Physiognomik - Erika Rau - E-Book

Physiognomik E-Book

Erika Rau

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Beschreibung

Psycho- und Pathophysiognomik für die Praxis: Eine physiognomische Sichtweise lenkt den Blick des Therapierenden auf wichtige Aspekte, die sonst der Aufmerksamkeit entgehen würden. Gesicht und dessen Strukturen können Hinweise auf das Wesen, auf mögliche körperliche Schwächen und auf Erkrankungen geben. Details, denen sich Ihre Patient*innen selbst nicht bewusst sind.

Erfahren Sie, wie Sie…

- physiognomische Zeichen als nonverbale Informationsquellen erkennen und auswerten,  - Ihre Wahrnehmungsfähigkeit schulen (zahlreiche Abbildungen mit detailgenauen Beispielen),  - Fragen für die Anamnese und auch Beratungshinweise ableiten,  - Ihre Erkenntnisse in der homöopathischen Diagnostik und Therapie differenziert einsetzen. 

Neu in der 2. Auflage:Unterkapitel zum Jochbein und dessen Bedeutung in der Physiognomik

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EPUB

Seitenzahl: 623

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Physiognomik

Was Körper und Gesicht verraten

Erika Rau, Christina Schmidt-Rau

2., aktualisierte und erweiterte Auflage

292 Abbildungen

Geleitwort zur 1. Auflage

Nach der Lektüre dieses Buches habe ich die „Physiognomik“ sehr zufrieden ins Regal gestellt. Die Autorinnen haben die Komplexität dieses umfangreichen Themas sinnvoll gegliedert und so viele Informationen aufgenommen, dass der Leser angeregt wird, sich intensiv und vielschichtig mit der Thematik zu beschäftigen. „Physiognomik“ ist ein Grundlagenwerk für jeden, der sich für Menschenkenntnis begeistert und der bereit ist, sich mit der Tiefe und Vielfalt des eigenen Lebens auseinanderzusetzen. Da das Gebiet der Psycho-Physiognomik so umfangreich und so komplex ist, dass man es sich schwerlich über ein Buch zu eigen machen kann, seien jedem Leser zusätzliche Schulungen bei HomöoCampus empfohlen. Ist er dann im Sehen geschult, kann er das Gesehene immer besser verbalisieren und dabei immer wieder auf das Buch zurückgreifen. Dieses Buch zeigt auf, was die Psycho-Physiognomik fordert, nämlich immerwährende Lernbereitschaft, liebevoll interessiertes Nachfragen, das Verknüpfen verschiedener Themen und schließlich immerwährende Suche nach neuen Schlüsseln zum besseren Verständnis des Menschen. Jeder, der bereit ist, sich ernsthaft und umfassend mit Menschenkenntnis zu beschäftigen, findet hier alle nötigen Informationen. Das Buch kann immer auch als Nachschlagewerk für Zeichen genutzt werden, um damit das Kombinationsvermögen zu schulen und so die Zeit zu verkürzen, die es dauert, bis man die verschiedenen Bedeutungsformulierungen für diese unterschiedlichen Zeichen auswendig weiß. Das erste Mal wurden hier Fakten aus Anatomie und Physiologie, Psychosomatik, Soziologie und Psychologie fundiert und übersichtlich mit der Psycho-Physiognomik in Verbindung gebracht. Und dieses ganze Wissen sollte für eine Anamnese verfügbar sein! Ich habe dieses Buch mit großer Freude gelesen und wünsche mir, dass viele Menschen davon profitieren werden und sich mitnehmen lassen in die Psycho-Physiognomik, dass sie sich anregen lassen von einer Menschenkunde, der es darum geht, den Menschen zu sehen und zu erkennen, damit wir unser Gegenüber besser verstehen, es mehr lieben lernen und ihm helfen können, seinen Platz im Leben zu finden und dort glücklich zu werden. Mit diesem Buch ist ein Entwicklungspotenzial denkbar, das sich bei entsprechendem Einsatz und der Bereitwilligkeit zu lernen ähnlich denken lässt, wie die Möglichkeiten, die wir beispielsweise Menschen wie dem Physiker Tim Berners-Lee, der sein World Wide Web kostenfrei zur Verfügung stellte und damit eine unglaubliche und eigentlich undenkbare Entwicklung anstieß, verdanken. Wir brauchen dafür sensible, hoch gebildete und emotionale Menschen, die bereit sind, für die positive Entwicklung auf dieser Erde zu arbeiten. Dafür ist es wichtig, viel Verständnis, Empathie und Differenziertheit allen Menschen gegenüber aufzubringen – und genau dazu regt dieses Buch an. Ich wünsche ihm eine große Verbreitung und danke den Autorinnen für die Leistung, die sie dafür erbracht haben.

Schmedenstedt, im Januar 2016

Wilma Castrian (1932–2020)

Vorwort zur 2. Auflage

Dieses Buch hat sehr viel Anerkennung in der Kollegenschaft erhalten und es zu einem der wichtigsten Lehr- und Nachschlagewerke auf dem Gebiet des Gesichterlesens werden lassen. Das freut uns sehr und so haben wir diese zweite Auflage gründlich überarbeitet, Verbesserungen und Erweiterungen eingepflegt. Hier möchte ich mich bei allen Studentinnen und Studenten sowie Kolleginnen und Kollegen bedanken für die wertvollen Hinweise, Rückmeldungen und Anmerkungen. Margit Seiffert, einer Studentin meiner Ausbildung, möchte ich besonders danken, dass sie sich die Mühe machte, Korrekturen in das Buch zu schreiben, die ihr während des Unterrichts auffielen.

Das Kapitel „Jochbeine“ wurde zusätzlich neu in diese Auflage mit aufgenommen.

Im Anhang finden Sie nun die Kap. Harmonielehre, Psycho-Physiognomik und Homöopathie, Übersichtstabellen zu Hautveränderungen sowie Zusammenfassungen zu den verschiedenen Naturellen.

Dieses Buch ist als Lernhilfe zum Erlernen der Psycho-Physiognomik nach Carl Huter ebenso wie als Nachschlagewerk zum Suchen von Bedeutungsformulierungen bestimmter Formenmerkmale gedacht. Es kann und will das beständige Üben in der Wahrnehmungsschulung nicht ersetzen, denn die kann nur mit zahlreichen Abbildungen und am besten im direkten Austausch trainiert werden.

Um der menschlichen Individualität in einem hohen Maße gerecht zu werden, bietet die Huter'sche Lehre mit der Kraft-Richtungs-Ordnung ein sehr vielschichtiges Lehrkonzept zum Lesen eines Charakters an. Kleine Veränderungen in der Mimik, der Hautfärbung oder im Augenausdruck können sehr hilfreiche Hinweise zum tieferen Verständnis geben. Das erfordert, wie schon erwähnt, ein intensives Miteinander und vergleichende Analyse von Bildmaterial. Ich danke deshalb allen, die sich vertrauensvoll in meine Seminare und Einzelanalysen begeben, auch für ihre Bereitschaft, sich für meine Schulungen fotografieren zu lassen. Mit euch allen darf ich mich weiter entwickeln und verbessern. Eure Fragen mag ich besonders, weil sie mich anstacheln, noch präziser zu werden – auf einem Weg des immer noch tieferen Verstehens, der nie zu Ende sein kann.

Damit wünsche ich diesem Buch weiterhin eine so vielfältige Verbreitung und allen Leserinnen und Lesern ganz viel Freude bei der Lektüre und bei der Umsetzung der zahlreichen Informationen, die eine wertvolle Hilfe im Alltag für alle bieten, die Menschen besser verstehen möchten.

München, im April 2022

Erika Rau

Vorwort zur 1. Auflage

Seit meiner Jugend begleitet mich die Psycho-Physiognomik und immer, wenn ich mir vornahm, dieses System nicht weiter zu verfolgen, da es mir zu bewertend und zu einseitig gelehrt wurde, tauchte nach einiger Zeit wieder eine interessante Begegnung auf, die mich tiefer führte.

Die bedeutendste Begegnung in den letzten 20 Jahren war für mich die mit Frau Wilma Castrian. Bis heute ist sie meine wichtigste Lehrerin, Supervisorin und Ratgeberin im Bereich der Psycho-Physiognomik. Dankbar erinnere ich mich an die unzähligen Gespräche mit ihr, in denen sie mich geduldig unterstützte, die Zusammenschau der einzelnen Zeichen zu finden, wenn ich die Bedeutung der Formensprache nicht mit dem gelebten Leben der betrachteten Person zu vereinbaren fand. So war sie diejenige, die mich anregte, nach vielen Jahren der Seminarbesuche ins eigene Lehren zu gehen. Ihre psychologischen und philosophischen Ergründungen, die die Psycho-Physiognomik als Methode benutzen, um eine Übersetzungshilfe im Dschungel des menschlichen Ausdrucks zu finden, hilft mir, meine Wahrnehmung zu schärfen.

Mit den Jahren der Übung und des Lehrens kam die Erfahrung, aus den unzähligen Merkmalen einer Person den roten Faden zu finden, die dominanten Stärken und damit aber auch die Herausforderungen, die eine Person mit ihrem „So-Sein“ gleichzeitig erlebt, achtsam herauszuarbeiten. Und jedes Mal ist es wieder spannend, eine neue Person zu ergründen und aktuelle Lebensthemen zu finden, indem man verschiedene Ausdrucksformen verknüpft und sich darin übt, die individuell passende Formulierung für diesen Ausdruck zu finden. Psycho-Physiognomik ist eine sehr differenzierte und individuelle Betrachtungsweise des Menschen, in der die unterschiedlichen Merkmale zunächst kombiniert und dann gedeutet werden. Die Deutung der Kombination geschieht letztlich nur über die Intuition.

Durch eigenes Lehren, das ständige kritische Hinterfragen der Methode und der Frage nach der Verknüpfung mit der Theorie, insbesondere der klassischen Homöopathie und Beratung in der Praxis, ergab sich in den letzten Jahren die Frage nach einem Buch genau zu diesem Thema. Im Laufe der Jahre entdeckte ich jedoch, dass einfache Verknüpfungen nicht ohne Weiteres funktionieren. Dennoch finden Sie in den folgenden Kapiteln erfahrungsbasierte Hinweise zur homöopathischen Anamnese. Diese erheben aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit und stellen immer nur eine Auswahl dar. Außerdem möchte ich Sie besonders auf ▶ Kap. 16 Psycho-Physiognomik und Homöopathie hinweisen.

Dieses Buch bot die Möglichkeit und auch den Auftrag, sich kritisch mit dieser Thematik zu beschäftigen. Meine Tochter, die auch seit Jahren Kurse zur Psycho-Physiognomik besucht und als Ärztin noch einen erweiterten und wissenschaftlichen Blick auf den Menschen und im täglichen medizinischen Alltag viele Gelegenheiten hat, bot sich als Koautorin an, die Psycho-Physiognomik zu überprüfen oder auch die daraus gewonnenen Kenntnisse in den Umgang mit Patienten und Angehörigen einfließen zu lassen.

Mir ist es sehr wichtig, dass man den Menschen als Individuum sieht, als „unteilbares“ Wesen, das einmalig und besonders ist. Deswegen möchte ich dem Leser mit diesem Buch die Komplexität des Systems näherbringen, damit er sich vor schubladisierenden allgemeinen Aussagen hütet. Einzelne Merkmale können durch gegensätzliche Merkmale relativiert werden. Man muss daher immer vorsichtig sein, sich nicht zu voreiligen Schlüssen hinreißen zu lassen und aus wenigen Kenntnissen auf den ganzen Menschen zu schließen. Letztlich muss man neben dem Körper, dem Gesicht und dem Schädel auch die Hände und Füße mitbetrachten und aus allen Teilen findet man dann die Formen und Zeichen, die sich ergänzen, und diejenigen, die sich relativieren.

Die menschliche Seele ist immer in einen Körper eingebettet und es ist die Mühe wert, sich auf die Sprache der Seele durch den Körper einzulassen. Kommen Sie mit auf die Reise durch die Formensprache der menschlichen Gestalt und überprüfen Sie kritisch, was davon in Ihrem Alltag bestätigt wird und was Fragen aufwirft. Genau die Fragen sind das Spannende, das wir zusammentragen sollten, um tiefer zu gehen, genauer zu sehen, zu bestätigen oder zu verwerfen, was es bislang an Wissen gibt. Nur was sich weiterentwickelt, bleibt bestehen und bleibt dadurch lebendig und anwendbar. Von Frau Castrian lernte ich, die Menschen zu fragen, wie sie die angelegten Formen leben. Eine sehr kluge Methode, um selbst mehr über das System der Psycho-Physiognomik zu lernen und sie zu verfeinern. Ich lade Sie, liebe Leserin, lieber Leser ein, sich mit dieser Methode zu beschäftigen, um eine differenzierte und wertschätzende Menschenkenntnis zu entwickeln und um ein erfolgreiches Miteinander im beruflichen wie im privaten Leben zu gestalten.

Ich danke allen, die mich bei der Entstehung dieses Buches unterstützten und mit kritischen Fragen, anregenden Gesprächen und tatkräftiger Unterstützung halfen, dieses Buch zu erstellen. Frau Wilma Castrian danke ich besonders dafür, dass sie sich viel Zeit nahm, sämtliche Fragen zu besprechen, und dass sie Einwände ernst nahm und ihren Wissensschatz zur Lösung von Unklarheiten einbrachte. Frau Grübener danke ich dafür, dass sie mich immer wieder ermutigte, dranzubleiben und meine Ideen zu verwirklichen. Ich danke auch der Kollegin Martina Steffens und den Kollegen Franz Jakob und Matthias Klünder, die die neueren Methoden der klassischen Homöopathie anwenden und mir ihre Erfahrungen und Überlegungen weitergaben. Auch Herrn Tjado Galic möchte ich für seine kritischen Überlegungen bei der Möglichkeit der Verknüpfung zweier komplexer Systeme danken.

München, im Dezember 2015

Erika Rau

Inhaltsverzeichnis

Titelei

Geleitwort zur 1. Auflage

Vorwort zur 2. Auflage

Vorwort zur 1. Auflage

Teil I Einführung und Grundlagen

1 Geschichte der Psycho-Physiognomik

1.1 Anfänge

1.2 Griechische Früh- und Hochkultur

1.3 Zeitalter der Renaissance und Reformation

1.4 Zeitalter der Romantik

1.5 Zeitalter der europäischen Aufklärung

1.6 Drittes Reich

1.7 Nach dem 2. Weltkrieg bis heute

2 Naturell

2.1 Einführung

2.1.1 Entstehung des Naturells

2.1.2 Naturell-Ausprägungen nach Huter

2.1.3 Bedeutung von Körper- und Kopfbau

2.2 Formen des Naturells

2.2.1 Umwandlung der Naturellanlage

2.2.2 Primäres Naturell

2.2.3 Sekundäres Naturell

2.2.4 Polares Naturell

3 Temperament

3.1 Allgemeines

3.1.1 Vergleich Naturell und Temperament

3.1.2 Temperament im Altertum

3.1.3 Temperament in der Psycho-Physiognomik

3.2 Vier Temperamente

3.2.1 Sanguinisches Temperament

3.2.2 Phlegmatisches Temperament

3.2.3 Cholerisches Temperament

3.2.4 Melancholisches Temperament

3.2.5 Eigenschaften der 4 Temperamente nach Huter

3.3 Therapeutische Hinweise

3.3.1 Temperament und Krankheit

3.3.2 Sanguiniker

3.3.3 Phlegmatiker

3.3.4 Choleriker

3.3.5 Melancholiker

4 Kräfte im Menschen

4.1 Kraft-Richtungs-Ordnung

4.2 Zehn Kräfte nach Huter

4.2.1 Konzentrationsenergie

4.2.2 Attraktionsenergie

4.2.3 Physiologischer Magnetismus

4.2.4 Physiologische Elektrizität

4.2.5 Wärme

4.2.6 Od

4.2.7 Hartod (Medioma)

4.2.8 Helioda

4.3 Therapeutische Hinweise

Teil II Einzelne Formelemente

5 Nase

5.1 Allgemeines

5.1.1 Ausdrucksbedeutung

5.1.2 Eindrucks- und Ausdrucksfähigkeit

5.1.3 Naturelltypische Nasen

5.2 Untere Nase/Nasenspitze, Nasenflügel, Nasensteg

5.2.1 Nasenspitze

5.2.2 Nasenflügel

5.2.3 Nasensteg

5.3 Mittlere Nase/Nasenrücken

5.3.1 Schiefe Nase

5.3.2 Breiter Nasenrücken

5.3.3 Schmaler, feiner Nasenrücken

5.3.4 Fragen für die Anamnese

5.3.5 Therapeutische Hinweise

5.4 Obere Nase/Nasenwurzel

5.4.1 Eingebuchtete Nasenwurzel

5.4.2 Kräftige und breite oder plastische, am Übergang Stirn-Nase gerade Nasenwurzel

5.4.3 Schmale und enge Nasenwurzel

5.4.4 Faltenbildung

5.4.5 Fragen für die Anamnese

5.4.6 Therapeutische Hinweise

5.5 Gemütsregion

5.5.1 Gerade geformte Gemütszone

5.5.2 Gemütszone ausgebuchtet, rot oder gröberes Gewebe

5.5.3 Gemütszone ist nach innen hin eingebuchtet

5.6 Nasolabialfalte

5.6.1 Fragen für die Anamnese

5.7 Nasengröße

5.7.1 Kleine Nasen

5.7.2 Mittelgroße Nasen

5.7.3 Große Nasen

5.8 Nase – Pathophysiognomik und Psychosomatik

5.8.1 Magen

5.8.2 Herz

5.8.3 Lunge

5.8.4 Schilddrüse

6 Mund und Oberkiefer

6.1 Allgemeines

6.1.1 Ausdrucksbedeutung

6.1.2 Mund und Geschlecht

6.1.3 Naturelltypische Münder

6.1.4 Ausdrucksareale am Mund

6.2 Mittelhirnpartie nach Huter

6.3 Mundgröße

6.3.1 Großer Mund

6.3.2 Kleiner Mund

6.3.3 Schöner Mund

6.4 Lippen

6.4.1 Dünne, schmale und harte Lippen

6.4.2 Volle, starke und weiche Lippen

6.4.3 Oberlippe

6.4.4 Unterlippe

6.4.5 Lippenrot

6.5 Mundschluss und Lippen

6.5.1 Lose, geöffnete, lockere Lippen

6.5.2 Fest geschlossene Lippen

6.5.3 Gepresste Lippen

6.5.4 Zusammenspiel Mundpartie und Profillinie

6.6 Oberkiefer

6.6.1 Zarter, fein geformter Oberkiefer, eingebuchtetes Pallium

6.6.2 Langer, harter Oberkiefer, ausgebuchtetes Pallium

6.6.3 Philtrum

6.6.4 Ausprägung des Palliums

6.7 Mimik des Mundes

6.7.1 Prüfender Mund

6.7.2 Süßlicher Mundzug

6.7.3 Saurer Mundzug

6.7.4 Bitterer Mundzug

6.7.5 Salziger Mundzug

6.7.6 Unterlippenmimik

6.7.7 Mundwinkelmimik

6.8 Mund und Zähne in der Kommunikation

6.9 Mund – Pathophysiognomik und Psychosomatik

6.9.1 Magen

6.9.2 Dünndarm

6.9.3 Dickdarm

6.9.4 Gallenblase und ableitende Gallenwege

6.9.5 Leber

6.9.6 Bauchspeicheldrüse (Pankreas)

6.9.7 Milz

7 Jochbeine und Wangen

7.1 Allgemeines

7.1.1 Anatomie und Physiologie

7.1.2 Pathophysiognomische Merkmale

7.2 Jochbeine – Ausprägung

7.2.1 Markante Jochbeine

7.2.2 Breite Jochbeine

7.2.3 Schwache Jochbeine

7.3 Wangen

7.3.1 Anatomie und Physiologie

7.3.2 Therapeutischer Hinweis

8 Kinn und Unterkiefer

8.1 Allgemeines

8.1.1 Naturelltypische Untergesichter

8.2 Kinn

8.2.1 Normales Kinn

8.2.2 Kleines zurückliegendes Kinn

8.2.3 Vorstehendes Kinn

8.2.4 Breites und vorstehendes Kinn

8.2.5 Kantiges Kinn

8.2.6 Rundes Kinn

8.2.7 Gerades Kinn

8.2.8 Spitz zulaufendes Kinn

8.2.9 Gerade nach unten weisendes, rundliches Kinn

8.2.10 Bereich zwischen Unterlippe und Kinnknochen

8.2.11 Mimik des Kinnes

8.3 Übergang Kinn/Unterkiefer

8.4 Unterkiefer/-bogen

8.4.1 Breite und schmale Kiefer

8.5 Asymmetrische Kinnformen

8.6 Fragen für die Anamnese

9 Ohren

9.1 Allgemeines

9.1.1 Anatomie und Funktion

9.1.2 Schaltstelle zwischen Körper und Seele

9.1.3 Naturelltypische Ohren

9.1.4 Ausdrucksareale

9.1.5 Verfärbungen der Ohren

9.1.6 Bereiche des Ohres

9.2 Unteres Ohr/Ohrläppchen

9.2.1 Großes, volles Ohrläppchen

9.2.2 Kleines, dünnes Ohrläppchen

9.2.3 Matte Ohrläppchen

9.2.4 Angewachsene Ohrläppchen

9.3 Mittleres Ohr

9.3.1 Innere Leiste tritt nach außen

9.4 Oberes Ohr

9.4.1 Größer als das untere Ohr

9.4.2 Eingeengter oberer Ohranteil, spitze Ohrkuppe

9.4.3 Musikerohr

9.5 Ohrengröße

9.5.1 Große Ohren

9.5.2 Kleine Ohren

9.6 Ohrformen

9.6.1 Feste, harte Ohrformen

9.6.2 Eckige Ohren

9.6.3 Einfache Ohren

9.6.4 Kompliziert ausgeformte Ohren

9.7 Ohrrand

9.7.1 Dicker, eingerollter Ohrrand

9.7.2 Knötchen am Helixrand

9.7.3 Fein und flach ausgebildeter Ohrrand

9.7.4 Helixbogen oben abgeflacht

9.7.5 Innere Ohrleiste

9.7.6 Spitze Ausformung, Eckenbildungen

9.8 Lage der Ohren

9.8.1 Senkrecht angesetzte Ohren

9.8.2 Schräg angesetzte Ohren

9.8.3 Abstehende Ohren

9.9 Ansatz der Ohren

9.9.1 Hochsitzende Ohren

9.9.2 Tiefsitzende Ohren

9.9.3 Unterschiedlich hoch angesetzte Ohren

9.10 Umgebung der Ohren

9.10.1 Vortretende Stirn

9.10.2 Hohes und starkes Oberhaupt

9.10.3 Starkes Hinterhaupt

10 Hinterhaupt, Nacken, Achsen

10.1 Allgemeines

10.1.1 Einteilung des Schädels

10.2 Hinterhaupt

10.2.1 Unteres Hinterhaupt

10.2.2 Mittleres Hinterhaupt

10.2.3 Oberes Hinterhaupt

10.2.4 Übergänge zwischen den Hinterhauptregionen

10.2.5 Haare

10.2.6 Hinterhauptszonen

10.3 Nacken

10.3.1 Stärke der Geschlechtskraft

10.4 Haupt – Schädelachsen nach Huter

10.4.1 Beurteilung

10.4.2 Kreuzungsareal

10.4.3 Fragen für die Anamnese

10.4.4 Therapeutische Hinweise

11 Stirn

11.1 Allgemeines

11.1.1 Physiognomische Merkmale

11.1.2 Stirnmaß

11.1.3 Horizontale Stirnregionen (Grobeinteilung)

11.1.4 Stirnaufbau der Naturelle

11.2 Sieben horizontale Stirnregionen nach Huter

11.2.1 Erste Region: Beobachtungsfähigkeit

11.2.2 Zweite Region: Vorstellungsfähigkeit

11.2.3 Dritte Region: praktisches Denken

11.2.4 Vierte Region: spekulatives und philosophisches Denken

11.2.5 Fünfte Region: qualitatives Denken und Weisheit

11.2.6 Sechste Region: Ethik, Ehrfurcht vor dem Leben, dem Sein und der höchsten Gesetzmäßigkeit

11.2.7 Siebte Region: religiöses Denken

11.3 Therapeutische Hinweise

11.3.1 Unterstirn

11.3.2 Betonte Mittelstirn

11.3.3 Betonte Oberstirn

11.4 Breiteneinteilung der Stirn

11.4.1 Schmale Stirn

11.4.2 Breite Stirn

11.5 Stirneinteilung – Übersicht

11.5.1 Stirnmittelpartie I

11.5.2 Stirnseitenpartie II

11.5.3 Stirnseitenpartie III

11.5.4 Stirnseitenpartie IV

11.5.5 Stirnseitenpartie V

11.6 Stirnfalten

11.6.1 Waagrechte Stirnfalten

11.6.2 Senkrechte Stirnfalten

11.7 Stirnwölbung

11.7.1 Gerade Stirn

11.7.2 Gewölbte Stirn

11.7.3 Fliehende Stirn

12 Augen

12.1 Allgemeines

12.1.1 Anatomie

12.1.2 Sichtweise Carl Huters

12.1.3 Irisdiagnostik

12.2 Pupillen

12.2.1 Groß

12.2.2 Klein

12.2.3 Unterschiedlich groß

12.3 Augenausdruck

12.3.1 Leuchtende, strahlende Augen

12.3.2 Glänzende Augen

12.3.3 Matte Augen

12.4 Naturelltypische Augen

12.4.1 Primärnaturell

12.4.2 Sekundärnaturell

12.5 Blickrichtungen nach Huter

12.5.1 Drei Blickrichtungen (Grobeinteilung)

12.5.2 Zwölf Blickrichtungen (Feineinteilung)

12.6 Augenabstand

12.6.1 Weit auseinander stehende Augen

12.6.2 Eng beieinander stehende Augen

12.7 Augenposition

12.7.1 Tiefliegende Augen

12.7.2 Hervortretende Augen

12.8 Augengröße

12.8.1 Große, runde Augen

12.8.2 Große Augen

12.8.3 Kleine Augen

12.8.4 Unterschiedlich große Augen

12.9 Augenlider

12.9.1 Oberes Augenlid

12.9.2 Unteres Augenlid

12.9.3 Augenwinkel

12.10 Augenbrauen

12.10.1 Stärke

12.10.2 Verlauf

12.10.3 Schwung

12.10.4 Höhe der Augenbrauen

12.10.5 Besondere Wuchsform

12.11 Wimpern

12.12 Augen – Pathophysiognomik und Psychosomatik

12.12.1 Nervenkraft

12.12.2 Harnblase und Harnleiter

12.12.3 Eierstock/Eileiter bzw. Hoden/Samenleiter

12.12.4 Gebärmutter/Prostata

12.12.5 Niere

13 Seitenhaupt

13.1 Allgemeines

13.1.1 Seitenhauptanlagen

13.1.2 Analogie zu den Stirnregionen

13.1.3 Anatomische Begrenzungen

13.2 Unterteilung

13.2.1 Zweiteilung

13.2.2 Dreiteilung

13.3 Naturelltypisches Seitenhaupt

13.3.1 Primärnaturell

13.4 Ausprägung

13.4.1 Schwach entwickeltes Seitenhaupt

13.4.2 Stark entwickeltes Seitenhaupt

13.5 Unteres Seitenhaupt

13.5.1 Schwach entwickelt

13.5.2 Normal entwickelt

13.5.3 Stark entwickelt

13.6 Mittleres Seitenhaupt

13.6.1 Schwach entwickelt

13.6.2 Normal entwickelt

13.6.3 Stark entwickelt

13.7 Oberes Seitenhaupt

13.8 Sieben Seitenhauptszonen

13.9 Schläfe

13.9.1 Schlaf

13.9.2 Naturell und Schlaf

13.9.3 Sinnesanlagen

13.10 Zusammenfassung

14 Oberhaupt

14.1 Allgemeines

14.1.1 Einzelne Bereiche

14.2 Oberhaupt und Gefühle

14.3 Vorderes Oberhaupt

14.3.1 Schwach

14.3.2 Hoch ausgerundet, aber schmal

14.3.3 Therapeutische Hinweise und Fragen für die Anamnese

14.4 Hinteres Oberhaupt

14.4.1 Breit

14.4.2 Schwach

14.4.3 Rechtsseitig ausgeprägter

14.4.4 Linksseitig ausgeprägter

14.5 Mittleres Oberhaupt

14.5.1 Ausgeprägt

14.5.2 Schwach

14.5.3 Spitz zulaufend

14.6 Zusammenfassung

14.7 Differenzierung in 50 Zonen nach Huter

Teil III Anhang

15 Harmonielehre

15.1 Sympathie und Antipathie

15.2 Kraft-Richtungs-Ordnung

15.2.1 Gleichklang- und Komplementärharmonie

15.2.2 Harmonieberechnung

15.2.3 Naturellharmonie der primären Naturelle

15.2.4 Naturellharmonie der Dualnaturelle

15.2.5 Kombination gleicher Naturelle

15.3 Zusammenspiel der Temperamente

16 Psycho-Physiognomik und Homöopathie

17 Hautveränderungen im Überblick

18 Welches Naturell? – Tipps zur Anamnese

18.1 Bewegungs-Naturell/physikalisches Tat- und Bewegungs-Naturell

18.2 Ruh-Naturell/chemisches Ruh- und Ernährungs-Naturell

18.3 Empfindungs-Naturell/psychisches Denk- und Empfindungs-Naturell

18.4 Bewegungs-Empfindungs-Naturell

18.5 Bewegungs-Ruh-Naturell

18.6 Ruh-Empfindungs-Naturell

18.7 Harmonisches Naturell

18.8 Disharmonisches Naturell

19 Literaturverzeichnis

Autorenvorstellung

Anschriften

Sachverzeichnis

Impressum Code

Teil I Einführung und Grundlagen

1 Geschichte der Psycho-Physiognomik

2 Naturell

3 Temperament

4 Kräfte im Menschen

1 Geschichte der Psycho-Physiognomik

1.1 Anfänge

Um die Physiognomik besser verstehen zu können, ist es hilfreich, einen Blick auf die geschichtliche Entwicklung zu werfen. Damit sehen wir, dass alles in Bewegung und Entwicklung ist und dass wir immer wieder das Erreichte hinterfragen dürfen, denn der Mensch ist komplex und kann nicht in einfache Schubladenkategorien eingeordnet werden. Und wir sehen auch, dass sich der Mensch schon seit Urzeiten mit der Bedeutung von Form, Gestalt, Ausdruck, Gestik und Mimik beschäftigt und sich dafür interessiert, sein Gegenüber zu erkennen.

Die Geschichte der Physiognomik bis zur Psycho-Physiognomik hat historische Wurzeln. Sie reicht über 5000 Jahre zurück. In der chinesischen Kultur entwickelte sich bereits vor über 2500 Jahren die Lehre der „Formenausdruckskunde“, die Parallelen zwischen den Eigenschaften und der gesundheitlichen Konstitution eines Menschen und seinem Antlitz zog. Aber auch in anderen Kulturen übten sich Forscher und Wissenschaftler in der menschlichen Erscheinung.

Das wahrscheinlich älteste Buch über menschliche Wesenskunde ist das Puggala Pannatti, „Das Buch der Charaktere“. Es ist das erste Zeugnis für die Beschäftigung mit Physiognomik aus dem buddhistischen Schrifttum, entstanden etwa um 3000 v. Chr. in Indien. Es wurde aus dem buddhistischen Kanon ins Deutsche übersetzt und enthält u.a. eine Charakterisierung und eine Klassifizierung von Menschentypen in Hinsicht auf ihre Nähe und Ferne zu Gott (Brahma). Danach gab es ein langes Loch in der Physiognomik und sie tauchte erst bei den Griechen wieder auf.

1.2 Griechische Früh- und Hochkultur

Aus der griechischen Früh- und Hochkultur wurden sehr viele physiognomische Betrachtungen überliefert. Von brillanten Denkern wie Pythagoras, Sokrates und Platon ist bekannt, dass sie die Physiognomie im täglichen Leben anwandten.

Pythagoras von Samos Der Mathematiker und Philosoph Pythagoras (495–400 v. Chr.) wählte seine Schüler nach physiognomischen Kriterien aus.

Sokrates und Platon Sokrates (470–399 v. Chr.) und Platon (427–347 v. Chr.) hatten eine tiefe Kenntnis von der menschlichen Natur. Von ihnen gibt es viele geistreiche Bemerkungen auch im Zusammenhang mit dem äußeren Erscheinungsbild eines Menschen und seiner Natur. Sie wussten genau die Ausdrucksformen zu beschreiben, die mit Besonnenheit, Klugheit, Edelmut, Dummheit oder Bosheit entstehen, und vertraten den Standpunkt, dass in einem gesunden Körper eine gesunde Seele wohnen müsse. Betrachtet man die fortgeschrittenen Erkenntnisse aus der Psychosomatik, kann es hilfreich sein zu fragen, welche seelischen Belastungen den Körper krank werden lassen.

Aristoteles Die erste systematische Physiognomik brachte Aristoteles (384–322 v. Chr.) heraus. Er stellte Listen mit Merkmalen und ihrer Bedeutung auf und fasste in dem Buch Physiognomica das gesamte physiognomische Wissen der damaligen Zeit in insgesamt 6 Kapiteln zusammen.

Was bei Tieren und Menschen als Ausdruck ihres Inneren genannt werden kann, zeichnete er mit den Anschauungsmöglichkeiten seiner Zeit aus. Er schrieb, dass die Eigenschaften der Tiere in gewisser Weise auf die Menschen übertragbar seien. Wenn wir zärtlich sind, nehmen wir die kleinen Tiere: Mäuschen, Küken, Bienen. Wenn wir bösartig sind, nehmen wir die großen Tiere: Esel, Rindvieh, Kamel. Wenn ein Mensch wie ein Gockelhahn geht, hat er ähnliche Ambitionen, und wenn er schaut wie ein Reh, finden wir Entsprechungen in seinem Wesen. Die Wechselbeziehung von Körper und Seele als Grundvoraussetzung für den Ausdruck ist ihm durchaus klar gewesen.

In dieser Zeit entstand bereits die Lehre von der Dreiteilung des Gesichts, die bis heute zu den Grundannahmen der Physiognomik gehört. Demnach entspricht

die Stirn dem geistigen Potenzial des Menschen,

das Mittelgesicht – der Bereich von den Augen bis zum Mund – seinem Gemüt und

die Größe und Form des Kinnes der Vitalität und physischen Kraft.

Galenus Galenus (129–210 n. Chr.) übernahm 500 Jahre nach Aristoteles die spezielle Physiognomik des Aristoteles. Mit ihm war die Anwendung der Physiognomik, die ihm als Arzt nützlich war, nach einfachen Regeln gesichert.

Hippokrates von Kos Hippokrates (460–375 v. Chr.) war der Begründer der Pathophysiognomik. Seine Genialität drang in die Zusammenhänge von Säftemischungen und Verhaltensweisen, der heutigen Temperamentenlehre (Melancholiker, Sanguiniker, Phlegmatiker, Choleriker), wie sie in ▶ Kap. Vier Temperamente dargestellt ist, ein. Er betrachtete mit viel Liebe den Menschen und sein Gesicht und erforschte die Zusammenhänge. Er fragte sich, wie das Erscheinungsbild eines Menschen mit seinen inneren Prozessen zusammenhängt. Ihn interessierte v.a., wie es sich beispielsweise bei Fieber, schlechter Verdauung und Gelbsucht verändert. Er beschrieb das Gesicht des sterbenden Menschen, das heute noch als „Facies hippocratica“ in den Lehrbüchern erscheint. Damit begründete Hippokrates die Pathophysiognomik – eine Sparte, die zu den am wenigsten umstrittenen der gesamten Lehre gehört. Auch heute, im Zeitalter von Laborwerten und Ultraschall, achtet ein guter Arzt immer noch auf die Zeichen von Krankheit und Gesundheit im Gesicht seines Patienten.

Paracelsus Erst Paracelsus, Theophrastus Bombastus von Hohenheim (1453–1541), übernahm wieder die Lehren des Aristoteles. Er beschäftigte sich aber nur am Rande mit der Physiognomik, lehnte die Konstitutionstypen von Galenus ab und wollte auch von den Temperamenten und Kardinalsäften des Hippokrates nichts wissen. Er beschrieb in seiner „Signaturen-Lehre“ Pflanzen – wie diese aussehen, wie sie wachsen und wie sie auf den Menschen wirken können. Dabei erforschte er die Bedeutung von dem, was er in der Natur vorfand. Er gilt als geistiger Vorfahre von Samuel Hahnemann, dem Begründer der Homöopathie. Dieser griff viel Gedankengut von Paracelsus auf, u.a. die Idee des Heilens nach dem Ähnlichkeitsprinzip.

Johann (Giovan) Batista della Porta Richtungsweisend war der italienische Physiker Johann Batista della Porta (1535–1615). Sein Werk De humana physiognomonia geht vom gesamten Menschen und allen seinen nach außen gerichteten Organen aus. Nichts ist seiner Betrachtung entgangen, was den Ausdruck des Menschen und den der Tiere betrifft. Er versuchte hinter allem eine gewisse seelische und körperlich begründete Bedeutung zu erkennen.

1.3 Zeitalter der Renaissance und Reformation

Zur Zeit der Renaissance und Reformation tauchte die Frage nach dem Menschen und seiner Verantwortlichkeit für seine Seele erneut auf. Baumgarten, Sulzer und Herder beschäftigten sich damit, wie die Form der menschlichen Gestalt mit Funktionen und Charaktereigenschaften zu verbinden sei. Steht die Form für eine Symbolik des inneren Lebens?

Künstler der Renaissance, die sich mit ausgiebigen Studien diesem Thema zuwandten und in ihren Meisterwerken ihr Wissen mit der Kunst zum Ausdruck brachten, waren z.B. Raffaello Santi, Michelangelo Buonarotti oder Leonardo da Vinci.

1.4 Zeitalter der Romantik

Im 18. und 19. Jahrhundert kam auch in Europa wieder Leben in die Physiognomik. Ab dieser Zeit geht die Lehre vielfältige Allianzen mit den jungen Naturwissenschaften ein und fließt in die unterschiedlichsten Bereiche der Kunst ein. Die Physiognomik erzeugt mehr Begeisterung, aber auch schärfere Kritik als je zuvor.

Johann Caspar Lavater Auslöser des Booms war der charismatische Züricher Pfarrer Johann Caspar Lavater (1741–1801). Er beschäftigte sich unter dem Aspekt der Nächstenliebe mit der Physiognomik. Er war Pfarrer und kein Wissenschaftler und vor allen Dingen „Gefühlsphysiognom“. Lavater stellte hohe Anforderungen an die Aufmerksamkeit, die Beobachtung, die analytische Wahrnehmung mit allen Sinnen, an das Gedächtnis und das vergleichende und logische Denken. Er war sehr anerkannt und berühmt und wurde von den bedeutendsten Personen Europas – von Fürsten, Schriftstellern, Künstlern, Gelehrten, Staatsmännern, Theologen und Ärzten – eingeladen.

Johann Wolfgang von Goethe Obwohl zuerst vehementer Kritiker, war es später sogar Goethe (1749–1832) selbst, der die Bücher von Lavater in dem 4-bändigen Werk „Physiognomische Fragmente“ vervollständigte.

1.5 Zeitalter der europäischen Aufklärung

Im 17.–18. Jahrhundert war die Physiognomik in den Kreisen der Gelehrten, zu denen u.a. Leibniz, Kant, Schopenhauer, Schelling, Hardenberg und Goethe gehörten, ein gern diskutiertes Thema. Sie förderten die Entwicklung der Physiognomik. Goethe und Schiller unterstützten die Physiognomik sehr.

Franz Josef Gall Gall (1758–1828) war ein weiterer bedeutender Mann in der Geschichte der Physiognomik. Der Arzt und Forscher richtete seine Forschungen auf die Verbindung zwischen Verhaltensweise und Körperform, Anatomie, Anthropologie und Psychiatrie, die er beim Menschen beobachtete. Er analysierte die Köpfe von Schwerverbrechern und Mördern und schloss daraus, dass man Verbrecher an ihrem Schädel erkennen könne. Dies war ein fataler Irrtum, der der Physiognomik heute noch anhaftet.

Galls Beobachtungen wirkten sich auch auf seine Sicht von Krankheit und Therapie aus: Er lehnte sich gegen die Anwendung von Gewalt gegenüber psychiatrischen Patienten auf und wollte das Strafrecht und den Strafvollzug reformiert sehen. Zu Verbrechern gewordene Menschen seien auszubilden und in jeder Weise so zu fördern, dass sie sich in den sozialen Organismus eingliedern können. Im menschlichen Nervensystem sei die Möglichkeit der Erziehbarkeit, des Lernens und der Sozialisierung enthalten.

Schüler Galls wie Möbius, Combe, Spurzeim, Scheewe und Noel setzten seine Forschungen und Dokumentationen fort und fanden neue Entsprechungen von Funktionen und Ausdruck derselben als Reflektionszonen des Gehirns. Sie sahen das Gehirn als Seelenorgan und versuchten damit die physiologischen und psychologischen Zusammenhänge zu erkunden.

Die Forschungen von Josef Gall und seinen Nachfolgern sind in Anbetracht der heutigen Neurophysiologie und Neurobiologie mit großen Fragezeichen behaftet, da das Wissen über die Vernetzungsmöglichkeiten des Gehirns damals nicht bekannt war und sämtliche Eigenschaften ausschließlich lokal fixiert wurden.

Carl Gustaf Carus Carus (1789–1869) war Arzt in Dresden und ein Zeitgenosse Goethes und Huters. Er leistete mit seiner Physiognomik, die sich auf die Symbolik der menschlichen Gestalt bezieht, einen wesentlichen Beitrag zur Lern- und Lehrbarkeit der Physiognomik. Er fing an, den sogenannten goldenen Schnitt für schöne Maße, speziell für Körpermaße, in physiognomische Betrachtungen einzubeziehen.

Carl Heinrich Conrad Huter Huter (1861–1912), der Begründer der Psycho-Physiognomik, widmete sein gesamtes Leben der Erforschung der Physiognomik und entwickelte eine logische und verständliche Struktur, die in ihren Grundzügen heute noch Gültigkeit besitzt. Er prüfte die Phrenologie und übernahm sie weitgehend, z.T. korrigierte und ergänzte er, doch schätzte er Franz Josef Gall und seine Schüler sehr. Er bedauerte, dass Gall die Kraft-Richtungs-Ordnung nicht kannte.

Huter wurde am 9.10.1861 in Heinde bei Hildesheim geboren und arbeitete als Porträt-, Dekorations- und Porzellanmaler, da es ihm aus finanziellen Gründen nicht möglich war, das Gymnasium zu besuchen. Danach folgten bis 1884 naturwissenschaftliche, philosophische und psychologische Studien in Berlin, Dresden, Leipzig und eine weitere Ausbildung zum Porträtmaler.

Im Jahr 1882 legte er den Entwurf des großen Naturellschemas zur Berechnung der Harmonie zwischen 2, 3 und mehr Menschen vor und formulierte die Keimblatttheorie als Grundlage der Naturelllehre. Ausführlich ist dies in ▶ Kap. Naturell-Ausprägungen nach Huter dargestellt. Im Jahr 1889 prägte er den Begriff „Psycho-Physiognomik“ für den naturwissenschaftlich fundierten Teil seiner physiognomischen Lehre. Er rückte damit ab von den zuvor verwendeten Begriffen „Psycho-Anthropologie“ und „Anthropologie“, da er mit dem Entwicklungsgang, der in der akademischen Anthropologie eingeschlagen wurde, nicht einverstanden war. Insbesondere lehnte er die akademische Rassenlehre mit ihren rassistischen Begleittendenzen und die daraus folgende Popularisierung derselben ab. Indem sich Carl Huter von den anthropologischen Lehren der führenden Mediziner wie Prof. Dr. Rudolf Virchow, Prof. Dr. Wilhelm von Waldeyer und vielen anderen abgrenzte, handelte er sich erhebliche Nachteile ein. Seine Lehren kollidierten mit den Ansichten der Persönlichkeiten, die in den damaligen Wissenschaften das Sagen hatten, und damit auch mit dem ihnen folgenden Bildungsbürgertum.

Im Jahr 1893 formulierte er das psychophysiognomische Grundgesetz als Wiedergabe eines Lehrvortrags. Dazu veröffentlichte Dr. Adolf Brodbeck die Broschüre „Leib und Seele“. In dieser wie in vielen anderen Schriften nahm Huter Stellung gegen Diskriminierung, Rassismus und Antisemitismus.

Carl Huter, der selbst weder von der Schulmedizin noch von der Naturheilkunde Heilung erfuhr, entwickelte ein eigenes Heilsystem und überarbeitete Teile des 1898 unter dem Titel „Die neueste Heilwissenschaft“ erschienenen Buches. Er publizierte einige Werke, in denen er zu Naturheilkunde und Schulmedizin Stellung nahm. Im Jahr 1897 eröffnete er in Detmold eine eigene Kuranstalt. Am 4. Dezember 1912 starb Carl Huter im Alter von 51 Jahren in Dresden an Herzversagen.

Er fasste in seinem „System der Psycho-Physiognomik“ genial zusammen, was vor ihm erkannt und erforscht wurde. Er kombinierte eine sehr sensible Beobachtungsgabe mit naturwissenschaftlichen Informationen und erbrachte den Nachweis, dass die Körperform und die über den Körper hinauswirkenden Kraftpotenziale im Zusammenhang mit dem seelischen und geistigen Ausdruck stehen. Die ▶ Kraft-Richtungs-Ordnung Huters ist der Schlüssel zur praktischen Menschenkenntnis, die er in seinem System „Psycho-Physiognomik“ lehr- und lernfähig machte und mit einer entsprechenden Ethik belegte.

Amandus Kupfer war ein Schüler von Carl Huter, der das Werk seines Lehrers fortführte. Er schrieb die Lehrstunden bei Carl Huter ausführlich mit und gestaltete daraus die Grundlagenwerke.

Prof. Ernst Kretschmer Kretschmer (1888–1964) brachte 1921 seine Konstitutionstypenlehre heraus. Er baute seine Konstitutionstypen auf den griechischen Temperamenten auf, kannte die Naturelltypenlehre von Huter und nutzte sie für seine Studien und Veröffentlichungen. Er ging bei der Typisierung vom kranken Menschen aus, da er eine Nervenheilanstalt leitete und dort entsprechende Beobachtungen machte. Kretschmer beurteilte den Menschen nur nach dem Körperbau, nicht nach dem Gesichtsausdruck und nicht nach Bewegung und Dynamik. Sein System war daher sehr unvollkommen und eignete sich nicht dazu, Menschen detailliert charakterisieren zu können. Durch seine Arbeiten wurde die Körperbautypenlehre wenigstens teilweise wissenschaftlich anerkannt (Pykniker – Athletiker – Astheniker).

1.6 Drittes Reich

Im Dritten Reich war auch die Physiognomik nicht dagegen gefeit, durch die Rassenideologie des Nationalsozialismus missbraucht zu werden. Willkürlich wurden einige Elemente der Lehre isoliert, verschiedenen „Rassen“ zugeordnet und im Sinne einer menschenfeindlichen Ideologie interpretiert. Dies steht im völligen Gegensatz zum individuellen und wertfreien Ansatz der Physiognomik. Bestimmte körperliche Ausprägungen weisen auf die jeweiligen Begabungen, Fähigkeiten und Eigenschaften eines einzelnen Menschen hin – und zwar unabhängig von seiner Hautfarbe oder ethnischen Herkunft.

1.7 Nach dem 2. Weltkrieg bis heute

Wilma Castrian Erst lange Zeit nach dem 2. Weltkrieg gelang es Wilma Castrian (1930–2020), die Physiognomik wieder als wert- und vorurteilsfreie Erfahrungswissenschaft in der Gesellschaft zu etablieren. Dies gelang, indem sie zum Thema publizierte, Vorträge hielt und Physiognomiker ausbildete.

Natale Ferronato Ferronato (geb. 1925) entwickelte eine differenzierte Pathophysiognomik, basierend auf einer über 50 Jahre langen Beobachtung von Gesichts- und Gestaltveränderungen.

Heutzutage gibt es unzählige Anregungen von allen Seiten zur näheren Erforschung des Menschen über physiognomische Systeme. Diese alle zu nennen, würde den Rahmen dieser geschichtlichen Betrachtung der Psycho-Physiognomik sprengen.

Psycho-Physiognomik ist die Kunst, einen Menschen wie eine topografische Karte zu lesen und ihn ohne Vorurteile zu verstehen. Alle Beobachtungen von Form und Proportion sind von der Beobachtungsfähigkeit des Beschauers abhängig. Daher ist es sehr wichtig, eine Beobachtung nie zur vollendeten Tatsache zur führen, es ist vielmehr die Idee, durch wache Beobachtung und Erkennen der Formen zu einer tieferen Wahrnehmung der Welt und unseres Gegenübers zu kommen und diese besser verstehen zu können. Sich selbst und andere besser zu erkennen ist ein Gewinn und frei von moralischen Bewertungen. Es kommt darauf an, was ich damit will und welches Motiv ich verfolge. In meinem Leben und in meinen Kursen geht es darum, durch Kenntnis von Körperausdruck und Körpersprache mich und andere besser zu verstehen und mehr menschliche Nähe zu finden. Dafür gibt es keine Rezepte. Mit jedem Gegenüber darf man sich wieder neu einlassen, neu lernen. Mithilfe der Psycho-Physiognomik können wir lernen, die Signale und Zeichen besser zu verstehen und darauf offener zu antworten.

Das Erlernen von Körperausdruck und Körpersprache geht nicht innerhalb von ein paar Stunden. Es braucht wie das Erlernen einer anderen Diagnose- oder Therapiemöglichkeit seine Zeit. Wir müssen uns geduldig in die Ausdruckskunde einarbeiten. Vor allen Dingen müssen wir für diese Herangehensweise der Betrachtung von Gestalt und Ausdruck unser „Sehen“ allmählich schulen. Bisher können wir das alle nicht genau. Fällt es uns auf, wenn Gesichtsproportionen verschieden sind, wenn die rechte Gesichtshälfte schmaler ist als die linke? Können Sie auf Anhieb die Augenfarbe ihres besten Freundes nennen?

2 Naturell

2.1 Einführung

In der Psycho-Physiognomik geht es darum, den Menschen einem Naturell (Konstitutionstyp) zuzuordnen. Dazu wird er nach seinem Rumpf-, Glieder- und Kopfbau beurteilt. Man geht davon aus, dass derjenige Körperteil, der am meisten hervortritt, die gesamte Persönlichkeit weitgehend bestimmt.

Wir unterscheiden, ob bei einem Menschen

der Rumpf in seiner Fülle und Größe dominant ist,

die Glieder in ihrer Stärke, Muskelkraft, Sehnigkeit, Länge etc. dominieren oder

der Kopf mit den Sinnesorganen und dem Nervensystem dominiert.

Auf dieser Grundlage wird dann der Konstitutionstyp bzw. das Naturell bestimmt.

Definition

Naturell

Das Naturell beschreibt die Wesensart, die individuelle Veranlagung des einzelnen Menschen. Der Begriff bezieht sich auf Psyche und Körper: Form des Körpers, physiologischer Grundtypus und seelisch-geistige Grundbedürfnisse. Es ist aber etwas Allgemeines, nichts Individuelles. Im Naturell erkennen wir die Grundbedürfnisse und Neigungen eines jeden Menschen. Das Naturell ist rasse- und geschlechtsunspezifisch.

2.1.1 Entstehung des Naturells

Huter ging davon aus, dass das Naturell durch die Zeugung geprägt wird und in einem sehr frühen Entwicklungsstadium, der Keimblattentwicklung, entsteht. Die Eizelle beginnt sich nach ihrer Befruchtung zu teilen. Sie entwickelt sich über das Morulastadium zur Blastozyste und schließlich zum Embryoblasten. In der 3. Entwicklungswoche, der frühen Embryogenese, entwickelt sich der Embryo am schnellsten. Durch einen Vorgang, der als Gastrulation bezeichnet wird, entstehen die 3 Keimblätter, aus denen später alle Organsysteme und verschiedene Gewebe hervorgehen ( ▶ Abb. 2.1).

Abb. 2.1 Schematische Darstellung einer 16 Tage alten menschlichen Keimscheibe. Aufsicht auf die Keimscheibe. a Transversalschnitt durch die Keimscheibe. b Im Bereich des Primitivstreifens wandern Zellen in die Tiefe und bilden zwischen dem Entoderm (inneres Keimblatt) und dem Ektoderm (äußeres Keimblatt) das mittlere Keimblatt, das Mesoderm.

(Faller A, Schünke M. Der Körper des Menschen. 18. Aufl. Stuttgart: Thieme; 2020)

Es gibt 3 Keimblätter:

Entoderm

Mesoderm

Ektoderm

Entsprechend den 3 Keimblättern prägen sich 3 Grundformen – die Form für Ernährung, Bewegung und Empfindung. Sie unterscheiden sich jeweils in ihrer Körperform und ihrer seelischen Anlage. Carl Huter hat diese Typen mit Farben verbunden und damit seinen sogenannten Naturellkreis ( ▶ Abb. 2.3) gestaltet, aus dem sich auch die Mischtypen entsprechend den Farbmischungen ergeben. Zudem kann eine ▶ Harmonielehre für die Beratung in Partnerschaften und die Zusammenstellung in Teams entsprechend der Farbenlehre entwickelt werden.

Huter ging davon aus, dass je nachdem, welches der Keimblätter deutlicher ausgeprägt ist, genetisch unterschiedliche Grundanlagen angelegt werden. Unser ▶ Naturell wird demnach bereits bei unserer Zeugung angelegt.

Entoderm: inneres Keimblatt – Ernährungssystem (Farbe: Blau)Das innere Keimblatt entwickelt alle zum Ernährungssystem gehörenden Organe: Verdauungs- und Atmungsapparat, Lymph- und Blutgefäßsystem und die Haut, soweit diese als Atmungs- und Drüsenapparat infrage kommt.

Ektoderm: äußeres Keimblatt – Empfindungssystem (Farbe: Gelb)Das äußere Keimblatt entwickelt alle zum Empfindungssystem gehörenden Organe: die Haut mit den peripheren Nervenenden, Sinnesorgane, Nervensystem und ZNS (Rückenmark und Gehirn).

Mesoderm: mittleres Keimblatt – Bewegungssystem/Dynamik (Farbe: Rot)Das mittlere Keimblatt entwickelt alle zum Bewegungssystem gehörenden Organe: Knochen, Muskel, Sehnen, Knorpel, Bindegewebe, Bänder, teilweise auch Blut- und Lymphgefäßsystem.

Diese Vorprogrammierung, die durch die genetische Anlage getroffen wird, verstärkt sich durch entsprechendes Training schon im frühen Kindesalter und steht in der Folge als Anlage und Leistung, als Kraft, mit dem Leben umzugehen, zur Verfügung. Jedes Kind reagiert anders auf seine Umwelt. Man kann beobachten, dass es Babys gibt, die sich sehr viel bewegen, und andere, die sich lieber wenig bewegen, ganz gemütlich liegen und die Welt betrachten. Wieder andere Babys nehmen mit großer Reizempfindlichkeit alles auf, was um sie herum geschieht. Diese Grundanlage ist genetisch angelegt. Carl Huter sah darin schon die frühe Entwicklung aus der quantitativen und qualitativen Kraft der Keimblätter und dem Verhältnis dieser zueinander. Daraus entstehen bestimmte Körperbautypen, die wieder einen passend zugehörigen Charakter bilden mit den entsprechenden Bedürfnissen und dem dazugehörigen Verhalten.

Definition

Charakter

Der Charakter setzt sich aus dem Temperament, den auffälligen Verhaltensgewohnheiten, den persönlichen Interessen, Neigungen und Kompetenzen und dem moralischen Verhalten zusammen. Dies alles ist psychophysiognomisch an der Körper- und Gesichtsbauform und der Ausstrahlung des Menschen zu erkennen.

2.1.2 Naturell-Ausprägungen nach Huter

2.1.2.1 Primärnaturell

Die 3 beschriebenen Keimblätter entwickeln sich differenziert und abgestimmt zu einzelnen Organsystemen und Gewebearten. Aus der Keimblattlehre leitete Huter die Primärnaturelle ab. Diese entstehen, wenn ein Keimblatt deutlicher ausgeprägt ist als die anderen beiden. Entsprechend der Keimblattlehre bestimmte Carl Huter 3 primäre Naturelle ( ▶ Abb. 2.2):

das Ruh-Naturell – entspricht allen Rundformen

das Bewegungs-Naturell – entspricht allen eckigen Formen

das Empfindungs-Naturell – entspricht allen zarten, differenzierten Formen

Definition

Ruh-Naturell

Carl Huter nannte es zu seiner Zeit chemisches Ruh- und Ernährungs-Naturell. In der heutigen Zeit erlebt man es leicht als Diskriminierung, wenn man dem Ernährungs-Naturell zugeordnet wird. Aus diesem Grund wird die Qualität des Naturells – nämlich die Ruhe und Ökonomie – hervorgehoben und das Naturell dementsprechend als Ruh-Naturell benannt.

Abb. 2.2 Die 3 grundlegenden Formenprinzipien nach den Dürer’schen Grundformen: a rund, b eckig, lang, c fein.

(Castrian W. Lehrbuch der Psycho-Physiognomik. 4. Aufl. Stuttgart: Haug; 2010)

Ein primäres Naturell kommt nicht sehr häufig in einer eindeutigen und klaren Form vor. In der Regel begegnen wir Mischformen (Dualnaturell). In der Zeit von Huter gab es noch sehr viele Menschen, die Primärnaturelle darstellten, was (alte) Fotografieserien von Berufsgruppen gut illustrieren. Heutzutage gibt es viel mehr Mischformen, die sich auch in ihren psychischen Ausprägungen sehr unterschiedlich zeigen.

Jeder Mensch hat Organsysteme, aber eines tritt hervor (Primärnaturell) oder zurück (Sekundärnaturell) oder alle Organsysteme sind gemischt vorhanden und leben sich in Phasen. Idealtypen finden wir in der Natur kaum. Doch um die Kräfteverteilung in den Mischformen besser zu erkennen, ist es wichtig, sich gründlich mit den sogenannten primären Naturellen zu beschäftigen und sie genau kennenzulernen. Primär deswegen, weil sie die ungemischten, idealtypischen Erscheinungsformen eines der 3 keimblättrigen Organsystementwicklungen sind.

2.1.2.2 Sekundärnaturell

Häufiger als diese primären Hauptlebensrichtungen sind inzwischen gemischte Naturelle, bei denen sich 2 Anlagen gleichmäßig verbinden und eine Anlage deutlich zurücktritt. Hier sind 2 Keimblätter stärker entwickelt als das 3. Keimblatt. Diese Naturelle bezeichnete Huter als Sekundärnaturelle; da hier keine Wertung ausgedrückt sein soll, bezeichnete Wilma Castrian sie auch als Dualnaturelle:

das Bewegungs-Ruh-Naturell

das Ruh-Empfindungs-Naturell

das Bewegungs-Empfindungs-Naturell

Das Vorherrschen zweier Organsysteme ermöglicht eine größere Vielseitigkeit und hat größere Innenspannungen zur Folge, die Kraft geben, Außergewöhnliches zu leisten. Es handelt sich um vielfach talentierte Menschen. Gleichzeitig kann es aber zur Vernachlässigung der entsprechenden Lebensgebiete der schwächeren Kraft kommen. Andererseits schwanken diese Naturelle entsprechend ihrer starken Innenspannung auch zwischen den Polen von Harmonie und Disharmonie.

Bei den Dualnaturellen kann während verschiedener Lebensabschnitte einmal das eine und einmal das andere Naturell im Vordergrund stehen oder mehr gelebt werden. Ähnlich wie es Phasen im Leben gibt, in denen eher der Beruf im Vordergrund steht oder die eigene persönliche Entwicklung, und dann wiederum Phasen, in denen der Schwerpunkt auf dem Familienleben liegt. Vernachlässigt man eine Neigungsrichtung völlig, kann das zu Unzufriedenheit, Unausgeglichenheit und Krankheit führen.

Grundtypen, d.h. Primär- und Dualnaturelle, sind Hochleistungstypen, weil die Energien eindeutig strukturiert und gelenkt sind. Will man herausfinden, ob ein Mensch im primären oder dualen Naturell liegt, stellt man am besten die Frage: Was tritt hervor (primäres Naturell) oder was tritt zurück (duales Naturell)?

2.1.2.3 Polares Naturell

Neben den Grundtypen und ihren Modifikationen gibt es 2 weitere Typbenennungen, die über allen Naturellen stehen: die polaren Naturelle. Polar deshalb, weil sie die Pole Harmonie und Disharmonie verkörpern. Jedes Naturell kann sich, je nach Lebensumständen und je nach innerer Anlage, zu einem harmonischen Typ (integratives Naturell) oder einem disharmonischen Typ (desintegratives Naturell) entwickeln. Letztlich ist es immer auch ein Teil der Aufgabe des Ganz-Mensch-Werdens, die individuell gemischten Anlagen zu einem harmonischen Ganzen zu verbinden. Wenn dies gelingt, wird es im Menschen sichtbar. Ein solcher Mensch strahlt dieses In-sich-stimmig-Sein aus und wir können von einem geglückten Leben sprechen.

2.1.2.4 Naturellharmonie

Huter hat alle Naturelle kreisförmig angeordnet und ihnen Farben verliehen, aus denen er im Weiteren die Harmonie der Naturelle untereinander ableitete ( ▶ Abb. 2.3). Diese Naturellharmonie ist ein sehr spannendes, aber komplex zu betrachtendes Thema, das für Partnerschaften, in der Teambildung und in Beziehungen von Nutzen sein kann. Daraus erklärt sich häufig schon unser erster Eindruck der Sympathie oder Antipathie. Für Therapeuten kann es von Nutzen sein, zu wissen, in welchem Harmonieverhältnis sie zu ihren Klienten stehen und bei welchen Themen es vermutlich schnell zu Missverständnissen und Unstimmigkeiten kommen kann.

Abb. 2.3 Naturellkreis – Übersicht über die Naturelle und ihre Farben.

(Castrian W. Lehrbuch der Psycho-Physiognomik. 4. Aufl. Stuttgart: Haug; 2010 )

Beschreibung eines Naturells im Merkmalsprotokoll Diese Naturellanlage, die sich aus den 3 Keimblättern entwickelt, ist ein Naturprinzip, das bei Menschen, Tieren und Pflanzen die unterschiedlichen Anlagen, Kräfte und Fähigkeiten sichtbar macht. Huter beobachtete schon sehr früh, dass Bäuerinnen ihren Vorgarten je nach Aussehen unterschiedlich gestalteten:

Große, muskulöse Frauen pflanzten Koniferen und Gräser.

Rundliche Frauen pflanzten Dahlien und Gemüse.

Zarte Frauen pflanzten schöne Blumen.

Jedes Naturell wird in einem sogenannten Merkmalsprotokoll physiognomisch entsprechend seiner Formgestaltung beschrieben, d.h., jedes Naturell hat in seiner Reinform einen bestimmten Körper-, Kopf- und Gesichtsaufbau.

Merke

Die verschiedenen Körperbauformen mit den dazugehörigen Kopf- und Handformen zeigen Charakteranlagen, Wesenszüge, Neigungen sowie physiologische, pathologische und psychologische Gegebenheiten.

Diese Charakterstrukturen beeinflussen maßgeblich unser Denken, Fühlen, Wollen und Handeln. Leib, Seele und Geist bilden immer eine Einheit – wie oben, so unten, wie innen, so außen (Smaragdtafel 3000 v. Chr.). Man könnte in der Sprache der Psychologie auch sagen, das sind die unterschiedlichen Wahrnehmungstüren, mit denen die Menschen die Welt sehen.

Urformen sind seltener Da sich die Menschheit immer weiterentwickelte, sind diese Urformen kaum mehr anzutreffen. Nur noch selten finden wir heute reine Primärnaturelle. Die Naturelle mischen sich immer mehr. Ein Mensch kann z.B. groß gewachsen sein, damit zum Bewegungs-Naturell zählen, aber eine sehr schlaksige Gestalt, wenig Muskulatur und einen rundlichen Kopf haben. Dies muss individuell gedeutet werden. Im realen Leben finden wir sehr viele Dualnaturelle, doch stellen wir fest, dass das eine oder andere Merkmal oder auch mehrere Merkmale von der typischen Beschreibung analog dem Merkmalsprotokoll abweichen. Das Leben hält sich nicht an die Beschreibungen von Typen. Dies macht es uns schwer, schnell aufgrund von äußeren Merkmalen einen Charakter zu beschreiben. Die Typologien sind nur als Lerngrundlage zu verstehen, um von da aus besser differenzieren zu können. In der heutigen Zeit tauchen immer mehr Mischformen auf. Durch die vielseitige Naturelldifferenzierung erreicht die Natur viele verschiedene geistige und praktische Fähigkeiten, die sich gegenseitig anregen und befruchten. Damit ist die Höherentwicklung des Menschen angestrebt.

Gleichzeitig müssen wir berücksichtigen, dass, je mehr Anlagen in einem Menschen gemischt sind, er umso mehr Energie braucht, um diese unterschiedlichen Anlagen in sich zu ordnen, wahrzunehmen, zu leben und in sich auszugleichen. Dazu sind eine gewisse Ruhe und Reflexionsbereitschaft erforderlich. Gelingt diese innerseelische Ordnung nicht, wird der Mensch indifferent und irgendwann krank. Vielleicht hat ein Teil des „Ausbrennens“ in unserer Zeit auch damit zu tun?

Naturellkreis Betrachten wir den Naturellkreis ( ▶ Abb. 2.3) genauer, sehen wir, dass im äußeren Kreis klare Farben auftauchen. Wenn wir weiter nach innen gehen, werden die Farben pastelliger und graustufiger, bis er in der Mitte nur noch grau ist. Huter nennt diese Naturelle die tertiären, und diejenigen in der Mitte die neutralen Naturelle. Er möchte damit ausdrücken, dass ein Mensch, der seine Anlagen nicht deutlich lebt, unscheinbarer wird, keinen klaren Charakter mehr ausprägt, keine klaren Vorstellungen von seinem Leben hat und eher zum Mitläufer in der Gesellschaft wird.

Wissenswert

Je kränker ein Mensch ist, desto neutraler wird er in seiner Naturellausprägung. Das kennen wir von Menschen mit akuten Krankheiten. Wenn sie schwach und schlapp sind, sehen sie meistens matt und grau aus. Man sieht es dem Menschen an, dass er keinen Antrieb hat, sich kaum auf den Beinen halten kann und in diesem Zustand auch keine Vorstellungen, Pläne und Ideen für seine Zukunft ausbilden kann.

Huter erkannte schon damals richtig, dass es dem Menschen nicht gerecht wird, wenn wir nur seine Formen deuten. Er hat zusätzlich zu den Formenbeschreibungen auch noch die Ausstrahlungsqualität betrachtet. Diese kann sich sehr viel schneller ändern als die Form und bietet daher eine flexiblere Variationsbreite und Differenzierungsmöglichkeit für individuelle Deutungen.

Da für jeden Menschen auf dieser Erde am Beginn seiner Entwicklung die Differenzierung in die 3 Keimblätter steht, ist diese Menschenkenntnis auch auf jeden Menschen anzuwenden. Dieses Wissen ist somit an keine Kultur oder „Rasse“ gebunden. Wir finden es darüber hinausgehend auch in den Tieren und in den Pflanzen. Je nach Erscheinungsbild formen sich in Pflanzen unterschiedliche Schwerpunkte aus. Diese können im Rahmen der Signaturenlehre hinsichtlich ihres umfassenden Wirkspektrums differenziert werden.

Merke

Huter war es sehr wichtig, sich klar von der Rassenlehre der damaligen Anthropologie, wie sie v.a. im Dritten Reich praktiziert wurde, abzugrenzen. Aus diesem Grunde hat er den Begriff „Psycho-Physiognomik“ erschaffen und sich lange vor dem Dritten Reich gegen den Rassismus ausgesprochen.

2.1.3 Bedeutung von Körper- und Kopfbau

Allgemein unterscheidet man die Bedeutung von Körper- und Kopfbau, wobei der Körper grundlegende Aussagen zum Naturell und zur unbewussten Anlage macht, der Kopf dagegen Aussagen zur bewussten Lebensgestaltung. Wir betrachten immer erst den Körperbau und schauen dann, wie der Kopf und das Gesicht gestaltet sind.

2.1.3.1 Körperbau

Der Körperbau zeigt die quantitative Organsystemanlage, d.h. die Grundlebensrichtung. Wir erhalten über den Körperbau die Informationen über das vorherrschende Naturell und die unbewusste Naturellanlage. Es folgen einige Variationsmöglichkeiten des Körperbaus und ihrer innerpsychischen Analogie, die Anregungen für weitere Beobachtungen geben können.

Das Skelett gibt dem Menschen die individuelle Form, innere Kraft, Stabilität und Kontinuität. Huter nennt es das Kräfte-Äußerungs-Prinzip.

Die innere Kraft des Körpers bewirkt das Ruhen in sich selbst und das ist die Grundlage für gerichtetes Wirken nach außen.

Ist der Rumpf dominant, neigt der Mensch zum Sitzen, hat eine Abneigung gegen das Überwinden der Schwerkraft, gegen Klettern, Berg- und Treppensteigen.

Sind die Beine sehr lang, möchte der Mensch seine Beine bewegen. Er nimmt mehrere Treppenstufen auf einmal und kommt schnell voran.

Sind die Arme kräftig, neigt der Mensch zu Tätigkeiten wie Heben, Stoßen, Werfen, Ziehen und Reißen.

Der junge Mensch mit elastischen Knochen, Knorpeln und Sehnen liebt Hüpfen, Springen, Klettern und federnde Bewegungen. Er lernt viel, ist interessiert an Neuem und liebt die Veränderung.

Der ältere Mensch mit unelastischen Knochen, Knorpeln und Sehnen meidet Hüpfen, Springen und Klettern. Auch in der geistigen Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit ist dies zu beobachten.

Ist die gesamte Muskulatur plastisch, geübt und nicht hart, weist das auf eine elastische, anpassungsfähige und vielseitig aktive Persönlichkeit hin.

Ist die Muskulatur dünn und schwach, hat der Mensch eine geringe Neigung dazu, Arbeit mit den Muskeln zu leisten.

Ist die Muskulatur dick und hart, weist dies auf eine Neigung zu anstrengender Muskelarbeit hin, aus der sich auch das Gefühl und Bewusstsein der körperlichen Kraft und Leistungsfähigkeit des Könnens ergibt.

Carl Huter sagte zum Thema Körperbau:

„Die Knochen geben dem Körper Ruhe, Halt und Festigkeit, sie bilden daher die Basis der Gestalt. Sie sind bei allen Bewegungen die passiven Ruhepunkte, die den Bewegungen Würde und Ebenmaß verleihen.“

„Die Muskeln geben dem Körper die schöne plastische Form, sie polstern innere Hohlwände wichtiger Organe aus und verbinden alle inneren und äußeren Organe miteinander zum Zwecke des Schutzes der Lebenstätigkeit und hauptsächlich der Bewegung.“

Carl Huter

2.1.3.2 Tonus

Ebenso betrachten wir den Tonus, die Spannung der Haltung und die Bereitschaftshaltung zu Handlungen:

Ist der Tonus stark gespannt, ist der Mensch reaktions- und tatbereit.

Ist der Tonus schwach, ist der Mensch müde, schlaff, spannungslos und hat eine geringe Reaktions- und Tatbereitschaft.

Je höher der Tonus, desto angespannter, ausgerichteter, eingeengter und verkrampfter ist der Mensch.

Je niedriger der Tonus, desto uninteressierter, müder, schlaffer, entspannter, lockerer und gleichgültiger ist er.

Am nackten Körper können wir speziell am Rücken anhand von Muskelspannungen, Verziehungen und Verfärbungen ablesen, wie es um innere Organe bestellt ist und wie die Kraft durch die einzelnen Segmente fließt. Die Segmentlehre beschreibt eine Einteilung des Rückens in Segmente, die reflektorisch über nervliche Verbindungen mit inneren Organen korrespondieren.

2.1.3.3 Kopfbau

Ebenso wie der Körperbau typisch für die Naturellanlage ist, sind es auch die Schädel- und Gesichtsform. Entsprechend der Typologie hat der Kopf die dem Körperbau entsprechenden typischen Merkmale, denn aus dem Körper geht das Kräftepotenzial über den Hals in den Kopf hinein. In der Realität ist das häufig anders und muss wieder individuell und nicht nach einfacher Typologie gesehen werden.

Der Körper zeigt uns die unbewussten Anlagen des Menschen. Das Gesicht zeigt uns, wie der Mensch in seinem Alltag lebt. Es zeigt die bewusste Energie und sagt etwas über den Zustand der inneren Organe. Der Körperbau gibt uns Informationen über das vorherrschende Naturell. Das Hinterhaupt zeigt uns die Impulse aus dem Unterbewussten und das Gesicht zeigt uns, wie die Impulse umgesetzt und gelebt werden. Der Kopf wird in der Aufteilung Hinterhaupt und Gesichtsschädel betrachtet. Beides spiegelt Körper und Geist, Bewusstsein und Unterbewusstsein wider. Es kann durchaus sein, dass sich die Merkmale von Körper und Gesicht nicht entsprechen, dass sie sogar entgegengesetzt sind und sich relativieren. Dabei ist zu beachten, dass gleichlautende Merkmale sich bestätigen und verstärken. Nicht entsprechende Merkmale differenzieren, dämpfen oder verhindern sich gegenseitig. Da kann es passieren, dass ein Mensch unbewusst aus seinen körperlichen Anlagen etwas anderes tun wollte, als er tatsächlich tut. Dieser Mensch ist über die Kopfentscheidung in eine Richtung orientiert, die vom Körperbau nicht getragen ist. Deshalb kann man Kopf- und Körperaufbau nicht voneinander trennen und muss beides kombiniert analysieren.

2.1.3.4 Unterschiede in Kopf- und Körperbau

Bei deutlichen Unterschieden der typischen Merkmale eines Naturells im Körper- und Kopfbau können wir sprunghaftes Verhalten bei unserem Gegenüber vermuten und nachfragen. Der Mensch handelt plötzlich in einer Art und Weise, wie man es nicht von ihm erwartet. Er kann unmotiviert schlechte Laune aufweisen. Man muss ihm zum Einordnen des Gesagten Zeit geben.

Beispiele für Kombinationsmöglichkeiten:

großer Kopf und kleiner Körper: Dieser Mensch kann originelle Ideen entwickeln. Nicht nur die Größe, auch die Art des Kopfes ist entscheidend für so eine Aussage.

eckiger Kopf wie der Kopf des Bewegungs-Naturells auf einem zarten und zierlichen Körper wie dem eines Empfindungs-Naturells: Der dynamische Wille steuert den zarten Körper und erschöpft ihn.

runder Kopf wie der eines Ruh-Naturells auf dem zierlichen Körper eines Empfindungs-Naturells: Ruhe und Ökonomie steuern und harmonisieren das Empfindungs-Naturell.

eckiger Kopf des Bewegungs-Naturells auf dem Körper eines Ruh-Naturells: Kopfsteuerung führt zu Dynamik und Leistungserhöhung, ist aber gleichzeitig eine komplette Ruhestörung für den Körper des ruhenden Menschen.

2.2 Formen des Naturells

Um eine höchstmögliche Individualisierung zu erreichen, hat Carl Huter die Naturelle auf seinem Kreisschema in primäre, sekundäre und polare Naturelle eingeteilt. Die Übergänge sind fließend und häufig nur an der Strahlung zu unterscheiden. Das ist einer der Gründe, warum es gut ist, die eigene Wahrnehmungsfähigkeit beständig weiter zu üben. Wie Muskeln trainiert werden können, so kann auch meine Wahrnehmung für Formen und für die Ausstrahlung beständig trainiert werden und damit präziser und wohlwollender werden in der Einschätzung meiner Selbst und des Gegenübers.

2.2.1 Umwandlung der Naturellanlage

Für die meisten Menschen ist die Naturellanlage lebenslang gleichbleibend und damit Schicksal. Das biologische Programm ändert sich nicht. Über die Forschungen aus der Neurobiologie wissen wir aber auch, dass wir nur einen Bruchteil unserer Anlagen nutzen – insofern sind mehr Veränderungsmöglichkeiten gegeben, als sie Huter noch denken konnte. Da wir heute kaum mehr reine Naturelle vorfinden, sondern immer mehr Mischtypen, kann es sein, dass im Laufe des Lebens zusätzliche Anlagen aktiviert werden. Besonders deshalb ist es sehr wichtig, die Energie in den Anlagen zu sehen.

Merke

Die Natur lässt der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit großen Spielraum.

Zur Umbildung von Gestalt und Persönlichkeit braucht es aber einen langen Zeitraum, und wenn Menschen sich im Laufe des Lebens beispielsweise zu mehr Körperfülle hin entwickeln, müssen wir sehen, was das mit ihnen macht, wie sich die Gesichtszüge und ihre Ausstrahlung verändern, ob sie sich harmonisieren oder abstumpfen. Je nachdem wie sie sich verändern, können wir das als interessanten Verlaufsparameter in der Therapie verwenden.

Interessante Fragen für mich selbst könnten sein:

Was passiert mit mir, wenn ich meinen Typ ändere, z.B. durch chirurgische Eingriffe?

Was passiert mit mir, wenn ich anders lebe, als es meine Anlage ist?

Kenne ich mein eigenes Potenzial und nehme dieses auch wahr?

Umgekehrt ist es heute auch so, dass wir immer mehr chirurgisch an unserem Typ „herumbasteln“, um einer zu werden, der wir nicht sind.

Definition

Neurosen

Neurosen werden folgendermaßen beschrieben:

Seit William Cullen (1776) wird unter einer Neurose eine nervlich bedingte, rein funktionelle Erkrankung verstanden, d.h. ohne Nachweis einer organischen Läsion. So kann man z.B. von Herzneurose sprechen.

Seit Sigmund Freud wird hierunter eine leichtgradige psychische Störung verstanden, die durch einen inneren Konflikt verursacht wird. Neurosen werden den Psychosen, schwereren seelischen Störungen, gegenübergestellt.

Nach verhaltenstheoretischem Konzept wird eine Neurose durch eine erlernte Fehlanpassung hervorgerufen. Die auslösenden traumatisierenden Faktoren sind als Stressoren anzusehen.

Es ist also durchaus hilfreich, mich selbst in meinem So-Sein, in meiner Körpergestalt und dem, was ich psychisch daraus leben möchte, zu erkennen, dazu zu stehen, um dadurch als authentisch lebender Mensch auch glücklich zu sein. Nur wenn ich lebe, was angelegt ist, wenn ich mich kennenlerne, lerne, anzunehmen und zu lieben, was und wie ich bin, werde ich auch glücklich in einem erweiterten Umfeld.

Für Therapeuten ist der Aspekt der chirurgischen Veränderung von angelegten Formen nicht uninteressant, betrachtet man die nicht seltenen und vielfältigen Verhaltens- und Persönlichkeitsstörungen in der heutigen Zeit.

Rubrikenauswahl

Bei neurotischer Unzufriedenheit mit der eigenen Naturellanlage und Selbstwertstörungen lohnt sich ein Blick in folgende Rubriken::

Gemüt – Wahnideen – Körper – hässlich aussehen; der Körper würde

Gemüt – Wahnideen – anerkannt, geschätzt; sie würde nicht

Gemüt – Wahnideen – elend aussehen; sie würde

Gemüt – Wahnideen – elend aussehen; sie würde – Blick in den Spiegel; beim

Gemüt – unglücklich, bedauernswert; fühlt sich

Gemüt – Selbstvertrauen – Mangel an Selbstvertrauen

Gemüt – schmeicheln – Verlangen, dass man ihm schmeichelt

Gemüt – Verlangen; großes – guten Meinung anderer; nach der

Gemüt – tadelt sich selbst, macht sich Vorwürfe

Gemüt – Wahnideen – verachtet; er würde

Der ständige Stress, nicht bedingungslos geliebt zu sein, so wie man ist, sondern ständig äußeren Bildern entsprechen zu müssen, kann auf Dauer eine neurotische Fehlstörung nach sich ziehen. Interessant, dass sich hier unter den homöopathischen Arzneien Mittel wie Natrium muriaticum, Lac caninum und Staphisagria befinden – Mittel, die mit Kummer, Vernachlässigung und geringer Wertschätzung zu tun haben. Dies sind aber nur Ideen, denn die Grundlage für eine homöopathische Verschreibung ist die Anwendung des Ähnlichkeitsgesetzes und die Behandlung von Krankheiten und nicht von Charakterstrukturen. Gleichzeitig müssen wir beachten, dass, je neurotischer der Mensch ist, desto schwieriger eine Einschätzung seiner äußeren Erscheinungsform dahingehend wird, dass wir die Bedeutung der Formen gar nicht mehr übersetzen können.

Wie sagte unsere Lehrerin Frau Castrian immer: „Man muss gucken“ – und genauso ist es. Das System der Psycho-Physiognomik ist komplex und wir müssen lernen, genau zu sehen und auch auf mimische Reaktionen und die Gestik zu achten, die häufig Hinweise auf Neurosen sind, auf die Stimme und Sprachmelodie, auf die Wortwahl und dann alles kombinieren. Allein schon das Sehenlernen dauert eine geraume Zeit, bis wir anfangen können, das Gesehene in Relation zueinander zu setzen und die Kombinationen richtig zu deuten. Wir sollten geduldig sein und unsere Wahrnehmungsfähigkeit üben, uns Zeit lassen, das zu kombinieren und zu deuten, was wir sehen. Wir sollten uns immer wieder auf die Komplexität und Individualität des Menschen einlassen.

Die 8 Typen, die Carl Huter beschrieb und auf die in ▶ Kap. 2.1.2 ausführlich eingegangen wird, sind eine Grundlage für die weitere Differenzierung. Wir können vergleichen, welche Merkmale den Typen entsprechen und worin sich dieser Mensch, der vor mir ist, unterscheidet. Da unsere Welt immer komplexer wird, nimmt diese Betrachtungsweise Zeit in Anspruch. Sie erfordert mehr als nur geometrische Formenwahrnehmung, also in der Betrachtung der Kombinationen viel Feingefühl und Einfühlungsvermögen, um den Menschen in seinen Tiefenschichten und inneren Empfindungsqualitäten zu erkennen.

Wissenswert

Heute finden wir nur noch selten eindeutig ausgeprägte Primärnaturelle. Wenn ein Punkt des Merkmalsprotokolls in seiner Form und Ausstrahlung verändert ist bzw. abweicht, lebt der Mensch diesen Lebensbereich feiner, ruhiger oder gröber. Daher ist es wichtig, die einzelnen Protokollpunkte zu kennen, um die Unterschiede wahrzunehmen, um von da ausgehend weiter zu differenzieren. Alles, was angelegt ist, wird gelebt, aber nicht immer alles zur gleichen Zeit.

2.2.2 Primäres Naturell

Von dem primären Naturell (s. auch ▶ Abb. 2.10) gehen wir zunächst einmal aus – dieses ist die Basis und die Grundlage für die erste Bestimmung des Naturells. Es ist wichtig, sich die Merkmalsbeschreibungen des Körpers, des Kopfes und des Gesichts möglichst gut einzuprägen, um dann am lebenden Menschen die Unterschiede wahrzunehmen und individuell interpretieren zu können. Damit kann ich für mich herausfinden, wo mein Potenzial liegt, was meine Stärken sind und wie diese bestmöglich gelebt werden können. Und ebenso kann das bei anderen Menschen erkannt werden und sie können entsprechend ihrer Anlagen unterstützt und gefördert werden.

2.2.2.1 Bewegungs-Naturell/Physikalisches Tat- und Bewegungs-Naturell

Der Bewegungsapparat entsteht aus dem mittleren Keimblatt, dem Mesoderm, und dieses Organsystem (Knochen, Knorpel, Muskulatur, Bänder, Sehnen, Gefäße, Herz) ist auch betont: Das Knochen-, Sehnen- und Muskelsystem herrscht vor und bildet lange, eckige Formen. Diese Menschen ( ▶ Abb. 2.2, ▶ Abb. 2.10) drängt es nach Bewegung und Aktivität. Ihr Charakter ist von nüchternem Realitätssinn und dynamischer Willenskraft geprägt.

Aussehen/Körperbau Betrachten wir den gesamten Körperbau des Menschen ( ▶ Abb. 2.4), fallen uns folgende Formen auf:

Körpergröße/Habitus: Große, kräftige, hagere und sehnige Gestalt. Männer über 1,75 m und Frauen über 1,65 m mit langen, schlanken, knochig-muskulösen und markanten Extremitäten. Es ist ein sehr athletischer Mensch. Das Knochige, Markante, Sehnige mit deutlich sichtbaren Muskeln tritt in der ganzen Gestalt hervor. Alles ist wenig gepolstert.

Das Gewebe ist fest gespannt, eher härter und trockener.

Die Haut spannt sich straff und ist mit kräftigen Adern durchzogen. Sie ist eher rötlich und lederartig. Dicke Venen sind zu erkennen, besonders bei starker körperlicher Anstrengung.

Die Muskulatur ist fest, deutlich sichtbar und sehnig.

Der Knochenbau ist kräftig, fest und stark. Der Mensch wirkt zusammen mit der gespannten Muskulatur sehr kraftvoll.

Der Rumpf ist breit gebaut und dynamisch gespannt. Es ist ein guter Muskeltonus vorhanden.

Der Brustumfang ist größer als der Leibumfang. Die Schultern sind breit, kräftig und kantig. Die Brust ist hoch und kräftig gebaut. Das Becken ist kräftig, aber im Vergleich zu den Schultern eher schmal.