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Die intensive Nutzung neuer Technologien spaltet seit Jahrhunderten Menschen in die Lager der Begeisterten und der Skeptiker. Mobile Endgeräte wie Smartphones haben massiv Einzug in die Gesellschaft gefunden. Der Autor analysiert verschiedene Suchtgefahren, die bei übermäßigem Gebrauch entstehen können.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Oliver Scheibenbogen
Phono Sapiens
Über die psychoaktive Wirkung neuer mobiler Endgeräte
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über https://dnb.ddb.de abrufbar. © Parodos Verlag, Berlin 2022 Neuausgabe
Alle Rechte vorbehalten
Druck: Print Group Sp. z o.o., Stettin
Printed in Poland
ISBN: 978-3-936824-012
https://parodos.de
… gewidmet meiner Frau und meinen beiden Kindern.
Will man eine Aussage über zukünftige, durch den technologischen Fortschritt bedingte, Veränderungen treffen, so handelt es sich um eine Prognose, die mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit zutreffen kann, aber nicht muss. Dieser versuchte Blick in die Zukunft ist daher mit einer bestimmten Irrtumswahrscheinlichkeit verbunden. Um zukünftige Ereignisse vorhersagen zu können, müssen sich die Aussagen auf Annahmen über Veränderungsprozesse beziehen; dementsprechend wird von einem gegenwärtigen bzw. vergangenen Prozess auf zukünftige geschlossen. In der Regel bedienen wir uns für den Blick in die Zukunft arithmetischer Funktionen in der Hoffnung, dass diese auch zukünftig Gültigkeit haben. Für die Interaktion zwischen Menschen und Technik ist dieses Unterfangen jedoch besonders kompliziert, wie zahlreiche, teilweise exorbitant falsche Prognosen aus der Vergangenheit belegen.
So wurde beispielsweise Thomas John Watson senior, Vorstandsvorsitzender von IBM, 1943 gefragt, wie hoch er den Bedarf an Computern in den USA sehe, und er antwortete, dass dieser maximal mit fünf Computern zu benennen sei. Trotz vermutlich bestehendem Eigeninteresse des Technologieunternehmens lag er mit seiner Einschätzung um den Faktor 107 daneben. Der Grund dürfte in der Disruption von technologiebasierten Innovationen liegen. Füllten bei sehr bescheidenem Leistungsumfang in den 1950er Jahren die ersten Computer noch ganze Hallen und ihre Abwärme sorgte für ein menschenfeindliches Arbeitsklima, so war der Funktionsumfang jedes ca. 100 Quadratzentimeter großen Smartphones in keiner Weise voraussehbar.
Auch abseits der Digital- und Computertechnik lassen sich zahlreiche Beispiele für falsche Prognosen finden. Die Akademie der Wissenschaft in St. Petersburg stufte 1806 Erdöl als eine „nutzlose Absonderung der Erde“ ein, heute, da sich die Erdölreserven dem Ende zuneigen, wird uns dessen Bedeutung für die Menschheit trotz der dadurch bestehenden Umweltproblematik sehr deutlich vor Augen geführt.
Hätte sich das Auto in gleicher Weise und mit derselben Geschwindigkeit wie die Mikrochips (Halbleitertechnik) seit den 60er Jahren weiterentwickelt, so würde das Auto heute schneller als 100.000 km/h fahren und lediglich ein paar Euro-Cent kosten.
Eine wissenschaftlich anerkannte Methode in der empirischen Sozialforschung ist das Experteninterview. Werden die Aussagen von Experten sorgsam transkribiert und systematisch korrekt qualitativ inhaltlich ausgewertet, so besteht gerade bei Zukunftsthemen höchste Vorsicht, da es sich dabei letzten Endes um eine Prognose aufgrund der persönlichen Meinung des Befragten handelt. So gab es in den letzten Jahren einige Experten, die meinten, die Internetabhängigkeit sei keine eigenständige Suchtform. Mit der Verabschiedung des ICD-11 im Mai 2019 (World Health Organization, 2018), dem Internationalen Klassifikationssystem für Störungen (International Classification of Diseases), wird die Internetsucht bzw. Onlinesucht unter dem Begriff „gaming disorder“ als eigenständiges Krankheitsbild behandelt.
In der wissenschaftlichen Literatur finden sich daher zahlreiche Forschungsarbeiten, die sich mit den Gefahren dieser neuen Technologien für den Menschen aus gesellschaftlicher, aber auch aus individueller Sicht beschäftigen. Die Konsequenz, wenn man sich fast ausschließlich mit diesen Gefahren auseinandersetzt, ist die Genese einer einseitigen Perspektive, die ebenso drastische Mittel der Restriktion im Umgang mit neuen Technologien fordert. Eine andere Gruppe von Wissenschaftlern und Experten versucht hingegen den derzeit geführten Diskurs über die negativen Auswirkungen des Smartphonegebrauchs als Hysterie abzutun (Milzner, 2016). Wer näher an die Wahrheit herankommt, bleibt weiter ungewiss.
Die Geschwindigkeit des technologischen Fortschrittes ist nicht linear, sie entspricht vielmehr einer Exponentialfunktion, die frappant der Weizenkornlegende gleicht (Giżycki, 1967, p. 113). Verdoppelt man die Anzahl der Weizenkörner auf jedem folgenden Feld eines Schachbrettes, so entsteht in kürzester Zeit eine unfassbar große Menge an Weizenkörnern. Die Kapazität von Speichermedien, die Rechenleistung von Mikrocomputern, die Geschwindigkeit von Datenübertragungen verdoppeln sich laut Mooreschem Gesetz alle paar Jahre (Wikipedia, 2022). Daher ist es kaum möglich, aus der Gegenwart heraus valide Prognosen für die gesellschaftlichen Herausforderungen einer technologiebasierten Zukunft zu stellen.
Schon Heraklit schrieb vor 2.500 Jahren: „Nichts ist beständiger als der Wandel“. Jene die diesen Wandel nicht mittragen können oder wollen, verlieren zunehmend den Anschluss, geraten damit ins Hintertreffen. Schwierigkeiten in der Adaptation sind kein Phänomen der Neuzeit, im 13. Jahrhundert klagten Gelehrte, sie hätten einen Mangel an Zeit, um alle Schriften zu lesen, ein Indiz für die schon damals herrschende Informationsüberflutung.
In einer beschleunigten Gesellschaft gibt es aber auch Prozesse, die unverändert ihren Gang gehen – wie beispielsweise Abläufe in der Natur (Jahreszeiten, Schwangerschaften, …). Vielleicht ist dies u. a. der Grund, warum der Aufenthalt in der Natur an sich und nahezu universell entspannend und regenerativ wirkt. Darin kann schon ein erster Ansatz gegen die allgegenwärtige Reizüberflutung liegen. Doch um die Natur genießen zu können, bedarf es eines Mindestmaßes an Kompetenz und Erfahrung. Digital Natives – jene die schon in frühester Kindheit ausschließlich „digital“ aufwachsen – haben häufig Schwierigkeiten, den Umgang mit der Natur adäquat zu erlernen, ihnen fehlt von Beginn an der Bezug zur Ressource „Natur“.
Viele Applikationen (Apps) am Smartphone sind so programmiert, dass sie gezielt unsere Aufmerksamkeit durch Belohnungen wie z. B. Sternchen, Bonuspunkte, Likes etc. auf sich ziehen. Meist erfolgt die Belohnung unregelmäßig (intermittierend), unser Gehirn reagiert darauf, da es sich nicht unmittelbar auskennt, mit besonders langfristiger Speicherung der eingehenden Informationen. Dies verändert die Art und Weise, wie wir Informationen abspeichern und wieder abrufen, für wie relevant wir sie halten und welche Bedeutung wir ihnen zuschreiben. Es mehren sich auch Befunde, dass dies eine Auswirkung auf unsere Hirnstrukturen haben könnte.
Digitales Lesen (z. B. auf Webseiten) ist ein oftmals sehr oberflächliches Lesen. Es werden Überschriften gescannt und längere Texte in F-Form überflogen (Pernice, 2017). Während die erste Zeile des Artikels noch ausführlich Wort für Wort erfasst wird, springt der Blick anschließend einige Zeilen bis Absätze weiter nach unten, um die nächste Zeile kurz anzulesen. So ist es möglich, innerhalb kurzer Zeit neue Inhalte zu erfassen, die Elaborationstiefe bleibt dabei jedoch gering. Wahrscheinlich ist es für zukünftige Generationen wichtig, beide „Lesearten“ – das rasche „Scannen“ als auch das Wort-für-Wort-Lesen – mit entsprechender Verarbeitungstiefe zu beherrschen.
Die Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften, allen voran die Psychologie, Philosophie, Psychotherapie, sowie aus der Humanmedizin vor allem die Psychiatrie, haben die Aufgabe, diesen technologiebasierten Wandel zu begleiten, Risiken und Nutzen gegeneinander aufzuwiegen und im Falle problematischer oder pathologischer Entwicklungen, sowohl auf gesellschaftlicher als auch individueller Ebene, Hilfestellungen zu geben.
Aufgrund der Schweizer Taschenmesserfunktion und der damit verbundenen Vielzahl an möglichen Aktivitäten am Smartphone macht es wenig Sinn, einzelne Phänomene einer exzessiven Nutzung separat zu betrachten. Viel wahrscheinlicher ist es, dass sich unterschiedliche Tätigkeiten wie die Verwendung von Social Network Sites (SNS), Computerspielen (Gaming), Glücksspielen (Gambling), etc. wechselseitig beeinflussen. Derzeit zeigen epidemiologische Studien zur Prävalenz der Smartphoneabhängigkeit noch eine höhere Betroffenheit der Mädchen und jungen Frauen, da sie vorzugsweise über das Smartphone in sozialen Netzwerken aktiv sind, während junge Männer aufgrund der besseren Bild- und Tonqualität das Spielen am PC oder der Spielkonsole präferieren. Dies könnte sich jedoch sehr rasch ändern. Mittlerweile gibt es Game-Streaming-Plattformen, die einerseits eine enorm hohe Bildqualität ermöglichen, andererseits als Vertriebsmodell eine Flatrate vorsehen, die ein Spielen von zahlreichen unterschiedlichen Spielen im Monatsabonnement zu geringen Preisen ermöglicht. Ferner kann unabhängig von der vorhandenen Hardware überall gespielt werden (multiplatform gaming). Diese neuen Geschäftsmodelle der Spieleanbieter erhöhen den Faktor der Verfügbarkeit enorm, einen Faktor, der auch bei stoffgebundenen Abhängigkeitserkrankungen neben weiteren eine zentrale Rolle in der Genese von problematischem Verhalten spielt.
Ein großer Unterschied im Gebrauch von Applikationen und Spielen am Smartphone im Vergleich zum Personal Computer ist die wesentlich kürzere Nutzungsdauer gepaart mit einer höheren Nutzungsfrequenz (Lin et al., 2015). Kommt es durch den Gebrauch des Smartphones kurzfristig zu positiven Gefühlen, so wirken diese verstärkend auf die neuerliche Durchführung des Verhaltens. Wie aus zahlreichen Experimenten, z. B. aus dem Bereich des problematischen Glücksspiels, bekannt ist, spielt die Verstärkerfrequenz für die Suchtentwicklung eine zentrale Rolle, beschleunigt sie doch diesen Prozess markant.
Für die im Folgenden näher zu beschreibenden Phänomenen wird aufgrund des bis dato geringen Forschungsstandes und der Heterogenität der verwendeten Nomenklatur der Versuch einer einheitlichen Begriffsbestimmung unternommen. So werden die gebräuchlichsten Bezeichnungen aus der deutsch- und englischsprachigen Literatur systematisch zusammenge-tragen und deren Eignung zur Beschreibung der unterschiedlichen Phänomene angeführt. Andere Begriffe für die Smartphonesucht bzw. assoziierte Themenbereiche sind beispielsweise: Technology Use Disorder (TUD) oder Problematic Mobile Phone Use (PMPU).
„Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift sei.“ Philippus Theophrastus Aureolus Bombastus von Hohenheim („Paracelsus“), 1574
Literatur
Giżycki, J., Rellstab, L. (1967). Schach zu allen Zeiten. Stauffacher Verlag.Lin, Y. H., Lin, Y. C., Lee, Y. H., Lin, P. H., Lin, S. H., Chang, L. R., Tseng, H. W., Yen, L. Y., Yang, C. C. & Kuo, T. B. (2015). Time distortion associated with smartphone addiction: Identifying smartphone addiction via a mobile application (App). J Psychiatr Res, 65, 139-145. https://doi.org/10.1016/j.jpsychires.2015.04.003Milzner, G. (2016). Digitale Hysterie. Warum Computer unsere Kinder weder dumm noch krank machen. Beltz.Philippus Theophrastus Aureolus Bombastus von Hohenheim („Paracelsus“). (1574). Labyrinthus und Irrgang der vermeinten Artzet: Item, Siben defensiones, oder Schirmreden. Petrus.Wikipedia. (2022). Mooresches Gesetz.https://de.wikipedia.org/wiki/Mooresches_GesetzWorld Health Organization. (2018). International classification of diseases for mortality and morbidity statistics (11th Revision). https://icd.who.int/browse11/l-m/enDie intensive Nutzung neuer Technologien spaltet seit Jahrhunderten die Menschheit in zwei Lager, jene die begeistert und ohne Skepsis unmittelbar neue Technologien in ihr Leben integrieren und jene die darin eine ernstzunehmende Bedrohung sehen. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Vor- und Nachteilen bzw. den Nutzen und Risiken im Sinne einer Lösung des durch die Einführung neuer Technologien erzeugten Appetenz-Aversionskonfliktes scheint fast unmöglich. Die Warnung vor „Lastern“ und die daraus abgeleiteten restriktiven Maßnahmen sind fast so alt wie die Laster selbst.
Die Lesesucht oder Lesewut taucht erstmals in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Begriff in der Literatur auf. Der Verleger, Pädagoge und Schriftsteller Joachim Heinrich Campe (1746–1818) schreibt in seinem Wörterbuch zu dem Begriff der Lesesucht: „Lesesucht, die Sucht, d. h. die unmäßige, ungeregelte auf Kosten anderer nötiger Beschäftigungen befriedigte Begierde zu lesen, sich durch Bücherlesen zu vergnügen.“ Während das Lesen religiöser Schriften nicht als anstößig galt, waren vor allem Romane stark verpönt, da diese ausschließlich dem Zwecke des Genusses dienten. Dies ist aus suchthistorischer Perspektive von großem Interesse, da Konsum – im Falle des Lesens von Büchern – unter bestimmten Bedingungen und aufgrund einer vordefinierten Funktionalität der Tätigkeit allgemein akzeptiert war (Campe, 1809). Die mit dem Konsum einhergehende Funktion bzw. das Motiv spielt bis in die heutige Zeit eine wesentliche Rolle. So wird in der gegenwärtigen Gesellschaft beispielsweise das „Googeln“ von Informationen wie Wetterbericht, Nachrichten, oder die Erledigung von Bankgeschäften am Smartphone als weit weniger „gefährlich“ im Sinne eines exzessiven Konsumverhaltens eingestuft als das Spielen von Spiele-Apps (Mobile Gaming) gleichen Zeitausmaßes, das, wie damals das Lesen von Romanen, ausschließlich dem Genuss dient. Besonders gefährdet wären Frauen, Jugendliche und Kinder, die durch die Fantasie anregende Wirkung von Romanen in ihrer Entwicklung negativ beeinflusst worden wären, bzw. es bei Frauen zur Vernachlässigung des Haushaltes, der Partnerschaft und letztlich zur Zerrüttung der Familie hätte kommen können. Die Argumente gegen das exzessive Lesen waren politischer, pädagogischer, medizinisch-physiologischer, psychopathologischer und moralischer Natur. Waren die Vertreter der Aufklärung zu Beginn Befürworter des Lesens, so kam es in späterem Verlauf zu einem Sinneswandel, der einhellig postuliert, dass das Studium von Lektüre bloß dazu missbraucht werden würde, Langeweile zu verhindern (Wittmann, 1999, pp. 419-454, 611-613). Dieses Postulat findet sich mit verblüffender Ähnlichkeit mehr als 200 Jahre später im Diskurs über die Smartphonenutzung und deren Auswirkungen auf Kontemplation, Achtsamkeit und Kreativität wieder (siehe Kapitel 4.11).
„Kind du darfst nicht so lange Fernsehen, sonst bekommst du eckige Augen!“ ist ein weit verbreitetes medizin-physiologisches (Schein-)Argument besorgter Eltern gegen zu intensiven Fernsehkonsum ihrer Kinder. Mit dem Aufkommen des Mediums Fernsehen in den 1950er Jahren kam es im Bildungsbürgertum zu einer verstärkten Abneigung gegen dieses Medium, zugunsten früherer „Technologien“ wie dem Lesen. Die Parallelen in der Argumentation gegen das Lesen sind auch beim Fernsehen nicht zu übersehen. Auch dieses führe, so damalige Experten, zu Passivität und Realitätsverlust (von König, 1977, p. 90f).
Taucht durch den technologischen Fortschritt ein „neues Laster“ auf, so wird ein älteres – ganz nach dem Motto: „Lieber das kleinere Übel“ – in seiner Gefährlichkeit herabgestuft. Oft wird dabei der durch den Anfangseffekt verursachte Hype neuer Technologien völlig missinterpretiert. Auch im Bereich der ist dieses Phänomen seit langem bekannt. Alkopops, alkoholische Mischgetränke mit hohem Zuckergehalt, hauptsächlich für die Zielgruppe Jugendliche und junge Erwachsene konzipiert, erlebten vor ca. zehn Jahren einen regelrechten Boom in Europa. Aus Befürchtungen, die Jugend könne durch diese neuen Produkte gefährdet sein und rasch abhängig werden, wurde in Deutschland eine Steuer auf Alkopops eingeführt, die sie künstlich verteuern sollten. Da für viele Jugendliche finanzielle Ressourcen knapp sind, dachte der Gesetzgeber damit eine effiziente Maßnahme zur Bekämpfung dieses exzessiven Konsums und dessen negativer Folgen durch die Verringerung der Verfügbarkeit geschaffen zu haben. In Österreich konnte man sich zu einer solchen gesetzlichen Regelung nicht entschließen, trotzdem sank in beiden Ländern der Konsum von Alkopops in den folgenden Jahren wieder deutlich ab. Das einzig schlüssige Argument zur Erklärung des oben beschriebenen Phänomens ist, dass es sich unabhängig von der Steuererhöhung in Deutschland lediglich um einen Anfangseffekt handelte, der jedoch ohne Zutun von selbst wieder nachließ. Systeme regulieren sich teilweise auch selbst wieder in „Homöostase“, ohne massive Eingriffe zu benötigen.
Zur Beurteilung von Risiken neuer Technologien bedarf es einer sehr differenzierten Betrachtung im Kontext historischer technologischer Entwicklungen und der daraus resultierenden Adaptationsleistung für Individuum und Gesellschaft. Neben der notwendigen historischen und gesellschaftlichen Betrachtung wird das Unterfangen der Risikoabschätzung durch die unzähligen Funktionen, die moderne Smartphones und die auf ihnen installierten Applikationen (Apps) aufweisen, zusätzlich erschwert. In Analogie zu einem Schweizer Taschenmesser, das neben einer Messerklinge auch beispielsweise eine Säge, Lupe, Pinzette oder auch Zange aufweist, werden Smartphones ob ihres Funktionsumfanges heute auch als Schweizer Taschenmesser bezeichnet. Der Vergleich hat in den letzten Jahren jedoch zu hinken begonnen, da sich der Funktionsumfang dermaßen erweitert hat, dass eine differenzierte Auseinandersetzung mit den einzelnen Funktionen nicht mehr möglich ist. Auch hier sind Parallelen zu stoffgebundenen Suchtformen erkennbar. Legal Highs sind zumeist neue psychoaktive Substanzen, die zur Berauschung eingenommen werden und anfänglich, da noch weitgehend unbekannt, legal erhältlich sind. Erst zu einem späteren Zeitpunkt und bei entsprechenden wissenschaftlichen Erkenntnissen werden diese neuen psychoaktiven Substanzen als Suchtmittel geführt. Mit Ausnahme einer Altersfreigabe fehlt bis dato bei Softwareapplikationen weitgehend eine Risikobeurteilung hinsichtlich „Gefährlichkeit“ und Suchtentwicklung.
Als Steve Jobs 2007 das erste Smartphone vorstellte, versprach er, dass dies alles verändern werde (zitiert nach Kushlev et al. (2016)). Betrachtet man die durch Smartphones veränderten Kommunikations- und Interaktionsformen, so ist man gewillt, dieser damals als Werbeaktion getätigten Aussage Recht zu geben. Jedoch kann a priori, nur weil es sich um neue Technologien und Phänomene handelt, nicht automatisch von einem Gefährdungspotential ausgegangen werden. Man kann an dieser Stelle auch einwenden, dass viele Funktionen, die mit dem Smartphone genutzt werden, auch am PC oder Notebook verwendbar sind. Doch was das Smartphone so besonders macht, ist der Umstand, dass wir nun völlig freie Wahl haben, wo und wann wir sie verwenden. Diese Freiheit birgt aber auch Risiken in sich. Wir müssen selbst für Nutzungsregeln sorgen, damit die Verwendung nicht zu intensiv, exzessiv oder gar gefährlich wird, wie z. B. bei der Nutzung spezifischer Funktionen des Smartphones im Straßenverkehr. Die Ubiquität und Omnipräsenz des Smartphones halten noch weitere Implikationen bereit. Wie aus dem Bereich der Glücksspielabhängigkeit hinlänglich bekannt, führt bei dieser Verhaltenssucht allein die Beobachtung anderer Personen beim Glücksspiel zu sehr ähnlichen, nahezu identen Aktivitäten im Gehirn wie bei der Durchführung des Glücksspielverhaltens durch die eigene Person. Diese Reiz-Reaktion-Muster (Cue-Reactivity) bedeuten für die Therapie und Behandlung der Glücksspielsucht, dass sich Betroffene nach Maßgabe von diesen Reizen (Cues) so weit wie möglich fernhalten sollten, um Craving (Gier) und evtl. später eintretenden Rückfällen vorzubeugen. Das ist schon bei der Glücksspielabhängigkeit ob des großen Angebots und der glücksspielassoziierten Werbung kein einfaches Unterfangen. Derzeit gibt es zwar keine ausreichende Evidenz für die Cue-Reaktivity bei Smartphones, jedoch ist es sehr plausibel, dass dies dort ebenso Gültigkeit hat. Das hätte aber weitreichende negative Implikationen, da ein Fernhalten von smartphoneassoziierten Reizen im Sinne einer Rückfallprävention schlicht unmöglich ist. Für die Glücksspielabhängigkeit haben Duven et al. (2010) ein Odds-Ratio (OR) von 13 ermittelt, wenn in der Familie ein weiteres Mitglied regelmäßig am Glücksspiel teilnimmt. Das Lernen am Modell scheint hier ein Verhalten begünstigender Faktor zu sein. Die Entwicklung neuer Technologien wird immer wieder stark durch die Sciencefiction-Literatur beeinflusst. Das berühmte „Bord-Handy“ der Hauptfigur der US-TV-Serie Raumschiff Enterprise (1966–1969), Captain Kirk, wurde etwa fünfzig Jahre später in Form des Klapphandys StarTAC von Motorola realisiert. Es wurde 1996 erstmals verkauft und war damals das kleinste und leichteste Mobiltelefon der Welt (Wikipedia, 2020). Das erste Smartphone mit Zugang zum Internet, obwohl hier retrospektiv aufgrund der mangelnden Definition des Begriffs „Smartphone“, die Expertenmeinungen auseinander gehen, war der Nokia 9000 Communicator 1996. Schwer, teuer, unhandlich und mit einem sehr langsamen Zugang ins Internet versehen, war es zwar schon damals ein Statussymbol, jedoch verhinderten die noch bestehenden technischen Restriktionen eine exzessive Nutzung. Obwohl auch andere Hersteller wie Ericsson und Blackberry bereits internetfähige Mobiltelefone vor der Jahrtausendwende auf den Markt brachten, wird generell die Markteinführung des ersten iPhones der Firma Apple durch Steve Jobs aufgrund des Touchscreens als Geburtsstunde des Smartphones bezeichnet. Damit ist das Smartphone gerade erst zum Jugendlichen herangereift. Dementsprechend stecken alle smartphoneassoziierten Forschungsaktivitäten noch in den Kinderschuhen. Alkohol als Genussmittel und Kulturgut existiert hingegen bereits seit mehr als 10.000 Jahren, erste regulatorische Eingriffe des Staates in Form von Steuern gab es 1750 in England, um der Gin-Epidemie Einhalt zu gebieten. Dementsprechend bestehen jahrhundertelange Erfahrungen im Umgang als auch in der Regulierung. Ob und in welcher Form es bei der Nutzung des Smartphones ein regulatorisches Eingreifen des Staates wirklich braucht, wird sehr kontroversiell diskutiert und ist von vorherrschenden kulturellen Strömungen nicht unabhängig. So unterscheidet Pittman (1967) zwischen Abstinenz-, Ambivalenz-, Permissiv- und extremer Permissivkultur, wobei Österreich und Deutschland der Permissivkultur angehören, die Alkohol nicht in Frage stellt, Rausch aber nur bedingt akzeptiert (Uhl et al., 2005). Neuere Süchte sind oft denselben gesellschaftlichen Konventionen unterworfen, dienen die alten Süchte doch als Best-Pratice-Beispiel in der Suchtprävention. Doch können die Erfahrungen und Konventionen bei der Prävention und Behandlung stoffgebundener Abhängigkeitserkrankungen ohne Adaptierung für neue Süchte übernommen werden? Folgt man dem Modell von Pittman und legt dieses auf die Smartphonesucht um, so befinden wir uns in einer extremen Permissivkultur, in der die Smartphonenutzung nahezu (bis auf einzelne, eng umschriebene Hochrisikosituationen wie Autofahren) uneingeschränkt akzeptiert wird und exzessive Nutzung mit rauschähnlichen Zuständen kaum negativ konnotiert sind.
Insgesamt nutzen weltweit 4,5 Milliarden Menschen (ca. 60 Prozent) das Internet, jährlich kommen nochmals 300 Millionen User hinzu, mehr als 3,8 Milliarden Menschen nutzen Soziale Medien (Hootsuite & We Are Social, 2019). Internetuser verbringen durchsschnittlich täglich 6 h 53 min im Internet, somit 40 % der Zeit, in der wir wach sind. In mehr als der Hälfte der Fälle werden mobile Endgeräte zur Internetnutzung verwendet, wobei viele eine Kombination aus Festnetz- und mobilem Internet verwenden (Hootsuite & We Are Social, 2019).
In Österreich gab es mit Jänner 2020 7,9 Mio. Internetuser, das entspricht einer Internet-Penetration von 88 % (bei 8,98 Mio. Einwohnern). Die Zuwachsraten liegen bei unter einem Prozent pro Jahr. 50 % der Österreicher und Österreicherinnen nutzen soziale Netzwerke (4,5 Mio.). Die Marktsättigung von Mobiltelefonen beträgt 149 %, dementsprechend besitzt jeder Österreicher durchschnittlich 1,5 Smartphones (Hootsuite & We Are Social, 2019).
In Deutschland gab es 2020 bei 83,6 Millionen Einwohnern 77,79 Millionen Internetuser (93 %), 92 % besitzen ein Smartphone, 88 % einen Laptop oder Desktopcomputer und 51 % ein Tablet. Lediglich 2,7 % der Bevölkerung besitzen ein nicht internetfähiges Mobile Phone. Das Internet wird 4 h und 52 min pro Tag benutzt, Soziale Medien etwas mehr als eine Stunde (Hootsuite & We Are Social, 2019).
Betrachtet man die Dauer des Medienkonsums in Minuten, so wurde in vielen Ländern Europas, Asiens und Amerikas das lineare Fernsehen 2014 erstmals von digitaler Onlinenutzung via Smartphone überholt (Heinemann et al., 2016, p. 34). Damit sind Medieninhalte nahezu in jeder Situation und zu jeder Zeit verfügbar. Ein weiterer Vorteil der Nutzung von Onlinemedien am Smartphone ist neben der Omnipräsenz und der Aktualität der Inhalte die Möglichkeit der Konvergenz, d. h. das Zusammenführen vormals nicht zusammengehörender Medien und Inhalte zu einem größeren Ganzen; teilweise kann dies durch Routinen automatisiert erfolgen, es obliegt jedoch sehr häufig dem User, dies aktiv selbst zusammenzustellen. Dadurch entsteht das Gefühl individueller maßgeschneiderter Inhalte, obwohl im Hin-tergrund arbeitende Prozeduren eine Filterung und basale Aufbereitung der Informationen vornehmen. Zweifellos ist die Gestaltungsmöglichkeit durch den User wesentlich größer als beim linearen Fernsehen. Die Freiheit der Selbstgestaltung birgt aber auch Gefahren in sich. Ein Phänomen, das in diesem Kontext in besonderem wissenschaftlichen Interesse steht, ist das Binge Watching oder Binge Viewing, ein exzessiver Medienkonsum durch das Ansehen von mehreren Folgen einer Serie unmittelbar hintereinander mit der Schwierigkeit der Beendigung des Medienkonsums, der häufig bei Streamingdiensten zu finden ist (siehe Kapitel 4.4).
Smartphones sind für viele User „Security Blankets“ – Kuscheldecken (Hunter et al., 2018; Panova & Lleras, 2016). Zur Wirkung einer „Kuscheldecke“ gibt es prinzipiell zwei gegensätzliche Hypothesen. Durch das Smartphone kommt es zu einem Sicherheitsgefühl, und vormals als unüberwindbar bzw. sehr unangenehm wahrgenommene soziale Situationen können (verstärkt) aufgesucht werden. Dabei fungiert das Smartphone als Copinginstrument zur Förderung von Sozialverhalten. Prinzipiell scheint diese Hypothese sehr plausibel, kennt man ein ähnliches Konzept doch aus dem Bereich der Angstbehandlung. Ängste nehmen durch wiederholte Reizexposition und dem diesem Vorgehen innewohnenden Habituationseffekt deutlich ab. Den größten Effekt dabei zeigen Flooding-Techniken (Reizüberflutung), bei denen möglichst rasch Situationen mit dem intensivsten Angstgefühl aufgesucht werden. In der therapeutischen Realität ist dieses Vorgehen jedoch kaum möglich, da es den Betroffenen überfordert und dieser als Reaktanz Abwehrverhalten zeigt. Fehlt das Zutrauen des Betroffenen, die Angstsituation meistern zu können, so sucht er diese auch im therapeutischen Kontext kaum auf. Hier kommen Fading-Techniken zum Einsatz. Dabei werden dem Betroffenen Unterstützungen angeboten (eingeblendet, to fade in), um sich letztlich doch der Angstsituation stellen zu können. Das kann die Begleitung durch einen Angehörigen, den Therapeuten selbst oder aber auch das Smartphone sein. Dieses vermittelt das Gefühl, ständig mit seinen relevanten Bezugspersonen in Kontakt zu stehen und gegebenenfalls rasch Hilfe holen zu können. Dadurch wird die Wahrscheinlichkeit, vormals stark angstbesetzte (soziale) Situationen aufzusuchen, deutlich größer. Somit stellt die über das Smartphone vermittelte Funktion des Kuscheldeckeneffekts einen Selbstheilungsversuch dar.
Die zweite Option, die kontrovers zur ersten Hypothese steht, besagt, dass es durch die ständig stattfindende Ablenkung in sozialen Interaktionen (Distract-Bedingung) zur Reduktion der Aufnahme von sozialen Interaktionen und zur Reduktion der Qualität dieser Interaktionen kommt (= Verbleiben in der Komfortzone). Diese maladaptiven Verhaltensweisen führen dabei nicht nur auf individueller Ebene zu Problemen, auch eine Auswirkung auf die Gesellschaft allgemein wird diskutiert (siehe auch Kapitel 4.2).
Da einige durch neue Medien evozierte Schwierigkeiten bereits aus anderen Störungsbildern wie beispielsweise der Internetabhängigkeit bekannt sind und das Smartphone lediglich eine neue Applikationsform darstellt, wird auch die Frage, ob es sich nicht nur um unterschiedliche Formen ein und desselben Störungsbildes handelt, in der wissenschaftlichen Literatur sehr intensiv diskutiert. Aus Korrelationsstudien, die gleichzeitig mittels Fragebögen Kriterien der Internet- und Smartphoneabhängigkeit erhoben haben, ergibt sich eine Überschneidung beider Abhängigkeitsformen von ca. 25 %, Korrelation 0,5 (Montag, 2018). Kritisch anzumerken bei diesen Studien ist, dass die Kriterien in den verwendeten Fragebögen aus substanzbezogenen Störungen für die jeweilige Suchtform adaptiert wurden und sich daher zwangsläufig eine Korrelation ergeben muss, dennoch zeigen diese Ergebnisse auch Unterschiede auf, die als Indiz für eine eigene Abhängigkeitserkrankung angesehen werden können. Weitere Überlegungen zum Thema finden sich in Kapitel 2.
Literatur
Campe, J. H. (1809). Lesesucht. In Wörterbuch der deutschen Sprache (Vol. Teil 3). http://books.google.de/books?id=Yp4Qi6mhcFMC&pgHeinemann, G., Gehrckens, H. M. & Wolters, U. J. (2016). Digitale Transformation oder digitale Disruption im Handel. Vom Point-of-Sale zum Point-of-Decision im Digital Commerce. Springer.Hootsuite & We Are Social. (2019). Digital 2019 Global Digital Overview. Retrieved 10.01.2021 from https://datareportal.com/reports/digital-2019-global-digital-overviewHunter, J. F., Hooker, E. D., Rohleder, N. & Pressman, S. D. (2018). The use of smartphones as a digital security blanket: The influence of phone use and availability on psychological and physiological responses to social exclusion. In Psychosomatic medicine, 80(4), 345–352. https://escholarship.org/content/qt822794w1/qt822794w1.pdf?t=pakjsuKushlev, K., Proulx, J. & Dunn, E. W. (2016). „Silence Your Phones“: Smartphone Notifications Increase Inattention and Hyperactivity Symptoms. Proceedings of the 2016 CHI conference on human factors in computing systems.Montag, C. (2018). Homo Digitalis. Springer.Panova, T. & Lleras, A. (2016). Avoidance or boredom: Negative mental health outcomes associated with use of Information and Communication Technologies depend on users’ motivations. In Computers in Human Behavior, 58, 249–258.Pittman, D. J. (1967). International overview: Social and cultural factors in drinking patterns, pathological and nonpathological. Alcoholism, 3–20.Uhl, A., Beiglböck, W., Fischer, F., Haller, B., Haller, R., Haring, C., Kobrna, U., Lagemann, C., Marx, B. & Musalek, M. (2005). Alkoholpolitik in Österreich – Status Quo und Perspektiven. In T. C. R. C. Babor, S. Edwards, G. (Ed.), Alkohol – Kein gewöhnliches Konsumgut. Forschung und Alkoholpolitik. Hogrefe.von König, D. (1977). Lesesucht und Lesewut. In H. G. Göpfert (Ed.), Buch und Leser: Vorträge d. 1. Jahrestreffens d. Wolfenbütteler Arbeitskreises für Geschichte d. Buchwesens, 13. u. 14. Mai 1976 (Vol. 1). Hauswedell.Wikipedia. (2020). Motorola StarTAC. Retrieved 08.01.2021 from https://de.m.wikipedia.org/wiki/Motorola_StarTACWittmann, R. (1999). Gibt es eine Leserevolution am Ende des 18. Jahrhunderts? In R. Chartier, Cavallo G. (Ed.), Die Welt des Lesens. Von der Schriftrolle zum Bildschirm (pp. 419–454, 611–613). Campus.Gerade bei weit verbreiteten und oft verwendeten Begriffen kann es zu unterschiedlichen Bedeutungsinhalten ein und desselben Begriffs durch unterschiedliche Nutzergruppen kommen. Insbesondere unterscheiden sich die Semantik in der Allgemeinbevölkerung von jener im wissenschaftlichen Kontext. So wird in der Allgemeinbevölkerung umgangssprachlich häufig bei Personen mit phasenhaftem, exzessivem, rauschhaftem Alkoholkonsum über mehrere Wochen von einem „Quartalsäufer“ gesprochen. Die Typologie von Jellinek (Jellinek, 1951) bezeichnet diesen als Quartaltrinker, bei dem fast ausnahmslos eine bipolare Grunderkrankung vorliegt, die in der Allgemeinbevölkerung außer Acht gelassen wird, jedoch große Behandlungsrelevanz aufweist. Aufgrund des raschen technologischen Fortschrittes entstehen in rascher Abfolge immer neue Begriffe, deren Abgrenzung zu bereits bestehenden Begriffen erst im Laufe der Verwendung immer deutlicher zu Tage tritt und somit einem steten Wandel unterworfen ist. Weitere Unschärfen sind darin begründet, dass viele Begriffe ihren Ursprung im angloamerikanischen Raum haben und zu einem späteren Zeitpunkt „eingedeutscht“ werden. Deshalb ist der Definition der wichtigsten Begriffe im Zusammenhang mit Mobiltelefonen und den assoziierten Themenkreisen ein ganzes Kapitel gewidmet.
Umgangssprachlich wird im deutschsprachigen Raum der Begriff des „Handys“ benutzt. Damit wird das Eigenschaftswort aus dem Englischen „handlich, griffbereit“ in den Mittelpunkt gestellt. Die Bezeichnung ist jedoch insofern missverständlich, da sie keine Unterscheidung zwischen den im englischen Sprachraum vorherrschenden „mobile phone“ bzw. „cell(ular) phone“ und dem „smartphone“ zulässt. Nur letzteres besitzt den vollen Funktionsumfang, Cell phones hingegen weisen keinen mobilen Internetzugang auf und beschränken daher ihre kommunikative Funktion auf das Telefonieren und Schreiben von „Short Message Service“-Nachrichten (SMS).
„Mobile Endgeräte (Mobilgeräte)“ ist ein Überbegriff für Tablet-Computer, Mobiltelefone, Personal Digital Assistants aber auch für die heute schon weniger häufig in Gebrauch stehenden Discmans und Walkmans sowie MP3-Player, Taschenfernseher, die aufgrund ihrer Größe und ihres Gewichts mobil einsetzbar sind. GPS-Navigationssysteme und E-Book-Reader werden ebenso zu den mobilen Endgeräten gezählt (Wikipedia, 2021).
Personen, die mit dem Internet aufgewachsen sind, werden umgangssprachlich als „Smart Natives“ bezeichnet. Sie sind meistens auch sogenannte „Early Adopter“, Personen, die neue Technologien zuerst für sich selbst nutzen und deren Erfahrungen meistens einen wesentlichen Beitrag zur Integration dieser Technologien in den Alltag leisten.
Eine Fachjury des Langenscheidt-Verlages hat 2015 „Smombie“, ein Neologismus, der sich aus den beiden Begriffen Smartphone und Zombie zusammensetzt, zum Jugendwort des Jahres gekürt (Langenscheidt, 2015). Schon damals wollte man dem Umstand Rechnung tragen, dass „Poweruser1“ des Smartphones kaum mehr ansprechbar sind und die soziale Interaktion durch den intensiven Gebrauch leide.
Fortunati (2005) meint „Smartphones beeinflussen unser Handeln dermaßen, dass sich die Kultur der ganzen Gesellschaft verändert“. Diese Kultur wird zunehmend zu einer „thumb culture“, zu einer Daumenkultur, die die Bedeutung der Mobiltelefone in unserer Gesellschaft maßgeblich definiert (Glotz et al., 2006).
Ein für die Forschung zentraler Begriff ist jener des „checking habit“ oder „checking behaviour“. Einerseits führt das ständige Überprüfen des Smartphones auf neue Nachrichten zu Ablenkung und oftmals auch zu sich selbst verstärkendem Verhalten, andererseits kann dieses auch für gesundheitsförderliche Maßnahmen und sogar für therapeutische Zwecke genutzt werden. Der Markt an „mobile Health Apps“ (mHApps) ist stark am Wachsen, auch die Forschung trägt dem mit immer mehr Wirksamkeitsstudien Rechnung. Montag (2018) kommt in seinen Studien mittels Menthal-App (Aufzeichnung der Tätigkeiten am Smartphone zum Tracken des User-Verhaltens) auf eine durchschnittliche Zeitspanne von 18 Minuten zwischen zwei Smartphoneaktivierungen. Ein durchschnittlicher User verbringt ca. 2,5 Stunden pro Tag an seinem Gerät (Andone et al., 2016).
Ein weiteres Kunstwort aus dem englischsprachigen Raum, welches vom UK Post Office geprägte wurde, ist die Nomophobie, die Abkürzung für „No-Mobile-Phone-Phobia“, wörtlich „Kein-Mobiltelefon-Angst“. Als Nomophobie bezeichnet man die Angst, nicht erreichbar zu sein, von mobilen sozialen Interaktionsprozessen abgeschnitten zu sein (siehe Kapitel 5.1).
Ganz allgemein werden Schwierigkeiten im Umgang mit neuen Technologien sehr wertneutral als Technology Use Disorder (TUD) bezeichnet. Dieser wahrscheinlich allgemeinste Oberbegriff für Probleme der Adaptation des Users oder ganzer Usergruppen mit technologischen Innovationen beinhaltet spezifische Phänomene wie jene der Suchtgefährdung, der risikoreichen Verwendung und der durch diese Errungenschaften evozierten gesellschaftlichen Irritationen.
Die Forschergruppe rund um Montag schlug bereits 2019 vor, als Oberbegriff für alle Störungsbilder, die mit einer intensiven Internetnutzung einhergehen, Internet Use Disorder (IUD) zu verwenden (Montag et al., 2019). Die Internetgebrauchsstörung (IUD) umfasst dabei sehr unterschiedliche Abhängigkeitserkrankungen, wie die Computerspielsucht (Gaming Disorder), die Glücksspielabhängigkeit (Gambling Disorder), die Online-Kaufsucht (Buying-Shopping Disorder), die (Cyber-)Sexsucht, die Internetkommunikationsstörung bzw. Soziale-Netzwerk-Gebrauchsstörung (Internet Communication/Social Network Use Disorder) und andere Internetgebrauchsstörungen als Kategorie für andere internetassoziierte Phänomene (siehe Abb. 1). Weiter unterscheiden die Autoren noch, ob das süchtige Verhalten überwiegend auf mobilen oder nicht-mobilen Endgeräten durchgeführt wird. Diese Taxonomie versucht einerseits unterschiedliche Phänomene unter einen Oberbegriff zusammenzufassen und lässt auch den Aspekt, ob das süchtige Verhalten auf Smartphones oder Tablets versus Standgeräte durchgeführt wird, nicht außer Acht. In Anlehnung an die Nomenklatur des ICD11 (Internationales Klassifikationssystem für psychische Störungen in der 11. Auflage) wird von vielen Autoren nicht mehr die Bezeichnung Internetsucht (Internet addiction) verwendet, sondern von einer Internetgebrauchsstörung gesprochen. Im ICD11 wird, im Unterschied zur Taxonomie von Montag, zwischen überwiegend online und offline unterschieden.
Da derzeit der Zusammenhang zwischen Smartphone- und Internetsucht noch nicht geklärt ist, wird zur Überwindung dieser kategorialen Überschneidungsprobleme v. a. in den USA häufig der Begriff des Mobile And Internet Dependency Syndrom (MAIDS) verwendet. Damit lässt man die Zuordnung zu einem dieser beiden Störungsbilder vorerst weitgehend offen.
Der Begriff der Smartphonegebrauchsstörung (Smartphone use disorder, abgekürzt SmUD, mit einem „m“ für „mobile“ (phone), um dies nicht mit der Substance use disorder (SUD) zu verwechseln) stellt gegenüber der Smartphonesucht eine wesentliche begriffliche Verbesserung dar, denn jemand mit einer problematischen oder gar pathologischen Smartphonenutzung ist nicht direkt vom Gerät abhängig, sondern von den auf ihm installierten Applikationen, deren Attraktivität maßgeblich von der Verbindung mit dem Internet abhängt. Als Analogie dazu spricht man auch bei stoffgebundenen Abhängigkeitserkrankungen nicht von einer Spritzen- oder Flaschensucht, sondern von Drogen- oder Alkoholsucht. Demnach wird der Begriff von der zugrundeliegenden psychoaktiven und abhängig machenden Substanz abgeleitet. Da es bei Verhaltenssüchten diese nicht gibt, sollte ausschließlich das psychoaktive Verhalten namensgebend sein.
Ganz ideal ist der Begriff der Internetgebrauchsstörung jedoch nicht, denn bei den oben beschriebenen Störungsbildern spielt der Faktor Internet eine unterschiedlich starke Rolle bei der Genese des Störungsbildes. Die Unterscheidung zwischen online und offline birgt ferner das Risiko, ein Störungsbild mit unterschiedlichen Ausprägungen als gänzlich separat und uneinheitlich zu betrachten, obwohl zu bestimmten Zeiten die Verhaltenssucht, je nach Verfügbarkeit, phänotypisch online oder offline imponiert. So kann es im Laufe einer Suchtentwicklung zuerst zu kompensatorischem Kaufen im Geschäft kommen, später verlagern sich die Aktivitäten ins Internet, oder umgekehrt. Gleiches gilt auch für die Internet- bzw. Smartphonesucht, wie die Fallvignette in Kapitel 4.9.3. eindrücklich zeigt.
Andererseits ist eine zu detaillierte Differenzierung der Sucht in einzelne Applikationen ebenso nicht sinnvoll (z. B. Facebook-, WhatsApp- oder Fortnite-Sucht). Wiederum in Analogie zu substanzgebundenen Störungen müsste es dann so etwas wie einen applikationsspezifischen „Suchtmittelkatalog“ geben. Doch sind, wie bereits oben kurz erörtert, die Applikationen nicht per se abhängig machend, vielmehr muss eine Suchtentwicklung immer multifaktoriell betrachtet werden, bei der das Suchtmittel und seine Wirkung nur einen von mehreren Faktoren in der Genese darstellt. Ein Suchtmittelkatalog der Applikationen mit Abhängigkeitspotential würde ferner zu einer übertriebenen Stigmatisierung dieser Applikationen hinsichtlich ihres Gefährdungspotentials führen, da nur ein geringer Prozentsatz der Spielenden tatsächlich abhängig wird. Neben der Applikation selbst spielt auch der Umstand eine wesentliche Rolle, ob diese überwiegend auf mobilen oder stationären Endgeräten betrieben wird, bestimmt dieser Faktor doch maßgeblich die Verfügbarkeit und Zugänglichkeit.
Beim Alkoholgebrauch steht der Geschmack als Konsummotiv im Vordergrund. Wird Alkohol ausschließlich zu Genusszwecken mäßig und unregelmäßig konsumiert, so ist die Gefahr einer problematischen oder gar pathologischen Entwicklung sehr gering. Beim Missbrauch oder schädlichem Gebrauch stehen andere Funktionen als der Geschmack bzw. Genuss im Vordergrund. In der Regel handelt es sich bei diesen Funktionen um Bemühungen des Betroffenen, seine Emotionen zu kontrollieren. So wirkt Alkohol angstlösend, entspannend, enthemmend, leicht empathogen, schmerzlindernd, schlafanstoßend und vieles mehr. Bei intensiver werdendem Internet- und Smartphonegebrauch verliert die Definition des Missbrauchs, wie sie beim Alkohol seit Jahrzehnten angewandt wird, ihre Gültigkeit. Gerade Applikationen, die eine Funktion außerhalb des Genusses beinhalten, wie beispielsweise Navigations-, Bezahl-, Park- und teilweise auch Informationsapps weisen laut gegenwärtigem Stand der Wissenschaft ein sehr geringes Gefahrenpotential hinsichtlich einer Suchtentwicklung auf, während Spiele- und auch Kommunikationsanwendungen, wie Messaging-Systeme mit hoher hedonistischer Komponente, ein weitaus höheres Suchtpotenzial in sich tragen. Hier führt die qualitative Missbrauchsdefinition diagnostisch zumeist in eine Sackgasse.
Auch eine quantitative Missbrauchsdefinition, die oftmals von Angehörigen gefordert wird, ist nicht zielführend. Während bei Substanzen wie Alkohol auch ein körperliches Erkrankungsrisiko durch die Belastung der Organsysteme durch die toxische Substanz besteht und sich daher aufgrund der somatischen Komponente zudem Grenzwerte wie die Harmlosigkeits- und Gefährdungsgrenze nach den Empfehlungen des Britisch Health Education Councils 1983 (Bachmayer et al., 2020) sinnvoll definieren lassen, ist das bei stoffungebundenen Abhängigkeitserkrankungen kaum möglich. Grund dafür ist, dass ein und dieselbe Nutzungsdauer und Frequenz bei einem User zu massiven negativen psychischen und sozialen Konsequenzen führen kann, bei einem anderen jedoch nicht oder in weitaus geringerem Ausmaß.
Im aktuellen amerikanischen Diagnosemanual, dem DSM-5 (American Psychiatric Association, 2013), wird die Glücksspielabhängigkeit erstmals explizit als Suchterkrankung dargestellt. Trotz kategorialem Aufbau gibt es Unterscheidungen in Schweregrad bzw. Ausprägung des Störungsbildes. In Anlehnung an das Kontinuum Gebrauch–Missbrauch–Abhängigkeit wird im DSM-5 im Falle leichterer Ausprägung von problematischen und bei Erfüllung von mehreren Kriterien von pathologischen Glücksspielen, gesprochen.
In Anlehnung dazu wird im Folgenden auch die Bezeichnung „problematischer und pathologischer Smartphonegebrauch“ verwendet (Abb. 2). Nahezu synonym, jedoch mit einer etwas geringeren Konnotation einer eventuell beginnenden Krankheitsentwicklung, bezeichnet intensiver bzw. exzessiver Smartphonegebrauch eine Verwendung des Smartphones über einen gesellschaftlich geprägten Normbegriff hinaus.
