Phil 'n' Sophie - Michael H. Sprunkel - E-Book

Phil 'n' Sophie E-Book

Michael H. Sprunkel

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Beschreibung

Ein philosophisches Lesebuch, nicht nur für Musiker. Der Autor führt Dich mit Hilfe der Musiktheorie und praktischer Beispiele in seine Welt der Philosophie ein. Finde Deinen eigenen philosophischen Dirigenten und entdecke Gedankenansätze, die Du für Dich weiterentwickeln und in Deine eigene Philosophie einbauen kannst. Musik und Musiktheorie als Leitfaden durch eine philosophische Reise. Eine Erzählung, die viel Autobiographisches enthält. Das Buch hat nicht den Anspruch eines Leitfadens oder eines Lehrbuches. Es ist ein Lesebuch, das Deinen Grundstock an Gedankenelementen aufstocken kann, wenn es Dich erreicht hat. Nichts ist dogmatisch zu sehen und schon gar nicht oberlehrerhaft. Es ist die Welt der Musik und der Philosophie des Autors. Bleibe immer locker, denn am Ende ist alles nur Rock ’n’ Roll.

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Seitenzahl: 157

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Danke!

Dieses Buch konnte nur entstehen durch die Mithilfe vieler Wegbegleiter.

Besonders bedanke ich mich bei Andrea für unzählige Stunden im

intensiven Gespräch, für viel Entwicklungshilfe auf meinem Weg und für

das An-mich-Glauben in Dimensionen, die ich bis dahin nicht kannte.

Bei meinen Töchtern Annika und Julika – ohne Euch beide würde meine

Welt nicht wissen, dass es Farben gibt. Vielen Dank an Steffi für die

schönen Anfänge meiner wunderbaren Reise. Mein Dank geht auch an

Natascha, die eine wunderbare Veränderung möglich machte und einen

großen Teil dazu beiträgt, dass Visionen ihren Weg in die Realität finden.

Ich widme dieses Buch jedem Träumer und jedem, der mit seinen

Visionen immer wieder belächelt wird. Ihr seid auf dem richtigen Weg!

Ich danke zum Schluss mir selbst, dass ich den Glauben an mich auch

in den stürmischsten Zeiten nie verloren habe. Habt Freude mit diesem

Buch und lasst Euch nichts erzählen von denen, die keine Ahnung haben,

lasst die Zweifler da, wo sie sind und lebt jeden Tag mit vollem Tank und

vollem Herzen. Dreht alle Regler auf zehn und lasst jeden hören, dass es

am Ende doch nur Rock ’n’ Roll ist.

„Let the good times roll“ Ray Charles

Inhalt

Wer ist ein Philosoph?

Die ersten Schritte

Tabulatur statt Noten

Ton, Melodie oder Akkord?

Akkordfolgen

Halbton, Ganzton, Zwölfton

Dur und Moll

Kadenzen

Mehrklänge

Nachspielen

Bandarbeit

Der erste Auftritt

Konzertkritik

Aufnahme – Ruhe bitte

Wer kauft die CD?

Musikrichtung

Tourbus und Kantinenessen

Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll

Allein oder mit Band

Musiktheorie muss kommen

Grundaufbau der Tonleiter

Abstände und Dimensionen

Konsonanz und Dissonanz

Kirchentonarten

Musikrichtungen

Musik in der Jugend

Musik in den Zwanzigern

Musik in den Dreißigern

Musik in den Vierzigern

Musik in den Fünfzigern

Musik in den Sechzigern

Musik im Alter

Jazz

Volksmusik

Rock und Pop

Klassik

Applaus

Abschied

Über den Autor

Jetzt mach’ mal einen Punkt

*1

Wer ist ein Philosoph?

Ich wurde eines Tages gefragt, wie ich denn nachweisen könne, ob ich ein Philosoph sei und welches Zertifikat mich dazu bemächtigt, es zu behaupten. Diese Frage bewegte mich dazu, meine Vorstellung von Philosophie in ein Buch zu packen. Philosophie ist die stabilste Geisteskraft, die der Menschheit gegeben ist. Alle Trends und Entwicklungen erreichen einen Zeitpunkt, an dem sie nicht mehr gelebt werden und damit in der Vergangenheit, in der Erinnerung derer, die sie erleben durften, verstauben.

Gottheiten wie die griechischen oder auch die nordischen waren weltbestimmend und seelenformend. Doch wie bei einem Satz Gitarrensaiten waren die hellen Klänge, so bestimmend sie auch waren, zum verblassen verurteilt. Der Hunger der Menschen nach neuen Ufern, der Rock ’n’ Roll, war stärker als der sicherheitgebende Glaube an die Götter der Altvorderen. Die Philosophie überlebte jedes Zeitalter. Bis heute sind Philosophen der ersten Stunde, wie z. B. Heraklit, ein Teil der gesamten philosophischen Gedankenwelt.

Philosophie ist so alt wie der Mensch selbst. In jedem Abschnitt der Menschen gab es Philosophen. Menschen, die anders waren und sind. Was zeichnet das Anderssein aus? Der philosophische Mensch verliert die Neugierde und das Staunen nicht. Er nimmt jeden Tag so, als ob er noch nie einen erlebt hat. Er stellt alles in Frage. Nicht dogmatisch oder nach Plan, sondern aus dem Antrieb heraus, der durch die Neugierde gespeist wird. Er prüft fortwährend seine Weltsicht und seine Wertetabellen, um sie genauso oft anzupassen oder zu bestätigen.

Ich dachte schon oft daran, ein Buch zu schreiben. Wollte aber nicht das hundertste Buch schreiben, das die tollen Ideen aller Philosophen vor mir nur wiederkäut und nichts anderes als ein Abziehbild anderer Seelen ist. Sicher haben Bücher wie „Sofies Welt“ (Jostein Gaarder) oder „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ (Richard David Precht) ihren Sinn. Es ist ein schöner Einstig in die Gedankenwelt der Philosophie. Aber aus meiner Warte betrachtet, ist es nicht die eigenständige Philosophie des Autoren. Was nicht heißt, dass die beiden Herren nicht auch Philosophen sind. Das Buch „Das Kartengeheimnis“ von Jostein Gaarder zeigt seine eigene und mir recht nahe Philosophie.

Ich glaube, dass wir alle mit dem Rüstzeug zur Welt kommen, ein Philosoph zu sein. Ich behaupte weiterhin, dass wir ohne dieses Rüstzeug nie dem Säuglingsstadium entwachsen würden. Nur die stetige Neugierde und das brennende Verlangen nach Neuem gibt uns die Kraft, aus den Windeln rauszuwachsen. Wenn wir älter werden, können wir uns entscheiden, diese Kraft abzulegen und dem gesellschaftlichem Allerlei zu opfern und uns anpassen, um bequem und ohne Erklärungsbedarf auf den Lebensweg zu machen. Wir können das tun, was alle tun und uns den Vorstellungen hingeben, die die Gesellschaft für uns – transportiert durch die Eltern und die ersten sozialen Gruppierungen – bereithält. Oder wir erhalten uns die Neugierde, das Feuer und den Drang zu entdecken und zu forschen.

Wer die erste Wahl trifft, muss nicht per se unglücklich werden. Ganz im Gegenteil. Ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, dass dieser Weg der einfachere sein kann. Wer den zweiten Weg wählt, wird sich immer wieder in Situationen finden, in denen eine hohe Erklärungsnot entsteht. Er wird ein, so wurde es mir immer wieder gesagt, unstetes Leben führen. Für mich ist gerade diese Beweglichkeit, die dem Unsteten innewohnt, das, was für mich mein Leben ausmacht. Schnelle und spontane Kurskorrekturen, nicht am Alten kleben und keine Angst vor dem Morgen oder gar dem Ende haben. Ich will in diesem Buch nicht werten oder urteilen. Jeder lebt sein Leben so, wie er es für sich eingerichtet hat. Und jeder hat jeden Tag die Chance es zu verändern, wenn er die daraus resultierenden Konsequenzen zu tragen vermag.

Jeder, der es von sich behaupten kann!

Du wirst in diesem Buch keine Abziehbilder der Altvorderen lesen. Sicher habe ich viele der sehr unterschiedlichen philosophischen Schriften gelesen und mir immer das heraus genommen, was für mein Leben passt. Ich kann nicht behaupten, dass ich ein reiner Anhänger von Kant oder Platon oder oder oder sei.

Aber von beiden und all den anderen steckt sicherlich etwas in meiner eigenen Philosophie. Mehr jedoch ist es mein Ziel, den Philosophen in dir zu wecken oder mit ihm zu kommunizieren, wenn er schon an der Oberfläche ist.

Es wird das ein oder andere kurze Zitat eingeblendet werden, wenn ich eine meiner Ideen oder deren Entstehung verdeutlichen will. Es hilft zu verstehen, woher meine persönliche Philosophie kommt. Ohne die Ideen aller, die vor mir da waren – und zum Teil heute noch da sind – würde meine Philosophie nicht entstanden sein. Das sehe ich bei allen Philosophen so, dass wir die Ideenwelt nie neu erfinden sondern aus den Arbeiten unserer Vorfahren unsere eigene Arbeit erstellen.

Der Anfang der Philosophie liegt wie unser aller Anfang in einer kleinen Keimzelle. Nur, weil wir aus der Zeit vor Thales keine nachweisbare Artefakte haben, heißt es nicht, dass der Mensch vorher nicht die Philosophie von Mund zu Ohr weitergetragen hat.

Ich kann mir vorstellen, dass in der Frühzeit der Sprache schon erste philosophische Gedanken getauscht wurden. Was ist Sonne, was ist Mond, warum schneit es, und wieso verändern wir uns über die Jahre. Warum kommt nach dem Sommer immer der Herbst – und kann ich selbst etwas daran ändern oder nicht.

Jeder, der den Gedanken hat, er sei Philosoph, kann sich auch so nennen. Denn niemand, der nicht philosophisch lebt, wird den Gedanken tragen, sich so nennen zu wollen. Somit ist das einer der wunderbaren bidirektionalen Ereignisstränge, die es im Leben immer wieder gibt. Ich nenne mich Philosoph und bin somit einer, ich lebe Philosophie und nenne mich Philosoph etc.

Was hat Philosophie mit Rock ’n’ Roll zu tun? Das Brennen, das Neue, die revolutionären Bewegungen und die Neugierde. Rock ’n’ Roll in seiner Urform war der Wunsch, sich außerhalb der festgefahrenen gesellschaftlichen Regeln und Grenzen zu bewegen. Es war das Signal „Wir sind anders und wollen das auch zeigen und leben“. Im Prinzip waren die 68er auch eine Form von Rock ’n’ Roll oder von Philosophie. Und die Punk-Bewegung, die vielen Revolutionen der Geschichte und…

Wenn wir das mal global historisch sehen, dann erkennen wir, dass das Anderssein, das Brennen für neue Horizonte, die Eigenschaft ist, die uns Menschen zu Entdeckungen treibt, die die Eltern derer, die es tun, als völlig abstrus und nicht machbar und unsicher beurteilen. Wenn der Mensch in die gesetzten Jahre kommt, geht der Antrieb, Neuland zu entdecken, verloren. Er wird verdrängt von Pflichten der Familie gegenüber, des Jobs gegenüber und ist sicher auch dem Sicherheitsverlangen und der Trägheit geschuldet.

Somit stelle ich fest, dass Philosophie die Kraft ist, die uns auf den Mond gebracht hat und uns Amerika hat entdecken lassen und uns irgendwann auf den Mars bringen wird. Jeder Visionär, wie zum Beispiel Steve Jobs, ist auch Philosoph. Nur wer hungrig bleibt, nur wer für Entdeckungen brennt, kann auch Visionen haben und umsetzen. Die Trägheit, durch Sicherheit genährt, ist der Tod jeder Vision. Rock ’n’ Roll ist nach wie vor die Phantasie des Aufbegehrens und des Andersseins. Nicht das, was wir in den Regalen der MediaMärkte finden, meine ich damit. Es sind die Übungsräume der unbekannten Musiker, es sind die Gitarrenstunden, die mühsam durchlebt werden – und es sind die Konzerte, bei denen wir unsere Philosophie in die Welt singen, schreien, spielen und tanzen. Musik (und insbesondere der Rock ’n’ Roll) ist für mein Empfinden gelebte Philosophie. Sicher kann Musik auch Mathematik werden, aber das ist nicht die Seite, die ich hier beschreiben will. Das forschende und das experimentelle Element des Rock ’n’ Rolls ist die Seite, die ich nutze, um einen schönen Rundgang durch meine Philosophie zu beschreiben. Folgt mir in die Welt des Gitarrenspiels, der Bandmusik und der Philosophie – und wenn Ihr am Ende wieder zu Eurem lange nicht gespielten Instrument greift, habe ich mein Ziel erreicht. Warum? Ein Instrument ist, wenn es frei gespielt wird, ein tolles Medium, um sich mit sich und seiner Philosophie zu beschäftigen. Meine Gitarre weiß genau, wie es mir geht und weiß genau, welche Fragen ich habe, um dann im musikalischen Dialog Ansätze oder gar Lösungen zu finden. Deshalb ist am Ende alles nur Rock ’n’ Roll.

Die ersten Schritte

Meine erste Gitarre fand ich im Alter von zehn Jahren unter dem Weihnachtsbaum. War nicht so der Kracher. Meine Cousine bekam die gleiche Gitarre – günstig vom Quelle-Versand und klanglich keine Freude. Der Wunsch unserer Eltern war, dass wir gemeinsam Gitarre lernen. Daraus ist jedoch nie etwas geworden. Mit meiner Cousine hatte ich lange intensiven Kontakt – aber nie musikalisch. Somit blieb die Gitarre hinterm Schrank versteckt. Und wenn sie keiner weggeräumt hat, steht sie wohl heute noch da.

Als ich 14 war, gingen wir zu einem Udo Lindenberg-Konzert. Ich wurde von meinen Freunden rechts und links unter den Armen gepackt und hoch gehoben, damit ich größer erschien und rein durfte. Es war eines der vielen Schlüsselerlebnisse in meinem Leben. Auf dem Rückweg nach Hause beschlossen wir, dadurch dass wir dachten, wir könnten das auch, eine Band zu gründen. Wir trafen uns am nächsten Tag, um zu schauen, wie wir das bewerkstelligen können. Es wurden Gitarren mitgebracht, und ich baute mir aus alten Waschmitteleimern, Topfdeckeln, Schnüren und Klebeband ein Schlagzeug. Die Stöcke waren umgedrehte Schraubenzieher. Der Spaß war groß – und der Lärm ebenso.

Ein paar Tage später kam ein Freund dazu, der nicht mit auf dem Konzert war, und brachte seine Marschtrommel aus dem Musikverein mit. Er war der Held des Tages. Und ich war raus! Mist! Ich holte die alte, verranzte Gitarre meines Vaters (sie hängt heute noch hier, aufpoliert und gepflegt und wird immer mal wieder gespielt) und war wieder drin. Das war der Anfang meiner Musik, die mich in meiner Philosophie, die damals schon in mir war, bestärkt hat.

Viel Lärm und wenig Musik muss das gewesen sein. Es war wohl so mitleiderregend, dass ein Nachbar uns ein halbes Jahr Gitarrenunterricht schenkte. Vom freien, aber unwissenden Daraufherumgedresche hin zu geplanter Struktur mit positivem Klangeffekt. Wow – da geht ja was! – zumindest, wenn der Lehrer spielte. Die ersten Akkorde waren die Hölle, und nur durch stetiges Wiederholen ist aus dem akustischen Sperrmüll ein Wohlklang entstanden.

So ist es mit Gedanken auch. Wenn ich eine Idee das erste Mal denke, ist es wie eine unfertige Skizze. Oder wie ein Akkord, der nicht voll und sauber klingt aber die Schönheit dessen erahnen lässt. Jeder philosophische Ansatz wird bei jedem Denken schöner, und das ist das Spannende an Philosophie. Jeder Durchgang verfeinert die Idee und macht sie brillanter und stabiler. Dieser Effekt hört nie auf, die Sprünge allerdings zwischen den einzelnen Stufen werden immer kleiner, so dass es irgendwann vermeintlich zum Stillstand kommt. Das stimmt nicht. Unsere Wahrnehmung ist nur nicht in der Lage, so fein aufzulösen. Wenn jetzt ein weiterer Gedanke dazu kommt, oder sich zu D-Dur ein geschmeidiges C-Dur gesellt, wird auf einmal die Wahrnehmung wieder sensibilisiert für die Veränderung der Stufe.

In der Wissenschaft ist mensch sich heute bewusst – bis es wieder geändert wird – dass allein das Betrachten eines Versuches das Ergebnis verändert. In der Philosophie ist es ähnlich. Der Versuch zu erklären führt oft dazu, dass die Erklärung und die Idee sich wie zweieiige Zwillinge verhalten und nicht wie ein und dieselbe Person. Das Dilemma wird immer sein, dass wir Menschen immer nur den Teil sehen werden, in dem wir selbst existieren. Niemand von uns ist in der Lage, einen neutralen, außerhalb der Menschheit liegenden, Beobachtungspunkt zu besetzen. Somit müssen wir die Änderungen, die wir erzeugen neu einordnen. Die Veränderungen, die wir in Experimenten und in Gedanken erzeugen, sind die Flügel der Philosophie. Die Veränderungen führen immer wieder dazu, neue Veränderungen anzustreben – und diese führen wieder zu neuen. Hier sind wir wieder bei dem Feuer, das in uns brennt, der Lust an Unbekanntem und am Entdecken.

F-Dur ist so ein gemeiner Akkord

Heute lernen wir F-Dur. „Ja klar – kein Ding – schieb mal rüber.“ Und dann wurde es uns schnell klar. Das ist eine Steigerung, die wir so nicht vorhergesehen haben. Der Barré-Griff. Der Zeigefinger über alle Saiten, und die restlichen drei Finger im munteren Tanz um die Akkorde. Der erste Anschlag des Griffes wäre sofort in die Mülltüte gewandert, wenn mensch ihn hätte fassen können. Nichts von Schönheit oder Können. Nur dumpfes Geschnarre – begleitet von Stöhnen angesichts des Schmerzes im Handgelenk, in den Fingern und an den Fingerkuppen.

Wenn wir uns mit Themen beschäftigen, wie zum Beispiel dem Tod, dann fängt das genau so an. Die Seele schmerzt, weil sie unvorstellbare Horizonte wahrnimmt, die dumpf den Weg in das Bewusstsein suchen. Erst, wenn wir uns immer und immer wieder damit beschäftigen, also üben wie den F-Dur Akkord, wird das Dumpfe verschwinden und Klarheit entstehen. Philosophie ist nichts, was wir an- oder abschalten können.

Es ist ein Weg. Ein Prozess und auch ein Instrument, um sich sein eigenes Leben zu erklären und seine Position zu bestimmen. Tägliches Üben bringt sowohl an der Gitarre als auch in der Philosophie fortwährend schönere und klarere Bilder zu Tage. Hinter den klaren Gedanken warten schon die nächsten verschwommenen Ideen – und so geht das immer weiter. Ich hätte nie gedacht, dass ich so viel Kraft brauche um, Gitarre zu spielen. Es ist selbst heute noch so, dass wenn ich einen neuen Fingersatz finde, die Muskeln sich erst synchronisieren müssen. Sie müssen sich einstimmen auf den Fluss der Kraft. Welcher Finger drückt mit welcher Kraft in welcher Position mit welchem Winkel. Jetzt nehmen wir noch den Winkel der Hand und des Armes und den ganzen Körper dazu und schon sehen wir, dass wir eine Gleichung mit mindestens sechs Unbekannten haben. Wenn ich das alles eingeübt habe, könnte der Verdacht entstehen, dass der nächste Fingersatz einfacher ist. Nicht unbedingt. Je weiter die Fingersätze auseinander sind, desto mehr Unbekannte wollen berechnet werden.

Ein neuer Gedanke, eventuell gespeist durch eine Anregung aus einer Arbeit eines anderen Philosophen, führt immer dazu, dass wir uns einspielen müssen auf den Gedanken. So anregend der Gedanke auch sein mag (und anregende Gedanken gibt es unendlich viele in den Werken der Philosophen), er muss erst durch Üben und stetigem Neudenken an die eigenen Parameter geführt werden. Wenn wir das nicht machen, bleibt es ein Abziehbild eines Gedankens eines anderen.

„Ich denke, also bin ich“ (Cogito ergo sum – René Descartes um 1641) ist ein kurzer, oft und gern benutzter Satz, der beim ersten Denken nur schwerlich etwas bedeutet. Erst beim wiederholten Denken bekommt die Idee dahinter etwas Licht ab. Es ist zum einen eine simple Feststellung, dass wir durch die Fähigkeit zu Denken feststellen, dass wir eine Existenz haben. So weit, so gut. Aber es geht viel tiefer, wenn mensch immer weiter denkt. Die Kausalkette der Aussage, durch ein „also“ verknüpft, setzt uns in eine Unfreiheit – da ich mit der philosophischen Umkehr in eine Position komme, die ich nicht halten kann. Folglich: Wenn ich nicht denke, dann bin ich nicht. Das will ich so für mich nicht stehen lassen! Wenn ich in meditativen Momenten mein Bewusstsein zur Gänze leere und mich, wenn auch nur kurz, im Zustand des Nichtdenkens befinde, müsste ich, dem Umkehrschluss gehorchend, nicht mehr existent sein. Und das ist im Selbstversuch nicht der Fall gewesen. Somit müssen wir weitere Parameter in unser Gedankenspiel einbeziehen. Wie waren die Umstände der Zeit, wie hat Descartes gelebt, und aus welchem Zusammenhang kam ihm dieser Gedanke. Wenn wir das tun, werden wir schnell feststellen, dass alle großen philosophischen Worte und Aussagen nur Kinder ihrer Zeit sind und uns lediglich als Sprungbrett dienen können, um unsere eigenen Aussagen zu treffen, die dann wiederum Kinder unserer Zeit sind.

Das ist im Rock ’n’ Roll nicht anders. Ein neues Musikstück kann fast immer auf Zitate der vorher veröffentlichen Musik runtergebrochen werden. Das macht die neuen Stücke nicht schlechter oder beraubt sie ihrer Eigenständigkeit – es zeigt nur, dass alles mit jedem in Verbindung steht. Wenn wir Chuck Berry hören, befinden wir uns im Ideenhaus der 1960er Jahre. Wenn wir die Boswell Sisters hören, sind wir in den 1930er und hören bei der Geburt des Rock ’n’ Rolls zu. Wenn wir Billy Idol hören, sind wir im Wechsel zu den 1980ern und im Wechsel zum Punk. Billy Idol brach sein Philosophie-Studium ab, um Rock ’n’ Roll zu spielen. Deutlicher geht es nicht, oder?

Jedes Lied, das wir selbst erlernen, kann als Sprungbrett zu einem neuen, eigenen Song dienen, der trotz der Wurzeln eine eigene Geschichte erzählt. Mensch mag glauben, dass irgendwann alle Geschichten erzählt sind, jede Melodie gespielt ist und nichts neues mehr kommen kann. Neu heißt für mich nicht „noch nie dagewesen“. Neu heißt für mich Veränderung. Eine Entwicklung dessen, was es schon gibt. So ist es in der Philosophie und in der Musik.

Tabulatur statt Noten

Wir sind schon ganz fit unterwegs. Smoke on the Water