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Was beschäftigt Pflegekräfte? Unter anderem der geringe Verdienst, die Arbeitszeiten und das Gefühl der Machtlosigkeit. Doch wie lässt sich hier gegensteuern? Wie kann der Weg zu mehr Eigenverantwortung und Selbstbestimmung für Pflegekräfte aussehen? Dieses Buch stellt sie vor: Die Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben, die Altenpflege positiv zu verändern. Es sind Pflegekräfte, die für sich die Reißleine gezogen haben und sich engagieren. Es sind auch Pflegekräfte, die ihren eigenen Arbeitsalltag in die Hand nehmen und sagen "So nicht mehr!" Erfahren Sie mehr über die verschiedenen Akteure, ihre Beweggründe und wie unterschiedlich Veränderung sein kann. Denn dieses Buch will Mut machen, neue Möglichkeiten zu entdecken.
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Veröffentlichungsjahr: 2019
Elisabeth Scharfenberg, Inga Teglas
Pflege ist stark!
Gelebte Ideen und Zukunftsimpulse
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© VINCENTZ NETWORK, Hannover 2019
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Illustration Titelseite: Sonja Kröll, www.mimikro.de Illustrationen: Sonja Kröll, www.mimikro.de
E-Book ISBN: 978-3-74860-006-0
Elisabeth Scharfenberg, Inga Teglas
Pflege ist stark!
Gelebte Ideen und Zukunftsimpulse
Inhalt
Vorwort
Warum dieses Buch?
Danke!
Grußwort von Dr. Eckart von Hirschhausen
Kapitel 1 | Von der Berufung zum Beruf, für den man einsteht:Die Pflegekräfte
Claudia Henrichs – Mutig und selbstbewusst konventionelle Regeln hinterfragen und verändern
Kapitel 2 | Pflege ist Gesicht zeigen
Thomas Agel – Der Altenpflege täte es gut, sich zu organisieren
Kapitel 3 | Pflege neu gestalten:Führungskräfte in der stationären Pflege
Antje Hirt – Vom eigenen Süppchen zum ausgewogenen Menü
Peter Kraus – Wie „Basisdemokratie“ uns zum guten Arbeitgeber machte
Stefanie Görtz – Etwas bewegen statt ein Rädchen sein
Kapitel 4 | Pflege neu gestalten:Führungskräfte in der ambulanten Pflege
Udo Janning – Buurtzorg in Deutschland
Andreas Klein – Pflegebedürftige Menschen wieder zurück in die Gesellschaft holen: mit Quartierspflege-Teams
Moritz Lienert – Unsere Vision: Pflege 2.0
Nathalie Müller – Wir stärken die Pflege, weil unsere Mitarbeitenden ihre Stärken einbringen können
Kapitel 5 | Pflege ist Vielfalt
Stefanie Hederer – Von der Pflegerin zur APN-Beraterin: Mein Weg in die Selbstständigkeit
Birgit Scheller-Küster – „Die Pflege fängt das Denken an“
Gisela Lenz– Alter im Mittelpunkt
Sabrina Loyal – Wenn ich im System zugrunde gehe, muss ich die Reißleine ziehen
Kapitel 6 | Pflege fit machen für die Zukunft Die Auszubildenden
Leonie Emmerich – Pflegeausbildung oder lieber was „Cooles“ machen?
Fabrice Wendt – Mit Kasack in die Politik
Interview mit Wencke Seuberling – Seid unbequem!
Kapitel 7 | Pflege ist gemeinsam stark und geht neue Wege
Team Scharfenberg – Open Space Aktivcamp Pflege
Interview mit Birgit Hansen – Die Pflegekammer macht die Pflege stark
Walk of Care – Den Weg der Pflege in die Zukunft mitgestalten
Pflege in Bewegung – Ist die Altenpflege stark?
Bochumer Bund – Die Pflege braucht eine eigene Gewerkschaft
Kapitel 8 | Starke Pflege – fit für morgen
Giovanni Bruno – Menschlichkeit in der Pflege versus Digitalisierung – ein Gegensatz?
Judith Ebel – Lebenslanges Lernen
Kapitel 9 | Abschlusswort
Über die Autorinnen
Links zu den GastautorInnen
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Buch-Code: AH1104
Vorwort
Pflege ist ein Beruf mit einem hohen Maß an Verantwortung für das Leben anderer Menschen. Pflegekräften ist bewusst, wie entscheidend ihr Einfluss auf das Wohlergehen der Menschen ist, die ihnen anvertraut sind. Doch wenn es um sie selber geht – um ihren Berufsstand, um ihren Arbeitsalltag –, scheinen sie sich oft machtlos zu fühlen, in einer Opferrolle gefangen, während andere – Arbeitgeber, Verbände, Politiker – über ihre Köpfe hinweg entscheiden. Dies zeigt sich auch in der Online-Umfrage „Was beschäftigt Pflegekräfte?“ Dort beklagen Pflegende das ewige Jammern in der Pflege, die Resignation. Sie wünschen sich mehr Eigenverantwortung, mehr Eigenständigkeit, mehr Möglichkeiten, eigene Entscheidungen zu treffen. Doch wie kann der Weg dahin aussehen? Das will dieses Buch beantworten, indem es praktische Beispiele dafür liefert, wie unterschiedliche Akteurinnen und Akteure in der Pflege Veränderungen angestoßen haben, die mehr Selbstbestimmung ermöglichen. Um zu zeigen, dass dies in allen Bereichen der Pflege möglich ist, konzentriert sich jedes Kapitel auf eine bestimmte Gruppe von Akteurinnen und Akteuren.
Warum dieses Buch?
Die Pflege ist stark!
Kürzlich hatten wir ein Gespräch mit einer Bekannten. Sie ist Pflegekraft. Es dauerte gar nicht allzu lange und wir waren mittendrin in den Arbeitsbedingungen der Pflege. Da ging es um die Arbeitszeiten, um den Verdienst, um die Machtlosigkeit der Pflege. Wir waren also im Jammertal der Pflege angekommen.
Wir hörten Sätze wie „Wir können eben nicht streiken. Was sollen denn da unsere Patienten machen? Wer soll die denn dann versorgen?“ Auf unsere Frage, ob sie sich denn im Berufsverband oder bei ver.di engagiere, hörten wir „Ich weiß gar nicht, wann ich das machen sollte …“ und „Das kostet so viel Geld. Das kann ich mir bei meinem Verdienst nicht leisten!“ Es waren Sätze, die wir schon unzählige Male und an so vielen Orten gehört haben. Immer aus dem Mund der Pflege. Übrigens nie aus dem Mund von Ärzten, die ja oft die gleichen Patientinnen und Patienten haben.
Veränderung ist möglich
Wir wollen uns mit diesen Antworten nicht mehr zufriedengeben. Darum haben wir uns auf die Suche gemacht nach Altenpflegekräften, die andere Antworten geben. Die nicht mehr bereit waren und sind, die jetzige Situation in der Pflege weiter so hinzunehmen. Es sind Pflegekräfte, die eine Bewegung gegründet haben, die für sich die Reißleine gezogen und sich selbstständig gemacht haben, die sich bei ver.di oder bei einer Pflegekammer engagieren, die Führung und Verteilung von Verantwortung anders leben. Es sind auch Pflegekräfte, die ihren eigenen Arbeitsalltag in die Hand nehmen und sagen „So nicht mehr!“
Wir sind fündig geworden. Wir haben gemeinsam daraus ein Buch, dieses Buch, entstehen lassen. In unserem Buch „Pflege ist stark!“ erzählen wir von diesen Pflegekräften. Wir fragen nach ihren Beweggründen und ihrem Weg. Wir wollen zeigen, dass es sich lohnt, selbst aktiv zu werden. Dafür lassen wir die Pflege selbst zu Wort kommen. Wir reden nicht über, sondern mit der Pflege. Spannend für uns war, wie unterschiedlich die Beweggründe, der Leidensdruck, die Wege zur Veränderung waren. Und auch, wie unterschiedlich Veränderung sein kann. Am Ende haben wir festgestellt, dass es sich lohnt, die eigene Komfortzone zu verlassen. Für sich selbst und eben auch für die Pflege als Berufsstand. Insofern soll dieses Buch auch Mut machen, den eigenen Weg in der Pflege zu überdenken und neue Möglichkeiten zu entdecken. Denn wer in der Pflege ist, fühlt sich diesem Beruf häufig verbunden, trotz aller Widrigkeiten. Und muss vielleicht nur den richtigen Platz für sich finden.
Wir wären gespannt darauf, eure Geschichte zu erfahren. Bitte schickt uns gerne Nachrichten, kommentiert dieses Buch und eure Gedanken dazu. Hat es Euch Anstoß zu einer Veränderung gegeben? Schreibt uns unter: [email protected].
Viele Spaß und viele neue Erkenntnisse beim Lesen und Entdecken …
Elisabeth Scharfenberg & Inga Teglas
Danke!
Einen ganz großen Dank aussprechen möchten wir all den engagierten Pflegekräften, die uns zu diesem Buch inspiriert haben. Wir haben viele Gespräche geführt, diskutiert, analog und digital.
Uns war es wichtig, über unseren eigenen Tellerrand zu schauen und auch Menschen mit einzubeziehen, die wir noch nicht kannten. Out oft the box! Darum haben wir auf Facebook einen Aufruf gestartet und gefragt, wer Lust hat, uns zu schreiben. Dieser Aufruf hat sich gelohnt.
Vielen Dank an alle, die uns ihre Geschichte erzählt haben und damit Teil dieses Buches wurden:
Thomas Agel, Judith Ebel, Leonie Emmerich, Giovanni Bruno, Stefanie Görtz, Birgit Hansen, Stefanie Hederer, Claudia Henrichs, Antje Hirt, Benjamin Jäger, Udo Janning, Marcus Jogerst-Ratzka, Andreas Klein, Roger Konrad, Peter Kraus, Gisela Lenz, Moritz Lienert, Sabrina Loyal, Nathalie Müller, Birgit Scheller-Küster, Wencke Seuberling, Fabrice Wendt und die Gruppe um Walk of Care.
Es ist uns eine riesige Freude, dass Dr. Eckart von Hirschhausen ein Grußwort verfasst hat.
Bedanken möchten wir uns auch bei unseren Männern Uli Scharfenberg und Markus Teglas. Sie beide und auch unsere Familien haben uns in der Zeit, während wir an diesem Buch arbeiteten, sehr unterstützt.
Wir freuen uns sehr, dass Vincentz Network dieses Buch verlegt.
Grußwort von Dr. Eckart von Hirschhausen
Elisabeth Scharfenberg durfte ich bei einer Veranstaltung zu Humor in der Pflege in Bielefeld kennenlernen. Sofort war spürbar, wie sehr diese Frau für das Thema Pflege brennt und deshalb habe ich gerne zugesagt, ein paar Gedanken beizusteuern. Die Bewegung raus aus der Opferrolle ist längst überfällig. Ich habe in meiner Medizinerausbildung in der Schweiz, in England und den USA gearbeitet und überall gab es in der Pflege einen Stolz auf den eigenen Berufsstand, der hierzulande neu entdeckt werden muss. Bei jedem Bühnenauftritt oder Vortrag erzähle ich, dass meine wichtigste Frage im Nachtdienst nicht war, welcher Oberarzt im Hintergrund Dienst hatte, sondern wer aus der Pflege da war. Mir war sehr klar, dass man als Arzt nichts ohne, aber sehr viel mit der Pflege erreichen kann. Deshalb wundert es mich auch, warum so wenige Ärzte sich öffentlich für die Pflege einsetzen. Und warum es so lange dauert, bis es eine bundesweite Kammer, gemeinsame multidisziplinäre Ausbildungseinheiten, Kommunikations- und Teamtrainings gibt.
Das Thema Pflegenotstand ist inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Weil viele Pflegeschüler bereits während der Ausbildung und den ersten Praktika abbrechen und viele Vollzeitkräfte nach wenigen Jahren das Berufsfeld wechseln, liegt ein neuer Schwerpunkt meiner Stiftung HUMOR HILFT HEILEN in der Arbeit mit Pflegeschulen. In einem Modellprojekt mit zwei Ausbildungsträgern in Münster und Berlin werden Pflegeschüler auf die emotionalen und psychologischen Belastungen in ihrem zukünftigen Beruf besser vorbereitet. Das Curriculum für Pflegeschulen wurde entwickelt und auf die Kernthemen wie Achtsamkeit, Persönlichkeitsbildung, Resilienz und Humor hin vertieft. In Planung ist jetzt eine erste interaktive App, damit die Inhalte in zeitgemäßer Form noch viel mehr Menschen erreichen können. Denn gute und empathische Pflegekräfte brauchen wir heute, und erst recht auch in Zukunft.
Für das, was Pflegekräfte jeden Tag erleben, müssen andere ins Kino! Jeden Tag das pralle Leben. In meiner Zeit im Krankenhaus habe ich gelernt, wie die Stimmung auf Station von einzelnen Menschen und dem Miteinander geprägt wird – in beide Richtungen. Es gibt Naturtalente der guten Laune, die ein Zimmer erhellen, noch bevor sie das Licht angemacht haben. Was uns allen Sorge bereiten sollte: wie in den letzten 20 Jahren mit Pflegekräften umgegangen wird. Durch das Fallpauschalensystem tauchen Zuwendung, kompetente Pflege und Gespräche nur als „Kostenfaktor“ auf, und die „Leistungserbringer“ sind Ärzte, die immer mehr Entscheidungen nicht aus Sicht des Patienten, sondern des Verwaltungsdirektors fällen. Ein totaler Quatsch, der mit der Ethik bricht: mehr zu nutzen als zu schaden. Gerade die Motiviertesten leiden – weniger Stellen, Fluktuation, Dokumentation statt Zuwendung. Das eine sind die Rahmenbedingungen, die sich dringend verbessern müssen. Karl Valentin sagte: Wenn es regnet, freue ich mich, denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch! In diesem Sinn kann man auch in gehobener Stimmung politisch sein!
Das zweite ist die öffentliche und interne Wertschätzung all derer, die nicht nur aushalten, sondern auch die Stimmung hochhalten und mehr tun als sie müssten. Wie die Intensivpflegeschwester in Essen, die für ihren bewusstlosen Patienten ein Tagebuch geführt hat, damit er als er wieder zu sich kam, wusste was jeden Tag los war. Oder die Kinderkrankenschwestern, die mit den Kleinen auf dem Bett getanzt haben und zum YouTube-Hit wurden. Oder die Altenpflegerin, die eine Clownsausbildung machte, damit sie ihre eigene Spontaneität wieder entdecken und einbringen kann.
Clowns im Krankenhaus sind nur ein Teil der Humorarbeit. Auch Pflegekräfte und Ärzte stehen unter enormen Druck. Wie man belastende Dinge loslassen kann, was Stress und Anspannung abbaut und wie ich gut für mich sorge, damit ich auch für andere sorgen kann, das ist alles leider nicht Teil der Ausbildung.
Es geht überhaupt nicht darum, aus Pflegenden Clowns zu machen, oder etwas „vorzuspielen“. Viel eher kommt in den Übungen die eigene Persönlichkeit wieder zum Vorschein, der eigene mitfühlende und beobachtende Draht zum Anderen, das Vertrauen auf die Kraft von Spontaneität in der Begegnung.
Der erste durch HUMOR HILFT HEILEN initiierte Pflegeworkshop fand 2013 in Köln statt. Schnell folgten weitere in zahlreichen bundesweiten Einrichtungen aus den Bereichen Altenpflege, Klinikum, Hospiz- und Palliativversorgung, Seelsorge, so dass wir heute in über 700 Workshops bundesweit bisher mehr als 10.000 Pflegende geschult haben. In kleineren Teams bis 15 Teilnehmern wird geübt, gespielt und reflektiert: Wie gehe ich in Kontakt mit jemandem, was unterscheidet wertschätzenden von ironischem Humor, wie kann ich mit peinlichen Situationen leichter umgehen und wie sorge ich als Pflegekraft so gut für mich, dass ein Lächeln nicht „aufgesetzt“ werden muss, sondern aus mir heraus strahlt?
Das Konzept wurde verfeinert und von dem ursprünglich 3 Stunden-Format ausgeweitet, um auch Tagesseminare und Vertiefungen anzubieten. Die größte Intervention fand in Bielefeld statt, wo über drei Jahre über 3000 Pflegekräfte und andere Mitarbeiter des Evangelischen Johanneswerkes geschult wurden. Das Ganze wurde durch die Universität Zürich wissenschaftlich begleitet. Die Auswertung zeigte: die Workshops wurden als sehr wertvoll und wirkungsvoll wahrgenommen. Der subjektive Stress konnte gesenkt werden und Maßnahmen wie ein Glückstagebuch oder auch das Ritual, sich bei der Übergabe gegenseitig an eine positive Patientenrückmeldung zu erinnern vertieften und ergänzten den Impuls.
Über die Ergebnisse haben wir auf dem Deutschen Pflegetag inzwischen eine eigene Session eingerichtet, in der wir auch über die Weiterentwicklungen regelmäßig berichten. Wenn Sie neugierig geworden sind: Auf www.humor-hilftheilen.de finden Sie Berichte und auch Kontakt, wenn Sie denken, dass könnte auch etwas für Ihre Einrichtung sein.
Welche Kraft treibt eigentlich alle an? Die Heilkraft der herzlichen Begegnung, der Zuwendung und des gemeinsamen Lachens. Denn das Lachen gegen Schmerzen hilft, ist leicht zu beweisen. Hauen Sie sich zweimal mit einem Hammer auf den eigenen Daumen. Einmal alleine, einmal in Gesellschaft. Sie spüren den Unterschied. Allein tut es länger weh, mit anderen kann ich über mein Missgeschick lachen, und der Schmerz lässt nach. Und deshalb sollten Menschen mit Schmerzen nicht alleine sein, und was zu Lachen bekommen. Und das lässt sich trainieren! Denn gute Laune im Team steckt an – auch Bewohner und Patienten. Ganz ehrlich: Wenn ich mal alt bin und Hilfe brauche, möchte ich auch Menschen um mich haben, die gerne in diesem Beruf arbeiten und wissen: „Das Leben hört nicht auf komisch zu sein, wenn wir krank sind. Sowenig wie es aufhört ernst zu sein, wenn wir lachen.“
In diesem Sinne, werden Sie sichtbar, hörbar, engagiert und danke für Ihre Arbeit, Sie werden gebraucht!
Ihr Eckart von Hirschhausen
KAPITEL 1
Von der Berufung zum Beruf, für den man einsteht:
DIE PFLEGEKRÄFTE
Wenn man mit Menschen spricht, die in der Altenpflege arbeiten, spürt man oft die Leidenschaft, die sie für ihren Beruf empfinden. Die Motivation, sich für diesen Bereich zu entscheiden, ist bei vielen getragen von persönlichen Erfahrungen mit dem Alter – mit den eigenen Großeltern oder älteren Nachbarn oder innerhalb eines Praktikums. Wie bei anderen sozialen Berufen auch steht dahinter die Überzeugung, dass diese Tätigkeit einem höheren Zweck dient, dass sie sinnstiftend ist. In der Online-Umfrage „Was beschäftigt Pflegekräfte?“ (Elisabeth Scharfenberg 2016) gaben 85 Prozent der rund 4500 befragten Pflegerinnen und Pfleger an, stolz zu sein auf ihren Beruf. Sie haben ihn ergriffen, weil sie Menschen helfen wollten und weil sie es für wichtig halten, dass alte Menschen in unserer Gesellschaft einen schönen Lebensabend verbringen können. Sie erleben, dass sie unmittelbar Einfluss auf das Wohlbefinden eines anderen Menschen haben. Das motiviert sie, einen oft harten Arbeitsalltag durchzustehen.
In meiner Arbeit geht es immer zuerst um die
innere Haltung, die Überzeugungen und
Einstellungen. Denn sie prägen unsere Sprache.
Claudia Henrichs
Man sollte meinen, dass mit dieser Überzeugung vom Wert der eigenen Tätigkeit auch ein großes Selbstbewusstsein einhergeht. Doch oft genug fehlt es genau daran. In den Antworten zu unterschiedlichen Fragestellungen fiel immer wieder der Begriff „Wertschätzung“. Pflegende beklagten, dass es sowohl vonseiten ihres Arbeitgebers als auch von Politik, Medien und der Öffentlichkeit zu wenig Wertschätzung für die pflegenden Berufe gibt. Wo die Anerkennung fehlt, fällt es schwer, den eigenen Wert zu spüren.
Vielleicht ist dies der Grund, warum Pflegekräfte sich oft machtlos fühlen. In dem Bewusstsein, dass ihre Tätigkeit nicht angemessen bezahlt wird und gefühlt nur dann sichtbar wird, wenn es um Skandale geht, verkriechen sich viele in einer Position der Resignation. Die Entscheidungen treffen ja sowieso andere und der eigene Einfluss wird als nichtexistent betrachtet. Gestresst vom Alltag fehlt oft die Kraft, sich aufzuraffen und selbstbewusst einzufordern, was einem zusteht.
Dabei gibt es diese Anregungen durchaus. In der Umfrage kam oft der Wunsch nach mehr Eigenständigkeit:
• „Eigenverantwortung statt ständige Dienstanweisungen und Vorschriften, die keiner umsetzen kann“
• „eigenständige Stellung der Pflegepersonen mit Entscheidungskompetenzen“
• „Abschaffung der hierarchischen Strukturen“
• „Empowerment“
• „Endlich mit dem ständigen Gejammer aufzuhören und lösungsorientierte Ansätze zu verfolgen“
• „Kreatives Miteinander aller Ebenen, (Auflösung von Macht- und Ohnmachtsverhältnis) zum Wohl pflegebedürftiger Menschen.
Wir müssen nicht darüber reden, dass die Situation in der Pflege und die Arbeitsbedingungen katastrophal sind. Und ja – auf pflegepolitische Entscheidungen, auf die Gesetzgebung – hat der Einzelne nur einen begrenzten Einfluss. Das wiederum bedeutet aber nicht, dass es unmöglich wäre, vor Ort am eigenen Arbeitsplatz Einfluss zu nehmen. Dafür gilt es aber, den eigenen Handlungsspielraum zu entdecken – oder, für Führungskräfte: den eigenen Mitarbeitenden diesen Handlungsspielraum zu gewähren.
Wenn also der Wunsch nach mehr Eigenständigkeit, nach aktivem Sich-Einbringen besteht: Was hindert Pflegekräfte daran? Steht ihnen hier ihr Selbstbild im Weg? Sie können in ihrem Bereich von Vorgesetzten mehr Verantwortung einfordern. Sie können versuchen, Veränderungen im System anzustoßen und in ihrer Einrichtung etwas bewegen. Doch vielleicht müssen sie zunächst ihre Haltung hinterfragen, mit der sie in Gespräche gehen. Wie diese Haltung die Sprache und das eigene Auftreten beeinflusst, damit befasst sich Kommunikationsexpertin Claudia Henrichs. Sie berät Menschen im ambulanten Pflegedienst dabei, wie sie miteinander und mit ihren Kunden kommunizieren. Und sie hat eine klare Botschaft an jede Teilnehmerin und jeden Teilnehmer ihrer Workshops: „Du bist wertvoll.“
CLAUDIA HENRICHS ……………………………
Mutig und selbstbewusst konventionelle Regeln hinterfragen und verändern
Wir brauchen wirkungsvolle Kommunikation
Wenn Pflegebedürftige und ihre Angehörigen sich an einen ambulanten Pflegedienst wenden, fällt es ihnen häufig schwer zu verstehen, welche Leistungen sie in Anspruch nehmen können und welche Vorteile sie davon haben – nicht zuletzt wegen der oft komplizierten Pflegefachsprache. Mir ist es ein Anliegen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im ambulanten Pflegedienst dabei zu unterstützen, ihre Leistungen verständlich zu kommunizieren. Es grenzt für mich an Körperverletzung, mit Angehörigen nicht über deren Ansprüche zu reden, aus dem Gefühl heraus, Leistungen anzubieten gehöre nicht zum Berufsbild. Die Aufgabe von Pflegediensten, die Beratung ernstzunehmen, ist es, ihre Pflegekunden zu befähigen, eine gute Entscheidung zu treffen. Und genau dafür braucht es wirkungsvolle Kommunikation.
Und das ist genau mein Thema: wirkungsvolle Kommunikation, damit Beraten, Verkaufen und Führen leichter gelingt.
Wir alle nutzen unsere Sprache eher intuitiv und unbewusst. Einerseits ist das auch gut so, denn wir würden ja nicht von der Stelle kommen, wenn jedes Wort, das unsere Lippen verlässt, vorher bewusst geprüft werden würde. Andererseits produzieren wir mit unserer Sprache Missverständnisse am laufenden Band. Wie oft hören wir Aussagen wie: „Das hatten wir so nicht besprochen!“ oder „Daran kann ich mich nicht erinnern!“ oder „Das habe ich anders verstanden!“
Eines meiner Lieblingssprichwörter von George Bernard Shaw beschreibt diesen Zustand treffend: „Das Problem bei der Kommunikation ist die Illusion, dass sie stattfindet!“
Was wollen wir mit unserer Sprache be-wirken?
Wir sprechen vom ersten Moment unseres Lebens an. Als Neugeborenes sagen wir mit unserem Schreien: „Mach mich sauber, halt mich warm, zieh mir etwas an, gib mir etwas zu essen, hab mich lieb!“ Glasklare Appelle an unsere Umwelt. Immer, wenn wir als Erwachsene sprechen, wollen wir ebenfalls etwas bei anderen Menschen bewirken. Wir möchten, dass unsere Gesprächspartner uns für klug, sympathisch und kompetent halten. Wir wünschen uns deren Zustimmung zu unseren Ideen, Bitten, Angeboten oder Vorschlägen.
Nun sind schöne Sprachformeln noch keine Garantie dafür, dass dies gelingt. Im Gegenteil. Manchmal wirken geschliffene wohlformulierte Sätze antrainiert, aufgesetzt und sind völlig wirkungslos.
Claudia Henrichs
ist Expertin mit Herz für wirkungsvolle Kommunikation im ambulanten Pflegedienst. Sie unterstützt Leitungskräfte sowie Beratungsmitarbeiter und -mitarbeiterinnen dabei, ihre Sprache zielführend einzusetzen, ohne dass sie dabei ihre Individualität verlieren. Leichter beraten, verkaufen und führen, das ist ihr Ziel. Als selbstständige Beraterin und Trainerin teilt sie ihr Wissen in Workshops und Vorträgen vor Ort, aber auch in den sozialen Medien, in ihrem Podcast und mit Onlinekursen und -coachings. Ihr Berufsweg führte sie von der Versicherungskauffrau über die Erwachsenenbildung zur Vertriebstrainerin. Nebenberuflich studierte sie Diplompädagogik. Mit 42 Jahren machte sie sich als Unternehmensberaterin für Persönlichkeitsentwicklung selbstständig.
Auf die innere Haltung kommt es an
Von dem Philosophen Sokrates, der knapp 400 Jahre vor Christi Geburt gelebt hat, ist folgendes Zitat überliefert: „Sprich, damit ich Dich sehe!“ Sollte es nicht besser heißen: „Sprich, damit ich Dich höre?“ Nein, es geht darum, dass wir Menschen immer auf der Basis unserer persönlichen Sammlung von Grundüberzeugungen, Glaubenssätzen oder Prinzipien sprechen. Im Englischen sagt man „Mindset“ dazu.
Deshalb geht es in meiner Arbeit immer zuerst um die innere Haltung, die Überzeugungen und Einstellungen. Und zwar zu uns und unseren Schwächen und Stärken, zu der jeweiligen Situation, zur Aufgabe, zu Pflegebedürftigen, Angehörigen, Kolleg/innen und den Zielen des Unternehmens. Unser Mindset prägt die Wirksamkeit unserer Sprache.
Es ist ein Unterschied und es hat Auswirkungen auf Sprache und Motivation, ob man zum Ziel hat …
» … Pflegegrade auszuschöpfen, statt Pflegekunden zu befähigen, ihre Ansprüche wahrzunehmen.
» … Pflegebesuche in 15 Minuten zu absolvieren, statt kontinuierliche Beratung auf dem Weg in die Zukunft zu bieten.
» … Dienstbesprechungen als Infoveranstaltung, statt als Diskussions- und Ideenplattform zu nutzen.
» … Pflegekunden zu versorgen, statt es ihnen zu ermöglichen so lange, so sicher und so selbstständig wie möglich ihr Zuhause genießen zu können.
» … heimliche Leistungen anzuprangern, statt gemeinsam zu bearbeiten, wie diese in vertragliche Angebote umgewandelt werden können.
» … permanenten Personalmangel zu verwalten, statt das WOFÜR des Pflegedienstes in bildhafter Sprache lebendig werden zu lassen.
Nur wer Klarheit über sein Mindset gewonnen hat, kann gezielt kommunizieren.
Frauen machen die Pflege stark!
Der Pflegeberuf ist eine Frauendomäne. Laut einer Veröffentlichung des Bundesgesundheitsministeriums sind mehr als 85 % aller Beschäftigten in der Pflege weiblich. Aufgrund ihrer Sozialisation leider auch oft ohne Berücksichtigung ihrer eigenen Bedürfnisse und im Verhältnis zu ihren Kompetenzen und Fähigkeiten mit zu wenig Selbstwertgefühl.
Viele kompetente, starke und empathische Frauen fühlen sich machtlos, wenn Arbeitgeber, Verbände und Politiker über ihre Köpfe hinweg entscheiden. Das gleichzeitige Bewältigen von Beruf (oft Teilzeitarbeit), eigener Familie und zunehmend auch der Pflege von Eltern und Schwiegereltern lässt kaum Raum für das Initiieren von Veränderungen.
Je häufiger Menschen die Erfahrung machen, dass sie organisiert und verwaltet werden, desto seltener bringen sie den Mut auf, sich als Entdecker und Gestalter ihres eigenen Lebens auf den Weg zu machen. Wie die Pflegedienstleitung, von der verlangt wurde, mit einem Computer aus den 70er Jahren komplexe wirtschaftliche Berechnungen anzustellen, und die sich nicht traute, einen neuen Computer zu fordern oder die Berechnungen sein zu lassen.
Wer alte Muster durchbrechen will, braucht Vertrauen in sich selbst, in seine Fähigkeiten, Erfahrungen und das eigene Wissen.
Selbstbewusst konventionelle Regeln hinterfragen und verändern
