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Die Philosophie der Antike umfasst einen Zeitraum von ungefähr 1100 Jahren. Sie bildet eine der bewegtesten und reichsten Perioden der Philosophiegeschichte überhaupt. Vor den Griechen existierte philosophisches Denken nirgendwo im Mittelmeerraum – vielleicht sogar nirgendwo auf der Welt. Die Einführung liefert einen komprimierten Überblick über die wichtigsten Denker und Schulen der antiken Philosophie.
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Veröffentlichungsjahr: 2020
Christoph Horn
PHILOSOPHIE DER ANTIKE
Von den Vorsokratikern bis Augustinus
C.H.Beck
Die Philosophie der Antike umfasst einen Zeitraum von ungefähr 1100 Jahren. Sie bildet eine der bewegtesten und reichsten Perioden der Philosophiegeschichte überhaupt. Vor den Griechen existierte philosophisches Denken nirgendwo im Mittelmeerraum – vielleicht ja sogar nirgendwo auf der Welt. Die Einführung liefert einen komprimierten Überblick über die wichtigsten Denker und Schulen der antiken Philosophie.
Christoph Horn ist o. Professor für Praktische Philosophie und Philosophie der Antike an der Universität Bonn. Bei C.H.Beck ist von ihm erschienen: Augustinus (32015), Antike Lebens-kunst (32014), Wörterbuch der antiken Philosophie (32008, mit Christof Rapp).
Vorwort
1. Die Anfänge: Wie beginnt die philosophische Welterklärung?
2. Das fünfte Jahrhundert: Philosophie in der Blütezeit Athens
3. Klassische Philosophie: Platon und Aristoteles
Ideentheorie
Epistemologie
Psychologie
Moralphilosophie
Politische Philosophie
Wissenschaftskonzeption
Psychologie
Moralphilosophie
Politische Philosophie
4. Hellenistische Philosophie: Nicht nur Kontroversen über die richtige Lebenspraxis
5. Philosophie in Rom: Übersetzungsleistungen
Platoniker
Aristoteliker
6. Kaiserzeit und Spätantike: Heidnischer und christlicher Platonismus
Anhang
Antike Philosophie: Zeittafel
Literatur
Allgemeines zur Philosophie der Antike
1. Die Anfänge: Wie beginnt die philosophische Welterklärung?
2. Das fünfte Jahrhundert: Philosophie in der Blütezeit Athens
3. Die klassische Philosophie: Platon und Aristoteles
4. Hellenistische Philosophie: Nicht nur Kontroversen über die richtige Lebenspraxis
5. Philosophie in Rom: Übersetzungsleistungen
6. Kaiserzeit und Spätantike: Heidnischer und christlicher Platonismus
Personenregister
Werkabkürzungen
Für Anna und Moritz
Wollte man die antike Philosophie präzise datieren, so ließe sich behaupten, sie beginne im Jahr 585 v. Chr. und ende im Jahr 529 n. Chr. Das erste Datum kennen wir, weil Thales von Milet, der früheste für uns greifbare Philosoph, bezogen auf dieses Jahr eine Sonnenfinsternis vorhersagte. Das zweite Datum ist das Jahr der Schließung der letzten nicht-christlichen Philosophenschule im Römischen Reich, der neuplatonischen Akademie in Athen, durch Kaiser Justinian. Akzeptiert man diese beiden Daten, so umfasst die antike Philosophie einen Zeitraum von etwa 1100 Jahren. Es handelt sich um eine der bewegtesten und reichsten Phasen in der Philosophiegeschichte überhaupt. Vor den Griechen existierte philosophisches Denken nirgendwo im Mittelmeerraum – vielleicht ja sogar nirgendwo auf der Welt. (Letzteres hängt davon ab, was genau man unter ‹Philosophie› versteht.) Nach dem Ende der Athener Akademie gab es zwar weiterhin philosophisches Denken, auch organisiert in Institutionen; dieses stand aber für Jahrhunderte weitgehend unter der Autorität der christlichen Kirche.
Zugegebenermaßen ist eine solche Abgrenzung aber pseudo-präzise. Einerseits ist zu betonen, dass die Anfänge der antiken Philosophie nicht allein an der Person des Thales festzumachen sind. Der Übergang von mythisch-religiösen Denkformen zu theoretischen Welterklärungen lässt sich bereits bei Homer und Hesiod greifen und ist als komplexer Prozess zu beschreiben. Thales spielt dabei eine herausgehobene Rolle, aber nicht die einer isolierten Gründerfigur. Andererseits darf man nicht vergessen, dass die Philosophie auch im christlich gewordenen Europa (und im islamischen Vorderen Orient) ihren Platz behielt und zum einen als Bildungsgut bewahrt wurde, zum anderen sachlich weitergeführt worden ist. Auch wenn man die Jahrhunderte, die man im Westen als ‹frühmittelalterlich›, im Osten als ‹frühbyzantinisch› bezeichnet, für weniger fruchtbar und interessant halten mag, besteht doch eine grundsätzliche Kontinuität zur Philosophie der Antike.
Die Schwierigkeit einer genauen Abgrenzung der Epochen deutet somit auf ein Problem hin, mit dem diese Einführung durchgehend konfrontiert ist: Vieles muss knapper und eindeutiger präsentiert werden, als es eigentlich gesagt werden sollte. Ein einführendes Buch kann auf den wenigen verfügbaren Seiten natürlich nur die Grundlinien eines solchen komplexen Stoffs entwickeln. Dennoch soll hier versucht werden, mehr als nur ein kondensiertes Extrakt zu liefern. Meine Hoffnung ist es, dass sich auch auf engem Raum einiges von der gedanklichen Attraktivität der antiken Philosophie einfangen lässt.
Danken möchte ich an dieser Stelle Dr. Anna Schriefl für zahlreiche Verbesserungsvorschläge, Malte Kuhfuß für die Erstellung des Registers – und ebenso Anna und Moritz für ihre Mithilfe.
Bonn, im März 2012
Christoph Horn
Die antike Philosophie beginnt an der Ägäis-Küste der heutigen Türkei, im griechischen Siedlungsgebiet Kleinasiens, gegen Anfang des sechsten Jahrhunderts v. Chr., und zwar mit einer besonders schillernden Figur: mit Thales von Milet. Thales war zugleich Astronom, Mathematiker, Ingenieur, Naturforscher und Politiker. Was ihn für uns interessant macht, ist, dass er zudem auch die erste philosophische Deutung der Realität zu geben versuchte.
Aber der Reihe nach. Als Astronom trat Thales in Erscheinung, indem er die Sonnenfinsternis des Jahres 585 v. Chr. prognostizierte. Als Mathematiker beschäftigte er sich mit Trigonometrie und berechnete beispielsweise die Höhe der ägyptischen Pyramiden; zudem schrieb er ein nautisches Handbuch für Seefahrer. Als Ingenieur lässt sich Thales betrachten, weil er einen Fluss umleitete, um so den Weitermarsch eines Heeres zu ermöglichen. Als Naturforscher kann man Thales insofern ansehen, als er sich mit der Frage auseinandersetzte, wie es in Ägypten zu den regelmäßigen Überschwemmungen des Nils kommt. Dass jemand auf so vielen Gebieten Herausragendes leisten kann, ist äußerst ungewöhnlich. Tatsächlich war Thales bereits in der Antike legendär, und sein Ruf als Gelehrter galt als sprichwörtlich. Nicht umsonst beginnt mit ihm die Reihe der ‹Sieben Weisen›: Er gehört (zusammen mit Pittakos, Bias, Solon, Kleoboulos, Myson und Chilon) zu den wichtigsten Exponenten der archaischen Moral und Lebenseinstellung in Griechenland. (Es handelt sich dabei um eine Moral des rechten Maßes und der Besonnenheit.) Nach einer Anekdote, die uns Aristoteles erzählt, betätigte sich Thales sogar als kluger Geschäftsmann: Er soll rechtzeitig vor einer üppigen Olivenernte sämtliche Ölpressen aufgekauft und dann gegen eine hohe Miete verliehen haben, um so zu beweisen, dass man auch als Philosoph zu Geld kommen kann (Politik I.11). Eher weltfremd wirkt er dagegen in der berühmtesten Anekdote, die sich um seine Person rankt: Als Thales eines Nachts den Himmel beobachtete und nicht darauf achtete, wo er hintrat, stürzte er in einen Brunnen – unter dem Gelächter einer thrakischen Magd, die ihn beobachtete (Platon, Theaitetos 174a). Die Magd bringt durch ihr Lachen den common sense-Verdacht zum Ausdruck, dass Philosophen durch ihre hochfliegenden Gedanken ihre Alltagstauglichkeit einbüßen.
Die philosophisch zentrale Leistung des Thales ist aber, dass er die erscheinende Wirklichkeit, wie wir sie aus der Erfahrung kennen, auf ein grundlegendes Prinzip zurückzuführen suchte. Für Thales ist das Wasser dasjenige, «woraus jedwedes Seiende ursprünglich besteht, woraus es als Erstem entsteht und worein es als Letztem untergeht, wobei das Wesen fortbesteht und nur seine Eigenschaften wechselt» (DK 11A12). Was uns Aristoteles hier über Thales berichtet, ist die Idee, man könnte sich alle Dinge in der Welt als Ausdifferenzierungen von Wasser denken. Laut Aristoteles war Thales «der Urheber dieser Art von Philosophie», nämlich derjenigen Denkweise, bei der man alles Seiende auf ein dahinterstehendes Prinzip (archê) oder Element (stoicheion) zurückführt. Die Theorie, wonach alles aus einem Prinzip zu erklären sein soll, lässt sich als explanatorischer Monismus bezeichnen. Für Thales’ Idee eines explanatorischen Monismus ist es kennzeichnend, dass er Argumente zu seiner Stützung aufbot. Um plausibel zu machen, dass das Wasser die Ur-Substanz der Welt ist, wies er darauf hin, dass die Nahrung aller Lebewesen wässrig sei und auch die Samen, aus denen sie entstehen, eine flüssige Form hätten. Thales meinte zudem (wenn auch fälschlich), die Landmasse der Erde schwimme auf dem Wasser des Meeres.
Trotz aller Innovationen unterscheidet sich Thales’ explanatorischer Monismus aber nicht gänzlich von der Erklärungsart, die man von Mythen und aus dem Epos gewohnt ist. Es wäre falsch anzunehmen, die Philosophie sei gleichsam aus dem Nichts entstanden. Homer und besonders Hesiod liefern in ihren Epen ebenfalls Welterklärungen grundlegender Art. In der Theogonie des Hesiod wird die Weltentstehung aus dem Chaos (d.h. dem leeren Raum oder Abgrund) beschrieben und das göttliche Urpaar Ouranos (Himmel) und Gaia (Erde) eingeführt, aus dem sich mehrere Generationen von Göttern und schließlich auch die sterblichen Lebewesen herleiten. Es liegt auf der Hand, dass der explanatorische Monismus des Thales dem des Hesiod aspektweise gleicht. Anders als Hesiod greift Thales allerdings weder auf personale göttliche Mächte noch auf traditionelle Erzählstoffe zurück; er erklärt die Welt auseinem materiellen und natürlichen Prinzip und bedient sich hierfür argumentativer Mittel. Dem widerspricht nicht, dass uns Thales’ Ansicht überliefert ist, dass «alles voll von Göttern» sei (DK 11A22). Hierin kommt nicht so sehr eine Fortdauer der mythischen Sichtweise zum Ausdruck. Vielmehr ist die These gemeint, das gesamte Universum sei ein lebender Organismus. Beispielsweise interpretierte Thales Magnete als ‹beseelt›, weil sie augenscheinlich ein Prinzip der Selbstbewegung sowie der Anziehung von Eisen in sich tragen.
Die Form von Philosophie, wie Thales sie erfand, setzt als eine eigenständig betriebene Disziplin die Tendenz vieler, vielleicht sogar aller Menschen fort, sich grundlegende Fragen über ihr Leben und die sie umgebende Welt zu stellen und diese mit theoretischen Mitteln zu beantworten. Einmal entdeckt, scheint Philosophie eine so attraktive Sache zu sein, dass sie aufgegriffen und fortgeführt wird. Man rubriziert die Autorengruppe des sechsten und fünften Jahrhunderts, die nach Thales Philosophie betrieb, gewöhnlich als ‹die Vorsokratiker› – was insofern fragwürdig ist, als die Philosophen vor Sokrates, die Thales’ Impuls aufgriffen, sachlich nur wenig miteinander teilen. Das Besondere ihrer Fortführung liegt vielmehr darin, dass sie Philosophie nicht repetitiv, sondern als selbständige Aneignung weiterbetrieben. Jeder Philosoph setzte neu an, indem er aufgriff, was ihn an den Erklärungen seiner Vorgänger überzeugte, aber auch klarstellte, was er für falsch hielt und was ihm stattdessen als angemessene Welterklärung erschien.
Es ist nicht überraschend, dass sich eine solche Theoriendynamik zunächst in Bezug auf Thales’ Heimatstadt Milet beobachten lässt. Jedenfalls trat der zweite für uns greifbare Philosoph, Anaximander von Milet, räumlich und thematisch in so unmittelbarer Nähe auf, dass man glauben muss, er habe sich direkt an Thales orientiert. Von Anaximanders Lebensdaten wissen wir nur, dass er im Jahr 546 v. Chr. das Alter von 64 erreicht haben soll. Für Anaximander ist «Prinzip und Element das Unbegrenzte» (to apeiron: DK 12A1 und 9–12). Das apeiron ist ewig, unendlich groß und ohne bestimmte Qualitäten. Anaximanders Überlegung könnte hier gewesen sein, dass das, woraus alle zeitlich aufeinander folgenden Dinge entstehen, selbst ohne Entstehung sein muss. Ebenso muss das, woraus alles nach Eigenschaften Differenzierte hervorgeht, selbst übergegensätzlich sein. Während manches in der Welt warm, anderes kalt ist, manches trocken, anderes feucht, zeigt das apeiron keines dieser Merkmale. Bemerkenswerterweise besitzen wir von Anaximander das erste wörtlich überlieferte Textstück der griechischen Philosophie überhaupt (von Thales existieren nur Berichte). Dieses Fragment, das in einen Bericht des spätantiken Autors Simplikios eingebettet ist, lautet:
Und was für die seienden Dinge die Quelle des Entstehens ist, dahin vollzieht sich auch ihr Vergehen «gemäß der Notwendigkeit; denn sie strafen und vergelten einander gegenseitig ihr Unrecht nach der Ordnung der Zeit», wie er es mit diesen ziemlich poetischen Worten ausdrückt.
Das wörtlich überlieferte Textstück beschränkt sich auf die Worte innerhalb der Anführungszeichen. Anaximander beschreibt hier die zeitliche Abfolge der Dinge als eine Art Gerechtigkeitsordnung, bei der das Vergehen einer Entität als Bezahlen der Strafe für das Unrecht aufgefasst wird. Welches Unrecht meint er dabei – vielleicht die Tatsache ihrer Entstehung als Einzeldinge? Zumindest könnte in dem Fragment eine Theorie angedeutet sein, die erklären soll, wie die Dinge hintereinander aus dem apeiron hervorgehen. Die Zeit erscheint dabei als die übergreifende kosmische Gerechtigkeit, die alles mit strenger Notwendigkeit aufeinander folgen lässt.
