Picknick im Zauberland - Aljonna Möckel - E-Book
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Picknick im Zauberland E-Book

Aljonna Möckel

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Beschreibung

Bei „Picknick im Zauberland“ vermutet man zunächst ein Märchen oder einen Roman, doch es ist weder das eine noch das andere. Aber um Literatur in ihrem breiten Spektrum geht es durchaus: Die Autorin gibt dem Leser auf unterhaltsam-spannende, oftmals amüsante Art Einblick in die schöne, verantwortungsvolle und zugleich schwierige Arbeit des Übersetzens. Ihre Erinnerungen an die russische Literatur verbinden sich mit heiteren, oftmals jedoch tragischen Ereignissen ihres Lebens. Nahegebracht werden uns berühmte Schriftsteller wie Arkadi und Boris Strugatzki mit ihrem bekannten SF-Roman „Picknick am Wegesrand“ oder der Dichter Jewgeni Jewtuschenko, der mit seinen Lyrik-Lesungen ganze Stadien füllte. Neben „ernsthaften“ Autoren (Krupin, Litschutin) hat Aljonna Möckel über fast fünfzig Jahre hinweg zahlreiche Kinderbücher (Bulytschow, Rasputin) sowie Humor und Satire ins Deutsche gebracht, darunter Texte des bedeutenden ukrainischen Schriftstellers Ostap Wischnja oder des Dagestaners Admedchan Abu-Bakar. Damit hat sie eine Brücke zwischen Sprachen und Kulturen gebaut. Die Autorin stellt uns zudem einige gemeinsam mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Klaus Möckel, verfasste Kinderbücher und Lebensberichte vor. Im Buch finden sich auch Rezensionen, Fotos, Illustrationen sowie einige Bilder, gemalt von ihrem behinderten Sohn, dem beide seit über fünf Jahrzehnten hilfreich zur Seite stehen. So bietet „Picknick im Zauberland“ eine Vielfalt von Aspekten: Information zu literarischer Übersetzung und fast Vergessenem, Hommage an künstlerische Sprache und nicht zuletzt Bericht über ein sehr besonderes Lebenswerk.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 157

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Impressum

Aljonna Möckel

PICKNICK IM ZAUBERLAND

Mein Leben mit Sprachen

Das Buch erschien 2023 in der Edition D.B. in Erfurt

ISBN 978-3-96521-829-1 (E-Book)

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

© 2023 EDITION digital® Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinn7ow Tel.: 03860 505788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.edition-digital.de

Für Klaus, der mir in allem zur Seite stand

Sprache ist eine Naturgewalt

Wladimir Krupin

Erster Teil

1

Übersetzung, das ist bekannt, vermittelt zwischen den Kulturen. Will sie gut vermitteln – und das ist schließlich ihr Ziel –, muss sie den Reiz des Fremdartigen erfassen und so in die eigene Sprache bringen, dass der Text reizvoll bleibt, aber nicht fremd wirkt. Die Wörter, auch der Stil müssen dem Original entsprechen, ohne dass es etwas von seiner Ursprünglichkeit verliert. Der Autor sollte sich in der Übersetzung wiederfinden, so als hätte er sie selbst angefertigt, und mit seinen Absichten, seinen Gefühlen zu erkennen sein. Wie auch mit der Welt, die ihn umgibt und über die er schreibt. Gelingt solche Wiedergabe, darf man das getrost Kunst nennen. Wobei ich mich frage, wie es um meine Arbeiten steht. Ist mir bei den zahlreichen Übersetzungen, die von mir in die Öffentlichkeit gelangt sind, manchmal so etwas wie Kunst gelungen? Nichts ist vollkommen, aber einige Zeugnisse von Autoren und Fachleuten belegen, dass mir die Annäherung ans Original hier und da ganz gut geglückt ist.

Als ich meinen ersten Auftrag bekam, die Übertragung einer kleinen, einfachen, aber lustig-phantastischen Erzählung, war ich Mitte Zwanzig. Nichts ließ bis dahin vermuten, dass ich einmal als literarische Übersetzerin arbeiten würde. Ich hatte an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena Slawistik und Romanistik studiert, schrieb meine Abschlussarbeit (einen Hang zur russischen Literatur hatte ich, wie’s scheint, schon damals) über den bekannten russischen Autor Anton Tschechow , war nach dem Staatsexamen 1963 Lehrerin geworden und dann auf Wunsch meines Professors an die Universität zurückgekehrt. Eine wissenschaftliche Laufbahn schien sich abzuzeichnen.

Hilfreich bei meinen Übertragungen waren ererbte und anerzogene Eigenschaften, die man für gewöhnlich unter dem Begriff Talent zusammenfasst. Daneben aber auch die Besonderheiten eines Lebens, das ganz und gar nicht problemlos verlief. So wuchs ich, 1941 als Emigrantenkind in Moskau geboren, während eines grausamen Krieges zunächst zweisprachig auf. Mit den Kindern auf der Straße sprach ich Russisch, was meinen Eltern – Vater stammte aus Hildesheim, Mutter aus Hannover – nur recht war, denn in einem System, das oft harsch mit uns verfuhr, wollte man nicht noch durch die deutsche Sprache auffallen. Jedenfalls wurde ich, als die Familie 1947 nach Berlin zurückkehren durfte, von den Russischlehrern für meine akzentfreie Aussprache gelobt, von den deutschen Kindern jedoch als „Russki, Russki“ verhöhnt. Das wurmte mich sehr, und so gewöhnte ich mir recht schnell das „Berlinern“ an.

Russisch sprechen konnte ich also schon als Kind, Russisch lesen und schreiben hingegen lernte ich kurioserweise erst in Deutschland. Weil meine deutschen Sprachkenntnisse für den Besuch einer deutschen Schule nach unserer Rückkehr 1947 nicht ausreichten, kam ich zunächst in die Russische, danach in die Deutsch-Russische Schule in Berlin-Pankow. Nach der dritten Klasse stand dann der Wechsel in eine deutsche Schule an: Allerdings schickte man mich aus „Altersgründen“ – ich war nicht, wie in Deutschland üblich, mit sechs, sondern erst mit sieben Jahren eingeschult worden – gleich in die fünfte Klasse, die vierte musste ich überspringen. Das bedeutete eine gewaltige Umstellung für mich, wurden doch jetzt alle Fächer, auch die naturwissenschaftlichen, ausschließlich in Deutsch unterrichtet!

In Erinnerung ist mir mein erstes Deutsch-Diktat , Thema: Muttertag. Wie im Russischen üblich, schrieb ich sämtliche Substantive klein, was mir der Lehrer jedesmal als Fehler mit einem dicken Rot anstrich. Am Ende gab es mehr Rot als Blau in meiner Arbeit, dennoch prangte als Zensur unten eine „Fünf“! Ich wunderte mich kurz und wollte mich schon freuen, begriff dann aber: Das war keineswegs die Bestnote, wie ich sie aus meinen bisherigen Schulen kannte!

Die Lektion mit den Substantiven hat sich mir fest eingeprägt, und überhaupt bemühte ich mich fortan, im Deutschen „sattelfest“ zu werden. In diesem Zusammenhang gewöhnte ich mir das „Berlinern“ wieder ab, und auch der noch immer leicht vorhandene russische Akzent mit dem rollenden „Rrr“ verschwand nach und nach.

Doch nun zurück zu meinen Eltern. Mein Vater war Musikprofessor, er übersetzte und schrieb darüberhinaus Gedichte. Meine Mutter, eine Musikstudentin, war Anfang Zwanzig gewesen, als sie mit meinem Vater Deutschland verließ. Gertrud musste früh erwachsen werden, brachte unter schwierigen Bedingungen vier Kinder zur Welt, von denen eins, ein Mädchen, kurz nach der Geburt starb. Bei all dieser physischen und psychischen Belastung trug sie mit ihren Strickarbeiten und deren Verkauf auf dem Markt wesentlich dazu bei, die Familie während der harten Exiljahre finanziell über Wasser zu halten; das karge Gehalt meines Vaters für seine zeitweilige Lehrtätigkeit reichte kaum für das Nötigste. Endlich wieder in der Heimat, arbeitete Mama, die offenbar sehr gut Russisch sprach, als Dolmetscherin, bis sie uns im Frühjahr 1948 für immer verließ. Ich war gerade mal sieben, als ich sie eines Morgens vor dem Gasherd in der Küche fand. Ich erinnere mich an den ungeheuren Schreck, der mich das Haus zusammenschreien ließ, und an die Ascheflöckchen in ihrem schwarzen Haar – weiße, ganz und gar nicht leuchtende Sterne.

Gas – Recha, meine Großmutter väterlicherseits, die ich nie kennenlernen konnte, wurde um das Jahr 1942 als Jüdin ins Konzentrationslager Sobibor nahe Lublin deportiert, wo sie in der Gaskammer ums Leben kam. Mein Vater sprach mit uns Kindern nie über seine Familie, auch nicht über die Nazizeit oder die Probleme und Repressalien, denen er im dreizehn Jahre währenden Exil unter Stalin ausgesetzt war – Letzteres durfte er wohl nicht. Selbst die Verbannung nach Sibirien, wo in Tomsk bei minus vierzig Grad im Winter 1938 mein Bruder Wolfgang zur Welt kam, war kein Thema.

Hermann und Recha Bach mit den Söhnen Erwin (stehend) und Hans, Hildesheim 1911

Erwin Johannes Bach, Berlin 1953

Bach an der Schreibmaschine, Berlin, Anfang der Fünfzigerjahre

Am Klavier, Anfang der Fünfzigerjahre

„Die vollendete Klaviertechnik“ von E. J. Bach, 1929 erstmals erschienen, war ein gewichtiges Werk, das wegen der darin vorgestellten neuen Technik des Klavierspiels die Fachwelt stark polarisierte.

Mama Gertrud mit Aljonna 1943

Mama Gertrud mit den Kindern Wolfgang, Hans und Aljonna 1946 in Taschkent

Meine Mutter Gertrud war eine liebevolle, aber immer ernst wirkende Frau, die über die harte Zeit der Emigration offenbar nicht hinwegkam und Depressionen entwickelte. Doch von ihr habe ich den weichen russischen Akzent geerbt und die Fähigkeit, mich in die Seele dieses freundlichen Menschenschlags hineinzuversetzen. Vom Vater stammt eher die Beharrlichkeit, nach treffenden Formulierungen und Redewendungen zu suchen. Er wusste die Worte kraftvoll zu setzen, liebte die Genauigkeit und einen eleganten Stil, verstand sich aber auch auf das Humorvolle in der Literatur.

Nach Gertruds Tod kamen meine Brüder und ich ins Internat der Pankower Schule und nur an den Wochenenden nach Hause. Vater musste ja arbeiten; seine Stelle als Leiter der Internationalen Musikbibliothek füllte ihn tagsüber aus, das Schreiben und Nachdichten verlegte er in die späten Abend- und Nachtstunden. Einige Zeit später heiratete Vater neu, eine vierundzwanzig Jahre jüngere Frau, in die er sehr verliebt war. Sie war knappe dreißig, hatte keine eigenen Kinder und nahm meine älteren Brüder und mich – wir waren mittlerweile zwischen neun und sechzehn – gewissermaßen als „Mitgift“ in Kauf, die mein Vater in die Ehe brachte. Natürlich mochte sie uns, organisierte geschickt den Alltag der Familie mit Hilfe einer Hausangestellten, die ihr vom ersten Tag an zur Seite stand und die auch bei uns wohnte. Mit unserer neuen Mutter feierten wir „richtige“ Weihnachten, sie achtete auf unser Äußeres, und in den ersten Jahren verlief auch alles recht harmonisch. Doch in dem Maße, wie wir heranwuchsen, gestaltete sich das Zusammenleben schwieriger, so dass wir Kinder aus dem Haus strebten. Mein Bruder Hans, der Älteste, nahm ein Geschichtsstudium in Moskau auf; Wolfgang, der Mittlere, kaum volljährig geworden und mit dem Abitur in der Tasche, zog nach Jena, um Geologie zu studieren. Auch ich wollte nach Abschluss der Oberschule fort aus Berlin – bei mir sollten es Sprachen sein! Gern wäre ich an die Uni in Rostock gegangen, denn ich mochte die Ostsee, den Norden mit seinen bedächtigen Menschen und der sympathisch breiten Aussprache. Während der Oberschulzeit hatte ich in den Sommermonaten oft als Gruppenhelferin in Kinderferienlagern auf Rügen gearbeitet – daher wohl meine Liebe für diese Region. Doch den Ausschlag gab letztlich Bruder Wolfgang, der mich nach Jena lotste, weil er sich dort „so allein“ fühlte. Was freilich, wie ich schnell herausfand, gar nicht stimmen konnte, hatte er doch als charmanter Bursche stets ein paar attraktive Studentinnen um sich. Für mich erwies sich Jena in der Folge übrigens als Glücksfall, denn hier lernte ich meinen späteren Mann kennen.

Doch bevor es dazu kam, spielte mir im Sommer 1961 das Schicksal ein weiteres Mal übel mit. Mein Vater erlitt einen Schlaganfall und starb wenig später nach einem Suizidversuch. Eine Sinfonie, die er komponiert hatte, war trotz all seiner Bemühungen nicht zur Aufführung gekommen, und mit nunmehr gelähmter Hand konnte er auch sein geliebtes Klavierspiel nicht mehr ausüben.

Wieder war ich es, die ihn fand, als er mit aufgeschnittenen Pulsadern in der Badewanne lag – ein Bild, das sich fest in mein Gedächtnis brannte. Ich war für ein paar Tage in den Semesterferien nach Berlin gefahren und allein mit ihm zu Hause; Vater hat die Stunde genutzt, da ich Milch fürs Frühstück holen ging. Den Abschiedsbrief allerdings richtete er an seine Frau, die zu diesem Zeitpunkt mit unserem Nachbarn, einem angesehenen Chefarzt, auf Reisen war. Ich konnte sie nicht erreichen, genau so wenig wie meine Brüder, von denen der eine bei seiner künftigen Frau in Moskau weilte, der andere auf einer Expedition in der fernen Mongolei … Ich schweife ab. Da mein Vater jedoch nicht nur Musiker war, sondern auch ein guter Übersetzer und Nachdichter, ist diese Abschweifung hier wohl angebracht. Er starb übrigens in den Tagen des Mauerbaus, weshalb ich damals kaum etwas von diesem epochalen Ereignis mitbekam.

Dass ich mich wenige Jahre später dem Übersetzen zuwandte, hat auch mit meinem Mann zu tun, der 1963 nach Berlin gewechselt war und nun bei einem bekannten Verlag arbeitete. Er holte mich zurück in die Stadt, in der ich jahrelang zu Hause gewesen war und in die ich auf Grund der bedrückenden Familienerlebnisse nicht unbedingt hatte zurückkehren wollen. Ich begann gleichfalls im Verlag zu arbeiten und bereitete mich auf die Geburt unseres Kindes vor. Wir konnten damals nicht ahnen, dass es sich um ein „besonderes“, ein behindertes Kind handeln würde – alles ließ sich ganz normal an …

Über Dan haben wir mehrfach geschrieben, und es wird von ihm weiterhin die Rede sein, solange wir in der Lage sind, ihn zu unterstützen. Neben seiner Taubheit und der fehlenden Sprache ist es die geistige Schädigung, die das Verhältnis zu ihm vor allen in den ersten zehn Jahren so schwierig machte. Mit seiner Geburt änderte sich unser Leben grundlegend. Nur wer ein solches Kind aufgezogen hat oder es wenigstens versuchte, kann sich in unsere Lage versetzen.

Für Kinder wie Dan gab es in jenen Jahren in der DDR keine Krippenplätze oder anderweitige Betreuung. Wir hatten ihn zu Hause, und ich musste meine Stelle im Verlag aufgeben, um ihn versorgen zu können. Mein Kind aber forderte all meine psychische und physische Kraft, denn es begehrte gegen seine Umwelt auf, mit der es nicht kommunizieren konnte.

Ich brauchte, um irgendeinen Ausgleich zu finden, dringend eine Arbeit, die ich zu Hause erledigen konnte und die vielleicht ein wenig Spaß machte. Auch unserer nicht so üppigen Haushaltskasse würde ein Zuverdienst gut tun, denn mein Mann hatte, um mich zu entlasten, im Verlag einen Tag pro Woche unbezahlt freigenommen.

Mit Literatur war ich vertraut – sprachlich glaubte ich ebenfalls zurechtzukommen. Außerdem hatte ich einen Partner zur Seite, mit dem ich schwierige Textstellen besprechen und Probleme gemeinsam lösen konnte. Ich bewarb mich also und musste feststellen, dass man nicht auf mich gewartet hatte. Besonders in dem Verlag, wo ich bereits angestellt gewesen war, nahm man mir übel, dass ich plötzlich auf „freischaffend“ machen wollte. Es kostete einige Mühe, die Sache mit unserem Sohn zu erklären, doch nach und nach gelang mir der Einstieg in den für mich neuen Beruf. In der DDR waren Autoren aus dem Land des „großen Bruders“ hoch angesehen, und für Russisch-Übersetzer gab es jede Menge Arbeit. Dass ich es zunächst hauptsächlich mit einem speziellen Zweig der Literatur zu tun bekam, der SF, die bei uns Wissenschaftliche Phantastik hieß, ist im Grunde nicht verwunderlich. Die Menschen lechzten nach Unterhaltung, und auf diesem Gebiet gab es Abenteuer, Weite, Spaß. Ähnlich wie im Krimi konnte hier auch versteckt Kritik untergebracht werden – der gewitzte DDR-Bürger verstand sich darauf, zwischen den Zeilen zu lesen.

2

Da ich die ersten Erzählungen offenbar ganz gut übersetzt hatte, bekam ich bald längere Texte angeboten. Wegen Dan, der auf Grund seiner Schädigung sehr „umtriebig“ war, wie es die Neurologen ausdrückten, von morgens bis abends laute Quietschtöne von sich gab und in den ersten fünf Jahren kaum eine Nacht durchschlief, zog ich die kürzeren Texte vor – da war man schneller am Ende. In „Hoffnung für Dan“, einem Buch meines Mannes von 1983, das wir Seite für Seite gemeinsam konzipierten, ist das mehrfach beschrieben. Meine Erfahrungen mit unserem Kind, meine Gefühle und mein Schmerz stecken in jeder Zeile. Ich erlaube mir, zwei Stellen zu zitieren:

Eine Erzählung aus Dagestan liegt zum Übersetzen auf meinem Tisch, sie handelt von einem Lahmen und einem Einäugigen, die gemeinsam auf dem Weg durch die Berge sind. Der Einäugige versucht Melonen zu stehlen, und der Lahme, der sich vergeblich bemüht, ihn von diesem Vorhaben abzubringen, bekommt die Prügel dafür. Er kriegt sogar noch eine zweite Tracht, die dem Weggenossen zugedacht war …

Ich habe gelacht, als ich die Geschichte las, sie belustigt mich immer wieder, vielleicht gefällt sie mir so, weil ich mir oft selbst wie der Lahme vorkomme, der vom Schicksal gebeutelt wird, ohne was verbrochen zu haben. Ich möchte mich an die Arbeit machen, am liebsten sofort, doch im Augenblick geht es nicht. Die „Schonzeit“ nach meinem Zusammenklappen ist vorbei, ich stehe wieder voll im Programm. Morgens Dan versorgen, danach Einkäufe und (heute zusätzlich) mit ihm zur Ärztin. Im Haushalt ist trotz Klaus’ Hilfe etliches liegengeblieben, der Abgabetermin für meine Übersetzungsarbeit ist überzogen.

Das Frühstück nehmen wir getrennt ein. Dan, der uns mit seiner Zappeligkeit die Ruhe raubt und für jeden Bissen endlos lange braucht, kommt zuerst dran. Dann – er ist wieder in seinem Zimmer – essen wir eine Kleinigkeit, ich am wenigsten, denn ich muss ja nicht zur „Arbeit“. Die eigentliche Tortur beginnt, wenn Klaus weg ist, wie beneide ich ihn, dass er einfach so aus dem Haus gehen kann. Es ist die Zeit, da ich mich bereits als Übersetzerin versuche, wenigstens drei, vier Seiten in der Woche will ich schaffen. Doch woher soll ich die Konzentration nehmen. Ich setze mich im Wohnzimmer an den Tisch, Dan ist nebenan mit irgendwelchem Spielzeug beschäftigt, das er freilich nur herumwirft, und schon stimmt er seinen Gesang an. Eine halbe Seite, denke ich, morgens bin ich noch am frischesten, einem verschollenen Raumschiff muss ich auf die Spur kommen, der Verlag hat mir eine phantastische Erzählung anvertraut. Also: „Petrow sah den Bordingenieur vielsagend an und schaltete das Funkgerät auf Empfang …“I–h, i–h“ … nein, das ist nicht das Funkgerät, das ist mein Sohn, kann er denn nicht eine Minute damit aufhören. Ich springe hoch, renne rüber, reiße die Tür auf. Er hört mich nicht kommen; er sitzt mit dem Rücken zu mir, schaut auf die Wand, wo ein Sonnenkringel tanzt, und gibt seine monotonen Laute von sich. Ich bin entwaffnet, doch damit ist mir nicht geholfen. Um etwas zu tun, tippe ich ihn an, deute auf seinen Mund: Er soll ihn schließen, still sein. Er sieht mich verständnislos an – das heißt, manchmal glaube ich, dass er durchaus begreift, mich aber absichtlich herausfordern will, und dann könnte ich mit Fäusten auf ihn losgehen. Er verstummt für den Augenblick, ich kehre an meinen Arbeitsplatz zurück, greife zum Buch: „Die beiden Männer, in ihren Sesseln nach vorn gebeugt, lauschten angespannt. Ihr Ruf war nach draußen gedrungen in den unendlichen Kosmos – würde eine Antwort erfolgen?“ – Die Antwort erfolgt nicht, jedenfalls im Moment nicht, mein Sohn quietscht erneut los. Wie, zum Donnerwetter, soll ich da einen klaren Gedanken fassen. Wenigstens zehn Minuten müsste man haben, um reinzukommen.

Einen geriebenen Apfel, ja, das ist es, er soll sowieso viele Vitamine erhalten. Ich sause in die Küche, reibe den Apfel, serviere ihn auf einem Plastiktellerchen. Dan ist erfreut, er strahlt mich dankbar an, aber er möchte, dass ich ihm den Löffel in den Mund schiebe. Was habe ich davon, er soll den Obstbrei selbst vertilgen, er kann das. Ich lasse Dan mit dem Teller sitzen, kehre zu Petrow zurück, der nun, nach langem, vergeblichen Warten auf Antwort, den Kurs in Richtung eines fürchterlichen schwarzen Lochs ändert, eines komprimierten Sterns, der alle Körper mit gewaltiger Anziehungskraft in sich einsaugt. „Sie flogen mit Lichtgeschwindigkeit in der unermesslichen Weite und Einsamkeit des Alls dahin.“ Ja, jetzt hab ich’s, langsam beginne auch ich dahinzuschweben. Allerdings nicht mit Lichtgeschwindigkeit und nur solange nebenan der geriebene Apfel reicht. „I–h … I–h … Ih“. Ich halte mir die Ohren zu, wäre ich doch fern von dieser Wohnung in der Einsamkeit des unermesslichen Alls. Aber ich bin hier bei Dan, niemand stellt mir ein Raumschiff zur Verfügung, und wenn, würde man mir mein Kind zwecks Betreuung und mütterlicher Pflege mit auf die Reise geben. Und ich müsste es samt Gitterbett in der Schlafkabine unterbringen. Gefangen bin ich, gefesselt, durch die Normen menschlichen Zusammenhockens.

Ich packe meine Einkaufsbeutel, greife meinen Sohn, und ab geht’s, an die frische Luft. Die soll er nämlich auch in reichlichem Maß bekommen, damit er besser schläft. Ist er im Sportwagen angebunden, habe ich ihn wenigstens unter Kontrolle. Auch da quietscht er, aber nicht so durchdringend. Immerhin, solange ich Dan im Kinderwagen halte, ist es möglich, ihn zu Besorgungen mitzunehmen. Lange kann ich zwar nicht in ein und demselben Laden bleiben, zu bald findet sich eine meist ältere Dame, die mich auf das Schreien meines Jungen aufmerksam macht, aber wenn ich die Einkäufe auf verschiedene Geschäfte verteile, geht es. Ich habe ja Zeit, muss den Tag ohnehin herumbringen.

Dann sind wir auf dem Spielplatz, Dan hockt im Buddelkasten, aber er spielt nicht, er wirft nur alles in die Luft. Seine Schippe, seine Backformen, seinen Eimer und vor allem den Sand. Er jauchzt vor Freude; der Sand stiebt, von einer leichten Windbö getrieben, zu den Bänken, wo die anderen Mütter sitzen und sich geruhsam unterhalten. Er fällt ihm in die Augen, in den Hals, ins Haar. Geschrei der fremden Kinder, die Mütter beschweren sich, ich versuche auf Dan einzuwirken, aber es nützt nichts. Wir vertreiben alle, die sich in unsere Nähe wagen, und müssen uns schließlich selbst davonmachen. Ein neuer Spielplatz, die gleichen Aufregungen. Endlich naht der Mittag, und wir kehren nach Hause zurück. Wenn er heute doch mal schlafen würde – tatsächlich, er tut mir den Gefallen. Für eine halbe Stunde, dann dringt wieder sein I–h … I–h … durch die Wände.

Soweit meine „Arbeitssituation“ über Jahre hinweg. Wir waren übrigens auch räumlich beengt. In der ersten Zeit verfügten wir lediglich über anderthalb Zimmer mit kleiner Zwischentreppe, über die wir Dans Kinderbett zur Nacht nach oben tragen mussten. Vierter Stock, Altbau ohne Fahrstuhl – eine sog. „schwervermietbare“ Wohnung: kein Bad, Außentoilette gemeinsam mit den Nachbarn, Kohleheizung, in der Küche ein Ausgussbecken mit Kaltwasser und ein Esstisch, den man mit zwei herausziehbaren Schüsseln zum Waschtisch umfunktionieren konnte – dazu die herrliche Aussicht auf einen qualmenden Schornstein.

Später bekamen wir eine bessere Wohnung, zwar immer noch zu klein, aber immerhin mit Bad und Toilette ausgestattet! Wie schon unser Domizil zuvor war es ein Altbau, an einer verkehrsreichen Hauptstraße im Kreuzungsbereich gelegen, vierter Stock, sportlich per pedes zu erklimmen, was besonders mit dem Kinderwagen eine zusätzliche Herausforderung darstellte. Als ich das Gefährt einmal kurz im Hausflur stehen ließ, hatte ein „freundlicher“ Mitmensch sich seiner bemächtigt. Ein paar Jahre später durften wir – mit Sondergenehmigung wegen Dans Behinderung – die Kohleöfen teilweise gegen Gasheizer austauschen, und auch der für uns so wichtige Telefonanschluss wurde endlich bewilligt!