Phrase unser - Philipp Gessler - E-Book

Phrase unser E-Book

Philipp Gessler

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Beschreibung

„Haltung zeigen“, „abholen“, „hinschauen“: Die kirchliche Sprache verdient das Prädikat „scheinheilig“. So sozialpädagogisch-psychologisch ihre Tonlage auch anmutet, in Wirklichkeit basiert sie auf Vermeidung und Vertuschung. „Kirchensprech“ negiert tendenziell alles, was wehtut: Hierarchien und Konflikte werden so schlichtweg verdrängt. Der offizielle Duktus ist moralisierend, weder die Sprache der Arbeiterschaft noch die der intellektuellen Elite findet sich wieder. Schonungslos, aber in Sorge um das Verschwinden der Kirchen zeigen Feddersen und Gessler, wie ausgeblutet der Jargon der Kirche inzwischen ist.

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Für Rainer und Rachel – in Liebe

Copyright © Claudius Verlag, München 2020

www.claudius.de

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Umschlaggestaltung: Weiss Werkstatt, München

Layout: Mario Moths, Marl

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2020

ISBN 978-3-532-60054-2

Inhalt

KAPITEL 1

Einführung

KAPITEL 2

Kennzeichen der kirchlichen Sprache

KAPITEL 3

Die Sprache Kanaans?

KAPITEL 4

Die Herkunft der kirchlichen Sprache

KAPITEL 5

Die Sozialpädagogisierung der kirchlichen Sprache

KAPITEL 6

Die Unterschiede zwischen der evangelischen und katholischen Kirchensprache

KAPITEL 7

Vertuschung und Hierarchie

KAPITEL 8

Unschärfe als Programm: Die unklare kirchliche Sprache

KAPITEL 9

Die (simulierte) Nähe der kirchlichen Sprache

KAPITEL 10

Die Milieus der kirchlichen Sprache

KAPITEL 11

„Sprache der Engel“: Wie die kirchliche Sprache sich zu Tode siegte

KAPITEL 12

„Ist es denn wahr?“– Eine zweifelnde Kirche

KAPITEL 13

Was Angst, Kirchenkrise und Sprachkrise verbindet

KAPITEL 14

Ein Aufbruch in der Predigtkultur

KAPITEL 15

Der nötige Wandel der kirchlichen Sprache

KAPITEL 16

Ausweg Poesie?

KAPITEL 17

Von der möglichen Kraft der kirchlichen Sprache

KAPITEL 18

Schlusswort

GLOSSAR

Das Wörterbuch vom guten Leben

„Mein Mund soll Weisheit reden / und was mein Herz sagt, soll verständig sein.“

(Psalm 49)

KAPITEL 1

Einführung

„Es gibt vielerlei Sprachen in der Welt, und nichts ist ohne Sprache. Wenn ich nun die Bedeutung der Sprache nicht kenne, werde ich ein Fremder sein für den, der redet, und der redet, wird für mich ein Fremder sein.“ Das schreibt der Apostel Paulus von Tarsus in seinem ersten Brief an die christliche Gemeinde von Korinth (14,10f – zitiert, wie immer in diesem Buch, nach der Lutherbibel 2017) etwa um das Jahr 55 nach Christus. Der Brief an die griechische Gemeinde, die er ein paar Jahre zuvor offenbar selbst gegründet hatte, gilt als eines der ältesten christlichen Dokumente – der Schluss liegt nahe, dass das Christentum sich schon immer, selbst in seinen ersten Tagen, mit der Kraft und den Grenzen der Sprache, auch der Sprache ihrer eigenen Verkündigung, beschäftigt hat.

Wer sich heute mit der Sprache der Kirche auseinander setzt, fußt also auf einer reichen Tradition, denn das zentrale Mittel des Christentums zur Verkündigung war und ist die Sprache. Zwar verkünden unter anderem auch gute Werke, Liturgie, Sakramente, Musik und Bauwerke ihre Botschaft – doch bleiben sie am Ende stumm, wenn nicht das Wort, das Evangelium, eben die Sprache dazu kommt, die erklärt, warum man etwas tut oder sagt oder zeigt. Ein Christentum und eine Kirche ohne Sprache sind schlicht nicht denkbar. Die Kirche ist gegründet auf dem Wort und erneuert sich auch immer wieder durch das Wort.

Nun gelingt der Kirche die Verkündigung seit rund 2.000 Jahren, und das ist, trotz aller Fehler, Verirrungen und Sünden, schon eine immense, ja fast beispiellose Dauer für eine menschliche Institution. Dennoch scheint die Sprache der Kirche und die Kirche selbst in einer Krise zu stecken, und dieses Buch will einen Beitrag dazu leisten, diese Krise zu ergründen. Drei Anstöße dazu:

Unter dem Titel „… und das ist auch gut so!“ hielt die Pfarrerin Kerstin Söderblom beim 33. Evangelischen Kirchentag in Dresden Anfang Juni 2011 im Festsaal des noch leicht sozialistisch angehauchten Kulturpalastes vor großem Publikum einen zentralen Vortrag des Kirchentags zu einer „Theologie der Vielfalt“. Dieser Vortrag, der noch heute im Archiv des Deutschen Evangelischen Kirchentags nachzulesen ist, schildert in einer fast perfekten und sehr gedrängten Weise, was in diesem Buch für die derzeitige kirchliche Sprache so typisch wie problematisch ist.

Die Pastorin lädt in ihrer kurzen Einleitung zu einer „Werkstatt“ ein, die „vom Mitdenken und Mitmachen“ lebe. Ihre Theologie der Vielfalt suche Wege, die Unterschiede in den Lebensformen der Menschen „konstruktiv aufzunehmen, sodass alle Beteiligten in Kirche und Gesellschaft respektvoll miteinander leben und voneinander lernen können“. Diese Theologie könne „nicht ‚von oben‘ verordnet werden, sondern wächst von der Basis her durch gemeinsames verantwortliches Handeln“. Es solle ein Klima von „Achtsamkeit und Respekt“ entstehen und zugleich die vorhandenen „Macht-, Unrecht- und Gewaltstrukturen in Kirche und Gesellschaft“ erkannt, benannt und analysiert werden. Für eine Theologie der Vielfalt brauche es „Gerechtigkeitssensibilität und aktive Verantwortungsübernahme“ sowie „Differenzsensibilität“. Es gehe darum, dass Menschen sich gegenseitig bereicherten. „Die Fähigkeit, Unterschiede wahrzunehmen, diese wertzuschätzen und nicht abzuwerten“, helfe, „mit Vielfalt kreativ und lebendig umzugehen“. Alle seien „aufgerufen“, sich an diesen ethischen Debatten und „Klärungen“ zu beteiligen.

In ihrem ebenso knappen Ausblick fordert die Theologin, dass die Mitglieder der queer community „als Subjekte ihrer Erfahrungen, ihrer Fähigkeiten und Qualifikationen beteiligt“ sein sollten. „Aus Betroffenen Beteiligte machen“ sei das Motto und das Ziel einer Theologie der Vielfalt. Man wolle den Kirchen „ein menschlicheres und gastfreundlicheres Gesicht“ geben. Niemand habe per se die richtigen Antworten, aber dies sei nun einmal „ein Suchprozess, der alle herausfordert“. Dieser Suchprozess ermutige einzelne Personen, Gemeinden bis hin zu Organisationen, „sich offen, respektvoll und gastfreundlich“ gegenüber denen zu präsentieren, die anders seien als man selber. Dafür brauche es auch „Begegnungsorte“. Eine Theologie der Vielfalt könne weiter entwickelt werden, und zwar „praktisch konkret, inhaltlich kritisch und prophetisch visionär“. Nötig seien dazu „Zivilcourage, Mit-Leidenschaft und Solidarität, um Benachteiligte und Schwächere zur Teilhabe und Teilnahme zu ermutigen und zu ermächtigen“.

Man ahnt im besten Fall, was sie sagen will, die Pastorin, die seit 2014 als Studienleiterin und Pfarrerin beim Evangelischen Studienwerk in Villigst in Westfalen arbeitet, einer Kaderschmiede der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Aber versteht das irgendjemand außerhalb der Kirche? Warum diese Sprache? Woher kommt sie?

Der zweite Anstoß: Sandra Bils ist Pastorin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers und Honorarprofessorin für Missionarische Kirchenentwicklung an der CVJM Hochschule Kassel. Am 23. Juni 2019 hat sie im Signal Iduna Park, dem früheren Westfalenstadion, wo der Fußball-Bundesligist BVB Dortmund spielt, die Ehre, die Predigt beim Abschlussgottesdienst des Kirchentags zu halten, zu dem nach Angaben der Veranstalter wieder über 120.000 Teilnehmer kamen, TV-Live-Übertragung eingeschlossen – eine fast einmalige Chance der Verkündigung. Die Theologin Bils will über den Hebräerbrief des Neuen Testaments (Hebr. 10.35–36) predigen – und sie will originell, wahrscheinlich auch ein wenig ruhrpottisch sein. Deshalb sagt sie, dass dieser Brief ein „Arschtritt“ sei. Es finden sich in ihrer Predigt unvermittelt Formulierungen wie „Chakka – du schaffst es!“ oder „… die ihr nicht klarkommt, bei denen es gerade nicht so läuft im Leben“. Bils sagt: „Jesus ist der Türsteher, der weiß, wie es ist, als Letzter bei den Bundesjugendspielen durchs Ziel zu gehen und wieder keine Siegerurkunde zu bekommen.“ oder „Das sind wir: Gottes geliebte Gurkentruppe.“ Jesus schaue nicht auf „die Siegerurkunde der Bundesjugendspiele“ oder den „Body-Mass-Index“. „Nur mal angenommen“, sagt die Pastorin, „wir würden das echt durchziehen, dieses Vertrauen …“ Und sie regt neue Formen von Kirche an: „Kirche als rollende Frittenbude: Glaube, Liebe, Currywurst.“

Auch hier die Frage: Warum sagt sie das so? Was und wen will sie damit erreichen?

Der dritte Anstoß: Im Jahr 1971 schrieb der angesehene evangelische Theologe Gerhard Ebeling (1912–2001), ein Schüler Rudolf Bultmanns und Dietrich Bonhoeffers, ein Mitglied der Bekennenden Kirche in der NS-Zeit und späterer Theologie-Professor u.a. in Tübingen, in seiner „Einführung in theologische Sprachlehre“ (sic!): „Überdruß an der Sprache. Überdruß am Wort – so läßt sich formelhaft andeuten, was die heutige Krise des Christentums ausmacht, worin sie ihre tiefste Wurzel hat. Das Vertrauen auf das, was für das Leben des christlichen Glaubens, zumal in dessen reformatorischer Gestalt, konstitutiv ist: nämlich auf das Wort, ist weitgehend geschwunden.“ Und: „Auch bei denen, die Christen sein wollen und sich als solche bekennen, entsteht eine tiefe Unsicherheit über die Sprache des Glaubens. Die überlieferte christliche Sprache weiß man nicht so zu gebrauchen, daß sie redlich und wirksam im heutigen Kontext zur Geltung kommt. So rückt sie in den Rang einer Fremdsprache, deren man sich allenfalls nur noch in Ausnahmesituationen bedient. Für das alltägliche Leben gerät der Glaube weithin in Sprachlosigkeit und muß entsprechend verkümmern … So erzeugt die Sprachunsicherheit schließlich einen Überdruß am christlichen Wort. Man wird dessen müde, sich einer Sprache zu bedienen, zu der man in einem gestörten Verhältnis steht.“ Schließlich: „Die überlieferte Sprache des christlichen Glaubens bedarf einer Interpretation, weil sie – aufs Ganze gesehen – nicht mehr unmittelbar die unsere sein kann.“

Das bedeutet, schon vor fast einem halben Jahrhundert erkannte manch hellsichtiger Kopf die Problematik der Sprache des Glaubens. Denn sie beschreibt das Unbeschreibliche, versucht es zumindest – „Denn wie soll das gehen, von Gott sprechen?“, fragt der Theologe und Dichter Christian Lehnert in einem denkwürdigen Vortrag an der Jesuiten-Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt a.M. Anfang 2019, auf den wir noch zurückkommen. Der Glaube bewegt sich, so er sich selbst beschreiben soll, an der Grenze des Sagbaren – und es ist ganz natürlich, dass die kirchliche Sprache an dieser Grenze oft verrutscht, unpassend wirkt und sich im besten Fall ihrer eigenen Schwächen bewusst ist, wenn sie ehrlich zu sich ist. Gleichzeitig bleibt es ihr Auftrag, zu sprechen, zu verkünden, sie kann sich nicht wie Wittgenstein elegant aus der Affäre ziehen mit der demutsvollen Aussage: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

Deshalb schreiben wir über die kirchliche Sprache – nicht als Besserwisser, aber ernsthaft, und hoffentlich nicht ohne Humor. Dieses Buch widmet sich dabei ausdrücklich der kirchlichen Sprache.

Der Begriff ist etwas unscharf. Denn innerhalb der kirchlichen Sprache gibt es verschiedene Teilsprachen, die leicht unterschiedlich klingen, weil sie verschiedene Funktionen haben oder von unterschiedlichen Menschen gesprochen werden.

So gibt es die biblisch-liturgische Sprache des Gebets und des Gottesdienstes. Sie ist meist sehr alt, dient in der Regel der inneren Sammlung, wird aus guten Gründen in der Regel nur zaghaft verändert, hat oft einen poetischen Einschlag und richtet sich vor allem an die Gläubigen, oder vorsichtiger gesagt: die Menschen im Gottesdienst.

Eine weitere Teilsprache der kirchlichen Sprache ist die theologische Fachsprache der akademischen Welt. Sie dient wie alle wissenschaftlichen Fachsprachen der internen, oft verknappten Kommunikation der Wissenschaftsgemeinde, der scientific community. Sie schleppt eine fast 2.000-jährige Geschichte mit sich, erfordert viel Vorwissen und wird von Nicht-Fachleuten meist nur schwer verstanden.

Es gibt die besondere Teilsprache der Predigt in der Kirche. Die Predigtsprache ist der biblisch-liturgischen Sprache nahe, denn natürlich finden sich in ihr Gebete und Bibelzitate, die die biblisch-liturgische Sprache prägen. Auch theologische Fachausdrücke nutzt sie recht oft, manchmal zu oft. Vor allem aber wird die Predigtsprache bestimmt durch ihren appellativen Charakter, ihr Ziel der Seelsorge und die direkte Ansprache an eine Zielgruppe, die vor allem aus Christinnen und Christen besteht, bei denen also religiöses Vorwissen vermutet werden darf und ein gewisser Predigt-Duktus geradezu erwartet wird.

Ihr nahe ist die Sprache der Verkündigungssendungen in öffentlich-rechtlichen Sendern, die seit Jahrzehnten tausendfach unser Bild von der kirchlichen Sprache prägen – das „Wort zum Sonntag“ ist die bekannteste Verkündigungssendung der Bundesrepublik. Die Verkündigungssendungen sind in den Staatsverträgen der öffentlich-rechtlichen Sender vorgeschrieben. Viel Mühe steckt in ihnen, die Volkskirchen stellen eigene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ab, die sich um sie kümmern – die Sender haben so gut wie keinen Einfluss auf sie. Wegen der Kürze dieser Sendungen (oft nur wenige Minuten) und die meist völlig diffuse Zielgruppe aus Gläubigen, Nicht-Gläubigen und Desinteressierten am Fernseher, Radio oder Rechner hat sich bei den Verkündigungssendungen ein ganz eigener Duktus heraus gebildet, der schon oft reformiert werden sollte und häufig karikiert wurde – aber offenbar nur schwer zu ändern ist.

Die kirchliche Sprache hat als Teilsprache die kirchenintern-synodale Sprache, die vor allem in Kirchenverwaltungen oder auf Synoden, also Kirchenversammlungen, zu hören ist. Am auffälligsten ist auf den recht häufigen evangelischen Synoden die Anrede als „Bruder“ und „Schwester“, also zum Beispiel: „Bruder Huber“ oder „Schwester Schwaetzer“. Hier mischen sich biblisch-liturgische Versatzstücke, Elemente der Predigtsprache und theologische Fachausdrücke mit einer Politik- und Verwaltungssprache.

Schließlich gibt es noch als vielleicht kleinste Teilsprachen der kirchlichen Sprache die Sprache der kirchlichen Verlautbarungen (also vor allem „Denkschriften“ oder Gemeinsame Worte der Volkskirchen zu gesellschaftlich-politischen Themen), die Pressemitteilungen vor allem der bischöflichen oder landeskirchlichen Medienabteilungen (von denen es, geschätzt, immerhin rund 50 gibt) und die ganz eigene Sprache der Evangelischen Kirchentage und Katholikentage beziehungsweise seit ein paar Jahren der Ökumenischen Kirchentage. Kirchentage oder Katholikentage sind eine deutsche Besonderheit, die seit rund 170 Jahren existiert, vor allem „einfache“ Gläubige anspricht und mit großen Schwankungen und Pausen Jahr für Jahr bis zu 200.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer anlockt – auch die dort gesprochene Sprache hat die kirchliche Sprache beeinflusst, wie wir zeigen werden.

All diese Teilsprachen der kirchlichen Sprachen beeinflussen sich logischerweise gegenseitig, denn ihre Trägerinnen und Träger sind ja im ständigen Austausch miteinander – und deshalb gibt es nach unserer Ansicht und nach der Ansicht der von uns befragten Fachleute eben doch eine übergreifende, ganz eigene kirchliche, viel zu oft blutleere Sprache, der wir uns in diesem Buch widmen wollen.

Die kirchliche Sprache ist Fluch (und Segen) der Kirchen in der Bundesrepublik, in jedem Fall von enormer Bedeutung, denn das Wort ist nach wie vor ihr zentrales Verkündigungsinstrument in die Gesellschaft hinein – oder, kirchlich gesprochen, an die Mitmenschen. Eine Kirche, die mit ihrer Sprache nur noch die Ihrigen, die Gläubigen, erreicht und nur noch von ihnen verstanden wird, verliert sich in einer selbst gewählten Wagenburg, in einer splendid isolation. Um es mit einem Jesus-Wort zu sagen: „Die Starken bedürfen keines Arztes, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, zu rufen die Sünder zur Buße, und nicht die Gerechten.“ (Markus 2,17). Oder, um es etwas moderner mit dem Jahrhunderttheologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer auszudrücken: „Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.“ Das heißt, etwas überspitzt gesagt: Wo die Kirche nur noch in den Innenraum spricht oder aufgrund ihrer ganz eigenen Sprache nur noch von ihren Gläubigen verstanden wird, verfehlt sie ihren wichtigsten Auftrag, hört auf, Kirche zu sein.

Aber es gibt ein Problem mit dieser kirchlichen Sprache: Bei der Recherche zu diesem Buch haben wir festgestellt, dass es, auch und gerade in Kirchenkreisen, einen „Überdruß an der Sprache“, an der kirchliche Sprache gibt – und gleichzeitig keine oder nur sehr wenig Literatur dazu. Gelegentlich erscheinen in der einschlägigen Fachpresse kleinere Artikel zur Kirchensprache – so etwa im „Kirchenbote Osnabrück“ im August 2019 eine Sammlung von 17 Wörtern des Kirchenslangs. Überschrift: „Wenn Kirchensprech nervt“. Ein verwandtes Beispiel ist eine Sammlung von knapp 50 Redewendungen wie etwa „Das Gewordene und das Gewesene“ oder „Gott sieht Ihre Sorgen“, die die evangelische Monatszeitschrift „chrismon“ im gleichen Jahr unter der Überschrift „Lexikon Evangelisch-Deutsch“ auf einer Seite veröffentlichte (06.2019) – samt einem ziemlich peinlichen roten Button „Achtung Satire!“, der hoffentlich ironisch gemeint war.

Der evangelikal angehauchte Journalist und Publizist Andreas Malessa hat schon vor Jahrzehnten „Das fromm-deutsche Wörterbuch“ heraus gegeben, das in unterschiedlichen Auflagen auch andere Titel trägt. Er konzentriert sich jedoch vor allem auf die Sprache, die in evangelikal-pietistischen Kreisen gesprochen wird, und dies ist nur ein kleiner Teil der kirchlichen Sprache, wie wir sie heute kennen, auch weil diese besonders frommen Gruppen des Protestantismus immer kleiner werden. Früher nannten manche diese besonders fromme, heute vor allem evangelikal geprägte Sprache „Die Sprache Kanaans“. Ein schöner Ausdruck, denn er zeigt ja an, dass sie geheimnisvoll ist – aber auch fast verschwunden. Uns geht es aber um die noch ziemlich lebendige, öffentliche Sprache der Kirche.

Der katholische PR-Mann und Publizist Erik Flügge hat vor ein paar Jahren die richtige Nase gehabt und „Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt“ geschrieben. Es wurde ein Bestseller, was zeigt, dass es Interesse an diesem Thema gibt, obwohl die Zahl der Christinnen und Christen seit Jahrzehnten kontinuierlich abnimmt und bald die Hälfte der Deutschen keine Christen mehr sein wird. Allerdings ist Flügges Ansatz ein stark subjektiver, es ist ein großer, wortgewaltiger und schmissiger Appell, was die Kirche besser machen sollte mit ihrer öffentlichen Ansprache (und hier drängt sich der berufliche Hintergrund des Autors stark nach vorne). Die analytischen Passagen treten dagegen stark zurück, weshalb dieses Buch in Kirchenkreisen nicht sehr ernst genommen wurde – und die Wissenschaft es fast links liegen gelassen hat.

Wir hoffen dagegen, dass wir in diesem Buch etwas weiter und tiefer schürfen können, journalistisch-beschreibende Passagen wollen wir begrenzen. Wir haben uns bemüht, mit wichtigen Stimmen in der Theologie, in der Kommunikations- und Geschichtswissenschaft sowie in der Kirchenleitungsebene über das Phänomen der heutigen kirchlichen Sprache zu sprechen – oder mit Intellektuellen, denen wir ein besonderes Gefühl für die (kirchliche) Sprache unterstellten. Die in diesem Buch zu lesenden Zitate dieser Fachleute stammen aus exklusiven (und autorisierten) Interviews, die wir mit ihnen zum Thema „kirchliche Sprache“ geführt haben. In der Regel bekamen wir dabei zu hören, dass dies ein wichtiges und drängendes Thema sei, zu dem aber bisher eigentlich nichts Ernsthaftes erschienen sei. Wir konnten sicherlich nicht mit allen Fachleuten sprechen, die vielleicht Wichtiges zu unserem Thema hätten beitragen können. Aber wir hoffen, dass wir doch die wichtigsten Fragen und Probleme ansprechen können. Und wir haben ein Glossar erstellt, dass die typische kirchliche Sprache in einzelnen Worten umfasst – auch das wäre natürlich jederzeit zu ergänzen.

Die Grundthese dieses Buches ist es, dass die kirchliche Sprache von heute zwar einen weiten Vorlauf bis in die Reformationssprache hat – die daraus in den folgenden Jahrhunderten entstandene „Sprache Kanaans“ aber heute nicht mehr von großer Prägekraft ist. Wichtiger für die heutige kirchliche Sprache ist das für Deutschland so prägende protestantische Pfarrhaus, die Kirchentage der vergangenen Jahrzehnte und die soziologische und vor allem sozialpädagogische Sprache der Siebziger- und Achtzigerjahre, womöglich in Reaktion auf die Sprache der Nationalsozialisten, von der man sich absetzen wollte. Es sind konfessionelle Unterschiede aufzuzeigen, die es auch bei der kirchlichen Sprache gibt. Die kirchliche Sprache verschweigt viel, sie kennt Sprachlosigkeiten – und sie vertuscht Macht, Hierarchien und auch Gewalt. Sie ist in weiten Teilen eine Sprache der Vorsicht, ja der Angst, sie meidet Klarheit und verdeckt Verantwortung. Sie simuliert eine Nähe, ja manchmal gar eine Sinnlichkeit, die sie in Wahrheit gar nicht besitzt. Die kirchliche Sprache ist gefärbt von einem ganz bestimmten Milieu, dem Bürgertum, was ihre Schwäche, aber auch zum Teil ihre Stärke ist. Sie wird von der bürgerlichen Gesellschaft geprägt, wirkt aber auch auf sie zurück. Die Sprache, die wir untersuchen, hat Vorteile, weshalb sie sich etablieren konnte und sich so hartnäckig hält. Sie hat aber auch Nachteile, die größer sind, ja womöglich einen Teil der Krise der Volkskirchen ausmachen. Zum Schluss fragen wir: Nutzen die Kirchen vielleicht diese weiche, unklare Sprache, weil es ihr selbst an Klarheit, Kraft oder gar festem Glauben fehlt? Sollte man diese Sprache überwinden? Und wie könnte das geschehen?

Die folgenden Kapitel sollen diese Thesen erläutern und belegen. Voran gestellt sei ein hartes Wort des Schweizer evangelischen Theologen Rudolf Bohren (1920–2010), der unter anderem beim evangelischen Jahrhunderttheologen Karl Barth studiert hatte und ab 1974 viele Jahre an der Universität Heidelberg eine Predigtforschungsstelle aufbaute. In einem Referat vor evangelischen Kirchenmusikern hat Bohren schon 1978 überspitzt gesagt: „In einer Zeit, da die Kirche unglaubwürdig erscheint, kann nicht genau genug auf die Worte geachtet werden; denn die Kirche erscheint nicht deshalb als unglaubwürdig, weil sie es zu genau nimmt mit dem Wort, sondern weil sie zu viel lügt.“

KAPITEL 2

Kennzeichen der kirchlichen Sprache

Wenn der Berliner Historiker Paul Nolte, Sohn eines Pfarrers, ehrenamtlicher Präsident der Evangelischen Akademie zu Berlin und Mitglied der EKD-Synode, die kirchliche Sprache beschreiben soll, dann fällt ihm schon nach wenigen Minuten Otto Waalkes ein. Der ostfriesische Komiker erzählt in seinem Sketch „Das Wort zum Montag“, dass er neulich in seiner Musikbox geblättert und die Zeile gefunden habe:

„‚Theo, wir fahr’n nach Lodz!‘

Nun, was wollen uns diese Worte sagen?

Da ist von einem Menschen die Rede. Von einem ganz bestimmten Menschen. Nicht Herbert, nicht Franz, nicht Willy, nein, Theo ist gemeint. Aber um welchen Theo handelt es sich? Ist es nicht auch jener Theo in uns allen? Jener Theo, der in so wunderbaren Worten vorkommt, wie Theologie, Theodorant, Tee oder Kaffee? Und an diesen geheimnisvollen Theo ist eine Botschaft gerichtet:

‚Theo, wir fahr’n nach Lodz!‘

Vier fahr’n. Da sind also vier Menschen unterwegs. Und wer sind diese vier? Sind es die vier Jahreszeiten? Die vier Musketiere? Oder sind es vier alle?“

Der Sketch von Otto ist über 40 Jahre alt – und schon damals wies die kirchliche Sprache bestimmte Eigenheiten auf, die so deutlich waren, dass sie leicht persifliert werden konnte. Zum Beispiel das „Wir“. Es ist noch heute ein häufiges Kennzeichen der kirchlichen Sprache, der Gebrauch der ersten Person Plural: „Lass uns“ oder „Wir“. Es ist ein umarmendes Wir – wie auch bei „Uns alle“. Der Münchner Theologe Friedrich Wilhelm Graf argumentierte schon vor Jahren, die evangelische Kirche predige zu häufig einen „Kuschelgott“, was einher gehe mit einem „Umstellen auf einen Psychojargon, in dem es permanent um das ‚Fühl dich wohl‘ geht und in dem elementare Spannungen und Widersprüche des Lebens kaum noch eine Rolle spielen … Aber es käme doch gerade darauf an, die existenziellen Spannungen des Lebens religiös zu deuten und nicht einfach durch ein bisschen Wohlfühlrhetorik zum Verschwinden zu bringen“.

Wodurch ist die kirchliche Sprache gekennzeichnet? Sie ist, gerade beim Predigtton, zum einen häufig stark moralisierend und wertend. Sie arbeitet oft mit rhetorischen Fragen und benutzt nicht selten Wortspiele, die manchmal ins Kalauerhafte abrutschen – in der Hoffnung, darüber erschlössen sich neue Bedeutungen.

Wie stark die kirchliche Sprache ist, zeigt sich darin, dass man in sie verfallen kann, auch wenn man das gar nicht will. Auch Geistliche, die sehr bewusst, ja manchmal brillant mit der Sprache umgehen, wie etwa der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck, sind sich der Verlockung der kirchlichen Sprache bewusst, gerade weil sie nach vielen Jahren im geistlichen Amt so leicht über die Zunge geht: „Es gibt Worte, die ich versuche, aus meinem Wortschatz zu eliminieren – aber manchmal rutschen sie auch mir durch. Das Wort ‚gleichsam‘ oder ‚Ein Stück weit‘ – beides kommt häufig vor. Ebenso die Wörter oder Redewendungen ‚vielleicht‘, ‚bedeutsam für die Seele‘ oder ‚Jesus würde es heute vielleicht so sagen‘.“

Die kirchliche Sprache ist ein Gruppenidiom, in das man häufig hinein sozialisiert wird, zuerst wird es passiv verstanden oder gesprochen. „Aber ab einem bestimmten Punkt merkt man, dass man selbst anfängt, so zu ‚kirchlichen‘“, so beschreibt es der Münchner Theologieprofessor Reiner Anselm, Vorsitzender der Kammer für Öffentliche Verantwortung der EKD. Die kirchliche Sprache empfinden viele Kirchenleute fast wie einen Zwang, in den man gerät, sobald man einige Jahre für die Kirche arbeitet.

Der katholische Münsteraner Dogmatiker Michael Seewald zählt zur kirchlichen Sprache „Unworte“, die man eigentlich vermeiden wolle. Mit leichter Selbstironie sagt er: „Ich falle zum Beispiel auf die Wortkombination ‚immer wieder‘ selbst immer wieder herein, obwohl mich das bei anderen stört.“ Irgendwann aber habe man sich ein Reservoir an Phrasen kirchlicher Prägung zurechtgelegt. Und vielleicht stimmt es, was viele erfahrene Predigerinnen und Prediger sagen, dass man bei Predigten kaum um Floskeln herum komme.

Ein Problem der kirchlichen Sprache ist, dass sie auf einen oft veralteten Wort- und Bilderschatz von rund 2.000 Jahren zurückgreifen kann, der sich angesichts der intensiven Ausbildung der Theologinnen und Theologen mit dieser Tradition allzu leicht in die heutige Sprache hinein schleicht.

Diese alte Tradition ist prägend. Manche sehen in dem „Kirchensound“ einen Ausdruck der kirchlichen Architektur der „Gestalteten Mitte“, die nur noch Insidern etwas sagt oder nur noch sie bewegt. In den Schaukästen oder den Gemeindebüros von Kirchengemeinden finden sich seltsame Poster, auf denen über Schafherden häufig Worte von gestern stehen. Es ist verführerisch, sich einer alten Sprache und der alten Bilder zu bedienen, ohne überhaupt darüber nachzudenken, ob sie heute noch verstanden werden, ob sie nicht schon längst in Klischees erstarrt sind. Dann wird etwa in großstädtischen Gemeinden permanent über Hirten und Könige gesprochen, „aber nicht über die U-Bahn, die einen nervt“, wie Petra Bahr, Regionalbischöfin in Hannover, konstatiert. Viele Theologinnen und Theologen beschreiben es so, dass sie leicht in diesen Sound hineinrutschen, wenn sie sich nicht vorher genug Gedanken gemacht hätten, zu wenig vorbereitet waren oder nicht hart genug mit dem Text, den sie auslegen wollen oder der Kirchenordnung gemäß auslegen sollen, gerungen haben. Und das Schlimme ist dabei noch, dass man oft mehr Lob bekommt, wenn man den „Kirchensprech“ bedient, als wenn man ihn zu vermeiden trachtet.

Die kirchliche Sprache ist eine Sprache, die viele Floskeln enthält. Es wird erzählt, was vermeintlich theologisch richtig ist. Dies ist eine Methode, um sich mit seinen eigenen Ansichten ganz gut verstecken zu können, denn dann muss man nicht sagen, was man selbst von einer Sache denkt. Oft werden dabei Formulierungen genutzt, wie man sie in klassischen dogmatischen Lehrbüchern findet, auch wenn man sie selbst überhaupt nicht mehr versteht, vielleicht nur kurz im Studium einmal verstanden hat.

Die ehemalige Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags und Co-Leiterin der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung, Ellen Ueberschär, spricht hier von „dogmatischen Richtigkeiten“, die gefahrlos genutzt werden können, denn sie entsprechen dem, was von einer Pfarrerin, einem Pfarrer erwartet wird. Aber es gibt dabei ein Problem: „In Andachten zum Beispiel erschließen sich die Texte so nicht, sondern man bleibt an der Oberfläche, die nur noch gut klingt“, sagt Ellen Ueberschär. Dazu gehören feste Redewendungen wie etwa: „Gott erhöre uns und schenke uns Frieden!“ Es ist fraglich, wem solche Redewendungen noch etwas sagen – auch wenn sie gemäß der christlichen Theologie nicht falsch sind.

Hinzu kommt, dass man die kirchliche Sprache als eine besondere Form eines Soziolekts begreifen kann, der sich aus gleichen Normen und Werten ergibt. Das ist auch nichts Erstaunliches. Viele Gruppen oder Milieus haben ihre eigene Sprache. Es gibt Soziolekte in der Wissenschaft, der Wirtschaft, im Sport, in der Kultur, ja selbst Junkies haben ihre eigene Sprache. Daran ist auch wenig verkehrt. Solche Soziolekte sind oft sinnvoll. Dadurch erkennen die Mitglieder einer Gruppe, wen sie vor sich haben – also Gleichgesinnte oder Fremde.

Eine gemeinsame Sprache, ein Soziolekt, verbindet, das ist ihr Vorteil. Ihr Nachteil ist, dass sie aber auch abgrenzt. Soziolekte schaffen Zugehörigkeit, sie stabilisieren die Identität der Sprechenden und den Zusammenhalt der Gruppe. Auch bei der Kirche ist das der Fall, mit vielleicht einer Besonderheit. Der Essener Kommunikationsforscher Jo Reichertz sagt: „Die Ziele Nähe, Aufrichtigkeit, Mitfühlen – das wären die zentralen symbolischen Verdichtungen der kirchlichen Sprache, um die sich alles dreht, um die es geht.“

Insofern ist es wahrscheinlich passender, den kirchlichen Duktus schlicht als eine Teilsprache des Deutschen zu bezeichnen. Es ist ein Soziolekt einer immer noch ziemlich großen Gruppe, die zumindest gelegentlich mit dieser Teilsprache zu tun hat – immerhin gibt es derzeit in Deutschland noch über 40 Millionen Christinnen und Christen, das ist etwa die Hälfte der Bevölkerung. Die kirchliche Sprache könnte man genauer wohl auch als ein Soziolekt sozialer Subsysteme in Sinne von Niklas Luhmann bezeichnen – aber das hilft ebenfalls nicht sehr viel weiter. Wichtiger ist, dass viele Worte der kirchlichen Sprache erst kirchenspezifisch werden durch die Verwendungskontexte, die Sprechhaltungen oder gar die Intonation, in denen sie genutzt werden. Otto Waalkes mit seinem „Vier fahren nach Lodz“ lässt da grüßen.

Der kirchlichen Sprache ist eigen, dass sie Aggressionen zu bremsen oder zu vertuschen trachtet und in einer passiv-aggressiven Form gleichwohl beim Gegenüber ein schlechtes Gewissen zu schaffen vermag. Es ist eine Sprache, die oft überhäuft ist mit Adjektiven, was in der Regel Zeichen eines schlechten Stils ist, – und die zugleich zu vielen Wertungen neigt. Insofern hat sie auch etwas Lehrer- oder Gouvernantenhaftes. Böse gesagt, neigt die kirchliche Sprache schon in ihrem Duktus zur Besserwisserei, was sie noch schwerer verdaulich macht.

Auch das Glossar in diesem Buch deutet an, dass häufig erst der Zusammenhang der Wörter und der Tonfall der Sprache die kirchliche Sprache ausmachen. Paul Nolte nennt ein Beispiel: „Ein Wort wie ‚eckig‘ passt manchmal rein, gerade weil die kirchliche Sprache nicht besonders eckig ist.“ Die Redewendung „aus Betroffenen Beteiligte machen“ klingt dagegen sowohl nach kirchlicher Sprache als auch nach dem Wörterbuch des Managements 2.0. Es kommt eben meistens auf die ganzen Wendungen an. Dabei ist auffällig, dass die kirchliche Sprache zu Aufblähungen neigt. So reicht es nicht, das Wort „berühren“ zu nutzen, es wird auch gern zu „Lass uns die Berührung suchen“ aufgebläht – gerade die alte „Sprache Kanaans“ neigt zu solchen Blähungen, die nicht mehr Inhalt, dafür umso mehr ungewollte Komik transportieren.

Wenn es stimmt, dass die Ziele der kirchlichen Sprache vor allem Nähe, Aufrichtigkeit und Mitfühlen sind, dann ist das schön – es hat aber auch einen Preis für diese Sprache. Einer ist, dass der kirchlichen Sprache und dem kirchlichen Duktus eine klare Widerrede, gar widersprechende Wörter kaum zur Verfügung stehen, sie sich damit zumindest schwer tut: Die kirchliche Sprache erlaubt kaum adversative Aussagen, die etwa sagen, man sei ein Idiot, die von ihm geäußerte Ansicht sei Schwachsinn – und überhaupt habe man von dem/der Sprechenden wenig Sinnvolles bisher gehört. Interessant ist, dass die kirchliche Sprache dabei oft zu Ich-Aussagen neigt, die eigentlich ein Ausweis von Emotionalität sein sollen, denn in dieser Form werden in der Regel Befindlichkeiten ausgedrückt. Aber das muss im kirchlichen Miteinander und deshalb auch in der Sprache in aller Regel hinter Adjektiven möglichst weit zurück gedrängt werden, so dass man diese Emotionen kaum mehr richtig wahrnimmt.