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*Sich vom Kind an die Hand nehmen lassen* - unter diesen Leitsatz stellen Ulrike und Martin ihr neues Leben als Pflegeeltern ihres lang ersehnten Pflegekindes Stephan. Anschaulich werden das Kennenlernen, die ersten Besuche von Stephan und die verschiedenen Phasen der Beziehungsentwicklung dargestellt. Direktheit der Sprache, Offenheit und Ehrlichkeit in der Darstellung und eine hohe Sensibilität für Stephans Empfindungen und die Hintergründe seines Verhaltens zeichnen dieses Buch aus. Da es sich bei diesem Erfahrungsbericht jedoch um einen Einzelfall handelt - mit all seinen Problemen und unvorhersehbaren Ereignissen und Entwicklungen, erheben die Schilderungen - außer der Phase der Anbahnung und den wichtigen Phasen der Beziehungsentwicklung im ersten Teil - keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit.
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Seitenzahl: 295
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Ulrike Linnenbrink
Pflegekind Stephan
Geschichte eines steinigen Weges
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Erstes Familienfoto
Wir haben ein Kind für Sie
Habt ihr auch ein Spielzimmer?
Schnecken, Tiger und 'Was soll das?'
Kannst du mit mir nach Hause fahren?
Hänschen klein ...
Als ich die Glastür kaputt gemacht habe
Gaga - oder wie man einen Baum verpflanzt
Ich bin doch auch nur ein Mensch ...
Von Mäusen und Elefanten, Brüdern und Schwestern
Hast du mich trotzdem lieb?
Erstaunlich, wie Sie das geschafft haben
... und zweitens kommt es anders
Weinst du, weil Papa nicht mehr bei uns ist?
So geht das alles nicht weiter
Du musst ihn nun fester anfassen
Seit der hier ist, kommt alles durcheinander
Wir könnten sie doch Dodo nennen ...
Um Gottes willen, nicht schon wieder ...
Ich weiß, ich bin sowieso doof
Niemand hat mich lieb, nur du
Ich komme ja nicht aus deinem Bauch, Mami, ne?
Alles neu ...
Nachwort
Impressum neobooks
Die Entscheidung dieses Buch zu schreiben, fiel für mich vor ca. 15 Jahren nachdem mein (ehemaliger) Mann und ich zusammen mit anderen Elternbewerbern eine Vorbereitungsschulung für Pflege- und Adoptiveltern besucht hatten. Wir Möchtegern-Eltern wünschten uns mehr Literatur, die praktische Erfahrungen der Beziehungsanbahnung auch zu älteren Kindern wiedergab, nicht Berichte von Sozialarbeitern, die während ihrer Besuchskontakte nur einen kleinen Ausschnitt dieses Lebens zu überblicken vermögen, nicht Gutachten von Psychologen, die in ihren Untersuchungen und Therapien als distanzierte Beobachter im Grunde nur winzige (wenn auch wichtige) Bruchstücke zusammentragen können.
Nein, wir suchten nach Erfahrungen von Menschen, die - genauso wie wir - voller aufgeregter Spannung auf das Eintreten dieses alles verändernden Ereignisses gewartet und hautnah den Alltag mit einem zunächst fremden Kind gelebt hatten.
Leider wurden wir am gesamten Markt auf der Suche nach authentischer Literatur aus der Praxis damals nur wenig fündig. So entschloss ich mich, Tagebuch zu führen, um das eigene Erleben weitergeben und auf diese Weise die Lücke selbst mit einem Beitrag füllen zu können.
Um die 'Urversion' Stephan - Geschichte eines Pflegekindes (Votum 1994, 1995) auch weiterhin zur Verfügung zu stellen, habe ich sie hier noch einmal überarbeitet, um ein paar Kleinigkeiten ergänzt und Fotos hinzugefügt. Sie finden in diesem Buch - nach wie vor - Stephans Entwicklung bis etwa zu seinem 10. Lebensjahr.
Allerdings habe ich mich entschlossen, in dieser Stephan-Ausgabe die Fakten zu seiner Ursprungsfamilie nicht mehr zu verfälschen, was bei der Urversion wegen seines geringen Alters noch nötig war. Inzwischen ist er erwachsen, hat wieder Kontakt zu seinen leiblichen Eltern, und es besteht nicht mehr die Notwendigkeit, seine Identität und die wirkliche Tragik seiner Herausnahme aus der Familie zu verschleiern. Alle Namen der Personen in diesem Buch, bis auf meinen eigenen, wurden jedoch nach wie vor verändert.
Neuenkirchen 2013, Ulrike Linnenbrink
Ein erstes Familienfoto
Ich legte den Hörer zurück auf den Apparat. Minutenlang starrte ich das Telefon an, als sähe ich es zum ersten Mal. Da war er. Der Anruf, auf den ich Ewigkeiten gewartet hatte.
Nur langsam konnte ich mich aus meiner Erstarrung lösen, spürte plötzlich tanzende Lichtlein in mir. Ich kniff in meinen Arm. Nein, ich war wach.
Ich schaute auf die Uhr. Erst halb elf. Martin war bis halb eins in der Schule. Wie sollte ich es nur aushalten bis dahin?
Die Freude schaukelte sich in mir hoch - vom Bauch in den Kopf - suchte nach einem Ausgang, musste herausgeschrieen werden. Mit einem Jauchzer warf ich die Arme in die Luft. Es hätte nicht schöner sein können, wenn ein Arzt mir eine Schwangerschaft bestätigt hätte.
Ich fuhr mir mit der Hand über den Bauch.
»Es ist ein Junge«, hatte sie gesagt. »Er lebt zur Zeit im Heim und ist vier Jahre alt, wird im kommenden Monat fünf. Wenn Sie Interesse haben, kommen Sie am nächsten Freitag um vier Uhr nachmittags ins Heim. Dort werden wir alles Weitere besprechen, und Sie können sich ihn ansehen.«
»Wie heißt er denn?«, wollte ich wissen. »Sagen Sie mir wenigstens, wie er heißt.«
»Stephan ...«
Kaum zu glauben. Man kann dazu stehen, wie man will, aber mir passiert so etwas häufig. Immer wieder jedoch läuft mir ein Schauer den Rücken entlang, wenn einer meiner Träume wahr wird. Genau von einem Jungen mit diesem Namen hatte ich in der letzten Woche geträumt.
Neben aller Freude stimmte mich diese Bestätigung einigermaßen fassungslos. Sie gab mir gleichzeitig das Gefühl von: Das ist er. Kein Zweifel, keine Frage. Das ist das Kind, das zu uns gehört.
Seit unserem Adoptionsantrag im Herbst 1987 hatte ich mir mein Gefühl in diesem Augenblick immer wieder ausgemalt. Das, was ich jetzt empfand, übertraf alle Erwartungen, war einfach überwältigend. Ich fühlte mich völlig aufgedreht, wach und lebendig, konnte Martins Reaktion kaum abwarten. Würde er sich ebenfalls freuen, oder würde es ihm Angst machen, dass es nun ernst zu werden begann?
Da ich ihn in der Schule im Augenblick nicht erreichen konnte (er musste jetzt mitten im Unterricht sein), rief ich meine Mutter an. Sie reagierte eher skeptisch.
»Das ging aber schnell. Habt ihr euch das auch wirklich gut überlegt?« Auch ich wunderte mich darüber, wie schnell alles gegangen war. Unser Antrag lag erst etwa ein halbes Jahr zurück.
Die Ängste meiner Mutter vor einem Familienmitglied mit ungewisser Herkunft waren groß. Seit wir uns entschlossen hatten, einem Kind bei uns ein neues Zuhause zu geben, hatte es deshalb schon einige recht problematische Gespräche zwischen uns gegeben. Ich hoffte jedoch noch immer auf ihr Verständnis, zumal sie wusste, wie sehr ich unter der Kinderlosigkeit gelitten hatte. Beinahe alle medizinischen Wege hatten wir ausgeschöpft, sogar auf die Möglichkeit der Befruchtung im Reagenzglas waren wir vor ein paar Jahren noch bereit uns einzulassen ...
»Junge oder Mädchen?«, fragte sie am anderen Ende der Leitung.
»Junge.«
»Wie alt?«
»Er wird bald fünf.«
»Ist der nicht schon ein bisschen zu alt?«
»Ich finde das gerade richtig. Für einen Säugling bin ich inzwischen auch nicht mehr jung genug.« Ich war 40!
»Aber mit einem Säugling wäre es leichter. Den kann man besser formen. Wer weiß, was ein Kind in diesem Alter schon alles mitgemacht hat? Stell dir das nicht zu leicht vor.«
Dass Mütter einem ständig Unfähigkeit unterstellen müssen, sogar wenn man inzwischen ein Alter erreicht hat, in dem man längst selbst erwachsene Kinder haben könnte. Außerdem hatte ich in meinem Beruf als Lehrerin tagtäglich mit Kindern zu tun, glaubte, recht gut auch mit schwierigen Kindern zurecht zu kommen, hatte ein breites 'Übungsfeld'.
Ich sagte ihr das.
»Zwischen Kindern in der Schule und denen zu Hause besteht ein großer Unterschied«, gab sie zu bedenken.
Das wusste ich natürlich auch, fühlte mich trotzdem qualifiziert genug und empfand den Drang meiner Mutter, mich belehren zu wollen, als etwas anstrengend. Ich wollte doch nur meine Freude loswerden, sie mit ihr teilen.
»Außerdem können wir uns das nicht aussuchen. Wir müssen nehmen, was kommt. In unserem Alter ist es eben schwer, einen Säugling zu bekommen. Abgesehen davon möchte ich auch gern ein Kind, mit dem man schon etwas anfangen kann. Das ist in Ordnung so. Die Leute, die einen Säugling bekommen, müssen erst einmal acht Wochen lang zittern, ob ihnen das Glück erhalten bleibt. Vor acht Wochen darf die Kindesmutter nämlich keine Adoptionsfreigabe unterzeichnen. Und glaub nicht, dass die ganz Kleinen von der Trennung nichts merken. Man unterschätzt leider immer noch, was auch Kleinstkinder schon mitbekommen.«
Mit etwas Unbehagen beendete ich das Gespräch. Sie hätte sich wenigstens ein bisschen mit mir freuen können, dachte ich. Aber sie war schon immer sehr vorsichtig, ging an alles Neue mit einer großen Portion Misstrauen heran.
Ich lief hinaus zu unseren Schafen und erzählte ihnen die Neuigkeit. Irgendwie musste ich mir die Zeit vertreiben, bis Martin zu Hause war. Etwas Sinnvolleres wusste ich im Augenblick vor lauter Aufregung nicht zu tun. Außerdem hörten die Tiere mir geduldig zu und stellten keine unangenehmen Fragen.
Dann kam Martin endlich. Ich stürzte auf ihn zu und fiel ihm um den Hals. »Die haben ein Kind für uns!«, strahlte ich ihn an. »Frau Ottens vom Sozialdienst hat heute morgen angerufen.«
Im Gegensatz zu mir, die ich heute meinen freien Tag hatte, war er noch geschafft von der Schule und ließ müde seine Schultasche fallen. Geräuschvoll zog er einen Stuhl über den Holzfußboden und setzte sich an den Küchentisch. »Langsam, langsam ... «
Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und gähnte ausgiebig. "So, jetzt noch einmal von vorn.«
»Sie wollen uns einen knapp fünfjährigen Jungen vorstellen.«
»Wann? «
Ich setzte mich zu ihm. »Am Freitag Nachmittag.«
»Ach, so schnell schon?« Er nahm die Arme wieder herunter, beugte sich zu mir vor und stützte sich auf den Tisch. »Wie heißt er? Weshalb ist er im Heim? Was ist mit seinen Eltern?« Auch ihn hatte offenbar die freudige Erregung erfasst, so viel verriet mir jedenfalls sein Gesichtsausdruck und seine Körpersprache. Ich war erleichtert, denn die Initiative, überhaupt ein Kind zu adoptieren, war eigentlich von mir ausgegangen. Es hatte eine Reihe problematischer Gespräche zwischen uns gegeben, bevor er sich mit dem Gedanken anfreunden konnte. Inzwischen hatten wir beide eine Schulung beim 'Sozialdienst Katholischer Frauen' (SKF) hinter uns und warteten voller Spannung auf die Praxis.
»Stephan heißt er. Mehr wollte sie mir noch nicht erzählen.«
»Stephan? Du hattest da doch in der letzten Woche diesen Traum ...«
»Interessant, nicht? Ich kann es selbst kaum glauben.«
Aber es war so. Ich strahlte ihn an.
Heute, am 24. Februar 1988, sollten wir 'unser' Kind das erste Mal sehen. Würde mir sein Gesicht so selbstverständlich vertraut und bekannt sein wie sein Name? Ich konnte mich zwar nicht an ein Bild in meinem Traum erinnern, hatte nur noch den Namen im Ohr, aber vielleicht würde es so etwas wie ein Wiedererkennen geben, wenn ich ihn sah. Merkwürdig war das Ganze ohnehin. Wie vorbestimmt musste unser Leben sein, wenn es möglich war, von Dingen zu träumen, die bis dahin noch völlig im Dunklen lagen?
Natürlich waren wir viel zu früh beim Kinderheim. Ich hatte ein Gefühl von tausend Ameisen im Bauch, was sich während der Wartezeit zu drängenden Schmerzen verstärkte. Offensichtlich lag ich psychisch in den 'Wehen'. »Das haben die Frauen hier öfter«, sagte mir später schmunzelnd ein Mitarbeiter des Heimes. Ich atmete tief durch und versuchte, möglichst ruhig zu bleiben.
Heimpersonal ging milde lächelnd an uns vorüber. Kinder, die gerade aus der Schule 'heim' kamen, betrachteten uns interessiert und grüßten so freundlich sie konnten. Ehepaare, die auf diesen Sesseln warten, werden sicher mit den freudigsten Erwartungen belegt, dachte ich mir und grüßte so nett ich konnte zurück.
Endlich kam Frau Ottens und geleitete uns in einen anderen Gebäudetrakt. Ich war angenehm berührt von der freundlichen Ausstattung des Hauses. »Das ist ja richtig hübsch hier«, sagte ich zu ihr. »Hier können es die Kinder sicher recht gut aushalten.«
»Ja. Sie leben in kleinen Gruppen, wie in einer Familie. Aber das ist natürlich kein wirklicher Ersatz.«
Sie führte uns in einen Aufenthaltsraum, ein helles Zimmer mit angenehmer Atmosphäre. Hier konnten wir auch Herrn Heinen begrüßen, den Psychologen des Hauses, zusammen mit der Betreuerin Stephans, seiner augenblicklichen Hauptbezugsperson, Frau Bertram. Sie setzten sich zu uns und begannen, von ihm zu erzählen. Mir schien als leuchteten ihre Augen dabei. So spricht man nur von einem Kind, das man mag, dachte ich.
Wir erfuhren, dass Stephan bereits mehrere Stationen durchlaufen hatte. »Vor etwa vier Monaten haben seine Adoptiveltern ihn hierher abgeschoben«, erzählte Herr Heinen. »Für sie war der Umgang mit ihm offenbar zu schwierig. Auch mit seinen Entwicklungsverzögerungen konnten sie nicht umgehen. Ihre Erwartenshaltung war einfach zu hoch. Stephan wird zwar im nächsten Monat fünf, doch er steht noch auf der Stufe eines etwa Dreijährigen. Er hatte keine Bindung an diese Menschen, hat sich in der ersten Zeit hier völlig distanzlos verhalten, ging auf jeden freundlich zu. Inzwischen ist das schon anders. Jetzt sieht er sich die Leute erst genau an, bleibt abwartend. Er galt als ein Kind, das nicht schmusen konnte, das sich steif machte, wenn es berührt wurde. Inzwischen hat er sich jedoch schon so sehr auf Frau Bertram eingestellt, dass sie ihn sogar in den Arm nehmen darf. Nun scheint er alles nachholen zu wollen, verlangt ständig nach Streicheleinheiten. Der Zeitpunkt ist gekommen, dass er vermittelt werden muss, ehe er sich zu sehr an Frau Bertram bindet.«
»Woher kommt denn diese Entwicklungsverzögerung bei ihm?«, wollten wir wissen.
»Der Arzt vermutet 'MCD', also Minimale Cerebrale Dysfunktion. Aber das sagt man immer, wenn man nicht weiter weiß. Im Grunde ist das ein Sammelbegriff für organisch nicht nachweisbare Anomalitäten in Entwicklung und Verhalten. Stellen Sie sich vor, Sie würden ihr ganzes Leben lang nur herumgeschoben, hätten nirgends das Gefühl, wirklich geliebt und zu Hause zu sein.«
»Dann würde ich vermutlich auch dicht machen und alle Sinne ausschalten, damit es nicht so weh tut«
»Sehen Sie? So etwas Ähnliches vermuten wir bei ihm auch, denn schon die relativ kurze Zeit hier hat gezeigt, dass er bei emotionaler Sicherheit enorme Fortschritte macht.«
Unsere Neugier war noch nicht befriedigt.
»Wie waren seine Eltern? Weiß man etwas über sie?«
»Ja. Wenn Sie sich für Stephan entscheiden, werden Sie auch mehr über sie erfahren. Nur so viel schon mal: Die Familie hatte vor Stephan bereits 3 andere Kinder. Alle sind auf seltsame Weise gestorben. Zwei als Säuglinge und eines mit dreieinhalb Jahren. Daraufhin hat man ihnen gleich nach Stephans Geburt das Sorgerecht entzogen, um dieses Kind zu schützen. Seine leibliche Großmutter hat dafür gesorgt. Trotzdem war eine Rückführung geplant. Unter der Aufsicht einer Familienfürsorgerin fanden deshalb Kontakte mit den leiblichen Eltern statt. Die Rückführung wurde einige Monate später trotz der Bedenken der Fürsorgerin durchgeführt, ging jedoch schief. Die Eltern fühlten sich völlig überfordert, und so rief der Vater nach etwa zwei Wochen an und bat selbst darum, Stephan wieder abzuholen.«
»Einige Monate später wurde die Rückführung durchgeführt, sagen Sie? Wo war Stephan denn in der Zwischenzeit?«
»Zuerst etwa zwei Monate lang im Krankenhaus, wo er leider auch noch operiert werden musste, dann bei Leuten, die zunächst seine Pflegeeltern waren. Zu denen kam er nach dem missglückten Versuch auch wieder zurück. Klar, dass dieses Hin und Her für Stephan nicht gerade entwicklungsfördernd war.«
Ich war schockiert. Wie konnte man mit den Gefühlen eines Kindes nur so herumspielen?
»Tja, das war für diese Leute von Anfang an eine recht verfahrene Geschichte. Die wollten eigentlich gar keinen Säugling, hatten sich nur darauf eingelassen, weil Stephans Aufenthalt bei ihnen zeitlich begrenzt bleiben sollte. Sie wollten ein Pflegekind, das im Alter zu ihrem leiblichen Sohn passen sollte. Nachdem die leiblichen Eltern das Kind nicht behalten konnten, hat das Jugendamt sie unter moralischen Druck gesetzt. 'Sie kennen Stephan doch nun schon ...', und so weiter. Vielleicht weil man das Pflegegeld sparen wollte, man weiß es nicht. Die Leute haben sich hineindrängen lassen und ihn tatsächlich adoptiert. Aber sie waren längst nicht so gut vorbereitet wie Sie. Viele wissen einfach nichts von den einzelnen Bindungsphasen und nehmen alles, was von den Kindern an Aggressionen kommt, sehr persönlich, fühlen sich gekränkt und unfähig, wenn nicht alles gleich auf Anhieb klappt. Sie zweifeln dann an ihrer Qualifikation als Eltern und nehmen das dem Kind, das ihnen diesen Makel vor Augen zu führen scheint, sehr übel.«
Ja, wir hatten eine gute Vorbereitung hinter uns. Eine Schulung, die uns unter jeweils anderen thematischen Schwerpunkten mit allem vertraut machte, was bei der Aufnahme eines Kindes aus einer anderen Herkunftsfamilie zu bedenken und beachten sein würde.
»Ist er denn wirklich so schwierig? Wie konnten diese Leute ihn nur wieder abgeben? Außerdem ... sagten Sie nicht, diese Leute hätten ihn adoptiert? Kann man ein adoptiertes Kind denn einfach wieder zurückgeben?«
»Da läuft ein Aufhebungsverfahren - mit der Begründung, man habe ihnen ohne ausreichende Information ein geistig behindertes Kind vermittelt, aber ehe es nicht andere Bewerbereltern für Stephan gibt, die ihrerseits einen Adoptionsantrag stellen, werden sie damit nicht durchkommen, denn geistig behindert ist Stephan sicher nicht.«
Nun drängte es uns, das Kind endlich zu sehen. Frau Bertram verließ uns, um Stephan ins Spieltherapiezimmer zu holen. Wir wurden von Herrn Heinen in einen benachbarten Raum gebracht, der durch eine verspiegelte Scheibe vom Spielzimmer abgetrennt war. So konnten wir Stephan sehen, er uns jedoch nicht. Der Ton aus dem Nachbarraum erreichte uns über den Lautsprecher eines Fernsehgerätes. Der Psychologe hatte uns in unserer Lauschposition eingeschlossen, damit der kleine Stephan uns nicht ungewollt dort überraschen konnte, falls er die Türen verwechseln sollte.
Wir warteten.
Dann war der Augenblick da! Frau Bertram betrat mit einem kleinen, zierlichen, blonden Jungen das Spielzimmer. Irgendwie hatte ich gar nicht mitbekommen, wie er mit ihr zur Tür hereingekommen war. Ich sah ihn nur plötzlich da stehen, einen roten Feuerwehrwagen unter dem Arm. Er drehte uns den Rücken zu, war viel kleiner, als ich ihn mir vorgestellt hatte.
Schnell landete das Feuerwehrauto auf dem Teppich, da ein Kuscheltier von beachtlichem Ausmaß in einer Ecke des Zimmers offenbar größere Anziehungskraft ausübte. Sein Gesicht war noch immer abgewandt. Würde ich ihn gleich 'erkennen'?
Nun hatte er das überdimensionale Tier aus einem Puppenbett gerupft und drehte sich mit ihm im Arm zu uns herum. Für einen Augenblick hielt ich den Atem an. Doch die vielleicht erwartete Liebe auf den ersten Blick fiel nicht wie ein warmer Schauer über mich her. Nach meinem Traum hatte ich mehr Vertrautheit erwartet. Nein, ich 'erkannte' ihn nicht. Das enttäuschte mich für einen kurzen Moment ein wenig, obwohl ich ihn recht hübsch fand.
Er war viel aufgeweckter und fröhlicher, als wir nach den ersten Informationen erwarten durften. Zielstrebig steuerte er als nächstes den etwas erhöht eingebauten Sandkasten an. »Heb mich da rein!«, forderte er den Psychologen auf. Energisch, fand ich. Und diese Stimme! Was hatte er nur für eine süße helle Stimme!
Im Sand wischte er ständig an sich herum. Kein Körnchen durfte an seiner Hose hängen bleiben. Er schien Probleme mit der Sauberkeit zu haben.
»Macht doch nichts, Stephan«, beruhigte Frau Bertram ihn, »wir haben doch eine Waschmaschine.«
Das wirkte. Fasziniert wühlte der Kleine nun im Sand, ohne weiter an sich herumzuputzen. Er grub riesige Löcher, schleuderte dabei den Sand wie ein Hund mit den Händen nach hinten durch die Beine.
»Was baust du denn da?«, wollte Frau Bertram wissen. »Was ist denn da unten in dem Loch?«
»Da ist eine Waschmaschine drin«, bekam sie zur Antwort. Dann grub er weiter Löcher, aus denen ausnahmslos imaginäre Waschmaschinen zum Vorschein kamen.
Als Herr Heinen ihn am Ende der Spielzeit aus dem Kasten zurück auf den Boden hob, war seine Kleidung voller Sand. Doch Stephan achtete nicht mehr darauf, klopfte ihn nicht mehr ab wie zu Beginn. Offensichtlich war die Furcht vor der Beschmutzung verschwunden. Für den Moment jedenfalls.
Wieder zurück in unserer Kaffeerunde stellten wir zufrieden fest: »Ja, den wollen wir!«
Herr Heinen musterte uns lächelnd.
»Schön«, sagte er dann. »Nach meinem ersten Eindruck habe ich auch das Gefühl, dass Stephan bei Ihnen ganz gut aufgehoben wäre. Sie sind so ganz anders als die Adoptiveltern.« Sein Blick streifte unsere lässige Kleidung. »Bei ihnen vermute ich nicht so rigide Ordnungsvorstellungen, auch mehr Wärme und Verständnis. Wir brauchen nun aber einen Plan, wie wir am besten das erste Zusammentreffen organisieren. Ältere Kinder kann man natürlich nicht so ungefragt weiterreichen wie Säuglinge. Sie müssen das Gefühl haben, ihre Wahl selbst getroffen zu haben. Das bedeutet: Wir müssen uns wie zufällig treffen. Ich habe mir gedacht, wir machen das im Zoo. Der Ort ist relativ unverfänglich. Dort laufen wir uns dann einfach über den Weg, und ich erzähle ihm, wir seien Freunde.«
»Dann fangen wir am besten gleich damit an, uns zu duzen«, schlug ich vor, »sonst vertun wir uns womöglich dort. Wir dürfen ja nicht unglaubwürdig sein.«
»Gern«, sagte er, »ich heiße Klaus.«
»Und wir sind Martin und Ulrike«, lächelte Martin.
»Als nächsten Schritt können wir dann einen Besuch bei euch ansteuern«, fuhr Klaus fort. »Ich werde Stephan im Zoo erzählen, dass ihr ebenfalls Tiere habt, die wir uns mal anschauen könnten.«
Wir hatten einen Resthof gekauft und lebten seit einigen Jahren dort. Bei uns gab es Schafe, Gänse, Hühner, Hunde und Katzen. Das musste für Stephan tatsächlich interessant sein, wenn er gern in den Tierpark ging.
Als Termin für den Zoobesuch fassten wir den kommenden Mittwoch ins Auge. Fast eine Woche also bis zur ersten direkten Begegnung. Ich konnte es kaum erwarten ...
Obwohl ich noch sehr müde war und mich irgendwie erschlagen fühlte, kam ich an diesem Morgen gut aus dem Bett. Der große Tag war da. Heute kam es sozusagen darauf an. Endlich Mittwoch und wir waren mittags um zwölf mit Klaus und Stephan im Zoo am Affenhaus verabredet.
Die Schule verging am Morgen zäh wie Brei. Schon ziemlich durcheinander hatte ich einen Pullover mit einem riesigen Fleck angezogen. Erst in der Schule bemerkte ich es mit einem ordentlichen Schrecken. Meine Schüler hatten mich trösten müssen, was sie auch ausgiebig gemacht haben - so lange, bis ich nur noch amüsiert abwinken konnte.
So pünktlich wie heute verließ ich die Schule selten. Zu Hause hatte Martin schon alles abfahrbereit gemacht. Ich zog mich rasch um. Weil ich davon ausging, dass die Lieblingsfarbe der meisten Kinder rot ist, wählte ich diesmal einen langen Pullover aus knallroter Mohairwolle zu meinen Jeans.
Um viertel vor zwölf hatten wir es bis zum Tierpark geschafft. Ein einziges Auto stand auf dem Parkplatz. Wir stellten uns direkt daneben. Auf dem Rücksitz waren zwei Kindersitze installiert. Ob Klaus und Stephan schon da waren?
Es schneite sanft - schon seit heute früh. Der Schnee blieb aber nicht liegen. Am Boden war es wohl schon zu warm. Wir hatten gerade Ende Februar.
»Gut, dass es nicht regnet«, sagte Martin, »ein Zoobesuch im Regen wäre einem Kind schwer zu erklären.«
Niemand war an der Kasse. Wir bezahlten unseren Eintritt im Büro, das mitten im Zoo lag. Dann schnell zum Affenhaus. Vielleicht waren sie schon dort.
Das Affenhaus empfing uns warm aber kräftig nach Pissoir stinkend. Bis auf die Affen, ein kleines wie Plastik aussehendes, reglos daliegendes Krokodil und Hunderte von Heuschrecken in einem Glaskasten war allerdings noch niemand dort. Wir hielten es in diesem Mief nicht lange aus.
Draußen hatte sich das Wetter für kurze Zeit aufgeklärt. Die Sonne schien und lockte mit ihrer kurzzeitig schon recht kräftigen Wärme einige Affen hinaus in die Freigehege. Wir sahen uns die Tiere an, ohne recht bei der Sache zu sein. Immer wieder schauten wir uns um. Wo blieben sie nur?
Dann endlich! Ein kleines blondes Köpfchen, darunter ein blauer Anorak und blaue Cordhosen. Stephan!
Wir gingen aufeinander zu.
»Oh, hallo!«, rief Klaus. »Sieh mal, Stephan, die Leute kenne ich. Das sind Freunde von mir.«
Wir begrüßten uns, als hätten wir uns lange nicht gesehen.
»Welch ein Zufall, dich gerade hier mal wieder zu treffen, Klaus!«
Wir grinsten uns verschwörerisch an.
Mit großem, ernstem Blick stand unser zukünftiges Kind vor uns, drückte sich ängstlich an Klaus. Ein gutes Zeichen, dachte ich. Obwohl Stephan auf dem Weg in unsere Richtung pausenlos auf Klaus eingeredet hatte, schien er jetzt die Sprache verloren zu haben. Wortlos starrte er uns an. Wir begrüßten ihn nur kurz, wandten uns dann gleich wieder dem Psychologen zu. Wir hatten uns vorgenommen, Stephan zu Beginn nicht zu sehr zu beachten, uns mehr auf Klaus zu konzentrieren, damit unser Komplott nicht allzu plump wirkte. Das Kind sollte von sich aus kommen, sich nicht bedrängt fühlen. So redeten wir Erwachsene recht belangloses Zeug miteinander. Auch das Wetter musste als Gesprächsthema herhalten. Aus den Augenwinkeln beobachteten wir jedoch alle drei den kleinen Kerl, der seine Stirn missmutig in tiefe Falten gelegt hatte. Wir nahmen ihm seinen Klaus weg. Das passte ihm gar nicht.
Zusammen gingen wir noch einmal zurück ins miefwarme Affenhaus. Stephan war weiter stumm. Dann wollte er von Klaus hochgehoben werden, um besser sehen zu können, was in den Käfigen geschah. Ich kam mir bei allem, was ich mit ihm reden wollte, noch etwas ungeübt vor, bekam auch keine Antwort, wenn ich ihn zum Beispiel auf eines der Tiere ansprach. Schließlich drückte Klaus mir das Kind in den Arm. »Mein Gott, ist der schwer! Nimm du ihn mal, Ulrike, ich kann nicht mehr.«
Ich fühlte mich ein wenig überrumpelt, war gespannt wie Stephan darauf reagieren würde. Doch er ließ sich ohne körperliche Verkrampfung locker gegen meine Brust sacken. Die erste Runde war gewonnen.
Wir gingen weiter und kamen zu einem Teich mit Goldfischen. Vom Weg war er durch ein niedriges Gitterzäunchen abgetrennt. Stephan hangelte mit seinem Arm und einem Stock hindurch, wollte das Wasser berühren. Es war nicht zu erreichen. Weder mit dem Arm noch mit dem Stock.
»Kannst du schon schwimmen?«, fragte ich ihn.
Keine Antwort. Nicht einmal ein Blick.
Der Ärmel seines Anoraks hatte sich beim Hangeln durch die Gitterstäben weit nach oben geschoben. Das Ärmchen war nackt. Ich hielt Stephan vorsichtig zurück, als er so weitergehen wollte, zog den Ärmel wieder herunter. Fühlte, dass auch der Sweatshirt-Ärmel kurz vor der Schulter eine Wulst bildete. Wühlte an seinem Arm entlang, um auch den wieder nach unten zu ziehen.
»Deine Ärmchen werden ja ganz kalt«, sagte ich dabei zu ihm. Jetzt traf mich ein erstes zaghaftes Lächeln. Ganz kurz nur. Dann drehte er ab und lief ein Stück voraus.
Als wir vor dem Lamagehege standen, streckte Stephan Martin plötzlich beide Hände entgegen. »Guck mal, die sind ganz kalt«, sagte er und sah forschend zu ihm hoch.
Martin nahm die kleinen Hände in seine. »Au ja«, bestätigte er und rieb sie kräftig. »Ich mach sie dir warm.«
Wir sahen uns an. Martin kniff mir ein Auge zu. Im Weitergehen entzog ihm Stefan nur eine seiner Hände. Von nun an gingen sie Hand in Hand. Eine erste, zarte Verbindung.
Nach dem Zoobesuch gingen wir gemeinsam essen. Stephan wünschte sich schon im Vorab »Pommes mit Ketchup!«
Wir fuhren hintereinander her zu einem nahegelegenen Restaurant, in dem es mit Sicherheit Pommes gab. Den ganzen Weg über schaute Stephan sich vom Rücksitz aus zu uns um und winkte uns in kurzen Abständen immer wieder zu.
Wesentlich ungezwungener und befreiter als noch vor gut einer Stunde betraten wir das Restaurant und bestellten zunächst etwas zu trinken. Stephan trank seine Fanta in großen Zügen bis ihm plötzlich ein gut vernehmbarer Rülpser entfuhr. Ein schneller, verlegener Blick in die Runde. Doch dann erleichtertes und beinahe stolzes Lachen, als er bemerkte, wie sehr wir uns darüber amüsierten.
Wir glaubten alle nicht daran, dass er seine Riesenportion schaffen würde, doch als schien das nicht genug zu sein, ließ er sich zwischendurch von mir noch einige Dinge von meinem Teller in den Mund stopfen. Ich ging gern darauf ein. Er aß bereitwillig alles, wies nichts zurück. Das Füttern entwickelte sich zum Spiel. Dabei strahlte er mich manchmal schon verschmitzt an. Ein richtiger kleiner Charmeur, dachte ich.
Schließlich musste ich ihn auch von seinem Teller weiter füttern. Mit dem Finger deutete er auf die Dinge, die ich auf die Gabel zu spießen hatte, grinste jedes Mal zufrieden, wenn ich seinen Anweisungen folgte. Nachdem er langsam, aber mit System (erst die Wurst und die Beilagen, dann die Pommes) seinen Teller leer gegessen hatte, durfte ich ihm auf der Toilette die Hände und das Gesichtchen abwaschen. Wasserscheu war er nicht, wie sich dabei heraus stellte. Er ließ alles zart lächelnd über sich ergehen, gab mir sogar noch den Tipp, doch etwas mehr Wasser auf unseren Papierwaschlappen zu geben.
Dies war schon längst nicht mehr der kleine, verängstigte Junge, der sich noch vor kurzer Zeit schutzsuchend eng an das Bein des Psychologen gedrückt hatte. Auch bei mir löste sich die Spannung, die sich in der Vorfreude und zu Beginn unserer Begegnung aufgebaut hatte. Ich freute mich darüber, wie sehr er mir durch diese kleine Geste den Zugang zu ihm er leichterte und damit demonstrierte, dass er für den Kontakt zu uns offen war.
Zurück an unserem Tisch fragte er uns: »Habt ihr auch ein Spielzimmer?«
»Nein, noch nicht«, antworteten wir wahrheitsgemäß, »aber wir haben ein großes Haus. Da kann man leicht eines einrichten.«
»Habt ihr auch einen Keller? Mein Papa hat im Keller immer Lampen aufgehängt. Die gingen aus und an, wenn da getanzt wurde.« Wir vermuteten: Party- oder Spielkeller.
»Nein, so einen richtigen Keller haben wir nicht. Wir wohnen in einem alten Bauernhaus. Da ist nur unter einem Zimmer, in das eine kleine Treppe führt, ein ganz niedriger Keller. Wir Großen können darin gar nicht richtig stehen, da stoßen wir uns immer den Kopf. Aber du würdest da locker rein passen.«
Er kicherte schadenfroh. Für ein Kind ist es sicher ein tolles Gefühl, wenn die Erwachsenen sich auch mal den Kopf stoßen. Dann sagte er plötzlich leise: »Meine Mama hat mich ins Kinderheim gebracht ...«
Martin und ich sahen erst uns, dann Klaus betroffen an. Von ihm wussten wir, dass Stephan so gut wie nie über seine Adoptiveltern sprach, dass er so tat, als gäbe es sie nicht. Auf diese Weise ließ er keine Trauer an sich heran, verdrängte alles, was wehtun konnte. Und nun gleich Papa und Mama? Weckten wir Assoziationen an 'Eltern' bei ihm? So traurig alles auch war, es lief offensichtlich alles so, wie wir es uns gewünscht hatten.
»Hast du nicht Lust, die beiden mal besuchen zu fahren?«, fragte Klaus ihn. »Die haben auch Tiere.«
Stephan nickte heftig.
Ich freute mich. »Das wäre toll! Ich backe uns dann leckere Nussplätzchen, ja?«
Wieder heftiges Nicken.
Beim Abschied auf dem Parkplatz hielt Stephan Martin plötzlich ganz unverhohlen seinen Mund zum Küsschen gespitzt entgegen. Martin war zunächst so verdutzt über diese unerwartete Zuneigungsbekundung, dass er einen Augenblick brauchte, um zu verstehen, was Stephan von ihm wollte. Dann beugte er sich rasch zu ihm herunter und ließ sich einen Kuss auf die Wange drücken. Auch ich bekam einen. Auf meine Bitte, ihn zurück küssen zu dürfen, hielt er mir seinen Mund hin und verlangte: »Drück mich auch!« Das machte ich gern. Spätestens ab jetzt gab es zwei Leute, die in Stephan verliebt waren.
Stephan lief nun schnell zu Klaus hinüber, drehte sich jedoch noch einmal zu uns um. »Wie oft muss ich schlafen, bis ich zu euch komme?«
Ich hielt zwei Finger in die Luft. »Zwei Mal.«
Ich traf mich mit unserer 'Elterngruppe'. Wir hatten gemeinsam die Schulungsabende des Sozialdienstes besucht und waren zu einer festen Gemeinschaft zusammengewachsen, sahen uns auch häufig privat. Reihum luden wir fünf Paare uns immer wieder gegenseitig ein, sprachen über alles, was wir dazugelernt hatten, rätselten, wer von uns wohl als erstes ein Kind bekäme, sprachen über unsere Erwartungen, Hoffnungen und Ängste.
Natürlich wünschte sich jeder von uns ein möglichst gesundes Kind, intelligent, hübsch und das Ganze möglichst schnell mit möglichst wenig Schwierigkeiten. Andererseits war uns allen klar, dass ein Kind nicht ohne Grund von der leiblichen Mutter oder von den leiblichen Eltern getrennt wurde.
Die wenigsten Schwierigkeiten vermuteten wir bei der Aufnahme eines Säuglings. So frisch aus dem Mutterleib konnte er - wie wir meinten - noch nicht allzu gravierende traumatische Erlebnisse hinter sich haben, würde relativ 'unverbaut' in unseren Haushalt überwechseln. Gedanken über genetische Dispositionen machten sich eher unsere Verwandten. Da kamen schon mal Bemerkungen wie: »Wer weiß, was ihr euch da großzieht.« oder »Die Anlagen der leiblichen Eltern werden eines Tages wieder durchbrechen, egal was ihr tut.«
Bei dem Gedanken an ein älteres Kind griffen auch unsere Ängste schon eher. Wer konnte wissen, was es in seinem Leben bereits hinter sich hatte, wie sehr es durch seine Geschichte schon geprägt war? Argumente, die oft auch von den Menschen unseres direkten Umfeldes angeführt wurden. Wir würden das Wagnis eingehen, mit einem Kind zusammenzuleben, das schon einige Jahre in einem anderen Umfeld verbracht hatte, unter Umständen schwer misshandelt worden war. Würden wir es je schaffen, sein Vertrauen zu gewinnen, seine Geschichte umzuschreiben, es voll und ganz ein Mitglied unserer Familie werden zu lassen?
Martin und ich waren bereit, dieses Wagnis einzugehen, hatten uns eine Grenze bis etwa zum dritten Lebensjahr gesteckt. Aber die teilweise um einiges jüngeren Mitbewerber unserer Gruppe gingen zunächst einmal davon aus, dass ihr Wunsch nach einem Säugling erfüllt würde.
An der Frage der körperlichen Gesundheit verschob sich bei einigen von ihnen die Grenze jedoch nach oben. Die Angst vor Erbkrankheiten, die im Säuglingsalter noch nicht diagnostiziert werden können, war für sie groß genug, dass sie - gestärkt durch das während der Schulung gewachsene Vertrauen in die eigene Fähigkeit, mit den psychischen Verkrüppelungen besser umgehen zu können - nun auch bereit waren, ein Kind bis zu drei Jahren aufzunehmen.
Für Martin und mich hatte sich das Wunschalter am Ende des Elternkurses auf drei bis fünf verschoben. Auch wir trauten uns nun zu, mit weniger persönlichen Verletzungen aggressive Übertragungen aushalten zu können. Außerdem waren wir beide in einem Alter, zu dem ein fünfjähriges Kind besser passte als ein Säugling. Mit etwa 35 Jahren hatte ich eine Eileiterschwangerschaft. Wäre alles glatt gelaufen, hätten wir nun ein leibliches Kind in diesem Alter.
Wie aber würden unsere Familien mit einem fremden Kind zurechtkommen? Würden die Großeltern es als einen Fremdkörper betrachten? Würden sie leibliche und nicht leibliche Enkel unterschiedlich behandeln?
Gerade die Vorbehalte dieser Generation waren besonders groß. Wie schon erwähnt, hatte auch ich diesbezüglich recht problematische Gespräche mit meiner Mutter hinter mir. Auch sie fürchtete, dass eventuelle negative Anlagen sich eines Tages durchsetzen könnten. Zur Bestätigung gab es etliche Beispiele, Pflege- oder Adoptivkinder, bei denen es sich - je älter sie wurden - immer deutlicher abzeichnete, dass sie aus einem anderen 'Stall' kamen.
Ich vertraute bisher immer darauf, dass der Umgang den Menschen formt, dass Pflegeeltern der Generation, die die Bedeutung der Anlagen hervor hoben, sehr viel weniger über theoretische Hintergründe, die uns in der Schulung vermittelt wurden, wussten, dass sie sehr viel rigider, als wir es tun würden, auf Anpassungsleistungen des Kindes gepocht hatten, dabei zwangsläufig Wege zur Verarbeitung traumatischer Erlebnisse verbauen mussten. Da waren für mich spätere Abbrüche geradezu vorprogrammiert. In einem Alter, in dem die Kinder der Ohnmacht und Unfähigkeit, über sich selbst zu bestimmen, entwachsen waren, musste ja der gesamte Seelenmüll an die Oberfläche drängen.
Natürlich wusste ich als Laie zu wenig über die entsprechende Diskussion zur Frage: Was wiegt schwerer, die Anlagen des Kindes, alles was es an genetischen Informationen mitbringt, oder die Art, wie mit ihm umgegangen wird, seine Sozialisation? Im Grunde wollte ich mich damit auch gar nicht beschäftigen. Ich glaubte und glaube einfach an das Gute im Menschen und daran, dass ihm Raum gegeben werden muss. Zu einer gesunden Entwicklung einer geschundenen Seele gehört zuerst ein Heilungsprozess. Barrieren müssen aus dem Weg geräumt, nicht ignoriert werden. Es ist nicht allein Sache des Kindes sich einzufügen, sondern es muss ein gemeinsamer Lernprozess stattfinden - so sah ich das, und Martin sah es genauso.
Heute waren wir zu einem Vortrag über 'Die Geschichte des Pflegekindes und ihre Auswirkung auf das Pflegeverhältnis' verabredet. Das Psychologenpaar Monika Nienstedt und Arnim Westermann aus Münster-Wolbeck referierte. Sie hatten sich seit über 15 Jahren intensiv mit Pflegekindern beschäftigt und festgestellt, dass alle neuen Bindungen in drei Phasen abliefen.
In der ersten Phase, in der sich das Kind sehr angepasst verhält, will es nicht unangenehm auffallen, da es eine neue Bindung eigentlich ja ersehnt. Viele frischgebackene Eltern machen in dieser Zeit den Fehler anzunehmen, dass ihre ausgezeichneten erzieherischen Fähigkeiten, ihre professionelle Elternausstrahlung dazu geführt hat, alles so reibungslos ablaufen zu lassen.
