine boxt ihm in die Rippen, der andere sagt: »Lass dich hier nie wiedersehen!«
Kdoro überquert die unsichtbare Grenze ein zweites Mal – in der Richtung, aus der er gerade kam.
Sein gekränkter Stolz gebiert den Hass.
Die Suche – Teil I
Im Grunde genommen führten Berritz und Charruta ein schönes Leben, und sie hatten es – zumindest am Anfang – auch genossen. Irgendwann jedoch war die Saat der Unzufriedenheit in ihren Herzen aufgegangen, und seither vergrößerte jeder Fehlschlag die Frustrationen der beiden Gargamanen.
Dabei mangelte es ihnen an nichts. Ihr Schiff, mit dem sie den ihnen zugeteilten Sektor seit einigen Jahrzehnten absuchten, war jedem anderen Raumfahrzeug überlegen. Innerhalb des Suchgebiets gab es herrliche Welten, auf denen sie sich amüsieren und ausspannen konnten.
Allmählich war ihnen jedoch bewusst geworden, dass vor ihnen unzählige andere Wesen diesen Sektor durchstreift hatten und dass nach ihnen vermutlich weitere Generationen von Suchern erfolglos an der Arbeit sein würden. Diese niederschmetternde Vorstellung wurde noch durch die Tatsache verstärkt, dass der Sektor, in dem Berritz und Charruta suchten, nur einer von unvorstellbar vielen war. Die ganze Aktion war in ihrer Ausdehnung weder räumlich noch zeitlich überschaubar, jedenfalls nicht für Wesen wie die beiden Gargamanen. Das stempelte sie zu bloßen Mechanismen und ließ sie ihre Aufgabe nur mit immer stärker werdendem Widerwillen erfüllen.
Auch diesmal hatten sie ein Sonnensystem abgesucht. Sie benutzten dazu komplizierte Peil- und Messgeräte, die zur Ausrüstung ihres Schiffes gehörten. Es kam darauf an, ein bestimmtes Muster von zellularen Individualschwingungen zu orten.
Berritz glaubte, dass sie schon Tausende von Lebewesen untersucht hatten (Charruta sprach gar von einer Million), ohne auch nur ein annähernd richtiges Ergebnis zu erhalten.
Nach ihrem jüngsten Fehlschlag saßen sie sich in den Schalensitzen vor den Kontrollen in der Schiffszentrale gegenüber, und Charruta hieb vor Zorn und Enttäuschung mit der schnabelähnlichen Aufstülpung seines Mundes auf die Seitenlehne seines Sitzes.
»Der Ablauf, den wir gerade erlebt haben, wird sich bis an unser Lebensende immer wiederholen«, krächzte er mit seiner rauen Stimme. »Wir dringen in ein Sonnensystem ein, sehen uns nach belebten Welten um und messen die Individualschwingungen der Eingeborenen.«
Berritz, älter und weitaus weniger impulsiv, wiegte den blaugefiederten Kopf nachdenklich hin und her. Die Ausbrüche seines Mitarbeiters wurden in letzter Zeit immer heftiger und bereiteten ihm Sorgen.
»Wir kennen nicht einmal unseren Auftraggeber und dessen Pläne«, fuhr Charruta fort. »Ich bin es einfach leid, mein Leben für diese Suche zu verschwenden.«
Berritz äugte zu ihm hinüber.
»Was sollten wir deiner Ansicht nach tun?«
Charruta beugte sich weit im Sitz vor, sein Gefieder an der Halskrause sträubte sich dabei zu einem farbenprächtigen Kranz. Er klopfte auf die Kontrollen.
»Besitzen wir nicht ein prächtiges Schiff, und steht uns nicht der Weltraum offen? Warum, so frage ich dich, verschwinden wir nicht von hier und machen uns auf die Suche nach unserem Volk?«
»Das wäre Desertion!«
»Desertion wovon? Was ist das für eine Armee, der wir angehören? Wir bekommen weder sie noch ihren Anführer je zu sehen.«
»Das Schiff hört dich«, ermahnte ihn Berritz.
Charruta sprang auf. Er war ein großer, muskulöser Gargamane, intelligent und mit ungewöhnlichen Körperkräften ausgerüstet.
»Natürlich hörst du mich!«, schrie er in die Zentrale. »Du seelenloses Ding von einem Schiff! Aber ich habe keine Furcht vor dir. Du wirst mir gehorchen, wenn ich dir Befehle erteile.«
Berritz lauschte in die Tiefe des Schiffes und vermeinte seinen Atem zu hören, aber es reagierte nicht.
Charruta trat zum Sitz seines Partners und umfasste Berritz' schmale Armgelenke.
»Lass uns damit aufhören«, beschwor er Berritz eindringlich. »Auch wenn wir eine Bestrafung herausfordern. Die Sinnlosigkeit unserer Suche macht mich krank, ich halte das nicht länger durch.«
Früher, dachte Berritz, während er sich von Charrutas Griff zu befreien suchte, hatten sie sich als Teil eines galaxienumspannenden Planes gefühlt und waren zufrieden gewesen. Je mehr sie über ihre Arbeit nachgedacht hatten, desto mehr war ihre Unzufriedenheit gewachsen. Es war die Erfolglosigkeit, die sie so verzweifelt machte.
Charruta verlegte sich aufs Flehen.
»Du bist mein Freund, Berritz. Haben wir nicht all die Jahre gut zusammengearbeitet und uns in allen schweren Situationen beigestanden? Du darfst dich jetzt nicht von mir trennen.«
»Du bist es, der von Trennung spricht.«
Charruta ließ ihn los. In seinem Gesicht stand geschrieben, dass er gerade einen unwiderruflichen Entschluss gefasst hatte.
»Ja«, sagte er dumpf. »Wenn du nicht bereit bist, mit mir an Bord dieses Schiffes weiterzuziehen und irgend etwas Vernünftiges zu tun, werde ich allein aufbrechen.«
»Und was soll mit mir geschehen?«
»Ich werde dich auf einem Planeten, auf dem du überleben kannst, absetzen.«
Da Charruta seinem Partner an Kräften weit überlegen war, zweifelte Berritz nicht daran, dass dies keine leere Drohung war. Seltsamerweise machte der Gedanke an ein einsames Leben auf einer unbekannten Welt Berritz kein Kopfzerbrechen. Er würde die Einsamkeit an Bord dieses Schiffes mit der auf einer Planetenoberfläche tauschen.
Sein Protest fiel entsprechend schwach aus.
»Es wäre doppelter Verrat«, warf er Charruta vor. »An mir und an unserer Arbeit.«
Aber vielleicht will ich es, fügte er in Gedanken hinzu. Vielleicht will ich es, dass endlich einmal irgend etwas geschieht.
Charruta beugte sich über ihn und drückte ihn in den Sitz zurück. Er löste den mehrfach verschlungenen Gürtel von seinen Hüften und begann Berritz damit zu fesseln. Berritz ließ es widerstandslos geschehen und wunderte sich, dass das Schiff nicht eingriff. Vielleicht besaßen seine robotischen Einrichtungen keine Reaktionsprogrammierung für den Fall einer Meuterei.
»Du kannst sicher verstehen, dass ich dich so schnell wie möglich loswerden möchte«, sagte Charruta, nachdem er sich von der Haltbarkeit der Fesseln überzeugt hatte. »Wenn du zu lange mein Gefangener bist, wird mich das Mitleid übermannen, und wir werden wieder in den alten Trott verfallen.«
»Ja«, sagte Berritz traurig. »Ich kann dich verstehen.«
Seine Blicke waren ins Leere gerichtet, und in einer Vision von unglaublicher Einsicht schaute er all die Dramen, die sich vermutlich an Bord der Schiffe abspielten, die an dieser Suche beteiligt waren. Es waren Bilder der verzweifelten Anstrengung und bitterer Niederlagen, aber auch solche von heroischer Größe. Und plötzlich begriff er, dass bei aller Aussichtslosigkeit dieses ungeheuerliche Unternehmen, das von einer unbegreiflichen Macht initiiert worden war, eine tiefe Bedeutung besaß. Diese Erkenntnis ließ ihn die Arbeit der vergangenen Jahre in einem völlig anderen Licht erscheinen, und plötzlich begriff er, dass sie etwas Großartiges taten.
Unwillkürlich kehrten seine Gedanken in die Gegenwart zurück, und er sah Charruta an, weil er dachte, dass auch sein Partner dies alles spüren und entsprechend reagieren würde.
Doch Charruta war über die Kontrollen gebeugt, seine Augen suchten den großen Bildschirm nach einem geeigneten Sonnensystem ab, zu dem er Berritz transportieren konnte.
Erst am Ende der Suche stand die Einsicht!, durchfuhr es Berritz.
Und die Suche war nur für ihn zu Ende – nicht aber für seinen Partner.
*
Charruta öffnete die verklebten Augen und rührte sich in seinem Sitz. In letzter Zeit brauchte er nach dem Erwachen immer ein paar Minuten, um sich zu orientieren. Mit zunehmendem Alter ließ seine Konzentrationsfähigkeit immer stärker nach, und eines nicht mehr allzu fernen Tages würde er nicht mehr aus dem Schlaf erwachen.
Wie würde sich das Schiff dann verhalten?, fragte er sich immer wieder.
Er kannte die Antwort, aber er wollte sich diese Wahrheit nicht eingestehen. Die Wahrheit, die nur so aussehen konnte, dass anstelle von Charruta eine neue Suchmannschaft an Bord kommen würde.
»Schiff«, sagte er matt. »Hörst du mich, Schiff?«
»Ja«, kam sofort die Antwort aus unsichtbaren Lautsprechern. »Ich höre dich, Charruta.«
Der Gargamane überprüfte die Kontrollsysteme. Es passierte ihm jetzt immer häufiger, dass er vergaß, die Arbeiten, die früher einmal Berritz getan hatte, ebenfalls zu erledigen. Manchmal ging das so weit, dass er dachte, Berritz befände sich noch an Bord.
»Wo befinden wir uns, Schiff?«, erkundigte er sich, viel zu müde, um eine eigene Feststellung zu treffen.
Das Schiff nannte alle Koordinaten. Es trieb in freiem Fall in einem Außenrandbezirk des Suchgebiets, mindestens 150 Lichtjahre vom nächsten Sonnensystem entfernt.
»Warum hast du mich geweckt?«, fragte Charruta gereizt. »Hier werden wir kaum etwas aufspüren, was einer Untersuchung lohnt.«
»Warte«, erwiderte das Schiff. »Beobachte die Bildschirme, es gibt ein Phänomen zu untersuchen.«
Charruta blinzelte träge in die angegebene Richtung. Seine Gedanken schweiften ab. Ein paar Mal hatte er versucht, jene Welt, auf der er Berritz vor langer Zeit abgesetzt hatte, erneut anzufliegen, um Berritz wieder an Bord zu nehmen. Doch das Schiff hatte das verhindert, ebenso wie seinen Plan, das Suchgebiet auf eigene Faust zu verlassen. Inzwischen erübrigte sich ein Besuch bei Berritz, denn dieser musste schon lange gestorben sein.
»Was für ein Phänomen?« Diese sprunghafte Art, sich mit den verschiedensten Dingen zu befassen, war für sein Verhalten typisch geworden.
»Im nächstgelegenen Sonnensystem und in dessen unmittelbarer Nachbarschaft spielen sich seltsame Ereignisse ab«, informierte ihn das Schiff. »Wenn nicht alles täuscht, findet dort ein Einbruch aus einem anderen Kontinuum statt. Es ist eine gewaltige Überlappungsfront entstanden, durch die Energien aus einem anderen Universum in das unsere eindringen.«
Charruta versuchte, das Gehörte zu verarbeiten, aber es gelang ihm nicht ganz.
»Ich verstehe nicht, warum uns das interessieren sollte«, sagte er abweisend. »Schließlich sind wir nicht unterwegs, um kosmische Vorgänge zu untersuchen.«
Charruta als Verteidiger der eigentlichen Aufgabe dieses Schiffes!, dachte er belustigt. Welche Ironie!
Unbeirrt fuhr das Schiff fort: »Im Gebiet der Überlappungszone finden Kämpfe statt. Sie werden zwischen walzenförmigen Schiffen, die durch die Einbruchstelle in unser Universum eindringen, und Kugelraumern aus unserem Raum-Zeit-Kontinuum ausgetragen. Hauptschauplatz dieser Auseinandersetzungen scheint der dritte Planet des betroffenen Sonnensystems zu sein.«
Charruta öffnete den schnabelförmigen Mund. Er fühlte sein Alter wie ein körperliches Gewicht auf sich lasten. Informationen wie die gerade gehörten hätten ihn vor nicht allzu langer Zeit noch elektrisiert. Nun war er zu müde, um sich davon aktivieren zu lassen.
»Du erwartest doch nicht, dass wir uns dem Kampfgebiet nähern?«, fragte er erstaunt.
»Es ist offensichtlich, dass dort Wesen operieren, die wir bisher in diesem Sektor nicht beobachten und untersuchen konnten«, gab das Schiff zurück.
Charruta stellte sich vor, wie er mit seinem Schiff zwischen feuernden Raumern hin und her huschte, um die Individualschwingungen der Kämpfenden anzumessen. Der Gedanke erschien ihm ebenso abenteuerlich wie absurd.
»Es wäre ein zu großes Risiko«, gab er zu bedenken.
»Zur Erreichung unseres Zieles ist das jeweils höchste Risiko einzugehen«, belehrte ihn das Schiff in einer Art und Weise, als lese es irgendwelche Bestimmungen von einem Vordruck ab.
»Das heißt«, sagte Charruta fatalistisch, »dass wir in jedem Fall dorthin fliegen.«
»Ja«, bestätigte sein robotischer Gesprächspartner.
Charruta stand umständlich auf. Seine abgenutzten Gelenke knackten, als er seinen Raumanzug aus der Wandnische nahm und ihn anlegte. Diese Sicherheitsmaßnahmen waren ihm in Fleisch und Blut übergegangen, deshalb kam er ihnen nach.
Innerhalb des schweren Anzugs kam er sich wie ein aufgeblasener Ballon vor, kaum, dass er noch in seinen Sitz vor den Kontrollen passte. Auf dem Bildschirm begann es zu lodern, in der Nähe der gelben Sonne, auf die das Schiff nun zuraste, klaffte ein leuchtender Spalt mit wabernden Außenrändern wie das Riesenmaul eines alles verschlingenden Ungeheuers. Im Zentrum der Öffnung glühte es dunkelrot. Der phantastische Anblick schlug den Gargamanen in den Bann und ließ alle Gleichgültigkeit von ihm abfallen. Wenn sie dort in diesem System auch nicht finden würden, was sie suchten, so würde es doch faszinierend sein, Wesen aus zwei verschiedenen Universen miteinander ringen zu sehen.
Ein neues Geräusch ließ den Gargamanen seine Beobachtungen unterbrechen. Es waren rhythmische Töne, die aus den Lautsprechersystemen der Ortungsanlagen kamen, Töne, wie sie an Bord dieses Schiffes noch niemals erklungen waren.
Und doch war das Schiff einzig und allein zu dem Zweck gebaut worden, diese Töne zu empfangen.
Der Triumph flutete als ein Schwall wilder Empfindungen durch Charrutas alten Körper, ließ ihn aufspringen und einen Schrei ausstoßen.
»Schiff!«, krächzte er. »Hörst du es, Schiff?«
»Ja«, sagte der Roboter gleichmütig. »Natürlich höre ich es.«
Charruta taumelte auf die Kontrollen zu und stützte sich schwer darauf.
»Wir haben ihn gefunden!«, schrie er in äußerster Erregung. »Wir haben einen der beiden potentiellen Träger gefunden. Ausgerechnet wir haben es nach so langer ...« Seine Stimme versagte, in seinem Innern krampfte sich alles zusammen. Er kippte zurück und fiel schwer in den Sitz. Sein müdes Herz war der Gefühlsaufwallung nicht mehr gewachsen.
Noch einmal raffte er sich auf, seine Augen verschleierten sich.
»Dieser Träger«, flüsterte er mit äußerster Anstrengung, »befindet sich unter den Kämpfenden. Weißt du, was das bedeutet, Schiff?«
Das Schiff schwieg, denn es drang in das Gebiet ein, in dem die Kämpfe am heftigsten tobten, und war daher vermutlich gezwungen, alle Einheiten auf die äußere Umgebung einzusetzen.
Charruta konnte nicht mehr sprechen, er spürte den letzten Funken Leben aus seinem Körper strömen.
Seine letzten Gedanken waren:
Es bedeutet, dass der Augenblick des höchsten Triumphs zum Augenblick der schrecklichsten Niederlage werden kann – wenn der potentielle Träger getötet wird, bevor er den Zellaktivator erhält.
Charrutas Bewusstsein erlosch, und das Schiff machte sich daran, den letzten Teil der Aufgabe im Alleingang zu übernehmen. Es musste die Zentrale informieren und den Zellaktivator für die Übergabe anfordern.
*
Jedes Mal, wenn Carfesch aus dem Sammelbewusstsein von ES ausschied, um zu manifestieren, tat er es in seiner ursprünglichen Körperform, ohne dass er dabei verhindern konnte, dass ihm dieser Körper immer fremder und unvorteilhafter erschien. Carfesch hatte an der vergeistigten kollektiven Lebensform, die die Superintelligenz ES darstellte, so viel Gefallen gefunden, dass er den Bewusstseinsblock nur äußerst ungern verließ. Er sah jedoch ein, dass er besser als jede andere Bewusstseinsform dazu in der Lage war, die Suche nach den Trägern für die beiden speziellen Zellaktivatoren zu koordinieren.
Er versuchte sich daran zu erinnern, wie oft er schon umsonst verstofflicht worden war. Fehleinschätzungen hatten immer wieder zu Erfolgsnachrichten geführt, die sich im nachhinein als unrichtig erwiesen hatten.
Diesmal jedoch bestanden keine Zweifel mehr daran, dass einer der beiden potentiellen Träger entdeckt worden war, nach einer so langen Zeit, dass Carfesch sich kaum noch daran zu erinnern vermochte, wann die Suche eigentlich begonnen hatte.
Zusammen mit Begleiter II verließ Carfesch die Kuppel, um sich zu dem gerade landenden Robotschiff zu begeben, das einen Teil des Auftrags nach so langer Zeit erfolgreich zu Ende geführt hatte. Obwohl Carfesch schon viele dieser von ES eingesetzten Schiffe gesehen hatte, riefen sie immer wieder das Interesse seines technisch geschulten Verstandes hervor. Er beobachtete, wie das asymmetrisch geformte Gebilde mit den zahlreichen Auswüchsen an den Bordwänden lautlos auf dem freien Platz im Zentrum der Stadt aufsetzte. Die Planetenhälfte befand sich noch immer auf ihrem einsamen Kurs durch die Mächtigkeitsballung der Superintelligenz.
»Soll ich vorgehen?«, erkundigte sich Begleiter II. »Es ist immerhin möglich, dass das Schiff während seines langen Fluges erhebliche Beschädigungen erlitten hat, die einen Besuch an Bord nicht ungefährlich erscheinen lassen.«
»Du vergisst offenbar, dass mein Körper mehr oder weniger eine Fiktion ist, aus der ich mich in Augenblicken der Gefahr jederzeit zurückziehen kann«, lächelte Carfesch. In ihm erwachte wieder etwas von seiner alten Mentalität und veranlasste ihn, das Gebaren eines Diplomaten an den Tag zu legen. Er besann sich jedoch rechtzeitig darauf, wie lächerlich ein solches Verhalten war.
Vor Carfesch öffnete sich die runde Schleuse des Schiffes, und der ehemalige Gesandte der Kosmokraten trat ein. Obwohl keinerlei Abnutzungserscheinungen sichtbar waren, empfand er doch die gewaltigen Zeitspannen, die in den Räumen des Schiffes ihren Niederschlag gefunden hatten. Gedanken und Gefühle längst verstorbener Besatzungsmitglieder befanden sich gleichsam wie unsichtbare Gravuren dramatischer Schicksale in den stählernen Wänden des Schiffes.
Begleiter II war in der Schleuse stehen geblieben, ein einsamer Aufpasser, dessen Carfesch sich in diesem Augenblick überhaupt nicht bewusst war.
»Hallo, Schiff!«, sagte Carfesch. »Ich hoffe, du kannst mich verstehen.«
»Ich verstehe dich«, antwortete der Roboter prompt.
Carfesch hätte fast den Fehler gemacht, das Schiff zu beglückwünschen.
»Ich möchte alle Koordinaten des Sektors, in dem der Träger gefunden wurde«, sagte er. »Daneben benötige ich alle Informationen über die Person des Trägers.«
Das Schiff begann, eine Reihe von Entfernungsangaben und Positionsdaten herunterzuleiern. Dann sagte es: »Das Wesen, das wir gefunden haben, ist ein Arkonide und nennt sich Atlan.«
Carfesch erfuhr alles, was das Schiff über diesen Atlan wusste. Die Bedingungen, unter denen Atlan gefunden worden war, schienen dem gespannt zuhörenden Carfesch alles andere als normal zu sein.
»Hast du dem Träger die Botschaft von ES übermittelt, ohne einen Fehler zu machen?«, fragte er schließlich das Schiff.
»Ja«, lautete die Antwort.
»Wiederhole sie«, forderte Carfesch den Roboter auf, denn er wollte sicher sein, dass es nicht zu Missverständnissen kommen konnte.
Nach einer kurzen Pause, die er vermutlich zur Durchsicht seiner Speicher benötigte, sagte der Roboter: »Ich bin beauftragt worden, dir zum Zweck einer ständigen Zellkernregeneration einen Mikroaktivator zu überreichen.« Carfesch hörte aufmerksam zu, bis das Schiff den ersten Teil der Botschaft mit den Worten beendete: »Ich werde deine individuellen Schwingungen auf den Zellaktivator übertragen.«
Carfesch verglich den aufgesagten Text mit seinem eigenen und konnte keine Fehler feststellen.
»Und nun den zweiten Teil«, forderte er das Schiff auf.
Diesmal begann das Schiff sofort zu sprechen. Es beendete die Wiederholung der Botschaft mit den Sätzen: »Mein Erbauer ist nicht befugt, direkt einzugreifen. Er gibt dir damit die Gelegenheit, in seinem Sinn zu handeln.«
»Gut«, sagte Carfesch zufrieden.
Er versuchte sich vorzustellen, wie dieses Wesen, das sich Atlan nannte, wohl auf diese Botschaft reagiert haben mochte. Dieser Atlan war unvermittelt mit Ereignissen von kosmischer Bedeutung konfrontiert worden. Besaß er überhaupt die psychische Stabilität, um damit fertig zu werden?
»Entsprechend meinem Auftrag habe ich Atlan zusätzlich einige Konstruktionsunterlagen überreicht«, sagte der Roboter.
Carfeschs strohgelbes Gesicht verzog sich zu einer Grimasse. Er wusste, dass es sich um Konstruktionspläne für eine gefährliche Waffe handelte, und das machte ihn betroffen. Doch es war schließlich nicht seine Idee gewesen, einen der beiden potentiellen Träger auf diese Weise auszurüsten. ES musste wissen, was es tat.
Er unterhielt sich noch über die verschiedensten Aspekte der Begegnung des Roboters mit Atlan irgendwo im Seitenarm einer Galaxis, die zur Mächtigkeitsballung von ES gehörte, dann kehrte er zusammen mit Begleiter II in die Kuppelhalle zurück. Es wäre ihm nicht verwehrt worden, seine Körperprojektion sofort zu verlassen und in den Bewusstseinsblock von ES zurückzukehren, aber er ließ sich damit Zeit und hockte sich auf den Boden der Halle, um ungestört nachzudenken.
Schließlich empfing er einen Gedanken von ES.
Was beschäftigt dich, Carfesch?
Ganz gegen seine sonstige Gewohnheit sprach er die Antwort aus: »Der Gedanke an den zweiten Träger und ob wir ihn jemals finden werden.«
Ich bezweifle es nicht, meinte ES telepathisch. Jetzt, da unserer Suche endlich ein Teilerfolg beschieden war, kann es nicht mehr lange dauern, bis der zweite Aktivator der Kosmokraten seinen Adressaten erreicht.
Es war eine der wenigen Prophezeiungen der Superintelligenz, die sich nicht erfüllten.
Eine schier unvorstellbar lange Zeit – zehntausend Jahre irdischer Zeitrechnung – sollte vergehen, bis die Suche erfolgreich abgeschlossen werden konnte.
Und auf jene, die den zweiten Träger finden würden, wartete ein Schock.
Graffiti
Sein Name ist Standing Bear. Auf seine Lanze gestützt, steht er auf dem hartgetrampelten Boden vor seinem Tipi. Sein Körper ist geschwächt von Alkohol, die Augen haben ihr Feuer verloren. Obwohl er Mühe hat, nicht zu schwanken, drückt seine Haltung eine Würde aus, die sich über alles, was ringsum geschieht, erhebt.
Zwei Männer, die ihn gierig, aber auch mit einer gewissen Scheu betrachten, halten ihm ein schmieriges Papier vor das Gesicht.
»Dies ist der Kontrakt, Standing Bear«, sagt einer der beiden Männer. »Du hast dein Zeichen darunter gesetzt.«
»Ja«, sagt Standing Bear, ohne den Fetzen Papier anzusehen. »Dies ist mein Zeichen.«
»Du wirst dich also mit deinem Volk wieder in das Reservat zurückziehen?«
Standing Bear schweigt und blickt über dieses weite Land, das er unter seinen Füßen spürt und das er nun verloren hat.
Die Suche – Teil II
So riesig die KORKOOR-AAR auch war – für ihren Kommandanten Jynker Rook bestand sie nur noch aus der Zentrale und einem Teil des tief in das Schiff führenden Hauptkorridors, denn alle anderen Räume waren inzwischen vom Feind erobert worden. Das letzte Stück des Hauptkorridors war hochgradig radioaktiv verseucht und angefüllt mit den Überresten der Schutzanzüge, die die Faadenwarner konstruiert hatten, um damit in die Zentrale einzudringen. Die überall herumliegenden grotesken Gebilde waren stumme Zeugen für die Aggressivität des Gegners – und für seine zunehmende Intelligenz.
Jynker Rook warf einen letzten Blick auf den Bildschirm, über den er diese Todeszone beobachten konnte, und überzeugte sich, dass im Augenblick kein Angriff drohte. Er wusste nicht, wie viele Faadenwarner inzwischen an Bord des Schiffes lebten, aber sicher waren es einige tausend. Als die KORKOOR-AAR vor langer Zeit zu ihrer Mission gestartet war, hatten dreitausend Artgenossen Jynker Rooks an Bord gelebt und bestenfalls ein halbes Dutzend Faadenwarner, damals noch naive Spielgefährten einiger junger Raumfahrer.
Rook tappte schwerfällig zur Strahlendusche und schleuste sich unter sorgfältiger Beachtung aller Sicherheitsvorschriften ein. Das Duscheninnere war der einzige Platz in dem von Rook noch kontrollierten Teil des Schiffes, der noch nicht strahlenverseucht war und in dem der Kommandant den unbequemen Schutzanzug ablegen konnte. Früher hatte er regelmäßig geduscht, doch seit er befürchten musste, dass die Faadenwarner einen solchen Augenblick für einen Angriff nutzen könnten, wählte er die Erholungszeiten willkürlich, denn je berechenbarer seine Aktionen wurden, desto leichter konnte er besiegt werden.
Jynker Rook war ein gepanzerter Koloss, ein bulliger Nachkomme der für einen Einsatz auf Welten mit hoher Gravitation genetisch manipulierten Druisen. Dass er Kommandant war, verdankte er dem Umstand, dass es außer ihm keine regulären Besatzungsmitglieder mehr an Bord gab; bei voller Besatzungsstärke hätte er bestenfalls bis zum Hangarleiter aufsteigen können.
Rook versiegelte das Schleusentor von innen und überprüfte alle Instrumente, bevor er schließlich seinen Schutzanzug öffnete und sich herausschälte. Ein sensiblerer Druise als er hätte vermutlich längst aufgegeben und den Freitod gewählt, und so war es (vom Standpunkt des Auftraggebers, der die KORKOOR-AAR auf die Reise geschickt hatte) ein Glücksfall, dass Rook der letzte Überlebende der regulären Besatzung war.
Der Kommandant streckte und reckte sich, er genoss diese wenigen Augenblicke einer körperlichen Freiheit, auf die er gewöhnlich verzichten musste. Feuchte Dämpfe umspülten ihn, während der Anzug in einer Wirbelanlage gereinigt wurde. Die Radioaktivität war keine seiner Verteidigungsmaßnahmen, sondern ein Relikt des letzten entscheidenden Kampfes einer Handvoll Druisen gegen die Faadenwarner. Die Raumfahrer unter der Führung von Zaagyn Toor hatten damals versucht, einen Durchbruch von der Zentrale zum Bordobservatorium zu schaffen. Sie waren gescheitert und waren getötet worden. Die Faadenwarner mussten es verstanden haben, weite Teile der KORKOOR-AAR von der Strahlung abzuschirmen, anders waren ihre geringen Verluste kaum zu erklären. Jynker Rook war damals als Bewacher der Zentrale zurückgeblieben und hatte als einziger Druise in diesem sich nun über lange Zeit erstreckenden Kampf überlebt.
Wenn Jynker Rook zurückdachte, erschien es ihm noch immer unvorstellbar, dass die Faadenwarner diese Auseinandersetzung gewonnen hatten. Lange Zeit hatte der Gegner es verstanden, seine erlangte Intelligenz vor der Besatzung zu verbergen. Die Druisen hatten die explosionsartige Vermehrung der Faadenwarner zunächst begrüßt, denn jedes der neugeborenen Wesen war ein willkommener Spielgefährte für die von Langeweile geplagten Raumfahrer gewesen.
In einer Schlafperiode der Druisen hatten die Faadenwarner dann zugeschlagen, und es war eher einem Zufall zu verdanken gewesen, dass die in der Zentrale befindlichen Besatzungsmitglieder nicht von diesem Überfall überrascht und dabei wie ihre Artgenossen in den anderen Sektoren des Schiffes getötet worden waren.
Rooks breiter Schuppenschwanz, auf den er sich in Ruhestellung zu stützen pflegte, zuckte vor Erregung hin und her. Ein Grollen kam aus seinem mächtigen Brustkasten, voller Zorn und Hass. In solchen Augenblicken musste er an sich halten, nicht aus der Zentrale auszubrechen und sich auf den ersten Faadenwarner zu stürzen, der ihm vor die Augen kam. Vermutlich hätte er bei einer solchen Aktion den einen oder anderen Gegner töten können, aber danach hätte er keine Chance mehr gehabt, sich wieder in die Zentrale zurückzuziehen.
Dass er in seiner Situation nicht zum letzten Mittel griff und mit der Selbstvernichtungsanlage der KORKOOR-AAR das Schiff, die Faadenwarner und sich selbst auslöschte, hing mit dem ursprünglichen Auftrag der Besatzung zusammen: der Suche nach einem ganz bestimmten Lebewesen, das vielleicht in diesem Raum und in dieser Zeit lebte. Wenn Jynker Rook wegen seiner misslichen Lage auch kaum noch Zeit hatte, über diesen Auftrag nachzudenken oder gar etwas zu seiner Erfüllung zu tun, so war er tief in seinem Unterbewusstsein noch immer von seiner Bedeutung überzeugt. Dies, obwohl er genau wusste, dass die KORKOOR-AAR nur eines in einem Schwarm der unterschiedlichsten Suchschiffe und er nur einer in einer unvorstellbar großen Armee von Suchenden war.
Im Innern der Dusche leistete Rook sich den Luxus, über solche Dinge nachzudenken. Ohne diese Möglichkeit der Entspannung wäre er vermutlich bereits psychisch zusammengebrochen.
Länger als gewöhnlich blieb er diesmal in der Dusche. Müdigkeit machte sich in ihm breit, obwohl ihn die wohltuende Wärme eigentlich hätte beleben sollen.
Plötzlich hörte er ein Geräusch.
Es kam eindeutig von außerhalb der Dusche. Er fuhr zusammen und richtete sich dann in der für Angehörige seines Volkes typischen Alarmstellung auf, um zu lauschen.
Die Faadenwarner!, schoss es ihm durch den Sinn, und Panik ergriff von ihm Besitz. Sie haben die Gunst der Stunde genutzt und sind in einer neukonstruierten Schutzvorrichtung in die Zentrale eingedrungen.
In Gedanken hatte er eine derartige Situation vielleicht tausendmal durchgespielt und war dabei doch immer wieder nur zu einem Ergebnis gekommen – dass sie die Niederlage und den Tod bedeuten würde.
Mit einem Griff riss er die Wirbelanlage auf und zog den tropfnassen Schutzanzug heraus. Vielleicht, dachte er mit aufkeimender Hoffnung, hatte er noch eine Chance, wenn die Faadenwarner nur mit einem kleinen Stoßtrupp bis zum ersehnten Ziel vorgestoßen waren. Dann konnte er sie zurückwerfen und versuchen, das Leck in seiner Abwehr wieder zu schließen. Die Aussicht, dass es wirklich so sein könnte, war so gering, dass Jynker Rook in seiner seelischen Not qualvoll aufschrie.
Hastig schlüpfte er in den Schutzanzug. Die Strahlendusche besaß keine optische Verbindung nach draußen, so dass der Druise nicht sehen konnte, was in der Zentrale vorging.
Rook schloss den Anzug; die Bewegungen waren ihm so in Fleisch und Blut übergegangen, dass er auch diesmal keine Fehler dabei machte, obwohl seine Klauen zitterten. Er ergriff den schweren Mörser, den er auf einer Bank abgelegt hatte. Es war eine der wenigen Waffen, die noch einsatzbereit waren.
Zögernd begab er sich in die Schleuse. Der Gedanke daran, was sich wahrscheinlich auf der anderen Seite der stählernen Wand abspielte, beherrschte ihn. Mechanisch betätigte er die Schaltungen, die die Schleuse aufgleiten ließen. Er hob den Mörser und war bereit, die Waffe unverzüglich abzufeuern, obwohl er mit einem einzigen Schuss nicht nur eventuelle Gegner getroffen, sondern auch die Zentrale in Schutt und Asche gelegt hätte.
Die Schleuse öffnete sich und gab den Blick auf die Zentrale frei.
Rooks Klaue zuckte vom Auslösemechanismus des Mörsers zurück – der Raum vor ihm lag verlassen da, nicht ein einziger Faadenwarner war zu sehen.
Rook brummte überrascht und stürmte, die Waffe noch immer im Anschlag, aus der Schleuse heraus. Der Bildschirm zeigte die verseuchte Zone des Hauptkorridors, ebenso verlassen wie die Zentrale.
In diesem Augenblick wiederholte sich das Geräusch.
Es war ein durchdringendes Schrillen, das von den Bordinstrumenten ausging.
In Rooks Bewusstsein brachen die verkrusteten Barrieren seines einsamen Überlebenskampfes zusammen und ließen die Erinnerung an die Bedeutung dieses Signals übermächtig werden.
»Das Signal!«, brüllte er in die Stille der Zentrale. »Das ist das Signal!«
Beinahe gleichzeitig wurde ihm bewusst, wie sinnlos es für ihn war, dass er das Signal hier und jetzt hörte, und in beschreiblicher Wut und Enttäuschung hämmerte er mit der freien Klaue auf die Instrumente ein, bis sie unter seinen Hieben zerbrachen und verstummten.
*
Für den im Grunde genommen unwahrscheinlichen Zufall, dass es Erfolg haben sollte, besaß jedes Suchschiff eine Einrichtung, die es der Besatzung ermöglichen sollte, eine Nachricht an die unbekannte Zentrale der Suchaktion zu schicken. Die Zentrale würde dann dafür sorgen, dass der Zellaktivator herbeigeschafft und an den potentiellen Träger übergeben wurde.
Weitere Einzelheiten waren auch Jynker Rook nicht bekannt, und sein Dilemma bestand ausschließlich darin, dass sich der Impulssender der KORKOOR-AAR nicht im Kommandoraum des Schiffes, sondern in einem von den Faadenwarnern kontrollierten Sektor befand.
Obwohl seine Informationen, die mit der Suche zusammenhingen, mehr als spärlich waren, wusste der Druise, wie gering die Wahrscheinlichkeit war, dass ein anderes Suchschiff noch einmal das Glück haben und das Signal, das auf die Nähe des potentiellen Trägers hinwies, empfangen würde – genau gesagt, bestand diese Wahrscheinlichkeit überhaupt nicht.
Seine eigene Lage erschien Rook wie eine kaum noch zu überbietende Ironie des Schicksals, und er fragte sich, ob er in der Lage sein würde, als einzelnes Wesen der Last der ihm nun aufgebürdeten Verantwortung standzuhalten.
Die Bildschirme der Außenbeobachtung waren dunkel, seitdem die Faadenwarner das Bordobservatorium besetzt hielten, so dass Rook nicht in der Lage war, festzustellen, wie das Gebiet aussah, in dem die KORKOOR-AAR gerade operierte.
Rook konnte also nicht einmal Spekulationen darüber anstellen, wo der potentielle Träger sich befinden mochte.
Nachdem sich seine Erregung ein wenig gelegt und er sich wieder unter Kontrolle hatte, begann er darüber nachzudenken, ob es nicht eine Möglichkeit gab, doch noch im Sinn des unbekannten Auftraggebers der Druisen zu handeln.
Der Impulssender, den er entsprechend seiner Aufgabe nun hätte aktivieren müssen, stand im Bordobservatorium, genau drei Decks tiefer als die Zentrale an der äußersten Schiffshülle. Er hätte ebenso gut viele Lichtjahre weit entfernt sein können, denn Rook war sich darüber im Klaren, dass er allein nicht schaffen konnte, was Zaagyn Toor und seiner Gruppe misslungen war.
Die Faadenwarner wussten vermutlich nichts von der ursprünglichen Aufgabe des Schiffes, die mutierten Nachkommen der einst zum Zeitvertreib der Besatzung an Bord genommenen Wesen hatten einzig und allein die Eroberung der KORKOOR-AAR im Sinn. Jynker Rook wünschte, er hätte etwas über die Mentalität seiner Gegner gewusst. Äußerlich unterschieden sie sich kaum von ihren Vorfahren, sie wirkten noch immer possierlich und verspielt, ein Umstand, der Rook zusätzliche psychologische Probleme bereitete.
Der Kommandant begann mit der Überprüfung der gesamten Ausrüstung, die ihm noch zur Verfügung stand. Er fragte sich, ob er nicht unter Einsatz aller Mittel die Strecke von der Zentrale bis zum Bordobservatorium einmal bewältigen konnte. Diese Strategie kalkulierte das Opfer des eigenen Lebens ein.
Während er seine Besitztümer vor sich aufbaute, registrierte er aus den Augenwinkeln eine Bewegung auf dem Bildschirm. Er wandte seine Aufmerksamkeit den Kontrollen zu und sah, dass ein Faadenwarner im verseuchten Teil des Hauptkorridors auftauchte. Das Wesen steckte in einem plumpen Panzer, so dass von seinem Körper nichts zu erkennen war. Rook begab sich an die Schalttafel und aktivierte die am Außenschott angebrachten Waffen. Er wunderte sich, dass dieser Faadenwarner allein im Gang aufgetaucht war, denn im allgemeinen rottete sich der Feind in Gruppen zusammen.
Rook schaltete den Interkom ein.
»Ich kann dich sehen«, sagte er hasserfüllt. »Wenn du noch ein paar Schritte machst, wirst du so enden wie alle anderen vor dir.«
Er hatte schon oft in dieser Weise zu den Belagerern gesprochen, aber niemals eine Reaktion erzielt. Entweder verstanden die Faadenwarner trotz ihrer Intelligenz die Sprache der Druisen nicht, oder sie weigerten sich ganz einfach, mit dem Gegner zu reden.
Zumindest erzielte Rooks aus den Lautsprechern dringende Stimme eine Wirkung – der Faadenwarner hielt inne.
Rook dachte angestrengt nach. Wenn er um den Besitz der Zentrale ein Scheingefecht entfesselte, konnte er die Aufmerksamkeit der Faadenwarner vielleicht von sich ablenken. Er besaß genügend automatische Waffen, die auch ohne seine Anwesenheit funktionierten. Die Frage war nur, wie lange auf diese Weise die Erstürmung der Zentrale verhindert werden konnte. Die Zentrale besaß nur diesen einen Ausgang, aber Rook traute sich zu, durch die Klimaanlage kriechend einen anderen Raum zu erreichen. Von dort aus musste er sich zum Bordobservatorium schleichen, bevor die Faadenwarner herausfanden, dass die Zentrale aufgegeben worden war.
»Ich wünschte, wir könnten miteinander reden«, sagte Rook, um Zeit zu gewinnen. »Aber vielleicht verstehst du mich überhaupt nicht, du kleines Ungeheuer.«
Er beobachtete, dass der Faadenwarner damit begann, irgend etwas im Korridor aufzustellen. Dieser Vorgang bedeutete allerhöchste Gefahr. Rook reagierte jedoch nicht so, wie es sein Sicherheitsbedürfnis verlangt hätte, denn in diesem Augenblick hatte er sich dazu durchgerungen, sein Leben für den Versuch einzusetzen, das Bordobservatorium zu erreichen.
Hastig justierte er die automatischen Waffen. Dann band er den Mörser an seiner Brust fest, wo dieser ihn beim Durchqueren der Luftschächte am wenigsten behindern würde. Rook schätzte, dass die Faadenwarner zur Ausführung dessen, was sie vorhatten, ein paar Minuten benötigen würden. Erst danach würde der eigentliche Angriff erfolgen. Zu diesem Zeitpunkt würden Rooks Waffen in Aktion treten. Rook selbst wollte dann bereits die Hälfte seines beschwerlichen Weges zurückgelegt haben.
Inzwischen arbeitete der Faadenwarner im Hauptkorridor unverdrossen weiter. In Rooks Augen handelte es sich um einen potentiellen Selbstmörder, denn trotz seines Panzers hätte er einem konzentrierten Angriff des letzten regulären Besatzungsmitglieds kaum standhalten können. Rook hatte in der Vergangenheit bereits oft erlebt, dass die Faadenwarner offenbar recht fatalistisch waren, wenn es um ihre Existenz ging.
Als Jynker Rook die Klappe vom Schacht nahm und mühsam in die Öffnung in der Wand kletterte, wusste er, dass es nun kein Zurück mehr für ihn gab. Er zog die Klappe hoch und befestigte sie notdürftig von innen, so dass sein Fluchtweg nicht ohne weiteres zu erkennen sein würde. Innerhalb des dunklen Schachtes überfiel ihn zunächst ein Gefühl der Beklemmung, und er glaubte ersticken zu müssen. Die rhythmischen Geräusche seines Sauerstoffaggregats beruhigten ihn jedoch schnell, und er schob sich unverdrossen durch den engen Luftkanal. Im stillen zählte er die verstreichenden Zeiteinheiten, um genau darüber informiert zu sein, wann hinter ihm das Inferno losbrechen würde.
Nur allmählich wurde er sich voll und ganz der Konsequenzen seiner Tat bewusst. Er hatte den letzten Raum an Bord, der ihm eine Überlebenschance bot, endgültig verlassen. Damit hatte er sein eigenes Todesurteil gesprochen.
Er konnte jetzt nur noch hoffen, dass er für diesen Einsatz durch die Erreichung seines Zieles belohnt wurde.
Längst bereute Rook seinen spontanen Entschluss. Es war jedoch müßig, die eigene Handlungsweise zu bedauern, denn sie ließ sich nicht mehr korrigieren.
Genau wie er vorausberechnet hatte, traten seine Robotwaffen in Aktion, als er sich in der Mitte des Schachtes befand. Rook registrierte eine schwache Erschütterung, die durch das Schiff lief. Das war natürlich eine Täuschung, denn die Vibrationen fanden nur in der Zentrale und in ihrer Peripherie statt. Der Druise versuchte sich vorzustellen, wie der Kampf sich nun entwickelte.
Unangefochten erreichte er das Ende des Schachtes. Es bereitete ihm in der Enge dieser Umgebung einige Schwierigkeiten, den Mörser von der Brust zu lösen und zu entsichern. Rooks Körperkraft reichte nicht aus, um die Klappe an der Mündung des Schachtes mit den Armen aufzustoßen, er musste sie zerschießen. Dies war der schwierigste Teil seines Unternehmens – und zwar in doppelter Hinsicht. Einmal musste er damit rechnen, dass in der Nähe befindliche Faadenwarner auf ihn aufmerksam wurden, und zum anderen bestand die Gefahr, dass die im Schacht gestaute und zurückschlagende Energie seinen Schutzanzug beschädigte.
Aber Rooks Weg ließ an keiner Stelle irgendwelche Alternativen zu, und so schoss der Kommandant, ohne zu zögern.
Die Wirkung übertraf noch Rooks Erwartungen. Der Schacht wurde an seinem Ende über eine Länge von mehreren Metern aufgerissen und seine Trümmer in den dahinter liegenden Raum katapultiert. Hätten sich dort tatsächlich Faadenwarner aufgehalten, wären sie auf der Stelle getötet worden. Der Rückschlag trieb Rook ein ganzes Stück in den Schacht zurück, und dort blieb er eine Zeitlang wie betäubt liegen. Als der Qualm sich verzog, kroch Rook über das zerstörte Endstück des Ganges und kletterte über verbogene Verstrebungen und zerfetzte Wände auf den Boden des Raumes, der, wie Rook wusste, früher einmal als Gemeinschaftskabine gedient hatte.
Rook umklammerte den Mörser und schaute sich kampfbereit um. Es war jedoch niemand zu sehen. Der Kommandant rannte zur Tür und stieß sie mit dem Fuß auf. Vor ihm lag ein schmaler Seitengang. Er trat hinaus und blickte nach beiden Seiten. Der Gang war verlassen. Rook verließ sich nicht darauf, dass sein Glück ihm treu bleiben würde, sondern ging davon aus, dass viele Faadenwarner das explosionsartige Geräusch gehört hatten und auf dem Weg hierher waren. Er stürmte durch den Gang, bog nach rechts ab und gelangte durch drei dicht hinter einander angeordnete Schotte in einen der vielen Maschinenräume, die von den Erbauern des Raumschiffs rings um die Zentrale angelegt waren. Die KORKOOR-AAR bestand aus zwei riesigen, mit ihren flachen Seiten zueinander stehenden Halbkugeln, die durch einen Zylinder mit einem Durchmesser von fünfhundert Meter miteinander verbunden waren. Eine der beiden Komponenten war lediglich ein gigantisches Depot, während die zweite, in der sich Rook nun aufhielt, das eigentliche Schiff darstellte.
Die Decks der KORKOOR-AAR waren durch Lifte und Antigravschächte miteinander verbunden, aber Rook dachte nicht daran, einen dieser leicht überschaubaren Wege zu wählen. Er musste drei Decks tiefer gelangen, und dieses Ziel gedachte er durch das über das ganze Schiff verteilte Notröhrensystem zu erreichen.
Hinter dem Maschinenraum, den Rook nun durchquerte, lag eine von unzähligen Einstiegluken in das Notröhrensystem. Auch in der Zentrale gab es mehrere solcher Luken, aber der Kommandant zweifelte nicht daran, dass die dazugehörigen Röhren schon längst von den Faadenwarnern zerstört worden waren.
Rook war schon fast ein bisschen sorglos, als er den Maschinenraum verließ und das erste von insgesamt zwölf Schiffslabors betrat. Seine Zuversicht wurde jedoch jäh unterbrochen. Auf der gegenüberliegenden Seite des hallenähnlichen Labors tauchten sechs Faadenwarner auf, zweifellos, um die Luken zu besetzen. Das bedeutete, dass der Gegner Rooks Abwesenheit in der Zentrale bereits entdeckt hatte oder zumindest in seine Pläne einkalkulierte.
Trotz seiner nachlassenden Anspannung reagierte Rook zuerst. Er feuerte den Mörser ab, und unter den Salven wurde ein Teil der Laboreinrichtung regelrecht pulverisiert. Rook konnte nicht feststellen, ob er auch Treffer bei den eigentlichen Zielen landete, denn das Labor war innerhalb von Sekunden ein Chaos aus Rauch und Flammen. Daran jedoch, dass das Feuer erwidert wurde, konnte Rook erkennen, dass zumindest einige seiner Widersacher noch handlungsfähig waren. Der Druise hatte sich die Position der Einstiegluke eingeprägt und stürmte nun darauf zu. Er riss sie auf und warf sich in die Röhre. Die halborganische Beschichtung auf der Innenseite bremste seinen Fall und besprühte ihn mit Sekreten, die Brandwunden heilen und gleichzeitig positiv auf seinen psychischen Zustand wirken sollten, angesichts seines Schutzanzugs ein illusorischer Vorgang.
Rook warf den Kopf zurück und starrte nach oben, wo er jeden Augenblick das Gesicht eines Faadenwarners auftauchen zu sehen erwartete. In dieser Situation konnte die Röhre zu einer tödlichen Falle werden. Eine einzige von den Faadenwarnern in die Röhre geworfene Bombe konnte das bewirken.
Doch Rook erreichte das tiefer gelegene Deck, ohne dass etwas Derartiges geschah. Getreu der Überzeugung, dass es falsch war, das Glück weiter herauszufordern, verließ Rook die Röhre, obwohl sie ihn bis zu einem Außenhangar gebracht hätte. Der Kommandant rannte in einen Seitengang, um eine andere Röhre aufzusuchen. Hinter ihm zerbarst die Röhre in einer dumpfen Explosion und bewies damit die Richtigkeit von Rooks Entscheidung.
Der Druise lachte wild auf. Er hatte seine Furcht verloren und wurde nur noch von einem inneren Zwang beherrscht, das Bordobservatorium zu erreichen. Da die Faadenwarner nichts von der eigentlichen Aufgabe der KORKOOR-AAR wussten, konnten sie auch nicht ahnen, wo Rooks Ziel lag. Vermutlich nahmen sie an, dass er versuchen würde, einen der Hangars zu erreichen und mit einem Rettungsboot von Bord zu fliehen.
Rook erreichte eine andere Röhre, überprüfte sie kurz und drang in sie ein. Er hätte jetzt seinen Anzug öffnen können, denn er befand sich mit Sicherheit nicht mehr im verseuchten Bereich des Schiffes. Er nahm sich jedoch nicht die Zeit dazu. Diesmal verließ er die Röhre im nächsttieferen Deck nicht, sondern ließ sich eine Ebene weiter hinabgleiten.
Das Bordobservatorium war nun so nahe, dass der Gedanke, er könnte doch noch scheitern, Rook fast zur Verzweiflung trieb.
So schnell er konnte, rannte er durch einen Seitengang, bis er den zum Observatorium führenden Hauptkorridor erreichte. Vor ihm wälzten sich zwei Faadenwarner am Boden. Rook sah im letzten Augenblick, dass es sich um balgende Junge handelte, die ihr Spiel nun unterbrachen und den Druisen entsetzt anstarrten. Der Kommandant ließ den Mörser sinken. Die dunklen, feucht schimmernden Augen der Faadenwarner und ihre runden Köpfe ließen sie hilflos erscheinen. Rook wurde unwillkürlich vom Verlangen erfüllt, den Faadenwarnern über die pelzigen Schultern zu streicheln. Das brachte ihm wieder die Gründe für die Katastrophe nahe, die die Besatzung der KORKOOR-AAR ereilt hatte. Er stieß eine Verwünschung aus und eilte weiter.
Die Faadenwarner hatten das Schott zum Observatorium zerstört und so verschweißt, dass der Öffnungsmechanismus nicht mehr funktionierte, als Rook ihn betätigte. Er trat zurück. Das Magazin des Mörsers war fast leergeschossen, und der Druise besaß keine Ersatzmagazine. Er feuerte die letzten Ladungen gegen das Schott ab, legte es in Trümmer und warf den Mörser achtlos weg.
Im Korridor erklangen wütende Rufe. Die Faadenwarner hatten Rook entdeckt und die Verfolgung aufgenommen.
Rook warf sich durch das zerstörte Schott ins Innere des Observatoriums. Er hatte nicht damit gerechnet, dass die Blende über der Transparentkuppel zurückgefahren war, so dass ihn der längst ungewohnte Anblick des Weltraums wie ein Schock traf. Er stöhnte und bewegte sich taumelnd weiter, dorthin, wo sich der Sender befinden musste.
Im Zentrum der Kuppel stand eine gelbe Sonne, vermutlich das Gestirn jenes Systems, von dem das Signal des potentiellen Trägers gekommen war.
Als Rook schließlich vor dem Sender stand, wurde er sich der Tatsache bewusst, dass das, was er nun tun würde, die letzte Handlung seines Lebens sein würde. Er packte zu und zerbrach das Siegel, denn für eine ordnungsgemäße Öffnung blieb keine Zeit mehr. Hinter sich hörte er die Faadenwarner ins Observatorium eindringen. Die ersten Schüsse fielen. Rook kippte getroffen nach vorn, sein Anzug stand in Flammen und begann zu schwelen. Noch im Fallen betätigte Rook den Sender, und im Augenblick des Todes befiel ihn ein Gefühl des Bedauerns darüber, dass er nun nicht mehr erfahren würde, wie diese Suche ausging und welchen tieferen Sinn sie überhaupt besaß ...
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Ob man eine Projektion, die so perfekt war, dass sie sogar die Symbionten beinhaltete, überhaupt noch als eine solche bezeichnen konnte, war ein philosophisches Problem, mit dem Carfesch sich jedes Mal aufs neue auseinandersetzte, wenn er das Bewusstseinskollektiv von ES verließ, um im Auftrag des Geisteswesens bestimmte Aufgaben zu erfüllen.
Diesmal jedoch konnte er sich nicht lange mit Überlegungen über seine eigene Zustandsform aufhalten, denn die Informationen, die ihm zugeführt wurden, waren so ungeheuerlich, dass er zunächst an ihrer Richtigkeit zweifelte.
