Phantombilder - Georgiana Banita - E-Book

Phantombilder E-Book

Georgiana Banita

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Beschreibung

George Floyd, Michael Brown, Breonna Taylor. Oury Jalloh, Achidi John, Christy Schwundeck. Ernst Haase, Hans-Jürgen Rose, Mario Bichtermann. Sie – und viel zu viele andere – sind Opfer von tödlicher Polizeigewalt, in Amerika und in Europa. Sie sind Schwarz, oder migrantisch, oder weichen auf andere Weise von der gesellschaftlichen Norm ab. Georgiana Banita zeigt ihn ihrer kulturhistorischen Annäherung, wie und warum das wirkmächtige Phantombild des potenziell gefährlichen Fremden schon immer Zielscheibe westlicher Polizeiapparate war, ideologisches Fundament eines polizeilichen Generalverdachts vor allem gegenüber Menschen Schwarzen Menschen und People of Color. Erste Reformen zeigen: Mit mehr nicht-weißen Polizist*innen allein ist es nicht getan, denn der Rassismus ist strukturell. Ob es um den Gebrauch von Schusswaffen, Racial Profiling, Rasterfahndung oder KI-gestützte Kriminalitätsprognosen geht, um Abschiebung, Grenz- oder Infektionsschutz: Die Abwehr des (vermeintlich) Fremden ist Logik und Praxis polizeilicher Arbeit. Ein nachhaltiger Mentalitätswandel ist nötig, um die toxische Cop Culture zu überwinden und dringend notwendige Veränderungen für eine neue Polizeikultur zu ermöglichen.

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Seitenzahl: 594

Veröffentlichungsjahr: 2023

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DR. GEORGIANA BANITA, geboren 1980 in Bârlad, Rumänien, Studium der Anglistik und Germanistik an den Universitäten Iași und Konstanz, Promotion in Amerikanistik an der Universität Konstanz, Habilitation an der Universität Bamberg, an der sie auch als Privatdozentin lehrt. 2016 initiierte sie die Konferenz »Black America and the Police«, 2018 die Tagung »Automatismen des Verdachts: Polizeikultur und Prognose in der Migrationsgesellschaft«, beide an der Universität Bamberg, wo sie verschiedene Forschungsprojekte leitete, darunter »Sicherheit für alle: Polizeikultur in einer Einwanderungsgesellschaft«.

Die Arbeit an diesem Essay wurde von der VolkswagenStiftung im Rahmen der Initiative »Originalitätsverdacht?« Neue Optionen für die Geistes- und Kulturwissenschaften gefördert.

Einzelne Passagen aus Kapitel 10 sind erschienen in Georgiana Banita: »Bedrängte Bilder: Fremdeinstellung und Asylpolitik im filmischen Rückführungsnarrativ«, in: Stephanie Catani und Stephanie Waldow (Hrsg.): Non Person: Grenzen des Humanen in Literatur, Kultur und Medien. Paderborn: Wilhelm Fink, 2020, S. 69–92.

Edition Nautilus GmbH

Schützenstraße 49 a

D - 22761 Hamburg

www.edition-nautilus.de

Alle Rechte vorbehalten

© Edition Nautilus GmbH 2021

Originalveröffentlichung

Erstausgabe Januar 2023

Umschlaggestaltung: Maja Bechert

www.majabechert.de

Satz: Corinna Theis-Hammad

www.cth-buchdesign.de

Porträt der Autorin

auf Seite 2: © FotoKohler

Art Spiegelman, Cartoon für

das New Yorker-Cover vom

8. März 1999: © 1999, Art Spiegelman,mit Genehmigung von

The Wylie Agency (UK) Limited

1. Auflage

epub ISBN 978-3-96054-258-2

Inhalt

Vorwort: George Floyd, der Faschismus und die Polizei

Die Wiederkehr des »Asozialen« • Fremde Phantombilder • Präfixierungen: Nekro-, Krypto- und Xeno-Polizei

1 Polizeisyndrom

41 Schüsse • Dunkle Ziffer • Über eine prätraumatische Belastungsstörung • Fabulierte Feinde? • Arendt, Foucault und der »Polizeistaat« • Eine untilgbare Erbsünde • Paranoia und Waffenproliferation • Auf Knien: Rituale des Protests • Die Kartoffelgräberin und der Bundeskanzler

TEIL I: RACIAL PROFILING

2 Muslimisch, männlich, jung

Räuber und Gendarmen: Grundzüge eines Volkstheaters • Die Tribute von Stuttgart • Der Trost der Sündenböcke • »Kanaken« und »Bullen« • A.C.A.B. (All cops are böse) • Eine Polizistin packt aus • Kriminalitätslawine™ • Eine performative Theorie der polizeiwidrigen Versammlung

3 Opfer unter Verdacht

Tatort Arrestzelle: der Fall Oury Jalloh • »Kader wird nie mehr husten« • »Keine Personen mehr«: Der NSU und die »Döner-Morde«

TEIL II: NEKRO-POLIZEI

4 Haut und Gewalt: Über die Tortur

Louizalaan 453 • Nicht nur in Kriegszeiten • Fassade des Grauens • Weltvertrauensverlust • Gefesselt vergewaltigt • Im Schlafzimmer der Staatsmacht • »Polizeierotik«

5 Ballistischer Rassismus

Der Waffenhändler • Schläger und Schützen • Körperverletzung und Schusswaffengewalt • Ins Schwarze getroffen • Fruitvale Station • 240 Centre Street • Der Sklave als Ur-Zielscheibe • Im Bann des Eisens

6 Die Polizeidienstwaffe: Eine Entwicklungsgeschichte

Mit Abstand am tödlichsten • Philadelphia 1985 • Fliegende Keulen • Die arische Maschine • King Viet-Kong • Das fliegende Auge • Dröhnende Gefahr • Dienstwaffe 1: Völkermord • Dienstwaffe 2: Hass • Dienstwaffe 3: Suizid

TEIL III: KRYPTO-POLIZEI

7 Predictive Policing: Der antizipierte Täter

Die Zwei-Prozent-Doktrin • Zukunftsfiktionen zwischen Freiheit und Polizeidiktatur • Rückfallrisiko und die Macht der Gerichte • Die Verzukünftigung des Polizeiwissens: Der Terror und die Rasterfahndung • Von Indizien zu Indikatoren • Schöne neue Welt der Polizeialgorithmen? • Precops: Fünf kritische Thesen zur Krypto-Polizei • Die Central Park Five • Verbrechen, Strafe und die conditio humana

8 Kriminalität, Klassifizierung und literarische Detektion

Anfänge des Genres: Der romantische Kriminalroman • Kunststücke der Kriminalistik: C. Auguste Dupin • Nichtigkeiten und Nebelkerzen: Sherlock Holmes • Dürrenmatts Versprechen: Ein Dorf sucht einen Mörder • Der Anti-Profiler: Kurt Wallander • Mindhunter: Profiler und Populärkultur • Der »totale Krieg« gegen das Verbrechen

TEIL IV: XENO-POLIZEI

9 Mauerwerke: Sinn und Unsinn der Grenzpolizei

»Im Weltall hört dich keiner schreien« • Mauerfetischismus: Donald Trump • Grenzergesellschaft • Das Virus der Xenophobie • Grenzschutz und Asylrecht im Zeichen der Pandemie • Grenzläufer

10 Die Unsichtbaren: Rituale der Abschiebung

Deutschlands George Floyd? • Abschiebung ins Jenseits • Nackt zwischen Leben und Tod • Retour-Kultur: Die Polizei und ihre Menschenfracht • Der ganz normale Abschiebewahnsinn

Was tun?

»Wissen Sie eigentlich, wer ich bin?« • Breathing Acts • »Polizei«

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

Namensregister

Vorwort: George Floyd, der Faschismus und die Polizei

Die Wiederkehr des »Asozialen«

Immer, wenn ich anfangen will, über den Mord an George Floyd zu schreiben, verschlägt es mir die Sprache. Wenn ich daran denke, wie leichtsinnig seine Unschuld bestritten wurde und wie er stattdessen zum Hauptverdächtigen in seinem eigenen Mordfall wurde. Fotos von seinem Strafregister wurden online unter Menschen geteilt, die nach Beweisen dafür suchten, dass entweder der Polizist Derek Chauvin korrekt und angemessen gehandelt hatte, oder dass Gedenkfeiern zu Floyds Ehren jedenfalls unangebracht waren.

Tatsächlich wurde Floyd zwischen 1997 und 2007 neunmal verhaftet, meist wegen Drogen- und Diebstahlsdelikten. Im Jahr 2007 wurde er für seine schwerste Straftat angeklagt: Raub unter Einsatz einer tödlichen Waffe, bei dem er einer Frau seine Pistole in den Unterleib drückte. Die überstürzte Schuldzuweisung nach seiner Ermordung und der tief in der Gesellschaft eingenistete moralische Verdacht gegen den bewaffneten Schwarzen Mann sorgten 2020 für haltlose Spekulationen, dass die bedrohte Frau damals schwanger gewesen sei. Das Gerücht sollte den Schweregrad seines Delikts höher ansetzen, gleichzeitig kommt darin aber auch die Vorstellung zum Ausdruck, dass ein Schwarzer Mann, der seine Waffe in den Unterleib einer Frau rammt, schon als Vergewaltiger gilt und somit eine Gefahr für die weiße Fortpflanzung und das Fortbestehen der westlichen Zivilisation ist.

Der Vorsitzende der Polizeigewerkschaft von Minneapolis richtete eine offizielle Mitteilung an die Gewerkschaftsmitglieder, in der er die Black-Lives-Matter-Demonstrierenden als Terrorgruppe verunglimpfte und den angeblich gleichgeschalteten liberalen Medien vorwarf, Floyds gewalttätige Strafvergangenheit zu vertuschen. Der 46-jährige Afroamerikaner habe einen kriminellen Lebensstil gepflegt, und das gehe nie gut aus, hieß es in Polizeikreisen. Er habe es daher nicht verdient, dass man ihn zum Märtyrer stilisiert. Wenngleich auch hier die obligatorische Feststellung vorausgeschickt wurde, dass der weiße Polizist ein Verbrechen begangen hatte, suggerierten solche Aussagen doch, dass ein Krimineller seine gesetzlichen Schutzrechte verwirkt habe. Das Phantombild des Schwarzen Opfers von Polizeigewalt als Wiederholungstäter, der aufgrund seiner Vorstrafen selbst schuld sei und nichts Besseres verdient habe, führt eine entsetzliche Unterscheidung zwischen schützenswertem und entbehrlichem Leben vor Augen. Ein Gespenst scheint umzugehen in Amerika – das Gespenst des Faschismus.

Ein markantes Merkmal der faschistischen Gesellschaft in Deutschland war die radikale Aufteilung ihrer Mitglieder in eine »Volksgemeinschaft« und aus dieser zu verdrängende »Gemeinschaftsfremde«. Bekanntermaßen stigmatisierte der Apparat Nazideutschlands eine Vielzahl von normabweichenden Verhaltensweisen, die als Ausdruck erbbiologischer Minderwertigkeit galten. Als »Asoziale« wurden Sinti*zze und Rom*nja, Homosexuelle, Menschen mit einer Behinderung und auch verurteilte Straftäter eingestuft. Schon kurz nach der NS-Machtübergabe setzte eine systematische sozialrassistische und kriminalpräventive Verfolgung dieser »Asozialen« ein. Weniger bekannt ist, dass die zahlenmäßig größte dieser Gruppen Häftlinge waren. Schon 1937 erreichte die Zahl der inhaftierten Menschen mit 122.305 einen Wert, der die Anzahl der Insassen in den Konzentrationslagern weit übertraf.1 Viele der Gefangenen – deren Zahl nicht zuletzt aufgrund strikterer NS-Gesetze und härterer Strafen sprunghaft anstieg – wurden schließlich durch Zwangsarbeit, Vernachlässigung und vermehrte Hinrichtungen getötet. Erst nach langer Zeit deckten Forscher*innen das Ausmaß der Nazi-Gräueltaten an inhaftierten Kriminellen auf.

Zwanzigtausend Häftlinge verlegte das NS-Regime nach 1942 aus staatlichen Gefängnissen in die Konzentrationslager, mit Hilfe der Polizei. Anders als rassistisch oder politisch Verfolgte lassen sich nicht alle Straftäter als unschuldige Opfer titulieren, notiert der Historiker Nikolaus Wachsmann in Gefangen unter Hitler, dem Standardwerk zum Thema. Angesichts ihrer belastenden Vergangenheit und der unzureichend erforschten Rolle der Polizei bei der Verbringung in Konzentrationslager wurden Häftlinge von der Erforschung nationalsozialistischer Vernichtungssysteme lange weitgehend ausgeklammert. Vor allem Rückfalltäter*innen klassifizierte das Gesundheitswesen als unberechenbare »Geisteskranke«, die jederzeit Revolten gegen den Staat anzetteln konnten. Zu diesen Abweichlern hätte auch George Floyd – und viele andere Opfer von Polizeigewalt – gezählt.

Bewaffnete Festnahmen und Kontrollen in den USA, die für Schwarze Menschen so oft tödlich ausgehen, zeigen, dass die Polizei die Rechte selbst von nur potenziell straffälligen Personen konsequent missachtet. Sie nimmt den Tod von Menschen in Kauf, die vorbestraft sind; oder die so aussehen, als könnten sie vorbestraft sein; oder die sich erratisch verhalten, was für die Polizei auf ein kriminelles Vorhaben oder eine psychische Erkrankung schließen lässt. Überproportional viele Menschen, die von der Polizei derart klassifiziert und benachteiligt werden, sind heute Schwarz, da Schwarze Gemeinschaften in den USA aus ökonomischer, sozialer und medizinischer Sicht schon immer unterversorgt waren. Anders gesagt: Unter dem gleichen Deckmantel der Generalprävention sind an die Stelle des organisierten Sozialrassismus ehemaliger Vernichtungssysteme nun multiple, habituelle Repressionen der Polizei gegen ökonomisch abgehängte und sozial ausgegrenzte Schwarze Menschen und People of Color getreten.

Auch Amerikas Wurzeln im Sklavenhandel und der damit verbundene fortwirkende Alltagsrassismus allein bieten einen plausiblen Erklärungsansatz für antischwarze Polizeigewalt. Mit der Einordnung in den Kontext des Faschismus möchte ich jedoch zwei Schlüsselmerkmale dieses Buches vorwegnehmen: seine transatlantische und seine historische Dimension. Den Bogen zwischen Vergangenheit und Gegenwart sowie zwischen US-amerikanischen und europäischen Polizeikulturen spannt dabei das Leitkonzept des Phantombildes, das als Fahndungsinstrument an sich das Produkt westlicher Polizeipraxis ist. Mit dem Begriff des Phantombildes verweise ich im weiteren Sinne auf das, was man als optischen Bias bezeichnen könnte.

Derek Chauvin konnte nicht ahnen, wer George Floyd war, dennoch maßte er sich an, die Gefährlichkeit des Mannes zutreffend ermessen zu können, und zwar anhand seiner imposanten Statur und seines wenig kooperativen Auftretens. Der Cop hat ihn kurz gemustert und das Muster hat gepasst: zum Phantombild des Schwarzen Wiederholungstäters, aber auch zum Typus »Big Black Male« – ein mächtiges Feindbild jener Gesellschaften, die einst mit massiver Vernichtungsgewalt gegen BIPoC (Black, Indigenous, People of Color) vorgegangen sind, sei es durch Sklaverei, Kolonialismus oder faschistische Herrschaft.

Fremde Phantombilder

Ein Phantombild ist bekanntermaßen eine forensische, aus der Erinnerung von Tatzeugen abgeleitete Zeichnung, die zur Fahndungsunterstützung dient. Ganz im Gegensatz zu seiner praktischen Verwendung hat der Begriff an sich etwas Poetisches. Als Phantombild könnte man wohl auch Johann Heinrich Füsslis Gemälde Der Alptraum (1781) oder ein viktorianisches Geisterfoto bezeichnen. Eigentlich ist es schon fast überflüssig, dem Wort »Bild« noch den Zusatz »Phantom« voranzustellen. Beide drücken im Prinzip das Gleiche aus, die optische Spur einer flüchtigen Erscheinung. Sei es eine körperlose Gestalt, wie ein Gespenst, oder ein nur kurzzeitig festgehaltenes Motiv, wie die Gegenstände oder Personen auf einem Foto. In der Zusammenstellung suggeriert »Phantombild« – gerade durch diese semantische Repetition – eine doppelte Unschärfe.

Doch nicht nur der Begriff, sondern auch die Methode selbst weist eben diese Unschärfe auf, und dennoch handelt es sich beim Phantombild um ein gängiges forensisches Ermittlungsinstrument. Woher rührt die Annahme, dass die Erinnerungen eines möglicherweise unaufmerksamen oder verängstigten Zeugen an eine Person, die er oder sie vielleicht nur flüchtig erblickt hat, diesem Menschen eine Straftat anlasten können oder sollten? Das Gedächtnis speichert vollständige Gesichter und nicht einzelne Gesichtszüge, was die Treffsicherheit eines mnemonischen Patchwork-Porträts weiter verringert und folgenschwere Falschidentifikationen zulässt.2 Dennoch bleiben Phantombilder ein ebenso wichtiges wie fragwürdiges Werkzeug der modernen Verbrechensaufklärung.

Auch in der Geschichte der Strafverfolgung nimmt das Phantombild eine zentrale Stellung ein. Das allererste Phantombild, das in der Tagespresse und auf Fahndungsplakaten abgedruckt wurde, fertigte die britische Polizeibehörde Scotland Yard im Jahr 1881 an, um Percy LeFroy Mapleton wegen des Verdachts eines bestialischen Mordes in einem Zug in Gewahrsam zu nehmen. Die Idee an sich, Phantomskizzen zu erstellen, geht wohl auf die Bemühungen der europäischen Polizeibehörden zurück, Kriminelle anhand ihrer Gesichtszüge zu klassifizieren. So begannen die französische, belgische und dänische Polizei 1841, nur vier Jahre nach der Erfindung der Fotografie, die Gesichter von Häftlingen fotografisch zu erfassen.3 Die Brüsseler Polizei nahm dabei gezielt ausländische Straftäter in den Blick. Mit dem 1959 vom kalifornischen Ermittler Hugh McDonald entwickelten Identi-Kit konnten Zeugen aus einer Reihe vorgezeichneter Merkmale ein Mosaik-Phantombild – eine Art Frankensteins Monster – zusammenstellen. Das 1968 vom britischen Fotografen Jacques Penry eingeführte Photo-Fit basierte auf der gleichen Methode, verarbeitete aber nicht länger Zeichnungen, sondern Fotos von Gesichtsmerkmalen. Penry betrachtete die Gesichter weißer Männer als Norm und assoziierte Körper- mit Persönlichkeitsmerkmalen, ganz nach dem Vorbild der Kriminalpsychologie des 19. Jahrhunderts.4 Das erstmals im Jahr 2015 eingesetzte DNA-Fahndungsbild kann sogar aus biologischen Tatortspuren ein Bild des Täters generieren.

Auch wenn das Phantombild in seiner Entwicklung scheinbar präziser, technisch ausgefeilter und zuverlässiger wird, bleibt es ein Trugbild, eine Mogelpackung. Es spiegelt vielmehr die moral-kriminologischen Denkweisen einer Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt wider, als dass es tatsächlich zur Aufklärung einer Straftat beiträgt. Der Eisenbahnmörder Mapleton wurde jedenfalls nicht dank öffentlicher Reaktionen auf sein Phantombild dingfest gemacht.5 Zur Freude der britischen Ermittler schickte er ein Telegramm ab, das seine aktuelle Adresse preisgab, und wurde daraufhin prompt verhaftet.6 Bis dahin hatten Zeitungsleser eifrig nach einem Killer mit markanten Wangenknochen und fliehender Stirn und Kinnpartie – wie es der Zeichnung und dem phrenologisch formulierten Steckbrief zu entnehmen war – Ausschau gehalten. Ein Foto und eine spätere Gerichtszeichnung zeigen allerdings, dass Mapleton in Wirklichkeit viel weniger fratzenhaft aussah als die bewusst verzerrende, effektheischende Abbildung in The Daily Telegraph.

Die Karikatur und Täterbeschreibung des Eisenbahnmörders erschienen fünf Jahre nach Cesare Lombrosos darwinistisch angelegter Abhandlung über die typischen Erscheinungsmerkmale »geborener Verbrecher«. In L’Uomo Delinquente (1876) vertrat der italienische Gefängnisarzt und Psychologe, ganz im biologistischen Denken der Zeit, eine Theorie der genetisch vererbbaren Kriminalität, die auf einem Zusammenhang zwischen Physis und krimineller Disposition fußte. Die Tätertypologien von Lombroso und später von Havelock Ellis (The Criminal, 1890), fortgeschrieben auch vom deutschen Juristen und Kriminologen Erich Wulffen bis in die 1920er Jahre hinein, öffneten Tür und Tor für die nationalsozialistische Eugenik, die unter anderem auch Sterilisierungsmaßnahmen an Kriminellen vorsah. Bei allem, was für die Fahndung anhand von Fotoprofilen sprechen mag, darf man nicht vergessen, dass die Praxis der Phantombild-Erstellung diesem damals schon umstrittenen Kontext entsprang.

Lombrosos umfangreiche Taxonomien zeigten letztendlich nur auf, dass manche Häftlinge vielleicht groteske Gesichtszüge haben mögen – wie andere Menschen unter Umständen auch –, was aber nicht bedeutet, dass die Gesichtszüge an sich sträflich seien. Im Grunde reflektierten derlei Illustrationen »eher die Vorurteile ihrer Urheber als die Essenz der kriminellen Gestalt«.7 Analog dazu lassen Phantombilder lediglich darauf schließen, wie Tatzeugen sich das Gesicht eines Straftäters ausmalen, wohl wissend, dass eine Straftat vorliegt. Die Frage ist ja nicht, wie der Nachbar aussieht, sondern wie der Mann aussah, der ein Mädchen in sein Auto gelockt hat. Solche Phantombilder tendieren dazu, individuelle, durch Habitus und Sozialisierung bedingte Angstbilder an bestimmte Gesichtseigenschaften zu knüpfen. Dies wiederum verleitet zu Schnell- und Pauschalurteilen, die Menschen das Leben kosten können, vor allem wenn sie von bewaffneten Polizisten in einem Sekundenbruchteil getroffen werden.

Ob in seiner biologischen Ausprägung, auf Merkmale wie Hautfarbe und Geschlecht fixiert – wie in der South-Park-Satire, wo die Polizei eine Großfahndung nach »irgendeinem Puerto-Ricaner« startet8 –, oder in einem datengestützten Schema, das auf Parameter wie Postleitzahl und Vorstrafen zugreift: Das Phantombild ist nach wie vor ein Schlüsselinstrument bei der Ermittlung von Straftätern. Das rudimentäre Kodierungsmodell nach Hautfarben bildet die Grundlage für systematisches oder punktuelles Racial Profiling im polizeilichen Alltag. Das raffiniertere algorithmische Modell hingegen liefert den Ausgangspunkt für vorausschauende Polizeiarbeit. Doch problematisch am Phantombild als strafrechtliches Hilfsmittel sind nicht nur sein Ursprung und seine technisierte Verfasstheit, sondern auch die Tatsache, dass es sich langfristig auf die allgemeine Wahrnehmung von Personen auswirkt, deren Erscheinungsbild durch den Einsatz von Phantomskizzen immer häufiger mit Kriminalität assoziiert wird (eben Puerto-Ricaner, oder auch und insbesondere Schwarze Menschen). Denn es ist nur ein schmaler Grat zwischen Einzel- und Generalverdacht, zwischen der Überlegung »Diese Person sieht aus wie der gesuchte Verbrecher« und »Diese Person sieht aus wie ein Verbrecher«.

Dabei sagt der selbstentlarvende Begriff »Phantombild« eigentlich schon, genau wie das englische Analogon »composite sketch«, worum es sich handelt: um eine hypothetische, provisorische und unverbindliche Zusammenfügung mehrerer Bilder, die zu einem grafischen oder fotografischen Entwurf verdichtet werden. Solch ein Proto-Porträt ist nur dann von Nutzen, wenn a) die Öffentlichkeit die Polizei mit Tipps überschüttet und ausreichend Personal bereitsteht, das sie alle unter die Lupe nimmt und schließlich einen plausiblen Täter aufspürt, was eher selten der Fall ist; oder b) die Polizei mit anderen Methoden den Kreis der Verdächtigen eingrenzt und das Bild erst verwendet, um einige davon auszuschließen. So oder so tendiert der kriminaltechnische Wert des Phantombildes gegen Null. Möglicherweise erfüllt es andere Funktionen, indem es zum Beispiel einen ungelösten Fall immer wieder in den Fokus der Öffentlichkeit rückt. Hauptsächlich aber festigt es eine Korrelation zwischen Aussehen, Verhalten und Charakter, die in der Hochphase der Phrenologie einen gewissen Reiz gehabt haben mag, heute aber wissenschaftlich überholt und widerlegt ist.

Das gängigste Phantombild in den USA ist derzeit die Bezeichnung »African American male«, die praktisch permanent aus den Funkgeräten der Streifenwagen erklingt. In Europa ist es »der Afrikaner« oder »der Nordafrikaner« / »Araber«, oder »maghrebinische Intensivtäter«, die die deutsche Polizei als »Nafris« tituliert, ohne dass von irgendeiner Intensivtäterschaft auch nur vage auszugehen wäre. Dass die Polizei diese lächerlich unspezifischen »Täterprofile« in ihrer Arbeit verwendet, schürt wiederum Verdächtigungen und Vorverurteilungen von Personen, die unverschuldet ins Phantomraster fallen. Phantombilder wirken sich also ganz konkret und spürbar darauf aus, wie ein Mensch unter Verdacht gerät und welche unmittelbaren Handlungen auf diesen Verdacht folgen: vermehrte Kontrollen, Schikanen, Gewalt. Auch sie sind Gegenstand dieses Buches.

Phantombilder findet sein zentrales Thema also in einem polizeilichen Instrument, das bei Weitem nicht den Sinn und die Zweckmäßigkeit besitzt, die sein bloßer Bekanntheitsgrad in der Bevölkerung und seine Verbreitung in der Polizeiarbeit vermuten lassen. Das Phantombild stellt zunächst ein Bündel von normabweichenden Eigenschaften dar, das vorurteilshaft mit einer wie auch immer gearteten Täterschaft assoziiert wird und – trotz dieses präjudizierenden Charakters – mittlerweile auf eine 150-jährige Geschichte zurückblickt. Die nachfolgenden Kapitel widmen sich dieser künstlichen Konstruktion, um ihren eigentlichen Kern freizulegen: das tief verwurzelte prinzipielle Misstrauen der Polizei gegen den als solchen immer schon verdächtigen Fremden.

Im einleitenden Kapitel gehe ich auf exemplarische Fälle und Praktiken von Polizeigewalt ein – wie die martialischen Attacken auf Amadou Diallo 1999 und Breonna Taylor 2020 –, um zu zeigen, wie Phantombilder das Vertrauensverhältnis untergraben, das dem sozialen Auftrag der Polizei zugrunde liegen sollte. Unter dem Stichwort »Polizeisyndrom« fasse ich einerseits die vielfältigen Formen des gegenseitigen Verdachts ins Auge, andererseits die Langzeitfolgen des Täterphantoms auf die Seele der üblichen Verdächtigen, junger People of Color. Die Angst, die sie überallhin begleitet, schlägt sich in einem »prä-traumatischen Syndrom« nieder, das ich als die Summe von Zweifeln, Selbstzweifeln und Mikrotraumata definiere, die durch die vielen kleinen Stiche des Polizeiverdachts entstehen.

Dabei muss man sich fragen: Wo kommen unsere Polizeisysteme her und was sagt uns ihre Entstehungsgeschichte über ihre strukturelle Verflechtung mit rassistischen und kapitalistischen Gesellschaftsordnungen? Dazu haben große Theoretiker*innen der Staatsmacht wie Hannah Arendt und Michel Foucault sich geäußert, etwa zur Polizeigewalt gegen Afroamerikaner*innen in den USA und zur Situation algerischer Migrant*innen in Frankreich. Foucaults Leidenschaft beweist, dass Intellektuelle es nicht bei der Unterzeichnung von Petitionen belassen müssen. Man kann auch bereit sein zu protestieren, zu agitieren, oder wie Foucault selbst in einem Polizeiwagen zu landen und einen netten Cop kennenzulernen, der zur Ruhe mahnt – »sonst werden Sie Ihre Brille fressen.«9

Ein probates Paradigma sozialer Stigmatisierung, der Sündenbock, dient mir als Leitfaden in Teil I des Buches, Racial Profiling. Es geht hierbei um polizeiliche Automatismen des Verdachts gegenüber vorgeblich »kriminell prädisponierten«, »nicht integrierbaren« Schwarzen und arabischstämmigen Menschen in Deutschland.

Wenn Jugendliche mit Migrationshintergrund sich in Frankfurt oder Stuttgart versammeln und die Polizei mit Flaschen und Steinen bewerfen, ist die Sündenbockrolle eher kollektiv. Sowohl die Polizei als auch die Jugendlichen werfen mit Klischees um sich, die allzu bequemen, banalen und reflexartigen Antworten darauf geschuldet sind, was in der Einwanderungsgesellschaft noch im Argen liegt.

Anders ist es bei den Opfern der Polizeigewalt wie dem 2005 in Polizeigewahrsam verbrannten Oury Jalloh, oder beim Umgang der Polizei mit den NSU-Opfern, die in dem falschen Verdacht standen, in kriminelle Machenschaften verstrickt und aus diesem Grund ermordet worden zu sein. Das macht die Zuweisung der Sündenbockrolle – bzw. die niederträchtige Abwälzung der Schuld für polizeiliches Fehlverhalten auf die Geschädigten selbst – noch direkter, entschlossener, und bezeugt zudem den Unwillen der Ermittlungsbehörden, zwischen Mustern und Menschen zu unterscheiden. Obwohl genau darin – in der Verkörperung, Vermenschlichung und Personalisierung des Gesetzes – ihre Existenzberechtigung liegt.

Präfixierungen: Nekro-, Krypto- und Xeno-Polizei10

Die Palette rabiater Polizeireaktionen auf einen »verdächtigen Fremden« möchte ich durch drei Kategorien handfester, ganz und gar nicht phantomhafter Maßnahmen präzisieren, die kriminell kodierte soziale Außenseiter immer wieder erfahren. Den »Fremden« verstehe ich in diesem Kontext als eine durch sogenannte »markers of difference« optisch auffällige Person, deren Eigenschaften auf einem Phantombild besonders gut zur Geltung kommen. Dabei definiert man Fremdheit in den USA allerdings anders als in Deutschland. Für »aliens«, also nicht US-Staatsbürger*innen, sondern sogenannte illegale Grenzüberquerer, werden in den USA vor allem hispanisch aussehende Personen gehalten. Schwarze hingegen werden seltener mit (illegaler) Migration in Verbindung gebracht, da sie statistisch gesehen mit größerer Wahrscheinlichkeit die US-Staatsbürgerschaft besitzen.11 Ihre gefühlte Fremdheit speist sich stattdessen aus historischen und rassistischen Vorurteilen, die das Schwarzsein mit einer zweitklassigen Staatsbürgerschaft verknüpfen. In Europa werden Schwar ze Menschen, People of Color und andere ethnische Minderheiten nordafrikanischer, arabischer und osteuropäischer Abstammung pauschal als nicht-zugehörig wahrgenommen – als entrechtete Nachfahren kolonisierter Menschen (wie die Windrush Generation in Großbritannien), als Wirtschaftsmigrant*innen, Geflüchtete oder eben als Teil einer sozial schlechter gestellten Schicht als man selbst.

Die Nekro-Polizei schließt an den Begriff der Nekropolitik an, mit dem der kamerunische Philosoph Achille Mbembe die Quintessenz des Kolonialismus beschreibt: nämlich die gewaltsame Schaffung von Todeszonen, innerhalb derer ganze Bevölkerungsgruppen dermaßen menschenunwürdigen Lebensverhältnissen ausgesetzt sind, dass sie praktisch einem Volk lebender Toter gleichkommen.12Nun ist die Polizei zwar keine Kolonialarmee, die die ihr anvertrauten Stadtgebiete auf Dauer mit Waffengewalt unterdrückt, aber doch betreibt sie eine zielgenaue, chirurgische Belagerung von sichtbaren Minderheiten, die sie in einen Zustand permanenter Furcht und Not versetzt. Dabei ist die Polizei auch nicht eine innerstaatliche Kolonialmacht, sondern der Beweis dafür, dass jede Staatsmacht an sich schon kolonialistisch auftritt – entweder nach außen hin, im klassischen expansionistischen Wortsinn, oder aber nach innen, gegen innere Enklaven der Unterdrückung.

Im Gegensatz zu typischen Kolonialüberfällen entfaltet sich Nekro-Policing über einen längeren, elastischeren, generationenübergreifenden Zeitraum und mit zunehmender Intransparenz. Was es anrichtet, lässt sich als »langsame Gewalt« begreifbar machen, analog dazu, wie der amerikanische Kulturwissenschaftler Rob Nixon das gemächliche Voranschreiten der ökologischen Katastrophe beschreibt.13 Die Nekro-Polizei ist auch deshalb so toxisch und bösartig, weil sie sich Zeit lässt. Weil sie sich nicht als Okkupation zu erkennen gibt und sich stattdessen als sanftes Sicherheitssystem tarnt. Ich benenne drei Ausprägungen graduell vernichtender Polizeigewalt, die jeweils mit den drei Kapiteln in Teil II korrelieren: Polizeifolter, bei der man nicht das Opfer, sondern etwas in ihm tötet; ballistischer Rassismus, d. h. der Impuls, die Polizeiwaffe auf Schwarze zu richten, weil man sie für grundsätzlich bewaffnet hält (mit Munition, aber auch mit Wut); und die Entwicklung moderner Waffensysteme, von der Dienstpistole bis zu Hubschraubern und robotergestützten Sprengvorrichtungen.

Zur Krypto-Polizei gehört eine unauffälligere Reihe von Verschlüsselungstaktiken, die der oben beschriebenen Gewalt zuarbeiten. Dank einer wachsenden Informationsdichte gelang es der Polizei im Verlauf der letzten 40 Jahre, von einem retrospektiven auf ein prädiktiv-präventives Modell umzuschalten. So werden mithilfe von Computersoftware die Kriminalitätsrisiken berechnet, die von Hotspots in den Großstädten und von verdächtigen Einzelpersonen ausgehen. Es geht im Grunde darum, vor dem Verbrecher am Tatort zu sein, um sein Vorhaben zu vereiteln. Doch dieses unter Umständen vertretbare Ziel heiligt keineswegs die dafür vorgesehenen Mittel: den Ausbau des Polizeiwesens zu einem Big-Data-Apparat, einer Truppe schnüffelnder Computer-Kommissare, die aus riesigen Datenströmen fremde Phantombilder zaubern und sich »schwarz«-sehende Prognosen aus den Fingern saugen. Ersetzt man einen Polizisten durch einen Algorithmus, löst sich die menschliche Voreingenommenheit nicht in Luft auf; sie wird lediglich in die Software eingebettet und ist dadurch noch schwerer nachzuweisen und zu beheben.

Obgleich sie mit geschützten Algorithmen operieren und für die Öffentlichkeit nur schwer zugängliche Polizeidatenbestände anzapfen, zählen Krypto-Polizeisysteme zu den allgemein bekanntesten Ansätzen der modernen Polizeiarbeit. Mit der Verbreitung und Beschreibung von Profiling-Methoden in verschiedenen Formaten, vom Kriminalroman bis zum Fernsehkrimi, ist es für geneigte Kulturkonsument*innen inzwischen fast zur Gewohnheit geworden, forensische Täterprofile zu erstellen. Doch insbesondere für People of Color und Migrant*innen haben diese Profile in der Realität weitaus drastischere Folgen als für die fiktiven Figuren in Unterhaltungsmedien. Teil III dieses Buches inventarisiert und hinterfragt diese verdeckten Ermittlungsmethoden, um anschließend ihre Schnittmengen und Wechselwirkungen mit dem Krimi-Genre im Wandel der Zeit zu ergründen. Dass schon Sherlock Holmes wie ein Computer tickte, legt nahe, dass die angeblich so innovative prädiktive Polizeiarbeit lediglich einen alten Habitus der kriminalistischen Mikro-Musterbildung konsequent fortführt.

Optisch schablonenhafter und gewalttätiger als die KI-gestützte Polizeiarbeit sind die Profiling- und Repressionsmethoden der Grenzpolizei. Teil IV des Buches greift den Faden des »fremden« Phantombildes, also die Zusammenführung von gewissen als fremd geltenden physischen Merkmalen mit Täterschaft, wieder auf, und zwar über die Ausweisungsmechanismen des Grenzschutzes. Mit dem Begriff Xeno-Policing verbindet sich die Frage, wer so »fremd« ist, dass er oder sie in den Augen des Staates »illegal«, also deportierbar wird, und wie die Polizei- und Justizbehörden diese Kategorisierung strafrechtlich legitimieren beziehungsweise faktisch durchsetzen. Einerseits sind Grenzen in einer globalisierten Welt durchlässig und unscharf. Andererseits nimmt die Grenzsicherung im Zuge von Flucht- und Migrationsbewegungen stetig zu, sei es am Grenzübergang selbst oder entlang der unsichtbaren Mauer zwischen Staatsbürger*innen und Nicht-Staatsbürger*innen, die sich quer durch das gesamte Landesinnere zieht. Als Wächter dieser Front werden alle Polizisten zu Grenzpolizisten. Donald Trumps Abschottungsrhetorik – für die er auch in Europa entlang der »Balkanroute« Beifall erntete – hat ein grenzorientiertes Denkschema noch verstärkt, das schon vor seinem Amtsantritt Bestand hatte. Dabei hat er dem Prinzip der persönlichen und staatlichen Notwehr, das der Polizeiarbeit nach wie vor immanent ist, neuen Glanz verpasst. Infolge der epidemiologischen Notlage im Frühjahr 2020 trat die ohnehin schon prekäre Situation von Menschen mit unsicherem Aufenthaltsstatus – also von Migrant*innen, Saisonarbeiter*innen und Asylschutzsuchenden – unübersehbar zu Tage. Auch in dieser Krise spielte die Polizei eine bedeutende Rolle. Denn sie ist nicht nur für die Wahrung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung zuständig, sondern stellt auch die Eckpfeiler, um die sich das Band der Staatsgrenzen zieht. Sie ist befugt, Identitäten zuzuschreiben und zu kontrollieren. Eine ontologische Macht, die leicht missbraucht werden kann.

Es ist ein weiteres Anliegen dieses Buches, das eklatante Missverhältnis aufzuzeigen zwischen den hitzigen Polizeidebatten in den USA, die sich vor allem an der Erschießung unbewaffneter Schwarzer Menschen entzünden und die auch hierzulande weitergeführt werden, und dem Ausbleiben ähnlich kritischer Reaktionen auf die Gewalt der deutschen Polizei. Denn angesichts der in Deutschland weitaus geringeren Schusswaffenverbreitung und -kriminalität werden erstaunlich viele Geflüchtete aus Ländern wie dem Irak und Afghanistan auf offener Straße von Polizeibeamten erschossen, ohne dass es in Medien und Öffentlichkeit ähnlich hohe Wellen schlüge. Haben manche Minderheiten mehr Rechte – oder eine größere Lobby – als andere? Oder hat der Fokus auf die Missstände in der US-Polizei die durchaus artverwandten Phantomfeindbilder der deutschen Ordnungshüter*innen in Nebel gehüllt? Gerade bei der Abschiebung häufen sich schlimmste Übergriffe bis hin zu Mord, ohne dass die deutschen Polizeitäter jemals zur Rechenschaft gezogen werden.

Es ist mir sehr daran gelegen, die extremen und fürchterlichen Ausartungen von Polizeigewalt zu beleuchten, da sie unbedingt verurteilt und vermieden werden müssen. Allerdings kann beobachtet werden, dass mit dem Erstarken der Black-Lives-Matter-Bewegung und insbesondere seit der Ermordung von George Floyd eine Diskursverschiebung hin zu einer sehr heftigen Vorwurfshaltung gegenüber der Polizei generell stattgefunden hat. Auch dieses Buch erhebt schwere Vorwürfe, allerdings füge ich dem Begriff »Polizei« aus gutem Grund einschränkende Präfixe hinzu: Nekro-, Krypto- und Xeno-Polizei sind eben nicht dasselbe wie Polizist*innen. Der überaus wichtige und schwierige Kampf gegen Vorurteile bei der Polizei wird oft auf dem Rücken kompetenter und einfühlsamer Polizist*innen ausgetragen, und wenn ich die Folgen der fortschreitenden Militarisierung der Polizei thematisiere, weise ich mit Bedacht darauf hin, dass immer mehr von ihnen, frustriert und entkräftet durch Arbeitsüberlastung und öffentliche Anfeindungen, hinschmeißen, posttraumatische Belastungsstörungen entwickeln oder sich sogar mit ihren Polizeiwaffen das Leben nehmen.

Wenn wir das Problem einer ausufernden Polizeimacht anpacken wollen, dann müssen wir, um mit Louis Althusser zu sprechen, auch hinter den Polizeiapparat selbst blicken und uns die »ideologischen Staatsapparate«14, also die sozialen Strukturen, vornehmen, die die Macht der Polizei reproduzieren: eine ausgrenzende Wohn- und Bildungspolitik, Militarismus, lückenhafte Integration. Im Schlusskapitel »Was tun?« verweise ich zwar auf strafrechtliche Reformvorschläge, möchte aber vor allem daran appellieren, das Problem des Polizeirassismus mit der Frage der sozialen Gerechtigkeit zu verschränken, um polizeilichen Machtmissbrauch nachhaltig einzudämmen. Wir blicken auf die Opfer von Polizeigewalt in den USA und Europa und stellen fest, dass sie überproportional häufig BIPoC oder Menschen mit Migrationshintergrund sind. Aber wir können nur dann wirksam intervenieren und ihnen beistehen, wenn wir ebenfalls anerkennen, dass sie überproportional häufig auch von Armut betroffen sind. Es ist nicht in meiner Hoheit, konkret darüber zu befinden, welche Regelungen, Kostenkürzungen oder Ausbildungsmaßnahmen für die Polizei uns weiterbringen würden. Aber wir sind alle aktiv in die Systeme der Privilegierung, Exklusion und Ungleichheit eingebunden, die so viele Schwarze und People of Color ohne schusssichere Westen vor bewaffneten Polizeikräften stehen lassen – und haben es daher in der Hand, Druck auf diese Systeme auszuüben.

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Polizeisyndrom

41 Schüsse

Spät in der Nacht des 3. Februar 1999 stand der guineische Asylbewerber Amadou Diallo in der Bronx, New York City, vor seinem Wohnhaus. Vier vorbeifahrende Polizisten in Zivil hielten ihn für einen möglichen Einbrecher, da er andauernd nach links und rechts schaute und angeblich auf die Täterbeschreibung eines in der Nachbarschaft gesichteten Serienvergewaltigers passte. Also hielten sie an und baten ihn, aus seinem Hauseingang herauszukommen und mit ihnen zu reden.1 Diallo konnte allerdings nur schlecht Englisch verstehen und reagierte daher nicht sofort. Möglicherweise dachte er, die nicht uniformierten Polizisten seien Kriminelle, woraufhin er verängstigt ins Innere des Gebäudes flüchtete, während sie ihn aufforderten, stehen zu bleiben. Als die vier Polizisten Diallo in Richtung seiner Wohnung verfolgten, griff er in seine Tasche und holte seine Geldbörse heraus – vielleicht, wie der Staatsanwalt hinterher anmerkte, »um sie den Männern zu übergeben, da er sie für eine Räuberbande hielt, oder um sich auszuweisen.«2 Doch die Polizisten dachten, er hätte eine Pistole gezogen. Nachdem einer von ihnen das Feuer auf Diallo eröffnete, glaubten die anderen, die gerade um die Ecke gerannt kamen, dass ihr Partner sich in Gefahr befände und gaben innerhalb von nur acht Sekunden insgesamt 41 Schüsse auf Diallo ab. 19 davon trafen ins Ziel. Später wurden die Polizisten des Mordes angeklagt und freigesprochen.

»You can get killed just for living in your American skin«, sang Bruce Springsteen in »American Skin (41 Shots)« über Diallos Tod. »We’re baptized in […] each other’s blood«, wir sind im Blut des anderen getauft – so seine Auslegung der abgrundtiefen Feindschaft zwischen Weiß und Schwarz in den USA, die in solchen Momenten zu einem grauen Schlamm gerinnt, der alle befleckt und gefangen hält.3

Im letzten Kapitel seines Bestsellers Blink! Die Macht des Moments befasst sich der Autor Malcolm Gladwell mit der Abfolge von vorschnellen Urteilen, die Diallos Tötung herbeiführten.4 Gladwells Einschätzung lässt sich etwa in der Mitte verorten, zwischen Springsteens bluttriefender Rassismus-Metapher und dem entlastenden Urteil des Gerichts, das Diallos Tod als bedauerlichen Betriebsunfall rubrizierte. Die vier Polizisten, so Gladwell, trafen eine Reihe von überstürzten und folgenschweren Entschlüssen. Zunächst entschieden sie, Diallo in sein Wohnhaus zu verfolgen; dann beschloss einer der Polizisten, auf Diallo zu schießen, als dieser in seine Tasche griff; die anderen schossen ebenfalls in dem Glauben, ihr Kollege sei getroffen worden – ein Phänomen, das als kontagiöses, also ansteckendes Schießen bekannt ist: Ein Polizist, der den ersten Schuss auf eine Zielperson abgibt, veranlasst auch die anderen zum Schießen, und zwar so lange, bis alle ihre Munition aufgebraucht haben.

Wenn man den Entscheidungsprozess so auffächert, lässt sich kaum in Abrede stellen, dass die Polizisten eher aus Verwirrung und fehlgeleiteter Intuition als aus blankem rassistischen Hass gehandelt haben. Tatsächlich ordnet Gladwell den Fall in eine »Grauzone zwischen vorsätzlicher und unbeabsichtigter Handlung«, als »Irrtum« und folgenschweres Ergebnis eines missglückten »Gedankenlesens« ein.5 Nach seiner Einschätzung diskriminierten die Polizisten den Schwarzen zwar eindeutig, jedoch nicht mit der bewussten Absicht, ihn zu töten. Doch Gladwell klammert die allererste Entscheidung – Diallo überhaupt zu befragen, weil er angeblich verdächtig aussah – komplett aus. Und das, obwohl auch das Racial Profiling eine Blitzreaktion war, die passend zu Gladwells Buchtitel von einem Augenblick zum anderen stattfand, und deutlich entlarvender als die darauffolgenden Handlungsschritte ist, die sozusagen erst mit dem Anstieg des Adrenalinspiegels erfolgten.

Mit anderen Worten: Als sie dem Schwarzen Mann, der vor seinem Haus stand, mit Misstrauen gegenübertraten, reagierten die Polizisten womöglich automatisch und nicht vorsätzlich, quasi aus einem Reflex heraus. Was aber ein einzelner Cop instinktiv beschließen mag, ist in aller Regel dem gängigen Polizeiparadigma absichtlich und strukturell eingeschrieben. Diese Polizisten mussten innerhalb weniger Sekunden entscheiden, ob sie Diallo zur Rede stellen sollen oder nicht. Das ihrer Entscheidung zugrunde liegende, proaktiv fahndende Polizeimodell ist jedoch nicht das Ergebnis einer Blitzreaktion, sondern wohldurchdachtes System. Mit dem Segen des Staates im Rücken fuhren die Polizisten Streife in einem sogenannten Schwarzen Problemviertel, in Zivilkleidung, mit dem diffusesten aller Phantombilder im Hinterkopf – einem Schwarzen männlichen Vergewaltiger. Wer als Fahndungsmittel nur ein solch grobes Phantombild hat, wird überall nur Täter sehen.

Diallos Erschießung wurde in der Cover-Illustration für das Magazin The New Yorker am 8. März 1999 thematisiert. Das Bild sorgte für Furore. »Es ist unverantwortlich, haarsträubend«, kommentierte der Polizeipräsident von New York City. Die vermeintlich unfaire Zeichnung zeigt einen Polizisten an einem Karnevalsschießstand, an dem er auf schwarze Zielscheiben in Form menschlicher Silhouetten losballert. Gezeichnet wurde sie von Art Spiegelman, der für Maus, einen Comic über die Vertreibung und KZ-Haft seiner polnisch-jüdischen Eltern im Nationalsozialismus, 1992 einen Pulitzer-Sonderpreis erhielt.

Anfang 2022 hat ein Schulbezirk im US-Bundesstaat Tennessee Spiegelmans Maus aus dem Lehrplan der achten Klasse gestrichen. Der Ausschuss störte sich scheinbar an »grober und anstößiger Sprache« im Comic und an seinem vermeintlichen Indoktrinationspotenzial. Tatsächlich grob und anstößig ist natürlich nicht Spiegelmans Werk, sondern es sind die grauenhaften Erlebnisse seiner Eltern in deutschen Konzentrationslagern. Und »haarsträubend« an der Erschießung von Diallo war nicht etwa der New Yorker-Comic, der darauf anspielte, sondern die Fahrlässigkeit der verantwortlichen Polizisten, und was dadurch über die Arbeitsmethoden und Werteauffassung des NYPD insgesamt ans Licht kam. »Die Wahrnehmung in New York City ist zurzeit so, dass man von der Polizei ebenso viel zu befürchten hat wie von einem Straßenräuber«, bemerkte Spiegelman.6 Empört konterte Bürgermeister Rudolph Giuliani, die Karikatur zeige nur die üblen Vorurteile des Künstlers und anderer, die solche provokanten Bilder goutieren.

Doch Spiegelmans Cartoon setzt gleich mehrere ineinandergreifende Missstände ins Bild. Polizisten gehen zu leichtfertig mit ihren Waffen um, scheinbar ohne sich des Schadens bewusst zu sein, den sie mit dem minimalsten Fehlgriff, mit nur einem einzigen falsch gefällten Schnellurteil, anrichten können. Sie tun so, als wäre ihr Waffengebrauch ein Geschicklichkeitstest, bei dem sie den Richtigen treffen – oder auch nicht. Ein tödlicher Fehler ist für sie kein Verbrechen, denn er bleibt folgenlos, wenn er auch ärgerlich ist. Ihr Munitionsverbrauch – 41 Schüsse innerhalb von acht Sekunden! – ist völlig übertrieben und menschenverachtend. Und sie zögern keinen Sekundenbruchteil, bevor sie schießen, als stünden sie wie Cowboys in einem Wildwest-Duell, bei dem es darum geht, als Erster zu ziehen. Bei alldem scheinen sie ein wenig berauscht von ihrer eigenen Macht zu sein und stellen ihre eigene Sicherheit an vorderste Stelle, trotz der oft beschworenen Opfer, die man als Polizist*in zu bringen hat. Die wahre Zielscheibe der Kritik ist jedoch nicht (nur) der NYPD-Cop, sondern die Institution als Ganze, die schwerbewaffnete Polizist*innen willkürlich Menschen kontrollieren lässt und ihnen damit gestattet, sich ungestraft wie Kriminelle zu verhalten. Doch wovor muss die Bevölkerung von der Polizei geschützt werden? Wovor haben die Polizist*innen selbst Angst? Die kleinen schwarzen Schießscheiben bei Spiegelman zeigen Schulkinder, Hausfrauen, Männer mit Aktentaschen – zu welchen Verbrechen könnten diese wenig bedrohlich wirkenden Figuren überhaupt imstande sein?

Unter diesen Angstschüben der weißen Staatsmacht liegt ein Bodensatz antischwarzer Paranoia. Für den afroamerikanischen Journalisten Jelani Cobb umschreibt diese unterschwellige Panik die »Furcht vor einer besonderen Art geschichtlichen Karmas«, die im Erstarken einer multiethnischen Herrschaft »einen Mechanismus sieht, durch den nun geerntet wird, was einst gesät wurde.«7 Schwarze Menschen sind zwar bei Weitem nicht so lange befreit, wie sie versklavt waren. Doch wenn die ehemals Unterdrückten einmal an die Hebel der Macht kommen sollten – als revolutionäre Machthaber oder bewaffnete Widerstandsarmee –, so die Befürchtung, werden sie wohl keine Gnade walten lassen. Ein Staat wie die USA, der sich nach Jahrhunderten des aggressiven Rassismus seiner moralischen Schuld durchaus bewusst ist, wird keine Mühe scheuen, um die Freisetzung vormals unterdrückter Kräfte zu unterbinden.

Schwarze Männer wie Diallo wurden und werden immer noch erschreckend häufig von der Polizei getötet, was darauf schließen lässt, dass auch die reichweitenstarken Positionen eines Spiegelman, eines Magazins wie dem New Yorker oder eines Bruce Springsteen den paranoischen Tendenzen der Polizei keinen Abbruch getan haben. Als ein Polizist im Dezember 2020 sechsmal auf den 23-jährigen Schwarzen Casey Goodson Jr. schoss, weil er dessen belegten Brötchen für eine Waffe hielt, zeichnete sich dieselbe Paranoia ab. Sie sorgt dafür, dass Polizisten offenbar vorschnell zu dem Schluss gelangen, dass ein Gegenstand, der die relative Größe oder Form einer Waffe hat, tatsächlich eine Waffe sein muss. Und genau diese Form der Paranoia zeigt sich auch, wenn Verkehrspolizisten mutmaßen, dass ein Schwarzer Autofahrer Drogen mit sich führt oder unter Alkoholeinfluss steht. Die Kontrolle eines solchen Fahrers, so der paranoide Gedankengang, kann zudem eine Gefahrensituation herbeiführen, die jederzeit in Gewalt umschlagen kann. All diese Zusammenstöße lassen sich auf die gleichen Automatismen zurückführen. Ein an Verfolgungswahn grenzendes Misstrauen gegenüber den Schwarzen »Anderen«, den »Fremden«, äußert sich unter Polizeibediensteten als hochansteckende Verdachtshaltung. Der Polizist unterstellt dem Schwarzen Menschen, unbewusst oder bewusst, kriminelles Verhalten, was eine Kette von Blitzentscheidungen auslöst: Polizeikontrolle, Fehleinschätzung von Körpersprache und Mimik, Fehlwahrnehmung von Handbewegungen als Angriffe und von Gegenständen als Kampfmittel, reflexartiges Schießen.

Wir haben es offenbar mit einer strukturell bedingten Dysfunktion des Polizeiwesens zu tun, die unter den meisten »Ordnungshütern« – wohl aus Korpsgeist oder Selbsterhaltungstrieb heraus – ohne Widerspruch bleibt. Weshalb nicht viel mehr Polizisten diese Fehlentwicklungen anprangern, ist mir ein Rätsel, aber ich will hier nicht über ihre Beweggründe spekulieren. Vielmehr stellt sich mir die Frage, wie Minderheiten und insbesondere Afroamerikaner*innen mit der Häufung fataler Vor- und Schnellurteile der Polizei umgehen. Diallo hatte eindeutig Angst. Wie fühlt es sich für 13% der US-Bevölkerung an, Schwarz und täglich der Gefahr ausgesetzt zu sein, wie Diallo zu sterben? Denn für Schwarze Menschen in den USA ist die Wahrscheinlichkeit, einen Polizeieinsatz nicht zu überleben, nicht gerade gering, wie ein Blick in die einschlägigen Statistiken beweist.

Dunkle Ziffer

Der systemimmanente und direkte Rassismus, der sich sowohl in Gesetzen und in der Politik als auch in individuellen Vorurteilen niederschlägt, hat in vielen Ländern zur Folge, dass Menschen aus bestimmten Herkunftsgruppen überdurchschnittlich häufig Opfer von Polizeigewalt werden. Von 1980 bis 2019 wurden weltweit fast 300.000 Todesopfer gezählt.8 Die Anzahl der durch Polizeigewalt verursachten Todesfälle in den USA ist dabei überproportional hoch. Schätzungen zufolge führte Polizeigewalt im Jahr 2019 zu 1.150 Todesfällen in den USA, was über 13% der weltweiten Todesopfer entspricht – obwohl das Land nur 4% der Weltbevölkerung stellt.

In den Vereinigten Staaten liegt die durchschnittliche Wahrscheinlichkeit, von der Polizei getötet zu werden, für Männer aller Ethnien zusammengenommen bei etwa 1 zu 2.000.9 Eine recht alarmierende Zahl. Bedenkt man jedoch, dass die meisten Menschen, die von der US-Polizei getötet werden, ungeachtet ihrer Abstammung bewaffnet sind, ergibt sich ein offensichtlicher Zusammenhang zu der hohen Waffenbesitzquote in den USA. Einer im Oktober 2020 durchgeführten Gallup-Umfrage zufolge geben etwa 32% aller erwachsenen US-Bürger*innen an, selbst eine Waffe zu besitzen, und 44% leben nach eigenen Aussagen in einem Haushalt, in dem eine Waffe vorhanden ist. Eine ballistische Abrüstung der Streifenpolizei, wie sie bereits in 19 anderen Ländern umgesetzt wurde, erscheint bei diesen Zahlen und der traditionsreichen, verfassungsrechtlich verankerten Waffenlust der US-Amerikaner*innen geradezu unvorstellbar – und das, obwohl sie sich in anderen Ländern sehr deutlich auf die Zahl der Todesopfer ausgewirkt hat. Im Jahr 2019 starb in Norwegen keine einzige Person durch Polizeigewalt, in England und Wales wurden zwischen 2018 und 2019 nur drei Todesopfer durch Polizeigewalt registriert.10

Doch allein die Überzahl an Schusswaffen in den Händen von Zivilist*innen und Polizist*innen erklärt noch lange nicht den hohen Anteil Schwarzer, indigener und hispanischer Bevölkerungsgruppen an den Todesopfern von Polizeigewalt in den USA. Bei näherer Betrachtung der Zahlen wird das Ausmaß der Diskrepanz überdeutlich, wobei jedoch auch zu beachten ist, dass die statistischen Erhebungen nur bedingt belastbar sind. Einer Lancet-Studie zufolge wurden von den zwischen 1980 und 2018 verzeichneten 30.800 Todesfällen durch Polizeigewalt (verteilt auf alle Ethnien) rund 17.100 nicht vom staatlichen National Vital Statistics System erfasst.11 Ermittelt werden konnten sie schließlich nur durch Zugriff auf drei regierungsunabhängige Open-Source-Datenbanken: Fatal Encounters (also tödliche Begegnungen), Mapping Police Violence und The Counted, letztere ein Investigativprojekt der britischen Zeitung The Guardian. In den staatlich verwalteten Datenbeständen dürfte also die Dunkelziffer bei Polizeigewalt generell recht hoch sein; Todesfälle unter Schwarzen könnten sogar um bis zu 59% unterschätzt werden.

Gemäß einer Schätzung des Guardian-Projekts The Counted, das für die Jahre 2015 und 2016 die Ungezählten – sprich die, deren Leben in den Augen der Staatsmacht so wenig zählt, dass ihr Tod nicht in den Statistiken auftaucht – ermittelt und damit gewürdigt hat, waren unter den 1.093 Menschen, die 2016 von der US-Polizei getötet wurden, 574 Weiße, 266 Schwarze, 183 Hispanics, 24 Native Americans und 21 Asians (bei den übrigen war die ethnische Zugehörigkeit unbekannt). Im Jahr zuvor waren von den 1.146 getöteten Personen 584 weiß, 307 Schwarz, 195 Hispanic, 13 Native American und 24 Asian. Auffällig ist, dass Hispanics sowohl in der Gesamtbevölkerung als auch unter den Opfern mit 17% gleich stark vertreten sind, während Schwarze mit 13% in der Bevölkerung und 26%, also doppelt so viel, in der Opferzahl stark überrepräsentiert sind.

Ein historischer Blick offenbart einen nicht minder alarmierenden Trend. Zwischen 1980 und 2019 lag die geschätzte Sterblichkeitsrate aufgrund von Polizeigewalt bei Schwarzen bei 0,69 pro 100.000 – und damit mehr als dreimal höher als bei Weißen, bei denen sie nur 0,20 pro 100.000 betrug. Wichtiger noch: Die Lancet-Studie hat auch ergeben, dass die Gesamttodesrate durch Polizeigewalt stark angestiegen ist, und dass die Quote bei Schwarzen zu der Zeit der Studie 2019 den höchsten Stand seit den frühen 1990er Jahren erreicht hat.

Entscheidend für ein besseres Verständnis dieser Zahlen dürfte auch die Frage sein, ob die Disparität zwischen Schwarzen und weißen Opfern von Polizeigewalt mit einer systematischen Diskriminierung von Schwarzen Zivilist*innen durch weiße Polizisten einhergeht und ihr geschuldet ist. Persönliche Angaben zu Race oder Class der beteiligten Polizisten liegen jedoch kaum vor. Selbst die Guardian-Datenbank liefert keinerlei Hinweise auf die Täter. So lässt sich kaum zweifelsfrei nachweisen, dass etwa weiße Polizisten mit höherer Wahrscheinlichkeit rassistische Vorurteile an den Tag legen als andere.

Eine der wenigen Untersuchungen, die sich speziell mit der ethnischen Herkunft der für Todesfälle verantwortlichen Polizist*innen befasst haben, hat jedoch eindeutig ergeben, dass diese tendenziell eher weiß und männlich sind. So waren – im Vergleich zur gesamten Zusammensetzung der Polizeikräfte im Land (73% Weiße, 12% Schwarze, 12% Hispanics; 88% Männer) – von den Polizeischützen, deren Personalien ermittelt werden konnten, 79% Weiße, 12% Hispanics und nur 6% Schwarze. Der Anteil der Männer lag bei 96%.12 Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei den Opfern um Schwarze oder Hispanics handelt, nimmt kurioserweise zu, wenn auch die beteiligten Polizisten selbst Afroamerikaner oder Hispanics sind. Der Grund dafür liegt weniger in einer möglichen Voreingenommenheit von Minderheiten angehörenden Polizisten gegenüber anderen Nicht-Weißen, sondern schlicht in der gemeinsamen demografischen Struktur von Polizei und Zivilbevölkerung in manchen Stadtteilen.

An dieser Stelle ist es sinnvoll, zwischen drei Methoden zur Einschätzung rassistisch motivierter Polizeigewalt zu differenzieren, die meiner Ansicht nach alle auf eine systematische Diskriminierung nicht-weißer Menschen schließen lassen. Entscheidend für diese Methoden ist dabei der jeweils zugrunde gelegte Referenzrahmen: zum einen der Anteil Schwarzer Menschen an der Gesamtbevölkerung der USA (13%), zum anderen ihr Vorkommen in der Kriminalitätsstatistik und letztlich die konkreten Begleitumstände ihrer Tötung durch die Polizei.

Meist wird als Bezugsgröße die Populationsstruktur herangezogen. Wie bereits ausgeführt, werden Schwarze Personen, sowohl mit als auch ohne US-amerikanischen Pass, doppelt so häufig von der Polizei getötet, wie es ihr Bevölkerungsanteil eigentlich erwarten ließe. Wenn man jedoch nur die absoluten Zahlen als Maßstab nimmt, geht man stillschweigend von der Vermutung aus, dass weiße und nicht-weiße Zivilpersonen gleich häufig mit Situationen konfrontiert sind, die zu tödlichen Zusammenstößen mit der Polizei ausarten können. Tatsächlich bestehen aber deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Ethnien hinsichtlich ihrer Erfahrung mit solchen Vorfällen. Nicht aber, wie gerne kolportiert wird, aus rein kriminalstatistischen Gründen.

Aus derselben Studie, der ich die genannten Täterstatistiken entnommen habe, geht auch hervor, dass die überproportional hohe Zahl Schwarzer Opfer von Polizeischüssen teilweise damit zu erklären ist, dass Schwarze Personen durch eine höhere Beteiligung an Straftaten grundsätzlich häufiger mit der Polizei in Kontakt kommen. Eine höhere Kriminalitätsbelastung Schwarzer Zivilpersonen führt also zu einer entsprechend höheren Zahl von Schwarzen Todesopfern durch Polizeieinsätze vor Ort. In manchen Kreisen wurde dieser Befund allerdings als Beweis dafür gewertet, dass die Polizei überhaupt nicht feindlich gegenüber Schwarzen Menschen agiere (sondern eher vorurteilsfrei gegen Kriminelle vorgehe), woraufhin die Autoren ihre Studie wieder zurückzogen.

In ihrer Kurzsichtigkeit sind aber beide Thesen irreführend. Erstens die grob simplifizierende Hypothese des Artikels, dass Schwarze aufgrund ihrer höheren Deliktsrate häufiger mit der Polizei in Konflikt geraten. Im Kontext könnte man diese These anders formulieren und feststellen, dass hohe Kriminalitätsraten teilweise durch eine erhöhte Polizeipräsenz zu erklären sind, und dass Kriminalitätsraten in den ärmsten, gesellschaftlich und politisch abgehängten Vierteln, die oft eine mehrheitlich Schwarze Bevölkerungsstruktur aufweisen, generell besonders hoch sind. Und zweitens die vorsätzliche Verkennung der Ergebnisse durch Teile der Öffentlichkeit. Denn nicht jedes Schwarze Opfer von Polizeigewalt ist kriminell, und ein Erklärungsansatz, der nur über die erhöhte Kriminalitätsrate in der Schwarzen Bevölkerung funktioniert, ist zwangsläufig verkürzt. Da aber manche Schwarze tatsächlich Straftaten begehen, scheint der absurde Verdacht für die Polizei nahezuliegen, dass dies auch für andere Schwarze in der gleichen Nachbarschaft gelten muss, was wiederum Paranoia und eine erhöhte Gewaltbereitschaft der Polizei nach sich zieht.

Die NYPD-Bediensteten, die auf Diallo feuerten, waren angeblich auf der Suche nach einem Schwarzen Serienvergewaltiger. Ein schweres Verbrechen, das von den schießenden Polizisten möglicherweise aber nur wegen seiner Schockwirkung und zur Verteidigung ihres tödlichen Vorgehens bei Diallo vorgeschoben wurde. Schließlich war die vermeintliche Gewalttat der Central Park Five von 1989 – als mehrere Schwarze und hispanische Jugendliche für die Vergewaltigung einer weißen Frau verurteilt wurden – für viele New Yorker noch immer ein Begriff. (Auf diesen Fall gehe ich in Kapitel 7 ausführlicher ein.) In Wahrheit fielen die allermeisten der damals mit Schwarzen Tätern assoziierten Delikte wesentlich harmloser aus. Die Polizisten schöpften Verdacht, weil Diallo exakt ins Profil des Schwarzen Kleinkriminellen passte, auf den sich ihre täg lichen Streifengänge eigentlich konzentrierten. Diallo könnte ein Einbrecher gewesen sein, der sich vor dem Gebäude postiert hatte, um dieses auszukundschaften, oder ein Drogendealer.

Weit davon entfernt, ein hochgefährlicher Sexualverbrecher zu sein, wirkte Diallo vielmehr wie die Art mittelloser Schwarzer, die die Polizei immer schon in flagranti erwischen wollte. Aufgrund einer Reihe umfassend erforschter sozioökonomischer Faktoren waren in den späten 1990er Jahren armutsbetroffene Menschen – rein statistisch also eher Schwarze als Weiße – häufiger an Straftaten beteiligt. Auf diese Tatsache hat bereits der Soziologe Alex Vitale deutlich hingewiesen: »Durch die zunehmende ökonomische Polarisierung der späten 1970er bis zu den frühen 1990er Jahren entstand eine ärmere Einkommensschicht, die in Prostitution, Kriminalität und andere Formen sozialer Unordnung abrutschte.«13

Statt zusätzliche Sozialleistungen für diese Menschen bereitzustellen, setzte die Stadt – unter der Führung von Bürgermeister Rudolph Giuliani – ihre Prioritäten lieber auf die Strafverfolgung. So ging die Polizei energisch gegen die geringfügigsten Straftaten vor, was im Endeffekt einer pauschalen Kriminalisierung Schwarzer Armut gleichkam. Mit der damals angestrebten »broken-windows-policing«-Strategie, die vor allem kleinste Verstöße wie Vandalismus und regelwidrige Straßenüberquerungen ins Visier nahm, konnten Schwarze Viertel im Namen der »Verbrechensbekämpfung« überwacht und terrorisiert werden, wodurch selbstverständlich auch die Anzahl der Schwarzen sogenannten »Kriminellen« kontinuierlich anwuchs.14 Das daraus entstandene Phantombild des Schwarzen Straftäters mündete in das paranoide Profiling, das Diallo 1999 zum Verhängnis wurde.

So ist die Behauptung, Schwarze seien deshalb der Polizeigewalt ausgesetzt, weil sie – als Schwarze, und nicht etwa, präziser gesagt, ihrer Armut wegen – häufiger Straftaten begehen würden, schlichtweg falsch. In Wirklichkeit, und das belegt Giulianis Strategie, richtet sich die Definition von Kriminalität in den USA tendenziell an die Verhaltensweisen eines wirtschaftlichen »Subproletariats, das die Stadtkulisse verschandelt und die Nutznießer urbaner Lebensqualität bedrängt oder belästigt«,15 also einer Bevölkerungsschicht, die in Städten wie New York mehrheitlich aus Schwarzen Einwanderer*innen und Afroamerikaner*innen besteht.

Schließlich zeugen auch die Tatumstände tödlicher Polizeieinsätze von einer Voreingenommenheit der Polizei gegen Schwarze, wenngleich aus einer anderen Perspektive. Folgendes Detail sticht ins Auge: Wenn ein Schwarzer Zivilist von der Polizei erschossen wird (im Gegensatz zu einem weißen), ist er mit größerer Wahrscheinlichkeit unbewaffnet und stellt keine unmittelbare Gefahr für die Polizei dar. Hingegen wird auf weiße Zivilisten fast dreimal so häufig von der Polizei geschossen, wenn ein psychisches Gesundheitsproblem – in der Logik der Polizei also ein drohendes, unbeherrschtes Verhalten – den Vorfall verursacht hat. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie »Suicide by Cop« (provozierte eigene Tötung durch bewaffnete Polizisten) begehen, liegt bei Weißen siebenmal höher.16 Die Tatsache, dass diese weißen Opfer aggressiv auf das Anrücken der Polizei reagierten, stellt keineswegs eine Rechtfertigung für Polizeitötungen dar, schließlich erfordern seelische Notlagen ganz andere Lösungen als Schusswaffengebrauch. Aber es verändert unseren Blick auf die knapp 600 weißen Todesopfer im Vergleich zu den 300 schwarzen, die jährlich von Polizeikräften erschossen werden. Schwarze Opfer kommen viel häufiger ohne jegliche Provokation und auch unbewaffnet zu Tode, was dafür spricht, dass die Polizei hier misstrauischer agiert und Schwarzen Mitbürger*innen nur aufgrund ihres Erscheinungsbildes ein hohes Bedrohungspotenzial zuschreibt.

Über eine prätraumatische Belastungsstörung

Afroamerikanische Männer sterben zunehmend jung und gewaltsam. Inzwischen zählt Polizeigewalt zu den häufigsten Todesursachen für junge Schwarze Männer in den USA.17 Einer Schätzung zufolge kann etwa einer von 1.000 afroamerikanischen Männern damit rechnen, irgendwann von der Polizei getötet zu werden. Dieses Risiko liegt 2,5-mal höher als bei weißen Männern und erreicht seinen Höhepunkt zwischen 20 und 35 Jahren.18 Etwas anschaulicher formuliert: In den USA leben derzeit etwa 21.000 Schwarze Männer, die wahrscheinlich durch Polizeigewalt sterben werden.

Mit diesem Damoklesschwert über dem Kopf zu leben – also weiterhin mit der Polizei interagieren zu müssen, nicht wissend, ob eine Begegnung die letzte sein könnte – muss sich absolut erschreckend anfühlen. Die Lebensgefahr, in der sich ein Schwarzer Mann befindet, ist statistisch vergleichbar mit der Sterblichkeitsrate einer Krankheit wie Polio oder Hepatitis A, sie liegt in etwa auf dem Niveau der durchschnittlichen Infektionssterblichkeit bei Covid-19 im mittleren Alter. Doch während die epidemiologische Gefahr, die ja auch weiße Bevölkerungsgruppen bedroht, als Krise eingestuft und entsprechend angegangen wurde, gibt es gegen antischwarze Polizeigewalt keine ernsthaften Vorbeugungsmaßnahmen.

Dabei geht es aber nicht nur um die hohe Mortalität. Genauso wie die Diagnose einer chronischen Krankheit oder einer Virusinfektion kontinuierliche Ängste erzeugen kann, so kann auch die Gefahr, die mit dem bloßen Schwarzsein einhergeht, gravierende psychische Belastungen hervorrufen. Um diesem vorgreifenden oder vorahnenden Bedrohungsgefühl gerecht zu werden, werte ich diesen Zustand als prä-traumatische Belastungsstörung, d. h. als eine vorgezogene psychische Reaktion auf das rekurrierende Trauma von Polizeigewalt. Was ich mir von dieser Begriffspräzisierung verspreche, ist zum einen ein besseres Verständnis der Angst vor Polizeigewalt als ernstzunehmender alltäglicher Stressfaktor für ohnehin stark von Diskriminierung betroffene Minderheiten, und zum anderen mehr Beachtung der Tatsache, dass Polizeigewalt ein schwerwiegendes traumatisches Erlebnis darstellt – nicht nur für tatsächliche Opfer, sondern für alle, die sich mit ihnen identifizieren. Insofern ist es nur folgerichtig, dass Reformen auch ein sozialmedizinisches Umdenken voraussetzen, das in Polizeigewalt eine virulente Gesundheitskrise erkennt.

Problematisch an diesem prä-traumatischen Zustand ist, dass er unklare Anhaltspunkte und diffuse Symptome aufweist sowie schnell außer Kontrolle gerät. Aufgrund der kontinuierlichen Polizeikontrollen, die sie aushalten müssen, entwickeln Schwarze Menschen – nicht nur Männer und nicht nur Amerikaner*innen – eine konstante Paranoia, die sich tief in ihre Psyche und ihren Lebensweg eingräbt. Umgekehrt sind auch viele Polizist*innen – wie die vier Schützen im Fall Diallo – von einer paranoiden Fremdenfurcht durchdrungen. Es ist dieses zweigleisige Polizeisyndrom, das Polizeibegegnungen so unberechenbar macht, Schwarze Jugendliche zu renitentem Verhalten verleitet und den Staat zu immer kostspieligeren Investitionen in die Repression vermeintlicher Risikogruppen veranlasst. Polizeiparanoia erzeugt Zerrbilder und Überzeichnungen auf allen Seiten.

Anzeichen für dieses Syndrom treten bei vielen Schwarzen auf, ohne dass sie selbst auf brutale Weise verprügelt oder angeschossen wurden. Denn Polizeigewalt setzt weit unterhalb der Ebene körperlicher Gewalt an, nämlich schon im distanzlosen Griff des Polizisten nach dem Körper des Verdächtigen. Bereits eine sogenannte »Stop and frisk«-Kontrolle – das willkürliche Anhalten und Abtasten nach Waffen, Drogen etc. – drückt Respektlosigkeit aus. Schon die Zeit anderer Menschen zu verschwenden ist unhöflich, die übergriffige körperliche Nähe ist demütigend. Es ist ein Affront gegenüber den Verdächtigten und der gesamten Zivilgesellschaft, davon auszugehen, dass überproportional häufig kontrollierte Menschen es einfach hinnehmen, immer wieder öffentlich gefilzt zu werden. Für den Polizisten selbst ist seine eigene Zeit allerdings ein kostbares Gut. Jeder Handgriff ist möglichst effizient und zielgerichtet, ein längeres Nachdenken ist nicht eingeplant. Dass der Tod eines Schwarzen Menschen in Kauf genommen wird, weil Schießen der erste Instinkt eines Polizisten war, zeigt das Fehlen einer prinzipiellen Wertschätzung von Menschenleben, der Einsicht, dass Schwarzes Leben eben Leben ist – und zwar ein lebenswertes, gleichberechtigtes und rechtlich geschütztes. Der Polizist, der Oscar Grant 2009 in Oakland angeblich deshalb tötete, weil er seine Dienstpistole mit seinem Taser verwechselte, brachte nicht den elementarsten Respekt für das Leben des Schwarzen Bürgers auf – wie man an der Zeit ablesen kann, die er sich nahm, bevor er die Waffe zog und abfeuerte.

Wenn Schwarze Menschen und People of Color Plakate mit der Aufschrift »Defund the police« und »I can’t breathe« hochhalten, dann fordern sie, den Würgegriff der Polizeimacht so weit zu lockern, dass sie genauso frei »atmen« – sich bewegen, arbeiten, feiern, reisen – können wie generell unverdächtige weiße Bürger*innen. Denn ein Leben im Schatten permanenter Polizeikontrollen geht an die Substanz. Die afroamerikanische Schriftstellerin Jesmyn Ward bemerkt, das Leben von Schwarzen fühle sich manchmal »so beengt und ausweglos an, als wäre man in einem luftdichten Schrank gefangen, in dem die Luft durch die eigene Atmung und Panik ranzig-feucht wird«.19

Die Daueranspannung und das Gefühl, immer über die Schulter schauen zu müssen, verändert allmählich die Einstellung Schwarzer Personen zur eigenen Umwelt. Nicht Mensch, sondern Phantombild zu sein, ist wie auf einen fremden Planeten mit anderem Luftdruck, anderer Schwerkraft, anderer atmosphärischer Dichte vertrieben worden zu sein. Ein Exil, das mit der traumatischen Erwartung belastet ist, irgendwann nur noch ein Name oder Hashtag zu sein, den man gelegentlich twittert. Es ist in dieser fremden, gespenstischen Parallelwelt mit ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten und Ethik, dass Schwarze und Polizisten aufeinandertreffen. Im Dunst des allgegenwärtigen Misstrauens wirken die banalsten Bewegungen exaltiert und überstürzt. Alltagsgegenstände nehmen unheimliche Konturen an, dunkle Gestalten sind furchteinflößend, schwerfällig und hart, wie Magneten, die Kugeln kraftvoll an sich ziehen. Solange wir als Gesellschaft die tiefgreifende Differenz und Ungerechtigkeit dieses »versunkenen Ortes« (um den Ausdruck des sozialkritischen Horrorfilms Get Out aufzugreifen) nicht wahrhaben wollen, werden wir ihn auch nicht beleuchten und aus der Welt schaffen können.

Fabulierte Feinde?

Ende November 1987 wurde die Schwarze Teenagerin Tawana Brawley mit rassistischen und frauenfeindlichen Sprüchen beschmiert aufgegriffen. Brawley behauptete, von mehreren weißen Männern, darunter auch Polizisten, entführt und vergewaltigt worden zu sein. Eine Grand Jury stellte ein Jahr später fest, dass Brawley gelogen hatte. Der Fall erhitzt bis heute die Gemüter. Wie kam diese junge Frau bloß auf die Idee, eine solche Geschichte zu erfinden und sie auch noch minutiös zu inszenieren? Und warum dachte sie, man würde ihr glauben, dass ausgerechnet weiße Polizisten sie mit fäkalienverschmutzten Haaren in einem Plastiksack am Straßenrand entsorgt hatten? Tawanas Beweggründe bleiben bis heute rätselhaft. Die Erfolgsautorin Joyce Carol Oates, die diesem skurrilen Fall einen Roman gewidmet hat, hat allerdings eine einleuchtende und einfühlsame Hypothese über den Unmut, der das Mädchen zu dieser selbstquälerischen Handlung bewogen haben könnte. »Was sie uns damit sagen will«, erläutert Oates, »– ihr wurde Unrecht getan, und sie fühlte sich in Lebensgefahr«.20 Als afroamerikanische Frau hatte sie offenbar Grund genug, sich bei der Vorstellung eines entsetzlichen Erlebnisses ausgerechnet einen rassistischen sexuellen Gewaltakt durch weiße Vertreter der Staatsmacht auszumalen. Die in ihre Psyche eingeschriebene prä-traumatische Belastungsstörung hatte das Szenario quasi schon vorgezeichnet.

Anders als bei den Vorfällen, bei denen die Polizei die Bedrohung durch Schwarze Zivilist*innen maßlos überschätzt und diese im Kurzschluss tötet, waren die Gewaltakte gegen Tawana Brawley erfunden. Es ging ihr bei der Geschichte von Viktimisierung durch die Polizei und andere rassistische Aggressoren aber nicht darum, von ihren vermeintlichen Peinigern eine Entschädigung zu erhalten. Tawanas Vorwürfe richteten sich auch nicht gegen eine oder mehrere bestimmte Personen, in ihrer abgrundtief verzweifelten Tat klagte sie vielmehr das weiße Gesetz, das Weißsein im Allgemeinen, an.

Andere wiederum, wie der Schauspieler Jussie Smollett, der aus karrieristischen Gründen behauptete, von Trump-Anhängern attackiert worden zu sein, verfolgen profanere Ziele. Mal abgesehen vom Wahrheitsgehalt solcher Anschuldigungen ist es bemerkenswert, dass von Schwarzen erhobene Anklagen wegen Hasskriminalität zunächst auf große öffentliche Anteilnahme und Solidarität innerhalb der Schwarzen Communities gestoßen sind. Wahr oder falsch, solche Vorwürfe treffen also offensichtlich einen rauen Nerv tief im afroamerikanischen Bewusstsein und zeigen die Wirkmächtigkeit des Polizeisyndroms. In der Hochphase des Brawley-Skandals führte die New York Times eine Umfrage durch, der zufolge 85% der Weißen die Teenagerin für eine Lügnerin hielten, während nur 51% der Schwarzen an ihren Behauptungen zweifelten.21 Diese beachtliche Kluft spricht Bände über den Rassismus der US-Gesellschaft und die Misstrauenshaltung vieler Schwarzer Amerikaner*innen gegenüber der Polizei.

In The Force, einer 2017 erschienenen Dokumentation über das Oakland Police Department, die sich mit den großen Herausforderungen und nur geringen Erfolgen von Polizeireformen befasst, wird eine aufgeheizte Begegnung zwischen einem Schwarzen Mann und einem weißen Polizisten gezeigt. Der Schwarze ist außer sich. Ziellos herumlaufend zieht er sich zunächst zurück, um dann plötzlich drohend auf den Polizisten zuzugehen, welcher daraufhin seine Waffe zieht. Der Schwarze Zivilist hat nichts verbrochen, steht aber unter Schock, da seine Schwester nach einem schweren Verkehrsunfall blutend auf der Straße liegt. Als der verantwortliche Autofahrer am Straßenrand anhält, beschimpft ihn der aufgelöste Bruder. Es herrscht eine tumultartige Stimmung.

Der Polizist deutet immer energischer auf seine Waffe. Schließlich fängt der Mann an, den Satz »Ich kann nicht atmen« panisch vor sich hin zu stammeln. In diesem Augenblick hindert ihn aber niemand am Atmen; der Polizist beobachtet ihn aus einiger Entfernung. Doch der Refrain Schwarzen Widerstands gegen Polizeigewalt dient ihm als verzweifelte Mahnung an den Polizisten: »Bitte schießen Sie nicht.« Es ist eine ergreifende Szene, die das prätraumatische Element der Polizeigewalt vor Augen führt. Selbst ohne eine Kugel im Körper wirkt dieser Mann wie ein wandelnder Toter. Heute vielleicht nicht, aber irgendwann erwischt ihn vielleicht ein Polizeigeschoss, und der Gedanke daran verschlägt ihm schon jetzt den Atem. Die Sorgen der BLM-Aktivist*innen über das Ausmaß und die zähe Ahndung von Polizeikriminalität beruhen auf realen Erlebnissen und Erfahrungen, die viele Schwarze inzwischen als unausweichlich ansehen. Unwahre Geschichten wie die von Tawana Brawley oder Jussie Smollett mindern die Berechtigung dieser Sorgen nicht.

Arendt, Foucault und der »Polizeistaat«

Was hier besonders auffällt – und ich werde im Laufe dieses Buches noch öfter auf diesen Punkt zu sprechen kommen – ist die entscheidende Rolle tödlicher Schusswaffen bei der Entstehung des Polizeisyndroms. Diallo wäre wohl nicht so schnell davongerannt, hätte er nicht befürchtet, erschossen zu werden, und die Polizisten hätten ihre Pistolen sicherlich nicht abgefeuert, wenn sie nicht geglaubt hätten, dass Diallo eine Waffe bei sich trug. Die Paranoia, die aus harmlosen Situationen Gewaltausbrüche werden lässt, hat ihren Ursprung zum Teil in der Bewaffnung amerikanischer Zivilist*innen, doch ebenfalls in der steigenden Letalität polizeilicher Kampfmittel.

Dass Gewalt ohne den Rückgriff auf Kampfwerkzeuge nicht denkbar ist, hat Hannah Arendt in ihrem Essay On Violence luzide dargelegt.22 Arendt differenziert zwischen Macht und Gewalt und definiert Gewalt als eine unmoralische und unrechtmäßige Machtform, die ihre Grundlage im Gebrauch von Repressionswerkzeugen (Schusswaffen, Bomben, Killerroboter usw.) hat. Gewaltsam ist die Polizei vor allem deshalb, weil sie Schusswaffen besitzen und anwenden darf; ohne diese Ausrüstung wäre sie gezwungen, nicht Gewalt, sondern bloß Macht auszuüben, was nach Arendt nur durch die sanfte Stärke persuasiver Gesellschaftsstrukturen zu erzielen ist. Dass die Polizei zunehmend zu Gewalt greift und diese Gewalt immer tödlicher wird, ist – so gesehen – symptomatisch für eine gewaltige Machtaushöhlung im Wesenskern des Staates.

Diese fundamentale Absage an die Gewalt grenzt Arendt nicht nur von Staatstheoretikern wie John Stuart Mill und Thomas Hobbes ab, die den Staat an sich durch die Ausübung legitimer Gewalt definieren, sondern auch von den Gewaltideologien der 68er-Studierendenbewegung. Besonders kritisch stand Arendt der Black-Power-Bewegung gegenüber, deren Anhänger*innen sie als infantile Politikanalphabeten diffamierte, die Fanon nur angelesen und Marx missverstanden hätten, deren »lächerliche und skandalöse«23