Physiotherapie - Josef Pielok - E-Book

Physiotherapie E-Book

Josef Pielok

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Beschreibung

Beruf als Berufung ist ein vielbeschworenes Ideal, oft nur eine Worthülse. Der erfahrene Physiotherapeut Josef Pielok zeigt, dass es in seinem Beruf ohne Berufung nicht geht. Nur so können optimale Ergebnisse erzielt werden. Dass Physiotherapie weit mehr ist als ein Arsenal von Handgriffen, legt Pielok ausführlich dar. Er spannt einen weiten Bogen von der Beziehung zwischen Therapeuten und Patienten über Moral und Ethik bis zu den "letzten Dingen", zur Rolle des Glaubens. Dabei bleibt er immer auf dem Boden der konkreten Anforderungen und Probleme im Berufsalltag. Das macht sein Buch so wertvoll. Es zeigt in umfassender Weise, was es bedeutet, ein (Physio-)Therapeut im besten Sinne zu sein. Dies ist nicht nur für Berufseinsteiger und Fachleute erhellend, sondern auch für Patienten und potenzielle Patienten. Ein Buch für uns alle!

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Seitenzahl: 129

Veröffentlichungsjahr: 2025

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»Wer mit dem Kopf handelt, mit dem Bauch fühlt, mit den Augen die Blicke deutet, mit den Fingern spürt, mit dem Herzen spricht, mit der Seele entscheidet und es schafft, mit seinem Handeln keinen Menschen zu verletzen, der besitzt ein Herz mit Charakter.«

Ein Spruch aus einem Glückskeks, der mir zufällig begegnete – danke, Neo.

Inhalt

I Beruf und Berufung

1.1 Einleitung

1.2 Beruf als Berufung

1.3 Krankheit, Schmerz, Invalidität

1.4 Therapeut – Patient – Beziehung

1.5 Kommunikation und Arbeitsatmosphäre in der Zusammenarbeit mit Patienten

1.6 Psychologie in der Physiotherapie

1.7 Verhalten gegenüber der eigenen Krankheit

1.8 Rollen(spiel)

1.9 Suggestion

1.10 Iatrogene Fehler

II Handeln und Behandeln

2.1 Einleitung

2.2 Behandlung und Handlung

2.3 Tugend, Pflicht, Gewissen

2.4 Ethik und Moral

2.5 Die ökonomisierte Realität

2.6 Warum wir tun, was wir tun

2.7 Behandlung als Handlung

III Glaube und Vertrauen

3.1 Einleitung

3.2 Versprechen

3.3 Hoffnung

3.4 Glaube

3.5 Gottvertrauen

3.6 Vertrauen

3.7 Heilung

Literatur

I Beruf und Berufung

Für Caroline und Martin

1.1 Einleitung

Warum bist du Physiotherapeut geworden? Was war deine Motivation? War es ein Zufall oder eine bewusste Entscheidung? Es ist völlig egal, wie es dazu kam! Egal, ob du schon Jahre Erfahrung hinter dir hast oder auch nicht: Wichtig ist, dass du diesen Beruf immer wieder wählen würdest. Wenn du gerne arbeiten gehst und dich täglich auf die Kolleg(inn)en und deine Patienten freust, dann bist du hier richtig.

Es ist nicht immer leicht, den seelischen und körperlichen Belastungen standzuhalten, aber es macht immer wieder Spaß, die Herausforderungen zu meistern. Wenn man mit Menschen arbeitet, muss man auf alles vorbereitet sein. In unserem Beruf ist es wichtig, nicht nur mit Fachwissen und technischen Fertigkeiten zu glänzen, sondern auch das richtige Verhältnis zu Patienten zu entwickeln. Nicht jeder von ihnen ist schön und gepflegt; nicht jeder ist nett und gut gelaunt: Jeder ist ein Individuum mit unterschiedlichem Empfindungs- und Verhaltensniveau. Es sind oft sehr kranke Menschen, die deine Hilfe brauchen. Es ist kein Wunder, dass sie einen Teil ihrer Last bei dir abladen möchten. Bist du darauf vorbereitet? Wenn ja – okay.

Aber denk auch an dich selbst! Professionalität ist das höchste Gebot. Empathie und Zuneigung sind zwar unabdingbar, aber erst ein gesunder Abstand verschafft die notwendige Objektivität. Um den verschiedenen Aspekten des menschlichen Verhaltens und Leidens professionell zu begegnen, bedarf es seitens der Physiotherapeuten medizinischer Fachkenntnisse und auch adäquater zwischenmenschlicher Umgangsformen. Bei letzteren ist keine spezielle Schulung erforderlich; sei einfach, wie du bist! Bleib Mensch und die Patienten werden dich schätzen und dir treu bleiben.

Natürlich ist auch deine therapeutische Arbeit am Patienten wichtig. Deine Patienten müssen das Gefühl haben, im Mittelpunkt zu stehen. Sie müssen spüren, dass du dich für sie interessierst – für ihre Probleme körperlicher, seelischer oder sozialer Natur. Wenn das alles wenigstens eine Erleichterung der Beschwerden bringt, dann haben alle schon gewonnen. Denke daran: Das Heilmittel bist du, sind dein Wissen, deine Hände, dein Verhalten, deine Persönlichkeit – der ganze Mensch.

1.2 Beruf als Berufung

Die Frage »Warum bist du Physiotherapeut geworden?« ist eine Frage nach dem Motiv deiner Entscheidung – einer Entscheidung, die dein ganzes Leben prägen und deine Zukunft bestimmen wird. Wenn man sie trifft, ist man in der Regel noch sehr jung und unerfahren. Trotzdem muss sie gerade in dieser Zeit auch getroffen werden. Entweder kommt sie spontan oder sie stützt sich auf eine tiefgehende Überlegung. Manchmal ist es ein Zufall oder auch eine Gelegenheit, die sich gerade anbietet, die die Entscheidung beeinflusst. Die Motive deiner Entscheidung können unterschiedlicher Natur sein. Es mag sein, dass du, deine berufliche Zukunft betreffend, keine andere Idee hattest, oder du bekamst in deinem tatsächlichen Traumberuf keinen Ausbildungsplatz. Es mag sein, dass du eine Prüfung nicht bestanden und deswegen als Alternative die Physiotherapie gewählt hast. Damit wurde aber nur ein Mangelzustand ausgeglichen, ohne Erfüllung deiner tatsächlichen Träume. In diesem Fall wünsche ich jedem, dass er in der neuen Situation verborgene Qualitäten in sich entdeckt und doch noch seine berufliche Erfüllung findet.

Wenn du aber mit deiner Wahl die Verwirklichung deines Berufstraums erreicht hast, kannst du dich glücklich schätzen. Es ist nämlich ein Idealfall, ein Hobby zum Beruf machen zu können. Die Motive deiner Entscheidung, Physiotherapeut zu werden, könnten hier mit der Befriedigung deines Bedürfnisses, anderen zu helfen, mit deiner Selbstlosigkeit (Altruismus), mit dem Bedürfnis nach menschlicher Nähe, nach Anerkennung, nach Wissen, vielleicht auch nach Macht zusammenhängen. Die zwei unterschiedlichen Handlungsmotive, Ausgleich eines Mangelzustands und Befriedigung eines Bedürfnisses, haben auch eine starke Aussagekraft für deine Einstellung zum Beruf.

Wenn du also die anfangs gestellte Frage beantwortest, denke daran: Deine Antwort kann sehr viel über dich verraten.

Bei mir kam es wie eine Erleuchtung, ganz zufällig. Von dem Beruf eines Physiotherapeuten wusste ich nichts. Ich war damit nie zuvor in Berührung gekommen. Noch im Gymnasium hatte ich Architekt werden wollen. Ich konnte gut zeichnen und besuchte die Klasse mit den Leistungsfächern Mathematik und Physik. Mit der Zeit aber verschoben sich meine Interessen gänzlich. Ich hatte angefangen, Leichtathletik zu trainieren, und meine Vorliebe galt eher der Biologie und nicht mehr der Mathematik. Ich interessierte mich auch für Psychologie und für den Menschen im Allgemeinen.

Ein Jahr vor meinem Abitur traf ich zufällig jemanden, der sich für die Aufnahmeprüfung für das Studium »Physiotherapie« an einer Hochschule vorbereitet hatte. Im Gespräch mit ihm wurde mir klar, dass dies eine Berufsrichtung ist, die meinen aktuellen Interessen entsprach. Meine Entscheidung war gefallen: Ich werde Physiotherapeut. So nahm meine berufliche Laufbahn ihren Anfang. Es war eine gute Entscheidung, die ich einem Menschen verdanke, den ich eigentlich nur flüchtig gekannt habe. Zufall oder Fügung? Vielleicht auch beides. Deswegen Augen auf, weil in unserem Leben alles einen Sinn hat.

Warum wir das und nicht etwas anderes machen oder uns so und nicht anders verhalten, können wir manchmal nicht erklären. Die Motive unserer Handlungen sind uns manchmal bewusst, bleiben für uns oft aber auch im Verborgenen. Sie sind spezifisch für eine bestimmte Situation oder allgemeiner Natur, von der Situation unabhängig. Es können langfristige Überlegungen oder auch spontane, kurzfristige Gedanken sein, die unsere Entscheidungen beeinflussen. Bedürfnisse, die keine lange Überlegung erfordern, werden im Rahmen einer kurzfristigen Handlung gestillt. Elementarbedürfnisse wie Stillung von Hunger und Durst sind natürlich überlebenswichtig, aber für die langfristige Lebensqualität und Zufriedenheit nicht entscheidend. Was aber das Leben in der Gesamtheit prägt, was unseren höheren Bedürfnissen entspricht, was uns im Leben weiterbringt, uns zufrieden und glücklich macht, bedarf längerer Vorbereitung. Es kostet Mühe, ist vom Talent, vom Geschick, von Vorlieben und unserem Auftreten abhängig. Die Entscheidung über unseren zukünftigen Beruf, die mit Bedacht getroffen werden sollte, zählt auch dazu.

Vor Kurzem habe ich in einem Buch gelesen, dass »die größte Sünde ein vergeudetes Talent ist «. Demnach sollte man, um die richtige Berufswahl zu treffen, sich an eigenem Talent, Geschick und Interesse orientieren. Die richtige Wahl entscheidet nämlich langfristig über Zufriedenheit und Erfüllung in einem doch sehr großen und wichtigen Teil unseres Lebens. Mit beruflicher Tätigkeit verbringen wir nämlich ein Drittel unseres Lebens. Alles, was man mit Interesse und Engagement macht, macht bekanntermaßen auch Spaß. Außerdem verschafft unsere gründliche und zuverlässige Arbeit die oft ersehnte Anerkennung im Beruf und in zwischenmenschlichen Interaktionen mit Patienten deren Sympathie. Anerkennung und Sympathie sind wiederum wichtige Motivatoren des täglichen Tuns.

Ob wir in unserem Berufsleben eine Erfüllung und Zufriedenheit finden, hängt auch von der Arbeitsbelastung ab: Ist sie zu hoch oder zu gering? Werden wir gefordert und angespornt, oder sind wir als Arbeitnehmer nur ein Mittel zum Zweck des wirtschaftlichen Erfolgs? Bewegt sich die Arbeitsbelastung im Rahmen unserer Möglichkeiten, werten wir dies positiv. Erfüllt sie unsere Erwartungen, haben wir das Gefühl, gebraucht zu werden, und arbeiten mit Engagement und Eifer auf höchstmöglichem Niveau weiter. Ist der Arbeitsbelastungsgrad sehr niedrig, so langweilen wir uns. Mit der Zeit sinkt unsere Arbeitsmotivation gegen null. Wird der Belastungsgrad dagegen zu hoch, so wird auch das als negativ empfunden, da die verlangte Arbeit uns überfordert. Langfristig fühlen wir uns demotiviert und gestresst. Langfristige Unzufriedenheit und Stress machen uns schließlich krank. In der präzisen deutschen Sprache beinhaltet das Wort »Beruf« schon in sich die Bezeichnung für eine Befähigung zu einer bestimmten Lebensaufgabe – die »Berufung«. Unsere Neigungen, Talente, Fähigkeiten, Vorlieben sollten uns unseren Berufsweg vorzeichnen und ebnen.

Wenn wir auf unsere innere Stimme hören und uns auf ihre Richtigkeit verlassen, dann können wir nichts falsch machen. Im Idealfall machen wir schließlich unser Hobby zum Beruf. Wenn dies so ist, befinden wir uns in einer privilegierten Lage. Spielen in unserer Berufswahl andere Faktoren eine Rolle, kann uns die Entscheidung im Laufe der Zeit unzufrieden und unglücklich machen. Die Macht, das Geld, sozialer Druck, das Ansehen, saubere Hände verleiten uns vielleicht zu der Annahme, eine gute Berufswahl getroffen zu haben. Es bleibt aber immer noch die Frage nach der Erfüllung und Zufriedenheit. Vermissen wir da nichts? Ein dickes Konto, aber gestresst und unglücklich? Viel Geld und ein erfülltes Leben – am liebsten beides! Das aber, wie auch sonst vieles im Leben, ist relativ. Die Prioritäten jedes Einzelnen von uns gestalten sich nämlich sehr unterschiedlich. Was für den einen wichtig ist, ist für den anderen ohne Bedeutung. Was für den einen ein Traum ist, ist für den anderen eine Belastung.

Wie viel ist viel und wie viel wenig? Alleine der Begriff Glück bedeutet für jeden etwas anderes. Das Gleiche gilt auch für den Traumberuf. Wir alleine limitieren unsere beruflichen Möglichkeiten. In verschiedenen Berufen werden nämlich unterschiedliche Kompetenzen gefragt. Vor einer Berufswahl müssten sie jedem bekannt sein. Wer kein Blut sehen kann, der kann kein Arzt oder Metzger werden. Auch andere berufliche Anforderungen stellen eine Barriere dar. Das umstrittene Zölibat sollte einem zukünftigen katholischen Pfarrer bewusst sein. Wer nicht schwimmen kann, kann unmöglich ein Rettungsschwimmer werden. In einem Weiterbildungskurs für eine bestimmte manuelle Behandlungsmethode, bei der man einem Menschen, wie in unserem Beruf üblich, körperlich sehr nahe kommen muss, habe ich eine teilnehmende Heilpraktikerin getroffen, die weder berührt werden wollte noch jemanden anfassen konnte. Der Kurs war nicht gerade billig. Schade um ihre Zeit und ihr Geld, weil sie die Methode nicht praktisch umsetzen konnte.

In allen sozialen Berufen, wie auch dem des Physiotherapeuten, ist es wichtig, den Menschen, mit denen wir arbeiten, unsere Wertschätzung entgegenzubringen. Als Therapeuten müssen wir sie spüren lassen, dass sie für uns – und darüber hinaus auch für andere – von Bedeutung und wertvoll sind; dass sie als Menschen, so wie sie sind, mitsamt ihren Problemen und Nöten akzeptiert und in Ordnung sind. Hier geht es nicht um Moral, Logik, richtig oder falsch, sondern um das menschliche Gefühl. Empathie bringt uns weg von Bewertung und Manipulationen hin zum Verständnis und damit zur Akzeptanz dessen, was ist. Es ist die Fähigkeit, sich in die Situation des anderen hineinzuversetzen und mit ihm zu fühlen, ihn zu verstehen und zu akzeptieren.

Als Therapeut ist es fundamental wichtig, sich professionell zu verhalten und sich als Mensch treu zu bleiben, also der zu sein, der man wirklich ist. Zusammenfassend muss es uns plausibel sein, dass speziell in dem Beruf eines Physiotherapeuten nicht nur körperliche und manuelle Fertigkeiten von Vorteil, sondern auch soziale Kompetenz unabdingbar sind. Laut Definition werden unter Sozialkompetenz alle die Fähigkeiten zusammengefasst, die uns erlauben, effektiv mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten. Das heißt, wir müssen unsere Kompetenzen wie auch unser Tun auf die gemeinschaftlichen Bedürfnisse ausrichten und unsere individuellen Handlungsziele mit den Einstellungen und Werten anderer Menschen, nicht nur unserer Patienten, verknüpfen.

Die Merkmale der sozialen Kompetenz werden in vier Hauptgruppen zusammengefasst (Quelle »karierebibel.de«). Die Auflistung der einzelnen hervorstechenden Eigenschaften lässt dich erkennen, in welchem Ausmaß die Merkmale auch auf dich zutreffen. Die erste Gruppe beinhaltet Charaktereigenschaften, die den Umgang mit dir selbst beschreiben. Wenn du ein gewisses Selbstbewusstsein, eine gesunde Selbsteinschätzung besitzt, auch diszipliniert und eigenverantwortlich arbeiten kannst und emotionale Reife hast, dann bist du mit dir im Reinen. Die zweite Gruppe beschreibt den Umgang mit anderen. Hier sind deine Menschenkenntnisse gefragt, dein Einfühlungsvermögen und deine Empathiefähigkeit. Wie steht es um Toleranz, Zivilcourage und Hilfsbereitschaft? Kannst du auch Kritik vertragen, ohne Umgangsformen zu verletzen und Respekt vor den anderen zu bewahren? Bist du kommunikationsfähig und gleichzeitig auch kompromissbereit? Wenn du diese Fragen mit Ja beantworten kannst, dann kannst du für andere ein guter Partner sein. In der Gruppe Zusammenarbeit geht es um Teamfähigkeit, Kooperationsbereitschaft, Konfliktfähigkeit, Motivationsfähigkeit und Lernbereitschaft. Die erwähnten Eigenschaften helfen jedem, in einem Team zu bestehen. Und lernen von anderen kann man immer. Zuletzt noch die Merkmale, die dir erlauben zu erkennen, ob du in der Lage bist, die Menschenführung zu übernehmen. Kannst du in einer Gruppe Verantwortung übernehmen, sie als Vorbild führen und mit deiner Überzeugungskraft als auch Durchsetzungsfähigkeit motivieren? Kannst du auch mit Fairness und Gerechtigkeit punkten? Dann bist du, die anderen Sozialkompetenzen eingeschlossen, eine perfekte Führungskraft.

1.3 Krankheit, Schmerz, Invalidität

Keine Krankheit ohne Ursache, kein Schmerz ohne Grund. Solange der Körper sich in einem psychosomatischen Gleichgewicht (Homöostase) befindet, ist der Mensch gesund. Hier geht es nicht um Gesundsein im Sinne von »mens sana in corpore sano« (»Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper«) nach dem vielfach zitierten römischen Satirendichter Juvenal (um 60 n. Chr.). Seine Aussage, aus dem Kontext genommen, könnte suggerieren, dass nur einem körperlich starken Menschen ein gesunder Geist innewohnt. Juvenal empfiehlt hingegen, dass man sich sowohl um körperliche als auch um geistige Gesundheit bemühen sollte. In der psychosomatischen Homöostase geht es um die Wechselwirkung zwischen dem Körper und dem Geist. Ihre gegenseitige Beeinflussung muss auch in der physiotherapeutischen Behandlung Berücksichtigung finden. Das Gleichgewicht wird von unzähligen miteinander gekoppelten physiologischen Prozessen gehalten. Der momentane Zustand des Körpers wird ständig von äußeren Faktoren beeinflusst. Die Reize können passiver Natur (z. B. das Wetter) als auch aktiver Natur (z. B. Sport) sein.

Das Homöostasesystem passt den aktuellen Zustand das Körpers dem Idealzustand für eine bestimmte Situation an. Jeder Regelungsvorgang führt zur Anpassung an die Veränderungen und gibt eine Vorlage für den Fortschritt. Das wird zum Beispiel in Trainingseffekten im Sport oder in Genesungsfortschritten der Patienten auf Grund physiotherapeutischer Behandlungen deutlich sichtbar. Wird das homöostatische Gleichgewichtssystem durch Reize überfordert, die sich außerhalb eines Toleranzbereiches befinden, reagiert der Körper mit Missempfindungen und Schmerzen. Sie wiederum führen die Menschen in der Regel zum Arzt und in bestimmten Fällen zu uns, den Physiotherapeuten. Unsere primäre Aufgabe in diesen Fällen ist es, die Ursachen des Unwohlseins zu erkennen und zu bekämpfen und dadurch die Schmerzen zu beseitigen oder zu lindern.

Wie schon ganz am Anfang dieses Kapitels erwähnt, gibt es keine Krankheit ohne Ursache und keine Schmerzen ohne Grund. Den wirklichen Grund einer Erkrankung zu finden ist das Fundament einer wahren Heilung. Die Symptome zu beseitigen oder den Schmerz zu unterdrücken, ist wahrlich keine Lösung. Der Schmerz nämlich ist keine Krankheit, sondern ein Signal. Er zwingt uns, ein schädliches Tun zu unterlassen oder informiert uns als lebenswichtiges Frühwarnsystem über im Körper entstandene Funktionsstörungen. Schmerz ist eine der wichtigsten Anzeigen, die der Organismus besitzt, um auf Erkrankungen hinzuweisen und deren Erkennung zu ermöglichen. Wird der Schmerz immer wieder mit Spritzen und Tabletten zum Schweigen gebracht, ohne dessen Ursache zu bekämpfen, mutet man dem Körper mehr zu, als er momentan zu leisten imstande ist. Der Schmerz ist als die Sprache des Körpers zu verstehen, wie ein Geschrei eines Säuglings, der nur auf diese Weise sein Unwohlsein kommunizieren kann.