Perry Rhodan-Paket 44: Das Reich Tradom (Teil 2) -  - E-Book

Perry Rhodan-Paket 44: Das Reich Tradom (Teil 2) E-Book

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Beschreibung

Perry Rhodan-Heftromane 2150 bis 2199 Durch ein Sternenfenster, das sich im Hayok-Sektor öffnet, kommt ein Konquestor aus der fernen Galaxis Tradom in die Milchstraße. Er fordert die Terraner zur bedingungslosen Unterwerfung auf. Perry Rhodan und die arkonidische Admiralin Ascari da Vivo stoßen mit nur zwei Raumschiffe nach Tradom vor, um Verbündete für den Kampf gegen die unüberwindliche erscheinenden Katamare des Konquestors zu finden. Atlan fliegt derweil mit der SOL die Galaxis Wassermal an. Von den Pangalaktischen Statistikern hofft er Aufschluß über die Helioten und die Hintergründe Thoregons zu erhalten...

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EPUB

Seitenzahl: 6482

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Nr. 2150

Festung der Inquisition

Im Zentrum von Tradom – die Schlacht um den Brückenkopf Roanna

von Uwe Anton

Auf den von Menschen bewohnten Planeten der Milchstraße schreibt man den März des Jahres 1312 Neuer Galaktischer Zeitrechnung – dies entspricht dem März 4899 alter Zeitrechnung. Nach erbitterten Kämpfen ist die gefährliche Situation für die Terraner und ihre Verbündeten beseitigt. Die Vernichtung der Erde und anderer Welten droht in der nächsten Zeit wohl nicht.

Am Sternenfenster, dem unglaublichen Durchgangstor zum feindlichen Reich Tradom, haben Terraner, Arkoniden und Posbis die Oberhand über die gegnerischen Flotten gewinnen können. Das Tor, mit dessen Hilfe man die Entfernung von unvorstellbaren 388 Millionen Lichtjahren praktisch in Nullzeit überwinden kann, ist in der Hand der Milchstraßenbewohner.

Jetzt geht es darum, das Handeln weiterhin zu bestimmen. Perry Rhodan befiehlt den Vorstoß auf die »andere Seite«: Wenn die Milchstraße und ihre Zivilisationen dauerhaft in Sicherheit sein sollen, müssen die grausamen Machthaber des Reiches Tradom gestürzt werden. Der nächste Vorstoß der Terraner gilt deshalb der FESTUNG DER INQUISITION ...

Die Hauptpersonen des Romans

Perry Rhodan – Nach vielen Rückschlägen befiehlt der Terraner nun den entscheidenden Vorstoß.

Trah Zebuck – Der Konquestor muss in der Zentrale des Reiches Tradom ein unangenehmes Geständnis ablegen.

Zim November – Mit dem Spürkreuzer JOURNEE geht der junge Emotionaut auf große Fahrt.

Benjameen da Jacinta

1.

Perry Rhodan

4. März 1312 NGZ

Perry Rhodan glaubte, sterben zu müssen.

Er hatte gewusst, was ihn erwartete, hatte sich auf dieses Phänomen vorbereitet, so gut er es vermochte, doch sein Verstand konnte sich kaum gegen die Furcht zur Wehr setzen, die sein Unterbewusstsein in einen bodenlosen schwarzen Abgrund zu reißen drohte.

Er hatte versucht, sich dagegen zu wappnen, musste sich jedoch eingestehen, dass es ihm nicht gelungen war.

Nur einmal in seinem Leben hatte er etwas Ähnliches empfunden.

Damals ...

Er erinnerte sich.

Damals, als ihn nackte Panik ergriffen hatte. Als er gesehen hatte, wie die Antwort, die er ersehnte wie kaum etwas anderes in seinem Leben, auf ihn zukam. Er sah sie in der Form einer Woge, die auf ihn zugerollt kam wie die Welle einer mächtigen Brandung. Sie wuchs und wuchs. Der Kamm der Woge wurde scharf wie die Schneide eines Messers. Dröhnend und donnernd kam das riesige Gebilde auf ihn zugeschossen.

Er wusste, dass der Aufprall ihn zermalmen würde. Menschengeist war nicht dazu geschaffen, diese Antwort zu erfahren. Was er erfuhr, würde ihm das Gehirn zerreißen.

»Nein!«, schrie er in höchster Verzweiflung. »Halt ein! Ich will die Antwort nicht wissen!«

Und die riesige Woge bäumte sichhoch auf. Mit einem donnernden Krach, der das Universum bis in seine Grundfesten zu erschüttern schien, prallte sie gegen ein unsichtbares Hindernis und löste sich in schaumige, flockige Bestandteile auf, die nach allen Seiten davonsprühten.

Die Angst war zu viel für ihn. Das Bewusstsein versagte, und der Kosmos versank in Finsternis ...

Damals ...

Als er am Fuß des Berges der Schöpfung fast die Antwort auf die Dritte Ultimate Frage erfahren hatte: WER HAT DAS GESETZ INITIIERT, UND WAS BEWIRKT ES?

Nein, Menschengeist war nicht dazu geschaffen, dieses Wissen aufnehmen zu können, und Menschengeist schien auch nicht aushalten zu können, was er jetzt erlebte.

Jetzt ... jetzt befand er sich in einem winzig kleinen Schiff in einem unendlich langen Schlauch, und dieser Schlauch bestand aus einem graublauen Wogen und Wallen, das in seinen Augen brannte, als hätte Hitze Substanz gewonnen und wäre auf unerklärliche Weise körperlich geworden. Das Feuer schien nach ihm zu greifen, immer näher zu kommen, nur um im letzten Augenblick wieder zurückzuweichen.

Aber nicht für lange. Das Feuer schien in dem unendlichen Wallen nur die Verstärkung eines anderen Elements zu suchen, eines gar nicht mehr fassbaren, und dann raste es wieder heran, und diesmal wich es nicht zurück.

Diesmal schlug es zu.

Ein furchtbares Gefühl ließ Rhodan fast das Bewusstsein verlieren. Er glaubte, sein Innerstes würde nach außen gekehrt. Sein Körper schien umgestülpt und der so freigesetzte Geist von dem graublauen Wallen aufgesogen zu werden.

Ich sterbe, dachte Rhodan erneut. Ich sterbe!

*

Er schloss die Augen, sammelte sich wieder, so gut er es vermochte, und suchte nach einem ruhigen Pol in seinem Inneren, fand ihn aber nicht. Ein heftiges Pochen dröhnte durch seinen Körper. Erst nach einer geraumen Weile wurde ihm klar, dass es sich dabei um Impulse seines Zellaktivatorchips handelte, um so starke, wie er sie noch nie zuvor gespürt hatte.

Zumindest konnte er sich nicht daran erinnern.

Doch woran konnte er sich überhaupt noch erinnern?

Damals, am Berg der Schöpfung, hatte ihm der Zellaktivator nicht helfen können. Er vermochte zwar den Körper zu regenerieren, nicht aber den Geist vor Unfassbarem abzuschirmen.

Jetzt schien es etwas anders zu sein.

Rhodan glaubte zu spüren, wie sein Körper wieder die angestammte Struktur annahm und die zersplitterten Fragmente seines Geistes sich wieder zu einem Ganzen zusammenfügten, das immer besser seiner eigentlichen Aufgabe nachkommen konnte.

Das Feuer und das unsagbar fremde Element schienen sich zurückzuziehen oder in ihrer Angriffswut gegen sein Ich zumindest nachzulassen.

Lag es wirklich an dem schützenden Einfluss des Zellaktivators, oder gewöhnten sein Körper und Geist sich nur an die neue Umgebung, konnten immer besser in ihr existieren?

Der Terranische Resident wusste es nicht. Er wusste nur, dass er von Sekunde zu Sekunde klarer denken konnte, das Feuer immer kälter, erträglicher wurde.

Einen winzigen Augenblick lang glaubte er, wieder würde etwas nach ihm greifen, noch aus der Milchstraße hierher in den Sektor Hayok, etwas ganz anderes als das Feuer des Schlauchs, eine Präsenz von durchdringender Klarheit und Unschuld, doch dann prallte sie zurück, als würde sie von der widernatürlichen Umgebung vertrieben werden. Sein Mund bildete Silben, dann ein Wort, doch als er es ausgesprochen hatte, hatte er es auch schon wieder vergessen. »Kiriaade ...«

Rhodan öffnete die Augen. Zuerst sah er nur ein unergründliches türkisgrünes Strahlen, das die gesamte Umgebung und damit auch sein Ich ausfüllte.

Dann konnte er erste Einzelheiten ausmachen. Das Strahlen war nichts anderes als ein Medium, das das kleine Schiff umgab. Rhodan fiel kein anderes Wort dafür ein. Es präsentierte sich als zähes, unentwegt pulsierendes Etwas, das sich gleichzeitig zusammenzuziehen und auszudehnen schien, ohne seine Ausmaße dabei auch nur im Geringsten zu verändern.

Er warf einen Blick auf die Instrumentendisplays. Sie zeigten völlig sinnlose Werte an. Obwohl die Triebwerke unverändert arbeiteten, schien das Schiff keinen einzigen Meter zurückzulegen.

Rhodan schaute wieder auf die Innenseite des Schlauchs, in dem er sich befand. In dem wogenden Türkisgrün vermittelten zahlreiche Schlieren den Eindruck einer keineswegs gemächlichen Bewegung.

Dann war er, völlig abrupt und überraschend, durch.

Rhodan sah mit bloßem Auge klar und deutlich eine Fensterstation. Sie sah genauso aus, wie Cheplin, der Schwarmer von Aarus-Jima, sie beschrieben hatte.

Und auch der Flug durch das Hebewerk war genauso verlaufen, wie der Schwarmer es vorhergesagt hatte.

Grausam und ohne Gnade. So nah hatte Rhodan sich dem Tod noch nie gefühlt.

*

Der Resident korrigierte sich.

Er sah nur einen kleinen Teil der Station. Mit neunzehn Kilometern Durchmesser war das scheibenförmige Gebilde zu gewaltig, als dass er es in seinen gesamten Ausmaßen erfassen konnte.

Die Space-Jet schwebte 50 Meter über der Oberfläche, einer zerfurchten Ebene mit zahlreichen Aufbauten, Auslegern, Einbuchtungen, Türmen und Antennenschüsseln, und sank schnell. Sie war im Inneren eines Schirmfelds ausgestoßen worden, das die Fensterstation mit einem Abstand von hundert Metern umhüllte. Der Schirm war halb transparent und ermöglichte nur einen stark verschleierten Blick auf die Umgebung des Hayok-Sternenarchipels, genau so, wie die Stationen von draußen auch nur verschleiert wahrgenommen werden konnten.

Um ihn herum entfaltete sich hektische Aktivität. Weitere Jets wurden durch die Öffnung des Schlauchs ausgespien. Sie stoben nach einem ihm noch nicht ersichtlichen Muster auseinander und hielten auf die zahlreichen Schotten der Fensterstation zu. Gleichzeitig eröffneten sie das Feuer auf einige der Schotten.

Die ersten Kleinraumschiffe schleusten bereits TARA-V-UH-Kampfroboter aus.

Rhodan schüttelte sich. Er galt als Sofortumschalter, war imstande, sich blitzschnell auf neue Gegebenheiten umzustellen, doch im Augenblick vermochte er in dem sich entfaltenden anscheinenden Chaos keinerlei Planung zu entdecken. Die Space-Jets hatten zweifellos genau definierte Aufträge zu erfüllen, doch er durchschaute sie nicht.

Die Passage durch das Hebewerk hatte ihn stärker in Mitleidenschaft gezogen, als er es für möglich gehalten hätte.

Das Hebewerk ... Allmählich wurden die Zusammenhänge wieder klar.

Während und nach der Schlacht am Sternenfenster waren den Terranern und Arkoniden einige Objekte in die Hände gefallen. Eines davon hatte sich als höchst nutzbringend erwiesen: eben dieses Hebewerk, mit dem die Verbindung vom Normalraum zu den Fensterstationen hergestellt werden konnte.

Troym LeCaro, der Oberste der Eltanen, beherrschte die Technologie des Hebewerks.

Rhodan hatte den Dimensionsschlauch an der ersten Fensterstation – noch auf der Seite der Milchstraße – anbringen lassen und gemeinsam mit Ascari da Vivo einen Plan zur Eroberung der Station ausgearbeitet.

Vor ihm leuchteten Explosionen auf, färbten das All einen Augenblick lang blutrot. Holos zeigten Trümmerstücke, die der Space-Jet entgegenflogen und von den Prall- und Schutzschirmen des kleinen Schiffs abgelenkt oder in den Hyperraum geschleudert wurden.

Aufgrund der Daten von LeCaros Speicherkristall lag ihnen ein Lageplan der Fensterstation vor. Sie wussten, wo sich die Hangars befanden, und die Besatzungen der Space-Jets hatten sich gewaltsam Zutritt verschafft.

Rhodans Jet nahm wieder Fahrt auf und näherte sich einem der großen Löcher, die die Bordwaffen gerissen hatten. Sie durchdrang ein Prallfeld, das sich hinter ihr wieder schloss, um die Atmosphäre im Hangar festzuhalten und einen Druckverlust zu verhindern. Holos zeigten das Innere des großen Raums. Es wimmelte dort von Kampfrobotern, die den Brückenkopf in der Fensterstation sicherten und das weitere Vordringen vorbereiteten.

Sanft setzte das kleine Schiff auf. Rhodan vernahm Geräusche, sah sich verwirrt um und stellte überrascht fest, dass er nicht allein in der Jet war.

*

Raumsoldaten umgaben ihn, zumeist junge Männer, die ihm fast noch wie Kinder vorkamen, obwohl sie schon längst keine mehr waren. Sie standen völlig geistesabwesend da, starrten geradeaus ins Leere, schienen gar nicht zu wissen, wo sie sich befanden.

Weitere Holos leuchteten auf. Rhodan glaubte, ein leises Knirschen zu vernehmen; die Bodenluken wurden geöffnet. Dutzende von TARAS schwärmten aus dem Schiff und gesellten sich zu denen, die sich bereits im Hangar befanden.

Im nächsten Augenblick fiel die geistige Starre endgültig von ihm ab, und er konnte wieder so klar denken wie vor der Passage durch das Hebewerk.

Dass es zu einer zeitweiligen geistigen Beeinträchtigung kommen würde, hatte er aufgrund von Cheplins und Parrots Bericht gewusst. Aber dass es so schlimm werden würde ... Vielleicht hatte Troym LeCaro den Dimensionsschlauch nicht richtig oder nur unzureichend justiert, so dass es zu wesentlich stärkeren Phänomenen und Störungen gekommen war, als der Schwarmer sie beim ersten Vorstoß in die Station erlebt hatte.

Rhodan drängte sich zwischen den Raumsoldaten hindurch, die noch immer wie gelähmt wirkten, sprang auf den Hangarboden hinab und machte sofort Reca Baretus aus, die Leiterin der Abteilung Außenoperationen und Chefin der Landungstruppen. Die über zweieinhalb Meter große Ertruserin hatte sich in der ersten Jet befunden, die durch den Dimensionsschlauch vorgestoßen war, und ihre Reaktionsfähigkeit bereits zurückgewonnen.

»Schwere Kämpfe in allen Bereichen der Station, in die wir vorstoßen!«, rief sie ihm zu. »Sämtliche Lebewesen scheinen sie zwar verlassen zu haben, aber man wirft uns alles an Robotern entgegen, was man hat!«

Natürlich, dachte Rhodan. Das waren die Grundzüge des Plans. Den ersten Vorstoß haben Kampfroboter vorgenommen. Es gilt, das Leben von Terranern und Arkoniden zu schonen ... »Scheinen?«, fragte er.

Die überaus muskulöse und durchtrainierte Ertruserin trug einen gepanzerten Schutzanzug, dessen bloßes Gewicht Rhodan wahrscheinlich schon zerquetscht hätte. »Wir hatten unsere Individualtaster kaum aktiviert, als sie auch schon durch eine Art Störstrahlung unwirksam gemacht wurden. Die Impulse werden überlagert!«

»Aber ihr habt welche entdeckt?«

»Etwas mehr als hundert. Wir konnten sie jedoch nicht identifizieren.«

»Hundert Lebewesen ...« Das war in einer Station dieser Größe so gut wie nichts. Wenn sie die Störstrahlung nicht ausschalten konnten, würden die Feinde sich Wochen, Monate oder gar Jahre vor ihnen verbergen können.

Irgendwo im Inneren der Station, nicht besonders weit entfernt vom Hangar, erklang das Donnern einer Explosion.

»Bevor sie die Station verlassen haben, haben sie sie mit Fallen gespickt«, erläuterte Reca Baretus. »Die TARAS entdecken die meisten und können sie unschädlich machen, aber manche sind so justiert, dass sie erst auf organische Materie ab einer bestimmten Masse reagieren.«

Rhodan nickte düster. Mittlerweile hatten auch die Soldaten der Jet, mit der er an Bord der Fensterstation gelangt war, die geistige Lähmung abgeschüttelt und taten das Ihre zum scheinbaren Durcheinander im Hangar dazu. Zum scheinbaren ... Der Resident hatte an genug militärischen Operationen teilgenommen, um zu sehen, dass jeder Angehörige der Abteilung Außenoperationen genau wusste, was er tat.

Die Raumsoldaten hatten sich längst wieder zu ihren Einheiten zusammengefunden und gingen höchst gezielt vor. Jeder Handgriff saß. Einige folgten den TARAS ins Innere der Station, andere sicherten den Brückenkopf im Hangar, wieder andere setzten tragbare Transmitter zusammen. Sie konnten sie natürlich nur innerhalb der Station benutzen, betreten und verlassen konnte man sie nur über das Hebewerk. Schon leuchteten kleine Torbogen auf.

Als eine der Ersten verließ Ascari da Vivo einen der Transmitter. Die arkonidischen Kräfte waren in andere Bereiche der Station vorgestoßen, doch Rhodan hatte sich mit der Admiralin geeinigt, seinen Brückenkopf als den zentralen auszubauen, von dem aus die gesamte Operation geleitet werden sollte.

Ascari hatte nur wenig Widerspruch erhoben. Das wäre ihr auch schwerlich möglich gewesen, hatten die Terraner doch den Paradim-Panzerbrecher »organisiert«, der diesen Einsatz erst möglich gemacht hatte.

Angeführt wurden die Soldaten bei der Admiralin von Qertan, dem Echsenwesen. Seine breite und gedrungene Gestalt hielt einen Zweihand-Kombistrahler im Anschlag. Die stoische Ruhe des Fremdwesens vermittelte Rhodan unwillkürlich ein Gefühl vermeintlicher Sicherheit. Zwei ihrer Begleiter waren Báalols, Anti-Mutanten.

Wahrlich kein schlechter Schachzug, dachte Rhodan. Falls es an Bord der Station psionisch begabte Wesen gibt, können sie deren Fähigkeiten neutralisieren ...

Ascari trug ebenfalls einen schwer gepanzerten Schutzanzug. Rhodan war überzeugt davon, dass er mit allem ausgestattet war, was die arkonidische Technologie zu bieten hatte. Ihn überraschte nicht im Geringsten, dass sie darauf bestanden hatte, den Einsatz der Kräfte des Imperiums persönlich zu leiten; dazu kannte er sie mittlerweile viel zu gut.

Weitere Personen traten aus den Transmittern. Rhodan erkannte Humphrey Parrot und Sackx Prakma, den Chefwissenschaftler der LEIF ERIKSSON und seinen Stellvertreter, und Trerok, der auf arkonidischer Seite eine ähnliche Position einnahm. Die drei führten großes Gepäck mit sich, Messgeräte und andere Instrumente, die von mehreren Robotern getragen wurden. Umgeben von einem Kordon aus Raumsoldaten, machten sie sich sofort an die Arbeit, lösten energetische Prall- und Schutzfelder auf und nahmen die Geräte in Betrieb.

»Nehmen wir an dem Vorstoß in die Station teil?«, fragte Ascari da Vivo.

Rhodan nickte. »Natürlich.«

»Das würde ich nicht tun.« Humphrey Parrot schaute von seinen Instrumenten auf. »Die Station ist eine einzige Todesfalle und wird in wenigen Minuten explodieren.«

Rhodan sah Ascari an.

Dann lachte der Chefwissenschaftler der LEIF ERIKSSON kurz, und Rhodan fragte sich, ob Parrot die Auswirkungen des Transfers durch das Hebewerk tatsächlich schon vollständig überwunden hatte.

*

»Könntest du dich klarer ausdrücken?«, fragte Rhodan. »Hast du eindeutige Informationen?«

»Allerdings«, sagte der dürre Wissenschaftler. »Ich kann es nicht fassen, aber sie versuchen genau das, was ich in der Fensterstation DREI durchgezogen habe.« Es war typisch für Parrots Charakter, dass er in solch einem Zusammenhang lediglich von sich selbst und nicht von der gesamten Gruppe sprach, mit der er in den Einsatz gegangen war.

»Humphrey«, sagte Rhodan, »wir sind im Einsatz. Geht es etwas präziser?«

»Entschuldigung. Die Energiezapfer der Fensterstation arbeiten mit voller Kraft. Die Energie wird in einen Speicher geleitet. Sobald er bis über den absoluten Rand seiner Kapazität gefüllt ist, wird er explodieren – und die Station mit ihm. Offensichtlich gibt es hier keine Selbstvernichtungsanlage, aber auf diese Weise geht es genauso gründlich.«

»Was ist mit den Sicherheitsschaltungen des Energiespeichers?«

»Außer Kraft gesetzt mit einem Überrangkode.«

»Woher haben sie den? Ich dachte, nur die Eltanen wären im Besitz dieser Kodes?«

Parrot zuckte mit den Achseln. »Vielleicht haben die Dhyraba'Katabe der Station DREI ihn kopiert und hierher geschickt.«

»Trerok?«, fragte Ascari da Vivo mit schneidender Schärfe in der Stimme.

Der Zaliter mit der geheimnisvollen Tätowierung auf der Stirn nickte schwach. »Das ist zumindest nicht völlig auszuschließen.«

»Aber wir verfügen ebenfalls über Überrangkodes«, sagte Rhodan. »Troym LeCaro persönlich hat sie uns gegeben. Können wir diesen einen Kode damit nicht außer Kraft setzen?«

»Sicher«, sagte Parrot. »LeCaro hat uns ja gezeigt, wie wir mit Hilfe der Überrangkodes Zugriff auf die Energiezapfer und -speicher bekommen. Aber dazu müssten wir erst einmal an eine Schaltstelle herankommen, über die wir den Kode einspeisen können.«

»Wie viel Zeit bleibt uns?«

Der Chefwissenschaftler verzog das schmale Gesicht. »Schwer zu sagen. Eine halbe Stunde, vielleicht etwas mehr, vielleicht etwas weniger.«

Rhodan musste eine Entscheidung treffen. Niemand konnte sagen, welche Auswirkungen es auf das Sternenfenster hatte, sollte eine weitere Station ausfallen. Würde es endgültig zusammenbrechen oder als Dreieck bestehen bleiben?

Im ersten Fall wären sämtliche Truppen, die den Brückenkopf im Reich Tradom sicherten, fast 400 Millionen Lichtjahre von der Milchstraße entfernt gestrandet. Im zweiten ...

»Falls diese Ehrwürdigen Wissenschaftler tatsächlich solch einen Überrangkode besitzen«, sagte Ascari da Vivo, »müssen wir davon ausgehen, dass sie sämtliche verbliebenen sieben Stationen mit Energieüberflutungen sprengen wollen. Eine Art Selbstmordmission. Ich befehle meinen Truppen den Vorstoß zu einer Schaltstelle.«

»Einverstanden«, sagte Rhodan. »Beide Stoßtrupps führen Transmitter mit. Dann reicht es aus, wenn einer der Stoßtrupps solch eine Schaltstelle erreicht. Aber sollte nach fünfzehn Minuten abzusehen sein, dass wir es nicht schaffen, befehle ich die Evakuierung der Fensterstation.«

*

Überall Explosionen.

Zischende Thermostrahler, knisternde Desintegratoren, fauchende Impulsstrahler. Donnernde Detonationen von gerade gezündeten Sprengkörpern.

Und überall TARA-V-UH-Roboter, die zweieinhalb Meter großen, kegelförmigen Kolosse mit halbkugelförmigen Köpfen. Sie hatten sowohl die Schutzschirme als auch die Waffensysteme aktiviert.

Auf der anderen Seite die Kampfroboter des Reiches Tradom, schwarze, kompakte, tonnenförmige Boliden von 3,5 Metern Höhe und 2,5 Metern Durchmesser auf Prallfeldkufen, jeder mit einem hell leuchtenden Symbol des Reiches verziert. Sie leisteten erbitterten Widerstand, feuerten praktisch ununterbrochen mit den vier beweglichen, überschweren Strahlkanonen an den leicht nach außen gewölbten Seiten und dem Zwillingsgeschütz in einer Kuppel auf dem »Dach«.

Doch sie hatten auf Dauer keine Chance gegen die TARAS, allein schon deshalb, weil ihre Defensiveinrichtungen im Vergleich zur Angriffskapazität vergleichsweise gering waren. Sie entsprachen etwa der eines terranischen HÜ-Schirms eines gleich großen Roboters.

Obwohl Rhodan seinen Galornenanzug trug, der einem SERUN in jeder Hinsicht überlegen war, schien es immer wärmer zu werden, schier unerträglich heiß. Eine Täuschung, das war ihm klar, aber sein Gehirn ließ sich diesen Streich nur allzu bereitwillig spielen.

Mit eigenen Augen sehen konnte der Resident schon längst nichts mehr. Die Welt bestand für ihn nur noch aus fettem schwarzem Rauch, der immer wieder von roten oder farblosen Strahlen in Brand gesetzt zu werden schien, die er nur mit Hilfe der optischen Systeme wahrnehmen konnte.

Die Kampfroboter der Fensterstation – oder diejenigen, die ihre Aktionen lenkten – schienen genau zu wissen, auf welche Ziele die beiden Stoßtrupps es abgesehen hatten, und setzten alles daran, ihnen den Weg zu versperren. Und es schien keinen Mangel an Robotern zu geben. Rhodan fragte sich, wie viele Arsenale von Kampfmaschinen es an Bord der Station gab.

Und dann, während eines Gegenangriffs der Kampfroboter der Fensterstation, kam der Funkspruch. Wesentlich früher, als Rhodan erhofft hatte. »Wir haben eine Schaltstelle erreicht«, sagte Ascari da Vivo. »Aktiviert schon mal euren Transmitter. Ihr könnt gleich kommen.«

»Verluste?«

»Beträchtliche«, antwortete die Admiralin nüchtern.

*

Während Humphrey Parrot den Überrangkode eingab, versuchte Trerok, einen Individualtaster neu zu justieren. Schließlich nickte der Zaliter. »Es ist mir gelungen, die Störstrahlung auszufiltern. Außer unseren vereinten Streitkräften halten sich genau hundertzweiundzwanzig andere Lebewesen in der Station auf, den Impulsen zufolge ausschließlich Dhyraba'Katabe.«

In Gedanken belobigte Rhodan noch einmal das Einsatzkommando, dass dem Stoßtrupp, der die Fensterstation zerstört hatte, umfangreiche Informationen über das Volk der Ehrwürdigen Wissenschaftler in die Hände gefallen waren. Man wusste einigermaßen Bescheid, mit wem man es zu tun hatte.

»Geschafft!«, rief Humphrey Parrot. »Die Stationsrechner akzeptieren LeCaros Überrangkodes. Die Energiezapfer haben ihre Arbeit eingestellt, der betreffende Speicher leitet die überschüssige Energie in andere Depots um.«

»Wie knapp war es?«, fragte Rhodan.

Der Wissenschaftler zuckte mit den Achseln. »Wen interessiert das schon?«

Der Resident nickte. Er wollte es eigentlich auch gar nicht wissen.

Um ein Haar wäre es den Ehrwürdigen Wissenschaftlern gelungen, die Station in die Luft zu sprengen – und die Eindringlinge um Rhodan mit ihr. Aber eben nur um ein Haar.

»Und die Rechner akzeptieren noch einen weiteren Kode.« In Parrots Stimme schwang unverhohlener Stolz mit. »Ich habe soeben sämtliche Roboter der Station desaktiviert. Wir haben die Lage unter Kontrolle! Die Kampfhandlungen sind beendet!«

Rhodan bemerkte erst jetzt, dass es still geworden war. Unnatürlich still. Fast wie in einem Grab, dachte er.

»Die Ehrwürdigen Wissenschaftler ziehen sich zurück!«, meldete Trerok. »Sie scheinen sich in einem Raum tief im Inneren der Station zu versammeln. Offensichtlich ihre letzte Zuflucht ...«

Parrot räusperte sich. »Vielleicht verfügt die Station doch über eine Selbstvernichtungsanlage, und sie wollen sie aktivieren.«

Rhodan schüttelte den Kopf. »Unlogisch. Dann hätten sie sich nicht die Mühe mit dem Energiespeicher machen müssen.« Er setzte sich in Bewegung.

»Was hast du vor?« Ascari da Vivos Stimme klang schneidend scharf.

»Ich werde den Dhyraba'Katabe persönlich und allein entgegentreten und sie zur Übergabe auffordern.«

Die Admiralin überlegte kurz und lächelte kalt. »Es wäre gewiss kein Nachteil, wenn du sie überzeugen könntest, uns ihr Wissen zur Verfügung zu stellen.«

Der Resident knurrte eine unwillige Antwort. Die arkonidische Einstellung, viele Dinge rein zweckbestimmt zu betrachten, würde er wohl nie akzeptieren können.

*

Sechs TARAS sicherten seinen Weg durch die Station, obwohl es eigentlich gar nichts mehr zu sichern gab. Blue – wie man Parrot wegen seines bläulichen Bartschattens nannte, den selbst die besten Enthaarungscremes nicht zu beseitigen vermochten – hatte ganze Arbeit geleistet. Die wenigen Roboter, denen Rhodan begegnete, rührten sich nicht mehr.

Dennoch hielt er die Schutzschirme des Galornenanzugs aktiviert und den Kombistrahler in Bereitschaft.

Als sie den Raum erreichten, in den sich die Ehrwürdigen Wissenschaftler des Reiches Tradom zurückgezogen hatten, verschwanden sämtliche Individualimpulse plötzlich aus der Ortung.

»Erhöhte Alarmbereitschaft«, sagte der Resident über Helmfunk. »Die Dhyraba'Katabe sind verschwunden. Falls es hier an Bord der Station Transmitter gibt, kann man sie auch in die andere Richtung benutzen.«

»Wir haben keinerlei Transmitteraktivität angemessen«, antwortete Parrot.

Rhodan deutete auf die Tür, hinter der die Dhyraba'Katabe den Instrumenten zufolge Schutz gesucht hatten. »Öffnen!«

Im Feuer eines Desintegrators löste sich die bestrahlte Tür auf, zerfiel in ihre Atome.

Der Terranische Resident betrat den Raum. Es war ein großer Saal, eingerichtet mit filigranem Sitzmobiliar und ebensolchen Tischen, Computerkonsolen und Hologrammprojektoren, wohl ein Konferenzraum, der auf die ureigenen Bedürfnisse der Dhyraba'Katabe zugeschnitten war.

Aufgrund der Informationen der Gruppe um Parrot wusste er, wie die Ehrwürdigen Wissenschaftler des Reiches Tradom aussahen. Dennoch überkam ihn auch jetzt noch fast ein Gefühl von Ehrfurcht, als er zum ersten Mal diese fremdartigen Wesen erblickte. Wie viele außerirdische Spezies hatte er schon kennen gelernt? Und doch stellte sich diese Regung immer wieder bei ihm ein, ein Staunen angesichts der unendlichen Vielfalt der Schöpfung, die sich immer wieder etwas Neues einfallen ließ.

Die Wissenschaftler waren humanoid, spindeldürr und über zwei Meter groß. Ihre Haut glänzte schwarz. Ihre Bekleidung war ausgesprochen seltsam: Auf dem Kopf wurde von einer Art Drahtgestänge ein etwa 30 Zentimeter durchmessender Diskus gehalten, so wie ein Hut, nur ohne direkten Körperkontakt.

Rhodan wusste, dass es sich dabei um einen so genannten Spender handelte. Seine Unterseite war perforiert wie eine Gießkanne. Normalerweise rieselte aus ihm permanent eine ölige Nährflüssigkeit, die die Haut des Dhyraba'Katabe benetzte, das Zuuy. Vom Kopf rann es den ganzen Körper hinab.

Der gesamte Körper unterhalb des Schädels war von einer Montur aus einem latexartigen, schimmernden, aber hellbraunen Material eingehüllt. Dieses Gewand, der Tabe'ir, war innen millionenfach filigran geriffelt und verteilte das Zuuy gleichmäßig über den ganzen Körper. An den Enden der Gliedmaßen wurde die Nährflüssigkeit aufgefangen und durch das Drahtgestell in den Spender zurückgeführt. Dort fand eine Anreicherung mit Spurenelementen statt, und der Kreislauf konnte von neuem beginnen.

Normalerweise.

Die Ehrwürdigen Wissenschaftler waren tatsächlich nicht durch einen Transmitter geflohen. Sie lagen – den Instrumenten des Galornenanzugs zufolge waren es in der Tat 122 – lang ausgestreckt und völlig reglos auf den Sesseln. Einige waren von ihnen heruntergerutscht und schienen auf dem Boden zu kauern, Beine und Arme in seltsamen Winkeln gespreizt, die Köpfe hinabhängend. Einige Spender zitterten und schaukelten noch leicht hin und her.

Ein durchdringender Gestank stieg Rhodan in die Nase. Er erinnerte den Residenten an den scharfen, Übelkeit erregenden Geruch von Ammoniak.

Rhodan wusste sofort, was geschehen war. Im Augenblick des Todes hatten die Schließmuskeln fast aller Dhyraba'Katabe versagt.

Die Ehrwürdigen Wissenschaftler hatten kollektiven Selbstmord begangen, um nicht in die Hände des Feindes aus der künftigen Provinz Milchstraße zu fallen.

Rhodan fluchte leise, aber inbrünstig.

*

»Die Lage am Sternenfenster ist stabil«, sagte die Admiralin. Sie trug einen zweckmäßigen, leicht gepanzerten Raumanzug. »Sowohl in der Milchstraße im Sektor Hayok als auch in Tradom im Sektor Roanna.«

Sie saßen im Konferenzraum der LEIF ERIKSSON, direkt neben der Zentrale, Rhodan, Ascari und die Führungspersonen von Arkon und Terra.

»So sehe ich es auch«, sagte Rhodan.

Nach der Eroberung der Fensterstation EINS waren binnen eines einzigen Tages sämtliche sechs weiteren Stationen in die Kontrolle der vereinigten Truppen übergegangen. Dabei war ihnen zugute gekommen, dass man die Überrangkodes der Eltanen über die internen Kommunikationswege von einer Station zur anderen transferieren konnte. In den anderen Stationen hatten sie es nicht mehr mit der geringsten Gegenwehr zu tun bekommen.

Überall hatten zudem die Ehrwürdigen Wissenschaftler kollektiven Selbstmord begangen. Rhodan vermutete, dass sie damit der Hinrichtung durch die Herrscher Tradoms nur zuvorgekommen waren.

Troym LeCaro hatte gemeinsam mit dem Zaliter Trerok und den terranischen Wissenschaftlern Sackx Prakma und Humphrey Parrot die technologische Kontrolle über die Stationen übernommen. Das Sternenfenster gehörte nun ihnen!

»Ich fasse zusammen«, fuhr Ascari da Vivo fort. »Einhundertfünfzigtausend arkonidische Schiffe, darunter sechshundert Kelchraumer der GWALON-Klasse, sechzigtausend Fragmentraumer der Posbis, fünftausend Kugelraumer der LFT, darunter alle ENTDECKER, und die zehntausend Paradimjäger bilden den Brückenkopf Roanna. Wir haben uns zu einer konsequenten Vorwärtsverteidigung entschlossen. Wenn die Flotten des Reiches Tradom gar nicht erst in das Sternenfenster einfliegen können, müssen wir sie nicht in der Milchstraße zurückschlagen. Die Flotte steht unter dem Kommando von Perry Rhodan einerseits« – sie deutete mit einer graziösen Bewegung auf den Terraner – »und Admiralin Ascari da Vivo andererseits.« Sie lächelte bescheiden. »Die LEIF ERIKSSON und die KARRIBO dienen jeweils als Flaggschiffe.«

»Ich schlage vor, dass wir die WÄCHTER-Geschwader sieben bis zwölf in den Sektor Roanna verlegen«, sagte Rhodan. »Sie können das Gebiet auf der Tradom-Seite mit einer Aagenfelt-Barriere abriegeln.«

»Die zwar von den Katamaren des Reiches nachweislich durchdrungen werden kann, aber womöglich Sicherheit gegen Polizeischiffe der Valenter und andere Raumer bietet«, fügte die Admiralin hinzu.

Rhodan nickte. »Die Blockadegeschwader eins bis sechs bleiben für den Fall der Fälle auf der Milchstraßenseite stationiert. Im Übrigen gehe ich davon aus, dass wir das Sternenfenster mit Hilfe der Paradimjäger auf absehbare Zeit militärisch halten können.«

»Dieser Meinung schließe ich mich an.«

Rhodan sah Ascari da Vivo an. Sie waren nicht oft so einhellig einer Meinung.

»Und mir ist es sogar gelungen, den Höchstedlen, Imperator Bostich, von dieser Auffassung zu überzeugen. Seine Erhabenheit stimmt einer weiteren Truppenbewegung in größtem Maßstab zu. Sämtliche noch verfügbaren arkonidischen Einheiten werden von der Milchstraßenseite durch das Fenster auf die andere Seite verlegt!«

Die Admiralin hielt kurz inne. »Das Reich Tradom soll nicht einmal auf den Gedanken

2.

Trah Zebuck

5. März 1312 NGZ

Versagt.

Er hatte versagt.

Trah Zebuck verschob unbehaglich sein Gewicht und beugte den hageren Körper auf dem Thron nach vorn. Die Finger seiner rechten Hand krallten sich in das schwarze Leder, mit dem sein fliegender Kommandostand bespannt war. Das Material fühlte sich seltsam feucht und klamm an.

Schweiß? Trah Zebuck ließ den Blick über die Vielzahl von Kontroll- und Bedienelementen und Waffenholstern gleiten, mit denen der Schwebethron überzogen war. Normalerweise verschaffte der Anblick ihm ein Gefühl von Sicherheit und Zuversicht, doch diesmal nahm er nichts dergleichen wahr. Nur das Unbehagen, das er nicht abschütteln konnte. Eigentlich ist es unmöglich, dass irgendeine Substanz in das Material eindringen kann, doch was ist jetzt schon möglich oder nicht?

Jetzt war alles möglich.

Er konnte es drehen und wenden, wie er wollte, unter dem Strich hatte nur eins Bestand. Er stellte sich vor, wie ein Inquisitor mit dem anderen sprach, und wusste genau, was bei diesem Wortwechsel als Essenz übrig bleiben würde: Trah Zebuck hat versagt.

Der Konquestor bildete sich ein, Phantasie zu haben, aber es war wirklich nicht besonders viel davon erforderlich, um sich auszumalen, welche Konsequenzen dieses Versagen nach sich ziehen würde.

»Beobachtungsposten erreicht!«, riss Dav Hokeroms Stimme ihn aus seinen Gedanken. Der Kommandant der TRAH BAR sprach leise, fast flüsternd, als wolle er unter allen Umständen vermeiden, den Zorn oder auch nur die Aufmerksamkeit des Konquestors auf sich zu ziehen. Zebuck kannte den Cy'Valenter gut genug, um zu wissen, dass er Angst hatte. Erbärmliche Angst.

Ein Beobachtungsposten, dachte Trah Zebuck. Sein Kommandoschiff, die TRAH BAR, hatte einen Beobachtungsposten eingenommen! Einen Posten weitab des Sternenfensters.

Den Ortungsholos entnahm er, dass in relativer Nähe weitere Raumschiffe in den Normalraum zurückstürzten.

19 AGLAZAR-Schlachtschiffe. 19 der 3540 Meter langen Doppelrumpf-Schiffe, gefürchtet im Reich Tradom und in den Fernen Provinzen als gnadenlose Todesbringer, die kompromisslos die Tributforderungen des Reiches durchsetzten.

Insgesamt 20 Schiffe, zwanzig Meisterwerke überlegener Technik, die weit über die Grenzen des Reiches hinaus ihresgleichen suchten.

20 von 22.000 Katamaren, wie die Galaktiker die AGLAZARE nannten.

Der Gedanke war undenkbar. Trah Zebuck konnte es noch immer nicht fassen. Er wollte es nicht als Realität akzeptieren, doch er musste sich den Gegebenheiten stellen.

20 von 22.000.

Die letzten 20 AGLAZAR-Schlachtschiffe, die das Massaker am Sternenfenster Roanna überstanden hatten.

Es war unvorstellbar, und doch musste Trah Zebuck sich damit abfinden.

Die Flotte der Galaktiker hatte den hoffnungsvollsten Konquestor von Tradom, den Fähigsten der Fähigen, vernichtend geschlagen.

22.000 Katamare ...

Er spürte, wie sich auch seine linke Hand in das Leder der Lehne krallte, als müsse er sich an seinem Thron festhalten, um nicht vollends den Kontakt mit der Wirklichkeit zu verlieren. Wer hätte sich das noch vor wenigen Tagen vorstellen können? Hätte irgendjemand gewagt, ihm solch eine Prophezeiung zu machen, er hätte ihn auf der Stelle getötet.

22.000 Katamare ...

Der Konquestor seufzte leise.

Was war ihm geblieben?

Nichts. Oder so gut wie nichts ...

Das Sternenfenster war verloren, eine Fensterstation vernichtet, alle anderen in die Hände des Feindes gefallen.

Zebuck knurrte leise. Aber offensichtlich nicht leise genug, denn Dav Hokerom und einige andere Cy'Valenter schauten zu ihm herüber.

Der Konquestor riss sich zusammen und musterte den Kommandanten, und Hokerom wandte den Blick wieder ab.

Schuldbewusst?, fragte sich Zebuck. Oder rechnet er einfach nur damit, dass ich die Beherrschung verliere?

Er schaute ins 30 Meter lange und 12 Meter breite Oval der Zentrale des Katamars. Auf den beiden balkonartig übereinander angebrachten Kontrollstandgalerien an den Längswänden taten etwa fünfzig Valenter Dienst. Im Ausnahmefall sorgten dort bis zu 200 für den reibungslosen Ablauf der Dinge, aber nicht einmal 2000 hätten verhindern können, was geschehen war.

Wenn er es nicht verhindern konnte – wer dann? Er war für die Aktion verantwortlich gewesen. Er hatte die Ferne Provinz Milchstraße für das Reich Tradom erobern sollen. Er, niemand sonst.

Er allein trug die Verantwortung. Und er hatte versagt wie vor ihm schon Trah Rogue, der die neue Provinz ursprünglich hatte unterwerfen und befrieden sollen.

Zebucks Hand glitt über die drei Scheiden seiner unterschiedlich langen Degen an der rechten Armlehne des Sessels und schloss sich dann um den Griff einer der Waffen. Das Metall kam ihm kalt vor, und mit der Kälte der Waffe schien noch eine andere in ihn zu fließen. Die eine Kälte berührte seinen Körper, die andere seinen Geist.

Sie half ihm, wieder klarer zu denken.

Er zog den Degen aus der Scheide und zeichnete langsame Fechtfiguren in die Luft. Dann erhob er sich, trat vom Thron. Er machte einen Ausfallschritt. Die Klingenspitze beschrieb Kreise, zitterte leicht. Als er dann plötzlich zustieß, vibrierte sie.

Er spürte, wie die Anspannung allmählich von ihm abfiel, die Fechtfiguren seine gesamte Aufmerksamkeit forderten. Er versuchte sich an weiteren Schritten. Zuerst kamen sie ihm unbeholfen vor, gehemmt, gezwungen, doch schon bald stellte sich die tänzelnde Eleganz ein, die ihn auszeichnete. Sein Atem ging nur unmerklich schwerer, als sich endlich die meditative Klarsicht durchsetzte, die er mit diesen Übungen bislang jedes Mal herbeigeführt hatte.

Zischend schwang die Klinge nach oben, huschte nach unten. Sie zog immer engere Kreise, und in der Luft schwang ein fast drohendes, dunkles Summen mit.

Es gibt einen Unterschied, dachte Zebuck. Einen ganz entscheidenden Unterschied.

Er setzte zu einem erneuten Vorstoß mit Ausfallschritt an.

Im Gegensatz zu dem fetten Trah Rogue, den sowieso eher seine Hinterlist auszeichnete als sein strategisches Geschick, lebe ich noch.

Die Frage war nur, wie es jetzt weitergehen sollte. Ohne neue Truppen, die das ausgefallene Kontingent ersetzten, ging an diesem Punkt gar nichts mehr.

Mit einer solchen Situation hat das Reich Tradom sich noch nie zuvor auseinander setzen müssen, wurde Zebuck klar. In den Annalen des Reiches ist kaum eine Niederlage verzeichnet und bestimmt keine so katastrophale.

Und noch etwas sah er plötzlich so klar wie seit langem nicht mehr.

Nach einem Angriff gilt es, sich sinnvoll zu verteidigen. Vor allem, wenn dieser Angriff fehlgeschlagen ist. Aber mit was für einer Parade kann ich die unmittelbare gegnerische Bedrohung abwehren? Mit einer Körper- oder einer Klingenparade?

Er spielte die verschiedenen Möglichkeiten im Geiste durch, und sein Körper setzte sie gleichzeitig in die Tat um. Einfache Parade: Wechsel der »Einladung« der Klingenstellung. Kreisparade: Die Klinge beschrieb einen Kreis um die gegnerische Halbkreisparade: bogenförmige Abwehrbewegung. Gegenhalbkreisparade. Und schließlich, zum Abschluss, die Riposte: der sofortige Nachstoß nach einer geglückten Parade.

Er verharrte mitten in der Bewegung. Die Riposte schied aus. Noch war ihm keine Parade geglückt.

Langsam drehte er sich zum zweigeteilten Kommandostand um. Dort, in der Mitte der Zentrale, stand ein Podest; darauf befand sich ein Sockel mit einem Behälter, in dem der Rudimentsoldat schwebte. Zebuck hatte den Eindruck, dass ihn sein wichtigster Helfer an Bord beobachtete, obwohl er gar keine Augen hatte. In diesem Augenblick flößte ihm das Gehirn in der Nährlösung wieder Unbehagen ein.

Diesmal gelang es ihm ganz schnell, sich davon zu befreien. Er musste nur an die Paraden denken und die Riposte, die nicht möglich war.

Noch nicht ...

Sein zwei Meter breiter und hoher Kommandosessel stand auf der anderen Seite. Der Anblick des vertrauten Throns erfüllte Zebuck mit Ruhe und Zuversicht. Er war ein Zeichen seiner Macht, und noch hatte er diese Macht nicht verloren.

Noch nicht ...

Der Konquestor schaute zu der einen Stirnseite der Zentrale, die nicht in einem ovalen Bogen endete. In der Regel, so auch jetzt, wurde sie als Projektionsfläche genutzt. Vor wichtigen Operationen spielte Zebuck dort seine taktischen Planungen durch, setzte riesige virtuelle Flotten in Bewegung, versuchte, die Reaktion des Feindes abzuschätzen.

Angriff. Gegenangriff. Parade ...

Die hohe Kunst des Fechtens, doch auf einer anderen Ebene, mit anderen Waffen.

An virtuelle taktische Planspiele war jetzt aber nicht zu denken. Auf der Projektionsfläche war eine dreidimensionale Abbildung der näheren stellaren Umgebung dargestellt. Das Sternenfenster befand sich in der Hand des Feindes. Daran konnte er nichts ändern. Nicht mit 20 AGLAZAR-Schlachtschiffen.

Wahrscheinlich hätte er das Fenster nicht einmal mit 20.000 Katamaren zurückerobern können. Mit 20.000 Schiffen, die ihm nicht zur Verfügung standen. Derzeit ...

Zebuck nahm wieder auf dem Thron Platz. Erneut spürte er einen verstohlenen Blick, der ihn kurz streifte, dann zögernd zu ihm zurückkehrte, verharrte.

Er hob den Kopf und sah zu Dav Hokerom hinüber.

Der Kommandant der TRAH BAR wandte sich abrupt einem Hologramm zu, das er gerade aufgerufen hatte.

Nein, dachte Zebuck, Hokerom fürchtet sich nicht vor mir. Jedenfalls nicht mehr als sonst auch. Diese eigentümliche Nuance im Verhalten des Cy'Valenters kam Zebuck eher schuldbewusst vor. »Dav Hokerom!«

Der Kommandant zuckte zusammen, sah ihn an und schob trotzig die ausgeprägte Kinnpartie vor. »Ja, Konquestor?«

»Bist du ... beunruhigt?«

»Nein, Konquestor. Wieso sollte ich beunruhigt sein?«

Zebuck kniff die Augen zusammen und deutete auf die dreidimensionale Projektion. »Nun«, sagte er bedächtig, »die gesamte Lage gibt doch genug Grund zur Beunruhigung, oder?«

»Natürlich, Konquestor.« Zebuck konnte Hokeroms Augen zwar nicht sehen, da sie von einer dunklen Brille verborgen wurden, war aber überzeugt, dass der Blick des Valenters von ihm zur Stirnseite der Zentrale und wieder zurück huschte.

Zebuck beugte sich vor. »Aber du bist trotzdem nicht beunruhigt?«

»Doch, sicher, Konquestor.«

»Was denn nun?«, fuhr Zebuck den Cy'Valenter an. »Bist du beunruhigt oder nicht?«

Der Kommandant öffnete den Mund, schnappte nach Luft, suchte nach Worten. Dieses Verhalten an sich war noch immer nicht ungewöhnlich. So würde jeder Valenter bei eingehender Befragung reagieren. Aber trotzdem ...

»Natürlich gibt die Lage Anlass zur Besorgnis. Aber darüber hinaus bin ich nicht ...«

»Hast du mir etwas zu sagen?«, unterbrach Zebuck ihn eisig.

Hokerom schien zu erbleichen. Er senkte den Blick, hob ihn aber sofort wieder und richtete ihn fest auf sein Gegenüber. »Nein, Konquestor.«

»Du kommst mir schuldbewusst vor.«

Der Cy'Valenter schwieg.

»Wieso habe ich nur diesen Eindruck?«

Der Kommandant sagte noch immer nichts.

»Dieser Eindruck ist doch lächerlich, nicht wahr?«

Der Kommandant öffnete den Mund und schloss ihn sofort wieder. Entrüstet, wie es schien. Oder weil er befürchtete, die aufkeimende Panik könne ihn dazu bringen, Unsinn zu reden und sich noch tiefer in Widersprüche zu verstricken? Übrig blieb nur ein Achselzucken.

»Wie könntest du mir gegenüber Schuld auf dich geladen haben? Wie nur, du, der Treueste der Treuen ...« Zebuck hielt inne und stützte den Kopf ab. Ein schwaches Lächeln umspielte seine Lippen.

Wie ... ja, wie? Ein ungeheuerlicher Verdacht beschlich den Konquestor.

Er sah nur eine Möglichkeit, wieso der Kommandant sich schuldbewusst fühlen konnte. Wie Dav Hokerom ihm hatte Schaden zufügen können.

Zebucks Lächeln verblich. »Die Funkprotokolle«, sagte er leise. »Ich will sie sehen. Leg mir die Funkprotokolle der TRAH BAR vor!«

Der Kommandant zögerte nur ganz kurz, doch der Konquestor wusste trotzdem, dass er auf der richtigen Spur war.

*

Die betreffende Nachricht fiel ihm sofort ins Auge. Er hatte nicht lange suchen, die Abertausende von Funksprüchen, die die TRAH BAR nach der Schlacht im Sektor Roanna abgestrahlt hatte, lediglich nach dem Empfänger sortieren müssen.

Wirklich wichtig war nur eine einzige davon. Er rief sie als holografische Darstellung auf, und Dav Hokerom fing zu zittern an.

Habe ich es doch gewusst, dachte der Konquestor. Eine Funknachricht des Cy'Valenters ... an die Festung der Inquisition!

Niemand in der Zentrale der TRAH BAR wagte sich zu rühren. Die Zeit schien erstarrt zu sein. Alle warteten auf Zebucks Reaktion.

Der Konquestor las die Nachricht. Dav Hokerom hatte darin die Vernichtung der Flotte gemeldet. Vorab, ohne den Befehl dazu erhalten zu haben.

Zebuck stieß zischend die Luft aus.

Die Absicht des Cy'Valenters war klar. Der Kommandant versuchte, sich auf Zebucks Kosten gegenüber der Inquisition zu profilieren, indem er Details verriet, die der Konquestor womöglich ein wenig geschönt dargestellt hätte.

Und vielleicht versuchte er auch, seine eigene Haut zu retten. Noch wusste niemand, wie die Inquisition auf die Nachricht von der Niederlage im Sektor Roanna reagieren würde, doch dass sie Konsequenzen haben würde, das stand fest.

Der Blick des Konquestors wurde kalt, ganz kalt.

Der Kommandant der TRAH BAR hatte ihm mit dieser Nachricht die Möglichkeit genommen, in aller Ruhe sein weiteres Vorgehen zu überdenken und durch geschickte Formulierungen erste Nuancen zu setzen, die dann den weiteren Weg bestimmen würden.

Die eiskalte Ruhe fiel von Trah Zebuck ab, und glühender Zorn überwältigte ihn. Instinktiv griff er nach einem Degen.

Dann aber fiel die Wut so schnell von ihm ab, wie sie gekommen war. Zebuck überlegte es sich anders und ließ die Klinge stecken. Er stieg aus dem Sessel, trat drei, vier Schritte vor und streckte eine Hand aus.

Seine Finger legten sich um den Hals des jetzt haltlos zitternden Cy'Valenters und drückten erbarmungslos zu.

»Das ist Hochverrat«, sagte er ruhig und so laut, dass niemand in der Zentrale seine Worte überhören konnte. »Und dafür gibt es nur eine Strafe. Das Urteil wird sofort vollstreckt.«

Er hob die Hand, und der Cy'Valenter verlor den Boden unter den Füßen und zappelte in seinem Griff. Die dafür nötige Anstrengung spürte Zebuck kaum.

Langsam und wohl überlegt verstärkte er den Griff seiner Finger. Es durfte nicht zu schnell gehen. Er musste ein Exempel statuieren.

Der Verräter trat und schlug nach ihm, versuchte, sich mit allen Kräften zu befreien. Zebuck lächelte nur schwach. Gegen die überlegenen Körperkräfte eines trainierten Konquestors von seinem Kaliber hatte Hokerom keine Chance.

Zebuck drückte etwas kräftiger zu. Die Augen des Kommandanten schienen leicht aus den Höhlen zu quellen.

Dann spürte der Konquestor ein schwaches Zerren in seinem Kopf, als greife eine fragile Hand nach seinen Gedanken, um sie sanft und behutsam von dem abzulenken, worauf er sich konzentrierte.

Zebuck wusste sofort, was geschah. In seiner Todesangst und Verzweiflung griff Kommandant Dav Hokerom ihn mit seinen schwachen hypnotischen Gaben an.

Es bereitete dem Konquestor nicht die geringste Mühe, die Attacke abzuwehren.

Er sah dem Cy'Valenter in die Augen, spähte dabei unter die Gläser der dunklen Brille. Täuschte er sich, oder wurden sie allmählich glasig? Zebuck bildete sich ein, genau verfolgen zu können, wie das Leben und mit ihm jeder Glanz aus ihnen wich, sich eine Kälte in ihnen ausbreitete, die mit der verwandt war, die ihn beherrschte, aber gleichzeitig doch ganz anders.

Was denkt er nun?, fragte sich Trah Zebuck. Was spürt er, während das Leben aus ihm weicht, ganz langsam, wie Blut aus einer kleinen Wunde tropft? Zieht sein Leben wirklich an seinem inneren Auge vorbei, vom ersten bis zum letzten Atemzug? Oder verspürt er Bedauern? Oder gar Hass? Hass auf mich, seinen Henker?

Der Körper des Cy'Valenters erschlaffte.

Vier Minuten, dachte der Konquestor. Vier Minuten hat es gedauert, bis er in meinem Griff erstickt zusammensackt. Vier Minuten, die Jahrzehnten der Existenz ein Ende machen. Allen Hoffnungen, Träumen und Wünschen.

Zebuck ergriff den Toten nun auch mit der anderen Hand und hob ihn mühelos hoch, bis über den Kopf. Dann drehte er sich einmal um die eigene Achse. Sagen musste er nichts. Worte waren überflüssig, die Besatzung der TRAH BAR verstand die Geste auch so.

Schließlich verharrte er, atmete tief ein ... und warf die Leiche zur Stirnseite der Zentrale, die als Projektionsfläche diente. Sie flog mitten in die Darstellung, die ganz kurz flackerte, und prallte dann mit einem dumpfen Geräusch auf einen nicht sichtbaren Gegenstand hinter der dreidimensionalen Abbildung.

Das riesige Holo des Sternenfensters verschwand, und ein wallendes, gestaltloses Nichts schien aus der Umfassung einer energetischen Umklammerung in die Zentrale der TRAH BAR zu schwappen.

Obwohl dieser Anblick jedem Valenter vertraut war, der in der Zentrale Dienst tat, konnte Zebuck ein leises Raunen vernehmen, das durch die Reihen der Besatzungsmitglieder ging. Einige Valenter wichen sogar unwillkürlich einen Schritt zurück, als das Nichts nach ihnen zu greifen schien oder zumindest nach der Leiche des Kommandanten, als spürte es, dass sich dort jemand in seine Reichweite gewagt hatte.

Zebuck lächelte schwach. Wie einfältig waren die Valenter doch! Für ihn strahlte dieses Phänomen in der Stirnseite der Zentrale keine Bedrohung aus, sondern Erhabenheit. Er fragte sich, wie die anderen es sahen. Wie ein Tor, wie einen direkten Zugang in den Hyperraum ... oder wie die Verkörperung einer unfassbaren Entität, die nur darauf wartete, die TRAH BAR zu verschlingen?

Egal. Sein Hauptaugenmerk musste nun wichtigeren, konkreteren Belangen gelten.

Noch immer wagte sich keiner der Valenter zu rühren.

»Schafft mir den Verräter aus den Augen!«, knurrte er, und zwei Adjutanten traten zögernd vor. Immer wieder wandten sie die Köpfe zu dem wogenden Nichts hinüber, während sie die Leiche ergriffen und rücksichtslos, bar jeglicher Achtung, über den Boden schleiften. Erst als sie sich mehrere Schritte von der Wand und den Holoprojektoren entfernt hatten, wagten sie es, den Toten hochzuheben. Sie packten ihn unter den Achseln und an den Beinen und trugen ihn im Laufschritt aus der Zentrale.

Zebuck winkte den bisherigen Stellvertreter des Kommandanten, Hev Okarem, zu sich heran. Auch Okarem zitterte.

Hatte er von dem Funkspruch an die Festung der Inquisition gewusst? Oder gar gemeinsame Sache mit seinem Vorgesetzten gemacht?

Nein. Hokerom hatte nur seine eigene Haut retten oder nur sich selbst bei der Inquisition ins Gespräch bringen wollen. Er hätte nicht den Fehler gemacht, in seinem Kielwasser einen Mitwisser mitzuschleppen, der letzten Endes nichts anderes war als ein Konkurrent.

Okarem zitterte lediglich, weil er Angst hatte. Wie alle anderen Valenter in der Zentrale.

Dennoch beschloss Zebuck, sich zu vergewissern. »War dir bekannt, dass der Kommandant eine Nachricht an die Festung der Inquisition geschickt hat?«

»Nein, Konquestor.«

Zebuck las in Okarems Miene wie in einem unverschlüsselten Datenspeicher. Ja, da war Furcht, aber weder Lug noch Trug oder gar Verschlagenheit.

»Hiermit ernenne ich dich zum neuen Kommandanten der TRAH BAR. Übe dein Amt pflichtbewusst und mit der gebotenen Loyalität mir gegenüber aus, und du wirst als Hokeroms Nachfolger über lange Zeit hinweg die Geschicke dieses Schiffes bestimmen.«

»Jawohl, Konquestor.«

Trah Zebuck bedeutete Okarem, sich seinen Aufgaben zu widmen, drehte sich um und nahm wieder auf dem Thron Platz.

Als erste Amtshandlung errichtete der neue Kommandant wieder die Projektion an der Stirnseite der Zentrale.

*

Ein Griff an den Degen genügte, und Zebuck spürte, wie die Anspannung von ihm abfiel und mit ihr der letzte Rest von Zorn.

Immerhin hatte der Verräter ihm eine Entscheidung abgenommen: nämlich die, ob er der Inquisition der Vernunft die Wahrheit vollständig oder in wohl dosierten Raten unterbreitete.

Die Inquisition ... wieso hatte sie noch nicht reagiert? Wieso schien sie die katastrophale Niederlage einfach zu ignorieren?

Zebuck fertigte einen minutiösen Lagebericht an und ließ ihn per Hyperfunkrelais an die Festung der Inquisition senden. Wenn er die Galaktiker besiegen wollte, benötigte er dringend starken Entsatz, Truppen, mit denen er mit Aussicht auf Erfolg einen zweiten Angriff wagen konnte.

Dann wartete er. Und mit dem Warten kehrte die Furcht zurück.

Er wartete eine Stunde, dann zwei. Er versuchte, die Furcht zu unterdrücken, sie sich nicht einzugestehen, und nach außen hin mochte es ihm auch gelingen. Zumindest wagte keiner der Valenter, auch nur eine Andeutung darüber fallen zu lassen.

Aber in seinem Inneren sah es anders aus. Er sah keinen Sinn darin, sich selbst zu belügen. Hätte er je in seinem Leben der Selbsttäuschung gefrönt, wäre er niemals Konquestor geworden.

Er wartete drei Stunden, dann vier.

Nichts geschah.

Warum reagierte die Inquisition noch immer nicht auf seine Botschaft?

Fünf Stunden, dann sechs.

Noch immer nichts. Kein Marschbefehl in die Festung der Inquisition, aber auch keine Verstärkung.

Allmählich befürchtete Zebuck, seine Nervosität nicht mehr lange verbergen zu können. Das Warten zehrte an seinen Nerven, drohte ihn schier in den Wahnsinn zu treiben.

Er wusste, dass es nicht endlos lange so bleiben konnte. Die Inquisition würde die militärische Lage am Sternenfenster auf Dauer nicht einfach ignorieren können.

Aber dieses Warten ... dieses grausame Warten ...

Trah Zebuck riss sich zusammen. Er ließ die große dreidimensionale Darstellung des Sternenfensters abschalten und eine Karte Tradoms projizieren.

Ihm stand so gut wie nichts mehr zur Verfügung, womit er virtuelle taktische Planspiele durchführen konnte. Aber so gut wie nichts war eben nicht gleichbedeutend mit gar nichts.

»Hebe die mir zur Verfügung stehenden Valenterflotten farblich hervor!«, befahl er.

In dem Hologramm leuchteten Punkte auf. 100.000 ... 200.000 ... 300.000 ...

300.000 Polizeischiffe der Valenter, davon 90.000 Einheiten der größten Modellreihe, der 500-Meter-Typen.

Man konnte über den Gefechtswert der Polizeischiffe streiten, doch immerhin verfügten sie über genügend Feuerkraft, um zumindest in größeren Verbänden auch Raumschiffe der Galaktiker zu gefährden.

Der Konquestor zögerte, aber nur kurz. Alles war besser als dieses grausame Warten.

»Okarem«, sagte er. »Erteile 270.000 Polizeischiffen Marschbefehl!«

Der neue Kommandant der TRAH BAR sah ihn fragend an.

3.

Zim November

5. März 1312 NGZ

»Ein Katamar!«, meldete Lauter Broch't, Spitzname Frettchen, Leiter der Abteilung Funk und Ortung.

Zim November spannte unwillkürlich seine Muskeln an, aber nur einen Augenblick lang. Die Katamare des Reiches ließen sich permanent sehen, blieben aber stets außerhalb der Reichweite terranischer oder arkonidischer Geschütze.

Präsenz zeigen, dachte der junge Emotionaut. Die Taktik der kleinen Nadelstiche. Wobei sie noch nicht einmal zustechen können, uns aber immerhin daran erinnern wollen, dass sie noch da sind.

Jetzt hatte auch Zim das Doppelrumpfschiff in der Darstellung seiner SERT-Haube. Es war ein Punkt von Tausenden. Im Sektor Roanna herrschte reger, auf den ersten Blick chaotisch anmutender Schiffsverkehr. Der Brückenkopf wurde unter Hochdruck militärisch befestigt. Fast im Minutentakt wurden gewaltige Flotteneinheiten der Terraner, Arkoniden und Posbis verlegt.

Wie gewohnt flog der Katamar einen Parallelkurs zu den galaktischen Einheiten knapp außerhalb deren Waffenreichweite. Trotzdem beschloss Zim, den feindlichen Raumer im Auge zu behalten, um im Falle eines Falles sofort reagieren zu können. Bei diesen verhältnismäßig geringen Entfernungen konnten Sekundenbruchteile entscheidend sein.

»Kommandantin an Pilot!« Pearl TenWafers Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. »Kurs auf das Sternenfenster setzen! Wir kehren zur Nachrüstung in die Milchstraße zurück und landen in unmittelbarer Nähe des Fensters auf einem PONTON-Tender!«

*

»Geschwindigkeit bei exakt fünf Prozent Licht«, meldete Zim. »Entfernung zum Sternenfenster einhundertfünfzigtausend Kilometer. Einflug ins Fenster in zehn Sekunden.«

Fünf Prozent Lichtgeschwindigkeit, das war genau der Grenzwert, der gerade noch einen sicheren Durchstoß erlaubte.

Zim wappnete sich gegen das, was ihn erwartete, sobald die LEIF ERIKSSON in das hyperenergetische Feld eindrang.

Er hatte es schon einmal erlebt, und es war genau wie damals.

Ihn erfüllte ein kribbelndes, unnatürliches Gefühl. Er öffnete den Mund und wollte Meldung machen, dass der Durchstoß begonnen hatte, doch die Silben waren plötzlich zitronengelbe Luftblasen, die auf den Lippen kitzelten, sich ausdehnten, bis sie größer als sein Körper waren, seinen Mund aber noch nicht verlassen hatten. Doch das spielte keine Rolle. Auch sein Körper bestand nur noch aus Luftblasen, die Atome lösten sich auf, wurden zu Blasen, die wie Universen durch den Hyperraum trieben. Er hatte seine Gedanken noch, war aber nichts weiter als ein Koagulat, ein aus einer kolloidalen Lösung ausgeflockter Stoff, ein Universum unter unzähligen im Multiversum.

So schnell, wie es begonnen hatte, war es auch wieder vorbei. Schnell und zeitlos und gleichzeitig endlos lange. Es dauerte eine Ewigkeit und gleichzeitig nicht einmal eine Millisekunde, die unsichtbare Ebene zu durchbrechen. In einem einzigen, nicht messbaren Augenblick hatte die LEIF fast 388 Millionen Lichtjahre überbrückt!

Die Milchstraße, dachte Zim. Die heimatliche Milchstraße!

Es hatte Zeiten gegeben, da hatte er bezweifelt, dass er sie je wieder betreten würde. Und nun ... nun hatte er sie in einem Sekundenbruchteil erreicht, über fast 400 Millionen Lichtjahre hinweg, eine Entfernung, die auch für ihn eine bloße Zahl war, die er sich einfach nicht vorstellen konnte.

Aber seine Freude, wieder zurück zu sein, war nicht ungetrübt.

Julie, dachte er, Julie ...

*

Die Landung auf dem Tender war ein Kinderspiel, vor allem im Vergleich zu der Passage durch das Sternenfenster, die sein Verstand noch immer nicht vollständig verarbeitet hatte. Manchmal hatte Zim den Eindruck, solch eine Technik sei nicht geschaffen dafür, von so armseligen Wesen wie Menschen benutzt zu werden.

»Zim?«, drang Rock Mozuns Stimme wie aus weiter Ferne zu ihm. »Ich übernehme.«

»Aber meine Schicht ist doch längst noch nicht ...« Zim November verstummte.

Der Ertruser war der Erste Pilot der LEIF ERIKSSON, damit sein Vorgesetzter und Emotionaut wie er. Außerdem war ihr Verhältnis sowieso nicht das beste, auch wenn es sich in letzter Zeit etwas normalisiert hatte. Mozun hatte Zim immerhin bestätigt, dass er sich als »Praktikant« auf der LEIF ERIKSSON bislang hervorragend bewährt hatte. Und dieses Lob wog schwer.

Zim ließ die SERT-Haube hochfahren, meldete sich bei der Systemüberwachung ab und den Ertruser an und erhob sich vom Emotionautensessel. Bevor er ihn jedoch vollständig verlassen konnte, spürte er Mozuns große Hand auf seiner Schulter.

Sein direkter Vorgesetzter ließ mit einer Handbewegung ein Nebenortungsholo entstehen und fokussierte es auf eins der zahllosen Raumschiffe, die auf für das ungeübte Auge verwirrenden Kursen zum Sternenfenster flogen, das die LEIF ERIKSSON vor kurzem in die umgekehrte Richtung passiert hatte. Dann vergrößerte er die Darstellung.

Bei dem Schiff handelte es sich um einen Kreuzer der MERZ-VESTA-Baureihe, einen 100 Meter durchmessenden Kugelraumer. Es schien fast fabrikneu zu sein.

Der junge Emotionaut sah den Ertruser fragend an. »Was ist damit?«

»Das ist der Grund für deine Ablösung.«

»Ich verstehe nicht ganz ...«

»Rhodan möchte dich sprechen. In zehn Minuten in Hangar siebzehn.«

»Kannst du mir nicht sagen, worum es geht?«

Mozun lächelte schwach. »Ich glaube, das möchte er dir lieber selbst sagen.«

*

Als Zim November den strukturvariablen Hangar betrat, hatte der Kreuzer bereits die ihm zugedachte Position zwischen Dutzenden anderer Schiffe und Beiboote eingenommen. Roboter umschwirrten ihn; die Bodenschleuse war bereits geöffnet, sämtliche vier Antigravschächte waren ausgefahren, und das Hangarpersonal beförderte Antigravcontainer mit Versorgungs- und Ausrüstungsgütern in das Schiff.

Rhodan stand vor der Schleuse, doch Zim zögerte noch, zu ihm zu treten. Vor dem Residenten hatte sich ein Hologramm gebildet. Es stellte Reginald Bull dar, den Verteidigungsminister der LFT.

Bull hatte sich längst ins Solsystem zurückgezogen, um dort unter Hochdruck die Produktion neuer Paradimjäger zu organisieren. Doch die beiden uralten Freunde standen natürlich in Verbindung und konnten jederzeit Kontakt miteinander aufnehmen, so es denn erforderlich war.

»Außerdem muss die Entwicklung neuer Waffensysteme forciert werden, die auch auf Großkampfschiffen stationiert werden können«, sagte Rhodan gerade. »Der verlustträchtige Einsatz der Paradimjäger ist menschenverachtend und für mich außerhalb einer Notwehrsituation nicht hinnehmbar!«

»Meinst du, für mich etwa?«, erwiderte Bull. »Vergiss nicht, ich bin es, der diese jungen Menschen in den Einsatz schickt ... und oft genug in den Tod.«

Rhodan nickte. »Ich verlasse mich auf dich.« Er unterbrach die Verbindung, winkte Zim zu sich heran und drehte sich zu dem Kreuzer um. »Das ist die JOURNEE.«

Zim betrachtete das Schiff. Die offizielle Kennzeichnung lautete LE-KR-60, wohl der Ersatz für die ursprünglich unter dieser Nummer geführte Einheit der LEIF ERIKSSON. Besonders auffällig kam ihm das Andockmodul mit einem zusätzlichen Triebwerk vor. Er nickte, bis ihm bewusst wurde, dass Rhodan ihm den Rücken zugewandt hatte und ihn gar nicht sehen konnte. »Was ist das für ein Schiff?«

»Ein Spürkreuzer«, fuhr der Resident fort, »eine Spezialeinheit, die Raumschiffe in extremen Geschwindigkeitsbereichen durch den Hyperraum verfolgen kann. Ihre Höchstgeschwindigkeit erreicht den absoluten Grenzbereich des derzeit für uns Machbaren ... einen Überlichtfaktor von zweihundert Millionen.«

Zim pfiff leise auf. »Zweihundert Millionen?« Mit gewaltiger Hochachtung ließ er den Blick über die Hülle des Kugelraumers streichen. In dem künstlichen Licht schimmerte sie im rötlichen Blau der Ynkelonium-Terkonit-Legierung. Plötzlich kam sie ihm irgendwie erhabener vor als die Hüllen der anderen Schiffe, die in dem Hangar ausgerüstet oder gewartet wurden. »Dann ist die JOURNEE ja das derzeit schnellste Schiff der LFT!«

Rhodan lächelte schwach. »Neben den anderen dieser Baureihe. Und mit einer Einschränkung. Sie hält dieses Tempo höchstens über eine Etappe von 30.000 Lichtjahren.« Rhodan deutete auf das Andockmodul. »Das hier ist das Grigoroff-Triebwerk; es verfügt über zwei separate Hochleistungs-Gravitrafspeicher. Und nach maximal fünf dieser Etappen mit zweihundert Millionen Überlicht ist die Speicherfüllung erschöpft, und sie müssen extern geflutet werden.«

Zim war trotz der Einschränkung begeistert. Er befürchtete, dass er strahlte wie ein kleines Kind. Am liebsten hätte er die Hand ausgestreckt und die Finger über die Legierung gleiten lassen, aber diese Geste kam ihm dann doch unpassend vor. »Wie sieht die sonstige Triebwerksbestückung aus?«

»Die übliche für einen Kreuzer auf der Basiszelle einer MERZ-VESTA. Jeweils vier Haupt- und Neben-Metagrav-Triebwerke, ebenso viele Gravojet-Triebwerke, Nug-Protonenstrahl-Impulstriebwerke – mit einer Beschleunigung von dreizehnhundertunddreißig Kilometern pro Sekundenquadrat – und Antigravaggregate. Mit dem regulären Metagrav-Triebwerk erreicht die JOURNEE einen Faktor von neunzig Millionen Überlicht.«

Der junge Emotionaut nickte versonnen. »Eine Neukonstruktion.«

»Die hoffentlich imstande ist«, fuhr Rhodan fort, »einen Katamar des Reiches Tradom zu verfolgen. Wir wissen nicht genau, wie schnell die Doppelrumpfschiffe sind, aber ich bezweifle, dass sie viel mehr als zweihundert Millionen erreichen.«

Zim ließ den Blick über die Wölbung gleiten. Das spezielle Triebwerksmodul sah eigentlich aus wie bei jedem anderen Beiboot dieser Kreuzerbaureihe. Das kugelförmige Raumschiff war zwar verhältnismäßig klein, aber man sollte es trotzdem nicht unterschätzen. »Ich nehme an, bei der JOURNEE wurde der Schwerpunkt eher auf Geschwindigkeit und Ortung gelegt und weniger auf die Offensivbewaffnung?«

»Genau. Die Ortungssonderausstattung der JOURNEE kann sich wirklich sehen lassen. Der Kreuzer verfügt über spezielle Anti-Ortungs-Schirme und einen Hyperraumspürer, ein dem früheren Halbraumspürer vergleichbares Gerät, das die Ortung und Anpeilung anderer Raumschiffe im Hyperraum und damit auch eine direkte Verfolgung ermöglicht. Die Testphase dieser Baureihe dauerte insgesamt zwei Jahre. Die Spürkreuzer haben ihre Tauglichkeit übrigens bereits unter Beweis gestellt. Eins der ersten einsatzfähigen Modelle hat ein Spionageschiff des Reiches Tradom zur BASIS verfolgt.« Rhodan lachte leise auf. »Damals waren diese Spürkreuzer noch so geheim, dass die Besatzungsmitglieder nicht einmal ihre wirklichen Namen kannten.«

Zim November fragte sich, warum Rhodan ihm das alles erzählte, wagte aber nicht, diese Frage laut zu stellen. »Und die Energieversorgung?«

»Auch hier sind wir auf dem neuesten Stand der Technik. Sie erfolgt durch einen neu entwickelten Multi-Hyperzapfer, zwei Nug-Schwarzschild-Reaktoren und Fusionsmeiler zur Notversorgung.«

»Die Schutzschirme?«

»Zählen zum Besten, was die LFT derzeit zu bieten hat: ein fünffach gestaffelter Paratronschirm, ein ebenso oft gestaffelter HÜ-Schutzschirm sowie die üblichen Prallschirme. Selbstverständlich verfügt die JOURNEE auch über einen Virtuellbildner.«

»Selbstverständlich«, wiederholte Zim. Solch ein Gerät hatte der Besatzung der LEIF ERIKSSON schon mehrmals die Haut gerettet. Es sammelte über ein Feld die energetischen Streuimpulse, die von den Maschinen und sonstigen technischen Gerätschaften eines Schiffes ausgingen, um sie an einen bis zu drei Lichtjahre weit entfernten Ort zu projizieren. Dort entstand dann ein virtuelles Ortungsbild des Schiffes, von dem sich die gegnerischen Ortungsgeräte verwirren lassen sollten.

»Und die Bewaffnung?«

»Zwanzig MVH-Geschütze, die wahlweise im Thermo-, Desintegrator-, Intervall-, Paralyse- oder KNK-Modus abfeuern können, und acht leichte Transformkanonen mit einer Bombensprengkraft von jeweils bis zu eintausend Gigatonnen bei Verwendung von Überladungs-Gravitraf-Bomben. Du siehst also, die JOURNEE ist ein Schiff auf dem Höchststand der derzeitigen Technik, dessen Ausstattung das Schwergewicht weniger in den offensiven als in den defensiven Bereich legt.«

Zim nickte.

»An Beibooten verfügt die JOURNEE über acht Kleinst-Space-Jets sowie zwei Shifts. Zusätzlich befinden sich im Roll-On-Roll-Off-Hangar noch zwei Dreißig-Meter-Space-Jets. Die Besatzung besteht aus achtzig Personen. Die Kommandantin ist Coa Sebastian ...«

Zim hatte noch nie von ihr gehört. Während Rhodan fortfuhr, stieg ein ungeheurer Verdacht in dem jungen Emotionauten empor. Ungeduldig wartete er, bis der Resident endlich geendet hatte.

Nun musste er die Frage doch stellen. »Und warum erzählst du mir das alles, Perry?«

Rhodan drehte sich zu ihm um und sah ihn an. »Du vermutest richtig. Du bist nicht umsonst dabei, während ich die JOURNEE in Empfang nehme.«

Der Resident lächelte, und Zim schluckte. »Die JOURNEE ist eins der wenigen Beiboote der LEIF ERIKSSON, die man per SERT-Haube steuern kann. Und sie ist speziell auf deine Fähigkeiten als Emotionaut abgestimmt. Die JOURNEE ist dein

4.

Pearl TenWafer

6. März 1312 NGZ

»Du willst ... was?«, sagte Pearl TenWafer fassungslos. Einen Augenblick lang fragte sich die Kommandantin der LEIF ERIKSSON, ob Perry Rhodan noch bei Sinnen war. »Du willst mit der JOURNEE den Brückenkopf Roanna verlassen und ...«

Sie verstummte und schüttelte den Kopf. Mitten in der Nacht hatte er sie in einen Konferenzraum gebeten, und nun teilte er ihr mit, dass ... dass ... Sie schluckte schwer.

»Vor wenigen Stunden hat sich ein Wesen namens Kiriaade mit einem eindringlichen Hilferuf an mich gewandt«, bestätigte Rhodan. »Ich beabsichtige, diesem Ruf Folge zu leisten. Aufgrund der militärischen Situation am Sternenfenster werde ich allerdings nicht mit der LEIF ERIKSSON fliegen, sondern mit der JOURNEE.«

»Aber du kannst nicht einfach ...« Sie sprach es nicht aus. Verschwinden. Was war nur in Rhodan gefahren? Seine Erklärung war mehr als dürftig, eigentlich hanebüchen, an den Haaren herbeigezogen.

»Ich habe soeben mit dem Generalstab konferiert«, erwiderte der Resident. »Wir haben dem Reich Tradom eine verheerende militärische Niederlage zugefügt und fast alle hier stationierten Katamare vernichtet. Wir haben sämtliche sieben Fensterstationen erobert. Das Sternenfenster gehört uns. Und die WÄCHTER-Geschwader sieben bis zwölf riegeln das Gebiet auf Tradom-Seite mit einer Aagenfelt-Barriere ab ...«

»Die von den Katamaren des Reiches nachweislich durchdrungen werden kann«, fiel sie ihm ins Wort.