Perry Rhodan-Paket 27: Die Gänger des Netzes -  - E-Book

Perry Rhodan-Paket 27: Die Gänger des Netzes E-Book

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Beschreibung

Auf Terra und in der Menschheitsgalaxis schreibt man Ende September des Jahres 445 NGZ. Es sind keine angenehmen Zeiten für die Bewohner der Erde und der umliegenden Sonnensysteme: Die Philosophie des Permanenten Konflikts hat ihren Einzug gehalten – es ist eine Tyrannei entstanden, die von den Ewigen Kriegern gelenkt wird. Mit seinen Truppen kontrolliert Sotho Tyg Ian die Milchstraße. Noch hat er es nicht geschafft, den Widerstand der Galaktiker zu brechen – daher besteht Hoffnung, dass sich die Situation in der Milchstraße eines Tages zum Besseren wenden möge. Perry Rhodan und seine engsten Gefährten sind aus ihrer Heimat verbannt worden. Sie sind in Estartu aktiv, dem Reich der zwölf Galaxien. Dort üben die Ewigen Krieger seit Jahrtausenden ihre Herrschaft aus. Zu den Organisationen, die sich dagegen einsetzen, zählen die geheimnisvollen Gänger des Netzes. Perry Rhodan ist seit einiger Zeit einer von ihnen …

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EPUB

Seitenzahl: 6463

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Nr. 1300

Die Gänger des Netzes

Sie sind die Wächter von DORIFER – erbitterte Gegner der Ewigen Krieger

von Kurt Mahr und Ernst Vlcek

Auf Terra und in der Menschheitsgalaxis schreibt man Ende September des Jahres 445 NGZ. Somit sind seit den dramatischen Ereignissen, die zum Aufbruch der Vironauten, zur Verbannung der Ritter der Tiefe durch die Kosmokraten und zum Erscheinen der beiden Sothos aus der Mächtigkeitsballung ESTARTU führten, rund 16 Jahre vergangen.

Vieles zumeist Unerfreuliches ist seitdem geschehen: Die Philosophie des Permanenten Konflikts mit dem Kriegerkult und der Upanishad-Lehre hat in der Galaxis ihren Einzug gehalten – Sotho Tyg Ian, der Erschaffer des Gordischen Knotens und des Stygischen Netzes, hat nachhaltig dafür gesorgt.

Glücklicherweise hat der Sotho es nicht bewerkstelligen können, den Widerstand der Galaktiker zu brechen – und daher besteht Hoffnung, dass sich die Situation in der Milchstraße eines Tages zum Besseren wenden möge.

Auch in ESTARTU selbst, dem Reich der 12 Galaxien, wo die Ewigen Krieger seit Jahrtausenden ihre Herrschaft ausüben, unter Berufung auf den Willen der Superintelligenz gleichen Namens, regt sich immer noch Widerstand.

Da gibt es Organisationen im All und in verschiedenen Systemen, deren Aktivitäten sich gegen die Ewigen Krieger und ihre Handlanger richten – und es gibt DIE GÄNGER DES NETZES ...

Die Hauptpersonen des Romans

Testare – Der Rufer aus der Unendlichkeit tritt in Erscheinung.

Eirene – Perrys und Gesils Tochter wird zu einer »Gängerin des Netzes«.

Perry Rhodan, Atlan und Jen Salik – Die verbannten Ritter der Tiefe sollen erneut im Sinn der Kosmokraten agieren.

Carfesch – Ein Abgesandter der Kosmokraten.

Fiload

1.

Gegenwart: Eirene

Ich hatte die Nacht hindurch kaum geschlafen – hin und wieder ein paar Minuten Halbschlummer, von wirren Träumen durchsetzt, mehr nicht. Das machte die Aufregung. Einen Tag wie den heutigen gab es nur einmal im Leben. Es war noch dunkel draußen; aber ich spürte, dass ich nicht mehr würde einschlafen können. Ich saß aufrecht im Bett und starrte in die Finsternis. Hatte ich Angst? Ich wusste es nicht. Irgend etwas war da, das mir auf den Magen drückte und mich unsicher machte. Es gab nichts, wovor ich mich hätte zu fürchten brauchen. Aber heute begann ein neuer Abschnitt meines Lebens. Heute, so hatte Perry gesagt, wurde es ernst.

Wenn ich hier sitzen blieb und über die Zukunft grübelte, dann war ich bald ein Nervenbündel. Ich brauchte Ablenkung. Ich sprang auf. Die Beleuchtung schaltete sich automatisch ein. Die Tür zum Hygieneraum öffnete sich selbsttätig. Für ein Bad hatte ich keine Geduld. Ich sprühte mich ab und kroch in die Kleider, die ich mir am gestrigen Abend zurechtgelegt hatte. Ich sollte etwas essen, sagte ich mir. Der Tag beginnt mit einem anständigen Frühstück, war Gesils Wahlspruch. Aber ich hätte nichts hinuntergebracht.

Ich trat hinaus auf den Flur. Das Haus war weitläufig. Das bisschen Geräusch, das ich machte, würde die Eltern nicht wecken. Vor dem Kalender, der in der Nähe des Hinterausgangs an der Wand hing, blieb ich stehen. Die Leuchtziffern zeigten den 15. September 445, 10.33 Uhr. Meine Gedanken wanderten. Ich versuchte, mir vorzustellen, wie es dort aussah, wo jetzt wirklich dieses Datum geschrieben wurde. Terrania, eine große, schöne Stadt auf einem Planeten namens Erde. Ich hatte beide nie gesehen – weder den Planeten noch die Stadt. Sie lagen vierzig Millionen Lichtjahre entfernt. Den Kalender hatte Perry an Bord der ZUGVOGEL mitgebracht – damals, vor mehr als fünfzehn Jahren, als er auf Sabhal landete. Wir auf Sabhal hatten unsere eigene Zeitrechnung. Es gab keinen 15. September, und vor allen Dingen war es jetzt nicht 10.33 Uhr. Der Kalender war ein Erinnerungsstück, für Perry wohl sogar ein Mahnmal. Er verkörperte seinen Entschluss, eines Tages zur Erde noch einmal zurückzukehren.

Die Tür zur Garagenhalle öffnete sich lautlos. Drei Fahrzeuge standen in der Halle: eines für jedes Mitglied der Familie. Ich kletterte in meinen Gleiter, eine kleine, wendige Maschine, die mir die Eltern vor einem Jahr zu meinem 15. Geburtstag geschenkt hatten.

»So früh schon unterwegs?«, empfing mich die freundliche Stimme des Autopiloten.

»Nicht früh genug für mich«, antwortete ich. »Weißt du, was heute für ein Tag ist?«

»Natürlich weiß ich das«, sagte der Autopilot. »Heute ist dein Geburtstag. Du wirst sechzehn Jahre alt nach der eigenartigen Zeitrechnung, die man in diesem Haus betreibt.«

»Und? Sonst nichts?«, fragte ich enttäuscht.

»Heute«, sagte der Autopilot, und seine Stimme klang richtig feierlich, »ist der Tag deiner Initiierung. Heute erhältst du den Abdruck des Einverständnisses.«

»So ist es«, bestätigte ich und kam mir dabei recht wichtig vor. »Deswegen bin ich aufgeregt. Ich möchte eine Spazierfahrt machen.«

»Einverstanden. Wohin soll's gehen?«

»Das übliche Ziel«, sagte ich. »Ich muss mit Bwimi reden.«

»Bwimi«, sagte der Autopilot abfällig. »Ich an deiner Stelle würde mich nicht so oft mit ihm unterhalten. Der Kerl hat doch nur ein halbes Gehirn im Kopf.«

»Sei still«, wies ich ihn zurecht. »Bwimi ist mein Freund.«

*

Unter mir lag die Stadt Hagon in ihrer frühmorgendlichen Lichterpracht. Hagon war, was man andernorts eine Großstadt genannt hätte. Die Zahl ihrer Einwohner betrug 800.000. Viele davon waren schon hiergewesen, als Gesil und Perry auf Sabhal eintrafen. Aber ich wusste von Berichten aus unparteiischer Quelle, dass Perry und seine Freunde kräftig dazu beigetragen hatten, die Siedlung zu vergrößern und neue Siedler nach Hagon zu bringen. Hagon war Zentrum und Heimatbasis der Organisation, die sich DIE GÄNGER DES NETZES nannte und die von heute Mittag an in meinem Leben eine entscheidende Rolle spielen würde. Ich war ein wenig stolz darauf, dass die Stadt ihre jetzige Ausdehnung und Einwohnerzahl nicht zuletzt meinem Vater verdankte.

Der Verlauf der Straßen war durch schwebende Lampen gekennzeichnet. Es war Spätsommer in Malu. Im Herbst, im Winter und zu Beginn des Frühjahrs würde die nächtliche Straßenbeleuchtung nicht gebraucht werden. Moorga, unsere Sonne, stand am Rand des großen Kugelsternhaufens Parakku. Die Bahn des Planeten Sabhal verlief so, dass während der letzten Monate des alten und während der ersten des neuen Jahres das Sternenmeer Parakkus am Nachthimmel erschien. Dann gab es, was die Helligkeit anbelangte, zwischen Tag und Nacht keinen Unterschied mehr. Der Anblick der riesigen Sternmengen war atemberaubend. Ich freute mich auf den Augenblick, an dem Parakku wieder über dem Nachthorizont erscheinen würde.

Am Strand der großen Bucht endeten die Lichter wie abgeschnitten. Ein paar Molen stachen Hunderte von Metern in das schwarze Wasser hinaus. Ihre Beleuchtungen sahen aus wie winzige Perlenschnüre. Der Gleiter nahm Fahrt auf, sobald er die Stadt hinter sich gelassen hatte, und schoss steil in die Höhe. Er wandte sich ostwärts, dem rötlichen Schimmer entgegen, der den nahenden Morgen ankündigte.

In 35 Kilometern Höhe schoss ich über die Benda-See dahin. Der Überschallschock, den der Gleiter auslöste, war unten auf Meeresniveau nur noch als halblautes Rumoren zu hören. Der Gleiter bewegte sich mit einer Geschwindigkeit von über 500 km/h. An der Südostspitze des Kontinents Malu, an dessen Südküste die Stadt Hagon lag, war er auf Nordkurs eingeschwenkt. Der Flug bis zu dem Ort, an dem Bwimi und seine Sippe hausten, würde knapp zwei Stunden dauern.

Zu meiner Rechten tauchte die Sonne aus dem Meer. Moorgas mächtiger Glutball war ein prächtiges, goldenes Rot. Mittags dagegen, wenn die Sonne in der Nähe des Zenits stand, war sie von schimmerndem Weiß und wesentlich kleiner. Perry hatte mir einmal erklärt, wie der Effekt entstand. Es hatte etwas damit zu tun, wie die Sonnenstrahlen ihren Weg durch die Atmosphäre fanden, wie viel sie gebeugt wurden und von ihrer Lichtenergie unterwegs verloren. Solche Dinge konnte ich nur schwer behalten. Außerdem gefiel mir unsere Sonne so, wie sie war – auch ohne Erklärung.

Weit im Osten war für kurze Zeit die Küste des Kontinents Faleh zu sehen. Dann lag wieder nur Meer ringsum: der große Nordozean. Ich wurde schläfrig. Das stete, sanfte Summen des Antigravtriebwerks wirkte auf mich wie ein Wiegenlied. Es war warm in der kleinen Kabine. Ich hätte einen Kaffee gebrauchen können. Aber so vornehm, dass er Speisen und Getränke reichte, war mein Gleiter nicht eingerichtet.

»Die Küste von Panahan kommt in Sicht«, sagte der Autopilot.

Ich richtete mich auf und blickte voraus. Panahan war der große Polarkontinent. In Panahan lebten nur Tiere und Pflanzen. Es wurde dort mitunter bitterkalt, und manchmal fiel sogar Schnee. Das ist eine weiße, pulvrige Substanz, die aus gefrorenem Wasser besteht. Ich mochte das weite Land, weil es mir das Gefühl vermittelte, wirklich allein zu sein. In früheren Jahren, als ich noch unsicher war und mit mir selbst nichts anzufangen wusste, ließ ich mich oft von einem Freund dort hinauf in die Tundra fliegen: von Obeah, von Geoffry, oder manchmal nahm mich auch Gucky per Telesprung mit. Seit einem Jahr benützte ich meinen eigenen Gleiter. Aber ich war jetzt nicht mehr unsicher; ich wusste auch, wohin mein Weg führte. Die Einsamkeit liebte ich deswegen noch immer.

Dichtbewaldetes Land zog unter mir dahin. Breite Ströme wälzten sich dem Nordmeer entgegen. In Küstennähe bestand der Wald meist aus Laubbäumen. Einige davon hatten sich zu verfärben begonnen und leuchteten im goldenen Rot des Herbstes. Je weiter nordwärts wir kamen, desto deutlicher nahmen Nadelhölzer überhand. Sie wurden kleiner, als wir uns dem Pol näherten. Der Wald wirkte ruppig; die Lichtungen wurden immer größer.

Und schließlich hörte der Baumwuchs vollends auf. Unter mir lag die ewige Tundra, das gelbgrüne Land, das den Weißfüchsen gehörte.

Der Gleiter neigte sich nach unten und verringerte die Geschwindigkeit. Ich sah auf die Uhr. Es war Zeit für meinen Anruf.

Gesil meldete sich. Es gab keine Bildverbindung.

»Fast habe ich es mir gedacht«, sagte sie. »Bwimi ruft?«

»Ja«, antwortete ich. »Ich muss ihn noch einmal sprechen, bevor ich ... bevor ich ...«

»Drück dich nicht davor, Eirene«, ermahnte sie mich freundlich. »Bevor du den Abdruck des Einverständnisses bekommst, heißt es.«

»Ja.« Ich kam mir dumm vor, weil ich Hemmungen empfand, die Worte auszusprechen. »Ich bin auf jeden Fall pünktlich zurück.«

»Ich weiß«, sagte Gesil. »Du wirst sie nicht warten lassen.«

Die Verbindung erlosch. Zwischen Gesil und mir bedurfte es nicht vieler Worte. Jede wusste, was in des anderen Gedanken vorging. Es kam oft vor, dass wir uns nur mit Blicken verständigten. Mein Verhältnis zu Perry war anders. Er liebte das Exakte, das Präzise. Er fand es mitunter schwer, sich in die Psyche einer Frau zu versetzen – ebenso, wie es für mich schwierig war, dem Lauf seiner Gedanken zu folgen. Das bedeutete nicht, dass ich mich mit der Mutter besser verstand als mit dem Vater. Nur die Art der Kommunikation war eine andere.

Der Gleiter bewegte sich in geringer Höhe über das flache Land. Voraus tauchte ein eigenartig geformter Hügel auf. Das war die Markierung, nach der ich mich seit Jahren richtete.

»Lande an der Westseite«, trug ich dem Autopiloten auf.

»Ich weiß«, sagte er ein wenig ungeduldig. »Ich bin schließlich nicht zum ersten Mal hier.«

*

Unter dem Hügel lagen die Überreste einer uralten Stadt. Hier und da trat das Gestein noch nackt zutage: zerbröckeltes Mauerwerk, dicke Platten aus einer marmorähnlichen Substanz. Das Gras der Tundra wuchs träge. Es ließ viele Lücken, durch die man in die Vergangenheit blicken konnte. Auf Sabhal hatte es einst eine eingeborene Zivilisation gegeben. Vor etwa zehntausend Jahren war sie untergegangen, und niemand wusste, warum. Unter den Wesen, die sich in Hagon angesiedelt hatten, gab es nur wenige, die sich auf Archäologie verstanden. Aber eines Tages würde man dem Geheimnis der alten Sabhaler auf den Grund gehen. So sagte Perry wenigstens. Eines Tages, wenn die Gänger des Netzes Zeit für friedliche Projekte hatten und nicht mehr gegen die Ewigen Krieger zu kämpfen brauchten.

Nach 500 Metern war der Gleiter nicht mehr in Sicht. Ich ging noch einen Kilometer weiter, bis ich zu den Hügeln kam, die die Weißfüchse errichtet hatten. Die Hügel waren ihre Wohnburgen. In der Regel wurde eine Burg mehrere Generationen hindurch benützt. Einmal hatte ich das Innere eines Hügels zu sehen bekommen. Ich hatte ein paar Aufnahmen gemacht, um sie denen zu zeigen, die von den Weißfüchsen immer als von instinktgeleiteten Tieren sprachen. Die Wohnburg war säuberlich in einzelne Räume aufgeteilt. Ein Hügel wurde gewöhnlich von einem Männchen, einem Weibchen und drei bis sechs Jungen bewohnt. Wenn es an der Zeit für den nächsten Wurf war, mussten die Jungen ausziehen und sich entweder eine verlassene Burg suchen oder selbst eine bauen. Der letzte Wurf erbte die Burg von den Eltern. Gewöhnlich entspann sich dann ein Streit, der jedoch fast nie mit Gewalt, sondern mit Worten ausgetragen wurde. (In Hagon lachen sie über mich, wenn ich das sage. Aber ich bin fest überzeugt, dass sich die Weißfüchse durch eine Art Sprache miteinander verständigen können.) Der Sieger oder die Siegerin im Streit behielt die Burg; die anderen zogen aus. Sag mir noch einer, die Füchse besäßen nicht wenigstens den Ansatz echter Intelligenz!

Ich hockte mich auf den Hang des Hügels, der die Trümmer der alten Stadt bedeckte. Von den Weißfüchsen ließ sich noch keiner sehen. Sie warteten immer, bis sie den Klang meiner Stimme hörten. Ich begann zu sprechen. Denn um zu sprechen, war ich hergekommen.

»Heute werde ich eine Gängerin des Netzes«, sagte ich. »Es kommt eine große Verantwortung auf mich zu, und ich fühle mich ein wenig unsicher. O nein, nicht unsicher wie damals, als ich nicht wusste, wer ich war: der Nachwuchs eines Menschen und der Inkarnation einer Kosmokratin, versehen mit Fähigkeiten, die ich nicht immer kontrollieren konnte und mit denen ich meinen Eltern und Freunden manche Sorge bereitete. Diese Art von Unsicherheit ist es nicht. Ich weiß mittlerweile, wer ich bin. Die paranormalen Gaben sind mir zum größten Teil abhanden gekommen, und ich bin froh darüber. Nein, ich bin unsicher, weil ich nicht weiß, ob ich werde tun können, was sie von mir erwarten.

Bedenkt doch: Es geht gegen die Ewigen Krieger mit ihrer fürchterlichen Macht, die sie auf unrechte Weise von ESTARTU geerbt haben. Die Krieger sind darauf aus, den Moralischen Kode des Universums zu ruinieren, und das dürfen wir Gänger des Netzes nicht zulassen. Ich werde durch das Netz reisen müssen, von einer Welt zur anderen. Ich werde wochen- und monatelang von zu Hause fort sein, stets auf der Hut, überall verfolgt von den Ewigen Kriegern und ihren Soldaten. Ich werde mit Agenten und Spezialisten zu tun haben, die Informationen über die Pläne der Ewigen Krieger sammeln. Ich muss entscheiden, wo das Eingreifen der Gänger des Netzes erforderlich ist und wo nicht. Ich muss mich wehren, kämpfen sogar womöglich.

Und ich weiß nicht, ob ich das kann.«

Allmählich getrauten sie sich ins Freie. Sie kamen aus ihren Burgen hervorgekrochen. Ihre blütenweißen, dichthaarigen Felle stachen herrlich gegen das schmutzige Gelbgrün der Tundra ab. Bwimi war der erste, der sich vertrauensvoll näherte. Er war leicht zu erkennen. Erstens war er der größte von allen, mehr als sechzig Zentimeter lang, wenn er sich auf allen vieren bewegte, und zweitens hatte er einen gelben Fleck hinter dem linken Ohr, ein Zeichen nahenden Alters. Er hatte große, rötliche Augen und spitze, dreieckige Ohren, die, wenn er sie aufrichtete, fast eine Handspanne lang waren. Auf seinen kräftigen Beinen, die nur deswegen so kurz wirkten, weil ihre obere Hälfte durch den langhaarigen Pelz verdeckt wurde, trottete er bis zum Fuß des Hügels heran, den buschigen, langen Schweif steil in die Höhe gerichtet. Er hockte sich ins Gras und hob den Oberkörper. Er verschränkte die Vorderbeine über der Brust und sah mich aufmerksam an. Sein Gehabe war verblüffend menschlich. Er sah aus wie einer, der gekommen war, um mit mir ein gemütliches Schwätzchen zu halten.

»Bwimi«, sagte er mit seiner hellen, glockenklaren Stimme.

»Du brauchst dich mir nicht vorzustellen«, lachte ich. »Ich weiß, wer du bist. Kennst du aber auch meine Sorgen?«

»Wii-wii-wii«, machte er.

»Also gut, du kennst sie.« Es machte mir keine Mühe zu glauben, dass Wii-wii-wii in der Sprache der Weißfüchse soviel wie »Ja« hieß. »Und wie stellst du dich dazu?«

»Wii-mee ... mee-mee ...« Und dann ließ er ein langes, helles Gekecker los, wobei er freudig mit dem Schwanz wedelte.

»Keine Probleme, meinst du? Ich weiß deinen Optimismus zu schätzen. Du meinst also, ich würde das Vertrauen der Netzgänger nicht enttäuschen?«

»Niiii-niiii.«

»Ich werde alles tun können, was sie von mir erwarten?«

»Wii-wii-wii.«

Inzwischen waren sie alle herangekommen, achtundzwanzig insgesamt. Sie nahmen alle dieselbe Haltung an wie Bwimi und saßen am Fuß des Hügels im Halbkreis vor mir.

»Ich brauche euer Zutrauen«, sagte ich. »Wenn ich da draußen irgendwo zwischen den Fäden des Psionischen Netzes einherschwebe, möchte ich mich daran erinnern können, dass ihr fest an mich glaubt.«

»Wii-wii-wii!«, riefen mehrere der possierlichen Gesellen im Chor.

»Ich weiß, ich war schon oft im Netz«, fuhr ich fort. »Es ist mir nichts Neues. Gesil oder Perry haben mich mitgenommen. Ich weiß, wie es ist, wenn man einen Persönlichen Sprung tut. Ich kenne die Farben und Formen des Alls, wenn man es aus der Perspektive des Netzes betrachtet.«

»Bheii-bheii-bheii«, machten sie.

»Aber es geht um große Dinge, um Zusammenhänge, die ich nicht verstehe. Was soll der Moralische Kode? Wozu ist er da, und warum versuchen die Ewigen Krieger, ihn zu stören? Was ist DORIFER? Warum gilt es den Gängern des Netzes fast als ein Objekt der Verehrung? Werde ich das alles jemals verstehen?«

»Wii-wii-wii.«

Ich stand auf. Sie hatten keine Angst vor mir. Sie blieben sitzen.

»Ich danke euch«, sagte ich. »Ihr habt mir zugehört und mir Mut gemacht. Zu niemand hätte ich so sprechen können wie zu euch. Ich vergesse euch das nicht. Das nächste Mal, wenn ich komme, bringe ich euch Leckerbissen mit, wie ihr sie noch nie zu kosten bekommen habt.«

Sie wichen ein wenig auseinander und bildeten eine Gasse für mich. Ich schritt an der Nordseite des Hügels entlang. Dort, wo die vom Tundragras bedeckten Trümmer der alten Stadt einen dammähnlichen Ausläufer weit hinaus in die Ebene strecken, blieb ich stehen und wandte mich um. Ich hob den Arm und winkte. Wenn Imitation ein Indiz für beginnende Intelligenz ist, dann lieferten die Weißfüchse in diesem Augenblick den schlagendsten Beweis, dass ihre Kritiker unrecht hatten:

Sie hoben die Pfoten und winkten zurück!

Ich war so entspannt und fröhlich, als ich den Gleiter erreichte, dass selbst der Autopilot es bemerkte.

»Man hat dir eine Last von der Seele genommen, nicht wahr?«, sagte er.

»Ja«, antwortete ich. Mehr Worte wollte ich nicht machen.

Ein Jahr zuvor – wohlgemerkt, ein Jahr nach der nostalgischen, auf Sabhal nicht gebräuchlichen Zeitrechnung, nach der Gesil und Perry auch mein Alter berechneten –, an meinem fünfzehnten Geburtstag, hatte ich den Weißfüchsen eine andere Geschichte erzählt. Die Geschichte meiner Eltern, die von höheren kosmischen Ordnungsmächten getrennt und auf seltsamem Umweg wieder zusammengeführt worden waren.

2.

Vergangenheit: 430 NGZ

»So ist das also!«, rief Atlan fassungslos, kaum dass die ZUGVOGEL III die ersten Daten über die Positionsbestimmung durchgegeben hatte.

»Wir sind nach ESTARTU gelockt worden. Und es ist wohl keine Frage, dass die Kosmokraten dahinterstecken. Oder wie seht ihr das?«

»Ich fürchte, ich kann deinen Gedankengängen nicht folgen«, sagte Geoffry Abel Waringer. »Was sollte den Kosmokraten daran liegen, uns hierherzulocken? Ausgerechnet in die Mächtigkeitsballung einer Superintelligenz, die sich von ihnen losgesagt hat. Tut mir leid, aber da komme ich nicht mit.«

»Hat Taurec nicht deutlich genug gemacht, dass man auf die Dienste der Ritter der Tiefe nicht verzichten will?«, erklärte Atlan. »Man hat es Perry, Jen und mich eindringlich spüren lassen, dass wir entweder parieren oder ... Und das Oder ist eingetreten. Taurec hat uns unter Vorspiegelung falscher Tatsachen nach ESTARTU gelockt, damit wir gegen die abtrünnige Superintelligenz kämpfen. Die Kosmokraten haben bei dieser komödiantischen Inszenierung beide Parts übernommen.«

»Ich glaube, ich beginne zu begreifen, was du meinst«, sagte Jen Salik bedächtig. »Du nimmst an, dass es auch die Kosmokraten waren, die Perry als anonymer Rufer kontaktiert haben und ihm falsche Versprechungen machten. Ich weiß nicht, Atlan, das klingt mir zu konstruiert.«

Jen Salik blickte fragend zu Perry Rhodan, aber der zeigte keine Reaktion.

»Wenn wir geleimt wurden, dann eher von Stalker«, meinte Gucky. »Ein solcher Winkelzug würde zu Taurec nicht passen, aber Stalker ist jede Gemeinheit zuzutrauen. Es hat ihm ganz gut ins Konzept gepasst, dass die Kosmokraten euch Ritter aus der Lokalen Gruppe verbannten. Ist euch sein Triumph entgangen? Jetzt hat uns Stalker dort, wo er uns haben wollte: in der Mächtigkeitsballung seiner Superintelligenz. Klingt doch logisch, oder?«

»Wer hat dir den Auftrag gegeben, mit uns hierherzufliegen, Vi?«, fragte Fellmer Lloyd das Virenschiff.

»Ich habe die Koordinaten von Unbekannt bekommen«, antwortete die ZUGVOGEL III. »Und zwar etappenweise, so dass das endgültige Flugziel nicht zu berechnen war. Ich habe nur euren Befehlen gehorcht, diese Anweisungen bedenkenlos zu befolgen.«

»Schon gut«, sagte Atlan, der sich wieder beruhigt hatte. »Wir könnten uns höchstens selbst Vorwürfe machen. Aber noch ist nichts endgültig entschieden. Wir können immer noch ein anderes Ziel anfliegen, wenn sich herausstellt, dass die Kosmokraten uns für ihre Zwecke einspannen wollen.«

»Oder Stalker!«, warf Gucky ein. Der Mausbiber wandte sich Rhodan zu. »Warum äußerst du dich nicht, Perry? Es kann doch kein Zufall sein, dass wir ausgerechnet in ESTARTU gelandet sind. Was für ein Gefühl hast du bei der Sache?«

Nun wandten alle ihre Aufmerksamkeit Perry Rhodan zu, der als einziger völlig ruhig, ja nachgerade unbeteiligt geblieben war. Er deutete ein Lächeln an und sagte dann langsam und nachdrücklich:

»Ich habe das Gefühl, dass ich von einem Freund gerufen worden bin. Ich hatte insgesamt dreimal Kontakt mit ihm. Das erste Mal schon während der Devolution des Herrn der Elemente, zu einem Zeitpunkt, da die folgende Entwicklung nicht abzusehen war ...«

»Den Kosmokraten ist eine solche Langzeitplanung zuzutrauen«, warf Atlan ein. Und Gucky meinte:

»Stalker hat einen Winkelzug für jede Eventualität parat.«

»Hört mit diesem Unsinn auf!«, rief Rhodan ungehalten. »Gewiss wird es kein Zufall sein, dass wir in ESTARTU gelandet sind. Aber warum soll unbedingt eine gemeine Absicht dahinterstecken? Ich bin absolut sicher, dass uns ein guter alter Freund gerufen hat, der uns helfen will.«

Diesmal blieben die Einwände aus.

»Okay«, sagte Waringer. »Halten wir uns an die Fakten. Hat jemand etwas dagegen, wenn ich eine Standortbestimmung vornehme? Vi, kann ich alle verfügbaren astronomischen Daten haben?«

»Aber gewiss, Geoffry«, sagte die sanfte Vishna-Stimme.

*

Das neue Jahr war erst fünf Tage alt. Sie hatten die Erde und die Milchstraße zu Weihnachten verlassen und waren seitdem ohne Unterbrechung, ohne Zwischenstopp im Normalraum, im Psionischen Netz unterwegs gewesen. Es war ein ganz neues Fluggefühl gewesen, sich entlang der psionischen Kraftfelder, die das Universum durchzogen, zu bewegen und aus einer phantastischen Perspektive das Werden und Sterben der Sterne und ganzer Galaxien beobachten zu können. Aber selbst dieses unvergleichliche, faszinierende Erlebnis hatte während des über zehn Tage dauernden Fluges bald an Reiz verloren und war zum Alltag geworden. Und dass die ZUGVOGEL III mit 500millionenfacher Lichtgeschwindigkeit flog, konnte nur im ersten Moment verblüffen.

Waringer hatte es bald aufgegeben, das Virenschiff über technische Details des Enerpsi-Antriebs auszufragen. Vi tat gerade so, als bediene sie sich ihrer Möglichkeiten, ohne sie zu begreifen.

Damit war Waringer bald klar, dass das Virenschiff nicht bereit war, ihnen seine Geheimnisse preiszugeben. Nach einem Flug über rund 40 Millionen Lichtjahre hatten sie den Virgo-Cluster erreicht. Die ZUGVOGEL III näherte sich im Gravitationsflug und mit einer Beschleunigung von 30.000 km/sec, einem Kugelsternhaufen, der nur 110.000 Lichtjahre von einer Doppelgalaxis entfernt war. Als es sich herausstellte, dass es sich dabei um jene Sterneninseln handelte, die in der Milchstraße als »siamesische Zwillinge« bekannt waren, sorgte diese Meldung für einige Aufregung.

Denn die »siamesischen Zwillinge« waren mit NGC 4567 und NGC 4568 identisch, die Stalker als Absantha-Gom und als Absantha-Shad bezeichnet und der Mächtigkeitsballung ESTARTU zugeordnet hatte.

Es war Atlan und Gucky also nicht zu verübeln, dass sie die wildesten Spekulationen anstellten. Sie waren auf alle möglichen Überraschungen gefasst, aber dass sie ausgerechnet in jenem Teil des Universums herauskommen würden, der im Brennpunkt der aktuellen Ereignisse stand, damit hatten sie nicht gerechnet.

Das kam auch für Perry Rhodan überraschend. Aber im Gegensatz zu Gucky und Atlan glaubte er nicht, dass sie in hinterhältiger Absicht hierhergelockt worden waren.

Jener, der sich bei ihm gemeldet und ihm geraten hatte, zu ihm zu kommen, war ein Freund, der es gut meinte. Ein guter alter Bekannter, der vertraut und zuversichtlich geklungen hatte. Rhodan konnte sich nicht täuschen.

Der einzige Zweifel, der Rhodan plagte, war der, ob sein Freund noch lebte oder ob er ihn aus dem Reich der Toten gerufen hatte.

Die erste »Begegnung« hatte nämlich stattgefunden, als Rhodan selbst körperlos gewesen war. Den ersten Kontakt hatte er gehabt, als die letzte Phase der Devolution des V'Aupertir zu Ende ging und Rhodan befürchten musste, selbst in übergeordnete Bereiche gerissen zu werden und dort zu vergehen. Da war ihm ein Schwarm aus Lichtpartikeln begegnet: ein körperloses vergeistigtes Wesen mit starker Persönlichkeit.

Wer bist du?, hatte Rhodan gefragt und die Antwort bekommen:

Du kennst mich. Wir sind alte Bekannte. Erkennst du mich denn nicht, Perry?

Rhodan hatte den Körperlosen nicht erkannt. Auch bei der zweiten Begegnung nicht, die unter anderen Voraussetzungen der Vergeistigung stattgefunden hatte – der Freund war ihm im Zeitraum der Feinjustierung von TRIICLE-9 im Traum erschienen. Und wieder wollte er seinen Namen nicht nennen.

Wer ich bin, musst du selbst ermitteln. Sonst verlöre mein Ruf seine Wirkung.

Und die dritte und letzte Traumbegegnung hatte vor zehn Tagen auf Terra stattgefunden. Wieder hatte sich der Freund nicht zu erkennen gegeben, aber Rhodan hatte seine Nähe noch intensiver gespürt, und sein Ruf war eindringlicher gewesen. Und er hatte ein Versprechen gegeben: Ich kann euch von der Ritteraura befreien ... Gesil ... befindet sich in Sicherheit ... Auch das Kind ist wohlauf und in Sicherheit.

Die Stimme des Unbekannten – nein, des unerkannten Freundes, berichtigte sich Rhodan – hatte ihm Vertrauen eingeflößt und Geborgenheit vermittelt. Rhodan wusste, dass er Befreiung von der Ritteraura erwarten konnte, wenn er dem Ruf folgte, und dass er Gesil und ihrer beider Kind vorfinden würde. Er war sich da ganz sicher. Über die Gesinnung des Rufers gab es keine Zweifel, offen blieb nur die Frage seiner Identität.

Geoffrys nüchterne Stimme riss ihn in die Gegenwart zurück.

»Soweit ich ermitteln kann, weist dieser Kugelsternhaufen keine Besonderheiten auf«, erklärte er. »Er besitzt einen Durchmesser von hundertachtzig Lichtjahren und enthält rund zweihundertfünfzigtausend Sonnen. Ein Kugelsternhaufen wie irgendein anderer. Hat er irgendeine Eigenheit aufzuweisen, die auf die Existenz eines ESTARTU-Wunders schließen ließe, Vi?«

»Solche Schlüsse lassen sich mangels Vergleichswerten nicht ziehen«, antwortete das Virenschiff. »Aber der Kugelsternhaufen besitzt in der Tat eine Eigenheit. Er ist eine einzige große Kalmenzone, so dass es nicht möglich ist, mittels des Enerpsi-Antriebs einzufliegen. Wir können uns nur entlang der sternenarmen Peripherie fortbewegen.«

»Somit sind wir in einer Sackgasse gelandet«, stellte Waringer trocken fest. Er rief einige Daten ab und fuhr fort: »Der nächste Stern ist zwanzig Lichtjahre entfernt. Es handelt sich um einen roten Riesen. Ein recht deutliches kosmisches Leuchtfeuer. Vielleicht finden wir dort weitere Hinweise. Machen wir diesen Abstecher?«

»Ich habe Anweisung von Unbekannt, an dieser Position auf weitere Instruktionen zu warten«, erklärte das Virenschiff. »Soll ich sie befolgen?«

»Unbedingt!«, bestimmte Rhodan.

»Dann eben nicht«, meinte Waringer seufzend und beschäftigte sich weiter mit der Datenauswertung. Dabei fiel ihm eine Ungereimtheit auf. Er murmelte: »Da stimmt doch etwas nicht. Vi, du hast behauptet, dass der Kugelsternhaufen in einer Kalmenzone liegt. Aber die Auswertung ergibt, dass er eine sehr hohe psionische Streustrahlung besitzt. Wie erklärst du diesen Widerspruch?«

»Es ist richtig, dass der Kugelsternhaufen von einem Netzwerk psionischer Linien durchzogen ist«, antwortete das Virenschiff. »Aber diese sind nicht von jener Frequenz, auf die der Enerpsi-Antrieb anspricht. Die psionischen Ströme haben ein breites Spektrum, und darin gibt es nur ein winziges Enerpsi-Fenster, das man für diese Art der Fortbewegung nutzbar machen kann. Nimm die Doppelhelix psionischer Felder des Moralischen Kodes zum Vergleich, sie ist ausschließlich für die Weitergabe von Informationsimpulsen geeignet ...«

»Handelt es sich hier um das psionische Echo des Moralischen Kodes?«, unterbrach Waringer.

»Nein«, antwortete das Virenschiff.

»Halt!«, rief Waringer unvermittelt aus. »Was ist das?«

Er hatte in rascher Folge die Koordinaten aller zwölf ESTARTU-Galaxien ermittelt und sich einen Überblick über den gesamten Raumsektor verschafft. Dabei war ihm in der Randzone der Mächtigkeitsballung ein ungewöhnliches Phänomen im psionischen Bereich aufgefallen.

Die seltsame Strahlungsquelle lag auf einer gedachten Linie zwischen der Doppelgalaxis und dem Kugelsternhaufen in Richtung aus der Mächtigkeitsballung. Die Entfernung zum Kugelsternhaufen betrug rund 300.000 Lichtjahre.

Waringer verlangte einen vergrößerten Bildausschnitt und eine Analyse aller Hyperfrequenzen bis in den psionischen Bereich. Plötzlich hatte ihn das Entdeckungsfieber gepackt. Je mehr Daten er vom Virenschiff bekam, desto klarer wurde, dass er hier einem einmaligen kosmischen Objekt auf der Spur war.

»Was kann das sein?«, murmelte er vor sich hin.

Das Phänomen war kreisförmig und hatte einen Durchmesser von drei Lichtminuten – und es war ein Nichts. Zumindest traf das auf die Scheibe, den Kern des Objekts zu. In seiner Randzone bildete es jedoch einen eindrucksvollen Feuerkranz psionischer Strahlung.

So klein das Objekt in seinen Abmessungen nach kosmischen Maßstäben auch war, handelte es sich doch um das stärkste psionische Feld im gesamten Bereich der Mächtigkeitsballung ESTARTU. Waringer stellte vergleichende Berechnungen an, und allmählich kristallisierte sich das Ergebnis heraus.

Was er ortete, war nur der Abdruck eines viel größeren psionischen Feldes im Normalraum. In einem übergeordneten Bereich, den sie als »die Tiefe« kennengelernt hatten, musste dieses Objekt gigantische Ausmaße haben. Vielleicht nicht ganz so groß wie TRIICLE-9, aber von der genau gleichen Art: Ein psionisches Feld, das Bestandteil des Moralischen Kodes des Universums war!

»Ich habe gerade einen Bruder des FROSTRUBINS kennengelernt«, stellte Waringer beeindruckt fest.

Aber keiner an Bord der ZUGVOGEL teilte seine Begeisterung. Entweder hatten sie ihm gar nicht zugehört, oder sie begriffen nicht, was für eine sensationelle Entdeckung er gemacht hatte.

Es kam noch hinzu, dass Icho Tolot eine andere Entdeckung machte und ihm damit die Show stahl. Der Haluter hatte sich ebenfalls mit astronomischen Messungen befasst und verkündete nun mit donnernder Stimme:

»Es ist genau so, wie ich von Anfang an wusste, Rhodanos. Ich wollte es nur nicht wahrhaben. Ich habe die Wahrheit verdrängt.«

»Welche Wahrheit?«, fragte Perry Rhodan den Haluter.

»Wir befinden uns dem Einflussbereich der Konstrukteure des Zentrums ganz nahe«, erklärte Icho Tolot. »Die Galaxis M 87 ist von unserem Standort keine vier Millionen Lichtjahre entfernt.«

Seinen Worten folgte Schweigen. Und sie stellten alle ähnliche Überlegungen an, denen die Tatsache zugrunde lag, dass die Haluter von den Bestien aus M 87 abstammten, die vor 50.000 Jahren in die Milchstraße geflüchtet waren. Was mochte nun in Icho Tolot vorgehen!

Bevor noch irgend jemand sich zu diesem Thema äußern konnte, meldete das Virenschiff:

»Soeben habe ich von Unbekannt neue Instruktionen bekommen. Diesmal über Psikom. Soll ich die erhaltenen Koordinaten anfliegen?«

*

Die ZUGVOGEL III fädelte sich in das Netz aus psionischen Feldlinien ein und tauchte kurz darauf wieder im Normalraum auf, nur zwölf Astronomische Einheiten von dem roten Riesen entfernt.

»Ortung!«, meldete das Virenschiff sofort nach der Rückkehr ins Einsteinuniversum. »Fremdes Objekt zehn Lichtsekunden voraus. Es ist mit dem Sender der Psikom-Signale und den Zielkoordinaten identisch. Es erfolgt die Aufforderung, dort anzulegen.«

»Gib uns zuerst ein Bild des fremden Objekts, Vi«, verlangte Rhodan.

Das Virenschiff lieferte die Holographie eines flachen Quaders mit vier säulenartigen Auswüchsen an einer Breitseite. Der quaderförmige Grundkörper war 200 Meter lang, 110 Meter breit und nur 20 Meter dick und nahm zwei Drittel der Gesamtlänge ein. Die vier Säulen waren 100 Meter lang und je 20 Meter breit und hoch, und die Zwischenräume betrugen 10 Meter. Das Objekt schwebte antriebslos und mit den vier Säulen nach oben senkrecht zu seiner Umlaufbahn um die ferne Riesensonne.

»Sieht aus wie eine mahnend erhobene Hand ohne Daumen«, meinte Gucky, »oder wie ein Kamm mit vier Zähnen ... oder wie ein Gartenrechen fürs Mohrrübenbeet ...«

»Der Form nach könnte es sich ebenso gut um ein Raumschiff wie um eine Weltraumstation handeln«, sagte Atlan. »Jedenfalls erinnere ich mich nicht, etwas Ähnliches schon mal gesehen zu haben.«

»Es ist ein Stützpunkt mit stabiler Position«, erklärte das Virenschiff. »Das geht aus den Funksignalen hervor. Darin wird das Objekt GANDALL-Station genannt.«

»Gib mir bitte Klartext, Vi«, verlangte Perry Rhodan, der das Holo der unbekannten Weltraumstation bisher stumm betrachtet hatte. Ihn beschäftigte nur ein Gedanke: Wer, den er kannte, würde ihn dort erwarten? Und davon leitete sich wie selbstverständlich ab: Würde er an Bord dieses kammartigen Gebildes Gesil und sein Kind treffen? Er wusste, dass es eine Tochter sein musste, denn das Geschlecht hatte sich schon an dem Ungeborenen in der embryonalen Phase der Entwicklung feststellen lassen. Aber solange er es noch nicht gesehen hatte, war es irgendwie anonym, eben »das Kind«.

»Der Klartext lautet«, meldete das Virenschiff: »GANDALL-Station ruft ZUGVOGEL. Die drei Ritter der Tiefe und ihre Freunde werden erwartet. ZUGVOGEL soll an Backbord anlegen. Luftschleuse wird dann automatisch geöffnet. Dieser Funkspruch wiederholt sich.«

»Also handelt es sich um eine gespeicherte Automatiksendung«, stellte Rhodan fest. »Gib mir eine Psikom-Verbindung, Vi.« Nachdem das Virenschiff sendebereit war, sagte Rhodan: »Hier spricht Perry Rhodan von der ZUGVOGEL. Wir sind auf Kurs. In fünf Minuten sind wir zum Anlegen bereit. Bitte um Identifikation.«

Sie warteten eine geraume Weile, in der sie sich der Station bis auf fünf Lichtsekunden näherten. Aber sie empfingen auch weiterhin nur den automatischen Funkspruch.

»Gucky! Fellmer!«, sagte Atlan zu den beiden Mutanten. »Versucht telepathisch festzustellen, ob dort drüben ein denkendes Wesen ist.«

»Schon geschehen«, antwortete der Mausbiber. »Ich habe zwar den Eindruck, dass sich in GANDALL-Station ein denkendes Wesen aufhält, aber ich empfange keine klaren Gedankenimpulse.«

»Das ist richtig«, bestätigte Fellmer Lloyd. »Wer immer sich dort drüben aufhält, versteht es, sich gegen Telepathen abzuschirmen. Oder er besitzt eine natürliche Mentalbarriere.«

»Soll ich mal nachsehen?«, bot Gucky sich an.

»Lass mich das machen«, sagte Ras Tschubai. Ohne dass es die anderen merkten, hatte er den SERUN übergestreift und war so Gucky zuvorgekommen. »Wer weiß, welche Bedingungen uns dort drüben erwarten«, begründete er seine Vorsichtsmaßnahme.

»Okay, springe du, Ras«, stimmte Rhodan zu. »Melde uns deine Beobachtungen über Funk. Am besten, du teleportierst in einen der fingerartigen Vorsprünge.«

»Und sei vorsichtig, Ras«, mahnte das Virenschiff. »Wir sind hier in einer Sackgasse des Psionischen Netzes. Hinter der Riesensonne beginnt die Kalmenzone.«

Aber der Teleporter war entmaterialisiert, noch bevor das Virenschiff zu Ende gesprochen hatte.

Ras Tschubai meldete sich gleich darauf über Funk.

»Ich befinde mich im Backbord-Finger, wenn ich das mal so sagen darf«, meldete er. »Es handelt sich um eine Lagerhalle, die mit unbekannten technischen Geräten vollgestopft ist. Vermutlich alles Einzelteile. Ja, und da ist eine Abteilung, in der lauter faustgroße Würfel gestapelt sind. Ich schätze, dass es sich um voluminöse Güter handelt, die durch atomare Umstrukturierung auf handliches Format verkleinert werden ... Ich mache mich jetzt auf den Weg zur Basis.«

»Ich komme dir zu Hilfe, Ras!«, rief Gucky – und entmaterialisierte.

»Was ist nur in den Kleinen gefahren?«, wunderte sich Atlan.

»Das wird an der Verstärkung der mentalen Impulse liegen, die plötzlich aus der Station kommen«, erklärte Fellmer Lloyd. »Wer immer dort ist, er wird aktiv.«

»Funkspruch für Perry Rhodan«, meldete das Virenschiff mit seiner unaufdringlichen Stimme. Der Vishna-Stimme folgte eine unbekannte männliche.

»Willkommen Perry Rhodan, Atlan, Jen Salik und Freunde«, sagte die klare, tiefe Stimme in Interkosmo. »Es besteht kein Grund zum Misstrauen. Hier erwartet euch ein Freund. Aber ich lasse mir auch nicht den Überraschungseffekt nehmen ...«

Der Funkspruch brach unvermittelt ab. Und dann meldete sich Ras Tschubai über Funk.

»Bin bis zur Kommandozentrale vorgedrungen. Aber hier habe ich nur Gucky vorgefunden. Der Kleine sieht aus, als hätte er einen Geist gesehen.«

»Teleportiert sofort zurück!«, rief Rhodan erregt. Er hatte plötzlich die panische Angst, dass die Mutanten den Rufer, der sie hierhergeleitet hatte, verscheuchen könnten, vielleicht für immer.

Die beiden Mutanten materialisierten wenig später in der Steuerzentrale der ZUGVOGEL. Gucky machte einen verstörten Eindruck.

»Was ist, Kleiner?«, erkundigte sich Atlan. »Hast du jemanden gesehen?«

»Ja, einen Humanoiden«, sagte der Mausbiber. »Es war ein Mensch. Vielleicht sogar ein Terraner.«

»Und?«, wollte Rhodan wissen.

»Er war mir fremd«, sagte Gucky. »Ich habe ihn vorher noch nie gesehen. Ganz bestimmt nicht. Und doch ... er hatte irgend etwas Vertrautes an sich. Eine mentale Ausstrahlung, die mir nicht fremd erschien. Ich bin sicher, dass ich schon irgendwann einmal mit ihm zu tun hatte.«

»Das gefällt mir gar nicht«, stellte Atlan fest. »Wenn der Fremde ein Freund ist, wozu dann dieses Versteckspiel? Das riecht sehr nach einem Köder in einer Falle.«

Er suchte Rhodans Blick, und dieser erwiderte ihn fest.

»Vielleicht hast du recht, Atlan«, sagte Rhodan. »Aber ich gehe diesem Kontakt nicht aus dem Weg. Und ich werde eben allein gehen.«

Die ZUGVOGEL legte bei GANDALL-Station an Backbord an. In der schwarzglänzenden Hülle öffnete sich ein halbkreisförmiges Schott. Dahinter war eine Vier-Mann-Luftschleuse zu sehen. Das Virenschiff errichtete einen energetischen Verbindungsschlauch, so dass man über diese Gangway bequem, den Stützpunkt erreichen konnte.

»Ihr habt doch den Flug über vierzig Millionen Lichtjahre nicht unternommen, um jetzt plötzlich zu kneifen«, meldete sich der Fremde über Funk. »Ich bin wieder da und bereit, euch zu empfangen. Ihr werdet doch einem alten Bekannten, der schon vor sechshundert Jahren euer Kampfgefährte war, nicht misstrauen?«

Rhodan machte sich ohne langes Überlegen auf den Weg. Ihm folgten Atlan, Jen Salik und Gucky. Icho Tolot, Geoffry Waringer und die beiden Mutanten Ras Tschubai und Fellmer Lloyd blieben vorerst auf der ZUGVOGEL zurück. Jen Salik trug als einziger einen SERUN.

*

Sie legten an die hundert Meter in einem Korridor bis ins Zentrum der Station zurück. Dort kamen sie in einer schmucklosen, geradezu spartanisch eingerichteten Zentrale heraus. Der Raum war kreisförmig, hatte einen Durchmesser von zwanzig Metern und war ebenso hoch, er reichte demnach über die gesamte Höhe der Station.

Es gab an die zwanzig Kontursessel. Die meisten davon waren in verschiedenen Höhen der kahlen Wände verankert. Neun von ihnen waren in der Mitte der Station im Kreis angeordnet. Einer davon war besonders groß und stabil und offenbar auf die Bedürfnisse eines Haluters abgestimmt, und einer war für einen Ilt wie maßgeschneidert.

Und in einem saß ein junger Mann. Er war blond, hatte ein kantiges Gesicht mit blassem Teint und einen schlanken, durchtrainierten Körper. Er trug eine schlicht wirkende Kombination von graugrüner Farbe.

Bei ihrem Eintreten sprang er schwungvoll auf, kam ihnen mit ausgebreiteten Armen entgegen, schüttelte jedem die Hand und begrüßte sie mit Namen. Zu Gucky sagte er:

»Gib es auf, Kleiner. Du durchschaust mich nie! Ich bin fest entschlossen, mir nicht in die Karten blicken zu lassen.«

»Wer bist du?«, fragte Atlan scharf. »Du gibst dich als alter Bekannter, als guter Freund und Kampfgefährte aus, aber wir kennen dich nicht.«

Der blonde junge Mann legte sich lächelnd die schlanken, sehnigen Hände auf die Brust und sagte:

»Ihr dürft mich Testare nennen. Ihr kennt nur diesen Körper nicht, in dem ich euch gegenübertrete, aber ich bin kein Unbekannter für euch.«

»Dann ist das ein Scheinkörper, und du siehst in Wirklichkeit ganz anders aus?«, fragte Rhodan, der seine Enttäuschung nicht verhehlte. »Vielleicht bist du nicht einmal ein Mensch. Warum gibst du dich nicht zu erkennen? Was soll dieses Versteckspiel?«

»Gönnt mir diese kleine Freude«, sagte Testare. »Ich habe es in Situationen wie dieser schwer genug. Ich ertrage die Einsamkeit nicht, und euer Besuch ist nicht nur eine willkommene Abwechslung, sondern auch eine große Ehre für mich. Ich werde euch alle Fragen wahrheitsgetreu beantworten und euch darüber hinaus alle mir zur Verfügung stehenden Informationen geben. Nur was meine Identität betrifft, werde ich euch täuschen. Ich will mich damit nicht nur interessant machen, sondern die Sache hat auch einen tieferen Sinn. Aber ... setzt euch erst einmal.«

»Zuerst beantworte mir eine Frage ... Testare«, verlangte Rhodan. »Wo sind Gesil und unser gemeinsames Kind? Sind sie in Sicherheit, geht es ihnen gut?«

»Sie sind beide an einem sicheren Ort gut aufgehoben«, antwortete Testare, während sie sich nacheinander setzten. »Sie befinden sich auf dem Planeten Sabhal, in diesem Kugelsternhaufen namens Parakku.«

»Und wie gelangt man zu dieser Welt?«, fragte Rhodan. »Unser Virenschiff hat erklärt, dass der Kugelsternhaufen eine einzige große Kalmenzone ist und demnach mit dem Enerpsi-Antrieb nicht passierbar.«

»Das ist richtig«, sagte Testare. »Es gibt zwei Möglichkeiten, Parakku zu bereisen. Die erste bietet sich mit konventionellen Triebwerken. Ob Linear- oder Metagrav-Antrieb, sie funktionieren, nur der Enerpsi versagt. Man kann die vorhandenen psionischen Netzlinien auch ohne technische Hilfsmittel bereisen, allein kraft des Geistes. Das ist unsere Methode. Gesil beherrscht sie inzwischen auch schon. Und ich glaube, wenn ihr erst einmal gehört habt, was ich euch zu sagen habe, werdet ihr euch uns anschließen.«

»Wer seid ihr?«, wollte Atlan wissen.

»Er ist kein Terraner!«, platzte Jen Salik heraus. »Die Durchleuchtung hat ergeben, dass sein Organismus einige eklatante Unterschiede zum unsrigen aufweist. Sein Herz sitzt viel tiefer. Die Lungenflügel besitzen ein solches Volumen, dass sie die gesamte Brusthöhle ausfüllen. Und auch die Gehirnstruktur ist durch eine viel stärker entwickelte Gehirnanhangdrüse ...«

»Ein Cappin!«, riefen Rhodan und Atlan wie aus einem Mund. Rhodan fuhr fort: »Wenn du einem der Cappinvölker angehörst, dann könntest du ... Bist du Ovaron?«

Testare lächelte.

»Ich bin zwar derselben Abstammung wie Ovaron, aber mein Name ist Testare ...«

»Aber du könntest in Ovarons Auftrag handeln«, fiel Rhodan ihm ins Wort. Er hatte sich natürlich von Anfang an Gedanken über die Identität des Rufers aus der Unendlichkeit gemacht, und Ovaron war einer der Favoriten gewesen.

»In der Tat, ich bin nur ein Stellvertreter«, gab Testare zu. »Aber ich vertrete hier nicht Ovaron, ich gehöre nicht einmal einer Cappin-Organisation an. Ich bin nur ... Aber das solltet ihr selbst herausfinden.«

»Deine Identität ist vermutlich gar nicht von Bedeutung«, sagte Atlan sarkastisch. »Erzähle uns von der Organisation, der du angehörst. Handelt sie im Dienst der Superintelligenz ESTARTU? Seid ihr Verfechter des Dritten Weges und des Permanenten Konflikts? Bist du ein Vertreter Stalkers und des Kriegerkults?«

»In der Tat, ich bin ein Verfechter des Dritten Weges«, sagte Testare. »Aber das ist nicht dasselbe wie der Permanente Konflikt. Ich gehöre zu den Gängern des Netzes, und wir sind die erbittertsten Gegner der Ewigen Krieger. Der Permanente Konflikt ist nicht der Dritte Weg zwischen den Kosmokraten und den Chaotarchen, es ist eine abartige, verderbenbringende Philosophie. Die Ewigen Krieger gefährden den Moralischen Kode und das Kosmonukleotid DORIFER. Ihr habt es erlebt, welche verheerenden Auswirkungen die Mutation von TRIICLE-9 auf die kosmische Entwicklung hatte. Ähnliches könnte sich mit DORIFER wiederholen, wenn dem Wirken der Ewigen Krieger nicht Einhalt geboten wird. Ihr einziges Ziel ist es, den Moralischen Kode negativ zu beeinflussen – dies nun schon seit rund 50.000 Jahren. Und fast ebenso lange gibt es die Gänger des Netzes, die diese Entwicklung zu verhindern versuchen.«

»Soso«, machte Atlan. »Dann sind die Gänger des Netzes das Äquivalent zu Ordobans Wachflotte, sehe ich das richtig?«

»Nicht exakt«, widersprach Testare. »Abgesehen von ein paar anderen feinen Unterschieden, handeln die Gänger des Netzes nicht im Auftrag übergeordneter Mächte. Die Gänger des Netzes sind eine unabhängige Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, dass der Moralische Kode auf keine wie auch immer geartete Weise beeinflusst wird. Auslösendes Moment für die Gründung waren die drastischen Eingriffe der Superintelligenz ESTARTU durch die Ewigen Krieger.«

»Und die Gänger des Netzes fühlen sich dazu auserwählt, einer Superintelligenz vorzuschreiben, was sie zu tun und zu lassen hat?«, erkundigte sich Jen Salik. »Das klingt mir doch sehr vermessen.«

»Ist es aber nicht«, versicherte Testare. »Ich erkläre euch gerne die Hintergründe. Es war vor 50.000 Jahren, dass durch irgendwelche Einflüsse auf das Kosmonukleotid DORIFER die Psi-Konstante in diesem Bereich des Kosmos verändert wurde. Und zwar war davon ein Raumsektor mit einem Durchmesser von 50 Millionen Lichtjahren betroffen. In diese Sphäre eingeschlossen ist die Mächtigkeitsballung ESTARTU und ebenso die von ES. Die Psi-Konstante wurde auf eine Weise verändert, dass die psionischen Netzlinien zur Fortbewegung nutzbar gemacht werden konnten. Dadurch wurde erst der Enerpsi-Antrieb ermöglicht, dessen sich die Ewigen Krieger bedienen und den auch eure Virenschiffe besitzen. Außerhalb dieser Fünfzig-Millionen-Lichtjahre-Kugel funktioniert der Enerpsi-Antrieb nicht. Das übrige Universum ist, so gesehen, eine einzige Kalmenzone. Und dort ist auch das Netzgehen nicht möglich. Merkt euch das, denn es hat sehr viel mit eurem Problem und dem euch gegebenen Versprechen zu tun.«

»Ich höre nur heraus, dass, wenn zwei das gleiche tun, es offenbar doch nicht dasselbe ist«, sagte Atlan sarkastisch. »Worin liegt der Unterschied zwischen der Nutzbarmachung des Psionischen Netzes für den Enerpsi-Antrieb und der von euch angewandten Methode des Netzgehens?«

»Technisch gesehen darin, dass es zwei Arten von psionischen Kraftfeldern gibt«, erklärte Testare. »Wir unterscheiden zwischen Normsträngen und Präferenzsträngen. Ersterer kann man sich nur mittels des Enerpsi-Antriebs bedienen. Für den Persönlichen Sprung, das Netzgehen mittels Geisteskraft, eignen sich nur die Präferenzstränge. Aber mir ist schon klar, dass du etwas anderes angesprochen hast.

Die zeitliche Übereinstimmung zwischen Veränderung der Psi-Konstante und der Gründung des Kriegerkults in ESTARTU mit gleichzeitiger Entwicklung des Enerpsi-Antriebs lässt den Schluss zu, dass die Superintelligenz ESTARTU diese Entwicklung absichtlich herbeigeführt hat. Und zwar durch wissentliche Manipulation des Kosmonukleotids DORIFER. Die Gänger des Netzes haben sich diese Gegebenheiten erst nachträglich zunutze gemacht, und zwar mit dem Ziel, den Status quo wiederherzustellen. Die Gänger des Netzes wollen die Psi-Konstante dieses Teils des Kosmos der universellen Psi-Konstante wieder angleichen. Die Ewigen Krieger aber tun alles, um DORIFER weiter zu mutieren und die Psi-Konstante künstlich hochzuschrauben. Ihr habt von den so genannten Wundern von ESTARTU gehört? Nun, sie dienen allesamt nur dem Zweck, den Moralischen Kode zur Abgabe ganz bestimmter Messengers zu veranlassen, die bei DORIFER entsprechende Reaktionen bewirken sollen. Dies zu verhindern, wurden die Gänger des Netzes gegründet.«

»Von wem?«, wollte Atlan wissen.

»Ihr werdet die Geschichte der Gänger des Netzes und ihre Ziele erfahren, wenn ihr dazugehört«, sagte Testare. »Und ich bin sicher, dass ihr euch uns anschließen werdet, denn unsere Ziele entsprechen genau euren Moralvorstellungen. Ihr wollt die Loslösung aus der Abhängigkeit von den Kosmokraten für alle Galaktiker. Die Gänger des Netzes können sie euch mit dem Dritten Weg bieten. Ihr wollt Übergriffe des Kriegerkults auf die Milchstraße und die Einbeziehung in den Permanenten Konflikt verhindern. Das stimmt mit den Zielen der Gänger des Netzes überein, die den Kriegerkult abschaffen und die ESTARTU-Philosophie wieder ins richtige Lot bringen wollen.«

»Das wird sich noch weisen«, sagte Rhodan ungeduldig, dem die Ausführungen des Cappins weitschweifig und trotzdem oberflächlich erschienen. »Jetzt wollen wir konkret werden. Wie lange müssen wir hier bleiben? Wann können wir nach Sabhal weiterreisen?«

»Ein Raumschiff mit Metagrav-Antrieb wird kommen, um euch zu unserer Basiswelt zu bringen«, sagte Testare. »Ich werde euch allerdings nicht begleiten, denn ich kann GANDALL-Station nicht auf diese Weise verlassen.«

»Er ist nicht körperlich«, fügte Gucky hinzu. »Er bedient sich nur einer Körperprojektion. Jen hat den Materieprojektor geortet.«

»Was bist du dann, wenn du kein Cappin bist?«, wollte Rhodan wissen.

»Ich gehöre wohl zum Volk der Cappins, aber ich habe keinen Körper mehr«, erklärte Testare. »Ich kann mich in jeder der fünftausend Netzgänger-Stationen manifestieren. Es ist mir jedoch nur möglich, mich entlang der Präferenzstränge des Psionischen Netzes fortzubewegen.«

Rhodan kniff die Lippen zusammen.

»Du bist nicht jener, mit dem ich geistigen Kontakt hatte und der mich gerufen hat«, sagte er schließlich. »Das ist mir jetzt klar. Was für eine undurchsichtige Rolle spielst du?«

»Ich bin der Partner des Rufers, sein Symbiont, wenn ihr wollt«, sagte Testare lächelnd. »Ich habe dich nicht gerufen, Perry Rhodan, so intim war ich nie mit dir. Ich war sogar stets so etwas wie ein Schreckgespenst für euch alle. Aber ich war es, der euer Virenschiff hierhergelotst hat. Ich habe diese Stellvertreterrolle übernommen, um mir nicht völlig nutzlos vorzukommen. Ich bin nur ...«

Da kam ein Anruf von der ZUGVOGEL.

»Ein Raumschiff nähert sich mit großer Beschleunigung aus Richtung des roten Riesen. Vi hat eine schwache Gravitations-Schockwelle wie von einem Metagrav-Vortex angemessen.«

»Keine Panik, Geoffry«, sagte Jen Salik. »Wir erwarten ein solches Raumschiff.«

»Tatsächlich?«, wunderte sich Waringer. »Wann habt ihr einen solchen Schiffstyp schon mal gesehen? Siebzig Meter lang. Tropfenform. Mit einer Kuppelerhebung über dem Bug und zwei verschiedengroßen Zylindersockeln am Bug und am Heck. Könnt ihr mir vielleicht auch verraten, wo ein solches Schiff einzuordnen ist?«

»Es gehört einem guten, alten Freund, den wir für verschollen gehalten haben.«

»Und um wen, wenn ich fragen darf?«

»Lasst euch überraschen«, meinte Rhodan schmunzelnd. An Testare gewandt, sagte er: »Ich denke, ich habe das Rätsel deiner Identität gelöst. Ich habe es unterbewusst gefühlt, wer der Rufer war. Aber durch dein körperliches Auftreten hast du mich verunsichert. Nun aber sehe ich klar. Testare, du bist ...«

Rhodan wurde verlegen, und während er nach den passenden Worten suchte, half ihm Testare weiter:

»Sprich es nur ruhig aus. Es macht mir nichts. Sag es schon, dass ich für dich bloß ein Fragment bin. Ich verkrafte das, denn dort, wo ich mit meinem Lebenspartner war, habe ich ein neues Selbstwertgefühl bekommen.« Er zwinkerte Rhodan belustigt zu. »Geht jetzt an Bord der TALSAMON. Euer Freund wird euch ans Ziel bringen.«

*

Perry Rhodan fragte sich, wann er den großen, hageren Terraner zuletzt so gefestigt und ausgeglichen gesehen hatte. Er wirkte immer noch ernst, war zurückhaltend, introvertiert geradezu, aber andererseits strahlte er auch eine Ruhe und Stärke wie vor seinem Transmitterunfall vor fast sechshundert Jahren aus.

Er erwartete sie in der Kommandozentrale seines Raumschiffs. Das Lächeln um seinen Mund drückte die Wiedersehensfreude aus, aber um seine Augen lag ein Zug von Traurigkeit, den Rhodan sich nicht erklären konnte.

»Was starrt ihr mich an, als sei ich ein Gespenst?«, sagte Alaska Saedelaere. »Seid ihr enttäuscht, mich anzutreffen? Ich jedenfalls freue mich, dass ihr meinem Ruf gefolgt seid. Oder hat Testare euch schockiert?«

Gucky stürzte als erster auf den einstigen Transmittergeschädigten zu und sprang ihm in die Arme.

»Dein Cappin hat uns ganz schön auf die Folter gespannt«, maulte er, nachdem er Alaska losgelassen und an Perry Rhodan weitergereicht hatte.

»Es freut mich, dass im Loolandre nicht Endstation für dich gewesen ist«, sagte Rhodan und schüttelte dem Verschollenen fest die Hand.

»Dort war erst der Anfang ...«, sagte Alaska bedeutungsvoll. Es schien, dass er noch etwas hinzufügen wollte, aber die anderen, die es sich ebenfalls nicht nehmen lassen wollten, ihn gebührend zu begrüßen, ließen das nicht zu. Icho Tolot hob Alaskas fast zerbrechlich wirkenden Körper hoch und presste ihn an sich, als wolle er ihn an seiner Brust erdrücken.

»Auf ein Neues, Saedelaeros!«, ließ er seine Stimme durch die kleine Kommandozentrale donnern, dass die Bugsichtscheibe gefährlich vibrierte.

»Ich glaube, ich fliege auch zuerst einmal nach Sabhal«, sagte Saedelaere, nachdem der erste Überschwang der Wiedersehensfreude vorbei war. »Von Testare habt ihr einige Basisinformationen erhalten. Wenn wir auf Sabhal sind, werdet ihr die Einzelheiten erfahren. Dann könnt ihr selbst entscheiden, ob ihr Gänger des Netzes werden wollt oder nicht.«

»Haben wir denn eine Wahl?«, erkundigte sich Atlan.

»Man wird ein Gänger des Netzes, wenn man an die Sache glaubt – oder gar nicht«, sagte Alaska Saedelaere, und dabei vertiefte sich der Ausdruck des Bedauerns in seinen Augen. »Aber ich fürchte ... Nun, starten wir erst einmal. Die ZUGVOGEL kann vorerst noch bei GANDALL-Station bleiben. Vielleicht braucht der eine oder andere von euch sie noch.«

Während Alaska Saedelaere mit Start und Beschleunigungsflug beschäftigt war, zog Atlan Perry Rhodan beiseite und flüsterte ihm zu:

»Irgend etwas stimmt nicht. Ob Alaska ein schlechtes Gewissen hat, weil er uns geholt hat? Vielleicht hat er inzwischen gewisse Zweifel an den Absichten der Gänger des Netzes.«

Rhodan schüttelte den Kopf.

»Das ist es bestimmt nicht. Aber du hast recht, irgend etwas belastet Alaska. Ich fürchte, er hat schlechte Nachrichten.«

Rhodan dachte dabei an Gesil und seine Tochter, die, wenn er richtig rechnete, inzwischen um die drei Monate alt sein musste. Er hätte sich Gewissheit verschaffen können, Alaska ausfragen können, aber er scheute davor zurück.

Es schien, dass Alaska die Instrumente sehr umständlich bediente und sich dazu unnötig viel Zeit nahm, gerade so, als wolle er das Überbringen einer schlechten Nachricht hinauszögern. Aber vielleicht lag das auch nur daran, dass Gucky ihn mit Fragen bestürmte und ihn dadurch ablenkte.

Jedenfalls dauerte es eine Ewigkeit, bis die TALSAMON genügend beschleunigt hatte, so dass das Schwerkraftfeld am Hamiller-Punkt derart verdichtet war, dass es zur Bildung eines Pseudo-Black-Holes kommen konnte und das Schiff in den Hyperraum gerissen wurde. Nachdem die Grigoroff-Projektoren zur Bildung eines Schirmfeldes stabilisiert waren, wandte sich Alaska um.

Er ließ seine Blicke über Atlan, Rhodan und Jen Salik wandern und sagte:

»Ich habe schlechte Nachricht für die Ritter der Tiefe. Bedauerlicherweise kann ich mein Versprechen, euch von der Ritteraura zu befreien, nicht wahr machen ... noch nicht.«

»Ist es das, was dir die ganze Zeit über zu schaffen machte?«, erkundigte sich Rhodan und verspürte gleichzeitig Erleichterung. Für ihn zählte im Moment nur, dass Alaskas Hiobsbotschaft nichts mit seiner Frau und seiner Tochter zu tun hatte.

»Ist dir auch klar, was das bedeutet, Perry?«, fragte Alaska. »Es heißt, dass ihr dem Bann der Kosmokraten unterworfen bleibt und nicht in die Milchstraße, nicht einmal in die Lokale Gruppe zurückkehren könnt.«

»Ich weiß nicht, wie du uns von der Ritteraura befreien wolltest«, sagte Atlan. »Aber warum siehst du dich plötzlich außerstande, es zu tun?«

»Als ich das Versprechen machte, war ich noch nicht über die Begrenzung der Präferenzstränge des Psionischen Netzes informiert«, sagte Alaska niedergeschlagen. »Hat euch Testare erzählt, dass die Gänger des Netzes nur innerhalb einer Fünfzig-Millionen-Lichtjahre-Grenze operieren können?«

»Das hat er«, antwortete Jen Salik. »Aber die Lokale Gruppe liegt innerhalb dieser Grenze.«

»Das hilft uns nicht weiter«, sagte Alaska. »Mein Plan war, über das Psionische Netz die Galaxis Norgan-Tur mit dem Dom Kesdschan zu erreichen. Denn nur dort, wo ihr den Ritterschlag erhalten habt, könnt ihr von der Ritteraura auch befreit werden. Die Galaxis Norgan-Tur liegt aber weit außerhalb des von uns begehbaren Psionischen Netzes. Man gelangt nur auf konventionelle Weise hin, und selbst mit Metagrav-Triebwerken ist das eine sehr zeitraubende Reise.«

»Ist das alles, was dich so sehr belastet?«, wunderte sich Rhodan. Als Alaska bestätigend nickte, atmete er auf. »Wenn es nicht anders geht, werden wir die Mühe einer solchen Reise auf uns nehmen. Aber darüber wollen wir uns noch nicht den Kopf zerbrechen.«

Atlan war da nicht ganz seiner Meinung. »Ich war nie im Dom Kesdschan«, sagte er. »Für mich müssten eigentlich andere Maßstäbe gelten.«

»Wohl kaum«, widersprach Jen Salik. »Auch wenn du die Ritteraura in der Tiefe erhalten hast, so hast du sie von Tengri Lethos durch die in ihm gespeicherte Domenergie übertragen bekommen. Für dich gilt somit dasselbe wie für uns.«

»Okay, ich muss mit dem Fluch der Kosmokraten leben«, sagte Atlan. »Ich frage mich nur, was für ein Handikap wir auf uns nehmen, wenn wir uns den Gängern des Netzes anschließen. Verlieren wir unsere Körper? Sind wir ans Psionische Netz gefesselt? Diener welcher Macht sind wir dann?«

»Der psionische Imprint verpflichtet zu gar nichts«, antwortete Alaska. Er lächelte melancholisch. »Und ihr braucht euch auch nicht verpflichtet zu fühlen, aus Freundschaft zu mir Gänger des Netzes zu werden.«

Damit war das Thema bis nach der Landung auf Sabhal erledigt.

Während des Landeanflugs wurde Rhodan immer nervöser. Er schalt sich einen Narren, dass er sich aufführte wie ein kleiner Junge vor der Bescherung. Aber es half alles nichts, was sein Verstand auch ins Feld führte, er konnte die emotionelle Anspannung nicht eindämmen. Und nicht einmal die Ausstrahlung des Zellaktivators konnte verhindern, dass er feuchte Hände bekam.

»Du bist doch nicht zum ersten Mal Vater geworden, Perry«, sagte Alaska. »Du kannst mir glauben, dass es Gesil blendend geht. Und auch ... deine Tochter wird sich zu einem hübschen, klugen Gör mausern.«

Die kaum merkliche Pause und die seltsame Formulierung machten Rhodan stutzig. Er fragte sich: Und was ist sie jetzt, wenn sie sich noch mausern muss?

Verdammter Narr, schalt er sich. Da machte er kosmische Geschichte und bot den Mächten von jenseits der Materiequellen die Stirn, aber wenn es um die alltäglichen Dinge des Lebens ging, flippte er förmlich aus.

Alaskas Worte begannen in ihm zu arbeiten ...

*

Gesil und Perry Rhodan lagen sich eine Ewigkeit in den Armen, ohne ein einziges Wort zu sagen. Alles Wichtige, was zu besprechen war, hatte Zeit für später. Vielleicht dachte Gesil wie er, dass jedes Wort den Zauber des Augenblicks stören konnte. Aber irgendwann musste es sein ... und wie war die Wirklichkeit? Alaskas Äußerung arbeitete noch immer in ihm.

»Gesil ... wo ist ... wie geht es ...?«

»Eirene. Es ist dir doch recht, dass ich unsere Tochter nach der griechischen Friedensgöttin benannt habe?«

»Eirene gefällt mir sehr. Ein passender Name für unsere Tochter ...«

»Nun, im Augenblick wird sie ihm noch nicht ganz gerecht. Sie gleicht mehr einem psionischen Vulkan. Aber das wird sich mit zunehmendem Alter ändern.«

»Ich möchte Eirene sehen.«

»Erschrick nicht, wenn du in ihr Zimmer kommst. Sie hat eine Reihe ungewöhnlicher Fähigkeiten, die sie noch nicht kontrollieren kann, und ... sie versteckt sich. Als fürchte sie das Leben außerhalb des Mutterleibs.«

Wie meinst du das – sie versteckt sich?, wollte Rhodan fragen, aber er brachte nur ein Krächzen zustande. Alaskas Worte hallten in seinem Kopf: ... wird sich zu einem hübschen, klugen Gör mausern.

Rhodan ließ sich wie in Trance ins Kinderzimmer führen. Er trat aus der geordneten Realität durch eine Tür ins perfekte Chaos. Und dann tanzten schwarze Flammen vor seinem geistigen Auge. Sie umzüngelten ihn, schlugen nach ihm, als wollten sie ihn verzehren. Er schritt durch sie hindurch ... Gesils besänftigende Stimme geleitete ihn.

»Ich bin mit Eirene in Kontakt ... Auf mich hört sie ... Sie darf nur nicht ohne Aufsicht gelassen werden ... Sie entwickelt sich erst ...«

Perry Rhodan näherte sich dem einzigen Einrichtungsstück, das ganz geblieben war. Es war ein rosafarbenes, geschmackvolles Kinderbett.

Er beugte sich darüber und sah ...

»Eirene hat sich verpuppt. Ich sagte es dir schon, Perry.«

... etwas Unförmiges, entfernt Menschliches, wie eine grobe Lehmform, aber hart wie Horn und geschuppt, rau und porös ... Schwarze Flammen schossen auf ihn zu und verscheuchten das momentane Gefühl des Entsetzens. Ein Gedanke drang auf ihn ein, verging aber sofort wieder, kaum dass er ihn fassen konnte ...

»Aber unter der Verpuppung verbirgt sich ein ganz normales Menschenkind. Ein Mädchen, das sehr viel Liebe braucht und viel Liebe zu geben hat, das sich ganz normal entwickeln wird, wenn es unsere Liebe bekommt und uns seine Liebe ebenso zeigen kann. Unsere Tochter Eirene, Perry ...«

Perry Rhodan schluckte und plötzlich war er völlig entspannt und spürte, wie ein erleichterndes Glücksgefühl ihn durchströmte.

»Ich liebe dich, Eirene«, sagte er und nahm das hässliche, hornige Ding in die Arme ...

3.

Gegenwart: Eirene

Ich flog von Osten her ein und landete auf der konkritüberzogenen Fläche vor der Garagenhalle. Unser Haus lag inmitten eines weiten Gartens, den Gesil in eine parkähnliche Landschaft verwandelt hatte. Das nach Nordosten hin angrenzende Grundstück gehörte Obeah, meinem alten Freund. Und eben weil ich Obeah in seinem Garten hatte arbeiten sehen, landete ich auf dem Parkplatz, anstatt gleich in die Garage zu fliegen.

Es waren noch anderthalb Stunden bis Mittag. Ich hatte noch Zeit für ein Schwätzchen. Obeah hatte meinen Gleiter landen sehen. Er kam auf die niedrige Hecke zu, die die Grenze zwischen den beiden Grundstücken markierte. Hinter sich her zog er ein langstieliges Gerät, das entfernt an einen Rechen erinnerte. Die Duara betrieben eine eigenwillige Art des Gartenbaus. Sie glaubten daran, dass Pflanzen besser wüchsen, wenn sie von organischen Wesen gehegt und gepflegt wurden. Ein Duara duldete keine Maschine in seinem Garten.