Philosophie - Was geht mich das an? - Regina Oehler - E-Book

Philosophie - Was geht mich das an? E-Book

Regina Oehler

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Beschreibung

Ein Universum entsteht aus dem Nichts und lädt ein zum Staunen. Der ewige Kreislauf aus Strukturbildung und kosmischen Katastrophen lässt faszinierende Objekte werden und vergehen. Sternengeburt und Sternentod reihen sich aneinander, bis hin zu einer wundersamen Metamorphose - der Selbstorganisation von toter Materie zu lebenden Organismen. Dieses Leben wird sich seiner selbst bewusst und stellt Fragen: Wie konnte Alles aus dem Nichts entstehen und was war davor? Was ist Materie und was hält die Welt im Innersten zusammen? Was sind Sterne, Quasare, Pulsare, Jets, GRB, UHECR, Magnetare, Schwarze Löcher, Super- und Hypernovae, Galaxien und der Rest? Wie ist das Leben entstanden und sind wir allein? Wohin führt unsere kosmische Reise / welche Bedrohungen erwarten uns? Was ist Dunkle Materie, Dunkle Energie, Supersymmetrie, Eichsymmetrie und spontane Symmetriebrechung? Was bringt uns das Higgsboson und wie geht´s jetzt weiter am LHC? Die Weltformel: Stringtheorie oder Schleifenquantengravitation? Woher wissen wir das alles und wo ist die Grenze unserer Erkenntnis? Das anthropische Prinzip - ist noch Platz für Gott in unserem Weltbild? Harald Lesch und Josef M. Gaßner begeben sich auf die Suche nach Antworten und präsentieren im kurzweiligen Dialog den aktuellen Stand der Wissenschaft so verständlich wie nur möglich, bis an die Grenzen ihrer eigenen Vorstellungskraft.

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Seitenzahl: 424

Veröffentlichungsjahr: 2015

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© Verlag KOMPLETT-MEDIA GmbH2015, München/Grünwaldwww.der-wissens-verlag.deISBN: 978-3-8312-0415-1

Titelbild: © Archäologisches Institut der Universität Göttingen,Photo Stephan Eckardt

Der Titel ist auch als ebook (ISBN 978-3-8312-5754-6) erschienen.

Design Cover: Pinsker Druck und Medien, Mainburgin Zusammenarbeit mit dem Hessischen RundfunkSatz: Pinsker Druck und Medien, Mainburg

eBook-Herstellung und Auslieferung: HEROLD Auslieferung Service GmbHwww.herold-va.de

Dieses Werk sowie alle darin enthaltenen einzelnen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht ausdrücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Verlages. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das Recht der öffentlichen Zugänglichmachung.

PHILOSOPHIE

Was geht mich das an?

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Auftakt

01 Philosophie – was geht uns das an?(Regina Oehler, Julika Tillmanns)

Handeln I

02 Leihmutterschaft, Adresshandel, Privatschulen – dürfen wir alles zur Ware machen?(Ruth Fühner)

03 Kruzifix, Kopftuch, Karikaturen – wie tolerant müssen wir sein?(Rainer Dachselt)

04 Gibt es wirklich keine Alternativen zur Demokratie?(Mario Scalla)

Denken I

05 Wissen wir mehr als wir glauben?(Mischa Ehrhardt)

06 Kausalität – unterschätzen wir den Zufall?(Mischa Ehrhardt)

07 Treiben uns die Neurowissenschaften die Freiheit aus?(Regina Oehler)

Bewerten I

08 Ist Moral eine Frage des Gefühls?(Ruthard Stäblein)

09 Ist Sterben Privatsache?(Michael Hollenbach)

10 Respekt, Anerkennung, Freundschaft – wie können wir gut miteinander leben?(Ruthard Stäblein)

11 Krieg und Frieden – kann Waffenhandel ethisch vertretbar sein?(Uwe Westphal)

Schauen

12 Kann Gutes hässlich sein?(Ruth Fühner)

13 Städtebau, Architektur, Mode – gibt es eine Pflicht zur Schönheit?(Thorsten Jantschek)

Bewerten II

14 Müssen wir die Erde für unsere Urenkel schonen?(Florian Schwinn)

15 Dürfen wir Tiere essen?(Julika Tillmanns)

16 Haben wir Verantwortung für historisches Unrecht?(Christoph Scheffer)

Denken II

17 Passen wir gut zur Welt, oder machen wir uns die Welt passend?(Thorsten Jantschek)

18 Täuscht uns unser Zeitgefühl?(Martin Maria Schwarz)

19 Geben wir den Wörtern zu viel Gewicht?(Christoph Scheffer)

20 Wie wird man weise?(Gert Scobel)

Handeln II

21 Gibt es ein Menschenrecht auf sauberes Wasser?(Florian Schwinn)

22 Gleichmacherei – was ist gerecht?(Ruth Fühner)

23 Ist der Kapitalismus unser Schicksal?(Henning Eichler)

Schluss

24 Macht Philosophieren glücklich?(Ruthard Stäblein)

Über die Autorinnen und Autoren

Dank

Literatur

VORWORT

Es gibt immer Alternativen. In der Politik, in der persönlichen Entwicklung, in Situationen, die manchen als alternativlos erscheinen. Das ist eine der Lehren der Philosophie. Philosophieren ist eine Einladung dazu, sich mehr Klarheit zu verschaffen, über das eigene Leben und über Fragen, die uns als Gesellschaft umtreiben: Gibt es einen gerechten Krieg? Dürfen wir alles zur Ware machen? Dürfen wir Tiere essen?

Dieses Buch lädt in 24 Kapiteln dazu ein, aus den Routinen des Alltags auszusteigen und über vermeintlich Selbstverständliches neu nachzudenken. Und dabei en passant auch etwas über die Geschichte der Ideen zu erfahren, die unser privates und gesellschaftliches Leben bestimmen – meistens, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Es möchte Lust darauf machen, sich auf die Philosophie und ihre „ewigen Fragen“ einzulassen.

Politische Philosophie („Handeln“), Erkenntnistheorie („Denken“), Ethik („Bewerten“) und Ästhetik („Schauen“), in diese Rubriken haben wir die Fragen, denen wir nachgehen, eingeteilt. Stichwörter wie Leihmutterschaft, Neurowissenschaftler als Welterklärer, Sterbehilfe oder Generationengerechtigkeit zeigen, wie aktuell und drängend die Debatten sind, die – auch – auf philosophischen Fragen beruhen.

Macht Philosophieren glücklich, fragen wir im letzten Kapitel. Und eine Antwort auf diese Frage nehmen wir hier schon einmal vorweg: Aha-Erlebnisse können ein großes Vergnügen bereiten. Und Klarheit ist zwar manchmal auch schmerzlich, sorgt aber für mehr Luftigkeit im Leben.

Die Texte dieses Buches beruhen auf den 24 Radio-Sendungen des Funkkollegs Philosophie, die hr-iNFO von November 2014 bis Mai 2015 ausgestrahlt hat. Die Sendemanuskripte sind für die Buchfassung redaktionell überarbeitet worden. Die AutorInnen der einzelnen Sendungen sind ausgewiesene FachjournalistInnen, die prominente Expertinnen und Experten zu Wort kommen lassen. Wir bedanken uns sehr herzlich bei allen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die dieses Projekt unterstützt und für die Sendungen Rede und Antwort gestanden haben.

Regina Oehler, Julika TillmannsFrankfurt, März 2015

01AUFTAKT: PHILOSOPHIE – WAS GEHT UNS DAS AN?

Von Regina Oehler und Julika Tillmanns

„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

Kann man mit so einem Satz eine Radiosendung beginnen? Oder ein Buch? Den Auftakt, der Lust machen soll, sich auf 24 Kapitel zum Thema Philosophie einzulassen?

„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

Dieser Satz ist einer der berühmtesten Sätze der Philosophie-Geschichte, mit ihm endet der Tractatus logico-philosphicus von Ludwig Wittgenstein. Und es ist ein Satz, der sich festhaken kann – nicht nur bei Radiojournalistinnen. Der drohend oder tröstlich sein kann. Stoff zum Nachdenken, wie wir ihn Ihnen mit dem Buch zum Funkkolleg Philosophie anbieten möchten.

Philosophie – Was geht mich das an?

Wir können uns von der Philosophie provozieren lassen: weiter zu denken, neu über die großen Fragen des Lebens nachzudenken, Klischees und Plattitüden schneller zu durchschauen. Wir können uns von der Philosophie anleiten lassen: was ist mir wichtig im Leben, wie kann ich dafür sorgen, dass ich nicht versäume, was mir wirklich wichtig ist? Und wir können uns von der Philosophie vielleicht sogar antreiben lassen: zu mehr politischem und sozialem Engagement. Stichwörter sind da zum Beispiel Toleranz und Gerechtigkeit.

„Was man durch die Philosophie lernt, ist einen offenen Geist zu haben. Und dazu gehört, dass man viele Dinge, die selbstverständlich daher geplappert werden, auch über die großen Fragen, erst einmal mit Stutzen, mit Erstaunen, mit Skepsis betrachtet. Und im Grunde genommen mit der Reaktion: Was meinen Sie damit, und woher wollen Sie das wissen? “

Das sagt Professor Peter Bieri, einer der wichtigen Philosophen unserer Zeit. In Bern geboren, war er lange Jahre Professor an der Freien Universität Berlin. Er hat nicht nur philosophische Standardwerke geschrieben, sondern unter dem Pseudonym Pascal Mercier auch Romane wie den „Nachtzug nach Lissabon“, die ein Millionenpublikum erreicht haben.

Ist Philosophieren damit im Grunde einfach ein anderes Wort für Nachdenken? „Nein, das kann man nicht sagen“, widerspricht Bieri, „Philosophie ist natürlich ein Nachdenken, aber es gibt viel anderes Nachdenken, was nicht Philosophie ist. Den Unterschied machen die Fragen aus, über die die Philosophie nachdenkt. Das sind die allgemeinsten und tiefsten Fragen, die Menschen sich stellen können, über sich selbst und ihre Stellung in der Welt. Also Fragen wie: Was sind wir? Wie ist es möglich, dass wir sowohl Wesen mit einem Körper als auch einem Geist sind? Was können wir wissen? Wo liegen die Grenzen unserer Kenntnis? Was sollen wir tun? Was ist wichtig für uns? Worum geht es im Leben? Diese Art von Fragen kennzeichnet die Philosophie. Sie sind, wie gesagt, die allgemeinsten Fragen, die wir kennen, und in gewissem Sinn die tiefsten. Und die methodische, systematische Beschäftigung mit diesen Fragen ist das philosophische Nachdenken.“

Und wenn Sie gerne noch ein paar Definitionen von Philosophie wollen:

„Die Frage, was Philosophie ist, ist selbst eine philosophische Frage.“ (Gerhard Ernst)

„Man kann Philosophie charakterisieren als Weiterfragen, als kritische Untersuchung dessen, was sonst unkritisch vorausgesetzt wird.“ (Gerhard Vollmer)

„Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel der Sprache.“ (Ludwig Wittgenstein)

Diesen Satz von Ludwig Wittgenstein findet Peter Bieri viel zu radikal. Aber es ist schon so, dass er als Philosoph vor allem unsere Sprache unter die Lupe nimmt: „Wann immer man sich diese großen, allgemeinen Fragen, von denen ich gesprochen habe, stellt, merkt man bald, dass man vor allen Dingen einen Schritt zurücktreten und über die Begriffe nachdenken muss, die da zur Sprache kommen. Also Begriffe wie Geist, Existenz, Wahrheit, Wissen, richtig und falsch, Gerechtigkeit, Würde usw. Und eines der ersten Dinge, die man bei einer großen Frage macht, ist, man vergegenwärtigt sich, wie die Wörter funktionieren, wie sie untereinander zusammenhängen. Das ist immer sehr viel komplizierter, als es auf den ersten Blick scheint.“

Zum Beispiel: Das Buch zum Funkkolleg Philosophie will natürlich auch Wissen vermitteln. Aber was meinen wir genau, wenn wir von Wissen reden? „Man kann Verschiedenes darunter verstehen“, sagt Peter Bieri. „Man kann darunter verstehen, dass jemand zum Beispiel weiß, wie man etwas macht. Er kann etwas. Er kann Klavier spielen. Es kann auch heißen, dass jemand weiß, dass etwas der Fall ist. Dass die Erde sich um die Sonne dreht zum Beispiel. Dann ist damit mindestens gemeint, dass der Satz, von dem da Wissen behauptet wird, nämlich die Erde dreht sich um die Sonne, wahr ist. Das heißt, es gibt schon mal einen begrifflichen Zusammenhang zwischen Wissen und Wahrheit.

Aber wir können auch am Roulettetisch der festen Überzeugung sein, dass die 23 kommen wird, und sie kommt. Das heißt, die Überzeugung ist wahr, aber niemand würde davon sprechen, dass wir wissen, was die nächste Roulettezahl ist. Deshalb muss noch etwas hinzukommen zu der Überzeugung und zur Wahrheit, und das ist Begründung. Wir müssen Gründe haben, um etwas Wahres zu glauben. Erst dann können wir von Wissen sprechen. Deshalb hat die Wahrsagerin, die durch die Glaskugel guckt, selbst wenn sie zufällig trifft, was in der Zukunft passiert, eben kein Wissen, weil es keine Gründe gibt, weil der Zusammenhang zwischen der Zukunft und der Glaskugel einfach nicht besteht.“

So arbeitet Peter Bieri als Philosoph. Was hat ihn dazu gebracht, sich auf eine so akribische Tätigkeit einzulassen? Warum hat er Philosophie studiert? „Ich wollte einfach die tiefsten Fragen besprochen haben und über sie lesen. Ich konnte gar nicht verstehen, wie jemand sich mit Dingen beschäftigen konnte, die weniger allgemein, weniger fundamental sind als die philosophischen Fragen. Also ich konnte eigentlich nicht so recht verstehen, wie man das BGB studieren wollte oder das Strafgesetzbuch oder dermatologische Erscheinungen oder geologische Erscheinungen usw.“

„Ich bin auf die Idee gekommen, Philosophie zu studieren, als ich Zivildienst gemacht habe“, erzählt Marcus Willaschek. „Ich wollte eigentlich immer Theaterwissenschaften studieren, und als Schüler hatte ich von Theaterwissenschaften genauso wenig eine klare Vorstellung wie von Philosophie. Und dann habe ich während des Zivildienstes angefangen, Nietzsche zu lesen, und das hat mich für die Philosophie begeistert. Aber nicht wirklich darauf vorbereitet. Und als ich dann angefangen habe, Philosophie zu studieren, war die Überraschung groß, dass Philosophie eben nicht im Wesentlichen darin besteht, spekulative Thesen über Moral und den Menschen zu entwickeln, sondern eher in akribischer Kleinarbeit. Das war dann doch eine ziemliche Überraschung für mich.“

Aber das hat seine Begeisterung nicht gedämpft. Marcus Willaschek ist bei der Philosophie geblieben, heute ist er Professor an der Goethe-Universität Frankfurt. Was hat ihn so fasziniert an den Gedanken von Friedrich Nietzsche? „Nietzsche zeigt einem, dass die Moral nicht vom Himmel fällt, dass Moral auch ein menschliches Konstrukt ist, etwas das Menschen entwickeln, und insofern auch sicherlich immer Interessen-durchtränkt ist und deswegen vielleicht auch revidierbar ist.“ Und eben nicht ein für alle Male und für alle Zeiten gültig.

Trotzdem wünschen wir uns Werte, an denen wir uns orientieren können, die uns Halt geben. Marcus Willaschek: „Und dann stellt sich die Frage, wie wir in einer solchen Welt, in der uns nichts notwendig vorgegeben ist, trotzdem Orientierung finden können. Das heißt etwas, auf das wir uns verlassen können, etwas, das nicht bei der kleinsten Belastung, die wir intellektuell darauf verwenden, nachgibt und sagt: Entschuldigung, so ernst war’s gar nicht gemeint. Sondern etwas, worauf wir uns beziehen können und sagen können, das ist eine Basis, von der aus wir argumentieren können, oder von der aus wir etwas verstehen und erklären können. Und meine persönliche Auffassung ist, dass es eine solche Basis gibt, aber nicht ein für allemal und dauerhaft, sondern immer nur im jeweiligen Kontext und immer wieder neu aushandelbar. Und die zentrale Einsicht, die dahinter steht, hat vielleicht Wittgenstein am besten auf den Punkt gebracht hat: dass wir zwar alles, was wir glauben, in Frage stellen können – aber nicht alles auf einmal, sondern immer nur einzelne Punkte daraus.“

Der amerikanische Philosoph Thomas Nagel formuliert das so: „Wir könnten unser Leben nicht führen, würden wir unsere Vorstellungen von der Zeit, den Zahlen, von Wissen, Sprache, Recht und Unrecht nicht die meiste Zeit unhinterfragt voraussetzen; in der Philosophie jedoch machen wir diese Dinge zum Gegenstand der Untersuchung. Wir sind bemüht, unser Verständnis der Welt und unserer selbst ein Stück weit zu vertiefen… Die Philosophie ist daher eine etwas schwindelerregende Tätigkeit, und nur wenige ihrer Ergebnisse bleiben langfristig unangefochten.“ Das schreibt Nagel in seiner „Ganz kurzen Einführung in die Philosophie“, die unter dem Titel „Was bedeutet das alles?“ erschienen ist.

Philosophie gibt gleichzeitig Halt und verunsichert – es lohnt sich, sich auf sie einzulassen, auch wenn manchmal Schwindelgefahr bestehen sollte: „Aus der Philosophie weiß ich, dass es zu wichtigen Fragen des Lebens mehr als eine gute Antwort gibt“, sagt die Physikerin und Philosophin Claudia Blöser von der Goethe-Universität Frankfurt.

„Auch im Politischen verhilft die Philosophie natürlich dazu, bestimmte Statements, die ja gerade von Politikern oft mit dem Anstrich der Ausweglosigkeit präsentiert werden, doch noch mal zu hinterfragen und auch Alternativen zu sehen.“

Alternativlos gilt nicht. Claudia Blöser sagt: „Also wenn die Philosophie etwas präsentiert, dann sind es Alternativen, alternative Antworten auf schwierige Fragen. Und die entsprechenden Gründe für diese Alternativen.“

Ein Crashkurs zum Selbstdenken

Jens Soentgen, Chemiker und Philosoph, hält Philosophieren vor allem für eine Befreiung von übernommenen Meinungen, althergebrachten Denkgewohnheiten und Üblichkeiten. „Selbstdenken!“ hat Soentgen seine unterhaltsame Einführung in die „Praktiken der Philosophie“ genannt. Und er hat sich darin angeschaut: „Was machen die Philosophen denn wirklich, wenn sie jetzt hingehen und philosophische Werke schreiben oder Gedanken formulieren? Und dann sieht man: Philosophen sind ganz große Freunde des Beispiels, sie präzisieren öfters, sie provozieren und so weiter. Das sind also sehr schlaue Leute, die eine unglaubliche Vielfalt von Methoden haben, mit deren Hilfe sie sich gegen Ansprüche, die von anderen an sie gerichtet werden, befreien können. Und davon kann man lernen.“

Drei Beispiele: Die philosophische Tradition der Provokation geht zurück bis in die Antike. Schon Sokrates galt als Störer. Er trug weder Schuhe noch Schmuck, stellte Werte wie Reichtum und Erfolg in Frage und wurde deshalb von manchen verspottet, aber von seinen Schülern verehrt. Auch als Sokrates wegen Verführung der Jugend und Gottlosigkeit vor Gericht stand, zog er nicht zurück. Er verteidigte im Gegenteil seine Lehren und warf dem Gericht Unfähigkeit vor. Dem Beispiel des Sokrates folgten die Kyniker, allen voran der berühmte Diogenes.

„Wir kennen alle das Beispiel des Diogenes, der, wie es heißt, in einer Tonne lebte“, meint Jens Soentgen. „Diesen Philosophen besuchte der große Alexander, baute sich vor ihm auf und fragte, was er ihm denn schenken, was er für ihn tun könne. Diogenes sagte nur: Geh mir aus der Sonne. Das ist es, was du für mich tun kannst, du gehst einfach ein Stück nach rechts und dann scheint die Sonne wieder auf mich. Das ist natürlich erst mal eine Provokation. Der Kyniker zeigt, die gesellschaftliche Macht ist mir nicht wichtig, für mich ist das Wichtige die Sonne.“

Provokationen wie diese sind heute in der akademischen Philosophie aus der Mode gekommen. Sie haben ihren Ort eher in der Protestkultur. So verwendeten etwa die Mitglieder der legendären „Kommune Eins“ in den 1960er Jahren ähnliche Verteidigungsformen wie einst Sokrates. Bei einem seiner zahlreichen Gerichtsverfahren erschien Fritz Teufel in bunter Fantasie-Uniform. Er warf dem Gericht Unfähigkeit vor und als man erwog, ihn einer psychiatrischen Untersuchung zu unterziehen, konterte Teufel: Ich stimme der Untersuchung zu, wenn die Mitglieder des Gerichts und der Herr Staatsanwalt sich ebenfalls psychiatrisch untersuchen lassen.

„Das alte Beispiel, das wir aus der Antike haben, das zündet ja auch heute noch. Nicht nur die Kommunarden der 1960er Jahre, auch viele Heutige gehen im Grunde den Weg des Sokrates. Die gehen barfuß, die besitzen wenig, die sagen sich: Wie werde ich reich? – Indem ich arm an Wünschen werde. Und die verhalten sich auch wirklich gesellschaftskritisch.“

Eine andere kritische Praktik aus dem Werkzeugkasten der Philosophen ist die Umkehrung. Umkehrungen von Sätzen oder Dogmen können entlarvend sein. Man braucht dafür „nur“ einen scharfen Verstand, ein wenig Phantasie und Schlagfertigkeit. Dem Popmusiker Frank Zappa ist auf diese Weise ein kleines Meisterstück gelungen, findet Jens Soentgen: „Frank Zappa hatte ja diese unglaublich langen Haare, und der war in die Talkshow von Joe Pyne eingeladen, einem Weltkriegsveteran, der ein Bein verloren hatte und deswegen eine Prothese trug. Dieser Joe Pyne hielt aber überhaupt nichts von Männern mit langen Haaren, und als er dann die Sendung eröffnete, begrüßte er Zappa mit den Worten: ‚Also ich habe den Eindruck, Ihre langen Haare machen aus Ihnen ein Mädchen.‘ Und Zappa entgegnete: ‚Und ich habe den Eindruck, Ihr Holzbein macht aus Ihnen einen Tisch.‘ “

Derselbe Satz, nur zwei Wörter ausgetauscht – das genügt, um den Sinn der Aussage überdeutlich zu machen, in dem Fall die Bosheit, und sie gegen den Angreifer zu wenden. Umkehrungen sind auch in philosophischen Auseinandersetzungen gebräuchlich. Schon Platons Schüler Aristoteles wollte dessen Ideen vom Himmel auf die Erde holen. Und Karl Marx behauptete, er habe Hegels Dialektik „vom Kopf auf die Füße gestellt“.

Und: Nicht zuletzt zählt auch das Gedankenexperiment zum Handwerkszeug der Philosophie, sagt Jens Soentgen: „Also die Frage: Was wäre wenn…? Wir haben ja die Gabe, uns auch ganz andere Welten vorzustellen, andere Orte z.B., aber auch andere Entwürfe für uns selbst: Wer könnten wir sein? Was könnten wir werden? Mit vielen solcher Fragen beschäftigt sich die Philosophie schon sehr lange, reibt sich an ihnen wund. Und eine Art mit diesen Fragen umzugehen ist es, eben mal ein Gedankenexperiment zu machen.“

Eine der ältesten Fragen der Philosophie ist zweifellos die nach dem Tod. Warum müssen wir sterben? Warum können wir nicht ewig leben? Und wie paradiesisch wäre denn wohl das ewige Leben? In seinem Klassiker „Gullivers Reisen“ hat der irische Autor Jonathan Swift dazu ein berühmtes Gedankenexperiment ersonnen, das der Struldbrugs: „Das ist ein Stamm, dem der Gulliver begegnet, in dem die Leute ein bestimmtes Mal auf der Stirn haben. Und die haben die Gabe, nicht zu sterben. Aber was sind das für Menschen? Die altern immer weiter, werden dement, wissen überhaupt nicht mehr, was in ihrer Vergangenheit war – also das Gegenteil von dem, was man sich wünscht, wenn man so an das ewige Leben denkt, wenn man sich im Grunde vorstellt, im Duft der Jugend immer weiter existieren zu können. Das beantwortet jetzt natürlich nicht die vielen Fragen, die um den Tod herum gestellt werden. Aber ich finde, dass es doch präzisiert: Was meinen wir eigentlich, worauf sind wir denn eigentlich aus, wenn’s ums ewige Leben geht? Und deswegen finde ich Gedankenexperimente so wichtig.“

Genaues Hinsehen, Indizien sammeln, Kombinieren, Demontieren, Parodieren und natürlich auch die Logik – all das zählt Jens Soentgen zu den Arbeitsmitteln der Philosophen. Womit aber anfangen? Was sind die ersten Schritte in die Philosophie? „Man muss ganz einfach fragen „hä?“, also, ich versteh´ das nicht, oder „hm?“, wie begründest du das? Diese zwei Worte sind der Anfang allen Philosophierens. Dass man also ins Stolpern gerät, dass man nicht mehr dahin mitläuft, wo alle hinlaufen, dass man anfängt, seiner eigenen Wege zu gehen.“

Philosophie – was geht uns das an?

„Wir verstehen uns und unsere Kultur besser, wenn wir die Philosophie kennen“, davon ist Marcus Willaschek überzeugt. „Viele zentrale Aspekte unseres modernen Selbstverständnisses, wie z.B. die Demokratie, aber auch so etwas wie religiöse Toleranz, oder Aspekte, die die modernen Wissenschaften wie die Physik oder die Biologie betreffen, gehen letztlich auf philosophische Anregungen und philosophische Fragestellungen zurück. Sie sind in Diskussionen zwischen Philosophen, Theologen und Wissenschaftlern mühsam erarbeitet worden. Und haben dann irgendwann einen Status erreicht, der dazu geführt hat, dass die meisten Menschen mit bestimmten Versionen dieser Ideen vertraut sind. Was Demokratie ist, was wir unter Demokratie zu verstehen haben, wissen wir heute alle. Aber das ist etwas, das von Philosophen wie Rousseau, Locke, Kant und anderen mühsam erarbeitet worden ist.“

Es sind die Namen berühmter Philosophen, die Marcus Willaschek da aufzählt – alles Männernamen. Warum ist Philosophie so männerdominiert, bis heute?

„Das ist eine sehr gute Frage. Eine Frage, die mich persönlich bewegt, weil ich das bedauerlich finde. Meine persönliche Vermutung, woran das liegen könnte, über die üblichen Gründe hinaus, warum Frauen in manchen akademischen Berufen nicht so stark repräsentiert sind, die Promotions- und Habilitationsquote unter Frauen geringer ist als unter Männern und so weiter, ist: Spezifisch für die Philosophie scheint mir etwas zu sein, das man sehr schön in den platonischen Dialogen finden kann. Da ist ja Sokrates die Hauptfigur, und Sokrates ist kurz gesagt ein Querulant, einer, der einem auf die Nerven geht mit seinen Fragen, der nie aufhört, der nie Ruhe gibt, und der vor allem in einer Weise diskutiert, die nicht primär auf den Konsens, auf das gemeinsame Finden einer überzeugenden Antwort ausgelegt ist, sondern eher darin besteht, die Fehler in der Argumentation der anderen zu finden.

Mein Eindruck ist, dass diese Art von kämpferischer Diskussion, die darin besteht, den anderen mit Argumenten niederzuringen, in der Philosophie immer noch sehr verbreitet ist, und Männern mehr liegt als Frauen. Und ich denke, dass ein wichtiger Schritt dahin, mehr Frauen für die Philosophie zu begeistern, auch darin bestehen könnte, einfach konstruktiver zu argumentieren, und philosophische Gespräche nicht primär als Streitgespräche zu verstehen, sondern als gemeinsames Arbeiten an einem gemeinsamen Problem.“

Viele dieser gemeinsamen Probleme haben damit zu tun, wie wir unseren Alltag gestalten wollen und können. Ist Philosophie damit auch eine Anleitung für Lebenskunst, eine Anleitung zum guten Leben? Marcus Willaschek meint: „Ich selber finde, dass es sehr viele philosophische Fragen gibt, die unmittelbaren Einfluss auf unsere eigene Lebensführung haben, und wenn das alles mit unter Lebenskunst fällt, dann hätte ich damit überhaupt gar kein Problem. Also denken wir an die Frage danach, ob man Fleisch essen darf oder nicht, oder die Frage danach, wie man sich zu seinem eigenen Tod verhält, oder Fragen nach Sterbehilfe. Es gibt sehr viele Fragen mit philosophischen Aspekten, die unmittelbaren Einfluss darauf haben, wie wir leben und was es heißt, ein gutes Leben zu führen. Und wenn Lebenskunst heißt, Menschen dabei zu helfen, aus philosophischer Sicht ein gutes Leben zu führen, dann ist vielleicht die allermeiste Philosophie Lebenskunst.“

„Ich würde weder das Wort Lebenskunst noch das Wort gutes Leben benutzten. Ich mag die beiden Wörter nicht“, sagt dagegen Peter Bieri. „Lebenskunst klingt irgendwie nach Savoir vivre, und Savoir vivre ist so etwas wie Rotwein und am Strand sitzen und das Leben genießen können.

Und das gute Leben, ich verstehe dieses Wort gut nicht, ich mag das Wort nicht, es ist ein Modebegriff. Ich finde, es ist eigentlich ein Kitschbegriff. Ich würde eher sagen, die Philosophie hat es immer zu tun gehabt mit der Frage, was im Leben wichtig ist. ‚Wichtig’ ist ein ziemlich unverdächtiger Begriff, allerdings eben einer, den man auf die Weise wie ich das vorher beschrieben habe, klären muss. Was heißt denn ‚wichtig’? Es gibt ganz verschiedene Kategorien von Wichtigkeit. Man muss also herausfinden, von welcher Kategorie von Wichtigkeit jetzt hier die Rede ist. Aber die Philosophie hat es immer mit der Frage zu tun gehabt, was ist wichtig im Leben, und man kann auch sagen, worum geht es letztlich im Leben?“

Wie weiter kommen mit dieser Frage? „Das Einzige, was eigentlich nötig ist, ist, man muss es wirklich wissen wollen“, sagt Peter Bieri, „ und man muss bereit sein, sich konzentriert und bedingungslos, konzentriert und hingebungsvoll könnte man auch sagen, auf Gedankengänge einzulassen. Es geht um die Leidenschaft des Denkens. In der Philosophie geht es um die Leidenschaft, Klarheit über das eigene Leben und unsere Stellung in der Welt gewinnen zu wollen. Wer diese Leidenschaft besitzt und die richtigen Texte liest, der wird da den Einstieg schon finden.“

Peter Bieri empfiehlt dazu übrigens von Thomas Nagel „Was bedeutet das alles?“ Bieri sagt: “In der allereinfachsten Sprache, in der knappsten Form, werden dort eine Reihe von Fragen eingeführt, die die Philosophie mit definiert haben. Das ist eigentlich ein Musterbeispiel, so müsste es sein, und jeder müsste dieses kleine Reklambändchen dann in der S-Bahn mit sich tragen.“

Und wenn Sie noch einmal wissen wollen, was genau Philosophie ist: „Philosophie ist vieles“, sagt Marcus Willaschek, „aber ich glaube, ein übergreifender Aspekt ist, dass man versucht, eine durchsichtige Darstellung für ein komplexes Problem zu geben. Das ist ein Begriff, den Ludwig Wittgenstein verwendet hat. Also es geht weniger um wirklich letztgültige Antworten, sondern mehr darum, sich die Dinge klar zu machen, durchsichtig zu machen. Warum hat mich das überhaupt irritiert, warum war das schwierig, wo lag das Problem? Und oft ist es so, dass wenn man das tut, sich die Probleme von alleine auflösen. Und die Probleme, die dann bleiben, wenn man sich die Sache wirklich klar gemacht hat, an denen kann man dann lange arbeiten – und das ist Philosophie.“

02LEIHMUTTERSCHAFT, ADRESSHANDEL, PRIVATSCHULEN – DÜRFEN WIR ALLES ZUR WARE MACHEN?

Von Ruth Fühner

- Zellen-Upgrade im Knast: 82 Dollar pro Nacht

- Kosten für das Austragen eines Embryos durch eine indische Leihmutter: 6.250 Dollar

- Vermietung der Stirn (oder anderer Körperteile) zu Werbezwecken: 777 Dollar

- In Somalia oder Afghanistan für ein privates Militärunternehmen kämpfen: von 250 Dollar pro Monat bis 1.000 Dollar pro Tag

Sie klingen schockierend, die Preisschilder, die Michael J. Sandel, Professor für politische Philosophie an der Harvard-Universität, in seinem Buch „Was man für Geld nicht kaufen kann“ aufzählt. Und leben wir nicht tatsächlich in einer Zeit, in der fast alles verkauft und gekauft werden kann?

Allerdings: Schon um das Jahr 1606 legte der englische Dichter William Shakespeare einem gewissen Timon, Bürger des antiken Athen, eine Verfluchung von Gold und Geld in den Mund.

„Gold? Kostbar, flimmernd, rotes Gold?

(…) So viel hievon macht schwarz weiß, häßlich schön;

Schlecht gut, alt jung, feig tapfer, niedrig edel.

Dies lockt (…) den Priester vom Altar;

Reißt Halbgenesnen weg das Schlummerkissen:

Ja, dieser rote Sklave lost und bindet

Geweihte Bande; segnet den Verfluchten;

Er macht den Aussatz lieblich, ehrt den Dieb

Und gibt ihm Rang, gebeugtes Knie und Einfluß

Im Rat der Senatoren; dieser führt

Der überjähr’gen Witwe Freier zu;

(…) Verdammt Metall,

Gemeine Hure du der Menschen, die

Die Völker tört.“

Scharfe Worte. Aber wogegen genau richten sie sich? Klar verabscheuen wir es, wenn einer sein Geld unrechtmäßig erworben hat – und sich gar noch politischen Einfluss damit erkauft. Aber was ist dagegen einzuwenden, wenn ein Aussätziger nicht ausgestoßen, sondern gepflegt wird – oder eine alte Frau eine späte Liebe findet? Eigentlich nichts. Nur dass der Kranke und die Witwe krank und allein bleiben müssen, wenn sie kein Geld haben. Reichtum aber erkauft ihnen, so Timon, eine Zuwendung, die ihnen keiner schenken würde.

Timons Kritik an der Macht des Geldes zitiert im Jahr 1844 Karl Marx in seinen „Ökonomisch-philosophischen Manuskripten“. Für ihn ist Geld ein „Kuppler zwischen dem Bedürfnis und dem Gegenstand, zwischen dem Leben und dem Lebensmittel des Menschen“. Und als Kuppler korrumpiert es moralische Werte, ja, es kann sie in ihr Gegenteil verkehren.

„Als diese verkehrende Macht erscheint das Geld dann auch gegen das Individuum und gegen die gesellschaftlichen Bande, die für sich Wesen zu sein behaupten. Es verwandelt die Treue in Untreue, die Liebe in Haß, den Haß in Liebe, die Tugend in Laster, das Laster in Tugend, den Knecht in den Herrn, den Herrn in den Knecht, den Blödsinn in Verstand, den Verstand in Blödsinn.“

Zweierlei fällt hier auf: wenn Geld Laster in Tugend verwandeln kann, kann es ja durchaus auch segensreich wirken. Vor allem aber: Marx polemisiert hier nicht gegen den Markt generell, also gegen den Austausch materieller Güter oder Dienstleistungen. Es geht hier nicht um die „Verkehrung“, sagen wir, von Milchtüten in Flachbildschirme.

Es geht vielmehr um ganz bestimmte, nämlich immaterielle Werte. Es geht um Moral, um Politik – und die Frage, was wir als wahr ansehen. Dass das Geld auch hier eine Rolle spielt, dass das Warendenken, wenn man es lässt, in alle Lebensbereiche hineinregiert – das ist kritikwürdig.

Demokratische Gesellschaften haben in den vergangenen Jahrhunderten Blockaden gegen die Käuflichkeit errichtet.

Sie haben politische und moralische Grenzlinien gezogen, jenseits derer der Markt keine Macht haben soll – und Güter definiert, die, im Sinn des Gemeinwohls, nicht zur Ware gemacht werden dürfen. Der amerikanische Philosoph Michael Walzer nennt in seinem Buch „Sphären der Gerechtigkeit“ unter anderem:

„Menschen dürfen nicht ge- und verkauft werden.

Politische Macht und politscher Einfluss dürfen nicht gekauft und nicht verkauft werden.

Strafjustiz und Rechtsprechung sind unverkäuflich.

Rede-, Presse-, Religions- und Versammlungsfreiheit (…) kommen jedem Bürger zu.

Elementare Wohlfahrtsleistungen, wie polizeilicher Schutz oder die Erziehung an Grund- und Oberschulen, sind nur an ihren Rändern käuflich.

Preise und Ehrungen, öffentliche wie private, können nicht käuflich erworben werden.

Und schließlich gibt es eine lange Liste von kriminellen Verkaufsaktivitäten, die streng verboten sind und unter Strafe stehen.“

Überschreitungen dieser Grenzen und Verbote hat es immer gegeben. Wer sie übertrat, musste und muss mit Strafverfolgung rechnen – oder zumindest mit scheelen Blicken. In verschiedenen Bereichen aber bröckelt aus verschiedenen Gründen die Blockade. Es werden Dinge zur Ware – sind also für Geld zu haben – die früher umsonst waren, verschenkt oder nach ganz anderen Kriterien vergeben wurden.

Der Markt ist genial, wenn es darum geht, die Produktion und Verteilung von Gütern zu organisieren, Überfluss und Wohlstand sind ohne ihn nicht denkbar. Aber sollen wir ihm wirklich alle Lebensbereiche überlassen? Dient „die unsichtbare Hand“ des Marktes wirklich dem Gemeinwohl, wie manche Ökonomen behaupten?

Wie wollen wir leben? Fragen wie diese sind das angestammte Terrain der Philosophie. Michael Sandel formuliert die Ausgangslage so:

„Wir sind von einer Marktwirtschaft zu einer Marktgesellschaft geworden. Eine Marktwirtschaft ist ein wertvolles und effizientes Instrument, um Produktivität zu organisieren. Aber in einer Marktgesellschaft steht so gut wie alles zum Verkauf. Seit drei Jahrzehnten treiben wir in diese Richtung. Wir müssen uns fragen, ob die Märkte dem Gemeinwohl dienen – und wo sie nicht hingehören, wo sie andere Werte und Güter beschädigen, die uns wichtig sind. Ich nenne das den Triumphzug des Marktes, den Glauben, dass die Märkte das wichtigste Instrument sind, das Gemeinwohl zu verwirklichen.“

Der Triumphzug des Marktes, den Sandel beschreibt, fällt mit einem ziemlich genau datierbaren historischen Ereignis zusammen, sagt die Philosophin und Sozialwissenschaftlerin Dr. Lisa Herzog von der Universität Frankfurt: „Nach dem Fall der Mauer 1989 herrschte die Auffassung, dass Demokratie und Kapitalismus eine sehr stabile Union eingehen könnten und man das beste Wirtschaftssystem gefunden habe und nicht weiter drüber nachdenken müsste. Und dann gab es die große Finanzkrise. Außerdem zeigt sich, dass die Ungleichheit innerhalb kapitalistischer Gesellschaften größer wird, und da stellt sich neu die Frage: Haben wir wirklich ein System, das mit Werten wie Gleichheit und Gerechtigkeit vereinbar ist – oder müssen wir an dem derzeit herrschenden Finanz- und Wirtschaftssystem einiges ändern?“

Viel kam in den vergangenen Jahrzehnten zusammen.

Die Finanzkrise erschütterte das Vertrauen, dass man den Märkten freien Lauf lassen darf. Die Globalisierung, das Internet und der wissenschaftliche Fortschritt haben Dienstleistungsangebote mit sich gebracht, an die vorher im Traum nicht zu denken war: die sogenannte Leihmutterschaft etwa oder den exzessiven Handel mit Daten.

Nach welchen Maßstäben sollen wir in all diesen Fällen urteilen, die ja extrem unterschiedlich gelagert sind? In einem Interview der BBC von 2013 schlägt Michael Sandel zwei Kriterien vor: „Das eine Kriterium hat etwas mit Nötigung zu tun. Ist der Austausch wirklich freiwillig – wie es das Gesetz des Marktes fordert? Wenn wir einen freien Markt für Nieren hätten, und es stellte sich heraus, dass nur verzweifelte, verarmte Bauern ihre Nieren verkaufen, müssten wir uns fragen, ob diese Transaktion wirklich freiwillig wäre oder schlicht von wirtschaftlicher Not und Verzweiflung erzwungen.“

Der Tausch Geld gegen Ware kann also, erstens, ungerecht sein, weil die angeblich gleichen Partner in Wirklichkeit mit höchst unterschiedlichen Voraussetzungen in den Handel gehen.

Oder, zweites Kriterium: er kann Werte und gesellschaftliche Normen beschädigen, die für das Selbstverständnis von Demokratien wesentlich sind. Michael Sandel: „Das andere Kriterium ist: Verdrängt die Transaktion Haltungen und Werte, die uns wichtig sind? Im Fall der Nieren: Wird sie dazu führen, dass wir unsere Körper als Ersatzteillager ansehen – und wie ist das mit der Menschenwürde zu vereinbaren?“

Die Annahme radikaler – oder neoliberaler – Vertreter der Marktwirtschaft, der Mensch sei ein „homo oeconomicus“, der sich strikt rational an seinem (geldwerten) Vorteil orientiert, ist dabei längst widerlegt. Experimente zeigen, dass Menschen bestimmte Güter viel höher einschätzen als ihren Geldwert. Noch einmal Michael Sandel:

„In der Schweiz suchte man einen Ort für ein Atommülllager und fand eine geeignete kleine Stadt in den Bergen. Nun musste man noch ihre Zustimmung einholen – denn Atommüll im eigenen Hinterhof will ja keiner. Man fragte also: Wenn das Parlament sagt, dies ist der geeignete Ort – würdet ihr das akzeptieren? 51 Prozent sagten ja.

Dann stellte man eine weitere Frage, um den Handel zu versüßen. Angenommen, eure Stadt wird ausgewählt, und die Regierung bietet jedes Jahr jedem Bürger eine finanzielle Entschädigung. Und nun stieg die Zustimmung nicht etwa – sie sank auf 25 Prozent. Aus ökonomischer Sicht ist das ein Paradox. Die Leute waren bereit, das Atommülllager aus staatsbürgerlicher Verantwortung zu akzeptieren, aber bestechen lassen wollten sie sich nicht.“

Nicht alles also lässt sich folgenlos in Ware ummünzen – im Gegenteil, manches wird beschädigt, sobald Geld ins Spiel kommt. Güter können auf ganz unterschiedliche Weise problematisch werden, sobald sie als Ware gehandelt werden. Das soll im Folgenden an drei Beispielen gezeigt werden: Adressen, Schulbildung und Mutterschaft.

Beispiel 1: Adresshandel

Die ersten Büros, die mit Adressen handelten, entstanden im 17. Jahrhundert. Auch der deutsche Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz wünschte sich ein „Notiz-Amt“ – um das chaotische Marktgeschehen zu ordnen und Suchende mit Anbietern zusammenzubringen:

„Findet offt einer was er suchte, bekomt auch offt gelegenheit etwas zu suchen und zu verlangen, darauff er sonst nicht gedacht hätte.“

Eine Aufgabe, die sich auch die Datenkrake Google auf die Fahnen geschrieben haben könnte. Adressen werden also schon seit langem als Waren gehandelt. Gleichzeitig sind sie ein wichtiges Steuerungsinstrument für Polizei und Obrigkeit. Nicht nur Geheimdienste, auch die Meldeämter der Gemeinden sammeln Daten zum Zweck der politischen Kontrolle. Diese behördlich registrierten Daten weckten die Begehrlichkeit der Werbewirtschaft.

2012 beschloss der Bundestag überraschend, dass Meldedaten für gewerbliche Zwecke weitergegeben werden dürften, wenn die Betroffenen nicht Widerspruch einlegten. Verfügte eine Firma aber bereits über Daten, hätte sie sich diese von der Meldestelle bestätigen oder berichtigen lassen können – und zwar egal, ob die betroffene Person Widerspruch einlegte oder nicht. Da für solche Auskünfte Gebühren anfallen, sah es außerdem so aus, als ob die Kommunen mit dieser Regelung ihre leeren Kassen auffüllen könnten. Datenschützer und Öffentlichkeit liefen Sturm, das Gesetz wurde geändert.

Seit 2015 dürfen Namen und Anschriften aus den Melderegistern nur noch dann zu Werbezwecken weitergegeben werden, wenn die Betroffenen ausdrücklich zugestimmt haben. Außerdem dürfen Meldedaten nur noch für den angegebenen Zweck verwendet werden und sind anschließend zu löschen.

Doch der Bürger liefert ja nicht nur den Behörden seine Daten. Er tut das – freiwillig oder unfreiwillig – zum Beispiel auch bei Bestellungen im Internet, wo sich vieles im Kleingedruckten verbirgt. Lisa Herzog:

„Das ist nicht die Form von Zustimmung, die dem Ideal des aufgeklärten Kunden entspricht, der genau weiß, was er tut, und sich genau dafür entscheidet. Ein anderes Problem ist, dass Adressen in falsche Hände geraten können. Solang einem nur Werbung zugeschickt wird, mag das noch einigermaßen harmlos sein. Aber wenn z.B. Geheimdienste solche Adressen kaufen oder Leute, die einen stalken wollen, persönliche Fehden führen wollen, ist das eine gewisse Gefahr.“

Privatheit als Verfügungsgewalt über die eigene Intimität, als Raum, der sicher ist vor sozialer Kontrolle, steht prinzipiell in Spannung zur Wissbegier von Industrie und Handel, Versicherungen oder Banken. Wer weiß, wie wir ticken, wie wir entscheiden, kann uns schließlich alles verkaufen – auch Dinge, die uns schaden.

Mit Big Data ist hier nur eine neue Dimension erreicht. Je mehr unsere Daten – von der Adresse über den Energieverbrauch unseres smarten Hauses bis zur Nutzung des Schlafzimmers – zur Ware werden, desto schwieriger wird der Schutz der Privatsphäre. Ja, das soziale Klima ist schon so weit verändert, dass sogar zur Debatte steht, ob die Privatsphäre wirklich ein zu schützendes Gut ist – oder ein veraltetes Konzept.

Beispiel 2: Privatschulen

Privatschulen sind in Deutschland lange nicht so verbreitet wie in anderen Ländern. Doch immer häufiger nehmen auch hierzulande Eltern, die es sich leisten können, Abschied vom öffentlichen Schulsystem. Vielleicht weil sie fürchten, ihre Kinder kämen nicht voran, wenn in der Klasse viele kein Deutsch sprechen. Oder um dem Nachwuchs generell eine bessere Startposition in einer extrem karriereorientierten Gesellschaft zu verschaffen. Bildung wird so auch in der Bundesrepublik tendenziell zu einer Ware, von der sich mehr und Besseres kaufen kann, wer mehr Geld hat.

Die Frankfurter Philosophin Lisa Herzog nennt die Debatte um Privatschulen ein gutes Beispiel dafür, wie Akteure am Markt, auch ohne es zu wollen, gesellschaftliche Werte beschädigen: indem sie die sozialen Bindekräfte, die Kohäsion schwächen.

„Das Problem ist, dass, wenn reiche Eltern zusätzliche Leistungen für ihre Kinder einkaufen können, die weniger betuchten Familien abgehängt werden, und dass dann aus der Summe von sehr viel gut gemeinten Handlungen strukturell ein Problem entsteht: Diejenigen, die nicht so begütert sind, geraten ins Hintertreffen. Das ist der typische Fall eines sozialen Dilemmas, wo eine reine Marktlösung dazu führt, dass ganz fundamentale Werte untergraben werden: Chancengleichheit zum Beispiel oder soziale Kohäsion. Dass sich Kinder aus unterschiedlichen sozialen Schichten kennenlernen – das funktioniert nicht, wenn sich reiche Eltern systematisch aus der öffentlichen Schule herausziehen.“

Demokratie beruht ja auch darauf, dass Bürgerinnen und Bürger einander im öffentlichen Raum begegnen und sich nicht voneinander abschotten, bis die einen in „Gated Communities“ leben, die andern im Ghetto. Erst recht besteht diese Gefahr, wenn Schulbildung oder persönliche Sicherheit mit Geld gekauft werden können. Wenn in immer mehr Sphären immer mehr für Geld gekauft werden kann, wird das Leben immer ärmer für die, die wenig Geld haben, und die soziale Spaltung wächst.

Für Lisa Herzog ein Grund, eine politische Regelung einzufordern:

„Dadurch, dass es nicht das egoistische oder böse Verhalten einzelner ist, sondern ein soziales Dilemma, ist dies ein typischer Fall, wo politisches Handeln gefragt ist und der Markt politisch strukturiert und geordnet werden müsste. Die öffentlichen Schulen müssten so gut sein, dass alle Eltern ihre Kinder gern dahin bringen und ein gewisser sozialer Zusammenhalt in diesen Schulen entstehen könnte.“

Beispiel 3: Leihmutterschaft

Im Streit um die Leihmutterschaft treffen der Triumphzug des Marktes und der rasante Fortschritt der Reproduktionstechnologie zusammen. Mit dem Kinderwunsch lässt sich viel Geld verdienen – und scheinbar ist seine Erfüllung ein gutes Geschäft für alle. Für die Mediziner, für die werdenden Eltern – und für die Frauen, die an ihrer statt die Kinder austragen. Für sie kann – wenn die Vermittlungsagenturen ihnen keinen Strich durch die Rechnung machen – das Geld, das sie erhalten, den Start in ein neues Leben bedeuten.

Für Professor Petra Gehring, die Philosophie an der TU Darmstadt lehrt, ist schon der Begriff „Leihmutter“ ein politischer – und überaus fragwürdig: „Sprachpolitisch würde ich vorschlagen, nicht von Leihmutterschaft zu sprechen, sondern von Schwangerschaftskauf. Das würde deutlich markieren, dass es hier um Geldflüsse geht. Hier wird nicht einfach ein Körper benutzt, und der ist hinterher so wie vorher, sondern es ist eine gravierende Sache. Eine Schwangerschaft ist immer auch ein gesundheitliches Risiko.“

Wenn an einem Kind vor allem interessiert, dass es das Genmaterial von Vater und Mutter weitergibt, wird damit auch eine bestimmte Einstellung zur Elternschaft favorisiert: „Was wäre die Alternative? Ein Kind zu adoptieren, in der Familie wie auch immer mit Kindern zu tun zu haben? Alle Varianten von sozialer Elternschaft werden damit zurückgewiesen. Was man eigentlich bezahlt, ist nicht die Elternschaft schlechthin, sondern die biologische Elternschaft, insbesondere in dem Fall, wo Ei und Sperma beider biologischer Eltern in vitro zusammengebacht werden und eine dritte Person austragen soll. Was eigentlich bezahlt wird, ist diese biologische Abstammung im Kind – nicht das Kind.“

Darüber hinaus kann beim Schwangerschaftskauf von gleichen Ausgangsbedingungen für Kunden und Verkäuferin keine Rede sein, sagt Petra Gehring: „Personen, die sich das Recht nehmen, Geld anzubieten für so eine „Dienstleistung“, müssen sich fragen, ob das auch umgekehrt denkbar wäre. Und sich überlegen, wie sehr sie hier ein Armuts-Reichtums-Gefälle ausnutzen.“

Ein Handel, so hieß es oben, ist ungerecht, wenn die eine Seite ihn nur aus Not eingeht – und das ist bei der sogenannten Leihmutterschaft der Fall. Sie ist aber nicht nur unfair – sie beschädigt auch ein hohes Gut: die Menschenwürde. Petra Gehring: „Das sind Situationen, die wir mit Sklaverei assoziieren, mit Leibeigenschaft, oder überhaupt mit Eigentumskategorien, die auf den lebendigen Körper angewandt werden. Situationen, die in der Zeit der Aufklärung abgeschafft oder zumindest zurückgedrängt wurden. Rechtsphilosophisch wurde das im sogenannten Instrumentalisierungsverbot formuliert – man darf einen Menschen nie als Zweck für etwas nutzen, sondern er muss immer um seiner selbst willen auch respektiert werden – das ist es, was wir Würde nennen.“

Wie wollen wir leben?

Wie viel ist uns unsere Privatsphäre wert?

Ist es uns gleichgültig, wenn die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter aufklafft?

Dürfen wir die Menschenwürde über Bord werfen, wenn wir dafür Geld bezahlen?

Fragen, auf die es innerhalb unserer Gesellschaft sehr unterschiedliche Antworten gibt.

Und Lisa Herzog warnt, bei allem Engagement, vor philosophischer Parteinahme: „Das ist schon ein heikles Thema, dass man als Philosoph glaubt, besser zu wissen, was die Leute zu wollen haben – das hätte etwas Paternalistisches.“

Es sind sich ja nicht einmal die Philosophen einig darüber, „was Menschen zu wollen haben“. Langsam aber wächst zumindest das Bedürfnis an öffentlichen Debatten über die Grenzen des Marktes. Diese Debatten sind, so Michael Sandel, unter dem Druck der Kommerzialisierung zu lange aufgeschoben worden: „An der gegenwärtigen politischen Debatte fällt auf, dass wir diese Fragen nicht einmal stellen. Wir haben tatsächlich unser moralisches Urteil an die Märkte delegiert – nach dem Motto: Da sind wir uneins, also lassen wir die Märkte – neutral, wie wir glauben – entscheiden. Ich glaube, es ist ein entscheidender Mangel, dass wir nicht politisch darüber diskutieren, wo der Markt dem Gemeinwohl dient und wo nicht.“

Wenn uns die Menschenwürde wichtig ist, wenn wir Politik als lebendige Auseinandersetzung über grundsätzliche Fragen, über Werte und Allgemeinwohl verstehen wollen, dann kann die Antwort auf unsere Ausgangsfrage nur lauten:

Nein, wir dürfen nicht alles zur Ware machen.

Romantischer formuliert es ausgerechnet Karl Marx:

„Setze den Menschen als Menschen und sein Verhältnis zur Welt als ein menschliches voraus, so kannst du Liebe nur gegen Liebe austauschen, Vertrauen nur gegen Vertrauen etc. Wenn du die Kunst genießen willst, musst du ein künstlerisch gebildeter Mensch sein; wenn du Einfluss auf andre Menschen ausüben willst, musst du ein wirklich anregend und fördernd auf andere Menschen wirkender Mensch sein.“

Jener von Marx zitierte Shakespeare übrigens, der seinen Timon gegen die Macht des Geldes wüten ließ, war selbst ein begnadeter Vermarkter seiner Kunst. Von dem Geld, das er mit seiner Londoner Theatertruppe verdiente, konnte er sich nach seinem Rückzug in Stratford-upon-Avon ein luxuriöses Anwesen und ein finanziell sorgloses Alter kaufen.

03KRUZIFIX, KOPFTUCH, KARIKATUREN – WIE TOLERANT MÜSSEN WIR SEIN?

Von Rainer Dachselt

Willy Brandt:

„Das Selbstbewusstsein dieser Regierung wird sich als Toleranz zu erkennen geben.“

Thomas Oppermann:

„Null Toleranz gegen gewalttätige Salafisten.“

Frank-Walter Steinmeier:

„Für mich bleibt das Prinzip der religiösen Toleranz ein Kern vom großen Erbe der europäischen Aufklärung.“

Henryk Broder:

„Reine Toleranz ist eine Haltung der Selbstaufgabe, eine Haltung, die das Verschulden immer bei sich selber sucht, eine Haltung, die um es genau zu sagen, immer den Täter über das Opfer favorisiert.“

Papst Franziskus I.:

„Toleranca zero.“

Über Toleranz lässt sich streiten, und es wird gestritten. Schon was unter Toleranz zu verstehen ist, scheint ganz unklar: ein gnädig-freundliches Entgegenkommen gegenüber lästigen Nachbarn und Minderheiten, die Tugend des aufgeklärten, liberalen Staatsbürgers schlechthin oder im Gegenteil eine aus Konfliktscheu und Gleichgültigkeit gemischte Laissez-faire-Haltung?

Dabei ist doch die Toleranz bei uns, im bürgerlichen Rechtsstaat, historischer Sieger: sie steht zwar nicht namentlich in der Verfassung, aber was sind die Grundrechte Gewissensfreiheit, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit anderes als Gesetz gewordene Toleranz? Da hat doch die Philosophie der Aufklärung auf ganzer Linie gesiegt. Da ist passiert, was so selten passiert: ein philosophischer Gedanke ist Praxis geworden.

Trotzdem streiten wir ausdauernd, wer und was zu tolerieren ist. Das mag daran liegen, dass Toleranz eine Zumutung enthält, und auch sonst keine ganz einfache Tugend ist. Rainer Forst, Professor für Philosophie und Politische Theorie an der Goethe-Universität Frankfurt nennt die drei Komponenten der Toleranz: „Wenn ich sage: Ich toleriere die Unordnung im Zimmer meiner Kinder, dann impliziert das, dass ich lieber hätte, das Zimmer wäre aufgeräumt.

Die erste Komponente von dreien ist also die Ablehnungskomponente, wir tolerieren nur die Dinge, die wir als falsch, schlecht oder problematisch verurteilen.

Dann aber gibt es eine positive Komponente, die zweite, wenn wir etwas tolerieren, dann muss es neben den Gründen, warum es uns stört, Gründe geben, warum es dennoch toleriert werden soll. Also positive Gründe: Respekt, Wertschätzung, vielleicht auch um des lieben Friedens willen.

Dann gibt es aber noch eine dritte Komponente, und die ist wieder negativ. Das ist die Komponente, die die Grenzen der Toleranz markiert. Wo das so problematisch wird, was die tun, dass ein Einschreiten erforderlich wird, gegebenenfalls mit Hilfe des Rechts.“

Bei Lärmbelästigung ist das einfach nachzuvollziehen: Ich lasse die Nachbarn bis zu einem bestimmten Punkt feiern, weil ich mich mit ihnen nicht verkrachen will und sie auch sonst schätze. Dann hole ich aber doch die Polizei, und die darf feststellen, ob die offizielle Lärmgrenze überschritten ist. Das eindeutig negative Urteil muss jedenfalls am Anfang stehen – ich könnte ja auch lärmunempfindlich sein, den Krach sogar wohlwollend als lebendige Stimmung empfinden. Dann ist aber keine Toleranz mehr im Spiel. Sondern Neutralität hier und schlichte Anerkennung dort.

Toleranz tut weh. Vor allem, wenn es anscheinend um grundsätzliche kulturelle, religiöse und politische Unterschiede geht: Schleier und Burka sind für viele keine bloßen Trachten, sondern eine Provokation für eine offene Gesellschaft, in der man sein Gesicht zeigt. Hier ist Toleranz doch keine Tugend, sondern Feigheit gegenüber einer Bedrohung, oder? So dachten auch viele Muslime, als sie aufgefordert wurden, Karikaturen ihres Propheten Mohammed tolerant zu sehen. Warum soll ich eine Verhöhnung meines Glaubens dulden? In den Worten des Philosophen Paul Ricoeur: „Wir lassen nicht so einfach zu, dass diejenigen, die nicht so denken wie wir, dasselbe Recht haben, ihre Überzeugungen kundzutun, denn wir denken, das wäre so, als würde der Wahrheit und dem Irrtum ein gleiches Recht eingeräumt.“

Der zweite Schritt der Toleranz ist also der schwerste. Welche positiven Gründe bewegen mich dazu, etwas zu dulden, das ich für falsch halte? Rainer Forst nennt den „lieben Frieden“, aber auch Respekt und sogar Wertschätzung.

Ich achte auch einen Menschen, der sich für mich falsch verhält: Vielleicht weil ich annehme, dass wir grundsätzlich die gleichen Werte anerkennen. Oder weil ich seine Lebensform und ihre Äußerungen als Ausdruck seines freien Willens und Gewissens respektiere. Oder weil ich merke, dass es nicht um „wahr“ oder „falsch“ geht, sondern um meine subjektive Abneigung, und ich keine guten Gründe finde, dem Anderen sein Verhalten zu verbieten. Solche Motive bilden den Kern der meisten philosophischen Toleranzdefinitionen. Sie sind aber nicht mit Relativismus oder einer alles umarmenden Menschenliebe zu verwechseln. Sie gelten nämlich nur bis zur dritten Komponente, der oft berufenen „Grenze der Toleranz“. Das können gesetzliche Schranken sein, aber auch schwerer definierbare kulturelle Schwellen, die nicht überschritten werden sollen.

Toleranz ist also eine paradoxe Tugend – eine Art wehrhafte Friedfertigkeit. Komplizierter als Tapferkeit, Weisheit, Frömmigkeit und Gerechtigkeit – die alten Kardinaltugenden. Es ist kein Wunder, das sie in der Philosophiegeschichte sehr viel später zur Geltung kommt.

Bibel:

„So sollst du die Bürger derselben Stadt schlagen mit des Schwertes Schärfe …“

„Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet!“

Koran:

„Und tötet sie, wo immer ihr auf sie trefft und vertreibt sie …“

„Sagt: ihr Leute der Schrift! Kommt her zu einem Wort des Ausgleichs …“

„… und sie verbannen mit allem was darin ist, mit der Schärfe des Schwertes!“

Passagen aus Bibel und Koran. Sie zeigen, dass religiöse Toleranz und Intoleranz eine Wurzel haben: den Glauben an einen allmächtigen Gott. Der griechische und römische Polytheismus lässt sich mit vielen Formen der Religionsausübung vereinbaren. Aber nicht mit Islam, Judentum und Christentum. Christen weigern sich, den herrschenden römischen Imperator als Gott zu verehren. Deswegen verfolgt der römische Staat die Christen und versucht sie, zum vorgeschriebenen Kult zu zwingen. Dagegen appellieren die christlichen Autoren an die Gewissensfreiheit. Kirchenvater Laktanz schreibt um 300: „Niemand kann gezwungen werden, etwas gegen seinen Willen anzubeten.“

311 gewährt das Toleranzedikt des Kaisers Galerius den Christen schließlich Religionsfreiheit. Wenige Jahre später macht Konstantin der Große das Christentum zur Staatsreligion – und sofort beginnt ein höchst intoleranter Streit um Orthodoxie und Ketzerei. Der Glaube an den einen allmächtigen Gott kann zur Demut bringen, aber eben auch zur Gewissheit, mit der Wahrheit im Bund zu sein und sie gewaltsam verbreiten zu dürfen, ja zu müssen. Vor allem, wenn „religiöse und gläubige Könige“ die Machtmittel dazu bereitstellen.

Die Folge sind Kreuzzüge und Inquisition, die Gewissensfreiheit des Einzelnen hat wenig zu melden. Das ändert sich erst, als reformatorische Bewegungen die Einheit der Kirche und damit auch den Staat zu zerreißen drohen. Seit der Reformationszeit erschüttern Bürgerkriege Deutschland, England und vor allem Frankreich.

Dort erlässt im Jahr 1598 König Henri IV. das „Toleranzedikt von Nantes“: Um die Ruhe wiederherzustellen, gewährt er den bis dahin verfolgten Hugenotten die Freiheit, ihren Glauben mit Einschränkungen zu praktizieren und staatliche Ämter zu bekleiden. Der Staat bleibt allerdings katholisch. Toleranz ist zunächst eine Notlösung. Sie bezieht sich auch nur auf abweichende Auffassungen des Christentums. Nicht-Christen und Atheisten dürfen nicht auf sie hoffen. Toleranz in diesem Sinne predigen auch die Theologen und Philosophen des Humanismus. Erasmus von Rotterdam, Sebastian Castellio und andere stellen den inneren Glauben über die Dogmen. Baruch de Spinoza und Jean Bodin fordern, dass der Staat sich aus der Religion zurückzieht.

John Locke formuliert die Trennung klar und knapp im „Brief über Toleranz“ aus dem Jahr 1689: „Das Seelenheil ist das ausschließliche Geschäft der Kirche. Und es betrifft in keiner Weise den Staat oder irgendeines seiner Mitglieder, welche Zeremonien zu diesem Zweck abgehalten werden.“

Das ist der Anfang des säkularen Staates, wie wir ihn kennen. Auch Locke kennt allerdings Grenzen der Religionsfreiheit. Wer Gott offensiv leugnet, muss damit rechnen, bestraft zu werden, denn der Glaube gilt weiter als Grundlage des Zusammenlebens.

Bis ins 18. Jahrhundert ist „Toleranz“ immer religiöse Toleranz. Die Philosophen der Aufklärung erweitern den Begriff. Der französische Staatsphilosoph Montesquieu sieht im 18. Jahrhundert die Grundlage des Rechtsstaates nicht mehr nur in konfessioneller Toleranz, sondern in einer Gewaltenteilung, die die Freiheit des Einzelnen auf allen Gebieten der Gesellschaft ermöglicht: „Verfassungsregeln, Strafgesetze, das Zivilrecht, religiöse Vorschriften, Sitten und Gewohnheiten: all das ist ineinander verwoben und beeinflusst und ergänzt sich gegenseitig. Wer da unüberlegt ändert, gefährdet seine Regierung und die Gesellschaft.“

Montesquieu wehrt sich nicht nur gegen die Verfolgung von Ketzern, sondern auch gegen die Verfolgung von Homosexuellen und anderen Minderheiten. In der Aufklärung wenden sich die Philosophen von religiösen Begründungen ab, auch in der Ethik. Einziger Maßstab für falsches oder richtiges Handeln wird die Vernunft. Die Toleranz als bloße Duldung Andersgläubiger, wie sie seit der Reformation praktiziert wurde, erscheint nun unzureichend und schäbig. Johann Wolfgang Goethe schreibt: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein; sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“

Anerkennung heißt: der Andere ist mir in jeder Hinsicht gleichgestellt. Er ist ein moralisches Subjekt wie ich, frei, seine Lebensziele auf seine Weise zu verfolgen, solange er mir nicht schadet. Historisch nimmt dieser Toleranzbegriff Gestalt an in den Menschenrechtserklärungen der amerikanischen und der französischen Revolution. In der französischen „Erklärung der