Pflegebedürftigkeit - Anja Palesch - E-Book

Pflegebedürftigkeit E-Book

Anja Palesch

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Beschreibung

In Deutschland werden derzeit über 2 Millionen Pflegebedürftige in der Häuslichkeit versorgt. Das stellt Angehörige vor besondere Herausforderungen. Dazu gehört auch, sich in einem Dschungel aus Informationen zurechtzufinden. Dieses Buch erläutert die aktuellen gesetzlichen Ansprüche und begleitet durch alle Bereiche der Versorgung, von der Antragstellung bis zur Vorsorgevollmacht. Es bietet zahlreiche praktische Tipps, z. B. Hinweise für die Einrichtung eines Pflegezimmers, für die Altenheimsuche und zu gängigen Hilfsmitteln. Wichtige Begriffe, wie die Unterschiede alternativer Wohnformen, die Familienpflegezeit und die palliative Pflege werden erläutert und nützliche Adressen, Links und Anlaufstellen genannt. Wenn die Pflege eines Angehörigen ansteht oder Entlastung bereits dringend benötigt wird, kann das Buch optimale Unterstützung liefern.

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Seitenzahl: 185

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Die Autorin

 

 

Anja Palesch, examinierte Krankenschwester, Diplom-Pflegewissenschaftlerin (FH), Qualitätsmanagementbeauftragte (TÜV), Ehrenamtskoordinatorin, 15 Jahre Erfahrung in der Ambulanten Pflegeberatung, langjährige Teamleiterin bei COMPASS Private Pflegeberatung GmbH, derzeit freiberuflich tätig als systemischer Coach/Supervisorin und als Dozentin bei verschiedenen Bildungsträgern, auch mit dem Schwerpunkt Pflegeberatung.

E Mail: [email protected]

Homepage: www.anja-palesch.de

Anja Palesch

Pflegebedürftigkeit

Ein Leitfaden für pflegende Angehörige

Verlag W. Kohlhammer

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen in diesem Buch berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese von jedermann frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.

Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.

Piktogramme

 

    Tipp

  Beispiel

Privatversichert

       Wichtig

Tipp im Internet

 

1. Auflage 2019

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-035585-9

E-Book-Formate:

pdf:     ISBN 978-3-17-035586-6

epub:  ISBN 978-3-17-035587-3

mobi:  ISBN 978-3-17-035588-0

Für den Inhalt abgedruckter oder verlinkter Websites ist ausschließlich der jeweilige Betreiber verantwortlich. Die W. Kohlhammer GmbH hat keinen Einfluss auf die verknüpften Seiten und übernimmt hierfür keinerlei Haftung.

Vorwort

 

 

 

»Jedes Gespräch ist ein Fenster in die Seele des Anderen«

(Herbert Madinger)

Dieses Buch widme ich Ihnen, den pflegenden Angehörigen. Den Menschen, die sich für Angehörige, Nachbarn und Freunde Zeit nehmen und bei Hilfe- und Pflegebedürftigkeit zur Stelle sind.

Ich habe durch meine Arbeit als examinierte Krankenschwester im Krankenhaus, im Altenwohnheim, in einer Behinderteneinrichtung und nach dem Studium in der Pflegeberatung eine Vielzahl von pflegenden Angehörigen kennen gelernt. Dazu kommen noch meine privaten Erfahrungen sowie Eindrücke aus vielen Gesprächen mit Kollegen, Familienangehörigen und Freunden. Diese Erfahrungen haben dazu beigetragen, dass ich dieses Buch geschrieben habe.

Ich möchte hiermit meine Hochachtung und meine Wertschätzung für alle pflegenden Angehörigen ausdrücken. Was von Ihnen geleistet wird, täglich, in vielen hunderttausend Wohnungen und Häusern, meist unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit, ist sehr bemerkenswert. Auch den pflegenden Angehörigen, die ihre Pflegebedürftigen mit Unterstützung von Dienstleistern und in stationären Einrichtungen versorgen, möchte ich meine Hochachtung ausdrücken. Der Schritt, Entlastung anzunehmen oder teilweise sogar die Verantwortung abzugeben, ist ganz sicher für viele sehr schwer. Ich bitte um Verständnis, dass die Aktualität der Adressen in diesem Buch auf dem aktuellen Stand bei Redaktionsschluss ist. Trotz sorgfältiger Arbeit kann es sein, dass diese dann später überholt sind.

 

Anja Palesch

Velen, Februar 2019

Für Patrizia und Dennis

Inhalt

 

 

 

Vorwort

Einleitung

1 Die Pflege eines Angehörigen – eine ganz besondere Erfahrung

2 Was Sie bei der Vorbereitung auf die Pflege zu Hause beachten sollten

2.1 Die Einweisung ins Krankenhaus

2.2 Die Entlassung aus dem Krankenhaus

2.3 Das Pflegezimmer

2.4 Die Pflegeschulung

3 Was Sie zur Pflege- und Krankenversicherung wissen sollten

3.1 Leistungen der Krankenversicherung

3.2 Leistungen der Pflegeversicherung

4 Was Sie zur sozialen Versicherung und zur privaten Versicherung wissen sollten

5 Was Sie zur Einstufung in die Pflegeversicherung wissen sollten

5.1 Die fünf Pflegegrade

5.2 Die Einstufung in einen Pflegegrad

5.3 Die Einstufung in einen Pflegegrad bei Kindern

5.4 Was Sie zum Pflegetagebuch/Pflegeprotokoll wissen sollten

6 Was Sie zum Verfahren der Begutachtung wissen sollten

6.1 Beantragen eines Pflegegrades

6.2 Vorbereitung der Begutachtung

6.3 Widerspruch einlegen

7 Welche Leistungen der Pflegeversicherung Sie kennen sollten

7.1 Pflegegeldleistungen

7.2 Pflegesachleistungen

7.3 Kombinationsleistung

7.4 Entlastungsleistungen

7.5 Tagespflege

7.6 Verhinderungs-/Ersatzpflege

7.7 Kurzzeitpflege

7.8 Poolen von Leistungen

8 Was Sie über Hilfsmittel wissen sollten

8.1 Hilfsmittel als Leistung der Krankenversicherung

8.2 Hilfsmittel als Leistung der Pflegeversicherung

8.3 Pflegehilfsmittel, die zum Verbrauch bestimmt sind

8.4 Technische Pflegehilfsmittel

8.5 Häufig benötigte Pflegehilfsmittel

9 Was Sie über das Personenrufsystem als besonderes technisches Hilfsmittel wissen sollten

10 Hilfsmittel für Senioren, die den Alltag erleichtern können

11 Welche Tipps und Hinweise Sie zudem kennen sollten

12 Welche Maßnahmen zur Verbesserung des Wohnumfeldes Sie kennen sollten

13 Welche weiteren Entlastungsangebote Sie kennen sollten

13.1 Versorgung rund um die Uhr

13.2 Minijob – der Pflegebedürftige als Arbeitgeber?

13.3 Einsatz einer Einzelpflegekraft

14 Wohnformen im Alter

14.1 Stationäre Pflege

14.2 Wohngemeinschaften

14.3 Mehrgenerationenhäuser

14.4 Betreutes Wohnen

15 Was Sie wissen sollten, wenn Ihr Angehöriger demenziell verändert ist

15.1 Die Krankheit verstehen

15.2 Die wichtigsten Formen der Demenz

15.3 Diagnose und Behandlung

15.4 Stadien der Demenzerkrankungen

15.5 Wohntipps für demenziell veränderte Menschen

16 Was Sie zur Versorgung Ihres Angehörigen in der letzten Lebensphase wissen sollten

17 Was steht Ihnen als pflegender Angehöriger zu?

17.1 Soziale Absicherung der Pflegeperson

17.2 Unfallversicherung für pflegende Angehörige

18 Wenn Sie die Pflege und den Beruf miteinander vereinbaren möchten

18.1 Kurzzeitige Arbeitsverhinderung

18.2 Das Pflegezeitgesetz

18.3 Die Familienpflegezeit

19 Als pflegender Angehöriger sollten Sie auch auf sich selbst achten

20 Welche Informationen sonst noch hilfreich für Sie sein könnten

20.1 Pflegeberatung nutzen

20.2 Unterschiede von Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht und gesetzlicher Betreuung

20.3 Leistungen nach SGB XII (Sozialhilfe/Hilfe zur Pflege)

20.4 Leistungen nach SGB IX (Schwerbehindertenrecht)

20.5 Selbsthilfegruppen – spezielle Unterstützung auch für pflegende Angehörige

20.6 Wichtige Anlaufstellen

20.7 Wichtige Adressen zum Thema Schmerzen

20.8 Adressen der Medizinischen Dienste der Krankenversicherungen

20.9 Weitere Kontaktadressen

Literatur

Literaturtipps zum Thema Demenz

Abbildungsnachweis

Stichwortverzeichnis

Einleitung

 

 

 

In diesem Buch betrachte ich das Thema Pflegebedürftigkeit aus der Perspektive der pflegenden Angehörigen. Ich möchte damit Ihnen, allen Laienpflegekräften und Angehörigen von Pflegebedürftigen, Mut machen und viele Tipps zur Unterstützung bieten.

Zunächst werde ich auf die schwierige und auch bereichernde Rolle der Pflegenden zu Hause eingehen. Dann werden die gesetzlichen Grundlagen (z. B. Wie bekommt mein Angehöriger einen Pflegegrad?) dargestellt.

Da die Schwierigkeiten aber nicht nur im Erlangen eines Pflegegrades liegen, sondern vor allem im Alltag der Pflegenden lauern, erläutere ich auch die gesetzlichen Ansprüche und die vielen Möglichkeiten zur Entlastung bei der Pflege zu Hause. Dabei werden alle gesetzlichen Regelungen bis Ende 2018 berücksichtigt.

Manchmal stellt sich die Frage, wo der Pflegebedürftige am besten untergebracht wird. Zu Hause, im Altenwohnheim, im Betreuten Wohnen oder doch besser in einer Wohngemeinschaft? Auch diesen Fragestellungen wird in diesem Buch auf den Grund gegangen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt bei der Versorgung von Pflegebedürftigen in der Häuslichkeit ist der sinnvolle Einsatz von Hilfsmitteln. Daher werden in diesem Buch auch Fragen rund um Hilfsmittel angesprochen, die häufig in der Häuslichkeit genutzt werden.

Es gibt auch noch weitere besondere Herausforderungen bei der Versorgung zu Hause, z. B. durch eine Demenz oder in der letzten Lebensphase. In diesem Buch werden die Begrifflichkeiten genannt und die Unterschiede erklärt. Viele von Ihnen möchten den Beruf und die Pflege des Angehörigen vereinbaren. Dazu gibt es sehr unterschiedliche Möglichkeiten, die der Gesetzgeber in den letzten Jahren auf den Weg gebracht hat. Beispielsweise wird der Unterschied zwischen »Pflegezeit« und »Familienpflegezeit« erläutert.

Für einen besseren Lesefluss wird auf die geschlechtsspezifische Nennung verzichtet, wobei jedoch beide Geschlechter damit angesprochen werden sollen.

Wie in jeder Neuerscheinung wird es auch in diesem Buch Möglichkeiten der Verbesserung geben. Bitte teilen Sie mir bzw. dem Verlag Ihre Meinung, Ihre Verbesserungsvorschläge und auch Ihre Wünsche mit. Sie erreichen mich per Mail: [email protected]

Ich freue mich auf eine große Resonanz und wünsche mir, dass dieses Buch eine gute Stütze in Ihrem Pflegealltag wird.

1          Die Pflege eines Angehörigen – eine ganz besondere Erfahrung

 

 

 

Die Pflege eines Angehörigen stellt immer eine besondere Herausforderung im Leben aller Betroffenen dar. Der Zustand kann plötzlich eintreten (z. B. als Folge eines Schlaganfalls) oder ein schleichender Prozess sein.

Manchmal muss der Pflegebedürftige seine Selbstständigkeit schrittweise aufgeben. Er muss lernen, selbst mehr Hilfe anzunehmen und um Hilfe zu bitten. Er muss lernen, nun anderen Menschen zu vertrauen und Geduld beweisen. Er muss nun vielleicht Bedürfnisse offenbaren, die ihm peinlich sind.

Die Entscheidung, die Versorgung und Pflege eines Angehörigen ganz oder teilweise zu übernehmen, verdient Respekt und Anerkennung. Trotzdem sollte diese Entscheidung gut überdacht werden. Die Pflegesituation kann über viele Jahre andauern.

Pflegende Angehörige haben der Autorin oft berichtet, wie traurig sie sind, die letzten Lebensjahre nicht wie geplant mit interessanten Reisen oder schönen Beschäftigungen auszufüllen, sondern mit der Pflege des Partners. Es ist oft nicht nur für den Betroffenen, sondern auch für sein Umfeld eine große Herausforderung, die Pflegesituation anzunehmen.

Besonders schwer ist es für Mütter, die ihre (schon erwachsenen) Kinder pflegen müssen. Auf der anderen Seite hat die Autorin auch viele Kinder erlebt, die ihre Eltern viele Jahre hingebungsvoll pflegten. Die dabei oft zu Tage tretende tiefe Dankbarkeit und gegenseitige Liebe ist bewunderns- und auch ein wenig beneidenswert.

Eine außergewöhnliche Belastung entsteht, wenn ein minderjähriges Kind (oder mehrere minderjährige Kinder) ein Elternteil pflegen müssen, da der andere Elternteil andere Wege gegangen ist.

Die Beziehungen zwischen den Akteuren in einer Pflegesituation verändern sich. Die Grundlagen für Unterstützung und Vertrauen werden jedoch meist schon vor der Pflegesituation gelegt. Wichtig ist, dass vom Pflegebedürftigen und vom Pflegenden die Pflegesituation angenommen wird und beide damit einverstanden sind. Es gibt vor der Übernahme der Pflege und Versorgung einige Aspekte zu bedenken:

•  Warum möchten Sie diese Aufgabe übernehmen? Ist es vielleicht aus Pflichtgefühl, der Wunsch zu helfen, Dankbarkeit, die Vermeidung von Schuldgefühlen oder aus Verbundenheit und Liebe? Oder sind die Meinungen anderer, das gute Gefühl gebraucht zu werden, Mitleid, Nächstenliebe oder finanzielle Aspekte ausschlaggebend für diese Entscheidung? Oder gibt es vielleicht gerade keine andere Möglichkeit, z. B. weil kein Platz in einer Pflegeeinrichtung zur Verfügung steht?

•  Sind Sie bereit, den Pflegebedürftigen auch über einen längeren Zeitraum zu unterstützen und zu versorgen? Können Sie sich diese enge Beziehung/Abhängigkeit tatsächlich gut vorstellen?

•  Sind Sie (auch gesundheitlich) in der Lage, diesen körperlich (und ggf. auch geistig) geschwächten Menschen über längere Zeit zu versorgen und damit die Verantwortung für Sie beide zu übernehmen? Trauen Sie sich zu, diese tiefgreifende Umstellung in Ihrem Leben, verbunden vielleicht auch mit Lebenskrisen, zu bewältigen?

•  Gibt es jemanden, der Ihnen helfen kann, bzw. an welchen Stellen benötigen Sie Unterstützung?

Um diese Fragen zu beantworten, sollten Sie auch in die Vergangenheit schauen:

•  War die Beziehung in der Vergangenheit so, dass Sie sich diese Aufgabe gut vorstellen können?

•  Wie stand der Pflegebedürftige früher zu Ihnen?

•  Hatten Sie zu dem Pflegebedürftigen immer, noch bis heute, ein gutes Verhältnis? Oder spüren Sie (innere) Widerstände, gar Ablehnung?

Wichtig ist auch zu klären, wie der Pflegebedürftige seine Situation selbst sieht:

•  Kann er die Situation annehmen oder macht er andere dafür verantwortlich?

•  Wie reagiert er auf das Angebot, dass Sie ihn pflegen wollen?

•  Ist er dankbar oder eher fordernd?

•  Kann er seine Lebenssituation noch richtig einschätzen oder ist er manchmal verwirrt?

•  Wie kommen Sie damit zurecht?

Bevor Sie sich für eine Pflege in der Häuslichkeit entscheiden, sollten diese Fragen ehrlich beantwortet werden. Denn mit einem unzufriedenen Pflegebedürftigen oder einer überforderten Pflegeperson ist keinem geholfen. Dabei sollte es für Sie niemals darum gehen, was andere (z. B. andere Familienangehörige, Nachbarn, Freunde) erwarten oder denken.

Beispiel

Ein 53-jähriger Mann erkrankt an einem Tumor. Die Krankheit ist unheilbar. Der Kranke ist seit 30 Jahren verheiratet. Der gemeinsame Sohn ist verheiratet und lebte im Nachbarort. Die gemeinsame Tochter lebte ca. 300 km entfernt und hat selbst eine kleine Familie.

Die Ehefrau ist nicht bereit, die Pflege des Mannes zu Hause zu übernehmen. Dies teilt sie den eigenen Kindern aber nur sehr zögerlich mit. Selbst die Besuche im Krankenhaus sind sehr begrenzt und distanziert. Gegenüber dem Ehemann und dem Pflegepersonal wird angegeben, dass die räumlichen Bedingungen und Transportschwierigkeiten eine Pflege zu Hause unmöglich machen. Die Ehe war immer sehr schwierig gewesen und der Sterbende war früher gegenüber seiner Frau oft gewalttätig geworden. Die Familie hatte darüber jedoch immer geschwiegen und Probleme wurden nie offen angesprochen. Der Tumorkranke verstirbt schließlich auf der Palliativstation des Krankenhauses, ohne noch einmal nach Hause gekommen zu sein.

Aus persönlicher Erfahrung ist der Autorin vertraut, dass selbst für Pflegefachkräfte die Versorgung eines Angehörigen eine besondere Herausforderung darstellt. Zum Angehörigen haben die meisten Menschen eine andere emotionale Beziehung als z. B. zu einem Patienten.

Es kann also durchaus sein, dass eine Ehefrau trotz 40 Jahren Ehe ihren Ehemann nicht pflegen kann oder möchte, weil eben auf der emotionalen Ebene so viel geschehen ist, was dagegenspricht.

Das sollten möglichst beide Seiten akzeptieren und auch z. B. die Kinder, die vielleicht eine ganz andere Erwartung an die Mutter haben, nämlich die Versorgung des pflegebedürftigen Vaters. Erfahrungsgemäß wird über die Erwartungen und auch über mögliche Ängste gegenüber Dritten oft nicht gesprochen. So werden manchmal Chancen verpasst, um für alle eine zufriedenstellende Lösung zu finden.

In der Versorgung von pflegenden Angehörigen liegt auch die Chance, alte schwierige Situationen gemeinsam zu verzeihen. Dazu gehört allerdings eine große Bereitschaft zur Offenheit und des Verzeihen-Könnens auf beiden Seiten.

Beispiel

Eine 83-jährige Dame wird immer hilfebedürftiger. Nach einem Sturz kommt ihre Tochter, selbst 62 Jahre alt, und hift bei allen Aktivitäten, bis die Dame wieder selbstständig ist. In dieser Situation kommt die Tochter der Mutter seit Jahren wieder näher. Sie hat endlich den Mut, ein schweres Problem aus der Kindheit anzusprechen. Leider hat die Pflegebedürftige keine Erinnerung an diesen für die Tochter wohl sehr wichtigen Vorfall. Trotz des Versuches kommt es nicht zur Aussprache. Die Tochter bleibt mit der Erinnerung an die lange zurückliegende schwierige Situation allein.

oder

Beispiel

Ein 85-jähriger Pflegebedürftiger hat zwei Kinder, die jedoch beide die Versorgung nicht übernehmen wollen oder können. Es gibt jedoch eine Enkeltochter, zu der ein gutes Verhältnis besteht. Der Pflegebedürftige bittet die Enkeltochter (26 Jahre, verheiratet, zwei Kinder) um Unterstützung und da die Beziehung stimmt, kommt die Enkeltochter dem Wunsch nach.

Der Pflegebedürftige wird ein Teil der Familie und fügt sich sehr wohlwollend in die neue Situation ein. Als »Gegenleistung« für die Versorgung finden viele gute Gespräche zwischen Enkeltochter und Großvater statt. Die junge Frau erfährt dabei viel über die Vergangenheit. Selbst die Wünsche für die Beerdigung des Großvaters werden gemeinsam besprochen.

Noch Jahre später berichtet die junge Frau dankbar von der Lebenserfahrung des Großvaters, von der sie viel profitieren konnte.

Sie sehen, alles hat immer mindestens zwei Seiten. Wird die Chance genutzt, sind der Abschied und die Phase der Trauer nicht mehr so schwer, wie viele pflegende Angehörige im Nachhinein berichten. Diese besondere Nähe im Rahmen der Pflege und Unterstützung birgt auch die Chance, Dinge, die in der Vergangenheit belastend waren, gemeinsam aufzuarbeiten.

Um einen guten Überblick zu geben, werden in der Tabelle einige der Chancen und Herausforderungen bei der Pflege von Angehörigen in der Häuslichkeit zusammengefasst ( Tab. 1.1).

Tab. 1.1: Chancen und Herausforderungen bei der Versorgung eines Angehörigen in der Häuslichkeit

Chancen der Pflege zu HauseHerausforderungen der Pflege zu Hause

Wichtig sind für Sie vielleicht der Zuspruch und die Unterstützung durch das Umfeld, also durch die eigene Familie, Freunde, Nachbarn, aber auch durch die Mitarbeiter der Krankenhäuser, Pflegedienste und Beratungsstellen. Haben Sie Vertrauen und sprechen Sie über Ihre Situation.

2          Was Sie bei der Vorbereitung auf die Pflege zu Hause beachten sollten

 

 

 

Je nachdem, wie die Pflegesituation entstanden ist (ob plötzlich oder schleichend), entwickeln sich auch die folgenden Aspekte. Zeichnet sich nach einem Krankenhausaufenthalt eine plötzliche Pflegebedürftigkeit ab, ist natürlich anders vorzugehen, als bei einem schleichenden Prozess.

Es gibt verschiedene Akteure, die Sie als pflegender Angehöriger in der jeweiligen Situation ansprechen können ( Tab. 2.1).

Tab. 2.1: Fragen rund um die Vorbereitung auf die Pflege zu Hause

SituationFragestellungMögliche Ansprechpartner

2.1        Die Einweisung ins Krankenhaus

Checkliste für die Einweisung ins Krankenhaus für das Pflegepersonal

Name und Vorname:___________________________

Geburtsdatum:____________ Krankenversicherung: ______________

Adresse:____________________________________________________

Pflegegrad: ______________

Name und Telefonnummer des Ansprechpartners: ________________

Name des Bevollmächtigten/des Betreuers: ______________________

Name und Telefonnummer des Hausarztes: ______________________

 

   Welche Besonderheiten sind zu beachten (z. B. der Pflegebedürftige ist Diabetiker, Epileptiker, leidet an Demenz, spricht nur gebrochen Deutsch)?

   Gibt es bekannte Allergien?

   Gibt es eine Patientenverfügung oder eine Vollmacht?

   Gibt es eine besondere Medikation?

   In welchen Bereichen gibt es Einschränkungen (z. B. beim Hören, Sehen, Laufen)?

   Kann der Pflegebedürftige allein Essen und Trinken?

   Kann der Pflegebedürftige sich orientieren?

   Bei welchen Verrichtungen benötigt der Pflegebedürftige auch zu Hause Hilfe (z. B. beim Essen, Waschen und Anziehen)?

   Benötigt der Pflegebedürftige auch in der Nacht Hilfe?

   Welche Hilfsmittel nutzt der Pflegebedürftige (z. B. Brille, Hörgerät, Prothese, Inkontinenzmaterial, Gehilfen, Rollstuhl, Lupe usw.)?

   Was mag der Pflegebedürftige (z. B. immer drei Stück Zucker in den Kaffee, Bananen, Blasmusik, Kuchen, sich bewegen – Gehen)?

   Was mag der Pflegebedürftige nicht (z. B. regelmäßig trinken, Fleisch und Fisch essen, Dunkelheit, allein sein, Medikamente einnehmen)?

   Sonstiges (z. B. welcher Pflegedienst wird genutzt?)

Anders als bei der Aufnahme in eine stationäre Versorgung (ins Pflegeheim oder zur Kurzzeitpflege) ist die Krankenhausaufnahme meist eine akute Situation, die eher selten geplant verläuft.

Umso wichtiger ist die Vorbereitung für den Ernstfall. Neben einer Tasche, die immer fertig gepackt bereitstehen sollte (z. B. mit Kulturbeutel, Wäsche, Bekleidung, Handtüchern und persönlichen Gegenständen), gibt es weitere Punkte, die vorbereitet werden können.

Bei der Aufnahme ins Krankenhaus ist es für das Pflegepersonal hilfreich, wenn bereits Informationen über Ihren Angehörigen vorliegen. In einer ruhigen Phase sollten Sie sich Zeit nehmen und genau überlegen, was auf Ihren Angehörigen zutrifft. Ihre Liste könnte wie die Checkliste oben aussehen, deren Fragen Sie beantworten sollten.

Diese Liste kann für Sie, den Pflegebedürftigen und auch für das Pflegepersonal eine Entlastung im stressigen Krankenhausalltag darstellen.

Außerdem sollten Sie sich eine kleine Liste anfertigen mit Dingen, die der Pflegebedürftige bei Bedarf mit ins Krankenhaus nehmen sollte:

•  Krankenkassenkarte, Personalausweis und Einweisung

•  Medikamentenplan/Medikamente

•  Eventuell eine Kopie von vorhandenen Vorsorgevollmachten, Betreuungsurkunde oder Patientenverfügung

2.2        Die Entlassung aus dem Krankenhaus

Steht die Entlassung aus dem Krankenhaus oder der Rehabilitationsklinik an, ist einiges zu beachten. Im Krankenhaus unterstützt Sie gern der Krankenhaussozialdienst. Folgende Aspekte sind von Bedeutung:

Checkliste für die Entlassung aus dem Krankenhaus

Vor dem Entlassungstag

   Kann die Pflege und Betreuung zu Hause stattfinden?

   Ist das Pflegezimmer fertig?

   Sind die notwendigen Hilfsmittel (Pflegebett, Rollator, Inkontinenzmaterial usw.) bestellt bzw. kann bis zum Liefertermin überbrückt werden?

   Sind bauliche Maßnahmen für die Übernahme der Pflege erforderlich? Kann die Zeit mit anderen Maßnahmen überbrückt werden?

   Soll ein Pflegedienst oder die Tagespflege genutzt werden? Ist dafür die Finanzierung geklärt?

   Ist ein Antrag auf einen Pflegegrad bereits im Krankenhaus gestellt/eingeleitet worden?

   Ist eine Überbrückung der Pflegesituation in einer Kurzzeitpflegeeinrichtung sinnvoll?

   Ist eine Anschlussheilbehandlung oder eine Rehabilitationsmaßnahme geplant?

   Wie ist der Transport nach Hause geplant (Krankentransport, Taxi oder privat?)

   Welche Hilfsangebote sind für zu Hause geplant?

–  »Essen auf Rädern«

–  Hausnotruf

–  Zusätzlicher Betreuungsdienst

–  Tagespflege

–  Ambulanter Pflegedienst

–  Persönlicher Pflegekurs

   Welche Beratungsstelle unterstützt mich nach dem Krankenhausaufenthalt weiter?

Am Entlassungstag

   Achten Sie darauf, dass Ihnen der Arztbrief am Entlassungstag mitgegeben wird.

   Im Arztbrief ist auch vermerkt, welche Medikamente der Pflegebedürftige nach dem Krankenhausaufenthalt weiter bekommt.

   Mit dem Brief sollten Sie sofort zum Hausarzt gehen, damit er ein Rezept für die Medikamente ausstellen kann.

   Falls Sie am Entlassungstag den Hausarzt nicht mehr erreichen können, lassen Sie sich die Medikamente vom Krankenhaus bis zum nächsten Werktag mitgeben. Darauf haben Sie (bzw. der Pflegebedürftige) ein Anrecht.

   Bei Notwendigkeit kann das Krankenhaus für bis zu sieben Folgetage häusliche Krankenpflege verordnen.

   Wurden Termine für eine Nachuntersuchung vereinbart?

   Sind die Hilfsmittel wie vereinbart geliefert worden?

   Wurde ggf. der ambulante Pflegedienst über die Entlassung und die Aufnahme der Versorgung zu Hause informiert?

Direkt nach der Entlassung

   Den Hausarzt konsultieren, um prüfen zu lassen, ob der Pflegebedürftige folgende Dinge benötigt:

–  Rezept für neue Medikation

–  Verordnung für häusliche Krankenpflege

–  Verordnung für Behandlungspflege

–  Verordnung für Heilmittel (z. B. Physiotherapie)

–  Verordnung für Hilfsmittel (z. B. Pflegebett, Rollstuhl)

   Falls ein Pflegegrad beantragt wurde, ist damit zu rechnen, dass ein Gutachter ins Haus kommt.

   Falls eine Begutachtung ansteht, ist das Führen eines Pflegetagebuchs sinnvoll ( Kap. 5.4).

2.3        Das Pflegezimmer

Unabhängig davon, ob der Pflegebedürftige aus dem Krankenhaus (oder der Rehaklinik) nach Hause kommt oder nun bei Ihnen einzieht, sollte sein Zimmer möglichst mit vertrauten Gegenständen ausgestattet werden.

Er sollte sich darin wohlfühlen. Das Zimmer sollte sich möglichst wenig von seiner gewohnten Umgebung unterscheiden. Wenn möglich, sollten seine Wünsche und Bedürfnisse bei der Gestaltung des Zimmers mit berücksichtigt werden. Leitende Fragen sind dabei:

•  Wie pflegebedürftig ist die Person?

•  Kann sie tagsüber das Bett verlassen?

•  Wie weit ist der Weg zum WC und gibt es Stolperfallen?

•  Wer wohnt noch mit im Haus?

•  Ist der Pflegebedürftige nachts auch auf Hilfe angewiesen?

•  Schläft der Pflegebedürftige nachts durch oder muss auch des Nachts Hilfe geleistet werden?

•  Ist ggf. ein gemeinsames Schlafzimmer noch sinnvoll?

•  Macht es Sinn, Holzblöcke einzusetzen, um das Bett höher zu stellen?

•  Wie sind die Raumtemperatur und der Einfall von Tageslicht?

•  Liegt der Pflegebedürftige viel im Bett? Worauf blickt er dann? Ist der Blick aus dem Fenster möglich?

•  Welcher Bodenbelag ist vorhanden? Es kann geschehen, dass Ausscheidungen auf den Boden gelangen. Ein praktischer Bodenbelag erleichtert die Reinigung und ggf. den Transfer mit einem Rollstuhl/Rollator.

•  Sind der Raum und der Weg zum WC auch des Nachts gut beleuchtet?

•  Ist um das Bett herum genügend Platz für die Pflegetätigkeit?

•  Wie ist die Geräuschkulisse? Sind ein Mittagsschläfchen und die Nachtruhe ungestört möglich?

•  Kann der Pflegebedürftige den Papierkorb, ein Getränk, die Klingel oder ggf. die Urinflasche gefahrlos erreichen?

•  Gibt es ein Lieblingsmöbelstück oder einen Lieblingssessel?

•  Ist genügend Platz für die Hilfsmittel (z. B. Stellmöglichkeit für den Rollator oder einen Patientenlifter)?

•  Wer kann als Unterstützung angefragt werden, insbesondere auch, wenn es nachts einen Hilfebedarf gibt?

•  Gibt es schon einen Hilfeplan (siehe Beispiel1 in  Tab. 2.2)?

Dies sind nur einige Anregungen, die zu beachten sind, um den Pflegealltag für alle Beteiligten besser zu gestalten. Dabei ist das Einfühlungsvermögen in die Bedürfnisse des Pflegebedürftigen und des Pflegenden sehr wichtig. Ihre eigene Sicherheit und die des Pflegebedürftigen sind dabei ebenfalls sehr wichtig. Besonders bei Menschen mit eingeschränkter Alltagskompetenz kann es notwendig sein, für Sicherheit zu sorgen.

Tab. 2.2: Hilfeplan erstellen

UhrzeitMontagDienstagMittwochDonnerstagFreitagSamstagSonntag

Tipp

•  Vertraute Gegenstände zur Ausstattung nutzen.

•  Auf Stolperfallen achten.

•  Lieblingsstücke, Gewohnheiten beachten (z. B. Lesen der Tageszeitung, Lieblingsfoto).

2.4        Die Pflegeschulung