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Die hier aneinandergereihten Texte beschäftigen sich mit dem Altern.
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Seitenzahl: 44
Veröffentlichungsjahr: 2017
Die vorliegenden Seiten enthalten Materialien für eine Philosophie des Alterns. Es sind aneinandergereihte Miszellen, die in ihrer Gesamtheit jedoch ein gutes Bild der unterschiedlichen Facetten des Alterns ergeben.
Es war es nicht die Absicht, die bisherige Literatur zum Thema zu sichten. Auch war es nur bedingt die Absicht, eine Systematik zu entwickeln.
Vielmehr wollte ich die Gedanken zum Thema aufschreiben, um sie in weiteren Schritten zu bearbeiten und zu erweitern.
Hille-Unterlübbe, im Juli 2017, im April 2020
I. Über das Altern
1. Alter und menschliche Biographie
2. Alter und Realität
3. Energie und Alter
4. Alter und Krankheit
5. Lebensweisheit: Alter und Klugheit
6. Die Gunst des Alterns
7. Vom Bewusstsein des Älterwerdens
8. Vom Sinn des Lebens
9. Alter und Lebenspläne
10. Alter und Eigensinn
11. Von der Verlorenheit des Ichs im Alter
12. Die Angst vorm Altern
13. Alter und Vergänglichkeit
II. Der alte Mensch in seiner Zeit
1. Alter und Philosophie: Die Schönheit des Alterns
2. Alter und Glaube
3. Glaube und Zuversicht
4. Alter und Zuversicht
5. Verlässlichkeit
6. Alter und Zeit
7. Alter und Vernunft
8. Alter und Begierde
9. Alter und Frohsinn
10. Alter und Lebensmut
11. Alter und Ego
12. Alter und Liebe
13. Vom Sinn des Daseins im Alter
14. Alter und Phlegma
15. Stolz im Alter
16. Lebenslust im Alter
III. Altern in der Gesellschaft
1. Alter und Gesellschaft
2. Altern in der heutigen Gesellschaft
3. Die Würde des alternden Menschen ist unantastbar
4. Alt sein in der überalterten Gesellschaft
5. Alter und sorgenfreies Leben
6. Alter und Familiensinn
7. Alter und Gemeinsinn
8. Alter und Freundschaft
9. Alter und politische Vernunft
10. Alter und Konfliktfähigkeit
11. Alter und Geschichte
1. Alter und menschliche Biographie
Die biologische Uhr ist eine Funktion im menschlichen Leben, die keine sozialen Unterschiede kennt. Das Altern vollzieht sich in jedem Leben auf eine nahezu identische Weise. Es verbindet damit die Menschen - bis zu einem gewissen Grad.
Altern heißt, Abschied nehmen von der Jugend, Abschied nehmen vom Arbeitsleben, von Freunden, von Familienmitgliedern, von liebgewordenen Gewohnheiten usw. Alter bedeutet auch Verlust der Gesundheit, bisweilen auch Verlust des intakten Verstands. Das Altern bereitet uns vor auf den Tod. Es ist - wenn man so will - ein langes Abschiednehmen.
Mit dem Alter werden die Inhalte, an die man sich erinnert, immer umfangreicher und die Perspektive der Zukunft wird immer enger. Die Erinnerung wird zu einem Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann. Aber die Wehmut engt die Freude über das bisher Erreichte ein.
Alter bedeutet jedoch auch, über Erfahrungen zu verfügen. Der Schatz der Erfahrung birgt viel Gutes. Mit diesem werden Entscheidungen gelassener und häufig auch klüger.
2. Alter und Realität
Das Alter verändert die Wahrnehmung. Die Realität ist im Alter nicht mehr die, die sie einmal war. Zeit und Erfahrung werden verändert wahrgenommen und verändern den Menschen. Der so Veränderte reift. Sein Urteil entspricht dem eines Menschen, der vieles gesehen, alles erlebt und so manches ersonnen hat.
Das Alter läutert den Menschen zudem. Die Missetaten der Jugend sind als Fehler des Lebens erkannt und damit längst gesühnt. Dem Menschen kommt damit das Maß an Souveränität zu, das ihm im bisherigen Leben verwehrt gewesen ist. Das Alter gleicht die Menschen an; der Mensch wird dem Anderen ähnlich.
Der alte Mensch nimmt nicht mehr alles wahr. Das, was vergessen wird und am Rande des Lebens liegen bleibt, wird zu einer Last, über die man nicht mehr gerne spricht. Im Alter interessiert man sich schlichtweg nicht mehr für alles, was in früheren Stadien des Lebens von Interesse war. Die Wahrnehmung verkürzt sich auf das Positive, auf das Gute und Existenzielle.
Der alte Mensch weiß, wofür er sich noch interessieren darf. Er weiß, was früher Anlass zu Ärger gab, und er verzichtet deshalb bewusst auf das. Er hat gelernt zu leben. Er hat gelernt sich anzupassen und sich zu arrangieren.
Die Realität des alternden Menschen entspricht somit der Realität eines im hohen Maße durchlebten und zurückgelegten Lebens. Es ist eine zur Ganzheit gekommene Realität, aus der nur noch die reine individuelle Persönlichkeit spricht.
Die Realität des alternden Menschen wird im zunehmenden Maße von einer ausgesprochenen Ich-Realität bestimmt. Eine kollektive Sinngebung entfällt immer dann, wenn das eigene Ego spürbar wird. ‚Identisch-mit-sich-selbst- sein‘ heißt aber auch ‚Ausgesöhnt sein- mit der-Welt. Der geläuterte Mensch strahlt Wärme aus. Die Harmonie, in die er lebt, wird augenfällig für andere.
Alt sein bedeutet auch Vervollkommnung im Leben. Es ist das Letzte, das erfahrbar wird in einer Welt, die spürbar immer ärmer und enger wird.
3. Energie und Alter
Energie hat im Alter eine andere Qualität. Der Wert der Arbeit wird nicht mehr einer Bilanzrechnung unterzogen. Der alte Mensch denkt kostendeckend, energieeffizient, gleichsam ökonomischer. Überflüssiges Agieren ist ihm suspekt. Da Zeit zur Mangelware wird, wird Zeit wie auch die verbleibende Energie zum kostbaren Gut.
Der alte Mensch weiß um die Gebrechlichkeit, die im Alter kommt. Deshalb erscheint jeder Bündel des Lichts als willkommener Gruß. Die biologischen Qualitäten - Nahrungszufuhr, Schlaf, Bewegung – schwinden und erhalten einen letzten Sinn. Der alte Mensch isst nicht nur bewusster, sondern er lebt auch bewusster. Jede unnütze Anstrengung wird vermieden, denn jede unnütze Energieverschwendung bedeutet Verlust.
Krankheit im Alter heißt auch Verzicht auf körperliche Energieleistung. Abwesenheit von Energie bedeutet Unwohlsein, Schwäche, schlimmstenfalls auch Verlust der körperlichen Primärfunktionen wie Verdauen, Gehen, Schlafen usw. – Jede unnütze Energieverschwendung wird im Alter als bedrohlich empfunden und wird deshalb vermieden.
