Perry Rhodan-Paket 46: Der Sternenozean (Teil 2) -  - E-Book

Perry Rhodan-Paket 46: Der Sternenozean (Teil 2) E-Book

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Beschreibung

In der zweiten Jahreshälfte des Jahres 1332 NGZ - das Jahr 4919 nach alter Zeit - ringen Perry Rhodan und Atlan, die beiden ehemaligen Ritter der Tiefe, weiterhin um die Befreiung des Sternenozeans von Jamondi. Sie haben es geschafft, viele Motana aus ihrer Versklavung zu befreien, und haben den offenen Konflikt mit der Schreckensherrschaft der Kybb aufgenommen. Doch außerhalb des Sternenozeans haben sich die Konflikte ebenfalls zugespitzt: Unweit der Erde, in der sogenannten Paukenwolke, ist ein Hyperkokon aufgetaucht, und plötzlich gibt es zahlreiche neue Sterne - und neue Bedrohungen für die Menschheit. Die Spur zu den uralten Geheimnissen führt in die Große Magellansche Wolke. Dort, in der kleinen Galaxis unweit der Milchstraße, residiert angeblich Gon-Orbhon, jener geheimnisvolle "Gott", dessen Jünger die Gesellschaft der Erde bedrohen. Mit dem Fernraumschiff RICHARD BURTON stoßen Reginald Bull, Gucky und andere Gefährten nach Magellan vor ...

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Seitenzahl: 6835

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Nr. 2250

Zeuge der Zeit

Der Konvent der Majestäten – Perry Rhodan sucht das Ewige Asyl

Robert Feldhoff

von K. H. SCHEER

In der zweiten Jahreshälfte des Jahres 1332 NGZ sind Perry Rhodan und Atlan, Unsterbliche und ehemalige Ritter der Tiefe, der Befreiung des Sternenozeans von Jamondi ein Stück näher gekommen: Die »Mediale Schildwache« wurde erweckt, und dank ihrer Hilfe konnten die Ereignisse, die zur Schreckensherrschaft der Kybb führten, in Erfahrung gebracht werden.

Damit ist der Krieg gegen die Kybb noch längst nicht gewonnen: Vom Grauen Autonomen weiß man, dass dazu nicht nur alle Schildwachen und das Paragonkreuz notwendig sind, sondern dass auch Zephyda zur Stellaren Majestät ernannt werden muss.

Behilflich dabei ist ihr Rhodan selbst, denn er ist ein ZEUGE DER ZEIT ...

Die Hauptpersonen des Romans

Zephyda – Die Motana von Baikhal Cain muss sich einer Wahl stellen.

Lyressea – Die Mediale Schildwache bezieht eindeutige Position.

Perry Rhodan – Der Terraner erweist sich als der Zeuge der Zeit.

Kischmeide – Die Planetare Majestät mahnt die Folgen jedes Handelns an.

Keg Dellogun

1.

»Ich war nicht immer der Terranische Resident. Ich war nicht immer ein Großadministrator oder Hansesprecher, ein Flottenkommandeur und galaktischer Diplomat oder gar unsterblich.

Meine Geschichte beginnt als Raumfahrer. In der ersten Rakete zum Mond, damals, als ich mit meiner Crew den Kreuzer der Arkoniden entdeckte.

Man erklärte mich zum Staatsfeind und zum Hochverräter. Bevor ich die Menschheit in den Weltraum führen konnte, brach ich jedes staatsbürgerliche Gesetz, das in meinem Land damals existiert hat.

Mein Name ist Perry Rhodan. Ich bin ein Zeuge der Zeit.«

Während der Alarm durch das Raumschiff SCHWERT lärmte, begann die blauhäutige Frau ihre Kleidung abzulegen. Sie knotete die Bluse auf, warf das Karthay-Leder aufs Bett, dann zog sie ihre Mokassins und die viel zu weite Hose aus. Darunter trug sie nichts.

Der Alarm war ihr egal. Ich habe Wichtigeres zu tun, sagte der Blick, den sie Perry Rhodan zuwarf.

Er und Lyressea – sie waren jetzt allein. Draußen verhallte Stiefeltrappeln.

Die ganze Zeit fixierte sie ihn aus eisgrauen Augen; ein Blick, den er mindestens mit derselben Intensität zurückgab.

Lyressea war eine Schöpfung von schwer fassbarer Perfektion. Nicht wie eine wirkliche Frau war sie geformt, sondern wie eine Göttin, allzu perfekt für einen Menschen. Sie hatte auffallend kleine Brüste, an deren Form nicht das Geringste zu bemängeln war. Dennoch wirkten sie auf Rhodan fremdartig, als wären sie schwerelos. Er musterte für eine Sekunde den Po, als sie die abgelegte Garderobe mit Akribie ordnete. Es gab an ihrem Körper kein Zeichen des Alters. Nur die Augen.

Vor sieben Millionen Jahren hatte der Orden der Schutzherren von Jamondi diesen Teil der Milchstraße beherrscht. Die Schutzherren gab es heute längst nicht mehr, wohl aber ihre Vertrauten und Helfer – die sechs Schildwachen. Eines dieser unsterblichen Wesen war Lyressea.

Rhodan und seine Mannschaft hatten sie eben erst gerettet. Dies war ihr erstes Gespräch allein.

»Ich benötige andere Kleidung«, eröffnete sie ihm. Ihre Stimme war nicht laut, doch sie klang durch den Alarm, als spräche sie auf einer reservierten Frequenz. »Das da sind Motana-Kleider. Sie sind einer Schildwache der Schutzherren nicht angemessen.«

»Wenn das alle deine Sorgen sind ...?«

»Eine Schildwache ist eine hoch gestellte Person. Man soll sehen, wer sie ist, auch wenn man sie nicht kennt. Wir sind hier beim Motana-Volk. Ich weiß, wie sie auf bestimmte Dinge reagieren.«

Rhodan musterte sie mit gerunzelter Stirn. Er hielt sich jedoch vor Augen, dass ihr Verhalten mit Eitelkeit im menschlichen Sinn nichts zu tun hatte, sondern dass sie einen Zweck verfolgte.

»An welche Art Kleidung denkst du?«

»Schwarz auf Blau, synthetischer Stoff. Das Kleid einer Schildwache soll glänzen.«

Draußen auf dem Sturmplaneten, in der Stadt Kimte, lebte niemand außer Motana. Synthetisches Material konnte er dort nicht beschaffen. Wenn es eine Quelle gab, dann nur im Schiff.

Die Werkstatt des Kreuzers SCHWERT befand sich auf Deck eins, dem Schleusendeck.

Rhodan und Lyressea traten auf den Korridor vor der Kabine, die Schildwache barfuß und nackt, die Haltung sehr bestimmt.

Jemand stellte den Alarm ab. Hoffentlich nicht voreilig.

Sein Blick fiel auf ein Hologramm, das die Szenerie außerhalb des Schiffes zeigte:

Durch den Sturm wankte eine Kontur wie ein gewaltiger fliegender Rochen zur SCHWERT herab. So als stünde jede Sekunde der Absturz bevor. Das fremde Raumschiff schüttelte sich und bockte wie mit Triebwerksschaden; obwohl es Triebwerke im technischen Sinn gar nicht besaß.

Stürzte es auf die SCHWERT, war das auch Rhodans und Lyresseas Ende. Stürzte es auf die nahe Stadt, gab es zwanzigtausend Opfer.

»Kommst du, Perry Rhodan?«, drängte sie ihn.

»Warte!«

»Ich habe nicht die ...«

»Warte!«, wies er sie an. »Ich will das sehen.«

Lyressea erstarrte, sie sprach kein Wort mehr, und Rhodan ließ keinen Blick von dem Holo.

Ihm fiel auf, dass unter dem schwankenden Schiff eine Hand voll Gestalten standen. Die Leute liefen nicht fort, sondern sie verharrten stur in dem gefährdeten Bereich. »Echophage!«, befahl er dem Bordrechner. »Vergrößern! Ich will sehen, wer das ist.«

*

Zephyda kämpfte mit glühenden Augen gegen den Sturm, sie zwinkerte immer wieder den Dreck weg, der ihr entgegenschlug, und sie wich keine Sekunde zurück.

Die Kontur, die sich aus dem Himmel senkte, war ein Bionischer Kreuzer. Die WILDWASSER, ein Gebilde von unerhörter Eleganz, selbst noch im Sturm. Siebzig Meter lang, eine Spannweite von bis zu hundertvierzig Metern.

Aktuell bestand die Flotte aus vierzig Einheiten.

Zephyda war ihre Kommandantin. Wenn man so wollte, die Oberkommandierende der Motana-Streitkräfte.

Sie hatte ihre Schiffe ausgeschickt, um von den Welten der Motana so viele Planetare Majestäten abzuholen wie möglich. Wenn genug zusammen waren, konnten sie ein Treffen abhalten. Den Konvent der Majestäten – den ersten seit vielen tausend Jahren, auf der einzigen freien Motana-Welt des Sternenozeans.

Der Konvent musste entscheiden, ob es Krieg gab oder nicht. Zephyda war für den Krieg, für den Aufstand, für die Gegenwehr. Wie man es auch nennen wollte.

»Endlich landet das erste Schiff, Atlan!«, schrie sie gegen den Sturm. Gegen die tosende Natur, die man auf Tom Karthay Orkewetter nannte.

Einen Moment tastete sie nach der Hand des Arkoniden. Atlan war ihr Partner und Liebhaber, ein Arkonide von außerhalb des Sternenozeans und Perry Rhodans Freund.

Die WILDWASSER driftete weit zur Seite ab, bis über die Stadt Kimte, der Kreuzer stellte sich senkrecht auf – und kippte dann in seinen Kurs zurück.

»Hee!«

Einen Moment schien es, als könnte das Schiff zu Boden stürzen. Aber die Epha, die den Kreuzer steuerte, neutralisierte trotz mangelnder Erfahrung immer wieder die Kraft des Sturms.

»Wenn er jetzt runterkommt«, schrie jemand, »war's das!«

»Sie schaffen das!«

Zephyda wich nicht beiseite, als der Kreuzer schlingernd, immer wieder ausbrechend nahe der SCHWERT zu Boden sank. Sie blieb stehen, weil sie Vertrauen hatte. Alle sollten das sehen.

Mit einem Donnerschlag rammten die herabgeklappten Flügelenden in den Sand.

Keine zehn Meter entfernt von Zephyda, Atlan und ihren Begleitern.

Atlan zauberte ein Grinsen aufs Gesicht, als beginne die Sache ihm Spaß zu machen; die Ruhe, die er in Gefahrensituationen an den Tag legen konnte, war unglaublich.

Mit einem mächtigen stöhnenden Geräusch, das den Lärm übertönte, klappte die Schleusenrampe der WILDWASSER nach unten.

»Komm!«

Zephyda und Atlan stiegen die Rampe hoch, fort aus dem Orkewetter. Ein Prallfeld riegelte hinter ihnen ab, um nicht unnötig Sand ins Schiff zu lassen.

Von einer Sekunde zur nächsten war Stille.

Bis ...

*

Zephydas Blick rutschte auf eine zwei Meter große, uralte Bohnenstange in Lumpenleder, am Antigravschacht zu den Oberdecks, die indigniert auf sie und Atlan starrte. Ihre Kleidung war das Merkmal einer Kräuterärztin. Hinter der Greisin wartete ein Gefolge von jungen Frauen.

»Mein Name ist Tordhene«, verkündete die Alte in nasal klingendem Jamisch. »Planetare Majestät von Rah Garonde. Und wer bist du?« Nicht dass es sie interessierte.

»Zephyda. Oberkommandierende der motanischen Streitkräfte. Ich heiße dich zum Konvent der Majestäten willkommen, geehrte Frau Tordhene.«

Die Epha-Motana und die Quellen der WILDWASSER traten in die Schleusenkammer, aus den Zentraledecks. Einige waren nass vor Schweiß; das Landemanöver hatte ihnen viel Kraft abverlangt.

Zephyda bedeutete den Raumfahrern Stille. Sie konzentrierte sich auf den hoch gestellten Gast.

Tordhenes Gesicht wirkte runzlig wie Baumrinde. Der graue Ton deutete nach Zephydas Ansicht auf eine Herzkrankheit hin. Ihre Augen aber leuchteten vital, stechend – und mit einer Arroganz, die Zephyda den Atem nahm.

»Oberkommandierende ...«, dehnte Tordhene das ungewohnte Wort. »Das klingt seltsam, junges Ding. Es wird unsere erste Aufgabe sein, dich von deinen Aufgaben zu entbinden. – Und nun halte uns nicht länger auf, ich habe mit der Majestät von Tom Karthay zu reden.«

Zephyda überlegte einen Moment, ob sie Tordhene die Stirn bieten sollte. Schließlich hörten die Epha der WILDWASSER und ihre Quellen jedes Wort; und Zephyda wollte nicht die Autorität gefährden, die sie unter den Raumfahrern besaß. Dann aber wich sie beiseite und deutete widerwillig eine Verneigung an.

Tordhene passierte sie mit einem Seitenblick von oben. Ein unangenehm muffiger Geruch ging von der Frau aus.

Die Planetare Majestät wollte Atlan mit der Hand beiseite schieben, die Rampe hinab ...

Nur blieb Atlan stehen, wo er war.

Die Greisin stieß gegen ihn – und prallte zurück, als sei sie gegen eine Wand gelaufen. Tordhene fixierte ihn gefährlich. Doch ihr Blick glitt an Atlan ab; ganz im Gegenteil, unter seinen Augen schien sie zu schrumpfen, bis ihre Selbstsicherheit platzte wie eine Blase.

»Was will dieser Mann?«, zischte sie Zephyda überrascht an. »Er soll mir aus dem Weg!«

»Er ist kein Motana. Er kommt von jenseits des Sternenozeans. Er ist ein Ritter der Tiefe.«

»Ein was?«

»Ein Ritter der Tiefe. Das entspricht in etwa einem Schutzherrn.«

Tordhene verlor endgültig die Fassung. Sie starrte den Arkoniden mit aufgerissenen Augen an. Zephyda hoffte, dass die Aufregung ihrem Herzen bekam.

»Bist du irre, Kind? Was redest du?«

»Sieh seine roten Augen und seine Haut. Er ist kein Motana! In seiner Kultur ist ein Mann einer Frau gleichwertig.«

Tordhenes Schädel neigte sich wie der Kopf eines Raubvogels zu Atlan hinab. Aber sie erzielte damit nicht den gewünschten Effekt.

»Es fehlt dir an Weisheit, Majestät«, äußerte sich Atlan kühl. »Beurteile ein Wesen nicht allein nach dem Äußeren und schon gar nicht nach dem Geschlecht.«

»Was willst du junger Kerl mir sagen!«, blaffte sie ihn an.

»Majestät«, hakte Zephyda ein, in einem sinnlosen Versuch, die Lage noch zu retten, »Atlan ist mehr als zehntausend Jahre alt. Gegen ihn sind wir die jungen Leute.«

Sie wusste, wie unglaubwürdig das klang. Aber Tordhene hörte ohnehin nicht zu. Die Majestät umrundete Atlan, ihr Gefolge aus jungen Frauen immer hinter sich; sie schritt voll verlogener Würde die Rampe hinab und ließ sich von den bereitstehenden Karthay-Motana in den Sturm führen.

Ein Windstoß blähte ihr Lumpenleder. Darunter war sie spindeldürr.

Zephyda ertappte sich bei dem Wunsch, das Orkewetter möge sie wegwehen und im Sand beerdigen; aber nichts geschah. »Das ging gründlich daneben. Sie stimmt schon mal nicht für meinen Antrag.«

Atlan reckte in einer Geste, die Zephyda als unnötig stur empfand, das Kinn nach vorn. »Das mag sein. Aber ich krieche nicht vor dieser närrischen Alten.«

»Du hättest dich zumindest bemühen können.«

»Liebste.« Atlan legte ihr eine Hand auf die Schulter, in einer Geste, die ihn wie einen Patriarchen, sie wie eine dumme Tochter scheinen ließ. »Wer sich selbst klein macht, darf nicht hoffen, dass man ihn hört.«

»Und was machst du gerade mit mir?«

»Wehre dich!«

Sie schlug ihm ungestüm die Hand weg.

Atlan grinste. »Na also. Schon besser.«

Sie zeigte ihm die Zähne und zielte spielerisch mit einem Tritt auf seine Stiefel, aber Atlan war zu schnell.

*

Die Bordwerkstatt lag unweit der Schleusenrampe Richtung Heck des Unterdecks. Aus der Wand ragte ein organisch wirkender Multifunktionsblock, der von außen nicht zu bedienen war.

»Echophage!«, sprach Rhodan zum Bordrechner des Kreuzers.

»Zu deinen Diensten«, wisperte die Stimme von überall her.

»Wir wollen einige Kleidungsstücke herstellen. Dazu brauchen wir Hilfe.«

»Welche Hilfe?«

»Zunächst benötigen wir Materialproben der Stoffe, die im Schiff verfügbar sind und für Bekleidung verwendet werden können.«

»Verfügbar aus den Lagern? Oder bleibt noch Zeit, Stoffe aus Rohmaterial zu synthetisieren?«

Bevor Rhodan antworten konnte, fiel ihm Lyressea ins Wort: »Die Zeit steht zur Verfügung.«

Echophage übernahm die Kontrolle des Blocks. In Abständen von Sekunden, manchmal Minuten spie der Rechner Proben aus – von Strukturgewebe bis Zeltbahn –, die von Lyressea allesamt verworfen wurden.

Bis im Materialschacht ein seltsamer Fetzen lag, eine Mischung aus Latex und Satin. »Das ist es!« Lyressea straffte sich in Triumph.

»Soll das Kleidungsstück am Körper anliegen?«, fragte Echophage.

»Hauteng.«

»Gibt es eine Designvorlage?«

»Nimm meine Maße und erstelle ein Holo.«

Aus dem Block stäubte ein bläuliches Licht. Es hüllte die Schildwache ein und fuhr sie ab wie ein Schichtscanner. Echophage schuf ein handgroßes, holografiertes Abbild, daneben die Projektion einer grafischen Werkzeugpalette.

Lyressea bediente die Palette sehr schnell. Dennoch benötigte sie eine Stunde für den Entwurf. Als Ergebnis standen elf seltsam geformte Stücke, denen sie die Farben Schwarz und Hellblau gab.

»Sind das konkrete Vorstellungen«, fragte Perry Rhodan sie skeptisch, »oder ist der Entwurf Zufall?«

»Ich habe solche Kleidung immer getragen. Schon bevor meine Welt unterging.«

An einem Tag, der sieben Millionen Jahre zurücklag, eine Zeitspanne, die für sie wie ein Traum verflogen war. Lyressea hatte nach dem Untergang der Schutzherren konserviert und jenseits der Zeit in ihrem »Ewigen Asyl« verbracht. Der Mann, den sie geliebt hatte, der Schutzherr Gimgon, war gestorben, aber sie, ein Geschöpf der Superintelligenz ES, war zum Leben verurteilt wie ihre Liebe zum Tod. Sieben Millionen Jahre ... erst Rhodan hatte Lyressea aus dem Exil wieder ins Leben zurückgeholt. Als erste der sechs Schildwachen.

Rhodan setzte eine Menge Hoffnung auf die Schildwachen. Der Sternenozean – oder besser: die Situation, die hier und in anderen Sternhaufen herrschte, die aus ihren Hyperkokons zurück ins Standarduniversum rutschten – stellte für die Milchstraße eine große Gefahr dar mit dem Potenzial, alles zu destabilisieren, wofür Perry Rhodan seit Jahrhunderten kämpfte. Wie groß und welcher Art genau diese Gefahr war, wusste zum gegenwärtigen Zeitpunkt niemand mit Gewissheit, wohl aber, dass sie mit der schrecklichen Zivilisation der Kybb zusammenhing.

Die Kybb hatten damals die Kultur der Schutzherren zerstört und die Schildwachen ins Exil getrieben. Um gegen die Kybb zu bestehen, mussten alle Kräfte gebündelt werden, auch die alten, die Vertriebenen im Untergrund. Was wiederum nur möglich war, wenn es neue Schutzherren gab.

Als Schutzherren der Gegenwart waren Perry Rhodan und Atlan vorgesehen.

Die Weihe eines Schutzherrn fand dann statt, wenn alle sechs Schildwachen zugegen waren – plus die mysteriöse siebente Kraft, das Paragonkreuz, ein beseelter »Splitter« von ES, wie er mittlerweile wusste.

Lyresseas Rettung stellte so gesehen nur den ersten Schritt dar. Von sieben Komponenten hatten sie gerade eine einzige.

»Sieh!«

Der Block spie einige flache, schachtelartige Objekte aus. In jedem lag eine Schicht Stoff.

Lyressea prüfte jedes Stück peinlich genau. Dann streifte sie sich das erste Teil über, ein Fetzen wie ein halbes Nachthemd. Das zweite Teil, hoch elastisch, an einigen Stellen mehrlagig, an anderen zerfranst ... Kompliziert geformte Fetzen ohne erkennbaren Stil überlagerten sich hauchdünn.

Mit der elften Lage, einer umlaufenden Bahn in zwei Farben, fügten sich die Abschnitte zu einem Ganzen.

Rhodan folgte dem Vorgang mit Verblüffung.

Er hätte es nicht geglaubt – doch das Kleid verwandelte sie in eine neue, gehobene Sorte Wesen.

»Respekt. Ich gestehe, ich bin beeindruckt.«

Der Synthetikstoff, aus dem das Kleid bestand, reflektierte seidig matt das Licht der Schleusenkammer. Die linke Seite war nachtschwarz. Die rechte Seite zeigte ein blasses Blau, etwas heller als das Blau ihrer Haut. Lyresseas Kleid war hochgeschlossen, eng und elegant, ganz anders als das praktische Leder der Motana-Frauen. Die Schultern blieben frei. Der Stoff bedeckte jedoch die Arme von Oberarm bis Handgelenk, so als trage sie verlängerte Handschuhe für einen Sternenball.

Lyressea öffnete und schloss verborgene Taschen.

»Brauchst du Schuhe?«, fragte Rhodan sie.

»Schildwachen benutzen das nicht.«

In dem Moment tönte ein Geräusch von hinten.

Sie drehten sich um und blickten auf die Schleusenrampe. Das Tosen des Sturms drang mit einem Mal herein.

»Echophage«, rief Rhodan, »das ist fürs Erste alles!«

Er und Lyressea traten aus dem Heckbereich nach vorn.

Im selben Moment schritten Atlan und Zephyda die Rampe hoch. Atlan winkte schon; Zephyda klopfte sich den dicken grauen Staub des Orkewetters von der Lederkombi – und erblickte in derselben Sekunde Lyressea.

Die Motana glotzte auf die Schildwache in ihrem Kleid wie auf eine Erscheinung.

*

»Wettervorhersage!«, meldete Echophage. »In voraussichtlich drei Minuten bildet das Sturmsystem rings um Kimte einen Windstillstand aus, der lokal begrenzt acht Minuten dauern wird!«

Rhodan und Lyressea warteten die drei Minuten unten in der SCHWERT, dann klappte die Rampe herunter und gab den Blick nach draußen frei.

Von einem Moment zum nächsten – so als werde ein gigantischer Vorhang weggezogen – wich das Zwielicht dem Leuchten der Sonne. Staub tanzte noch für Sekunden in der Luft, doch die Schwaden hatten keinen Antrieb mehr.

Sie traten schnell über die Rampe nach draußen.

Kimte, die größte Stadt des Planeten Tom Karthay, zeichnete sich durch die Schwaden ab; ein buckliger riesiger Hügel, hässlich wie ein zu drei Vierteln verrotteter Haufen Kompost. Den äußeren Ring bildeten die Kantblätter, eine Art pflanzliche Panzerschilde. Milliarden Fanghärchen fingen Nährstoffe ein, die in Orkewetter und Flautwind durch die Luft gewirbelt wurden. Entlang der Stadtgrenze bewegten sich Motana, manche schwer bepackt, andere in großer Eile; alle von einer dicken Staubschicht bedeckt.

»Wie sieht es drinnen aus?«, fragte Lyressea ihn.

»Lass dich überraschen!«

»Ich schätze Überraschungen nicht.«

Sie schritten eilig aus. Acht Minuten reichten gerade, von der SCHWERT zur Stadt zu kommen.

Die WILDWASSER nutzte die Gelegenheit zum Start. Der Bionische Kreuzer hob vom Boden ab, zuerst unsicher, dann mit steigender Geschwindigkeit, und hielt auf die orangefarbene Sonne Tom zu.

Rhodan kniff die Augen zusammen; hoch am Himmel glitzerten zwei weitere Punkte, Bionische Kreuzer auf Landekurs. Wenn alles plangemäß verlief, brachten sie weitere Majestäten für Zephydas Konvent.

Er blickte auf seine Uhr und schritt schneller aus.

Sie schafften es nicht ganz. Kurz vor einer Art Tunnel, der durch die Panzerblätter brach, überrollte sie das Orkewetter.

Rhodan fasste Lyresseas Hand. »Da vorn ist das Tor!«, schrie er gegen den Sturm.

*

Der Steg, der sie ins Innere führte, bestand aus lebendem Holz. Jeder Zentimeter, selbst die heckenartigen Wände, war von nährstoffhaltigem Staub überkrustet.

»Diese ganze Stadt«, erklärte Rhodan, »wurde aus einem einzigen Baum gezüchtet. Sein Holz bildet die Etagen, die Wege und das Fundament. Die Motana haben die Stadt immer wieder erweitert und aufgestockt. Über Tausende Jahre.«

Er blieb stehen und klopfte sich den Staub aus dem Haar.

Lyressea bewegte sich nicht: ihre eisgrauen Augen ohne Ausdruck, der Körper in Momentaufnahme starr – und Rhodan begriff, dass irgendetwas vorgefallen sein musste.

Lyressea legte um Nuancen den Kopf schief.

Dann drehte sie sich, langsam wie eine altertümliche Antenne. Ein voller Umkreis mit schrägem Kopf, dann kehrte das Leben sichtbar in ihre Züge zurück.

Er begriff mit einem Mal, was sie da tat. Lyressea setzte ihre Gabe ein.

Die Schildwachen verfügten über eine ganz spezielle Psi-Fähigkeit, die Niederschwellen-Telepathie. So oder so ähnlich sah es aus, wenn sie konzentriert auf etwas lauschten.

»Du hättest es mir vorher sagen sollen, Rhodan«, sagte sie schroff.

»Was?«

»Dass meine Schwester hier ist.«

»Deine Schwester? Du meinst ... die Eherne Schildwache?«

»So wurde sie früher genannt. Catiaane. Ich wusste, dass sie irgendwo auf diesem Planeten steckt. Aber ich ahnte nicht, dass es Kimte ist.«

Schildwachen konnten keine Gedanken lesen, das wusste Rhodan, doch sie vermochten Wahrheit von Lüge zu unterscheiden. Die Fähigkeit versetzte sie außerdem in die Lage, sich gegenseitig auf große Entfernungen zu orten. So, wie Lyressea es eben vorgemacht hatte.

»Ich hätte es noch früh genug erwähnt«, bekundete er. »Es gibt Anzeichen, dass ein Schildwachen-Asyl irgendwo in Kimte versteckt ist. Aber die Motana haben es nie gefunden, seit sie hier siedeln. Wir wissen deswegen nicht genau, was mit deiner Schwester ist. Eigentlich haben wir gehofft, du könntest uns in der Sache weiterhelfen.«

Lyressea lachte plötzlich. Der Ton klang nicht freudig, sondern finster.

»Wenn wir sie gefunden haben, kannst du sie dann aufwecken?«

»Selbstverständlich, ich bin ihre Schwester. Das Problem ist nur ... Catiaane ist ganz nahe, in gewisser Weise, so als müsste ich bloß die Hand ausstrecken. Und trotzdem kann ich nicht bestimmen, wo genau.«

»Das scheint dich zu überraschen.«

»Mehr noch, Perry Rhodan. Es ist eigentlich völlig unmöglich.«

»Vielleicht ist Catiaane krank? Verletzt?«

»Nein, sie muss sich auf eine Weise versteckt haben, die ich noch nicht kenne. Es ist ein Trick dabei.«

Das mit dem Trick hatte sich Rhodan gedacht. Die Asyl-Kapsel einer Schildwache besaß die Größe eines kleinen Raumschiffs. Ein solcher Körper ließ sich in einer Stadt wie Kimte nicht unterbringen, ohne dass irgendwer seine Position kannte.

»Wie willst du sie finden?«

»Ich werde mich von dir durch die gesamte Stadt führen lassen. Überallhin. Sie kann sich nicht lange vor mir ver...«

Rhodan legte plötzlich einen Finger auf die Lippen. Sie verstand und verstummte.

Wispernde Geräusche, ganz leise aus dem Gang; er wandte sich um, starrte in das von Spiegelblister erhellte Zwielicht, und er bemerkte hinter einer Art Buschinsel drei schwatzende Motana.

Früher hatten sie auf diese Weise ihn unter die Lupe genommen, den designierten Schutzherrn. Heute schauten sie auf Lyressea, die Schildwache, in ihrem unglaublichen Kleid.

Lyressea wandte sich ebenfalls zu den Motana um – doch die Stadtbewohner waren fort.

Sie haben Angst, erkannte Rhodan überrascht.

*

Die FEUERBERG, die SONNE und die GRÜNER MOND sanken zeitgleich auf das Areal rings um Kimte nieder. Zephyda wusste durch den Funkkontakt, dass jeder Kreuzer mindestens vier Planetare Majestäten brachte. Jeder hatte eine kleine Rundreise hinter sich. Entsprechend sicher wirkte der Flug der Einheiten; Zephydas Mannschaften sammelten allmählich die Erfahrung, die sie noch brauchen würden.

Ein Aufstand der Motana liegt in der Luft. Wir müssen uns erheben und kämpfen. Schlachten schlagen. Das Joch der Sklaverei brechen, durch die historische Chance, die allein unserer Generation eröffnet ist.

Durch den tosenden Sturm marschierte sie auf die SONNE zu, diesmal ohne Atlan, sie passierte die Rampe und verhielt keuchend in der Schleusenkammer.

Eine Quelle, die zur Besatzung gehörte, nahm Zephyda in Empfang.

Da waren sie schon, die Majestäten und ihr Gefolge: vier reife Frauen, umringt von Kriegerinnen in Leder, die allesamt mannshohe Bogen und Köcher mit Pfeilen trugen.

Eine Majestät von weit her, eine dicke mütterliche Frau in seltsamer Kleidung, die aus Perlen zu bestehen schien, trat schließlich nach vorn.

In einer burschikosen Geste umarmte sie Zephyda. Sie roch nach herben Gewürzen, und ihre Haut fühlte sich rau an, fremdländisch. »Du musst die Majestät von Baikhal Cain sein, von der wir gehört haben! Mein Name ist Ikhete, aus dem Tembe-System! Ich bin hier, um dir die Grüße meines Volkes zu sagen.«

Zephyda genoss die Wärme, die Ikhete mit ihrer Geste vermittelte.

Verlegen korrigierte sie: »Ich bin keineswegs eine Majestät, geehrte Frau Ikhete. Meine Großmutter war allerdings die Majestät von Baikhal Cain. Bevor ...«, sie wurde einen Moment düster, »bevor mein Volk von den Kybb ausgelöscht wurde.«

Ikhete schaute verwirrt. »Uns wurde gesagt, eine Motana namens Zephyda habe den Konvent der Majestäten einberufen.«

»Im Grunde stimmt das auch. Offiziell ist zwar die Majestät von Tom Karthay die Gastgeberin, Kischmeide, ihr lernt sie noch kennen. – Aber das ist nur eine Art Dienst, den Kischmeide mir erweist. Die Einladung stammt also von mir.«

»Wie auch immer«, sprach Ikhete, »wir sind stolz, dabei zu sein. Und natürlich überrascht. Wir wussten nicht einmal, dass Motana eigene Raumschiffe haben. Ich meine ... Und jetzt sind wir hier, auf einem fremden Planeten. Stimmt es denn wirklich ... dass auf ganz Tom Karthay keine Kybb sind?«

»Es stimmt. Tom Karthay ist die einzige freie Motana-Welt, im ganzen Sternenozean. – Und nun bitte ich euch, mir zu folgen!«

Zephyda führte sie aus der SONNE ins Freie, hinüber zur FEUERBERG; wo zeitgleich die Abordnung aus der GRÜNER MOND eintraf. Ein Geplapper aus sechzig Mündern erfüllte plötzlich die Schleusenkammer – zwölf Majestäten plus Begleitung; sie folgten Zephyda wiederum in den Sturm hinaus, durch Kimtes Tore, durch die Baumetagen zu den Kammern.

Im Stadtkern war der Sturm nicht mehr zu hören. Nur die Geräusche, die der Baum verursachte.

»Es ist ein wenig eng, aber ich bin sicher, für die Dauer eures Aufenthalts wird für alles gesorgt sein.«

Ikhete sagte würdevoll: »Wo ich Majestät bin, herrschen die Kybb-Cranar. Sie haben meine Schwestern und eins meiner Kinder getötet. Das hier ist eine freie Motana-Stadt. Und wenn ich auf Dornen zu schlafen hätte – du brauchtest eine Strahlwaffe, um mich zu vertreiben.«

Zephyda verneigte sich mit strahlenden Augen.

*

Als sie hinter sich den Vorhang schloss, draußen auf dem Steg, sah sie im Zwielicht am Ende des Ganges eine hochgewachsene Greisin stehen:

Es war Tordhene. Tordhene musterte sie mit einem kalten, stechenden Blick.

Zephyda fiel auf, dass die Greisin in ihrem Lumpenleder etwas verschwinden ließ. Ein kleines Päckchen, das Zephyda nicht sehen sollte.

*

»Kind in meinen Armen:

Eines Tages endet die Dunkelheit. Eines Tages endet selbst die Stille. Eines Tages sprechen die Herzen, und sie werden jubeln, wenn eine Stellare Majestät das Volk an eine Quelle führt; in ein Licht, wie Motana es zum letzten Mal gesehen haben, als es im Ozean der Sterne noch Schutzherren gab.«

»Was sind Schutzherren, Mutter?«

»Sie liebten uns, sie kannten unsere Namen. Sie wachten über unseren Schlaf, und sie gaben uns Zuflucht in der Dunkelheit.«

»Ja, Mutter?«

»Und dann sind sie gestorben. Sie wurden ermordet. Ausgelöscht, mein Kind.«

»Kommen sie denn nie mehr zurück?«

»So ist das mit dem Sterben. Es gibt Dinge, die sind ewig vorbei. Und so wiederum ist es mit der Hoffnung: Sie kann Gedanken am Leben halten, die lange tot sein sollten.«

»Glaubst du das wirklich?«

»Kind in meinen Armen, das, was man denken kann, das kann auch sein.«

2.

»Ich gehöre zu den ersten Terranern, die Andromeda gesehen haben. Wir kämpften damals gegen die Duplo-Flotten und siegten über die Meister der Insel – und wir trafen Tengri Lethos, den Hüter des Lichts.

Lethos sprach zu uns von Frieden zwischen den Sternen. Ein Wesen hat mich selten so tief berührt wie jener Hüter, vor zweitausend Jahren und mehr, und doch konnte Frieden damals nicht die Antwort sein. Sosehr ich in jener Zeit darum gebettelt hätte.

Also haben wir Krieg geführt. Jeder Mensch, der damals starb, starb in meinem Namen und unter meinem Befehl, während ich an Lethos dachte.

Mein Name ist Perry Rhodan. Ich bin ein Zeuge der Zeit.«

Das Mikroklima der Stadt umfing Rhodan und Lyressea mit Wärme, mit aromatischer Luft und ein wenig Feuchtigkeit, je näher sie dem Stadtkern rückten.

Lyressea blieb immer wieder stehen. Immer wieder mit geneigtem Kopf, so als horche sie und jedes Mal ernüchtert.

Rhodan entdeckte die Gesichter von Kindern, in den Büschen jenseits der Stege; aber sie alle lugten nur aus ihren riesengroßen Motana-Augen.

»Wie ist diese Stadt eigentlich entstanden?«, fragte Lyressea den unsterblichen Terraner.

»Nachdem die Kybb gesiegt hatten, wurden die Motana in alle Richtungen zerstreut. Einige Evakuierungsschiffe landeten auf Tom Karthay.«

»Warum hier? Es ist ein hässlicher Winkel.«

»Genau das war es wohl, worauf die Kommandantin der Schiffe gesetzt hatte; Trideage hieß sie. Erinnerst du dich ihrer?«

Lyressea sah ihn an. Ihre Augen schimmerten feucht. »An sie, an viele wie sie, das macht keinen Unterschied. Es sind zu viele.«

Rhodan räusperte sich unbehaglich, dann fuhr er fort: »Trideage baute darauf, dass niemand an einem so unwirtlichen Platz Motana vermuten würde.«

»Ich verstehe. Und sie behielt Recht.«

Ein wunderbares Aroma erfüllte plötzlich die Luft: Rhodan wies auf ein millimeterhohes Moos, das die Rinden der Wände überzog; ein farbenfrohes Meer aus Gewächsen wucherte durch die Ritzen im Bewuchs; vom Gangende schimmerte ein Blütenmeer.

Die Schildwache schritt mit einem Mal schneller aus. Lyressea hatte Jahrtausende in ihrem Ewigen Asyl zugebracht. Er hörte sie Atem holen, den Duft in ihre Lungen saugen ...

Aber nur für den einen Moment.

Mit einem Mal verhielt die Schildwache, so unerwartet, dass er um ein Haar gegen sie prallte.

In ihrem Weg stand eine Delegation Motana-Frauen. Sie versperrten den Steg in voller Breite. Neun fungierten als lebendige Barriere, sie waren kräftige bewaffnete Kämpferinnen in braunem Leder, mit Bogen und Messern, so als gäbe es in Kimte einen Feind zu fürchten.

Nummer zehn wachte unerschrocken vorn: eine kräftige Frau, der die sachliche Denkart ins Gesicht geschrieben stand. Sie hatte kastanienbraunes Haar und dunkelbraune Mandelaugen, und Rhodan fielen ihre schwieligen Hände auf. Die Hände einer Praktikerin.

Es war Kischmeide, die Planetare Majestät von Tom Karthay.

Er hatte sie nie so aufgeregt gesehen, und die Sachlichkeit, die er an ihr kannte, war in dem Moment wie ausgelöscht.

Zwischen den Frauen herrschte von der ersten Sekunde an eine Funken sprühende Abneigung.

Kischmeide war nicht nur die mächtigste Frau des Planeten. Sondern sie stand Zephydas Plänen bekanntermaßen skeptisch gegenüber. Zwar hatte sie selbst den Konvent ausgerufen – doch sie ließ keinen Zweifel daran, dass sie gegen den Aufstand war; für den Status quo, der ihr Volk in Unterdrückung, aber am Leben hielt.

»Du musst diese Schildwache sein!«, blaffte Kischmeide, mit einem zutiefst abfälligen Blick auf Lyresseas Gewand.

»Das ist richtig.«

»Ich bin die Planetare Majestät.«

»Ah.«

»Euer Kommen wurde mir angekündigt. Denkt nicht, dass ich auf das Kleid und das Glitzern hereinfalle! Glaubt nicht, dass ich das Denken einstelle, weil du hier bist, Fremde!«

»Mir scheint, du fällst vorschnell schon ein Urteil über mich. Es wird von meiner Seite keinen Versuch geben, dich zu beeinflussen.«

»Ich stelle dir nur eine einzige Frage: Krieg oder nicht Krieg?«

»Warum fragst du mich so etwas?«, versetzte Lyressea kühl. »Ich halte hier keine Macht in Händen. Euer Motana-Konvent gibt dir die Antwort, nicht ich.«

»Ich frage dich deshalb, weil dies die Sache ist, um die es allein geht. Krieg oder nicht. Zephyda wird uns alle danach fragen. Wenn der Konvent beginnt.«

»Aber nicht mich.«

»Jeder wird deine Stimme hören, Schildwache.«

Lyressea blickte Kischmeide so lange an, bis die Majestät anfing, nervös von einem Fuß auf den anderen zu treten.

»Meine Antwort, geehrte Majestät, ist lediglich meine persönliche Meinung«, stellte sie klar. »Die aber ist eindeutig. Wenn du es unbedingt wissen willst: Ich entscheide mich für den Krieg.«

Kischmeide wurde kalkweiß.

Die Majestät schien plötzlich schreien zu wollen, doch Lyressea schien in dem Moment zu wachsen, sie wirkte wie eine Riesin, und ihre plötzliche Präsenz machte Kischmeide klein wie ein Kind.

»Schweig!«

Kischmeide glotzte auf die Schildwache. Ohne ein Wort sprechen zu können.

Lyressea hatte demonstriert, dass sie einer anderen Kategorie von Wesen angehörte. Sie fixierte die Planetare Majestät aus unergründlichen Augen, dann sagte sie beinahe sanft: »Ich werde dir etwas auf den Weg mitgeben, Majestät. Ihr in Jamondi träumt heute von den alten Zeiten, als der Orden der Schutzherren herrschte. Ihr Motana singt euren Kindern Choräle vor, ich höre sie überall in der Stadt, weit entfernt, aber sie sind da.«

Ein keuchendes Geräusch, ganz leise. Aber keine Erwiderung.

»Ich habe die alten Zeiten miterlebt. Sie waren zum Teil sehr glücklich. Und wenn das Glück nicht zu erkennen war, gab es zumindest die Hoffnung. Die Schutzherren kämpften für eine konstruktive Ordnung im Universum. Jedes heranwachsende Volk sollte sich zur geistigen Reife entwickeln können. Darauf kam es an, die Verbreitung von Leben, von Stabilität und Frieden. Das Credo der Schutzherren.«

Kischmeide schüttelte sich und öffnete zumindest den Mund. »Und?«, stieß sie hervor.

»Und dann ... wurden sie alle ausgelöscht.«

Kischmeide fasste sich jetzt, stur wie ein Garaka, sie starrte die Schildwache tapfer an und fragte noch mal: »Und?«

»Sieh, was von dem alten Credo übrig ist. Ihr seid doch froh, wenn ihr am Leben bleibt. Ich schätze das nicht gering, ich habe immer für das Leben gekämpft, solange ich bin. Aber ich weiß auch, wie der Kosmos aussehen könnte. – Also sage ich Krieg. Das ist die Antwort, die mein Gewissen mir vorschreibt.«

»Gewissen«, zischte Kischmeide finster. »So nennt man das ...! Die Motana von Tom Karthay sind mir anvertraut. Ich schicke keinen mehr in eine Schlacht! Ich entscheide nicht, wer leben darf und wer nicht. – Mir scheint, du weißt nicht, was du da redest!«

»Ich habe oft erlebt, was Krieg ist«, versetzte Lyressea trocken. »Du hast dein Leben im sicheren Bau verbracht.«

Sie ließ den Blick der Majestät von sich abprallen. Die Kälte, die sie an den Tag legte, provozierte Kischmeide, und die Schildwache musste das wissen.

Rhodan sah zu Lyressea, dann zu Kischmeide und stellte sich schließlich zwischen die beiden.

»Ich erwarte von euch beiden, dass unverzüglich ein anderer Ton einkehrt. Wir vertreten unterschiedliche Auffassungen, aber wir stehen auf derselben Seite. Ich wünsche, dass das nicht länger vergessen wird!«

Rhodan schaute von einer zur anderen. Lyressea und Kischmeide starrten mit einem Mal verblüfft zurück.

Die Planetare Majestät wich schließlich beiseite. Sie bedeutete ihren Kriegerinnen, den Weg freizugeben.

*

Eine wahre Koalition entstand hinter Zephydas Rücken: Kischmeide und Tordhene, die greise Majestät von Rah Garonde, scharten um sich eine Front von Gleichgesinnten.

Hörte man den Gesprächen zu, äußerten sie sich lediglich gegen den Krieg; und daran konnte es Kritik scheinbar nicht geben, denn eine höhere Moral als das Bekenntnis zum Frieden existierte nicht.

Doch in Zephydas Augen zementierten sie die Herrschaft der Kybb. Dem Volk der Motana war eine historische Chance gegeben. Ganz sicher die erste, vielleicht aber auch die letzte. Wenn sie jetzt nicht aufstanden, glaubte Zephyda, dann nie mehr.

Täglich trafen neue Kreuzer ein.

Die meisten hatten mindestens einen Flug mit Passagieren hinter sich, einige zwei und mehr. Keiner stürzte ab, es kam zu keinem Unfall. Zephyda vermerkte zufrieden die Bilanz ohne Makel.

Kimte verlor die schläfrige Ruhe, die die Stadt bis dahin ausgezeichnet hatte, und verwandelte sich in eine Art Insektenstock. Schon wurden erste Gäste mit Garakas in die umliegenden Städte verlegt. Allerdings keine Majestäten – die für den Konvent gebraucht wurden –, sondern nur die Gefolge.

Noch war der Konvent nicht eröffnet. Bis zur ersten Debatte war viel zu tun – und ein Teil davon erforderte Zusammenarbeit, auch mit der Gegnerin.

Auf dem Weg zum Blisterherzen von Kimte, dem Regierungszentrum, passte sie Kischmeide ab:

»Majestät«, rief Zephyda ihr zu, »ich will mit dir reden!«

Kischmeide blieb stehen und wandte sich um. Ihre Miene gefror, als sie die Stimme erkannte. Sie wartete, bis Zephyda zu ihr aufgeschlossen hatte, dann schritt sie mit einem Ziel, das sie der jüngeren Frau nicht nannte, stur voraus.

»Reden? Worüber?«

»Über den Versammlungssaal.«

»Ach ja, der Saal ... An welchen Saal denkst du? Das Blisterherz?«

»Das Blisterherz fasst sechzig Leute. Wir benötigen einen Raum, in dem mehr als hundert Majestäten sitzen und sprechen können. Vielleicht zweihundert oder dreihundert.«

Kischmeide hielt plötzlich inne und verschluckte sich fast. »So einen Saal gibt es hier nicht!«

Der Gedanke einer großen Versammlung war den Motana prinzipiell fremd. Es war der erste Konvent seit vielen tausend Jahren.

»Vielleicht unten am Teich der Trideage?«, redete Zephyda daher – so als komme ihr der Gedanke eben erst. In Wahrheit hatte sie lange darüber nachgedacht.

»Hmm.« Kischmeide sah sie abwägend an, doch sie witterte nicht den Hintergedanken, der mit dem Vorschlag verbunden war. »Keiner gewöhnlichen Motana ist der Zutritt gestattet, aber für einen Konvent der Majestäten ist dieser Ort gar nicht so schlecht. Am besten, ich sehe mir gleich mal an, ob ... Ach was, du kommst gleich mit.«

»Sehr gern, Majestät.«

Sie stiegen in die unterste Ebene, in den Stummen Gürtel.

Kischmeide hatte vor der Höhle Wächter aufgestellt; angesichts der Masse an Besuchern. Um die spezielle Würde des Ortes zu schützen.

Im Mittelpunkt der Höhle lag eine dreißig Meter durchmessende Wasserfläche, überschüttet vom Licht der Spiegelblister. Dies war der Teich. Ein süßliches Aroma sättigte die Luft, und über die Oberfläche trieben Schwaden von Dunst. Am Ufer stand eine Hütte aus verwittertem Holz. Die Hütte ging auf die Gründermutter Trideage zurück und war den Motana von Kimte heilig, was Zephyda auch ganz genau wusste. Am Rand der Höhle traten meterdicke Stränge aus knorrigem Holz zutage, die Wurzeln des Riesenbaums, der Kimte trug.

Der Teich der Trideage stellte das spirituelle Zentrum der Stadt dar.

Die pure Fläche reichte theoretisch, Hunderte Majestäten unterzubringen – nicht aber mit dem Teich und der Hütte darauf.

»Ich bin sicher«, beharrte Kischmeide enttäuscht, »dass es hier nicht funktionieren wird.«

»Wir könnten die Hütte abreißen«, äußerte Zephyda unschuldig. »Dann reicht der Platz. Wenn wir rings um das Ufer Tribünen aufbauen und über den Teich einen Steg legen.«

Die ganze Zeit behielt sie Kischmeide im Blick, und sie vermerkte, wie allein der Vorschlag die Züge der Majestät entgleisen ließ.

»Du willst was, Zephyda?«

»Die Hütte weg und einen Steg legen.«

Die Majestät lief rot an. »Du bist eine verdammte Idiotin! Du bist hier nicht aufgewachsen, und das merkt man. Hättest du deinen Wald von Pardahn abgeholzt? Auf Baikhal Cain? Wahrscheinlich hättest du dir eher einen Fuß abgeschnitten!«

Kischmeide hatte natürlich Recht. Doch Zephyda dachte nicht daran, es zuzugeben.

»Dann nenne mir eine Alternative«, verlangte sie ungerührt.

»Ach verdammt!«

Kischmeide war da, wo sie sie haben wollte.

»Also gut«, führte Zephyda den Schlag, auf den es ankam, »in dem Fall findet der Konvent eben nicht in Kimte direkt statt, sondern wir weichen aus.«

Kischmeides Kopf ruckte hoch. Ihr Misstrauen erwachte mit Macht. Völlig zu Recht, aber zu spät.

»Was meinst du mit ›ausweichen‹, Zephyda?«

»Ich werde den Karthog von Roedergorm fragen.«

»Was?«

»Die Säle in seiner Festung sind mit Gewissheit groß genug.«

So plötzlich Kischmeide eben rot geworden war, so schnell verlor ihr Gesicht nun Farbe. Der Karthog galt als Gegner Kischmeides. Sie war eine Matriarchin, eine Herrscherin unter und über die Frauen – und der Karthog war ein Patriarch, aus einer Burg, in der Frauen im besten Fall als Dienstboten akzeptiert wurden.

Auch wenn das Verhältnis sich gebessert hatte, die Verlagerung des Konvents traf Kischmeide an der Ehre. Die Verlagerung in die Feste von Roedergorm war ein Affront. Ein Eingeständnis eigener Unfähigkeit, ausgerechnet vor dem tief verhassten Karthog.

Die Blicke der Majestät wanderten finster zur Hütte, zum Teich und zurück zu Zephyda.

»Also gut«, schnauzte sie schließlich. »Frag das Scheusal, aber tue es nicht in meinem Namen!«

»Kann ich mich dennoch auf deine Mitarbeit verlassen?«, fragte Zephyda.

Doch die Majestät gab keine Antwort.

Kischmeides Blick glitt an Zephyda vorbei. Hinaus auf den Teich der Trideage, wo ...

*

... ein höchst seltsames Phänomen die Stille zerriss: Zwei Meter über dem Wasser begann die Luft zu knistern, eine elektrostatische Ladung sprang vom Wasser zum Uferstreifen.

Zephydas Haare stellten sich auf. Ein kribbelndes Gefühl legte sich über ihre Haut, und sie hörte sich keuchend atmen.

Vor ihren Augen klaffte eine Art Riss, mitten über dem Teich der Trideage. Durch den Riss blickte sie in einen fremden, fernen Raum, in die verwaschen sichtbare Landschaft eines Planeten, der nicht Tom Karthay war.

Im selben Moment stürzte durch den Riss ein Körper.

Das Objekt klatschte mit einer Fontäne ins Wasser und versank wie ein Stein.

Dann ein zweiter Körper, ein dritter ...

Die Objekte waren Lebewesen, Keg Dellogun und seine Familie, die Ozeanischen Orakel. Die Orakel, insgesamt acht Personen, logierten in der SCHWERT, seit ihr Weg sich mit dem von Rhodan, Atlan und Zephyda gekreuzt hatte. Sie allein beherrschten diese Form der Teleportation.

... vier, fünf ...

Die Orakel hieß es, waren damals Weggefährten der Schutzherren gewesen. Den Motana galten sie als mythische Wesen. Es gab kaum Kontakt zu ihnen, auch wenn sie im selben Kreuzer wohnten. Selten ein Wort, geschweige denn Gespräche. Und nun verließen sie ihre Unterkunft? Wozu?

... sechs, sieben ...

Dann stürzten Nummer acht, neun und Nummer zehn ins Wasser.

Zephyda hielt schockiert den Atem an. Delloguns Familie zählte acht Mitglieder. Zwei zu viel.

Der Riss über dem Teich verblasste und verschwand. »Entweder sie haben Verstärkung erhalten«, sagte sie entgeistert, »oder das ist eine fremde Familie.«

*

Im Halbschlaf reagierte Rhodan auf das Summen neben seinem Lager. Er war übergangslos wach, beugte sich nach rechts und ertastete das Funkgerät.

»Rhodan hier.«

Das Erste, was er hörte, war ein angespannter Atemzug, dann ein Geräusch, das klang wie ein Plätschern.

»Ich bin hier unten am Teich der Trideage«, hörte er Zephyda, mit einer Stimme, die nach Vollalarm klang. »Soeben ist eine Familie von Ozeanischen Orakeln angekommen. Vor meinen Augen. Sie sind in den Teich gefallen und tauchen gerade unter. Aber es sind nicht acht. Es sind zehn.«

Rhodan begriff sofort.

»Warte«, wies er Zephyda an, dann sprach er mitten in die Luft: »Echophage!«

»Was kann ich für dich tun?«, gab der Bordrechner höflich zurück.

»Was ist eigentlich mit Keg Dellogun?«

Echophage projizierte in Rhodans Kabine ein Holo, das die Kabinen 32, 34, 40 und 41 zeigte. Sie waren als Gemeinschaftsunterkunft über zwei Etagen ausgebaut, die so genannte Höhle. Die unteren Stockwerke waren geflutet und dienten als eine Art Aquarium. Rhodan zählte Dellogun und seine Leute im Holo durch.

»Zephyda? Sie sind alle hier, die zehn bei euch sind tatsächlich Fremde. – Unternehmt nichts, ich bin in zwanzig Minuten bei euch.«

*

Zephyda und Kischmeide hockten am Ufer des Teichs, als er ankam; beide wortlos und weit auseinander.

Beide starrten in die Dunstschwaden über dem Teich – wo für eine Sekunde ein braunfelliges, nasses Etwas aus dem Wasser tauchte.

Rhodan trat leise zwischen die Motana-Frauen. Er legte einen Finger auf die Lippen, nicht sprechen hieß das. Wieder stieg eins der Orakel für Sekunden auf, große blaue Augen, ein fetter Kopf mit dickem Hals, das kräftige Gebiss unter einer knolligen, rüsselartigen Nase.

Das Geschöpf schien zu lächeln. Eindeutig, ein Schota-Magathe.

Schota galten als die Weisen Alten des Sternenozeans. Ursprünglich waren sie hilfreiche Schlichter, Berater und vor allem Wissende gewesen, die per Teleportation von Planet zu Planet reisten. Aber auch sie wurden im Vernichtungskrieg des Verräters Tagg Kharzani zu Opfern. Nach dem Krieg fanden die Versprengten zusammen; auf geheimen Wasserplaneten ließen sie sich nieder, fanden neue Lebensräume, führten ihr Leben unsichtbar.

Und nun erreichte eine zweite Familie Tom Karthay. Ihre Anwesenheit bedeutete eine Sensation.

Rhodan bekam mindestens vier unterschiedliche Individuen zu Gesicht. Drei waren sehr klein und vermutlich Junge. Das vierte Gesicht sah er mehrfach; es gehörte einem älteren Orakel mit schwarzen Barthaaren.

»Lassen wir ihnen ein paar Stunden«, sagte der Terraner schließlich. »Sie müssen von weit her kommen, und der Sprung nach Tom Karthay hat sie viel Kraft gekostet.«

Zephyda meinte: »Bei Keg Dellogun hat es viele Tage ...«

»Warte mal. Moment!«

Die Wasseroberfläche kräuselte sich, in unmittelbarer Nähe zum Ufer. Das Gesicht mit den schwarzen Barthaaren stieg aus dem Wasser hoch, ein lang gestreckter Rücken ... und dann kam immer mehr vom Körper, bis die Hände mit den Schwimmhäuten über dem Wasser schwangen.

Von dem triefend nassen Fell perlte in einem Sturzbach das Wasser ab, das Orakel schwebte über dem Teich und driftete langsam auf Rhodan und die Motana zu.

Seine großen blauen Augen suchten die Gesichter der drei Humanoiden ab. An Rhodan blieb der Blick hängen.

»Mein Name ist Dan Errithi«, sprach das Wesen mit freundlichem Bass. »Du musst Perry Rhodan sein. Der Ritter der Tiefe, der mir geschildert wurde.«

Rhodan drängte die Überraschung zurück. Er kam aus der Hocke hoch und baute sich direkt vor dem Schota auf.

»Jemand muss dir erklärt haben, wie du nach Kimte kommst. Was ein Ritter der Tiefe ist. Wie mein Name lautet.«

»So ist es«, bestätigte das Wesen, »einen solchen Jemand hat es in der Tat gegeben.«

»Wer?«

Keine Antwort.

Rhodan fiel auf, wie erschöpft Dan Errithi klang. Dass er zwischen den Worten sekundenlang pausierte. Errithi schien kaum reden zu können, gleich wie scheinbar mühelos er vor Rhodan in der Luft schwebte. Dass er dennoch die Mühe auf sich nahm, erlaubte Rhodan Schlüsse: Es war Dan Errithi wichtig, dass er zu dem Terraner sprechen konnte. Seine Anwesenheit war alles andere als ein Zufall.

Rhodan versuchte es andersherum: »Warum bist du mit deiner Familie hergekommen?«

Dan Errithi verzog die wulstige Maulpartie zu einer Miene, die einem menschlichen Lächeln entfernt ähnelte. Zugleich gab er ein unterdrücktes Schnaufen von sich, das für menschliche Begriffe einem Stöhnen gleichkam.

»Meine Heimat, Perry Rhodan, ist der Planet Baikhal Cain. Wir wurden jedoch auf eine wichtige Mission ins System Myk abberufen.«

»Nach Mykronoer?«

»Korrekt. In die Heimat des Grauen Autonomen Ka Than. Er war es, der dich und deinen Freund Atlan beschrieben hat. Ka Than bat mich und meine Familie, ihm einen Dienst zu erweisen. Aus diesem Grund bin ich hier. Ich bringe zwei Botschaften. Eine davon stammt vom Grauen Autonomen selbst. Die andere ...«

Dan Errithi verstummte plötzlich. Mehr als zwei Minuten lang hörten sie das Orakel schnaufen, ein qualvoll klingender Ton, mit dem Unterleib schlug Errithi einen Strahl stinkender Flüssigkeit ab. Für Sekunden pendelte er auf und ab, so als habe er nicht die Kraft zum Schweben.

Aber das Wesen fing sich, bevor es einen Grund gab einzugreifen.

»Die andere Botschaft, Perry Rhodan, stammt nicht von Ka Than selbst, sondern von einem Freund. Der Name des Freundes lautet Lotho Keraete.«

Keraete!

Der Bote von ES!

Der Mann aus Metall war für Rhodans und Atlans Anwesenheit im Sternenozean verantwortlich. Er hatte sie auf die Spur des Unheils gesetzt, das der Menschheit aus dem Sternenozean drohte. Doch die Ereignisse hatten Keraete außer Gefecht gesetzt, ehe er eine Chance hatte, ihnen mehr zu erzählen. Erst vor kurzer Zeit hatten sie den Bewusstlosen aus dem Eis Baikhal Cains bergen können – und keine andere Möglichkeit gehabt, als ihn zur Heilung bei Ka Than zu lassen, dem Grauen Autonomen.

Jener Wesenheit unbekannter Machtfülle, die, wie er aus Lyresseas Bericht wusste, mit der Essenz eines Nocturnenstockes gleichzusetzen war ... und die seit jeher niemals ihre Zuflucht in den Nebeln von Mykronoer verließ.

»Keraete ist also wirklich erwacht?«

»Ja«, antwortete Errithi getragen, »das ist er. Lotho Keraete wurde von Ka Than aufgeweckt und über den Stand der Dinge informiert. Der Bote wird jedoch vorerst auf Mykronoer verbleiben; er will dort versuchen, Ka Than aus seiner Isolation zum Handeln zu bewegen. Keraete hofft, dass Ka Than an eurer Seite kämpfen wird. – Wobei, wenn du mich fragst, Ritter ... seine Mühe ist vergebens. Der Autonom wird das niemals tun.«

Rhodan wartete. Doch mehr sagte Errithi nicht.

»Ist das alles?«

»Das ist alles, was ich von Keraete an dich übermitteln soll.«

»Und die zweite Botschaft?«

In Dan Errithis Augen erwachte ein seltsames Glitzern.

»Die zweite Nachricht ist nicht für dich bestimmt, Perry Rhodan. Es handelt sich um eine Botschaft von Ka Than für den Konvent der Majestäten. Ich habe Auftrag, sie vor dem Konvent zu verkünden. Darum sind wir hier.«

*

Zephyda raffte im Schleusendeck eine Plane von dem Hovertrike, das nahe an der Wand verstaut war. An Stelle von Reifen verfügte das Trike über drei Prallfeldprojektoren, als Ersatz für konventionelle Räder. Probeweise aktivierte sie den Antrieb; das Gefährt hob sich mit einem brüllenden Laut zehn Zentimeter über den Boden.

»Bist du da unten?«, dröhnte plötzlich eine Stimme aus dem Schacht.

Sie gab keine Antwort, sondern stellte nur den Antrieb ab. Das Trike setzte mit einem kratzenden Geräusch auf.

Zephyda hörte Schritte nahen, ein unverkennbares Stampfen: Es war Rorkhete, der Shozide.

Seine gedrungene, massive Gestalt rumpelte auf Zephyda zu. Der Helm mit den Federbüschen reichte ihr bis zum Kinn. Alles an Rorkhete wirkte finster und bedrohlich; der Mund war dünn wie ein Schlitz, die Augen blitzten wie zwei katzenhafte Schlitze in der dunklen, unstrukturierten Fläche seines Gesichtes. Tätowierungen überzogen die sichtbare Haut an Hals, Brust und Unterarmen.

Es war die Gestalt eines Kriegers. Eines Einzelkämpfers.

Die Shoziden hatten auf Seiten der Schutzherren gestanden, als vor langer Zeit der Krieg begann. Gebunden durch einen Eid, der nie gebrochen wurde – und der letzten Endes zur Ausrottung der Shoziden führte. Rorkhete war der Letzte seines Volkes.

»Du hast mich gerufen?«

»Ich will dich um einen Gefallen bitten, Rorkhete.«

»Welchen?«

»Ich will hoch in die Feste von Roedergorm. Der Karthog und seine Leute waren beim ersten Mal von dir ziemlich begeistert«, sie warf ihm einen anerkennenden Blick zu, »und das würde ich mir gern zu Nutze machen.«

»Was willst du denn drüben?«

»Ich suche einen Veranstaltungssaal für den Konvent.«

»Verstehe. Klar, ich bin natürlich dabei.« Rorkhete legte das zweite Trike frei und machte es startbereit. »Was ist mit Atlan?«

»Kümmert sich um die Majestäten, die eintreffen. Zu ihm habe ich das meiste Vertrauen. Außerdem schadet es nicht, sie mit unseren Verbündeten zu konfrontieren.«

Beide setzten Schutzbrillen auf, gegen den Staub draußen, und zogen sich Filtertücher über die Münder. Sie fuhren die Pulsatoraggregate hoch, die Trikes hoben vom Boden ab, und Zephyda schrie: »Echophage! Schleuse auf!«

Sie klammerte sich an dem Gestell fest, das die Umlenkfelder des Antriebs ansteuerte, und gab Schub. Rorkhete folgte an ihrem Heck – und glitt in halsbrecherischem Tempo an ihr vorbei.

Das Orkewetter umfing sie wie eine Woge. Zephydas Trike war theoretisch schneller, weil es weniger Last zu tragen hatte. Doch Rorkhete, der einen Sturz nicht fürchtete, drehte bis zum Anschlag auf.

Rasch blieb die SCHWERT hinter ihnen zurück. Kimte war in Sekunden außer Sicht, und sie steuerten mit Orterhilfe auf das Vorgebirge zu, das die Ebene und die Bergmassive trennte.

Aus der Staubwand schälte sich ein erster Schatten: ein Monolith, der mit Markierungen versehen war: Der erste Orientierungsfelsen auf dem Weg zur Feste. Ab sofort stieg das Gelände an.

Zephyda betätigte ein Hornsignal und winkte heftig.

Rorkhete drehte sich zu ihr um, in vollem Tempo, und reduzierte endlich die Geschwindigkeit. Sie hatte kaum noch Kraft, ihren Lenker zu halten.

»Mach langsamer, du Dummkopf!«

Der Sturm ließ nach, je tiefer sie ins Gebirge vordrangen. Gleichzeitig verringerte sich die Dichte des Staubes. Sie nahmen schließlich ihre Atemfilter ab und atmeten frische, kühle Höhenluft.

Drei weitere Markierungspunkte, allesamt umgeben von Wächterhöhlen ... Mächtige Felswände umgaben den Pfad, sie passierten ein letztes Plateau – und blickten auf die Feste von Roedergorm.

Zephyda und der Shozide stoppten ihre Trikes.

Die Festung war groß wie eine Stadt. Das Panorama zog sich von links nach rechts, vom Fuß des Passes bis zum Himmel. Der Komplex bestand aus schwarzem Stein, durchzogen von dunkelroten und rosagrauen Gesimsen; mit Dutzenden Stockwerken bis zum höchsten Aussichtsturm. Wo die Stockwerke in den freien Himmel überhingen, reichten Leitern zum Boden. Treppen und kleine Brücken verbanden die Gebäudeflügel, steil über ihren Köpfen, in Höhe der zehnten und der zwanzigsten Festungsetage.

Zephyda übernahm wiederum die Spitze.

Ein Arsenal von Waffen drohte am Festungstor; finstere Kerle mit riesigen Bogen, Wächter sicherten von den Zinnen, aus den Schießscharten ragten die Führungsschienen der Katapulte.

Aber niemand schoss. In Roedergorm kannte man die Trikes.

Hinter ihnen wurde mit gewaltigen Hebelwerken das nicht minder gewaltige Tor geschlossen.

Zephyda und Rorkhete stellten die Trikes ab. Zwei vermummte Gestalten, deren Gesichter nicht zu erkennen waren, nahmen sie in Empfang.

»Er erwartet euch!«, erklang eine Stimme, rau und feindselig, im Dialekt der Roedergormer. »Folgt uns!«

Sie erklommen eine Treppe, folgten den Vermummten, durch Kriechgänge und prächtige Korridore. Es war dieselbe schockierende Erfahrung wie beim ersten Mal.

Zephyda stammte von Baikhal Cain, aus den Wäldern von Pardahn, einer matriarchalischen Kultur. Bei den Motana herrschten weise Frauen. Planetare Majestäten organisierten die Welten, Lokale Majestäten die Dörfer. Nur nicht in der Feste von Roedergorm: Die Männer lebten hier als Herren, und sie hielten Frauen als Leibeigene.

Zumindest war das so gewesen, bis Zephyda eingetroffen war. Doch jeder Wandel benötigte Zeit, und mit einem Male erschien der Epha-Motana die Idee, nach Roedergorm auszuweichen, plötzlich als hirnrissig und dumm. Auch wenn es ihre eigene war.

Kischmeide hatte völlig Recht. Den Majestäten war die Feste nicht zuzumuten.

Sie presste die Lippen zusammen, sprach kein Wort, und sie blickte schließlich nicht mehr durch die offen stehenden Türen.

Eine eiserne Pforte, kalte Luft verdrängte den Festungsmuff – zwischen Treppen und Gebäudeflügeln lag ein quadratischer Hof.

Im Mittelpunkt ragte zwei Stockwerke hoch eine Statue auf.

Es handelte sich um das Abbild eines annähernd humanoiden Wesens, eine überdimensionale Kutte mit leeren Ärmeln und ohne einen Kopf in der Kapuze. Das Symbol der alten Schutzherren, der legendäre Begründer des Schutzherrenordens. Dieser Ort, sagte die Statue, ist beschützt.

Vor dem Sockel stand ein alter Mann, auf einem Bein und einer Prothese. Statt des gegerbten Leders der Motana trug er einen dunklen Umgang. Es war Corestaar, der Karthog von Roedergorm. Derjenige, der den Bionischen Kreuzern die Todbringer zurückgegeben hatte. Der Gebieter über die Sanftwoge, ein Freund und Verbündeter. Und trotzdem überfiel Zephyda Unbehagen wie beim ersten Mal, als sie diesen Ort betreten hatte. Sie lauschte in sich hinein und stellte fest, dass es nicht mehr ganz so stark war. Ja, auch sie hatte noch zu lernen, so viel stand fest.

Die Vermummten zogen sich zurück. Zephyda hörte die Eisentür schlagen.

*

»Dieses Vergnügen«, äußerte Corestaar mit hallender Stimme, »kommt durchaus unerwartet. Unser Freund, der Shozide! Und unsere Freundin Zephyda. – Was führt euch her?«

Corestaars Blick war trotz des Alters sehr klar, doch Zephyda widerstrebte es, um etwas bitten zu müssen, einen Motana um etwas anzuflehen.

Sie widerstand dem Drang wegzulaufen.

Stattdessen sprach sie beherrscht: »Ich grüße dich, Corestaar. Grüße auch von der Majestät Kischmeide ...«

»Ach was!« Der Karthog grinste. »Als wüsste ich nicht, dass sie mir nach wie vor den Genickbruch an den Hals wünscht!«

Zephyda lachte. Corestaar pflegte eine klare Sprache, und das gefiel ihr.

»Da hast du wohl Recht. Kischmeide ist auch über meine Anwesenheit hier nicht glücklich, aber sie ist darüber informiert. Ich spreche also in gewisser Weise auch für sie.«

»Also, heraus damit!«

»Wir führen in den kommenden Tagen in Kimte den Konvent der Majestäten durch. Meine Bionischen Kreuzer sind seit Wochen unterwegs; sie holen so viele Majestäten wie möglich ab, von möglichst vielen Motana-Welten. Der Konvent soll darüber entscheiden, ob unser Volk sich gegen die Kybb erhebt oder ob wir in Unterdrückung Frieden halten.«

Corestaar stampfte sein Kunstbein auf den Boden. Der Eisenbeschlag auf Stein produzierte einen Ton wie ein Knall.

»Erstaunlich«, ätzte er, »dass das überhaupt noch eine Frage ist. Aber ihr Frauen sucht ja immer den Konsens. Nun gut, höchste Zeit! Ich will nicht kritisieren, was Lob verdient. Ein Konvent findet also statt ... Und du willst den Karthog nun dazu einladen?«

Zephyda sagte schnell: »Keineswegs.«

Corestaars Blick ruckte hoch. »Nicht ...?«

»Du hast nicht den Rang einer Planetaren Majestät inne. Tom Karthay wird von Kischmeide vertreten.«

Corestaar lachte laut. »Kischmeide und ein Aufstand gegen die Kybb? Das soll ein Witz sein!«

»Ich rechne auch nicht damit, dass Kischmeide für den Krieg stimmen wird.«

»Was also willst du? Mich demütigen? Das glaube ich kaum, so gut kenne ich dich.« Sie hielt seinem prüfenden Blick stand.

»Ich rechne damit, dass wir zwei- bis dreihundert Majestäten zusammenbekommen. Aber Kimte hat keinen Versammlungssaal, der die erforderliche Größe besitzt. Ich bitte dich deswegen darum, in deiner Feste einen geeigneten Saal zur Verfügung zu stellen. Die eigentlichen Beratungen des Konvents sollen also hier stattfinden.«

Corestaar grinste mit leuchtenden Augen. »Die Matronen aus Kimte wollen bei uns ihren Konvent abhalten?«

»Ja.«

»Kischmeides Idee war das sicher nicht.«

»Nein.«

»Ich erkläre mich selbstverständlich bereit, für eine geeignete Räumlichkeit zu sorgen ...«

»Aber?«

»... aber wir wissen alle, eure Matronen-Majestät steht nicht für das Volk von Roedergorm. Wenn der Konvent in der Feste stattfindet, fordere ich im Gegenzug eine Vertretung. Ich nehme mit gleichberechtigter Stimme an eurem Konvent teil.«

»Du bist verrückt«, entfuhr es ihr.

Corestaar lehnte sich gegen die gewaltige Statue des Schutzherrn, unter die leere, steinerne Kapuze. Mit einem seufzenden Laut entlastete er die Prothese.

»Der Karthog wird nicht akzeptieren, dass eine Matronen-Majestät für ihn entscheidet.« Er tippte an seine Stirn. »Denn der Karthog hat einen eigenen Kopf, mit dem er denkt! Ich habe den Saal. Es ist also nur gerecht. Tu nicht so, als ob du das nicht gewusst hättest.«

»Dein letztes Wort?«

Mit einem Mal meldete sich Rorkhete zu Wort. »Zephyda!« Das Wort tönte im geschlossenen Innenhof wie ein Gong.

»Was ist?«

»Ich glaube, du verstehst den Karthog nicht richtig.«

Sie blickte verwirrt von einem zum anderen.

Corestaar grinste. »Der Shozide hat es also begriffen, gut, das gefällt mir. Ich erhebe eine Forderung, aber ich stelle keine Bedingung. Das ist ein Unterschied.«

Zephyda schüttelte verwirrt den Kopf. »Nämlich?«

»Eine Bedingung«, erklärte der Karthog, »muss zwingend erfüllt sein, damit ein entsprechendes Ereignis folgt. Eine Forderung nicht. Der Saal für euren Konvent wird also bereitgestellt, gleich ob ich bekomme, was ich will. Beides hängt voneinander nicht ab.«

»Du bist beinahe so klug wie eine Frau, Karthog.«

Corestaar grinste. »Ich nehme es nicht als Beleidigung. Also – wir sehen uns dann hier in ... wie viel Tagen?«

*

Kischmeide betrat mit einem flauen Gefühl die Kammer, tief im Stummen Gürtel, in die man sie gebeten hatte.

Überall ringsum waren Majestäten untergebracht, von den fernen Welten des Sternenozeans.

Das Innere der Kammer lag im Halbdunkel. In die süße schwere Luft Tom Karthays mischten sich fremde Aromen, besonders eines: das der Bewohnerin dieser Kammer, Ani Orthun, bitter und fremd.

Sieben Majestäten blickten Kischmeide an. Ani Orthun war eine von ihnen; die ausgemergelte, kleine Gestalt, die mit überkreuzten Beinen am Boden hockte.

Die größte der sieben, die auffallend hochgewachsene Tordhene, erhob sich stattdessen und schob hinter Kischmeide sorgfältig den Vorhang zu.

»Hat dich jemand kommen sehen?«, fuhr Tordhene sie in nasal klingendem Jamisch an.

Kischmeide musterte die andere ohne Verständnis. »Kimte ist meine Stadt. Warum sollte es mich kümmern?«

Tordhene starrte mit dem Blick eines Raubvogels auf die kleinere Kischmeide. »Das ist keine Antwort auf meine Frage.«

»Nein«, sagte Kischmeide widerwillig. »Wenn ihr es wissen wollt, niemand sah mich kommen. Warum ist es wichtig?«

Ani Orthun kam plötzlich hoch. So geschmeidig, als stünde sie in der Blüte ihrer Jugend. »Wir haben ein Geheimnis, Majestät Kischmeide. Wir wollen dich ins Vertrauen ziehen, weil wir hoffen, dass du auf unserer Seite stehst.«

Das flaue Gefühl in ihrem Magen verstärkte sich zu Bauchschmerzen. »Ich höre.«

»Dieser Konvent«, trug Ani Orthun mit schwerer Stimme vor, »kommt zusammen, um eine wichtige Entscheidung zu treffen. Der Konvent zeichnet die Zukunft unseres Volkes für Generationen vor. Wir machen jedoch eine Strömung aus, die für die Motana sehr gefährlich ist.«

»Welche Strömung?«

»Zephyda«, sprach Orthun einfach.

»Sie wird keine Mehrheit bekommen, wenn wir uns gegen sie einig sind.«

»Davon sind wir nicht überzeugt. Wer weiß, wie sich dieser Terraner und der Arkonide verhalten? Was ist mit der Schildwache Lyressea?«

»Die Entscheidung«, erinnerte Kischmeide, »wird von Motana getroffen. Nicht von unseren Gästen.«

Keine der sieben Majestäten in der Kammer gab darauf eine Antwort, doch sie alle richteten bleischwere Blicke auf Kischmeide.

»Das war noch nicht alles!«, erriet sie.

Ani Orthun sagte: »Nein. Wir kommen hier zusammen, um in unserem Kreis ebenfalls eine Entscheidung zu treffen. Eine Entscheidung über Zephyda.«

»Die da wäre?«

»Wir sind der Meinung, dass wir Zephyda töten müssen. Und wir hätten dich gern auf unserer Seite, bevor wir es durchführen.«

Kischmeide fühlte aus ihrem Gesicht die Farbe weichen, ihre Fingerspitzen wurden taub, und sie starrte die sieben in der Kammer an, als hätten sie eben Kischmeides eigenes Ende verkündet.

»Ihr seid verrückt ...«, flüsterte sie. Kischmeide war keine Freundin von Zephyda. Aber eine Todfeindin war sie genauso wenig.

Tordhene fingerte nervös an ihrem Lumpenleder. »Es muss sein. Bevor sie unser Volk in den Untergang treibt.«

»Kaum eine Majestät will für den Krieg stimmen. Zephyda hat keine Chance, sich mit ihrer Idee durchzusetzen!«

Tordhene und Ani Orthun starrten sie an, mit einer plötzlichen Intensität, als habe sie sich in eine Verräterin verwandelt. Kischmeide begriff, dass die beiden fest mit ihr gerechnet hatten.

»Heißt das etwa, du willst sie am Leben lassen?«

»Sind wir Motana etwa Mörder geworden?«, blaffte Kischmeide zurück.

»Es wäre kein Mord!«, wehrte sich Ani Orthun kühl. »Sondern eine notwendige Handlung zum Schutz. Eine Hinrichtung, wenn du so willst.«

Eine Weile herrschte Schweigen.

Kischmeide senkte die Stimme, sie starrte mit hypnotischer Schwere die sieben Majestäten an, dann flüsterte sie wie zu Verschwörern: »Hört mir alle gut zu. Es kommt niemals in Frage. Vergesst es und denkt nie wieder dran.«

Tordhene und die anderen senkten die Blicke. Nur nicht Ani Orthun.

*

»Kind in meinen Armen:

Vor Äonen und Äonen ging in der letzten Schlacht die letzte Stellare Majestät der Motana unter. Eine tapfere Frau war sie zweifellos, die Majestät der Sterne, deren Name uns nicht überliefert ist. Doch was zählte die Tapferkeit gegen die Hinterlist der Kyberneten? Seitdem herrscht Dunkelheit im Sternenozean von Jamondi.«

»Hat es denn nie wieder eine Majestät gegeben, Mutter?«

»Oh doch. Planetare Majestäten werden von den Weisen Frauen immer wieder ausgewählt, auf allen Welten der Motana, jedes Jahr. – Eine Stellare Majestät aber, mein Kind, muss dem Volke geboren werden.«

»Wurde denn nie, ich meine ...?«

»Nie.«