Perry Rhodan-Paket 24: Die Endlose Armada (Teil 2) -  - E-Book

Perry Rhodan-Paket 24: Die Endlose Armada (Teil 2) E-Book

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Beschreibung

Das Jahr 427 Neuer Galaktischer Zeitrechnung: In unterschiedlichen Bereichen des Kosmos muss sich die Menschheit großen Herausforderungen stellen. So steht Perry Rhodan mit seiner Galaktischen Flotte nach wie vor in einem aussichtslosen Konflikt gegen die riesige Übermacht der Endlosen Armada. Das Ziel des Terraners ist klar: Er möchte den gigantischen Heerwurm aus Millionen und Abermillionen Raumschiffen zu einer Flotte machen, die für Freiheit und Frieden eintritt. Doch um das zu erreichen, muss er mithilfe von Rebellen ins Zentrum der Armada vorstoßen und die bisherigen Herren stürzen. Und er muss die Superintelligenz Seth-Apophis besiegen, deren Machenschaften immer noch die Menschheit bedrohen. Auf die Bevölkerung der Erde wartet in der Zwischenzeit ein fürchterliches Schicksal: Die Kosmokratin Vishna lässt die Erde und den Mond in den sogenannten Grauen Korridor stürzen. Sieben Plagen kommen auf die Menschheit zu, eine schlimmer als die andere - und nur tatkräftiges Handeln, viel Glück und Hilfe von außen können möglicherweise die Rettung bringen ...

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EPUB

Seitenzahl: 6324

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Nr. 1150

Die große Vision

Es geht um die Zukunft – der Prophet ist bereit, sie zu enthüllen

von Kurt Mahr

Das 427. Jahr NGZ, das dem Jahr 4014 alter Zeitrechnung entspricht, ist angebrochen, und die Menschheit muss nach wie vor an zwei Fronten wachsam und aktiv sein.

Während man auf Terra jederzeit eines neuen Anschlags von Seiten Vishnas, der abtrünnigen Kosmokratin, gewärtig sein kann, sieht die Lage für Perry Rhodan und seine Galaktische Flotte inzwischen wesentlich besser aus. Denn fast alle der rund 20.000 Einheiten, die, von der Endlosen Armada verfolgt, durch den Frostrubin nach M 82 gingen und dabei dem so genannten Konfetti-Effekt unterlagen, haben zusammengefunden und bilden wieder eine beachtliche Streitmacht, zu der auch noch die Expedition der Kranen gestoßen ist.

Und das ist auch gut so, denn die Galaxis M 82, Sitz der negativen Superintelligenz Seth-Apophis, hält genügend unangenehme Überraschungen für die Eindringlinge aus der Milchstraße bereit.

Seth-Apophis selbst hält glücklicherweise noch immer still, und so kann Perry Rhodan sich gegenwärtig voll und ganz der Endlosen Armada widmen und einigen Geheimnissen nachgehen, die von großer Bedeutung zu sein scheinen.

Eines der Geheimnisse hütet der Armadaprophet – und er bietet den Terranern DIE GROSSE VISION ...

Die Hauptpersonen des Romans

Perry Rhodan – Der Terraner erweist sich als guter Schauspieler.

Alaska Saedelaere – Perry Rhodans Begleiter.

Arnulf Höchstens – Ein Techniker der BASIS.

Leo Dürk und Velda Zee – Sie werden für tot gehalten.

Schovkrodon

Prolog

Die Zeit sei gekommen, sagten sie.

Was bedeutete ihm die Zeit? Soweit er sich kannte, war er unsterblich. Zugegeben, diese Einsicht fußte nicht auf solidem, nachweisbarem Wissen; sie war eher eine Ahnung. Aber was sollte es? Selbst wenn die Ahnung falsch war, hatte die Zeit für ihn keine Bedeutung.

Er war indes verpflichtet, sich an den Auftrag zu halten. Er musste gehorchen. Er war Mitglied der Armada, und das Wohl der Armada war identisch mit dem seinen. Eine Epoche neigte sich dem Ende zu, eine neue würde beginnen. Die fünfte, die letzte, hoffte er insgeheim; denn er kannte ebenso wie andere Armadisten die Legende, wonach die Geschichte der Endlosen Armada bei ihrem Bemühen, TRIICLE-9 zu retten, sich in fünf Epochen abspielen solle. Es war Zeit für den Umschwung, und ein Bevorzugter war identifiziert worden.

Er war verwirrt. Über den Kanal, durch den man ihm üblicherweise seine Aufträge vermittelte, hatte er einige Informationen über den Bevorzugten erhalten. Er war ein Fremder? Und trotzdem Träger der Armadaflamme? Wie konnte das sein? In der Vergangenheit waren die Bevorzugten stets aus dem Kreis der Armadisten gekommen. Warum hatte sich das geändert? Und wie kam der Fremde zu einer Armadaflamme? Er hätte gern Rückfragen gestellt und zusätzliche Informationen erbeten. Aber der Kanal, durch den seine Auftraggeber zu ihm sprachen, funktionierte nur in einer Richtung. Die Möglichkeit zu fragen war ihm verwehrt.

Das Spiel begann also von neuem. Er würde sich dem Bevorzugten nähern und sich zu erkennen geben. Er würde ihn einladen, an Bord zu kommen, und ihn gleichzeitig warnen, dass ein Besuch an Bord des Feuersatelliten gefährlich sei. Er konnte ihm die Orte, an denen die Gefahren lauerten, nicht verraten, selbst wenn er das gewollt hätte. Er selbst war nur ein geringfügiger Bestandteil des Satelliten, und die Dinge, die ihn umgaben, waren ihm nur in Umrissen bekannt. Die dienten dem Zweck, die Fähigkeit des Bevorzugten zu prüfen. Fing er sich in einer der Fallen, ging er an einer der Gefahren zugrunde, dann war er es nicht wert, die neue Epoche einzuleiten. Er hatte diese Methode schon immer für barbarisch gehalten; aber sie ging auf eine Idee des Armadaherzens zurück – und wer wollte sich erdreisten, Ordobans Gedanken zu kritisieren?

Noch eines war seltsam an der gegenwärtigen Situation. In der Vergangenheit hatte es stets mehrere Bevorzugte gegeben – Kandidaten für das Amt dessen, dem es bestimmt war, die Endlose Armada in eine neue Epoche zu führen. Unter ihnen war der am besten geeignete ausgewählt worden. Diesmal gab es nur einen einzigen Bevorzugten. Wozu also die Prüfung?,

1.

»Er klopft«, sagte Gucky.

Perry Rhodan warf einen misstrauischen Blick auf den quaderförmigen Behälter, der etwa die Größe einer altmodischen Zigarrenschachtel besaß und auf einem Sims an der Wand ruhte.

»Er wird uns wieder einen neuen Kurs angeben wollen«, meinte er missmutig. »So wie schon dutzendmal während der letzten paar Tage. Einen neuen Kurs für die Jagd nach einem Hirngespinst.«

»Wir brauchen uns nicht nach seinen Angaben zu richten«, sagte Alaska Saedelaere. »Aber anhören sollten wir ihn uns wenigstens.«

Perry musterte sorgenvoll das blasse Gesicht des Freundes. Körperlicher Schmerz spiegelte sich in Alaskas Zügen. Er war nicht mehr derselbe, seit das Cappinfragment verschwunden war und er die Maske abgelegt hatte.

»Also gut, lass ihn raus«, sagte er zu Gucky.

In den vergangenen Tagen hatten sie eine neue Methode entwickelt. In dem kleinen Behälter befand sich ein winziges, annähernd humanoides Geschöpf, dessen Wissen zu neunzig Prozent aus der Erinnerung an eine bestimmte Episode aus der Geschichte der Endlosen Armada bestand. Sobald der Deckel des Behälters geöffnet wurde, gab das Geschöpf, ein Womme, dieses Wissen auf telepathische Art von sich. Derjenige, der das Behältnis in der Hand hielt, wenn der Deckel aufklappte, versank in hypnotischer Starre und war für seine Umwelt nicht mehr ansprechbar, solange der Bericht des Wommes währte. Andere, die sich in der Nähe befanden, vernahmen die Stimme des Wommes ebenfalls; aber die hypnotische Wirkung blieb ihnen erspart. Daher war Gucky zum »Kästchenbewahrer« ernannt worden. Er hielt sich stets in der Nähe des kleinen Behälters auf. Inzwischen hatte der Womme erkannt, dass seine Funktion als Vermittler der Armadageschichte an Bord der BASIS nicht sehr gefragt war. Er war einer von zahllosen Milliarden, die sich an Bord der Schwarzen Pyramide befunden hatten, als diese auf dem Planeten Spinnwebe landete. Aus dem Wissen aller Wommes ließ sich die Geschichte der Endlosen Armada rekonstruieren; daher wurde die Schwarze Pyramide »die Armadachronik« genannt. Sein eigener kleiner Beitrag, aus dem Zusammenhang gerissen, bedeutete nichts. Lediglich ein Detail seiner Erinnerung, das hatte er inzwischen erkannt, interessierte die Terraner. Das war die Sache mit dem Armadapropheten. Und darüber hatte er in den vergangenen Tagen immer öfter zu sprechen begonnen.

Gucky öffnete die Klappe auf telekinetischem Weg. Wie ein Stehaufmännchen schoss der Womme in aufrecht sitzende Position. Er war nicht größer als ein Daumen. Seine Haut war von bläulicher Farbe. Sein Gesicht war glatt und augenlos, mit einer Sprechöffnung und einem Hörtrichter versehen. Der Leib wirkte aufgebläht, wie ein mit Kieselsteinen gefülltes Säckchen. In seiner Gesamtheit wirkte das winzige Wesen wie eine miniaturisierte Buddha-Statue. Der Womme hatte keine Beine, aber man wusste, dass er sich mit Hilfe der Muskeln seines fülligen Unterleibs recht gut bewegen konnte.

»Ich bin ein Womme, ein Bewahrer des Wissens«, begann die Mentalstimme. »Höre von mir das seltsame Schicksal des Volkes Zengu in der Galaxis Mrando, bei dem wir Augenzeuge waren ...« Er bewegte bei diesen Worten die Sprechöffnung; aber keines seines Worte wurde akustisch hörbar. Die Gedanken materialisierten in den Bewusstseinen der Zuhörer.

Seit der Rückkehr von der Blütenwelt Carmen hatte er seinen Bericht geändert. Er behandelte das Schicksal der Zengu nur noch in Umrissen und kam möglichst schnell auf jenes Thema zu sprechen, von dem er wusste, dass es die Terraner interessierte.

»So geschah es also, dass der Armadaprophet sich meldete und verkündete: Wahrlich, der Beginn einer neuen Epoche ist nahe. Lasst uns auf die Suche nach denen machen, die während der Periode des Umschwungs die Armada leiten können, und unter ihnen denjenigen herausfinden, der für dieses Amt am geeignetsten ist.«

An dieser Stelle machte er gewöhnlich – so auch jetzt – eine Pause und fuhr dann mit weniger zeremoniellen Worten fort: »Wir alle sind auf der Suche nach dem Armadapropheten. Es ist an der Zeit, dass er den Beginn einer neuen Epoche verkündet. Ich weiß die Koordinaten des Ortes, an dem er zu finden ist ...«

»Hast du sie nicht schon ein dutzendmal gewusst«, rief Perry Rhodan, »und sind wir nicht immer wieder in die Irre gefahren?«

Es war nicht klar, ob der Womme den Zwischenruf hörte oder verstand. Unbeirrt begann er von neuem und rasselte eine Kette von Daten herunter, die völlig nutzlos gewesen wären, wenn nicht Alaska Saedelaere ein für solche Dinge besonders entwickeltes Gedächtnis besessen hätte, das die Angaben mit photographischer Genauigkeit aufzeichnete.

Der Womme, nachdem er sich dieserart seiner Aufgabe entledigt hatte, glitt in die liegende Stellung zurück. Gucky schloss den Deckel des Behälters.

*

Die dreidimensionale Simulation zeigte die Sternkonstellationen der fremden Galaxis in der Umgebung der BASIS. Fern am rechten Rand des Bildes blinkte ein roter Leuchtpunkt. Er markierte den Standort der Stützpunktwelt BASIS-ONE, die Perry Rhodan mit den Bordmitteln des Flaggschiffs zum Werft- und Versorgungsplaneten hatte ausbauen lassen. BASIS-ONE war gleichzeitig der Sammelpunkt für die Galaktische Flotte, die im Zusammenhang mit den Ereignissen im Vier-Sonnen-Reich der Sooldocks die Nachwirkungen des Konfetti-Effekts überwunden und sich wiedervereint hatte.

Alaska Saedelaere hatte die Koordinaten, die von dem Womme genannt worden waren, dem Computer zugänglich gemacht. Sie bezeichneten nicht einen Punkt im Raum, sondern ein kugelförmig abgegrenztes Gebiet von mehreren Lichttagen Durchmesser.

Eine helle, grüne Linie stahl sich von dem Leuchtpunkt, der den gegenwärtigen Standort der BASIS markierte, durch das Gewimmel der Sterne. Ihre Vorwärtsbewegung hörte auf, als sie eine Länge von vierzig Zentimetern erreicht hatte. An der Spitze des grünen Strahls begann eine Lichtmarke zu blinken. Es fiel auf, dass der Raum in der Umgebung der Marke verhältnismäßig arm an Sternen war.

»Entfernung drei-fünf-sechs Lichtjahre«, sagte die Stimme des Computers.

»Mitten im Nichts«, kommentierte Alaska.

Der akustische Servo nahm die Bemerkung auf und veranlasste den Computer zu der Äußerung: »Fünf Sterne im Abstand dreißig bis vierzig Lichtjahre.«

»Die Richtung gefällt mir nicht«, sagte Perry Rhodan. »Sie führt von BASIS-ONE fort.« Über seinem Kopf schwebte die Armadaflamme, die er seit zwei Wochen ständig trug.

»Hört sich so an, als hätte sich der Womme diesmal umsonst bemüht«, bemerkte Waylon Javier spöttisch.

Perry zuckte mit den Schultern. »Lasst mich eure Vorschläge hören«, bat er. »Bisher haben wir ein Dutzend Fehlschläge erlitten. Wir wissen nicht, wie der Womme in den Besitz immer neuer Koordinaten gerät. Wenn er Verbindung mit einer fremden Wesenheit unterhält, die ihm alle paar Stunden neue Informationen zukommen lässt, so sollte man meinen, sie müsste telepathischer Natur sein. Es können aber weder Gucky noch Fellmer Lloyd irgendwelche Aktivität dieser Art feststellen. Der Womme wird nur aktiv, wenn er ›klopft‹, wie Gucky sich ausdrückt, und meint, er hätte uns wieder etwas mitzuteilen.«

»Das schließt die Möglichkeit nicht aus, dass die Verständigung sich auf irgendeine andere, für uns nicht fassbare Weise vollzieht«, hielt Alaska Saedelaere ihm entgegen. »Es gibt soviel Unbekanntes, Unerklärtes im Zusammenhang mit der Armadachronik, dass es mich nicht wunderte, wenn hier fremde Kräfte im Spiel wären.«

Perry bedachte den Freund mit nachdenklichem Blick. Seit dem Verschwinden des Cappinfragments litt Alaska an einer undefinierbaren Krankheit, die in Angst- und Schwächezuständen ihren Ausdruck fand. Es gab in der Geschichte der Menschheit viele Beispiele, dass körperliche Pein und seelische Not brachliegende Partien des menschlichen Bewusstseins aktiviert hatten, dass die Leidenden besondere Gaben entwickelten, zu Sehern wurden.

»Du bist dafür, dass wir auch dieser Spur folgen?«, fragte er.

»Irgendein Sinn muss sich hinter dem Verhalten des Wommes verbergen«, erklärte Alaska. »Ja, ich bin dafür, dass wir uns den Ort dort ansehen.« Dabei wies er auf die blinkende Lichtmarke.

Perry blickte in die Runde.

»Sonst noch Meinungen?«

»Irgendwann muss Schluss sein«, sagte Waylon Javier. »Wir können nicht bis in alle Ewigkeit hinter sinnlosen Koordinaten herlaufen. Wenn wir Alaskas Vorschlag folgen, dann bin ich dafür, dass wir uns auf eine Zahl einigen. Auf die Zahl von Versuchen, die wir noch unternehmen wollen, bevor wir endgültig aufgeben.«

Perry nickte. »Das halte ich für eine brauchbare Idee ...«, begann er.

Der Interkom ziepte. Guckys aufgeregte Stimme war zu hören.

»Der Womme klopft«, rief der Ilt. »Ich öffne das Kästchen.«

Eine Sekunde verging, dann hörten sie die fremde Mentalstimme. Sie sprach eindringlich und mit ganz anderen Worten, als man bisher von ihr gewohnt war: »Ich bitte euch, vertraut mir. Ich weiß, ich habe euch oft in die Irre geleitet. Ich habe gewiss nicht die Absicht, euch zu täuschen. Ich sage euch die Daten, die in meinem Bewusstsein materialisieren. Bisher waren sie falsch. Aber diesmal weiß ich, dass sie nicht trügen. Habt noch dieses eine Mal Vertrauen zu mir, und ich bringe euch zum Propheten der Armada.«

Die Stimme schwieg. Kurze Zeit später meldete Gucky: »Er hat sich wieder hingelegt. Das Kästchen ist geschlossen.«

Perrys Blick machte die Runde.

»Das genügt mir«, sagte er ernst. »Dieser eine Versuch wird noch unternommen.«

*

Sie warteten.

Der große Bildschirm zeigte die Schwärze des Alls übersät mit Zehntausenden von Lichtpunkten. Kein optischer Eindruck verriet, dass die BASIS sich in einem »Loch« befand – an einem Ort, der vom nächsten Stern dreißig Lichtjahre entfernt war. Bei einem Überlichtfaktor von 12.000.000 während des Fluges innerhalb der Grigoroff-Schicht hatte die BASIS vierunddreißig Minuten gebraucht, um das Zentrum der von den Koordinaten des Wommes bezeichneten Raumkugel zu erreichen: sechzehn für das Bewältigen der Distanz, je neun zum Beschleunigen und Abbremsen.

Vor zwei Stunden waren sie angekommen. Die Ortergeräte spielten und durchleuchteten das All auf Lichtmonate hinaus. Kein einziger Reflex war bisher registriert worden. Sie hatten sich die Koordinaten des Wommes vom Computer zurückspielen lassen und zum wiederholten Mal festgestellt, dass sie keine Zeitangabe enthielten.

»Das mag unser Problem sein«, meinte Alaska Saedelaere. »Der Womme weiß nur, wo eine Begegnung mit dem Armadapropheten möglich ist, aber nicht wann.« Er verzog das Gesicht zu einem schmerzlichen Lächeln. »Wäre es nicht zum Weinen, wenn sich eines Tages herausstellte, dass wir stets zur falschen Zeit am richtigen Ort waren?«

»Wie schon zuvor, bin ich auch jetzt dafür, dass wir uns eine Grenze setzen«, bemerkte Waylon Javier hörbar verärgert. »Es hat keinen Zweck, wenn wir ...«

Das Schrillen des Alarms riss ihm das Wort vom Mund. Grell und in kurzen, trommelfellerschütternden Stößen lärmten die Sirenen. Videoflächen erwachten zum Leben. Eine Computerstimme schrie: »Unbekanntes Objekt, in unmittelbarer Nähe materialisiert.« Perry hörte das dumpfe, ferne Brummen der Aggregate, die die Feldschirme erzeugten. Der Autopilot hatte blitzschnell reagiert und die BASIS mit einer schützenden Hülle umgeben.

Der Bildschirm zeigte ein eigenartiges, seifenblasenähnliches Gebilde. Es befand sich nur wenige Kilometer entfernt. Woher auch immer es gekommen sein mochte, es hatte offenbar verstanden, seine Bewegungsgrößen in Sekundenbruchteilen denen der BASIS anzupassen. Es stand reglos und ließ durch keinerlei Anzeichen erkennen, ob es in freundlicher oder feindlicher Absicht gekommen war.

Der Lärm der Sirenen war inzwischen verstummt. Die BASIS war flucht- oder kampfbereit, je nachdem, wie die Lage es erforderte. Perry musterte das geheimnisvolle Objekt ruhig und gelassen. Wenn der Fremde gekommen wäre, um ihn anzugreifen, dann hätte er längst mit der Verwirklichung seines Vorhabens begonnen. Er verließ sich auf seinen Instinkt. Gefahr schien ihm im Augenblick nicht gegeben. Um so mehr faszinierte ihn der Anblick des fremden Gebildes. Die ersten Messergebnisse lagen längst vor. Die Seifenblase, schillernd im Licht der fremden Sterne, lag knapp sechzig Kilometer vor dem Bug der BASIS. Ihr Durchmesser betrug 32 Kilometer. Asteroid unter Glas, fuhr es Perry durch den Sinn. Das war in der Tat der Eindruck, den der geheimnisvolle Körper vermittelte. Eine transparente, nur schwach reflektierende Hülle, die wahrscheinlich aus reiner Energie bestand, umgab einen kugelförmigen Körper, dessen felsige, zerklüftete Oberfläche an jene interplanetarischen Gesteinsbrocken erinnerte, die im heimatlichen Sonnensystem zwischen den Bahnen von Mars und Jupiter ihr Unwesen trieben.

Aber da war noch etwas anderes. Alaska Saedelaere bemerkte es als erster.

»Siehst du die glühenden Stellen?«, fragte er.

»Weniger Licht«, rief Perry dem Servo zu.

Die Beleuchtung wurde gedämpft. Das Bild auf der großen Videoscheibe trat deutlicher hervor. Da sah er, worauf Alaska ihn hatte aufmerksam machen wollen: ein halbes Dutzend Punkte auf der Oberfläche des Asteroiden, die in düsterer, roter Glut strahlten.

»Vergrößerung«, verlangte er.

Das Bild rückte näher. Gleichzeitig wurde es undeutlicher und verwaschener, als widersetze sich die transparente Hülle den Bemühungen der Teleskope. Die glühenden Punkte wurden zu kleinen, kreisrunden Flächen.

»Löcher«, sagte Waylon Javier. »Löcher, durch die es in die Tiefe geht. Im Innern ist das Ding glutflüssig.«

Perry lehnte sich zurück. Nachdenklich betrachtete er das Bild. Die Anordnung der Löcher schien willkürlich; sie mochten in der Tat auf natürliche Weise entstanden sein. Aber irgend etwas stimmte nicht. Wie konnte im Innern eines Asteroiden, der sich fern von allen Sonnen bewegte, Rotglut herrschen? Gut, die schimmernde energetische Hülle mochte dafür verantwortlich sein, dass der seltsame Himmelskörper die interne Hitze nicht in den Weltraum abstrahlte und zu einem bis in den Kern gefrorenen Felsbrocken wurde. Aber die kahle, öde Oberfläche wirkte atmosphärelos. Der Druck über den zerklüfteten Felsen war null. Was hinderte das glutflüssige Magma daran, in den Löchern emporzusteigen und die Umgebung zu überfluten?

»Was für weitere Messergebnisse haben wir?«, fragte er den Servo. »Insbesondere bezüglich der leuchtenden Stellen auf der Oberfläche des Asteroiden?«

»Temperatur drei-zwo-null-null Grad«, kam die Antwort. »Das ist eine Farbtemperatur. Thermische Strahlung dringt nicht bis zu den Aufnahmegeräten. Willst du weitere Dinge hören, obwohl sie nicht unmittelbar mit deiner Frage zu tun haben?«

»Immer nur zu«, ermunterte Perry das Gerät. »Was wisst ihr sonst noch?«

»Das fremde Objekt lässt sich mit den herkömmlichen hyperenergetischen Nachweismethoden nicht erfassen. Es liefert keinen Orterreflex. Der Taster nimmt es nicht wahr. Streustrahlung, die bei der hohen Temperatur im Innern des Asteroiden unbedingt auftreten müsste, wird nicht gemessen.«

Perry Rhodan horchte auf.

»Alles, was wir über das Objekt wissen, beruht auf elektromagnetischen Nachweismethoden?«

»Das ist richtig.«

Perry sah starr vor sich hin.

»Wir dürfen nicht erwarten, dass hier alles mit rechten Dingen zugeht«, sagte Alaska Saedelaere. »Immerhin nehmen wir an, dass wir es mit dem Armadapropheten zu tun haben. Der Asteroid mag natürlichen Ursprungs sein, die transparente Hülle ist es sicherlich nicht. Wir sollten uns durch anomale Reaktionen unserer Instrumente nicht verwirren lassen.«

»Sondern?«

Alaska nickte in Richtung des Bildschirms, auf dem die Seifenblase schwebte.

»Wenn dort irgend etwas Intelligentes ist, muss man sich mit ihm unterhalten können«, sagte er. »Wir sollten es versuchen.«

»PERRY RHODAN! ALASKA SAEDELAERE!«

Sie zuckten zusammen, so mächtig war die Stimme, die ihnen plötzlich in den Ohren gellte. Nein, nicht in den Ohren! Durch das Bewusstsein sprach sie zu ihnen.

Perry saß starr.

»Woher kennst du unsere Namen?« Er sprach die Frage laut aus – nicht aus Verwirrung, sondern weil er wusste, dass der Geist des Menschen einen Gedanken noch prägnanter formulierte, wenn er gleichzeitig die gesprochene Version den Stimmbändern mitzuteilen hatte.

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.

»Sie nennen mich den Armadapropheten«, hallte es in den Windungen seines Gehirns. »Ich weiß Dinge, die anderen unbekannt sind. Bist du bereit, mir zuzuhören?«

2.

»Ich habe eine Botschaft für dich«, sagte der Prophet.

»Gib sie mir«, forderte Perry Rhodan.

»Nein, so geht es nicht.« Belustigung schwang in der telepathischen Stimme. »Du musst sie dir holen.«

»Wo?«

»Du siehst die schimmernde Kugel vor dir.«

Einen Augenblick lang war Perry unsicher. »Das bist ... du?«, fragte er.

Wiederum trat eine kurze Pause ein. Dann meldete sich die Mentalstimme von neuem, diesmal noch deutlicher amüsiert.

»Ich hätte es mir denken sollen. Man hat mich vor dir gewarnt, Perry Rhodan. Du bist derjenige, der zu fünfundneunzig Prozent aus Fragen besteht.«

Perry hatte seine Fassung längst zurückgewonnen. Die Vorstellung, dass er sich mit einem unbeschreiblichen Wesen unterhielt, das seinen Sitz auf einem phantastischen Himmelskörper hatte, berührte ihn nicht mehr.

»Ich bin ein Lernender und begehre der Lehrenden«, antwortete er mit einem Spruch, der vor fast zweieinhalbtausend Jahren auf der Erde berühmt geworden war. »Würdest du an meiner Stelle dich anders verhalten?«

»Ich werde nie an deiner Stelle sein, Perry Rhodan«, antwortete die körperlose Stimme. »Es ist müßig, darüber nachzudenken, was ich täte, wenn ich du wäre. Um deine Frage zu beantworten – und das ist fürs erste die letzte Antwort, die du von mir erhältst: Nein, ich bin nicht die schimmernde Kugel. Sie dient mir lediglich als Transportmittel. Du willst die Prophezeiungen des Armadapropheten hören. Du hast nach mir gesucht. Aber täusche dich nicht: Nicht du hast mich gefunden, sondern ich bin es, der dich aufgesucht hat. Denn die Zeichen sind gesetzt: Eine neue Epoche beginnt. Du bist einer der Bevorzugten. Wenn du dich des Amtes bemächtigen willst, musst du kommen, um den Propheten der Endlosen Armada aus der Nähe zu hören.«

»Was ist ein Bevorzugter?«, wollte Perry wissen.

»Hast du vergessen, was ich zu dir sprach? Keine Antworten mehr. Du musst zu mir kommen. Stell dir die Aufgabe nicht so leicht vor. Die, deren Auftrag ich erfülle, haben entschieden, dass nicht jedermann würdig ist, die Stimme des Armadapropheten zu hören. Es wird nicht leicht sein, bis dorthin vorzudringen, wo du meine Stimme vernehmen kannst. Ich warte zweieinhalb deiner Standardtage. Hast du dich bis dahin weit genug vorgetastet, sollst du meine Prophezeiung hören. Wenn nicht ... nun, es werden sich noch andere Bevorzugte finden lassen.«

Perry beugte sich mit einem Ruck nach vorne.

»Und was ist, wenn mich deine Prophezeiungen nicht interessieren?«

Ein halblautes Lachen erscholl in seinem Bewusstsein.

»Das ist, was man bei euch eine rhetorische Frage nennt, nicht wahr? Natürlich interessieren dich meine Prophezeiungen.«

*

»Eine Prüfung also«, murmelte Perry Rhodan. »Wenn sie wüssten, wie sehr ich Prüfungen hasse.«

Das kleine Boot mit der großen Glassitkanzel, die nach fast allen Seiten Ausblick gewährte, näherte sich der schillernden Hülle der Seifenblase. Je weiter es vordrang, desto weniger war von der Hülle zu sehen. Der Schimmer verlor sich, die Reflexe der Sterne verschwanden. Aus einer Entfernung von sechs Kilometern war die Blase nicht mehr wahrnehmbar. Hinzu kam, dass die hyperenergetischen Messgeräte noch immer keine Anzeige lieferten. Vor dem Boot lag die zerklüftete Oberfläche des Asteroiden mit ihren kreisrunden Öffnungen, aus denen tiefrote Glut leuchtete. Es sah so aus, als brauchten sie weiter nichts zu tun, als auf die felsige Fläche zuzufliegen und dort zu landen – ungeachtet der mittlerweile unsichtbaren Hülle, die ihnen den Weg verlegte.

Perrys Anweisung an den akustischen Servo lautete dementsprechend: »Volle Fahrt voraus!«

Es entging ihm nicht, dass Alaska sich in seinem Sessel duckte. Er war zornig. Seine Motive waren lauter. Sein Verlangen, dem Armadapropheten zu begegnen, entsprang dem Wunsch, ein Übereinkommen zwischen der Galaktischen Flotte und der Endlosen Armada zu bewirken. Es war sinnlos, dass sie seit Monaten einander wie Feinde gegenüberstanden. Er brauchte Informationen, um das Dilemma zu beseitigen. Er kam hierher in der friedlichsten aller Absichten. Und dennoch wollten sie ihn einer Prüfung unterziehen?

Alaska hatte sich nicht umsonst geduckt. Ein harter Stoß erschütterte das Boot. Es war gegen die unsichtbare Blase geprallt. Perry spürte, wie die Gurte ihm in die Schultern schnitten; aber kaum eine Sekunde später hatte der Autopilot die Lage wieder unter Kontrolle.

»Auf diese Weise kommen wir nicht durch«, meldete er.

»Feuer mit der Bugkanone!«, befahl Perry.

Das Boot hatte sich etliche hundert Meter weit zurückgezogen. Der Schuss des Buggeschützes war dort, wo er sich durch das Vakuum des Weltraums bewegte, kaum zu sehen. Aber auf der Hülle des durchsichtigen Energieschirms erzeugte er einen glühenden Lichtfleck. Die Kanone feuerte mit stetem Strahl; aber der Schirm zeigte keine Wirkung.

»Deinen Zorn in allen Ehren«, sagte Alaska, der sich in seinem Sessel inzwischen wiederaufgerichtet hatte. »Aber vielleicht gibt es bessere Methoden ...«

Er wurde unterbrochen. Die Mentalstimme des Unbekannten meldete sich. Sie klang auf dieselbe Weise belustigt wie die eines Lehrers, der soeben von einem Schüler eine besonders einfältige Antwort erhalten hatte.

»Perry Rhodan, sie haben dich mir anders geschildert«, sagte die Stimme. »Du bist der Besonnene, der Friedliebende, haben sie gesagt. Du würdest niemals versuchen, eine energetische Barriere, die dich nicht bedroht, mit roher Gewalt zu durchbrechen – das war ihre Meinung.«

»Wer sind ›sie‹?«, schrie Perry. »Und wer gibt ihnen das Recht, mich wie ein minderwertiges Wesen zu behandeln?«

»Minderwertig?«, wiederholte die Stimme erstaunt.

»Legen sie mir nicht Schwierigkeiten in den Weg, die ich überkommen muss, um zu zeigen, wie schlau ich bin?«

»Du sprichst unlogisch, Perry Rhodan«, wurde er ermahnt. »Niemand zwingt dich dazu, den Weg zum Armadapropheten zu finden. Du kommst aus eigenem Antrieb. Zwar nennen sie dich den Bevorzugten, aber du kannst, wenn du willst, jederzeit umkehren. Sie, von denen ich meinen Auftrag habe, bieten dir eine einmalige Möglichkeit. Sie haben ein Recht, denjenigen, den sie bevorzugen, zu prüfen.«

»Du hast recht«, rief Perry Rhodan bitter. »Ich brauche dein lächerliches Spiel nicht zu spielen. Behalte dein Wissen um die Zukunft für dich – ich entwürdige mich nicht um ein paar läppischer Informationen willen.« Er griff ins Steuer. »Zurück zur BASIS!«, schrie er den Autopiloten an.

Die Insassen des Bootes reagierten mit bestürztem Staunen. So hatten sie Perry Rhodan noch nicht erlebt. Alaska Saedelaere beobachtete den Freund mit Besorgnis. Sein Verhalten war unnatürlich. Wirkte ein fremder Einfluss auf ihn ein?

Niemand sprach ein Wort. Das Boot jagte auf die BASIS zu. Vom Hangar aus setzte Perry sich mit Waylon Javier in Verbindung und trug ihm auf, das Schiff startbereit zu machen. Seine Erregung war unvermindert. Man sah Javiers verwundertem Gesicht an, dass er nicht begriff, warum er auf derart barsche Weise angeredet wurde. Per Transmitter kehrten Perry und Alaska in die Kommandozentrale zurück. Die Vorbereitung des Aufbruchs nahm nur kurze Zeit in Anspruch. Die Versorgung der Triebwerksysteme mit Leistung war nur gedrosselt, aber nicht abgeschaltet worden.

Perrys Blick war starr auf den Bildschirm gerichtet. Hass leuchtete aus den grauen Augen, die die Seifenblasenkugel des fremden Asteroiden fixierten, als wollten sie sie durchbohren. Alaska empfand es als seltsam, dass der Armadaprophet sich seit Perrys emotioneller Explosion nicht mehr gerührt hatte. Was ging im Bewusstsein des Fremdwesens vor? Wie deutete der Prophet das Verhalten des Terraners? Noch schwebte der Asteroid an Ort und Stelle. Alaska hatte erwartet, dass er auf dieselbe rätselhafte Weise verschwinden würde, wie er gekommen war – jetzt, nachdem Perry Rhodan ihn zurückgewiesen hatte. Warum rührte er sich nicht? Worauf wartete er? Ein abenteuerlicher Gedanke erwachte in Alaskas Bewusstsein.

»Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, dass Sie im Begriff stehen, einen schweren Fehler zu begehen«, meldete sich in diesem Augenblick die Stimme der Hamiller-Tube.

»Halt den Mund!«, explodierte Perry. »Ich brauche keine Ratschläge.«

»Es ist trotzdem meine Aufgabe ...«

»Ruhe!« Ein zorniger, trotziger Aufschrei.

»Wir sind startbereit«, meldete Waylon Javier gelassen.

»Dann reiß den Kahn herum«, donnerte Perry. »Volle Fahrt Richtung BASIS-ONE.«

Noch bevor der Mann mit den Kirlian-Händen reagieren konnte, meldete sich die Mentalstimme des Armadapropheten.

»Du gewinnst die erste Runde, Perry Rhodan«, sprach sie, und jedermann in der Kommandozentrale der BASIS verstand sie einwandfrei. »Du bist denen, die mich beauftragt haben, zu wertvoll, als dass sie dich auf diese Weise verlieren möchten. Das erste Hindernis wird getilgt. Du brauchst dir nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, wie man durch die transparente Energiehülle gelangt. Sie wird sich für dich öffnen.«

Da ging eine seltsame Verwandlung mit Perry Rhodans Gesicht vor sich. Die Falten des Zorns, die tief eingegrabenen Linien des Hasses verschwanden. Ein fröhliches, jungenhaftes Grinsen breitete sich über die Miene des Terraners. Er wandte sich an Alaska und sagte: »Viel länger hätte ich es nicht ausgehalten. Mir ist jetzt klar, warum Schauspieler so viel Geld verdienen.«

*

»Ich hatte dich fast schon im Verdacht, dass du nur Theater spieltest«, antwortete Alaska. »Entweder das – oder es hatte sich eine fremde Kraft in deinem Schädel eingenistet. Wie kamst du auf die Idee?«

Ringsum entfaltete sich die hektische Aktivität der Startvorbereitungen zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit. Aber diesmal war es nicht die BASIS, die aufbrechen sollte. Perry Rhodan hatte den Auftrag gegeben, zehn Boote mit technischen Spezialisten zu bemannen und mit Gerät zu beladen. Mit dieser kleinen Flotte wollte er auf der Oberfläche des Asteroiden landen.

»Es war eine ziemliche risikoarme Angelegenheit«, beantwortete er die Frage des Freundes. »Beim ersten Gespräch nannte der Prophet mich einen der Bevorzugten, bei unserem letzten Wortwechsel bezeichnete er mich als den Bevorzugten. Von welcher Seite du es auch betrachtest: Ich bin ein Kandidat für irgend etwas – und zwar der einzige. Nimm hinzu, dass der Armadaprophet laut eigener Aussage sich die Mühe gemacht hat, uns entgegenzukommen, und du gewinnst den Eindruck, dass nicht nur ich daran interessiert bin, dass der Prophet mir seine Weissagungen offenbart. Jemand anderes – wahrscheinlich die geheimnisvolle ›sie‹, von denen dauernd die Rede ist – ist genauso erpicht darauf, dass ich einen Blick in die Zukunft der Armada tue.«

Alaska schüttelte den Kopf. »Risikoarm, sagst du«, meinte er. »Deine schauspielerische Leistung war so überzeugend, dass uns allen die Haare zu Berge standen.«

Waylon Javier näherte sich der Kommandokonsole.

»Deine zehn Boote sind ausschleusbereit, Perry«, meldete er.

»Ich danke dir.« Perry zögerte; aber bevor sich Javier wieder abwenden konnte, sagte er: »Ich schulde dir eine Bitte um Verzeihung, Waylon. Die Art, wie ich dich angefahren habe, war ungerechtfertigt. Aber es gehörte zu meinem Akt, musst du verstehen ...«

Javier winkte ab.

»Klar und verstanden«, antwortete er. »Im Übrigen bin ich ein ausgeglichener Mensch, und selbst wenn du es ernst gemeint hättest, wären deine Grobheiten an mir abgelaufen wie Regenwasser von einem Ölmantel.«

In das Gelächter, das der Vergleich hervorrief, mischte sich die Stimme der Hamiller-Tube.

»Ich glaube, Sie sollten sich auch bei mir entschuldigen, Sir«, sprach sie.

»Bei dir?«, reagierte Perry Rhodan, immer noch lachend. »Du bist nur eine Maschine.«

»Sind Sie da ganz sicher?«, fragte die Stimme.

Betroffen blickte Perry in Richtung des kleinen Lautsprechers, aus dem die Worte gekommen waren.

»Soll ich es nicht sein?«, wollte er wissen.

Aber die Hamiller-Tube meldete sich nicht mehr. Perrys Überraschung währte nur wenige Sekunden. Schließlich war man es gewöhnt, dass Hamiller mit seiner Identität ein Rätselspiel trieb, das nun schon etliche Jahre andauerte. Enthielt die Tube wirklich das konservierte Gehirn Payne Hamillers, oder war sie nur ein besonders leistungsfähiger, aber ansonsten wie jeder andere aufgebauter Computer? Niemand wusste es.

Auf dem Weg zum Hangar, in dem die zehn Boote warteten, kam Perry auf das ursprüngliche Thema zurück.

»Im Übrigen«, sagte er, »hat mein kleines Theaterspiel noch einen weiteren Vorteil eingebracht.«

»Welcher wäre das?«, erkundigte sich Alaska.

»Der Armadaprophet wurde mir ein wenig unheimlich. Er kann sich uns telepathisch mitteilen und hat offenbar keine Mühe, unsere Gedanken zu lesen. Das heißt: Solange wir ihn direkt ansprechen. Ich wollte wissen, ob er uns gedanklich überwacht.«

Mit einem Lächeln gab der Transmittergeschädigte zu erkennen, dass er verstanden hatte.

»Das tut er wohl nicht«, sagte er.

»Verdammt richtig«, knurrte Perry. »Sonst hätte er mein Spiel durchschaut.«

*

Zögernd näherten sich die Boote der schimmernden Hülle des Asteroiden. Die Gruppe der Fahrzeuge hatte sich zu einem stumpfen Keil formiert, an dessen Spitze die von Perry Rhodan gesteuerte APV-B13 flog. Die optischen Effekte waren dieselben wie beim ersten Anflug: Aus einer Entfernung von weniger als sechs Kilometern war die Seifenblase nicht mehr wahrzunehmen; die Reflexe der Sterne hatten sich verflüchtigt.

»Armadaprophet, wir kommen«, sagte Perry Rhodan. »Ich hoffe, du hältst dich an dein Versprechen.«

Das fremde Wesen antwortete nicht. Die Formation der Boote bewegte sich mit einer Geschwindigkeit von nur wenigen Metern pro Sekunde, so dass selbst, wenn der Prophet sein Wort nicht hielt, kein nennenswerter Schaden entstehen konnte. Alaska Saedelaere hatte, als der blasenförmige Energieschirm noch sichtbar war und seine Entfernung sich mit zufriedenstellender Genauigkeit ermitteln ließ, einen Zähler angesetzt, der die noch verbleibende Distanz berechnete. Die Digitalziffern rückten langsam der Einhundert-Meter-Marke entgegen.

»Wo landen wir?«, fragte Alaska.

Ein nettes Lächeln erschien auf Perrys Gesicht. Das war typisch. Er sorgte sich noch darum, ob es wirklich gelingen werde, die Energiehülle zu durchstoßen. Alaska dagegen schien das Hindernis bereits für überwunden zu halten.

»Das einzig interessante Detail auf der Oberfläche sind die Löcher mit der roten Glut«, antwortete Perry. »Wir landen an einer Stelle, in deren unmittelbarer Umgebung sich möglichst viele Löcher befinden.«

»Ich höre das«, meldete sich Leo Dürk von der APV-B17. Perry Rhodan hatte bei diesem kritischen Unternehmen auf die Mitarbeit des bewährten Waffenmeisters der BASIS nicht verzichten wollen. Leo Dürk hatte das Kommando über die Mannschaften der zehn Boote. Perry Rhodan und Alaska Saedelaere waren, wie Perry sich ausgedrückt hatte, nur Zuschauer und Berater. »Mein Compu-Anschluss läuft schon seit ein paar Minuten. Ich glaube, ich habe einen Platz, an den wir bequem unsere Hintern hinsetzen können.«

Das war Leo Dürk: unbelastet von den Konventionen gesitteter Redeweise.

»Gut, Leo«, lobte Perry. »Sobald wir durch sind ...«

»Dreißig Meter«, warnte Alaska. »Zwanzig ... zehn ...«

Er blickte starr auf den Zähler. Dann lehnte er sich in den Sessel zurück. Der Ausdruck der Erleichterung, der auf seinem bleichen Gesicht erschien, war so intensiv, dass er fast belustigend wirkte. Alaska Saedelaere hatte sich doch Sorgen um die Durchdringung der Energiehülle gemacht.

»Ich glaube, wir sind durch«, sagte er.

Perry musterte die Lichtpunkte der restlichen neun Boote. Sie passierten die unsichtbare Grenze, ohne dass die keilförmige Formation in Unordnung geriet. Er atmete auf. Der Armadaprophet hatte Wort gehalten.

»Okay, Leo«, sagte er. »Jetzt kannst du mir beschreiben, wo wir landen sollen.«

*

Er hatte Tausende von Asteroiden gesehen, aber dieser hier war anders. Die Oberfläche war atmosphärelos, wie er es erwartet hatte. Aber durch die Landung der zehn Boote war Staub aufgewirbelt worden, der, infolge der geringen Schwerkraft, nur langsam wieder zu Boden sank – fast so, als wäre doch eine Lufthülle vorhanden, deren Reibung die winzigen Staubkörnchen am Sinken hinderte.

In dem aufgewirbelten Staub spiegelte sich das rote Feuer, das aus den Löchern leuchtete. Leo Dürks Compu-Anschluss hatte ganze Arbeit geleistet. Der Landeplatz lag achthundert bis zweitausend Meter von nicht weniger als fünf Löchern entfernt. Die Boote waren so gelandet, dass sie einen Kreis beschrieben.

Während der ersten Stunde verließ niemand sein Fahrzeug. Messungen wurden angestellt. Die Oberflächenschwerkraft des Asteroiden betrug 0,00008 Gravo – ein Anzeichen, dass seine Dichte weitaus geringer war als die vergleichbarer Himmelskörper. Wer den Schutz des Bootes verließ und eine unvorsichtige Bewegung machte, der lief Gefahr, in den Weltraum hinausgeschleudert zu werden und niemals wieder zurückzukehren. Es gab keinen Magnetismus. Wer sich in der Felsenwüste verirrte, durfte sich nicht auf seinen Kompass verlassen. Eine Reihe von Sonden wurde ausgefahren und man inspizierte die Ränder der Löcher, aus denen das rote Leuchten hervordrang. Die Messergebnisse brachten nichts. Es wurde keinerlei thermische Strahlung festgestellt. Farbtemperaturmessungen, d.h. Analysen, die die Wärme des Asteroideninnern anhand der Färbung der Glut zu ermitteln suchten, ergaben weiterhin 3200 Grad, denselben Wert, der schon von der BASIS aus bestimmt worden war.

Andere Untersuchungen brachten ebenfalls unschlüssige Resultate. Hyperenergetische Messgeräte versagten völlig. Die innere Struktur des Asteroiden ließ sich nicht ermitteln. Zwei Stunden vergingen, während die Sonden unermüdlich arbeiteten. Zum besseren Verständnis des Himmelskörpers trugen sie keinen Deut bei.

Die Tür der Passagierkabine der APV-B13 öffnete sich. Mit watschelndem Gang schob sich der Ilt durch die Öffnung. Perry Rhodan sah ihm entgegen, und sein Unbehagen wuchs. Er wusste, wie abhold Gucky jeder körperlichen Anstrengung war. Er hätte sich niemals bereit gefunden, den Weg vom Passagierraum zu Fuß zurückzulegen, solange er die Fähigkeit des Teleportierens besaß. Das hieß ...

»Großer, ich muss dir etwas Trauriges mitteilen«, begann der Mausbiber.

Perry nickte. »Ich weiß. Du kannst nicht mehr teleportieren.«

»Das ist nicht alles«, ereiferte sich Gucky. »Sämtliche Psi-Fähigkeiten sind lahmgelegt. Nicht nur bei mir, auch bei Fellmer und Ras. Ich erkenne niemandes Gedanken mehr, und jeder Versuch, auch nur ein winziges Staubteilchen telekinetisch zu bewegen, schlägt fehl.« Er ließ die Schultern sinken. »Ich fürchte, wir werden dir bei diesem Unternehmen keine große Hilfe sein.«

Perry sah hinaus in die triste Einöde der Felslandschaft. Er fröstelte. Es war nicht das erste Mal, dass er unbekannten Kräften gegenüberstand und Faktoren zu berücksichtigen hatte, die sich nicht berechnen ließen. Die Geschichte seines Lebens war eine Geschichte der Auseinandersetzung mit überlegenen Mächten. Mit der Zeit hätte er sich daran gewöhnen sollen. Aber nur selten gelingt es der Logik, die Empfindungen des menschlichen Bewusstseins zu diktieren. Er fühlte etwas Unheimliches auf sich zukommen. Er sah wenig Sinn darin, von sich aus darüber zu sprechen; aber wäre er gefragt worden, er hätte die Wahrheit nicht verschwiegen: Perry Rhodan hatte Angst.

*

Mannschaften und Geräte waren ausgebootet. Achtzig Männer und Frauen, in unförmige SERUNS gekleidet, waren damit beschäftigt, das Ladegut zu sortieren und an den Rändern der glühenden Löcher permanente Messstationen zu installieren. Hoch über dem Asteroiden stand die BASIS, ein geisterhafter Schemen im matten Licht der fernen Sterne. Perry Rhodan empfand so etwas wie Heimweh, wenn er zu dem mächtigen Schatten hinaufblickte. An Bord ging das Alltagsleben weiter.

Das Loch, an dessen Rand Leo Dürk mit einer Handvoll Spezialisten die umfangreichste aller Messstationen aufbaute, hatte einen Durchmesser von sechs Metern – viel zu wenig, um selbst das kleinste der Fahrzeuge passieren zu lassen. Perry hatte an der Kante der Öffnung gekniet und in die Tiefe gestarrt. Rotes Leuchten strahlte ihm entgegen. Er sah die Einzelheiten der unebenen Wand des Schachtes, der senkrecht in die Tiefe führte, bis über eine Distanz von sechs oder sieben Metern. Jenseits wurde das Bild undeutlich. Die Details verschwammen im roten Gewaber.

Leo Dürk bereitete eine Reihe von Sonden vor, die er in die Tiefe zu schicken gedachte. Mitten in der Arbeit richtete er sich plötzlich auf.

»Arnulf? Ist Arnulf irgendwo in der Nähe?«, hörte Perry seine Stimme im Helmempfänger.

»Bin sofort da«, wurde geantwortet. Der matte Empfang deutete darauf hin, dass der Sprecher sich etliche hundert Meter weit entfernt befand.

»Wer ist Arnulf?«, wollte Perry wissen.

»Mein Sondenspezialist«, antwortete Leo Dürk. »Er weiß genau, wie jeder Sondenantrieb getrimmt werden muss, dass er selbst mit den kompliziertesten äußeren Einflüssen fertig wird. Schließlich wissen wir nicht, was da unten auf uns wartet ...« Er unterbrach sich. »Da kommt er«, sagte er und wies auf die steinige Ebene hinaus.

Eine Gestalt im SERUN glitt über die Felslandschaft heran. Sie bewegte sich in zwanzig Metern Höhe. Später erinnerte sich Perry Rhodan, dass er sich gewundert hatte, warum der Mann so unnötig hoch flog. Im Augenblick jedoch bekam er keine Zeit zum Nachdenken. Leo Dürks Sondenspezialist hielt mitten im Flug an, als sei er gegen eine unsichtbare Wand geprallt. Dann begann er zu stürzen – mit einer Geschwindigkeit, für die die lächerlich geringe Gravitation des Asteroiden unmöglich verantwortlich sein konnte.

»Arnulf!«, rief der Waffenmeister erschreckt.

Ein langgezogener Schrei des Entsetzens antwortete ihm. Im nächsten Augenblick war die SERUN-bekleidete Gestalt verschwunden, als habe der Felsboden sie verschluckt. Der Schrei erstarb. Leo Dürk erhielt auf seine aufgeregten Rufe keine Antwort.

Sie glitten hinüber – dorthin, wo der Sondenspezialist verschwunden war. Sie erwarteten, eine Öffnung im Boden zu finden, womöglich ein weiteres Glutloch, das bisher ihrer Aufmerksamkeit entgangen war. Aber sie fanden nur die unregelmäßige Felsoberfläche, zerklüftet zwar und höchst uneben, aber ohne Löcher.

Leo Dürk verlor die Ruhe nicht. So unerklärlich und verwirrend der Vorfall auch sein mochte, er behielt die Übersicht. Er beorderte die Hälfte seiner Mannschaft herbei und ließ sie das zum Teil unübersichtliche Felsgelände absuchen. Räumgeräte wurden herangebracht und man begann in der Nähe des Punktes, an dem der Techniker verschwunden war, das Felsgestein abtragen.

Drei Stunden später wurde die Suche eingestellt. Das Ereignis war unfassbar und unglaublich – als sei es durch Magie bewirkt worden.

Arnulf Höchstens, Technischer Spezialist II. Klasse, hatte sich vor den Augen seiner Mitmenschen in Nichts aufgelöst.

3.

»Verflucht, da geht sie hin!«, machte Leo Dürk seinem Zorn Luft.

»Was ist jetzt schon wieder?«, fragte Perry ungeduldig.

Arnulf Höchstens' eigenartiges Verschwinden war nicht ohne Auswirkung geblieben. Sie hatten alle etwas von ihrem inneren Gleichgewicht verloren. Es wurde weniger gesprochen, und der Tonfall war unfreundlicher als zuvor, als mache einer den anderen für Höchstens' unerklärliches Schicksal verantwortlich.

»Die zweite Sonde verloren«, knurrte Leo Dürk. »Eine nach der anderen. Da unten muss jemand sein, der sie auffrisst.«

Von dem kleinen Prozessor, mit dem der Waffenmeister seine Sondenexperimente steuerte, rief Perry Rhodan die Daten der beiden fehlgeschlagenen Versuche ab. Die Sonden waren mit geringer Geschwindigkeit senkrecht den Schacht hinab vorgedrungen. Was sie aufzeichneten, war alles andere als aufsehenerregend: Bilder nackten Felsens, der keinen Aufschluss darüber gab, ob der Schacht auf natürliche Art entstanden oder künstlich angelegt war. Die Verbindung mit der ersten Sonde war in einer Entfernung von 220 Metern abgerissen, die zweite hatte nach 300 Metern versagt. Leo Dürks Versuche, die beiden Instrumente wieder zur Oberfläche zurückzuholen, hatten nichts gefruchtet.

»Dachtest du, du könntest mir Messgeräte als deine Vertreter schicken, Perry Rhodan?«

Die Frage kam so überraschend, dass selbst der sonst blitzschnell reagierende Rhodan eine Sekunde brauchte, bis er begriff, dass es die Stimme des Armadapropheten war, die er hörte. Sie kam nicht über das Helmfunksystem; sie materialisierte unmittelbar in seinem Bewusstsein. Leo Dürk und seine Techniker waren aufgefahren. Sie hörten die telepathische Botschaft ebenfalls.

»Wir beachten die üblichen Vorsichtsmaßnahmen«, antwortete Perry. »Wir erkunden zuerst den Weg, der hoffentlich zu dir führt.«

»Gewiss, auf der Oberfläche des Asteroiden sitze ich nicht«, spottete die mentale Stimme. »Der Weg ist schon richtig; aber du kannst ihn nicht im Vorhinein erkunden. Je näher du mir kommst, Perry Rhodan, desto unwirklicher werden dir die Verhältnisse dieses Himmelskörpers erscheinen. Versuche nicht, sie mit Hilfe deiner Instrumente zu enträtseln. Du hättest keinen Erfolg.«

Ein Gedanke schoss Perry Rhodan durch den Sinn.

»Was hast du mit Arnulf Höchstens angestellt?«, fragte er. »Nichts«, lautete die Antwort.

»Er ist verschwunden«, beharrte Perry.

»Ich weiß es.«

»Du weißt, wohin?«

»Was ich weiß, Perry Rhodan, wirst du erfahren, wenn du mir so nahe gekommen bist, dass ich mich dir mitteilen kann.«

Die Stimme sprach mit großem Ernst. Das, fühlte Perry Rhodan, war ihre abschließende Bemerkung. Das Gefühl trog ihn nicht. Er versuchte, den Armadapropheten von neuem anzusprechen; aber dieser reagierte nicht mehr.

*

Sie sanken langsam in die Tiefe. Sie waren seit drei Minuten unterwegs und hatten knapp zweihundert Meter zurückgelegt. Perry Rhodan und Alaska Saedelaere bewegten sich an der Spitze der Gruppe. Hinter bzw. über ihnen kamen Leo Dürk und neun seiner Techniker. Einer der Techniker war damit beauftragt, ständige Funkverbindung mit der Bodenstation an der oberen Schachtmündung zu halten. Perry hörte das ununterbrochene Gemurmel der Stimmen in seinem Helmempfänger.

Hier, in dieser Gegend, sind die Sonden verschwunden, dachte er. Er sah sich um. Nichts deutete darauf hin, dass dieser Abschnitt des Schachtes anders war als jene, die sie bisher passiert hatten. Von den Sonden war nichts zu sehen. Er beugte sich leicht vornüber und starrte in die Tiefe. Es war stets dasselbe Bild: raue Felswände, bis auf eine Distanz von acht bis zehn Metern; dahinter das konturlose, rote Leuchten, das von einer geheimnisvollen Glut herrührte, die keinerlei registrierbare Wärmestrahlung versandte. Die Temperatur der Schachtwände betrug 120 Grad Kelvin. Das an sich war ein Unikum. Die nächste Sonne stand dreißig Lichtjahre entfernt. Der Asteroid hätte längst alle Wärme in den Weltraum abstrahlen, seine Temperatur in der Nähe des absoluten Nullpunkts liegen müssen. Aber die Messergebnisse waren konstant: 120 Grad oben nahe der Mündung, 120 Grad hier unten, nahe der 300-Meter-Marke. In dreihundert Metern Tiefe war die zweite Sonde verlorengegangen. Perry empfand es als beruhigend, dass sie den gefährlichen Schachtabschnitt ohne Zwischenfall hinter sich gebracht hatten.

Oben, an der Schachtmündung, hatten sie mit Hilfe der Gravo-Paks bis auf eine Sinkgeschwindigkeit von einem Meter pro Sekunde beschleunigt und die Geräte dann so einreguliert, dass die Geschwindigkeit konstant blieb. Der geringen Eigengravitation des Asteroiden konnten sie die Beschleunigung nicht überlassen; es hätte über zwanzig Minuten gedauert, bevor sie ein Tempo von 1 m/sec erreichten. Die Langsamkeit des Vordringens machte Perry nervös – und nicht nur ihn allein; das allzeit tatendurstige Raubein Leo Dürk störte sich an dem ereignislosen Dahinstreichen der Minuten noch weitaus mehr. Man hörte das an den nicht immer salonfähigen Bemerkungen, die er in unregelmäßigen Abständen von sich gab.

Der Nebel kam völlig überraschend. Von einer Sekunde zur anderen war der ganze Schacht damit erfüllt. Auf der Innenfläche der Helmscheibe studierte Perry die Anzeigen, die die in den SERUN eingebauten Messgeräte lieferten. Der Nebel war ohne Substanz. Die Instrumente registrierten noch immer ein nahezu vollkommenes Vakuum. Das einzige, was der Schacht enthielt, waren Gase, die aus dem Gestein verdampften. Ihre Dichte belief sich auf weniger als ein Femtogramm pro Kubikzentimeter. Das war viel nach interstellaren Maßstäben, aber längst nicht genug, um einen derart dicken Nebel zu erzeugen.

Perry blickte nach oben. Das rote Leuchten wurde vom Nebel verschluckt und reichte nicht mehr aus, den Schacht zu erleuchten. Die Helmlampe hatte sich selbsttätig aktiviert. Er sah die klobigen Stiefel von Leo Dürks SERUN; der Rest des Waffenmeisters war in Dunst gehüllt.

»Einer der Tricks unseres Freundes«, sagte Alaska. »Er liefert uns die optische Illusion eines Nebels.«

»Ich nehme an, er will uns auf etwas hinweisen«, meinte Perry. »Es würde mich nicht wundern, wenn der Schacht bald zu Ende wäre.«

Die Schachtwände waren nicht mehr zu sehen. Der Dunst versperrte die Aussicht. Perry ließ sich ein Stück zur Seite treiben. Der Nebel hatte mittlerweile die optische Konsistenz dicht gepackter Watte – ohne dass ihm auch nur ein einziges Gramm Substanz innewohnte. Perry bewegte sich anderthalb Meter und konnte seinen Nebenmann Alaska nicht mehr sehen. Er blickte ein zweites Mal nach oben. Auch Leo Dürks Stiefel waren verschwunden.

»Haltet die Geschwindigkeit konstant«, mahnte er. »Wir dürfen nicht auseinandertreiben!«

»Keine Sorge«, brummte Leo Dürk. »Wir achten schon aus lauter Angst darauf, dass wir dir nicht verlorengehen.«

Im Hintergrund war die murmelnde Stimme des Technikers, der mit der Oberwelt Verbindung hielt. Wenigstens das funktionierte noch! Perry achtete auf die dreidimensionale Anzeige des Hodometers, die auf seiner Helmscheibe abgebildet wurde. Er war inzwischen vier Meter seitwärts abgetrieben. Der Schacht besaß einen Gesamtdurchmesser von sechs Metern. Wo war die Schachtwand geblieben? Er trieb noch ein Stück weiter. Als die Anzeige auf sieben Meter lautete, wusste er, dass sich im Schutz des Nebels eine drastische Veränderung an der Umgebung vollzogen hatte.

»Vorsicht«, sagte er. »Wir sind nicht mehr im Schacht. Die Wände sind verschwunden. Macht keine Seitwärtsbewegungen, sonst finden wir nicht mehr zusammen.«

Anstelle einer Bestätigung kam ein erstaunter Ausruf: »Seht doch, es wird heller!«

Perry sah sich um. Der Nebel umhüllte ihn so dicht, dass er ihn zu greifen können glaubte. Er reflektierte den Schein der Helmlampe. Perry schaltete die Lampe aus. Tatsächlich: Es wurde heller. Er fühlte sich in eine Szene zurückversetzt, die sich vor mehr als zweitausend Jahren abgespielt hatte. Er saß in einem Flugzeug, nicht als Pilot, sondern als Passagier. Die Maschine war soeben gestartet und musste, um die nominale Flughöhe zu erreichen, eine dichte, kilometertiefe Wolkendecke durchstoßen. Vor wenigen Augenblicken war noch alles grau und düster gewesen, aber jetzt hellte der Dunst sich auf, wurde weiß und strahlend. Sekunden noch, und die Maschine hatte die Wolken unter und blauen Himmel über sich. So war es damals gewesen; so war es jetzt. Nur saß er nicht im Flugzeug, und er stieg auch nicht in die Höhe, sondern er sank.

Plötzlich, genau wie damals, waren die weißen Wattebäusche verschwunden. Ungehindert ging der Blick in die Weite. Perry traute seinen Augen nicht, als er die lichtdurchflutete Welt gewahrte, die sich unter ihm ausbreitete. In seinem Helmempfänger waren die Laute einer rauen, knurrenden Stimme. Ein total perplexer Waffenmeister sagte auf seine charakteristische Art und Weise: »Herr meiner Seele, mach doch solchen Unsinn nicht!«

*

Unsinn war es in der Tat. Sie befanden sich im Innern eines Asteroiden. Eine solche Welt konnte es hier nicht geben. Und dennoch lag sie vor ihnen: grünes Grasland, mit Buschflächen und kleinen Wäldern bestanden, durchzogen von Bächen und schmalen Flüssen, die ihren Ursprung auf den Hängen eines Berges nahmen, der weit im Hintergrund dem weißen, strahlenden Himmel entgegenwuchtete. Sprachlos vor Staunen hatten sie die Szene betrachtet, die sich ihren Augen zunächst aus einer Höhe von zweitausend Metern darbot. Von Perry Rhodan war schließlich der Vorschlag ausgegangen, die Sinkgeschwindigkeit zu verzehnfachen. Seine Ungeduld brachte es nicht fertig, mehr als eine halbe Stunde zu warten, bis er den Fuß auf die Oberfläche der geheimnisvollen Welt setzen konnte.

Während des beschleunigten Abstiegs stellte sich heraus, dass die merkwürdige Welt im Innern des Planetoiden noch viel seltsamer war, als sie sich dem Auge darbot. Die grünen Pflanzen ließen das Vorhandensein einer Atmosphäre zwar vermuten; aber die eigentliche Überraschung lieferten die Analysegeräte. Die Zusammensetzung war 79 Prozent Stickstoff, 20 Prozent Sauerstoff, 1 Prozent Beimengungen – fast identisch mit der Lufthülle der Erde. Die Temperatur betrug angenehme 25 Grad Celsius. Und wer die Mühe nicht scheute, sich die Arbeitswerte des Gravo-Paks auf die Sichtscheibe seines Helmes zu rufen, der erfuhr, dass die Schwerkraft genau ein Gravo betrug.

Mehrmals versuchte Perry Rhodan, sich mit dem Armadapropheten in Verbindung zu setzen. Die Mentalstimme reagierte nicht. Der Prophet überließ die Terraner sich selbst. Sie landeten in der Nähe eines Wäldchens, das eine Fläche von etwa vier Hektar bedeckte, nach Perrys Schätzung zwanzig Kilometer vom Fuß des Berges entfernt, an dessen Hängen die zahlreichen Bäche entsprangen. Sie hatten die Sinkgeschwindigkeit im letzten Augenblick verringert und setzten sanft wie fallende Blätter auf.

»Eines stört mich, Perry«, sagte Leo Dürk unmittelbar nach der Landung. »Ich habe mich überall umgeschaut, aber nirgendwo sah ich einen Weg, auf dem es von hier aus weiter in die Tiefe geht.«

Perry blickte nachdenklich zu dem weißen, strahlenden Himmel empor. Die Szene war taghell erleuchtet. Die Helligkeit ging von der dichten Wolkenschicht aus. Er las die Anzeige seines Hodometers ab. Sie befanden sich zwölfhundert Meter unter der Oberfläche des Asteroiden. Von der oberen Schachtmündung aus hatten sie die rotglühenden Feuer der Tiefe gesehen. Durch die Wolken hindurch? Er erinnerte sich, wie Alaska Saedelaere, der sich nur zwei Meter neben ihm befand, im Nebel aus seinem Blickfeld entschwunden war. Auch Perry hatte, als sie die Wolkenschicht durchbrachen und der erste Schock der Überraschung verklungen war, nach einer Fortführung des Schachtes Ausschau gehalten. Leo Dürk hatte richtig beobachtet: Es gab keine – wenigstens keine, die sich dem Auge des beiläufig suchenden Beobachters darbot.

»Wir werden uns mit noch mehr Unstimmigkeiten abfinden müssen, Leo«, sagte er. »Es ist eine Prüfung, erinnerst du dich? Der Armadaprophet spielt Tricks mit uns. Wir sollen beweisen, wie gescheit wir sind, indem wir herausfinden, wie der Weg von hier aus weitergeht.«

»Tricks ist das richtige Wort«, meldete sich Alaska. »Sieh dir den Berg dort an. Wie weit ist er von uns entfernt?«

»Zwanzig Kilometer«, antwortete Perry.

»Das möchte auch ich meinen. Aber der Asteroid hat einen Durchmesser von zweiunddreißig Kilometern. Zieh vier davon für die lichte Weite der Energiehülle ab, bleiben achtundzwanzig. Wir sind über eintausend Meter tief, bleiben knapp siebenundzwanzig. Wenn diese merkwürdige Welt sich um den ganzen Planetoiden herumzieht, dann beträgt ihr Umfang fünfundachtzig Kilometer. Und fast ein Viertel davon überschauen wir, ohne dass wir auch nur die Spur einer Krümmung bemerken?«

Dieser Zusammenhang war Perry noch nicht aufgefallen. Die Fülle der Eindrücke verwirrte ihn. Aber Alaska hatte recht. Der Berg hätte weit unter dem Horizont liegen müssen. Man hätte seinen Fuß von hier aus nicht sehen dürfen. Es stimmte etwas nicht mit der Geometrie dieser seltsamen Welt. Sie war weitaus größer, als sie nach den äußeren Abmessungen des Asteroiden hätte sein dürfen.

Die Überlegung, so interessant sie auch sein mochte, beschäftigte ihn nur am Rande. Etwas anderes beunruhigte ihn. Sein Unterbewusstsein hatte ein Alarmsignal gegeben. Was war geschehen? Er vermisste etwas. Er sah sich um. Sein Blick fiel auf den Mann, der während des Abstiegs durch den Schacht die Nachhut gebildet hatte. Das war's! Er hörte das ständige Gemurmel nicht mehr.

»Wie steht's um die Verständigung mit der Oberwelt?«, fragte er mit belegter Stimme und kannte die Antwort, die er erhalten würde, schon im Voraus.

»Ich kann die Bodenstation nicht mehr erreichen«, sagte der Techniker. »Die Verständigung ist unterbrochen.«

*

Sie waren zu zwölft. Das ergab sechs Gruppen zu je zwei Mann, die sich damit beschäftigen konnten, die Oberfläche der fremden Welt abzusuchen. Die konventionellen Mess- und Nachweisgeräte der SERUNS funktionierten einwandfrei. Niemand brauchte zu befürchten, dass er die Orientierung verlieren werde. Als totale Versager stellten sich dagegen die Instrumente heraus, die auf hyperenergetischer Basis arbeiteten. Auch das war ein Novum. Das Blickfeld der Geräte, die auf fünfdimensionaler Grundlage beruhten, war üblicherweise um ein Vielfaches größer als das der herkömmlichen, elektromagnetischen und mechanischen Instrumente.

Dass keiner sich allein in die Weite der unbekannten Welt hinauswagen dürfe, brauchte Perry nicht eigens zu betonen. Der einzelne war anfällig. Er brauchte einen Begleiter, der auf ihn achtete. Es war eine Tradition der Flotte, die auf die Zeiten der ehemaligen U.S. Space Force zurückging: das Buddy-Prinzip, das vorschrieb, dass die kleinste Stoßtruppeinheit aus mindestens zwei Mitgliedern zu bestehen habe, von denen das eine auf das andere aufpasste. Es ergab sich wie von selbst, dass Perry Rhodan und Alaska Saedelaere sich zusammentaten. Leo Dürk wählte sich als Partner eine junge Technikerin namens Velda Zee. Für Velda, die erst kurz vor dem Start der Galaktischen Flotte von Terra an Bord der BASIS gekommen war, mochte das eine Auszeichnung sein; aber es war eine teuer verdiente. Der alte Waffenmeister befand sich in miserabelster Laune. Er hatte vorgeschlagen, dass man in die Höhe steigen und im Wolkendunst nach dem Schacht suchen solle, der die Verbindung mit der Oberwelt herstellte. Die Tatsache, dass der Kontakt mit der Bodenstation abgerissen war, ging dem Haudegen aufs Gemüt. Er fühlte sich verunsichert. »Wer keinen Ausgangspunkt hat, auf den er sich im Notfall zurückziehen kann, dem verwässert das Knochenmark«, war sein Ausspruch. Er nahm es Perry Rhodan übel, dass er seinen Vorschlag zurückgewiesen hatte.

»Von hier aus geht es nur noch vorwärts, Leo«, war sein Argument gewesen. »Ich bin sicher, wir könnten Tage mit der Suche nach dem Schacht verbringen, ohne etwas zu finden. Unsere Probleme lösen sich von selbst, sobald wir den Armadapropheten erreicht haben. Er gab uns zweieinhalb Tage Zeit. Von den sechzig Stunden sind zehn bereits verstrichen.«

Es war das erste Mal seit ihrem Aufbruch, dass die Rede auf die Zeitgrenze kam, die dem Unternehmen gesetzt war. Insgeheim musste Leo Dürk Rhodan recht geben. Aber es wurmte ihn trotzdem, dass er abgeblitzt war, und Velda bekam seinen Missmut zu spüren.

Perry hatte nichts dagegen, dass die Helme der SERUN-Monturen geöffnet wurden. Die Luft der fremden Welt war frisch, würzig und von dem Duft exotischer Pflanzen erfüllt. Falls die Atmosphäre ebenso schnell wieder verschwand, wie sie entstanden war, würden die Helme sich selbsttätig schließen, ohne dass der Träger der Montur sich darum zu bemühen brauchte. Es war beim SERUN nicht so, dass, wie bei Raumanzügen leichteren Typs, der Helm in der Art einer Kapuze auf dem Rücken zusammengefaltet wurde. Die Helmstruktur blieb auch bei geöffnetem Helm erhalten.

Die sechs Suchgruppen brachen in den vereinbarten Richtungen auf. Man hatte das Wäldchen, in dessen Nähe die Expedition gelandet war, als ständigen Bezugspunkt gewählt und die Richtung von dort zum Gipfel des Berges willkürlich als Norden definiert. Leo Dürk und Velda Zee waren diejenigen, die sich das Gelände rings um den Berg vorzunehmen hatten. Perry und Alaska dagegen schlugen westsüdwestlichen Kurs ein. Noch vor dem Aufbruch war durch eine Serie von Experimenten festgestellt worden, dass die Verständigung per Radiokom einwandfrei funktionierte. Man war von der Oberwelt abgeschnitten, aber der Zusammenhalt innerhalb der Gruppe blieb gewahrt.

Perry und Alaska bewegten sich in einer Flughöhe von achtzig Metern. Damit verschafften sie sich ein ausreichend weites Blickfeld und blieben gleichzeitig nahe genug am Boden, dass ihnen kein Detail der Oberflächengestaltung entging. Perry machte keinen Hehl daraus, dass er nicht wusste, wonach er suchte. Der Armadaprophet saß irgendwo in der Tiefe. Wie der Weg beschaffen war, der zu ihm führte, das wusste niemand. Perry hielt nach Bodenfalten und Höhlen Ausschau; er war bereit, jede noch so geringfügige Unebenheit des grasbedeckten Landes zu untersuchen, stets in der Hoffnung, dass sie womöglich den Zugang enthielte, der hinab zum Aufenthaltsort des Armadapropheten führte. Aber aus irgendeinem Grund brachte er nicht viel Optimismus zustande. Sie befanden sich in einer künstlichen Welt. Der Himmel mochte wissen, wie sie entstanden war. Es spielte keine Rolle. Sie existierte vermutlich nur in ihrer Einbildung, dort allerdings auf eine derart reale Weise, dass sie sogar die Luft atmen konnten. Aber es schien zuviel erwartet, dass sie in dieser synthetischen Umgebung den ganz und gar wirklichen Abstieg finden könnten, der ans Ziel führte. Diese Welt war mit einem Paukenschlag vor ihren Augen entstanden. Auf dieselbe Weise, stellte er sich vor, würde sie auch wieder vergehen – und dann, vielleicht, würde sich der Weg vor ihnen auftun, nach dem sie suchten.

Aus dem Helmempfänger drang ein halblautes Knistern und Kratzen.

»Perry, der alte Bärbeißer will zwar nichts davon wissen; aber ich meine ...«, begann eine helle Frauenstimme.

»Sei still, Mädchen!«, fuhr Leo Dürks raue Stimme dazwischen. »Das ist ein Hirngespinst, aber keine Spur.«

»Sag, was du auf dem Herzen hast, Velda«, antwortete Perry und hatte Mühe, ein Lachen zu unterdrücken.

»Es ist völliger Unsinn, Perry«, grollte der Waffenmeister. »Sie hat aus Versehen den Abdruck selbst dorthin gesetzt und will ihn dir jetzt als große Entdeckung verkaufen.«

»Leo, du hältst jetzt für ein paar Augenblicke die Luft an«, befahl Perry. »Also, Velda, was ist?«

»Ich habe eine Fußspur gefunden«, antwortete die junge Technikerin. »Es gibt an den Hängen des Berges ausgedehnte Flächen, die frei von Pflanzenwuchs sind. Im Sand fand ich eine Reihe gut erhaltener Abdrücke. Leo meint zwar, ich hätte sie selbst verursacht, aber ...«

»Lass Leo meinen, was er will«, fiel ihr Perry ins Wort. Er verständigte sich mit Alaska durch einen kurzen Blick. »Wir sind auf dem Weg zu dir.«

*

Besonders deutlich war die Spur nicht. Es gehörte ein scharfes Auge dazu, sie aus der Höhe, in der sich die Suchgruppen üblicherweise bewegten, zu entdecken. Velda hatte sie gefunden und war tiefer gegangen, um sie aus der Nähe in Augenschein zu nehmen. Dabei, meinte Leo Dürk, sei sie gelandet. Es habe ursprünglich gar keine Fußabdrücke gegeben, und die, die sie jetzt inspizierten, seien Veldas eigene.

Die Spuren kamen aus dem Buschland, das sich am Südhang heraufzog. Sie führten über eine Fläche, die aus Sand und Geröll bestand, und verschwanden am Rand einer Grasnarbe, die sich wie ein Gürtel um den Berg zog. Im Gebüsch fanden sich abgebrochene Zweige. Perry versuchte, aus der Färbung der Bruchstellen auf die Zeit zu schließen, die seit der Entstehung der Spur vergangen war; aber die Hinweise waren widersprüchlich. Er stellte in Rechnung, dass er es mit einer unbekannten Flora zu tun hatte, die sich nicht nach herkömmlichen Vorstellungen richtete. Aber weitaus wahrscheinlicher war, dass ihnen der Armadaprophet einen weiteren Streich gespielt hatte. Es war mit Absicht so eingerichtet, dass sich das Alter der Spur nicht ermitteln ließ.

Immerhin fanden sie bei der Durchsuchung des Buschgeländes eine sanfte, nach Süden hin geöffnete Kuhle, die sich als Lagerplatz förmlich anbot. Sie war von Büschen umstanden, und ihr entsprang ein Quell, dessen Wasser in Form eines Bächleins den Berghang hinabfloss.

Perry und Alaska machten sich an die Untersuchung der eigentlichen Fußabdrücke. Da, wo sie deutlich genug ausgeprägt waren, zeigten sie deutlich die senkrechte zum Spann verlaufende Riffelung der SERUN-Stiefel.

»Velda, stell dich daneben«, forderte Perry die Technikerin auf.

Sie setzte den linken Fuß unmittelbar neben einen der Abdrücke. Der Vergleich war eindeutig. Veldas Stiefel war um zwei Zentimeter kürzer als der, der die Spur hinterlassen hatte.

»Das müsste selbst dich überzeugen, Leo«, sagte Perry tadelnd. »Die Abdrücke stammen nicht von Velda.«

Der Waffenmeister setzte den eigenen Fuß neben den Abdruck. Sein Stiefel war gute fünf Zentimeter länger.

»Von wem dann?«, fragte er trotzig.