Pflegekonzept Comfort - Katharine Kolcaba - E-Book

Pflegekonzept Comfort E-Book

Katharine Kolcaba

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Beschreibung

Comfort ist ein zentrales Pflegekonzept, welches das Wohlbefinden und -behagen von Menschen in den Mittelpunkt stellt und systematisch nach Möglichkeiten des Trostes und der Entspannung für erschöpfte und verletzte Menschen sucht. Das Standardwerk von Kolcaba erklärt das Konzept 'Comfort', zeigt, wie es wirkt, beschreibt Formen, Merkmale und Einflussfaktoren und zeigt, wie Pflegende Comfort fördern, evaluieren und für das Wohlbefinden von Menschen sorgen können. 'Wer innerlich Comfort empfindet, ist seelisch gestärkt. Er kann den Widrigkeiten und Herausforderungen des Lebens die Stirn bieten' Kolcaba, 2013

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EPUB
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Seitenzahl: 295

Veröffentlichungsjahr: 2014

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[1]Katharine Kolcaba

Pflegekonzept Comfort

Verlag Hans Huber

Programmbereich Pflege

Beirat

Angelika Abt-Zegelin, Dortmund

Jürgen Osterbrink, Salzburg

Doris Schaeffer, Bielefeld

Christine Sowinski, Köln

Franz Wagner, Berlin

[2][3]Katharine Kolcaba

Pflegekonzept Comfort

Theorie und Praxis der Förderung von Wohlbefinden, Trost und Entspannung in der Pflege

Aus dem Amerikanischen von Michael Herrmann

Deutschsprachige Ausgabe herausgegeben von Diana Staudacher, Jürgen Georg und Angelika Zegelin

Verlag Hans Huber

[4]Katharine Kolcaba. Dr., RN, MScN, USA

Jürgen Georg (dt. Hrsg.). RN, MScN, Pflegefachmann, -lehrer, -wissenschaftler (MScN),

Programmplaner und Redakteur beim Verlag Hans Huber, Bern

Diana Staudacher (dt. Hrsg.). Dr. phil. Freie Publizistin mit Schwerpunkt Pflege, Medizin und Gesundheit.

Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Universitätsspital Zürich.

Angelika Zegelin (dt. Hrsg.). Hon.-Prof. Dr., Krankenschwester, Lehrerin für Pflegeberufe, Mag. Erziehungswissenschaft. Pflegewissenschaftlerin und Curriculumsbeauftragte an der Uni Witten-Herdecke. Honorarprofessorin an der Fachhochschule Rheine.

Lektorat: Jürgen Georg, Diana Staudacher, Andrea Weberschinke

Herstellung: Daniel Berger

Titelillustration: pinx. Winterwerb und Partner, Design-Büro, Wiesbaden

Umschlag: Claude Borer, Basel

Satz: Claudia Wild, Konstanz

Druck und buchbinderische Verarbeitung: AZ Druck und Datentechnik GmbH, Kempten

Printed in Germany

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtes ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Kopien und Vervielfältigungen zu Lehr- und Unterrichtszwecken, Übersetzungen, Mikroverfilmungen sowie die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Die Verfasser haben größte Mühe darauf verwandt, dass die therapeutischen Angaben insbesondere von Medikamenten, ihre Dosierungen und Applikationen dem jeweiligen Wissensstand bei der Fertigstellung des Werkes entsprechen.

Da jedoch die Pflege und Medizin als Wissenschaft ständig im Fluss sind, da menschliche Irrtümer und Druckfehler nie völlig auszuschließen sind, übernimmt der Verlag für derartige Angaben keine Gewähr. Jeder Anwender ist daher dringend aufgefordert, alle Angaben in eigener Verantwortung auf ihre Richtigkeit zu überprüfen.

Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen oder Warenbezeichnungen in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen-Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürfen.

Anregungen und Zuschriften bitte an:

Verlag Hans Huber

Lektorat: Pflege

Länggass-Strasse 76

CH-3000 Bern 9

Tel: 0041 (0)31 300 45 00

Fax: 0041 (0)31 300 45 93

[email protected]

www.verlag-hanshuber.com

Das vorliegende Buch ist eine Übersetzung aus dem Amerikanischen.

Der Originaltitel lautet «Comfort Theory and Practice» von Katharine Kolcaba.

© 2002. Springer Publishing Company, New York

© der deutschsprachigen Ausgabe 2014 by Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern.

(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-95193-5)

(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-75193-1)

ISBN 978-3-456-85193-8

eBook-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheimwww.brocom.de

[5]Inhaltsverzeichnis

Geleitwort der amerikanischen Ausgabe

Geleitwort der deutschen Herausgeber

Vorwort

Danksagung

Kapitel 1 – Comfort als Herzstück der Pflege

– Das Wesentliche der Pflegepraxis

Sensibilität für die Bedürfnisse der Patienten

– Comfort als wünschenswerter Zustand

– Comfort als Bezugsrahmen der Pflege

Aspekte des Comfort-Begriffs

Drei Arten von Comfort

– Physischer und psychischer Comfort

– Die Comfort-Klassifikation

Die Comfort-Erlebensbereiche

– Physischer Comfort

– Psychospiritueller Comfort

– Umgebungsbezogener Comfort

– Soziokultureller Comfort

Die Comfort-Definition

Gedanken zum Comfort-Zitat (Kap. 1)

Kapitel 2 – Der pflegerische Auftrag

Comfort als Wert in der Pflege

Pflegewissenschaftliche Impulse für Comfort

– Tröstende Interventionen: Janice Morse

– Die helfende Rolle der Pflegenden: Patricia Benner

– Comfort vermitteln als Ziel der Pflege: Denise Rankin-Box

– Comfort im Spiegel der Kunst: Marilyn Donahue

– Comfort in der häuslichen Pflege: Dawn Arrington und Karen Walborn

– Comfort in der Geburtshilfe: Claire Andrews und Maureen Chrzanowski

– Comfort bei chronischer Krankheit: Joan Hamilton

– Comfort als primäres Patientenziel: Elise Gropper

– Transkulturelle Aspekte von Comfort: Eloita Neves-Arruda

Zusammenfassung der Erkenntnisse

Comfort dringt an die Spitze des Pflegebewusstseins

Gedanken zum Comfort-Zitat (Kap. 2)

[6]Kapitel 3 – Comfort messen

Konzeptuelle Fragen

Comfort im onkologischen Setting

Comfort-Datenanalyse

Comfort-Sekundäranalyse

Comfort-Verhältnisgleichung

Qualitative Comfort-Daten

Methodische Empfehlungen für Comfort-Studien

Comfort in Ihrer eigenen Population messen

Gedanken zum Comfort-Zitat (Kap. 3)

Kapitel 4 – Philosophische Perspektiven

Personale Ganzheitlichkeit

Ganzheitliche Interventionen

– Ein Patientenbeispiel

– Menschliche Umweltfaktoren

– Comfort-bezogene Pflegetheorien

– Das Comfort-Metaparadigma

Gedanken zum Comfort-Zitat (Kap. 4)

Kapitel 5 – Die Comfort-Theorie

Comfort als Theorie mittlerer Reichweite

– Der konzeptuelle Bezugsrahmen

Drei Arten von Comfort-Maßnahmen

Gedanken zum Comfort-Zitat (Kap. 5)

Kapitel 6 – Comfort-Merkmale

Comfort-Charakteristika

Comfort-Konzeptanalyse

Anwendungsweisen des Comfort-Begriffs

Ein Comfort-Modellfall

Ein Comfort-Grenzfall

Ein verwandter Fall

Ein Gegenfall

Ergebnis der Comfort-Fallanalysen

Comfort-Antezedenzien

Comfort-Konsequenzen

Comfort-Referenzobjekte

Gedanken zum Comfort-Zitat (Kap. 6)

Kapitel 7 – Comfort-Studien

Konzeptuelle und operationelle Comfort-Definitionen

Quantitative Comfort-Studien

– Die Comfort-Koronarangiographie-Studie

– Die Comfort-Harninkontinenz-Studie

– Die Comfort-Wehen-Studie

[7]Leitprinzipien für Comfort-Studien

– Kongruenz sicherstellen

– Der Alpha-Koeffizient in Comfort-Studien

– Comfort-Teststatistik

– Bias in Comfort-Studien

Gedanken zum Comfort-Zitat (Kap. 7)

Kapitel 8 – Comfort Care-Ethik

– Der Ruf über die Pflicht hinaus

Comfort als Leitprinzip einer Ethik der Gesundheitsversorgung

Eine Ethik der Benefizienz im Zeichen von Comfort

– Erhöhte Patientenautonomie durch Comfort Care

Ethische Fallstudie 1

– Comfort Care als Entscheidungsprinzip

Comfort Care am Ende des Lebens

– Ein friedlicher Tod

– Comfort als Ausdruck der Hoffnung am Ende des Lebens

Ethische Fallstudie 2

Eine Ethik der Fürsorge und des Mitgefühls

Unvergessliche Pflegepersonen

Gedanken zum Comfort-Zitat (Kap. 8)

Kapitel 9 – «Institutionelle Integrität» als Rahmen für Comfort Care

Comfort im Rahmen der Ergebnisforschung

Definition der «Institutionellen Integrität»

«Institutionelle Integrität» operationalisieren

Pflegesensitive Comfort-bezogene Ergebnisse

Comfort in die Ergebnismessung einbeziehen

Comfort-bezogene pflegerische Produktivität messen

Klinische Praxisleitlinien für Schmerz und Comfort

– Die Beziehung zwischen Schmerz und Comfort

– Schmerzmanagement mit Comfort verbinden

Modelle «Institutioneller Integrität»

– Comfort-zentrierte Hospizpflege

– Comfort-zentrierte geriatrische Akutversorgung

– Umgebungsbezogener Comfort in der Geriatrie

– Comfort-bezogene Pflegerichtlinien in der Geriatrie

– Perspektiven der Comfort-zentrierten Geriatrie

– Comfort-zentrierte Gemeindepflege

– Ein Comfort-Projekt in der Gemeindepflege

Comfort für Pflegende

Gedanken zum Comfort-Zitat (Kap. 9)

[8]Kapitel 10 – Comfort-Zukunftsvisionen

Comfort auf Patientenebene

Comfort auf institutioneller Ebene

Comfort auf kommunaler Ebene

Comfort auf nationaler Ebene

Comfort auf globaler Ebene

– Comfort auf transkultureller Ebene

Comfort-Arbeit für die Zukunft

Gedanken zum Comfort-Zitat (Kap. 10)

Literaturverzeichnis

Anhang A – Häufig gestellte Fragen zu Comfort

Theoretische Entwicklung

Ausbildung und Praxis

Forschung

Anhang B – Evaluation der Comfort-Theorie

Klarheit

Einfachheit

Allgemeingültigkeit

Empirische Präzision

Konsequenzen

Anhang C – Allgemeiner Comfort-Fragebogen

Anhang D – Comfort-Strahlentherapie-Fragebogen

Anhang E – Perioperativer Comfort-Fragebogen

Anhang F – Comfort-Hospiz-Fragebogen (für Patienten)

Anhang G – Visuelle Analogskalen

Anhang H – Der modifizierte Karnofsky-Index

Anhang I – ICN-Ethikkodex für Pflegende

Anhang J – Charta der Rechte für hilfe- und pflegebedürftige Menschen

Anhang K – Comfort und Comfortförderung in Pflegeklassifikationen und im Pflegeprozess Jürgen Georg

Einführung und Übersicht

Bedeutung, alltagssprachlicher Gebrauch und Herkunft des Wortes

Klassifikatorische Zuordnung

Pflegemodelle und Comfort

– Comfort, fördernde Prozesspflege und ABEDLs

– Comfort und funktionelle Gesundheitsverhaltensmuster

Comfort im Pflegeprozess

– Comfort und Pflegeassessment

– Comfort, Pflegediagnosen und -diagnostik

– Pflegeentscheidungen – Pflegeziele und -ergebnisse

– Pflegeinterventionen zur Comfort-Förderung

[9]Ausblick

Literatur

Autorin

HerausgeberInnen der deutschen Ausgabe

Abkürzungsverzeichnis

Sachwortverzeichnis

[10][11]Geleitwort der amerikanischen Ausgabe

Dr. Katharine Kolcaba arbeitet seit 1987 an einer Theorie, die das Ziel hat, Comfort für Patienten zu gewährleisten. Die Liste ihrer Publikationen ist zugleich die Chronik des Konzeptentwicklungsprozesses ihrer Comfort-Theorie. Dr. Kolcaba beginnt dieses Buch, indem sie Comfort aus der Sicht des Patienten definiert. Dann stellt sie ein Messsystem vor, das zur Validierung dieses Begriffs dient. Sie arbeitet heraus, wie bedeutsam Comfort im größeren Zusammenhang einer Theorie der Gesundheitsversorgung für das 21. Jahrhundert ist.

Dieses Buch bietet eine Grundlage, um die Comfort-Theorie anzuwenden – in der Praxis, in der Ausbildung, in der Forschung und im Qualitätsmanagement.

Es ist ein integraler Bestandteil der Pflege, Patienten Comfort zu vermitteln. Comfort verbindet Caring mit den physischen, psychischen und spirituellen Aspekten der Patientenversorgung.

Dr. Kolcaba versteht Comfort für Patienten als ein sehr komplexes, reichhaltiges, geschätztes und für die Gesundheitsversorgung nützliches Konzept. Die energiespendende Eigenschaft von Comfort ist besonders wichtig für Patienten, die anstrengende Therapien oder Rehabilitationsprogramme bewältigen müssen oder friedvoll sterben möchten.

Wie Dr. Kolcaba darlegt, geht es Patienten, die Comfort erleben, besser und sie werden schneller wieder gesund, wodurch wertvolle finanzielle Mittel eingespart werden können.

Höheres Comfort-Erleben als unmittelbares, wünschenswertes Pflegeergebnis hängt zusammen mit gesundheitsförderlichen Verhaltensweisen. Diese werden positiv beeinflusst durch «institutionelle Integrität» (Werte, finanzielle Stabilität und ein ganzheitlicher Ansatz der Gesundheitsversorgung). Organisationen des Gesundheitswesens möchten auch in Zeiten sinkender personaler und finanzieller Ressourcen ein hohes Versorgungsniveau aufrechterhalten. Für sie stellt der Comfort Care-Ansatz ein kosteneffektives Modell dar. Der Comfort- Bezugsrahmen bietet Pflegenden und anderen Mitgliedern des Gesundheitsversorgungsteams eine Leitlinie für das ganzheitliche Assessment sowie ein Konzept für die Intervention, Evaluation und Planung der Patientenversorgung.

Darüber hinaus empfiehlt Dr. Kolcaba, ein Arbeitsumfeld zu gestalten, das auch Pflegenden eine Atmosphäre von Comfort bieten kann. Dies steigert ihre Ressourcen und befähigt sie, ihrerseits Comfort für Patienten zu erhöhen.

Comfort für Pflegende umfasst u.a. folgende Komponenten: Autonomie, eine Personalausstattung in Übereinstimmung mit Best-Practice-Modellen, Unterstützung durch das Management, Fortbildung und einfühlsame Patientenedukation.

Es ist mir eine Ehre und zugleich eine große Freude, dieses Werk allen Pflegenden und Mitarbeitenden im Gesundheitswesen zu empfehlen, die Patienten versorgen und denen diese Patienten etwas bedeuten.

May Wykle, RN, PhD, FAAN

Dekanin, The Frances Payne Bolton School of Nursing

Case Western Reserve University Cleveland, Ohio

[12][13]Geleitwort der deutschen Herausgeber Comfort – die «Spitze des Pflegebewusstseins»

Zur Aktualität und Bedeutsamkeit von Comfort Care für die Pflege

Diana Staudacher

Comfort als höchster Wert der Pflege

Inmitten einer seelischen Krisensituation auf einmal Sicherheit und Halt erleben, mitten im Schmerz unerwartet Linderung empfinden, im Fieber von einer Minute zur anderen Kühlung spüren – dies bezeichnet Katherine Kolcaba als das Erleben von Comfort. Das Empfinden eines seelisch und körperlich angenehmen, entspannenden und energiespendenden Zustands zeigt sich als Lebensnotwendigkeit und als Grunddimension des heilenden Geschehens. Nicht das Beseitigen von Schmerz und Leiden, nicht das Lindern von Symptomen ist das primäre Ziel der Pflege, sondern das Vermitteln eines positiven, vitalisierenden Empfindungszustands für Körper und Seele. Das Erleben von Comfort erweist sich als wichtiger Moment in Krankheitsund Leidenssituationen. Durch Comfort kann eine Person im Zustand äußerster Verletzlichkeit, Schwäche und Bedürftigkeit für Augenblicke, Minuten oder Stunden wieder Lebensenergie, Bewältigungskraft und ein gestärktes Selbstempfinden spüren. Dies ermöglicht ihr, einen Leidenszustand zu durchbrechen, heilsame Sinneserfahrungen zu erleben und Hoffnung zu schöpfen. So verbindet Comfort Care Situationen äußerster Negativität mit dem Empfinden maximaler Positivität. Dank dieses positiven Erlebens kann ein Mensch zeitweise seine Leidenssituation loslassen und sich «über seine Situation erheben». Kranksein und Heilsein sind nicht mehr voneinander getrennte Welten – sie durchdringen einander.

Als Katherine Kolcaba begann, Pflegende für Comfort zu sensibilisieren, war noch nicht bekannt, welche biologischen Wirkungsweisen dem Erleben von Comfort zugrundeliegen. Erst heute, zwanzig Jahre nach dem Entstehen dieser Theorie, können wir ihre Bedeutung für die professionelle Pflege wertschätzen und ihre biologischen Grundlagen beschreiben.

Die therapeutische Kraft von Comfort Care beruht darauf, in einem verletzten oder erschöpften Organismus Entspannungszustände auszulösen (Esch & Stefano, 2010). Die Entspannungsreaktion («relaxation response») ist dem Menschen angeboren und dient seinem Überleben. Denn sie bildet das biologische Gegenwicht zur anhaltenden Stressreaktion («stress response»), in der sich ein erkrankter und verletzter Körper befindet (McEwen, 2012).

Im Entspannungszustand aktiviert der Organismus spezifische Stoffe, die den Stresshormonen Cortisol und Noradrenalin direkt entgegenwirken. Zugleich werden körpereigene «Beruhigungsmittel» aktiviert («endogene Opiate»), die schmerz- und angstlindernd wirken (Esch & Stefano, 2010). Eine vitalisierende, stimmungserhellende Kraft geht von Dopamin aus. Dessen Konzentration steigt im Entspannungszustand[14] um 65 % an (Rubia, 2009). Dopamin aktiviert motivationsbezogene Gehirnbereiche, wirkt stimmungsstabilisierend und zugleich antidepressiv. Somit aktiviert die Entspannungsreaktion das körpereigene Selbstheilungspotenzial in Belastungssituationen (Esch et al., 2003) und gewährleistet das biologische Gleichgewicht (Homöostase).

Wie keine andere Pflegetheorie steht Comfort Care im Einklang mit dem aktuellen Wissen über den Einfluss therapeutischen Handelns auf physiologische Homöostase-Prozesse: «Das Erleben feinfühliger Zuwendung und Pflege führt dazu, dass der Organismus weniger Stresshormone ausschüttet und das Nervensystem sein Gleichgewicht (Homöostase) aufrechterhalten kann» (Adler, 2002, 883). Vor dem Hintergrund dieser Forschungsergebnisse zeigt sich, welches therapeutische Potenzial das Comfort-Pflegekonzept besitzt.

Entspannung als heilsame Grunddimension

«Wer innerlich Comfort empfindet, ist seelisch gestärkt. Er kann den Widrigkeiten und Herausforderungen des Lebens die Stirn bieten» (Kolcaba, 2013). Diese Aussage verdeutlicht eines der wichtigsten Anliegen von Comfort Care: Die seelische Widerstandskraft der Patienten in Leidenssituationen zu steigern. Wechselwirkungen zwischen körperlichen, innerseelischen und sozialen Vorgängen erhalten somit hohe Aufmerksamkeit im Comfort-Pflegekonzept. Dies hat bedeutsame Folgen für die Pflegepraxis. Zu den zentralen Aufgaben der Pflegenden gehört die «Positivierung des Patientenzustands» – in körperlicher, seelischer, spiritueller und umgebungsbezogener Hinsicht. «Positivierung» meint «mehr als die Abwesenheit von Schmerz, Leiden und Symptomen»: Ziel ist das Erleben tiefer seelischer Sicherheit, das Gefühl, feinfühlig verstanden zu werden, das Empfinden von Zuversicht und Vertrauen. Solche Erfahrungen erleben Patienten als existenziell tragend. Sie ermöglichen ihnen, eine positive Beziehung zum Dasein aufrecht zu erhalten – selbst in extrem belastenden Situationen und Krankheitsphasen. Das Erleben von Comfort kann sie davor schützen, an ihrer Situation zu zerbrechen.

Comfort Care sorgt dafür, dass Patienten heilsame Gegenerfahrungen zu körperlichem und seelischem Belastungserleben machen können. Comfort-Interventionen gleichen negative Empfindungszustände durch positive aus. Dank aktueller biologischer Forschungsarbeiten können wir nachvollziehen, wie Comfort-Interventionen physiologisch wirken:

Sie lösen einen Wechsel zur parasympathischen Aktivität des Nervensystems aus. Atem-, Herz- und Pulsfrequenz verlangsamen sich, der Tonus von Zellwänden und Muskeln lässt nach: Die stressbedingte Sympathicus-Reaktion klingt ab (Esch & Stefano, 2010).

Ein physiologischer Ruhezustand tritt ein, der durch Alpha- und Theta-Wellen im EEG erkennbar ist (Esch et al., 2003).

Die linke Gehirnhälfte ist stärker aktiviert, wodurch Wahrnehmungsreize als positiv und angenehm bewertet werden (Davidson et al., 2003).

Im Entspannungszustand setzt der Körper Stoffe frei, die aggressive Sauerstoffradikale daran hindern, in Zellkerne einzudringen und dort Schäden auszulösen («oxidativer Stress»). Der Organismus ist geschützt vor Entzündungsprozessen, Tumorbildung und vorzeitiger Zellalterung (Esch & Stefano, 2010). Erst unter diesen Bedingungen kann er sich regenerieren und Ressourcen aufbauen.

Diese physiologischen Eigenschaften des Entspannungszustandes liegen der Wirkungsweise von Comfort Care zugrunde. Das Comfort- Pflegekonzept ermöglicht, die Entspannungsreaktion als heilsame Grunddimension zum Tragen zu bringen. Umso wichtiger ist es, Comfort als ressourcenzentriertes Konzept ins Zentrum des professionellen Pflegeverständnisses zu rücken.

[15]«Inseln der Ruhe» als Energiequellen

Als «Insel der Ruhe und Resilienz» dient das parasympatische Nervensystem (Porges, 2011). Der Parasympathicus gilt als «Ruhenerv». Er gewährleistet Ausgeglichenheit und schont den Organismus. Somit ermöglicht er regenerative und ressourcenbildende Prozesse («trophotrope Wirksamkeit»). Diese können in Situationen erhöhter seelischer und körperlicher Belastung hohe Priorität haben. Eine überwiegend symptomlindernde Pflege kann diesen regenerativen Bedürfnissen nicht umfassend gerecht werden. Interventionen, die Entspannungszustände auslösen und eine parasympatische Aktivität einleiten, gelten deshalb als «relevante therapeutische Instrumente», besonders bei kardiovaskulären, neurodegenerativen und psychischen Erkrankungen (Esch et al., 2003). Das Comfort-Konzept bietet Pflegenden die Möglichkeit, «Insel der Ruhe» und Regenation für Patienten zu gestalten und dabei das komplexe Zusammenspiel zwischen dem parasympatischem und sympatischem Nervensystem in die Pflege einzubeziehen.

Katherine Kolcaba weist wiederholt auf die «energiespendende, vitalisierende» Wirkkraft von Comfort Care hin. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, welche biologischen Ursachen dafür verantwortlich sein könnten. Die Energieleistung der Zellen steigt im Entspannungszustand (Bhasin, 2013). Eine Schlüsselrolle spielen hierbei die «Energiekraftwerke» der Körperzellen, die Mitochondrien. Sie stellen dem Körper im entspannten Zustand mehr Energie zur Verfügung: «Mitochondrien helfen den Zellen, Stressoren standzuhalten. […] Sie fördern die Widerstandskraft der Zellen und darüber hinaus die Widerstandskraft des gesamten Organismus» (Bhasin, 2013, 11). Comfort-Interventi- onen mit entspannender Wirkung können nicht nur Zellprozesse beeinflussen. Auch das emotionale Erleben der Patienten positiviert sich. Dies hat weitreichende Folgen für die Kognition und das Bewältigungsvermögen eines Patienten. Ein angenehmer Empfindungszustand

löst ein ganzheitliches, tiefgreifendes Sicherheitserleben aus (Gasper & Clore, 2000).

erweitert den Denk- und Handlungshorizont (Fredrickson, 2001).

regt flexible, kreative Gedankengänge an (Fredrickson, 2001).

ermöglicht, aktiv mit einer Situation umzugehen, sich Problemen zu stellen, statt auszuweichen (Jackson et al., 2003).

führt dazu, auch in extremen Belastungssituationen einen positiven Sinn zu finden (Jackson et al., 2003).

Die Konzentration auf positives seelisches Erleben und Resilienz macht Comfort Care in besonderer Weise wertvoll für drei spezifische Patientengruppen: Personen mit chronischen Krankheiten, geriatrische und palliative Patienten.

Comfort im Rahmen eines systemischen Krankheitsverständnisses

Comfort Care sensibilisiert das pflegerische Denken und Handeln für die komplexen Wechselwirkungen zwischen seelischem Erleben und körperlichen Reaktionen. So kann das Comfort-Pflegekonzept in einzigartiger Weise einem integrativen Krankheitsverständnis entsprechen: Erkrankungen sind keine «Störungen», sondern der Versuch des Organismus, eine extreme Belastungssituation zu bewältigen (McEwen, 2012). Ein Krankheitsgeschehen setzt ein, wenn der Mensch allzu häufig, allzu stark oder allzu lange Zeit Situationen ausgesetzt ist, die Stressreaktionen auslösen. Dadurch ist das sympathische Nervensystem dauerhaft erregt. Der Körper ist ständig angespannt und hohen Mengen an Stresshormonen ausgesetzt, die schädliche Reaktionsketten anregen (McEwen, 2012):

Entzündungsprozesse werden ausgelöst und lassen sich nicht mehr regulieren (Cohen[16] et al., 2012). Entzündungsförderliche Stoffe (Zytokine) können auch zur Entstehung von Depression beitragen (Krishandas & Cavanagh, 2012).

Nervenzellen sterben ab und neue Nervenzellen können sich nicht mehr bilden (McEwen & Gianaros, 2011).

Im Zellkern wird die Erbsubstanz geschädigt: vorzeitige Zellalterungsprozesse finden statt (McEwen & Gianaros, 2011).

das Risiko tumorbildender Prozesse steigt (Antoni et al., 2006).

das Herz ist belastet, der Blutdruck erhöht sich, das Angsterleben intensiviert sich (Porges, 2011): kardiovaskuläre und neurodegenerative Krankheitsprozesse beginnen.

das Immunsystem ist geschwächt (McEwen, 2012).

Dieses integrativ-systemische Krankheitsverständnis erfordert ein Pflegekonzept, das auf den fein abgestimmten Dialog zwischen Nerven-, Hormon- und Immunsystem abgestimmt ist. Diesem Anspruch kann Comfort Care entsprechen – durch Interventionen, die möglichst genau dem momentanen Aktivierungsgrad des sympatischen bzw. parasympatischen Nervensystem entsprechen.

Comfort Care an der Grenzen zwischen Körper und Seele

«Der eigentliche Zweck der Pflege besteht darin, Comfort für Patienten zu fördern statt nur Caring (Fürsorge) zu leisten», betonte die Pflegewissenschaftlerin Janice Morse (Morse, 1992, 92). Diese Aussage ist heute aktueller als jemals zuvor. Caring ist primär auf das Handeln der Pflegenden bezogen. Comfort hingegen konzentriert sich auf das Erleben der Patienten und orientiert sich konsequent an ihrer Perspektive.

Katherine Kolcaba betont jedoch, dass das Comfort-Konzept stets Caring voraussetzt: «Der Begriff Comfort Care ist eine dynamische Kombination aus Comfort und Care. Beide fügen sich zu einem ganzheitlichen Bild gesundheitsbezogener Unterstützung zusammen, wobei Comfort das Ziel (Substantiv) und die Art der geleisteten Versorgung (Adjektiv) ist. Der Begriff Care steht für intensive Zuwendung zum Patienten (Substantiv) und umfasst zugleich eine Handlung (Verb): sich kümmern um. In diesem Bezugsrahmen leisten Menschen Fürsorge für das spezifische Ziel, Comfort für Patienten zu erhöhen» (Kolcaba, 2013).

Caring bildet somit ein zentrales Wirksamkeitselement von Comfort Care: «Um Comfort zu erhöhen, muss die Pflegeperson eine Intervention auf fürsorgliche Weise durchführen» (Kolcaba, 2013). Jedes pflegerische Tun sollte von Caring durchdrungen sein, wie Katherine Kolcaba betont. So können fürsorglich gestaltete körperbezogene Interventionen auf das seelische Erleben einwirken. Entscheidenden Stellenwert haben deshalb Interventionen, die Katherine Kolcaba als «Comfort für die Seele» bezeichnet. Darunter versteht sie beispielsweise Maßnahmen wie Massage oder «Therapeutic Touch». Wie die Forschung zeigt, greifen diese Interventionen tief in die Physiologie ein: Sie aktivieren nicht nur Gene, die Zellheilungsprozesse anregen und Entzündungsprozesse begrenzen (Crane, 2012). Berührungsreize an der Haut bewirken auch, dass das Hormon Oxytocin freigesetzt wird (Morhenn et al., 2012). Es beruhigt, senkt die Konzentration des Stresshormons Cortisol und löst Sicherheitsempfinden aus.

Wie entscheidend Caring für das Comfort-Konzept ist, zeigt die Reichweite des pflegerischen Auftrags, «umgebungsbezogenen Comfort» zu verwirklichen: Die Pflegeperson selbst ist die schützende, haltende und heilsame Umwelt für den erkrankten Menschen (Watson, 1979). Sie gestaltet den Erfahrungsraum, der ihm ein Empfinden von Integrität verleihen kann – trotz Krankheit, Schmerz und Leiden.

Erkennen Pflegende die Comfort-Bedürfnisse eines Menschen, können sie eine individuell passende Umwelt für ihn gestalten: Organismus und Umwelt ergänzen einander (Uexküll, 2002).

[17]Comfort und Caring – Hand in Hand

In Krankheits- und Leidessituationen reagieren Menschen mit einem angeborenen Bindungsbedürfnis (Grossmann, 2003). Caring lässt sich somit sinnvoll im Rahmen der Bindungstheorie erklären. Die Qualität einer tragenden, sicherheitsgebenden Bindung setzt maximale «Feinfühligkeit» der Bindungsperson voraus (Grossmann, 2003). Verstehen wir Caring als Ausdruck pflegerischer «Feinfühligkeit», setzt Comfort Care folgende Fähigkeiten voraus: Die Pflegeperson

hat eine geschärfte Wahrnehmung für den körperlichen und seelischen Zustand des Patienten. Dies bildet die Grundlage, um empathisch reagieren zu können.

erkennt Signale von Übererregung, erhöhter Spannung sowie Anzeichen innerer Not und Verzweiflung.

vermittelt emotionale Resonanz, indem sie den Empfindungszustand des Patienten «mit ihm teilt» und ihm zurückspiegelt.

negative Zustände möglichst rasch positiviert. Dies ist erforderlich aufgrund der krankheitsbedingt veränderten Emotionsregulation: In Krisen- und Leidenssituationen ist die rechte Gehirnhälfte stark aktiviert. Dadurch werden Wahrnehmungseindrücke überwiegend negativ gedeutet («Persistenz des negativen Affekts», Davidson et al., 2002). Dieser Zustand ist aus eigener Kraft nicht überwindbar. Er kann nur durch einen anderen Menschen unterbrochen und positiviert werden («externe Emotionsregulation»).

Die Wirkungskraft des Caring hat tiefe biologische Wurzeln: Das Erleben einfühlsamer und fürsorglicher Zuwendung aktiviert das Hormon Oxytocin (Rodriguez et al., 2009). Es wirkt beruhigend auf angstbezogene Gehirngebiete (Heinrichs et al. 2003), lässt die Stressreaktion abklingen und löst Vertrauen aus (Bartz & Hollander, 2006). Das Erleben fürsorglicher Comfort-Interventionen wirkt wie eine Schutzhülle für den Organismus in Belastungssituationen. Denn das menschliche Gehirn ist ein «soziales Organ» (Frith, 2007): Mitmenschliche Nähe und therapeutische Zuwendung führen dazu, dass das Gehirn körperlich schmerzhafte und seelisch belastende Sinneseindrücke anders bewertet. Nervenzellnetze werden in abgeschwächter Weise aktiviert («attenuation» «neuronale Abschwächung») (Cassidy & Shaver, 2008). Belastungserleben kann dank sozialer Zuwendung rational und nicht emotional bewertet werden (Taylor, 2008). Dadurch bleiben schädliche stressbedingte Reaktionsketten aus (Entzündung, Zellalterung, Tumorbildung, Veränderungen des Immunsystems). Panisches Bedrohungserleben tritt nicht ein. Somit ist der Körper vor einem hochgradigen Erregungszustand geschützt (McEwen, 2012).

Spirituelle Bedürfnisse erhalten hohe Aufmerksamkeit im Rahmen von Comfort Care. Menschen können Spiritualität als eine Form der Fürsorge und Zuwendung erleben, die stärker und unerschütterlicher ist als menschliche Hilfe (Granqvist et al., 2013).

Das Bezogensein auf eine Macht, die grösser ist als das eigene Selbst, vermag absolute Sicherheit zu vermitteln. Dank einer tiefen spirituellen Bindung kann es Menschen gelingen, sich selbst und ihre Situation «loszulassen». Dieses befrei- end-«transzendierende» Erleben löst im Organismus eine überwiegend parasympatische Aktivität aus: Entspannung und ein «tiefes Empfinden innerer Ruhe» treten ein (Mohandas, 2008). Spirituelles Erleben hat sich als bedeutsame Quelle der Resilienz erwiesen. Es ist u.a. verbunden mit deutlich weniger Stresserleben (erniedrigte Cortisol-Konzentration) und Schutz vor Depression. Eine gesteigerte Selbstkohärenz wird möglich (Lawler & Younger, 2002).

Diese Forschungsergebnisse belegen eindrucksvoll die Notwendigkeit integrativer Pflegekonzepte: Um das organische Leben zu erhalten, brauchen Menschen unterstützendes soziales, seelisches und spirituelles Erleben (Barchas, 2011). Im Licht dieses ganzheitlich vertieften Betreuungsverständnisses stellt[18]Comfort Care tatsächlich «die Spitze des Pflegebewusstseins» (Kolcaba, 2003) dar.

Ein Ruf über die Pflicht hinaus

«Wer Comfort Care praktiziert, lebt eine Ethik, die danach strebt, das ‹ethisch Gute› für den Patienten zu bewirken» (Kolcaba, 2013). Katherine Kolcaba erinnert daran, dass pflegerisches Handeln immer eine ethische Dimension hat. Ethisches Handeln beruht jedoch nicht nur auf Pflichten und Regeln. Es gründet wesentlich in der inneren Haltung der pflegerischen Persönlichkeit, die «das Gute» für den Patienten anstrebt und verwirklicht.

«Handle so, dass Du für den einzelnen Patienten ein maximal positives Erleben bewirken kannst – in körperlicher, seelischer, spiritueller und umgebungsbezogener Hinsicht».

Im Rahmen von Comfort Care besteht das «ethisch Gute» darin, Comfort für den individuellen Patienten zu verwirklichen. Dies setzt eine ausgeprägte «ethische Sensibilität» (Weaver, 2000) voraus – die Fähigkeit, sich in das Erleben, Denken und Fühlen des Patienten hineinzuversetzen: «Wir können nicht wissen, worin das Wohl des anderen besteht. Dennoch sollten wir uns darum bemühen, die Perspektive der anderen Person einzunehmen und uns von ihrer Sichtweise der Realität leiten zu lassen. Welche Handlungen erhöhen den Comfort eines Patienten tatsächlich?» (Kolcaba, 2013). Dies könnte zur Leitfrage ethischer Entscheidungsfindungsprozesse in der Pflege werden. Dann lassen sich «alle Behandlungsentscheidungen danach beurteilen, ob sie Comfort für den Patienten fördern können» (Kolcaba, 2013). Das handlungsleitende Prinzip von Comfort Care könnte dann lauten: «Handle so, dass Du für den einzelnen Patienten ein maximal positives Erleben bewirken kannst – in körperlicher, seelischer, spiritueller und umgebungsbezogener Hinsicht». Dieses Prinzip darf niemals verletzt werden. Comfort-Interventionen hätten somit aus ethischen Gründen höchste Priorität. Sie zu unterlassen, wäre ethisch nicht zu verantworten. In der klinischen Realität wird jedoch allzu oft «bei fehlenden Ressourcen … das ethisch gute Handeln geopfert zugunsten näherliegender, dringender Verpflichtungen». Da Kliniken vor allem wirtschaftliche Prioritäten setzen, ist es umso wichtiger, dass «Comfort als Wert für Patienten bei Leitungspersonen in Kliniken und Institutionen eine hohe Priorität hat» (Kolcaba, 2013).

Katherine Kolcaba ruft deshalb Pflegefachpersonen dazu auf, «Comfort höhere Priorität zu verleihen». Dieses Engagement ist notwendig, denn «Comfort, Caring und Empathie für Patienten sind nicht im Ethikkodex der Pflege enthalten» (Kolcaba, 2013).

Comfort Care umfasst mehr als eine «Ethik der Pflicht»: Sie ist ein «Ruf über die Pflicht hinaus» und beruht auf der Bereitschaft der Pflegenden, im Einsatz «für die Verwirklichung des Guten Verwundungen hinzunehmen» (Pieper, 2000). Katherine Kolcaba hebt hervor, dass Comfort Care «verbunden ist mit Tugenden wie außerordentliches Durchhaltevermögen, Hingabe, äußerstes Mitgefühl, Vorbildlichkeit und hohe Achtung vor Mitmenschen. Pflegende zeigen also ein Handeln jenseits des Erwarteten und jenseits dessen, wozu sich die meisten Menschen im Stande sehen» (Kolcaba, 2013).

Somit stellt Comfort Care nicht nur die «Spitze des Pflegebewusstseins» dar, sondern auch die «Spitze der Pflege-Ethik».

«Ethisch besonders bewusste Pflegende» nennt Katherine Kolcaba «unvergessliche Pflegende» (Kolcaba, 2013). Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie trotz vielfältiger Hindernisse Comfort für Patienten bewirken können. Sie machen den Weg frei für Comfort als Höchstwert der Pflege. Es bleibt zu wünschen, dass Comfort Care auch für Pflegende im deutschsprachigen Raum eine Inspiration sein kann – zum Besten der Patientinnen und Patienten.

[19]Referenzen

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[21]Vorwort

Dieses Buch ist die Summe meiner Arbeiten zu Comfort für Patienten. Darin wende ich mich an Pflegende und Mitarbeitende des Gesundheitsversorgungsteams, die eine Comfort-orientierte, theoriebasierte Praxis als wertvoll erachten – für Patienten, für Pflegende und für das Gesundheitswesen. Ich habe versucht, dieses Buch persönlich und nutzerfreundlich zu gestalten. Es soll das Selbstvertrauen der Pflegenden stärken.

Viele Autorinnen aus der Pflege und ergänzenden Disziplinen haben zu meiner Comfort- Theorie beigetragen. Auf sie weise ich in der Literaturliste am Schluss dieses Buches hin.

Keine Theorie entsteht im Vakuum. Auch die Comfort-Theorie wurde aus einem gemeinschaftlichen Bewusstsein heraus geschaffen: Viele Pflegende haben erkannt, wie bedeutsam Comfort in der Pflege und im gesamten Versorgungsprozess ist.

Rückblickend erkenne ich deutlich, dass es im Gesundheitswesen und in der pflegerischen Grundausbildung reiche Impulse für Comfort gab. Meine Comfort-Theorie hat viele Helferinnen und dank ihnen ist mir oft «ein Licht aufgegangen». Diese Impulse habe ich hier nachgezeichnet. Dabei wollte ich deutlich machen, dass viele mit ihren Ideen zur Comfort-Theorie beigetragen haben.

Als ich dieses Buch schrieb, konnte ich erneut überprüfen, wie die Comfort-Theorie in der Praxis anwendbar ist, ob sie frei von Widersprüchen ist und welche Konsequenzen sie hat. Bei dieser Untersuchung habe ich neue Einsichten gewonnen. Meine Vorstellungen von Comfort und seinen Möglichkeiten haben sich erweitert.

Das interaktive Denken, das beim Ausarbeiten und Gestalten eines Buches entsteht, habe ich als sehr anregend empfunden. Es entsteht eine Art schriftstellerisches System von Kräften und Gegenkräften. Das Schreiben dieses Buches war eine wertvolle Zeit der Integration, des Erörterns und Verfeinerns. Dabei kamen neue Ideen zum Vorschein vor dem Hintergrund der veränderten Situation in der Gesundheitsversorgung und in der Wirklichkeit unserer Welt.

Selbst nach vielen Jahren, die ich der Com- fort-Theorie gewidmet habe, glaube ich daran, dass sie weiter wachsen kann. Dies spricht für die Dynamik des Konzepts und für die Entwicklungsmöglichkeiten unseres Wissens im Bereich der Pflege und der Gesundheitsversorgung. Mein Wunsch, die Nuancen von Comfort zu erfassen, lebt weiter.

Dieses Buch wendet sich an Pflegefachpersonen in der Praxis. Ihnen soll die Theorie einen Nutzen bringen. Wenn sie die Comfort-Theorie nicht verwenden oder verstehen können, wird sie nach und nach untergehen. Beim Schreiben dieses Buches wurde mir jedoch klar, dass Comfort Care (d.h. die praktizierte Comfort-Theorie) nicht auf die Pflege als Berufsgruppe beschränkt ist. Sie hat zwar ihren Ursprung in der Pflege – und ich bin stolz auf ihre traditionellen Wurzeln. Sie kann jedoch ein interdisziplinäres Modell für die Gesundheitsversorgung darstellen. Ich hoffe sehr, dass dies in Zukunft so sein wird.

Comfort Care kann eine einigende Kraft in der praktischen Gesundheitsversorgung ausüben. Denn sie ist auf das Wesentliche ausgerichtet, das allen Disziplinen im Gesundheitswesen gemeinsam ist: die Arbeit für Patienten. Wer mit Patienten und pflegebedürftigen Menschen arbeitet, kann den Bezugsrahmen von[22]Comfort Care nutzen. Dies gilt für die Prävention, die Patientensicherheit, die Versorgung chronisch oder akut kranker Menschen sowie für den Anfang und das Ende des menschlichen Lebens.

Die Gesundheitsversorgung der Zukunft wird interdisziplinär sein. Deshalb sollten wir alle Hand in Hand arbeiten. Pflegende leisten einen wertvollen Beitrag zu den Patientenergebnissen (Buerhaus, 2000). Ich bin davon überzeugt, dass Pflegepersonen die Qualität ihrer eigenen Praxis kontinuierlich verbessern werden. Wie ihnen dies gelingen kann, werden Pflegepädagoginnen im Unterricht deutlich machen. Definitionsgemäß erfordert Qualitätsverbesserung, positive und negative Patientenergebnisse, die durch die Pflege oder die interdisziplinäre Versorgung beeinflusst werden, zu dokumentieren und zu messen. Das Ziel besteht darin, auf einer Station die negativen Ergebnisse zu senken und die positiven zu steigern. Comfort ist ein positives Ergebnis und ich hoffe, dass alle Pflegenden und Mitarbeitende des Teams Comfort optimieren und dokumentieren möchten. Pflegende können spezifische standardisierte, computergestützte Datensätze nutzen, um eine verbesserte Qualität nachzuweisen. Der entscheidende Punkt besteht jedoch darin, dass die Pflege und die interdisziplinäre Versorgung in die Forschung integriert sein sollten. Unsere alltägliche Praxis wird zum Teil im Messen von Ergebnissen bestehen. Im gesamten Buch sind deshalb Praxis und Forschung miteinander verbunden. Ich hoffe, das Buch kann als Leitfaden dienen, um die Gesundheitsversorgung und die Ergebnisforschung eng miteinander zu verknüpfen.

Das Buch endet mit einer Vision von weltweitem Comfort. Ich hoffe, dass Leserinnen und Leser sich über diese Vision Gedanken machen, sie vor Augen halten und auf sie hinarbeiten.

Ich danke meinen Leserinnen und Lesern und hoffe, dass sie sich angesprochen fühlen und auf ihre persönliche Weise Mitglied unseres Comfort-Teams werden möchten: