Pferden begegnen - Caroline Willer - E-Book

Pferden begegnen E-Book

Caroline Willer

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Beschreibung

"Pferden begegnen" gibt inspirierende Einblicke in die Wahrnehmungswelt der Pferde und in die tiefe Beziehung zwischen Mensch und Pferd. Es ist aber auch ein Ratgeber zur inneren Arbeit an sich selbst. Caroline Willer erzählt dabei liebenswerte Geschichten aus ihrer Vergangenheit und zeigt anhand zahlreicher Übungen viele hilfreiche Methoden auf, die zur Verbesserung der Kommunikation zwischen Reiter und Pferd beitragen. "Pferden begegnen" dient als Wegweiser für ein heilsames und achtsames Leben mit sich selbst und der Natur.

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Seitenzahl: 139

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Caroline Willer

geboren 1972, lebt im bayerischen Landkreis Rosenheim in einer Hofgemeinschaft und arbeitet dort als freiberufliche Therapeutin, Trainerin und Coach.

Aufgewachsen auf dem großelterlichen Ponyhof, sollte sie dieser Ort für ihr restliches Leben prägen. Die Liebe zu den Pferden ist tief in ihr verwurzelt und über die Jahre entwickelte sie eine ganz eigene Methode Pferde und Reiter aus- und weiterzubilden.

Mit ihrer heutigen Expertise leitet sie seit vielen Jahren erfolgreich, neben ihrer Praxis für Psychotherapie, Seminare für Firmen und Privatleute mit verschiedenen Schwerpunkten.

Ihre Ideen, Erfahrungen und Visionen hat sie nun in ihrem ersten Buch „Pferden begegnen“ verarbeitet.

Videos zu den Übungen, Kurstermine und weitere Informationen findet Ihr unter www.caroline-willer.de

Wir freuen uns von Euch zu hören!

Inhalt

Die Worte einer Schülerin

Der Wege sind viele

Der Weg mit Minka - Einfach mit dem Pferd SEIN
Der Weg mit Sultan - In tiefe VERBINDUNG gehen
Der Weg mit Calimero - Der SPIEGEL der Seele
Der Weg mit Fanny - Im EINKLANG schwingen

Mein Herzensanliegen

Danke

Übungsregister

Literaturempfehlung

Die Worte einer Schülerin

von Heidi Heiß

Schon immer war es mir eine Freude, mit Pferden zusammen zu sein, wobei ich mir wieder und wieder dieselbe Frage stellte: „Was genau ist es, dass ich mich dabei so wohl fühle?“ Ist es das Aussteigen aus unserer hektischen und lauten Welt und das Eintauchen in eine andere Welt? Ist es das Spüren dieses warmen, weichen und doch so kraftvollen Körpers unter mir? Oder ist es das Abverlangen höchster Konzentration auf das, was wirklich zählt: nämlich im Hier und Jetzt mit seinen Gedanken und Gefühlen zu sein, da das Pferd jedes noch so abwesende Verhalten spürt und einem sofort widerspiegelt?

All das ist sicherlich für jeden, der sich mit Pferden beschäftigt, unterschiedlich bedeutend. Doch erst als ich Caroline Willer und ihre Arbeit mit den Pferden kennenlernte, wurde mir bewusst, dass es da noch etwas viel Tieferes gibt. Caroline verbindet eine innige Liebe mit ihren Pferden. Zu beobachten, wie diese starken und unabhängigen Tiere sich ihr hingebungsvoll völlig anvertrauen, bewundere ich immer wieder sehr. Diese Bewunderung brachte mich dazu herauszufinden, was diese tiefe Verbindung zwischen ihr und den Pferden ausmacht. Ich war überglücklich, als ich mich wenig später als eine Schülerin von ihr bezeichnen durfte und ihren Unterricht besuchte. In der Anfangsphase arbeiteten wir jedoch nicht an meinen reiterlichen Fähigkeiten, sondern ich musste erstmal eine Basis schaffen, um mich wirklich mit meinem Pferd verbinden zu können. Es ging darum, ein Bewusstsein für die feine Seele der Pferde aufzubauen. Es ist das achtsame Wahrnehmen der Pferdesprache, ihrer feinen, leisen Ausdrucksform, die doch in der Herde so eine entscheidende Rolle einnimmt. Um diesen Schritt zu gehen, brauchte es jedoch erstmal den Weg zu mir selbst. Denn fast alles, was ein Pferd im Zusammensein mit mir zeigt, sind Antworten auf MICH. Mein Verhalten, meine Gefühle, meine Ausdrucksweise aber auch mein Energielevel bestimmen die Reaktionen des Pferdes. Zu erkennen, dass das Pferd nur der Spiegel meines Selbst ist, hat mein Bewusstsein wesentlich erweitert. Doch nicht alles, was es mir spiegelte, wollte ich mir wirklich ansehen. Dabei wurde mir plötzlich bewusst, welche Muskelanspannungen überall in meinem Körper vorhanden sind. Es zeigte sich, wie der Alltag gepaart mit Stress, Hektik und Unruhe mich aus dem inneren Gleichgewicht bringt und wie ich dies auf andere und somit auch auf das Pferd übertrage. All die Glaubenssätze, die mein Verhalten prägten, kamen dadurch zum Vorschein.

Was ist wirklich wichtig im Leben? Was entspricht meinen Vorstellungen? Was frustriert mich? Viele “Muss” und “Soll” führten zu Widerständen und Anspannungen bzw. Verspannungen.

Allmählich stellte ich fest, dass nur durch immer wieder genaues Beobachten und Wahrnehmen des Pferdes und den Rückschluss auf mich selbst ich immer mehr die Reaktion des Pferdes verstehen konnte. Doch dann merkte ich, dass diese Achtsamkeit und dieses Wahrnehmen nicht nur im Umgang mit dem Pferd von entscheidender Bedeutung sind, sondern dass sich dies auf alle anderen Bereiche meines Lebens auswirkte. Das Verhältnis zu meinem Ehemann sowie zu meinen Töchtern wurde entspannter, offener und durch beidseitiges Verständnis wesentlich harmonischer. Die Bindungen formten sich neu, tiefer und ehrlicher. Der tiefe Wunsch von Caroline, die feinen Seelen der Pferde wahrzunehmen und diese Feinheit zu schützen, sowie mein Bedürfnis, dass dieses Wissen mehr in die Welt getragen werden sollte, inspirierte uns, ein Buch darüber zu schreiben.

Dieses Buch möchte ein Bewusstsein schaffen für die Feinheit der Pferde und die Hilfe, die sie uns geben, um uns selbst zu erkennen und uns somit immer enger sowohl mit Pferd als auch mit anderen Menschen verbinden zu können.

„Der Wege sind viele, doch das Ziel ist eins.“

Rumi - persischer Philosoph (1207 - 1273)

Für ein gelungenes und erfüllendes Miteinander zwischen Mensch und Pferd gibt es nicht nur den einen, richtigen Weg. Wege zum Pferd – das sind viele. Diese Wege sind so individuell wie die Menschen und Pferde, die sie beschreiten. Auf ihrer Suche nach einem glücklichen Miteinander sind die „Grundzutaten“ dabei immer gleich: Bedingungslose Bereitschaft sich einzufühlen, sich für die Bedürfnisse des Anderen zu öffnen und in Beziehung zu gehen. Mit dem Pferd haben wir ein Gegenüber, das sehr still kommuniziert, unhörbar und für das ungeübte Auge manchmal unsichtbar.

Wir müssen all unsere Sinne öffnen. Wirklich hinschauen. Aufmerksam hinhören. Aber vor allem: bedingungslos hinspüren. Und wenn sich unsere Fähigkeit zur feinsten Sinneswahrnehmung wieder entfaltet, merken wir, was für einen kompetenten Partner wir an unserer Seite haben. Das Pferd ist ein Begleiter auf unserem Weg zu uns selbst – zu einem ursprünglichen, natürlichen, kraftvollen SEIN in Verbindung mit allem, was uns umgibt.

Dort wo unser menschlicher Verstand an seinen eigenen Individualisierungstendenzen immer wieder hängen bleibt und wir über uns selbst stolpern, wo wir zum Einzelkämpfer werden, weil uns dies scheinbar ein besseres Überleben sichert, genau dort ist das Herdentier Pferd für uns zutiefst heilsam, wohltuend und korrigierend. Es lädt uns in ein Feld des Miteinanders ein. Als Fluchttier kann es sich keine Egomanie und kein Einzelgängertum leisten. Seine Gattung wäre dadurch schon längst ausgestorben. Das Pferd in seinem Wesen selbst lebt, denkt und fühlt miteinander. Immer im Verbund, immer im Interesse aller anderen Herdenmitglieder. Das Leben eines Einzelnen ist nicht das oberste Ziel, es geht um das gemeinsame Überleben aller.

Nur das Überleben der Herde ermöglicht das Überleben des Einzelnen. Dabei gibt es dennoch Individualität: Jedes einzelne Herdenmitglied darf eigene Ideen und persönliche Eigenarten besitzen und es wird respektvoll damit umgegangen, es bereichert das Leben in der Herde. Dabei scheinen die Pferde nie zu vergessen, was wirklich zählt, was wirklich wichtig ist für ein gemeinsames Überleben. Sie scheinen mit einer tiefen Weisheit verbunden, die uns Menschen mit fortschreitender Zivilisation und der Möglichkeit zur Individualisierung abhandengekommen ist. Pferde wissen sich mit allem verbunden: mit ihrer Herde, ihrer Umwelt – den Feinden wie den Freunden – der Natur, den ständig wechselnden Herausforderungen des Wetters und der Jahreszeiten, aber auch dem Leben und dem Sterben. Der Entwicklungsweg der Pferde verlief anders als der der Menschen. Dort wo der Mensch sich, aufgrund seiner Fähigkeiten, gegen die Natur stellen konnte, ihr trotzen und sie überwinden konnte, dort blieb das Pferd zwangsläufig in Verbindung mit der Natur. Es hatte kein Handwerkszeug, um sich darüber zu erheben. So entstanden ganz unterschiedliche Strategien, um mit dem Leben fertig zu werden. Unsere heutigen, modernen Pferde wissen es sicherlich zu schätzen, dass wir ihnen Ställe bauen, regelmäßig Futter und Wasser in gleichbleibender Qualität zur Verfügung stellen und die Möglichkeit haben, bei Schmerzen und Krankheiten einzugreifen. Andererseits können auch wir als “moderne” Menschen genauso von unseren tierischen Gefährten lernen. Durch sie können wir in ein Feld der Verbundenheit eintauchen, spüren wie es sich anfühlt, mit dem Fluss des Lebens zu gehen. Wir lernen, uns ganz dem Leben hinzugeben, lernen, was es bedeutet ruhig unsere Kräfte einzuteilen, und hören gleichzeitig damit auf, uns gegen den Lauf der Dinge zu wehren, die wir nicht ändern können. Pferde zeigen uns einen Weg der Kooperation mit dem großen Ganzen. Dies kann für uns Menschen, die wir es gewohnt sind, uns die Erde untertan zu machen, eine völlig neue Erfahrung und ein tiefes in Frieden kommen mit sich selbst bedeuten.

Zu diesem Buch:

Ursprünglich dachten wir, dieses Werk würde ein Buch für Reiter und Pferdeleute werden, die auf der Suche nach Wegen eines harmonischen Miteinanders sind. Wir dachten an ein Buch für diejenigen, die ihre Pferde besser verstehen und dabei auch wirklich hinschauen wollen, um zu erkennen, warum es an manchen Stellen mit dem Pferd nicht so klappt. Die wissen möchten, warum Probleme entstehen und wie man diese gewaltfrei lösen kann. Inzwischen bekamen wir das Feedback, dass auch Nichtreiter das Buch angeregt gelesen haben und dabei viele Übungen einfach ohne Pferd ausprobieren konnten. Das freut uns natürlich sehr. Denn das Entscheidende ist das Ausprobieren und das Beobachten. Nur durch das aufgeschlossene Ausprobieren der Übungen und des anschließenden Beobachtens erkennt man, ob sich etwas bei einem selbst oder dem Pferd wandelt. Diese Übungen können auch einen Einfluss auf Beziehungen im zwischenmenschlichen Bereich haben.

Dieses Buch ist voll mit Ideen und Übungen, theoretischem Wissen sowie praktischen Beispielen aus meinen Leben mit Pferden. Ich hatte das Glück, auf einem Ponyhof aufzuwachsen und in der 1. Klasse schon zu wissen, dass ich Reitlehrerin werden möchte. Später sollte ich dann einen genialen Ausbildungsplatz haben, wo ich sehr weit ausgebildete Dressurpferde reiten konnte, die mit großem Engagement ihre Arbeit verrichteten. Aber die Zeit meiner Ausbildung war leider zu kurz, um zu lernen, wie ich diesen Grad der Dressurausbildung im Sinne der Pferde erreiche. Und ob diese Art der Reiterei überhaupt wirklich im Sinne der Pferde ist. Unsere Reitschul-Ponys hatten andere Ideen. Sie waren froh, wenn ich ihnen half Balance und Geschicklichkeit zu verbessern und setzten all das, was ihnen diente, sofort selbstständig in der Arbeit mit den Schülern um. Alles was half, den Job besser zu machen, wurde dankend angenommen. Aber wenn ich zu sehr irgendeine Haltung anstrebte, die ihnen nicht dienlich schien oder schmerzhaft war, dann ließen sie ihren Frust entweder an anderen Herdenmitgliedern aus oder an den Kindern im Reitunterricht.

So stellte sich mir unweigerlich die Frage:

Wie wollen Pferde geritten werden? – Wie ist es möglich, in friedlichen Einklang mit dem Pferd zu kommen?

Diese Fragen sollten mich den Rest meines Lebens begleiten. Ich hatte den großen Wunsch und auch den inneren Drang, eine Art und Weise zu entwickeln, Pferde so auszubilden, dass es für sie Sinn ergibt und dass sie dabei auch gerne mitarbeiten. Mir war es ein Herzensanliegen, dass unsere Pferde schmerzfrei ihren Job verrichten können. So lag es auch nahe, unter anderem im Anfängerunterricht die Pferde gebisslos gehen zu lassen. Wir schrieben schon damals unsere Gedanken nieder und nannten es die “DUO-Methode, der partnerschaftliche Reitstil”. Durch unseren konsequenten Fokus auf Fairness, Mitgefühl und artgerechtes Verhalten bekam die Verbindung zu den Pferden immer mehr Tiefe und wir ein immer besseres Verständnis für die wahren Bedürfnisse und Wünsche. Ich war bereit, alles bisher Gelernte in Frage zu stellen, um nach neuen Wegen zu suchen. Im Endeffekt brachte mich dieses wieder “neu Hinschauen” dazu, nur mit sehr wenigen Meinungen dogmatisch zu sein. Es zeigt sich, dass das, was für das eine Pferd gerade richtig ist (z.B. gebissloses Reiten) in einer anderen Situation vielleicht schon wieder ganz anders zu bewerten ist. Plötzlich scheint das Gegenteil (z.B. Reiten mit Gebiß) der pferdefreundlichere Weg. So bleibt nur immer wieder ganz genau hinzuschauen und hinzuspüren, was eben für diesen jetzigen Moment gerade richtig ist. Es bedeutet, nicht zu sehr an vorgeschriebenen Konzepten und Methoden festzuhalten, um einen klaren Blick auf die aktuelle Situation zu haben.

Jede Intervention oder Entscheidung muss zu Mensch und Tier passen. Erst dann fühlt es sich “richtig” und “stimmig” an, wodurch sich dann unweigerlich etwas zutiefst Seelisches entwickelt. Mensch und Pferd schwingen dann miteinander. Schwingen und Schwingung ist in der Reiterei nicht nur ein abstrakter, irgendwie esoterischer Begriff, sondern ganz real und körperlich erfassbar: Der Rücken des Pferdes muss schwingen, damit der Reiter auch bei größeren Bewegungen zum Sitzen kommt, damit das Pferd weich läuft und sich nicht selbst schadet. Damit beim Reiten der Rücken des Pferdes schwingt, muss man zusammen mit dem Pferd in Harmonie kommen. Das ist einerseits ein körperlicher, andererseits aber auch ein psychisch-seelischer Prozess. So brachte mich mein Weg immer mehr auch zu den psychisch-seelischen Aspekten der Arbeit mit den Pferden. Der Fokus ging weg von der reinen Reiterei und dem bloßen Fokus auf Ausbildung, hin zu einem ganzheitlichen voneinander Lernen und miteinander Wachsen. Das ganze Potential der Heilung, das in unserem Arbeiten und Sein mit Pferden steckt, wurde immer deutlicher und wichtiger. Entsprechend ordne ich meine Arbeit auch eher in den Bereich Therapie, Training und Coaching ein, als im klassischen Sinne im Bereich Reitunterricht. Nicht umsonst heißt mein Angebot: Heilsames für Mensch und Pferd.

„Mein Pferd ist mein Spiegel, der meine schlechte und gute Laune unverfälscht wiedergibt. Sieh hinein in die Augen Deines Pferdes, aber erschrecke nicht über die Wahrheit.“

Bent Branderup

Ich hatte das Glück, sehr viele verschiedene Pferde und Menschen in den Händen gehabt zu haben. Über die Jahre hinweg konnte ich beobachten, wie sich Mensch und Pferd auf ihre ganz eigene Art und Weise miteinander entwickeln. In diesem Reifeprozess des Zusammenwachsens entsteht dabei oft eine tiefe seelische Verbundenheit. So werden Reiten und der Umgang mit dem Pferd zu einem Tanz von einer ganz einzigartigen Schönheit. Diesen eigenen Tanz zu entdecken, den Tanz zweier Seelen, und die dadurch entstandene Schönheit zu erkennen und wertzuschätzen, ist nicht nur das Hauptanliegen dieses Buches. Es ist gleichbedeutend auch das elementarste Anliegen in meiner Arbeit. Ich bin gespannt, wo euch die Reise hinträgt und was Ihr erzählen könnt, wenn Ihr euch auf die im Buch beschriebene Art und Weise an die Pferde wendet.

Der Weg mit Minka

Einfach mit dem Pferd SEIN

„Ein Pony müsste man haben!“ sprach mein Opa, als er wieder einmal den riesengroßen Garten seines Hauses in Buchholz mähen musste. Mein Opa war ein Mann der Tat und recht unkonventionell. So hatte er schon bald zwei kleine, dunkelbraune Shetlandponys, die ihm ab diesem Tage bei allen weiteren Mäharbeiten kauend zur Seite standen. Damals in den fünfziger Jahren waren Ponys in Deutschland noch sehr selten. Später kam sogar noch eine Isländer Stute dazu, aus einer sehr guten Zucht. Es hieß, sie sei nicht tragend. Einige Monate später stand ihr Fohlen neben ihr im Stall. Die Pferdeherde wuchs rasch und es entstand über die Jahre ein echter Ponyhof. Diese Idee war allerdings auch dem Grund geschuldet, dass mein Opa nach dem Umzug nach Bayern sehr krank wurde. Meine Oma musste sich daraufh in etwas einfallen lassen, um Geld zu verdienen und ihre drei Töchter mitsamt der Tiere durchzubringen.

Unser Ponyhof enwickelte sich anfangs als Waldcafe mit Kinderreiten, später ein Reitbetrieb und in den Ferien mit Kinderpension. Ich, als Enkelin, hatte das Glück dort inmitten der immer größer werdenden Pferdeherde aufzuwachsen.

Mein erstes Pony hieß Minka. Sie war nur 94 cm groß. Ein kleines und sehr geduldiges, schwarzbraunes Shettystütchen. Schon als kleine Kinder durften wir auf den Pferden sitzen, während sie im Garten grasten. So wuchs ich in einer engen Verbindung mit den Tieren heran. Sie nahmen mich einfach mit in ihr tägliches Leben: Ich saß auf ihnen, wenn sie grasten, saß bei ihnen im Stall, liebte es einzustreuen und zu füttern, teilte mein Eis mit ihnen und war glücklich, einfach mit ihnen zu sein. Versuche sie zu beeinflussen misslangen, denn ich war zu klein. Ich weiß noch genau, wie ich einmal versuchte das weiße Shetty „Idefix“ in den Hals zu beißen, weil er immer nur fraß und ich wollte doch eine Runde um den Longierzirkel reiten. Es war Frühjahr und Fellwechsel, ich glaube, er hat es nicht mal gespürt, aber ich hatte den Mund voller Haare. So habe ich gelernt, dass man Pferde nicht beißt! Ich konnte meinen Willen nur erreichen, wenn ich Kompromisse mit ihnen einging, wenn ich sie dazu brachte, irgendetwas aus einer inneren Motivation heraus zu tun. Es war ein absolutes Miteinander, da ich noch keinerlei Möglichkeiten hatte, sie zu zwingen, wenn sie nicht wollten.

Ur-natürliches Sein

Als Kind war ich also in einer absolut natürlichen Verbindung mit dem Pferd, ich war Teil seiner Welt, Teil seiner Herde. Irgendwie scheint das für uns Erwachsene nicht mehr so einfach zu sein. Doch woran liegt das?

Oft muss ich an den Spruch aus dem Lukasevangelium denken:

Jesus sprach: „Wenn ihr eingehen wollt in ein Himmelreich, müsst ihr werden wie die Kinder!”

(Lukas 18,17)