Pictures 1: Was bleibt, sind Schatten - Jules Melony - E-Book
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Pictures 1: Was bleibt, sind Schatten E-Book

Jules Melony

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Beschreibung

Skyes Mission ist deutlich: Sie soll den Dealer Nate beschatten, überführen und das Lob vom Chef dafür kassieren. Es hätte so einfach sein können, wenn sie nicht einen entscheidenden Fehler begangen hätte. Statt sich endlich als Polizistin zu beweisen, muss Skye sich von Nate retten lassen und befindet sich nun auf der Flucht vor der Drogenmafia. In seinem Versteck liegen jedoch viele Geheimnisse in der Dunkelheit begraben, die die beiden an ihre Grenzen treiben. Allerdings lernt Skye, dass dort, wo Schatten sind, auch immer etwas Licht ist … Das romantische Debüt von Jules Melony.

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Seitenzahl: 460

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Beliebtheit




© 2018 Amrûn Verlag

Jürgen Eglseer, Traunstein

Covergestaltung, Illustrationen und Buchsatz: Kim Leopold,

ungecovert - Buchcover und mehr unter Verwendung von Bildmaterial von www.shutterstock.de (285120575 und 284595152)

Lektorat: Kim Leopold, ungecovert - Buchcover und mehr

Korrektorat: Tatjana Weichel, Wortfinesse

Ebook Formatierung von Sky Global Services

Alle Rechte vorbehalten

ISBN – 978-3-95869-300-5

Besuchen Sie unsere Webseite:

amrun-verlag.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für alle, die noch in der Dunkelheit stecken.Irgendwo ist auch euer Licht.

I sailed a sea of emotion,

To wander a forest of scars,

I am a dance of light and darkness,

A galaxy of shadow and stars.

- R. Queen

Inhalt

Ohrmelodie

Prolog

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Epilog

Danksagung

Ohrmelodie

My Songs know what you did in the Dark – Fall Out Boy

Runaway – Ed Sheeran

Auch wenn es gelogen ist – Tim Bendzko

Keiner kommt hier lebend raus – Donots

Cryin‘ – Aerosmith

Soldier - Gavin DeGraw

Photograph – Ed Sheeran

We Belong – Bethany Joy Lenz

I will follow you into the Dark – Death Cab for Cutie

I don’t Care – Fall Out Boy

Ohne zurück zu sehen – Tim Bendzko

Savior – Rise Against

Chariot – Gavin DeGraw

I don’t want to Be – Gavin DeGraw

Without You - Keep on Dreaming

Whiskey – Jana Kramer

Loaded Gun – Tyler Hilton

What are you waiting For? – Nickelback

Prince of Nothing Charming – Tyler Hilton

Prolog

Nach links schauen, nach rechts schauen, sich vergewissern, dass man nicht verfolgt wird. Jedes Mal derselbe eintönige Ablauf. Ein Blick über die Schulter. Jedes Geräusch genauestens wahrnehmen.

In der Ferne brummen Motoren, Stimmengewirr dringt hier und da aus dem Inneren der Gebäude hervor, und eine Dose klappert angetrieben durch den Wind über den Asphalt. Nichts Ungewöhnliches, bloß die typische Melodie dieser Gassen. Dennoch muss er sich diese Details merken.

Diese Routine gehört schon seit langem zu seinem Leben dazu. Beinahe wie atmen, nur dass ein falscher Atemzug ihn ins Gefängnis bringt.

Welch’ Ironie, stellt er seufzend fest.

Schließlich ist er der kleinen, kahlen Zelle näher als jeder andere sonst. Ein kurzes, unkontrolliertes Luftholen kann sein Leben vollkommen ruinieren.

Dieser Auftrag zeigt sich schwieriger als erwartet.

Wie geschaffen dafür ...

Hätte er doch bloß nicht auf seinen besten Freund gehört. Jetzt bereut er, dass er zugestimmt hat. Er hätte lieber die einfacheren Sachen erledigt. Solche, bei denen er nicht viel nachdenken muss, weil sie sich von selbst lösen. Hier muss er handeln, planen und viele Eventualitäten in Betracht ziehen. Er muss bei jedem Schritt mögliche Konsequenzen im Hinterkopf behalten und Notfallpläne für jede erdenkliche Situation bereitlegen.

Seufzend zieht er sich die Kapuze seiner dünnen schwarzen Jacke weit über die Stirn und geht die stinkende Gasse entlang. Obwohl der Sommer seine Höchsttemperaturen erreicht, trägt er diese dunklen Shorts und ein viel zu warmes Kurzarmsweatshirt. Viel lieber wäre ihm, er würde jetzt im Freibad liegen und das Wetter in vollen Zügen genießen.

Es hätte so einfach sein können, wenn sie nicht gewesen wäre. Wenn sie nicht ständig auftauchen würde, könnte er in aller Seelenruhe seine Arbeit erledigen. Hätten diese schokoladeneisbraunen Augen ihn nicht so interessiert angeschaut, wäre die Sache längst erledigt, und das Gefängnis hätte einen Mitbewohner mehr.

Mindestens einen, und das wäre auf keinen Fall er.

Doch jetzt hat er die Kontrolle über die Sache verloren. Er hasst dieses Gefühl, nicht alles im Griff zu haben.

Beklemmende Schutzlosigkeit – sie nagt an ihm und ruft Unsicherheit hervor. Noch nie ist er so unvorsichtig gewesen. Er schläft kaum noch, weil ihr neugieriges Lächeln immer wieder in seinen Träumen auftaucht, ehe sie kaltblütig ein Ende findet. Nichts hasst er mehr, als dass sein Unterbewusstsein die schrecklichen Seiten seines Jobs mit ihr verbindet. Zu gerne würde er sie vor dem beschützen, in das sie da gerade hineingerät.

Ray.

Er muss dafür sorgen, dass dieser Mistkerl nie wieder einen Fuß auf freien Boden setzt. Weggesperrt für immer.

Wie ein Schatten gleitet er an den dunklen Hauswänden entlang.

In den Ecken der lichtlosen Straßen sammeln sich Berge von Müll, Ratten suchen darin vergeblich nach Nahrung. Der beißende Geruch in der Luft gehört schon lange zu seinem Alltag, aber daran gewöhnt hat er sich immer noch nicht.

Dafür bezahlt man ihm nicht genug.

Heute wird eine der letzten Übergaben sein. Wenn er Glück hat und alles nach Plan verläuft, kann er vielleicht schon übernächste Woche endlich Urlaub machen.

Nur noch ein bisschen Geduld muss er haben, aber er ist diese ewige Warterei leid. Er fühlt sich wie ein Jugendlicher, der nichts Besseres zu tun hat, als Tag für Tag in der Pizzeria zu hocken und auf eine gute Zukunft zu hoffen.

Die ganze Arbeit bleibt im Moment an ihm hängen. Darauf hat er keine Lust mehr. Es muss sich etwas ändern.

Am Ende der Gasse liegt der Treffpunkt mit dem Kunden. Wieder jemand, dessen Leben ein genauso dreckiges Loch ist wie das Seine.

Schritt für Schritt nähert er sich ihm.

In seinem Rücken kribbelt es. Er sieht sich um und schüttelt den Kopf. Da ist niemand. Nur die Schatten der Häuser, sonst nichts.

Du bekommst schon Halluzinationen, denkt er schnaubend.

Zur Sicherheit duckt er sich trotzdem in die nächste größere Türausbuchtung und wartet ab. Erst hört er nichts Ungewöhnliches, aber dann nimmt er das leise Tippeln von Schritten wahr. Seine Sinne stehen auf Alarmbereitschaft, sein ganzer Körper unter Strom.

Deutlich spürt er den leichten Druck, den die Waffe unter dem Bund seiner Hose auslöst.

Die leisen Schritte auf dem Kopfsteinpflaster kommen näher. Er ergreift die zierliche Gestalt, legt ihr eine Hand auf den Mund, um ihren Aufschrei zu verhindern, und zerrt sie in die Schatten der Häuser. Sie wehrt sich panisch.

Entsetzen breitet sich in ihm aus, als er sie wenige Sekunden später erkennt.

»Was zur Hölle machst du hier?«, knurrt er sie an, bevor er sie loslässt. Ihre Augen mustern ihn ängstlich, ihre Atmung ist schnell und unkontrolliert.

»Dasselbe könnte ich dich fragen«, zischt sie zurück. Er rauft sich die Haare und schaut nervös in die Gasse. Was macht er nun bloß?

»Was treibst du hier?«, will sie wissen und späht um die Ecke der Ausbuchtung. Er zieht sie schnell zurück ins Dunkle.

»Hör zu, wir können das später ausdiskutieren, aber fürs Erste musst du dich nun hier verstecken, verstanden?« Sein Blick lässt sie verängstigt zurückweichen.

»Was?«, flüstert sie heiser. »Wer ist da draußen?«

»Ich muss da jetzt raus. Du bleibst hier und gibst keinen Mucks von dir, bevor ich nicht wieder hier bin.«

»Okay.« Sie hebt hilflos die Hände, und er wirft ihr einen scharfen Blick zu. Sie verspricht es ihm. So ganz glaubt er ihr zwar nicht, aber ihm fehlt die Zeit, ihr eine Predigt zu halten. Wenn er jetzt nicht da rausgeht, waren alle bisherigen Erfolge umsonst. Er kann nicht einfach mit ihr im Versteck bleiben, viel zu viel steht auf dem Spiel.

Er atmet tief ein, tritt aus dem Schatten und läuft weiter den Weg entlang. An der nächsten Ecke entdeckt er den Kunden, doch als dieser ihn kommen sieht, blitzt ein Grinsen auf dessen Gesicht auf. Viel zu spät bemerkt er, dass dieser Kerl nicht allein ist.

Ein Hinterhalt.

Rays Jungs treten aus der Dunkelheit ins Licht. Er erkennt ihre dämlich grinsenden Visagen sofort. Sie tragen dunkle, verschlissene Klamotten, Waffen blitzen provokant an ihren Hosen auf, und ihre Haare sind schmierig nach hinten gegelt.

Ohne es zu merken, ist er in eine Falle gelaufen. Nur, weil er mit den Gedanken ständig bei ihr ist.

So ein Mist!

Er weiß, dass die Männer nur aus einem Grund hier sind. Sie verlangen die Bezahlung der Schulden. Die Scheine für die letzte Ware, die sowieso nichts getaugt hat. Doch seine Leute können dieses Fenster noch nicht schließen. Sie brauchen dieses eine kleine Schlupfloch zu Ray noch.

»Ray will seine Kohle! Wir haben dir genug Zeit gegeben, mehr, als alle anderen je bekommen haben. Du weißt ganz genau, dass seine Geduld irgendwann zu Ende geht!« Ray lässt sich nicht gerne erpressen – denn meistens ist er es, der andere erpresst.

Sie hatten ihm erstaunlich viel Zeit gelassen. Wochen waren vergangen, ohne dass er nur ein Wort von Ray oder seinen Leuten gehört hat.

Er will etwas erwidern, doch plötzlich hört er einen grellen Klingelton. Er schreckt zusammen, genau wie die Idioten um ihn herum.

In den Schatten erkennt er ihre Umrisse sofort und hält entsetzt die Luft an.

Skye.

Diese verdammte Frau ist viel zu neugierig. Sie muss lebensmüde sein. Anders kann er sich ihr Verhalten nicht erklären. Wieso kommt sie aus dem Versteck? Jeder Blindfisch kann sie sehen!

Weiß sie denn nicht, in welcher Gefahr sie gerade schwebt?

Sie werden sie schnappen und ihr etwas antun. Eklige Dinge, die er sich nicht mal in seinen kühnsten Albträumen vorstellen will. Ihm wird schlecht.

Einer der Typen geht mit vorgehaltener Waffe zu ihr, krallt seine Hand grob in ihren Arm und nimmt ihr das Handy ab. Er zerrt sie mit sich.

Am liebsten würde er selbst jeden einzelnen von Rays Männern zusammenschlagen. Doch der Jagdtrieb der Jungs ist zu groß, und dieses Feuer darf er nicht entfachen. Er spürt ihre Blicke auf sich, sie kontrollieren seine Reaktion, seine Verbindung zu ihr.

Gleichgültig, er muss gleichgültig bleiben!

Einer der Typen liest die SMS vor, die sie auffliegen lassen hat.

Ihm wird schwarz vor Augen.

Sie ist ein verfluchter Bulle – das hätte ihm auffallen müssen. Das hätte in den Akten stehen müssen! Wieso haben sie bei ihr nicht genauer nachgeforscht? Sie wussten doch, dass ihre Freundin eine von denen ist, und dennoch haben sie Skye bloß als unbeteiligte Dritte gesehen.

Dabei ist es so offensichtlich. Wie konnte er nur so dumm sein? Warum war Julien nicht schneller? Nun steckt sie viel zu tief in der Sache drin. Sie ist genauso verloren wie er. Dabei schlägt sie sich taff, während die Kerle sich über sie lustig machen.

Wie auf Knopfdruck ertönt plötzlich das erlösende Geräusch.

Sirenen.

Sie fressen sich wie Messerstiche in sein Trommelfell und lassen sein Herz aus dem Takt geraten.

»Verdammt.«

In seiner Hosentasche vibriert sein Handy. Wenn sein Kumpel ihn jetzt warnen möchte, ist er viel zu spät dran.

Sein Kopf fühlt sich benebelt an. Ob er es wagen kann, seine Waffe zu ziehen? Würde er damit ihr Leben riskieren? Wäre er schneller als die Typen?

Unwillkürlich fragt er sich, ob er alles Notwendige bei sich trägt. Genug Geld, sein Handy und die Tabletten. Zu wenig, um lange abzutauchen.

Skye sieht verschreckt aus. Ein paar Mal sucht sie seinen Blick. Scheinbar hofft sie auf seine Hilfe. Immer wieder fixiert sie die Waffe. Sie wartet auf eine Lösung, auf den perfekten Moment. Still sehnt er sich diesen Augenblick herbei. Eine kleine Lücke, die diese Situation zu ihren Gunsten wenden könnte.

Verunsichert von den Sirenen werden die Typen unruhig. Sie reden schneller, einer fängt an zu schwitzen. Skyes Blick verändert sich, er wird entschlossen und ernst. Was hat sie vor?

Einer der Typen schaut zum Ende der Straße, und dann ist er da, der Luftholspalt. Wie aus dem Nichts wehrt sich Skye plötzlich und legt zwei von ihnen kurzzeitig lahm. Sie führt so perfekte Bewegungen aus, dass er ihr für einen Moment begeistert zuschaut. Ihre dünnen Arme, die schlottrigen Beine, sie tritt ordentlich zu. Das könnte ihm Probleme bereiten.

Bevor es zu spät ist, übernimmt er den dritten Kerl und schaltet ihn aus. Dann schnappt er sich ihre Hand und rennt los.

Er muss sie hier rausbringen. Skye hat doch mit alldem nichts zu tun. Sie ist so unschuldig und zart. Er kann nicht zulassen, dass sie zwischen die blutigen Fronten gerät.

Seine Gedanken sind durcheinander. Hinter ihnen sind Rays Handlanger, und vor ihnen wartet die Polizei. Eine von ihnen rennt an seiner Seite um ihr längst verlorenes Leben. Er ahnt nicht, dass sein eigenes nun nie wieder das Gleiche sein wird. Mit einem Bein schon über der Klippe zum Abgrund.

Lautes Heulen durchschneidet die Stille der Gassen.

Kommt es ihm nur so vor oder ist die Luft zwischen den Backsteinfassaden noch erdrückender geworden? Er kann die Sirenen keiner Richtung zuordnen. Sie könnten von überall kommen, und wahrscheinlich ist das sogar der Fall. Eine Polizistin ist involviert und in Gefahr, verflucht, natürlich werden sie aus allen Ecken und Löchern gekrochen kommen.

Sein Ziel ist das Auto. Wenn sie es dorthin schaffen, bevor ihre Leute da sind, haben sie eine Chance. Es hängen nicht nur ihre Leben davon ab, sondern viele, sehr viele andere ebenfalls.

Sie erreichen keuchend seinen Wagen, und er drückt sie ins Innere. Sie wehrt sich nicht, als er die Türen verriegelt, den Motor startet und vor dem Blaulicht flieht.

Er weiß nicht, wohin. Die Stadt ist nicht sicher. Eigentlich ist das ganze Land jetzt kein sicherer Ort mehr für sie.

Alles, was er weiß, ist, dass er eine Sekunde lang falsch geatmet hat.

Ich, wie ich den Karton meiner ersten Kamera in den Händen halte. Mit dem breitesten Lächeln, das ich je hatte.

Eins

Wie eine riesengroße, funkelnde Seifenblase schwebt mein Leben still und leicht durch die Luft, immer und immer wieder, hin und her glitzernd.

Ich frage mich, wann sie endlich platzt.

Die scheußliche Uniform klebt an mir und nagt sich in meine Haut. Wahrscheinlich haben meine Vorgänger den Beruf aufgegeben, weil sie das Kratzen des Stoffes nicht mehr ertragen konnten. Allmählich ziehe selbst ich einen Wechsel in Erwägung.

»Das ist bestimmt billig importiertes Material aus Asien«, witzelt meine beste Freundin. Maya scheitert beim Versuch, mit yogaähnlichen Verrenkungen an das Etikett im Kragen zu kommen. Sie streckt ihre Arme in den Nacken und versuchte, den Kopf auf unnatürliche Weise zu verrenken.

Ich verziehe besorgt das Gesicht. »Gleich tust du dir weh.«

Maya trägt ihre viel zu große Uniform halb geöffnet, so dass man ihr Bandshirt von AC/DC darunter erkennen kann. Ihr unordentlicher kastanienbrauner Stufenschnitt steht in alle Richtungen ab, weil sie sich alle zwei Minuten mit den Händen durch die Haare fährt.

»Du könntest mir ja mal helfen, statt hier faul herumzusitzen.«

»Vielleicht waschen sie es auch mit Juckpulver.« Kichernd stehe ich auf, gehe um unseren Schreibtisch herum und greife nach dem Etikett, um zu sehen, woher die Uniform stammt. Maya zuckt kichernd zusammen.

»Nicht kitzeln!«, zischt sie. »So etwas wie dieses Pulver gibt es doch gar nicht.«

»Das denkst du vielleicht, aber sicher bist du dir nicht. Irgendwo muss dieser Begriff ja herkommen.«

»Das ist nur ein dämliches Wort, das sich jemand ausgedacht hat, um andere zu ärgern«, erwidert sie und rollt mit den Augen.

»Andere wie dich, meinst du?«, frage ich spitzbübisch und kitzle sie mit den Fingerspitzen im Nacken.

»Skye!«, beschwert sie sich und weicht lachend aus.

»Hier steht nur, wie es gewaschen werden muss«, beschreibe ich ihr und lasse vom Etikett ab, um mich wieder auf meinen Stuhl zu setzen. Wir sitzen in unserer Dienststelle, im kleinsten Büro der Welt. Hier finden kaum ein etwas größerer Schreibtisch, die Aktenschränke und ein Wasserspender Platz. Im Sommer steht die Luft, so wie jetzt, und es ist drinnen beinahe doppelt so heiß wie draußen. Die grauen Wände werden nur durch ein einziges Fenster unterbrochen, und auch der Linoleumboden trägt nicht gerade zu einer gemütlicheren Atmosphäre bei. Irgendwann habe ich einen Duftspender mitgebracht, um wenigstens etwas Erfrischung in den Raum zu bringen. Doch der verbraucht sich hier so schnell, dass es mein ganzes Monatsgehalt kosten würde, das Ding aufrechtzuerhalten.

Maya rückt ihre Uniform zurecht und widmet sich wieder den Berichterstattungen, die sich in einem Mount-Everest-ähnlichen Berg vor uns auftürmen. Gähnend betrachte ich den riesigen Stapel. Wir werden niemals fertig, denn kaum haben wir die Spitze des Berges abgearbeitet, kommen zwei neue Haufen hinzu.

Hin und her, hin und her. Seifenblase auf und ab – ein Teufelskreis. Gibt es denn wirklich so viel Kriminalität da draußen? Jeden Tag aufs Neue, jede Woche kommen mehr und mehr Delikte dazu. Wissen die Menschen, die böse Dinge tun, denn nicht, welche Arbeit sie uns damit machen?

Wahrscheinlich nicht.

»Ich habe keine Lust mehr. Es sind 36 Grad!« Ich seufze und lasse mich nach hinten fallen.

»Irgendwann wird es besser. Dann rennen wir den richtigen Verbrechern nach«, gibt Maya hoffnungsvoll zurück, bevor sie sich den nächsten Bericht heranzieht. Der Wind weht durchs Fenster herein und wirbelt ein paar Blätter auf.

Ich versuche mir vorzustellen, wie Maya einen großen, bewaffneten Mann überwältigt, und muss grinsen. »Vorher brauchst du reichlich Proteinshakes und Fruchtzwerge.«

Sie lässt den Hefter auf den Tisch knallen und verschränkt die Arme vor der Brust – ihre typische Reaktion auf die Sprüche, die sie sich immer anhören darf. »Warum denken eigentlich alle, dass ich zu schwach bin? Es ist nicht nur die physische Stärke, die eine gute Polizistin ausmacht.«

Da hat sie allerdings recht. Beschwichtigend hebe ich die Hände. »Du siehst einfach viel zu niedlich aus. Der Dieb wird dich eher knuddeln wollen statt vor dir wegzurennen ... Aua!«

Maya hat mich gegen das Schienbein getreten. Davon bekomme ich bestimmt einen blauen Fleck.

»Du wirst neidisch sein, wenn ich einen höheren Rang habe als du, weil du ständig beim Taekwondo bist und das Wesentliche vergisst.«

»Selbstverteidigung ist das A und O«, erwidere ich überzeugt.

Maya brummelt etwas in ihren nicht vorhandenen Bart und konzentriert sich erneut auf die Berge mit Buchstaben.

»Du solltest endlich mal mitkommen, dann wirst du es auch mögen.«

»Meditationssport? Nein, danke! Hast du schon das neue Album von Rise Against gehört? Das nenne ich sinnvollen Sport!«, lenkt sie vom Thema ab und fängt an, mit ihren Fingern auf den Tisch zu trommeln.

»Nein, habe ich nicht. Und Taekwondo ist keine Meditation!«, erkläre ich lachend, aber sie wird wohl nie verstehen, warum ich den Sport so liebe.

Seit der Sache im Club bin ich versessen darauf, mich anständig wehren zu können. Unsere überheblichen Kollegen aus der Polizeischule haben meinen Entschluss dafür nur untermauert. Ständig sind wir ausgelacht worden, weil wir Frauen sind und nicht so muskelbeladen wie die Männer in unserer Klasse. Ich bin zwar nicht so klein und schmal wie Maya, aber wir haben uns die meiste Zeit besonders gut angestellt, um die männlichen Kollegen eines Besseren zu belehren. Eine gute Verteidigung braucht jeder Polizist, vor allem, wenn jener auch noch eine kleine, 25-jährige Frau ist. Und beim Taekwondo lernt man als erstes, wie man geschlagen wird, bevor man schlägt. Es gibt mir ein gutes Gefühl, und manchmal ist es auch besser als jede Entspannungstherapie. Irgendwann zahle ich den Jungs all das dämliche Gelächter heim.

Irgendwann, Skye.

»Geschafft!« Maya blickt erleichtert zur Wanduhr, die uns mit ihrem bedrohlichen Ticken schon oft genug den letzten Nerv geraubt hat.

»Endlich!« Ich stöhne freudig auf. Schnell klappen wir die Hefter zu und packen unsere Sachen zusammen. Maya ist schon dabei, ihre Bluse aufzuknöpfen, während ich noch das aktuelle Dokument abspeichere. Nachdem wir den Computer heruntergefahren haben, verlassen wir das Büro.

»Gleich ins Mo?«, hake ich nach.

»Das fragst du noch?«

Auf dem Weg zum Auto begegnen wir unserem Chef Lutz Meier. Er baut sich in perfekt sitzender Uniform vor uns auf.

Was will der denn jetzt noch? Wir haben Feierabend!

»Beth hat sich krankgemeldet«, erklärt er uns.

Beth? Krank?

Ich blicke Lutz ungläubig an.

Das ist ungewöhnlich. Bethany Bern, unsere Vorzeige-ich-schaue-Make-up-Tutorials-Polizistin, ist nie krank!

»Ihr zwei übernehmt die nächsten Spätschichten auf Streife«, weist Lutz uns an.

Wir ...? Was? Überrascht schaue ich Maya an, die mich genauso verblüfft anblickt, wie ich mich fühle.

»Aber wir dürfen doch nicht alle-«, protestiert Maya.

»Keine Sorge. Ihr bekommt nur die harmlosen Fälle. Ist schon alles besprochen. Eigentlich hätte ich ja eine von euch zu Joel geschickt, aber der ... hilft mir solange in der Leitstelle, bis ... Bethany wieder gesund ist.«

»Was heißt, wir bekommen die harmlosen Fälle?«, hakt Maya angespannt nach.

»Na, die kleinen Sachen eben, Lärmbelästigung, Unfallstellen absichern ... Wollt ihr lieber weiter am Schreibtisch sitzen? Alle anderen wären froh, vom Schreibtisch wegzukommen.« Seine Lippen beben leicht, als er uns fixiert. Er tupft sich mit einem Stofftaschentuch über die glänzende Stirn.

Warum klingt er denn heute so streng?

Ich schaue auf seinen lustigen Schnäuzer, der auf der linken Seite deutlich länger ist als auf der rechten und ihm ein sympathisches Aussehen verleiht. Die meiste Zeit kommen wir gut mit ihm aus. Er ist hier wie eine Art Polizeivater, weiß über jeden und alles Bescheid und kümmert sich gut um uns. Manchmal bringt er sogar selbstgebackenen Kuchen von seiner Frau mit und ruft uns zur Kaffeerunde zusammen. Jeder mag ihn, und solange man tut, was er sagt, hat man auch kein Problem mit ihm.

Monatelang warten wir nun schon darauf, aus dem Büro rauszukommen. Einfache Einsätze kriegen wir alleine hin. Damit können wir umgehen. Unfallstellen absichern haben wir schließlich schon im Polizeikindergarten gelernt.

Denke ich.

Dennoch werde ich ein bisschen nervös. Aber wenn wir jetzt einen Rückzieher machen, werden wir bis zur Rente im Büro versauern.

»Das kriegen wir hin!«, rufe ich energisch aus und versuche, sämtliche Überzeugungskraft in diese Worte zu legen.

Maya schaut mich unsicher an. Ich nicke ihr bestärkend zu.

Das schaffen wir ... irgendwie.

Sie ist noch nicht überzeugt, aber eines steht fest: Das ist die Chance, uns zu beweisen, und die müssen wir nutzen!

»Ein bisschen komisch ist das schon.« Maya schlürft an ihrem Karamellkaffee, ihr absolutes Lieblingsgetränk, in dem ein halber Schoko-Cookie schwimmt, der beim Eintauchen abgebröselt ist.

Wie jeden Abend nach Dienstende sitzen wir in unserem Lieblingscafé. Das Old Mo liegt gut versteckt in den schönen Gassen unseres Bremer Vorortes. Efeuranken wachsen von außen über die Schaufenster, und das Klicken von Notebook-Tastaturen erfüllt die Luft. Die Besucher, die diesen Geheimtipp kennen, genießen den intensiven Kaffeegeschmack und die tolle Atmosphäre – genau wie wir.

Seit wir vor ein paar Jahren hergezogen sind, besuchen wir fast täglich dieses Café. So richtig eingewöhnt hat sich noch keine von uns, aber das Old Mo fühlt sich wie nach Hause kommen an. Wir haben uns in unserer Ausbildungszeit einmal völlig verlaufen und sind schließlich hier gelandet. Seitdem gibt es für uns keinen anderen Ort mehr, an dem wir uns so wohlfühlen und vom stressigen Alltag erholen können.

Der aromatisierte Duft von Kaffee in der Luft, ruhige Musik im Hintergrund, amerikanische Metallschilder mit Kaffee und Tortenbildern zwischen Schallplatten an den bordeauxroten Wänden und stimmige Lichterketten in Rot- und Gelbtönen sorgen für ein wohliges Ambiente.

An den Gründer Moritz erinnert jetzt bloß noch eine eingerahmte, verblasste Schwarzweißfotografie hinter der Theke. Auch die alten, abgewetzten Ledersessel und der Name sind ein Relikt aus dieser Zeit. Enkel und Enkelkinder, die jetzt hier arbeiten, erzählen gerne von früher, während sie ihre Gäste verwöhnen. Tratsch aus der Vergangenheit, wie sie das Geschirr auf dem Trödel gekauft haben oder Schallplatten beim Versuch, sie aufzuhängen, herunterfielen und zerbrochen sind.

Maya bekommt beim Gedanken an die zerstörten Platten noch heute einen Tobsuchtsanfall. Sie liebt die Kuschelrock-Schnulzenmusik, die aus der alten Jukebox in der Ecke gespielt wird.

Ich nippe genüsslich an dem Eistee, mit dem sie im Sommer die Kunden anlocken. Im Winter lodert im Inneren ein Kaminfeuer, und draußen liegen Decken bereit, die man sich um die Beine legen kann, wenn es unter den Heizpilzen zu kalt wird.

»Hallo?!« Maya fuchtelt mit den Händen vor meinen Augen rum.

»Äh, was hast du gesagt?«, frage ich verlegen, weil ich ihr nicht zugehört habe.

»Ich finde es komisch, dass Bethany krank ist und wir die Streife übernehmen sollen«, meint sie und gähnt.

»Schon ...«, murmle ich zustimmend. Jeder ist doch mal krank, oder nicht? So außergewöhnlich ist das nun auch nicht.

»Ich meine: Einfach so? Das ist weder ihre Art noch lässt uns Lutz allein auf Streife«, analysiert Maya und spielt mit dem Löffel in ihrem Karamellkaffee.

»Anscheinend ja schon. Das ist die Chance, uns richtig zu beweisen. Genau das wollen wir doch seit Wochen«, meine ich aufgeregt. Ich lehne mich im Sessel zurück und beginne, eine Haarsträhne zwischen den Fingern zu zwirbeln. Meine Motivationsrede kommt selbst mir arm vor. In so etwas war ich noch nie besonders gut. So richtig überzeugt von der Sache bin ich schließlich auch nicht. Wie soll man schon jemanden zu etwas ermutigen, was man selbst noch anzweifelt?

»Die Chance, uns zu beweisen? Wie denn? Am Ende dürfen wir dann unsere eigenen langweiligen Berichterstattungen über Lärmbelästigung und Vandalismus schreiben, um sie anschließend zu sortieren«, widerspricht sie.

Maya ist der größte Dickkopf, den ich kenne. Wenn sie sich erst eine Meinung gebildet hat, dann hält sie auch daran fest und ist nur schwer umzustimmen. »Fragst du dich nicht, was wirklich los ist? Bethany ist zum ersten Mal seit Jahren krank. Ich glaube kaum, dass ihr Mascara abgelaufen ist.«

Ich kichere. »Die verbraucht so viel von dem Zeug, dass es nicht die Chance hat, abzulaufen.«

»Siehst du! Vielleicht ist sie das Getue von Joel leid.«

Bethany und Joel hängen wie durch unsichtbaren Klebstoff aneinander, seit wir gemeinsam unsere Ausbildung absolviert haben. Es war Liebe auf den ersten Blick. Vielleicht auch auf den zweiten, da bin ich mir bei den beiden nicht so sicher.

»Vielleicht hat sie einfach nur keine Lust, bei der Hitze zu arbeiten?«, mutmaße ich belustigt.

»Zutrauen würde ich ihr das ...« Mayas Augen werden groß, und ihr Mund öffnet sich automatisch, während sie zum Eingang starrt. Ich drehe meinen Kopf und weiß sofort, was - oder besser gesagt, wen - meine Freundin ins Visier genommen hat.

Ein komplett in dunklen Sachen bekleideter Mann hat das Café betreten und zieht damit nicht nur unsere Blicke auf sich. Er trägt Shorts und ein Shirt mit V-Ausschnitt. Der schwarze Stoff spannt sich um seinen muskulösen Oberkörper. Die schwarze Cap gibt nur wenig von seinem Haar und dem Gesicht preis. Ein paar braune Strähnen schauen unter der Schirmmütze hervor, sein markantes Kinn bleibt völlig ausdruckslos, während er den Blick durch den Raum gleiten lässt und seine Umgebung betrachtet. Sein Aussehen lässt ihn hier so fehl am Platz wirken wie einen Delfin in der Wüste.

Ich weiß nicht, was es ist, aber er sieht aus wie jemand, mit dem man sich besser nicht anlegen sollte.

»Der sieht ... merkwürdig aus. Wer läuft denn im Sommer komplett in Schwarz rum?«, stellt Maya fest und spricht damit meine Gedanken aus.

Mein Blick fällt auf die zwei jungen Mädchen am Tisch nebenan – sie kichern, stecken die Köpfe zusammen und beobachten ihn. Er zieht sämtliche Aufmerksamkeit auf sich. Auch die Bedienung am Tresen schaut ihn leicht verschreckt an.

»Du sabberst gleich«, scherzt Maya und reißt mich aus meinen Gedanken.

Ich schlucke und drehe mich zurück in ihre Richtung. »Stimmt doch gar nicht!«, flüstere ich eindringlich.

Wenn ich eines an ihr liebe, dann, dass sie in Männerangelegenheiten sofort Feuer und Flamme ist. Ihre Begeisterungsfähigkeit hätte ich manchmal auch gerne.

»Hast du den Kerl hier schon mal gesehen?« Deutlich nickt sie in Richtung des Tresens, wo der geheimnisvolle Typ nun auf seine Bestellung wartet. Unauffällig ist anders, Maya.

»Wenn du weiter so rumhampelst, kannst du auch gleich auf ihn zeigen oder winken«, raune ich Maya zu, weil sie dauernd mit dem Ellbogen gegen mich stößt.

Aber auch meine Blicke wandern immer wieder zu ihm zurück. Er wirkt ganz schön groß, wie er da lässig an der Theke lehnt und ab und zu auf sein Smartphone schaut.

»Der ist doch bestimmt vergeben«, werfe ich noch hinterher, bevor sie noch auf die Idee kommt, ihn tatsächlich anzusprechen. Maya schnaubt bloß und starrt ihn weiterhin beharrlich an. Irgendwie bin ich auch neugierig.

Wie kitschig, Skye. Nur die naiven Mädchen aus Büchern fahren auf diesen mysteriösen Typ Mann ab. Ein gutes Mädchen kann einen bösen Jungen nicht zum Besseren verändern – das sind doch bloß Ammenmärchen.

Vielleicht sehe ich das auch zu oberflächlich. Meine Eltern haben immer gesagt, ich hätte zu viele Vorurteile. Aber sind nicht gerade die Klischees das, was uns schützt, wenn das Bauchgefühl versagt?

Grübelnd nehme ich das Haargummi von meinem Handgelenk und versuche meine wilden Locken zu bändigen, die mir verschwitzt im Nacken kleben. Während ich den Pferdeschwanz binde, gleiten meine Augen wieder zum Tresen rüber, und ich erstarre mitten in der Bewegung, das Haarband zwischen die Lippen geklemmt, die Hände ergeben in der Luft.

Ein paar Strähnen lösen sich und fallen zurück auf meine Schultern. Sein Blick ist auf uns gerichtet.

Auf mich.

Er mustert mich. Sein funkelnder Ausdruck jagt mir einen eiskalten Schauer über den Rücken. Seine Mimik bleibt unbewegt. Nach einigen Sekunden wendet er sich desinteressiert ab, nimmt die beiden Kaffeebecher und verschwindet genauso schweigsam durch die Tür, wie er gekommen ist.

Ich blicke ihm nach. Draußen steht ein Kerl mit blonden Haaren und nimmt ihm einen Kaffeebecher ab. Sie wenden sich ab und verschwinden um die nächste Ecke.

Als das aktuelle Lied der Jukebox wechselt, zucke ich zusammen und reibe mir über die Arme, um die Gänsehaut zu vertreiben.

Es ist das erste Mal, dass mir ein fremder Kerl unter die Haut geht.

Maya und ich im Sandkasten. Sie weint, weil ich ihre Sandburg zum Einsturz gebracht habe.

Zwei

Ein Sommerregentag.

Ich stehe mit verschränkten Armen vor der Haustür und betrachte die Wassertropfen, die vom Vordach auf die steinige Treppe fallen. Es ist kaum etwas los in den schmalen Straßen. Eigentlich wollte ich gerade bloß kurz die Tageszeitung aus dem Briefkasten holen, aber nun beobachte ich fasziniert, wie meine Nachbarin Nele versucht, ihren kaputten Regenschirm zu bändigen. Das rote Teil ist an einer Seite eingerissen und das Gestell mittlerweile total verbogen. Damit wird sie nie im Leben trocken zur Kita kommen, um ihre kleine Tochter abzuholen.

»Du möchtest wirklich keinen von meinen? Ich hätte auch irgendwo noch ein Regencape«, biete ich ihr nun zum dritten Mal innerhalb weniger Minuten an. Nele gibt einen genervten Seufzer von sich und wirft den demolierten Schirm auf die Straße, um anschließend wütend darauf herumzutreten. Ich verziehe das Gesicht. Mittlerweile ist sie sowieso schon völlig durchnässt, und die kurzen blonden Haare kleben ihr in der Stirn. Durch ihre weiße Bluse schimmert ihr Spitzen-BH durch, und ich kann ein Kichern nicht mehr unterdrücken.

»Ja«, stöhnt sie ergeben. »Das wäre lieb von dir.«

Nachdem ich ihr einen Schirm von mir geholt habe, verabschiedet sie sich und läuft zügig Richtung Straßenbahnhaltestelle, die nur wenige Straßen entfernt ist. Als alleinerziehende Mutter ist Nele mit ihrem Leben die meiste Zeit überfordert. Es vergeht kaum eine Woche, in der nichts Aufregendes in der Nachbarswohnung passiert. Letzte Woche hat ihre vierjährige Tochter Emily das Badezimmer geflutet und somit unseren wutentbrannten Vermieter auf die Matte gerufen.

Nicht, dass er an dieser Bruchbude etwas ändern würde. Auf dem Weg zurück in meine Wohnung knarzen die Treppen bei jedem Schritt. An einigen Stufen splittert bereits das Holz.

Ich denke oft daran, dass ich mir damals bei meinem Umzug geschworen habe, hier nur so lange wohnen zu bleiben, bis ich mir etwas Besseres leisten kann. Deshalb habe ich auch bisher nicht mehr Zeit als nötig aufgewandt, um meine eigenen vier Wände halbwegs wohnlich zu gestalten oder mir neue Möbel zu kaufen.

Als ich wieder in meiner Wohnung bin, werfe ich die Tageszeitung auf den Küchentisch und mache mir einen weiteren starken Kaffee. Ich trödle schon den ganzen Tag vor mich hin und habe nicht viel Produktiveres getan, als faul in Jogginghose vor dem Laptop zu sitzen, Musikvideos von Fall Out Boy zu schauen und mich aus Langeweile mit Süßigkeiten vollzustopfen.

Nachdem der Kaffee durch ist, lasse ich mich mit Tasse und Zeitung aufs Sofa fallen und drücke am Laptop auf die Play-Taste. Light ‘em Up schallt durch mein Wohnzimmer und sorgt für ein Lächeln auf meinen Lippen.

Meine Gedanken wandern immer wieder zu dem komischen Kerl von gestern zurück. Was er wohl in seiner Freizeit macht? Computerspiele? Musik? Bestimmt viel Sport, er sieht zumindest aus wie eine Sportskanone. Jemand wie er verschwendet jedenfalls nicht den halben Tag, in dem er faul zu Hause rum hockt.

Mein Blick gleitet zur gegenüberliegenden Wand, und ich betrachte die einzige Dekoration, die ich in dieser Wohnung habe. Maya und ich haben damals meine Wände rostrot und in einem hellen cremebeige angestrichen und dutzende Fotos und Polaroids von uns aufgehängt. Sie hat versucht, sie in einer Art Zeitstrahl aneinanderzureihen, und tatsächlich kann man nun fast unser ganzes Leben an einer einzigen großen Wohnzimmerwand ausmachen. Aufzeichnungen vom Kindergarten bis hin zu unserem letzten DVD-Abend vor ein paar Tagen. Sogar einige Poster von Bands, auf deren Konzerten wir waren, und eingerahmte Negativbilder von meinen Lieblingsfotos hängen kreuz und quer im Raum verteilt. Nur ein großes Sofa, ein Fernseher mit Musikanlage und mein ganzer Stolz – die Vitrine mit meinen Kameras – stehen in meinem kleinen Wohnzimmer. Jahrelanges Schuften während des Abiturs in Minijobs und die glückliche Tatsache, Einzelkind zu sein, haben diese Sammlung möglich gemacht. Es ist nicht gerade viel, aber für mich reicht es. Ich studiere die kleinen Apparate, und mein Blick gleitet wie so oft von Modell zu Modell bis hin zu den Objektiven. Ganz unten habe ich außerdem eine Box mit Reinigungsutensilien. Einige der Kameras sind sogar schon älter als ich, weil ich sie von meinem Großvater, der das Fotografieren genauso liebte wie ich, geschenkt bekommen habe. Die meisten funktionieren schon gar nicht mehr.

Vorsichtig nippe ich an dem Kaffee, um zu schauen, ob er mittlerweile abgekühlt ist, und denke an den eigenartigen Traum der vergangenen Nacht.

Zwei Mal bin ich aufgeschreckt, und einmal habe ich davon geträumt, dass der Typ aus dem Mo plötzlich in meiner Wohnung stand, es war mitten in der Nacht und super gruselig. Quietschende Türen und heulender Wind bildeten das perfekte Horrorfilmszenario. Als der Fremde sich mir näherte, bin ich wach geworden, und es war vorbei mit dem Schlaf.

Ich schlage die Zeitung auf und verziehe das Gesicht. Schon wieder ist Mayas Vater Diego de Angelis die Schlagzeile des Tages, weil er irgendeinen großen Gerichtsprozess gewonnen hat. Sein stolzes, eingebildetes Grinsen, verpackt in schwarzer Robe, strahlt mir entgegen. Ich überfliege nur oberflächlich den Artikel, indem es um einen Mehrfachtäter geht, an dessen Fingern viel Blut klebt. Genervt davon schlage ich die Zeitung wieder zu und werfe sie achtlos auf den Wohnzimmertisch. Damit sollte ich beim besten Wille nicht meine freie Zeit verplempern.

Maya ist heute bei irgendeiner superlangweiligen Besprechung ihres Vaters, er ist hoch angesehener Staatsanwalt der Stadt. Viele Menschen bewundern ihn. Wahrscheinlich hat er auch die ein oder andere Verehrerin. Zugegeben, für sein Alter hat er keine einzige Falte und läuft quasi rund um die Uhr im Anzug rum, aber ... niemals! Igitt! Ich denke an die glänzenden dunklen Haare, die immer zurückgekämmt sind und nur mit einer Masse an Haarspray halten.

Die Menschen sehen ihn als Engel in Robe, aber er hat sich schon viele Feinde im Leben gemacht, indem er ein paar echt üble Leute ins Gefängnis gebracht hat. Und andere eben nicht. Das ist ein ganz schöner Nachteil in seinem Job, manchmal gewinnt leider auch die böse Seite im Gerichtssaal.

Maya wird heute mal wieder dazu gedrillt, dabei zu sein, damit es ihrer eigenen Karriere hilft. Was auch immer es ist. Völliger Unsinn, wie ich finde, denn wir machen den Anwälten ja erst die Arbeit, in dem wir ihnen die Verbrecher liefern. Und Maya ist definitiv die bessere Polizistin von uns. Ihr Vater sieht sie in ihrer Zukunft wohl selbst an seinen Platz, doch dafür müsste Maya studieren, was sie auf keinen Fall möchte. Die Polizistenausbildung hat sie auch nur wegen ihrem Vater gemacht. Nach unserem Abschluss wussten wir beide nicht genau, welchen Weg der großen Zukunft wir einschlagen sollten. Schließlich sind ihre Eltern hierhergezogen, und ich bin mit, um meine Ausbildung, die mein Vater sich für mich gewünscht hat, anzutreten. Damit wir nicht getrennt sind, blieben wir also auch beruflich Seite an Seite.

Vor allem verstehe ich nicht, warum diese ach-so-wichtigen Besprechungen immer am Wochenende stattfinden. Wahrscheinlich macht ihr Vater das absichtlich, weil er mich nicht besonders leiden kann. Seitdem Maya und ich einmal mit wildfremden Rocker-Motorradfahrern eine kleine Tour gedreht haben, ist er völlig ausgeflippt. Dabei waren die Jungs echt cool drauf.

Das ist auch eines der vielen Vorurteile, die die Gesellschaft hat. Nur weil alle anderen sich eine Meinung von etwas gebildet haben, bedeutet dies nicht gleich, dass ihre Meinung auch die richtige ist. Denn oft kommt alles anders, als es scheint. Vor allem dann, wenn die Menschen eines besonders gut können: lügen. Und am meisten lügen sie sich selbst etwas vor.

Maya ist damals auch nicht wirklich begeistert von der Idee gewesen, aber war dann schließlich doch dabei, und hat es auch nicht bereut. Manchmal sollte man einfach mal mutig sein. Wenn das Bauchgefühl dich nicht warnt, kann man sich in den meisten Fällen auch ruhig einmal etwas trauen, aber genau dagegen zu handeln bringt den eigentlichen Nervenkitzel. Genau das macht meiner Meinung nach den gesunden Menschenverstand aus.

Ich greife nach dem Block auf dem Tisch und überblicke meine To-do-Liste. Sie ist mittlerweile ganz schön lang, und wenn ich weiter so rumtrödle, wird sie bald nicht mehr zu überschauen sein. Hausputz, Sport, einkaufen ... Die Fotos von unserem letzten Wochenendausflug an die Nordsee müssen auch noch entwickelt werden. Alles Dinge, auf die ich gerade keine Lust habe.

Wenn es nicht regnen würde, hätte ich Motorrad fahren können. Doch so trüb und grau, wie es draußen aussieht, macht das nicht besonders viel Spaß. Nicht mehr lange, und die Saison ist vorbei – obwohl sie nicht mal richtig angefangen hat. Dabei fehlt es mir immer häufiger, das Gefühl der endlosen, sorgenfreien Unabhängigkeit, das ich beim Fahren spüre. Die Freiheit, der Fahrtwind im Gesicht, wenn das Visier hochgeklappt ist. Selbst die verschwitzte Lederkleidung und der enge Helm.

Ich lebe definitiv in der falschen Klimazone.

Mein Magen knurrt. Süßigkeiten machen auf Dauer einfach nicht satt. Ich raffe mich auf und schlendere in die Altbauküche mit den Blumenfliesen an den Wänden. Dabei brauche ich eigentlich gar nicht erst in den Kühlschrank zu schauen – es ist sowieso nichts Brauchbares da.

Ich seufze. Mir bleibt nichts anderes übrig, als an diesem trostlosen, regnerischen Tag rauszugehen. Schnell ziehe ich mir die knallroten Gummistiefel an, die ich vor Jahren von Oma zum Geburtstag bekommen habe, stopfe meine schwarze Jogginghose in den Schaft, schnappe mir einen Schirm und verlasse die Wohnung.

Draußen fröstle ich, da der Wind für Abkühlung gesorgt hat. Na klasse – hätte ich mir bloß eine Jacke angezogen. Wenn ich mich jetzt erkälte, lässt Lutz mich niemals auf Streife fahren.

Da ich im Old Mo um diese Uhrzeit nur Kuchen und Kekse kriege, steuere ich gleich den Italiener ein paar Straßen weiter an. Würde die Lieferung hier nicht immer Ewigkeiten dauern, hätte ich mir gleich etwas nach Hause bestellt. Wenn ich ein bisschen organisierter leben würde, müsste ich nicht jeden zweiten Tag von Fast Food leben.

Auf den Straßen ist kaum etwas los. Ich laufe die Pflasterwege entlang, weiche Pfützen aus und muss ständig stehenbleiben, weil der Wind an meinem Regenschirm zerrt.

Auch in der Pizzeria sitzen nur eine Handvoll Menschen, weil jeder normaldenkende Mensch das Haus bei diesem Wetter nicht verlassen würde. Wenigstens ist es hier wärmer.

Ich lege den Schirm in den dafür vorgesehenen Ständer an der Tür und laufe zum Tresen. Während ich die mir schon längst vertraute Speisekarte studiere, piepst mein Smartphone.

Maya: Es ist so langweilig! Rette mich. Sofort.

Ich: Bin frustessen. Was machst du heute Abend?

Maya: Schon wieder Fast Food? Ich komm‘ hier nicht weg. Wichtiges Abendessen mit Daddys tollen »Freunden«. Habe jetzt schon keine Lust mehr! :( ...

Ich: Na toll. Bei dem Wetter wäre ein DVD-Abend perfekt gewesen.

Maya: Sorry, Skye!

Ich: Viel Spaß! *würg*

Das wundert mich nicht, es ist immer langweilig auf diesen Treffen.

Schließlich bestelle ich eine Quattro Formaggi und einen Eistee. Mein Lieblingsplatz ist noch frei, also setze ich mich dort auf die gepolsterte Sitzbank und lasse meinen Blick durch den Raum gleiten. Dieser Platz ist super, weil man den Rest der Pizzeria überblicken kann.

Wenn ich mit Maya hier bin, denken wir uns Geschichten für die Menschen aus, die wir von hier aus beobachten können. Eine Frau mit Hund wurde dann schnell zur Detektivin oder ein kleines Mädchen wurde die Tochter eines Zirkusdirektors, weil sie so witzig aussah. Ich frage mich manchmal, welche Lebensgeschichten sich andere für mich einfallen lassen würden. Wie wirke ich auf sie? Mit diesen Gummistiefeln und der Jogginghose wohl eher wie eine Witzfigur.

Zwei Tische weiter sitzt eine Frau, die gerade eine Pizza serviert bekommt, und ihr Gegenüber, ein schlaksiger Kerl, beäugt skeptisch seine eigene Portion Spagetti.

Ob hier in der Pizzeria oder irgendwo im Park – Menschen zu beobachten ist eins meiner absoluten Lieblingshobbys.

Ich lasse meinen Blick weiter durch den Raum gleiten. In der Nähe des Ehepaars sitzt eine Frau mit ihrem kleinen Kind, dessen Gesicht mit Tomatensoße vollgeschmiert ist. Sie tippt auf ihrem Smartphone rum und beachtet die Sauerei des kleinen Jungen gar nicht. Im Hintergrund erklingen kratzende Geräusche, weil der Bäcker die Pizza im Ofen dreht und mit dem Wender über den Boden der Steinplatten reibt.

Ich will gerade zum Tresen schauen, um zu sehen, wie weit meine Pizza ist, als ich ihn erblicke.

Reflexartig rutsche ich nach unten, damit er mich nicht sieht. Die Raumtemperatur sinkt schlagartig auf den Gefrierpunkt.

Dieses Mal ist der mysteriöse Typ von gestern in Begleitung seines blonden Freundes. Wie in meinem Traum sieht er sich analysierend um, bis sein Blick an mir hängenbleibt. Für einen Sekundenbruchteil runzelt er die Stirn, als sei ich ein Störfleck in seinem Blickfeld, dann dreht er sich desinteressiert weg und flüstert seinem Freund etwas zu. Genau diesen trockenen Ausdruck hat er gestern auch schon aufgesetzt.

Seit wann mache ich mir eigentlich Gedanken darüber, wie mich jemand ansieht?

Ich betrachte mein verschwommenes Spiegelbild im Fenster. Regentropfen laufen von außen die Scheibe hinunter. Eine Frau mit gewellten, mokkabraunen Haaren, die ihr fast bis zum Ellbogen reichen, blickt aus dunkelbraunen Augen zurück. Sie sieht müde aus.

Kein Wunder, nach dieser von Albträumen durchlebten Nacht.

Maya meint immer, ich wäre eine Vorzeige-Brünette, die man knuddeln möchte. Was auch immer das heißen mag.

Die beiden setzen sich an einen Tisch am anderen Ende der Pizzeria. Der zweite Kerl wirkt nicht so mysteriös, sondern eher freundlich und fröhlich. Er hat lockiges, havannablondes Haar, das ihm ins Gesicht fällt, und eine witzige, runde Brille, die ihn sympathisch wirken lässt. Er sieht etwas älter aus als der dunkelhaarige Typ, ist aber genau so groß und trainiert. Rein optisch wirkt er wie das helle Gegenteil von ihm.

Mr Sonnenschein trägt helle Jeans und ein himmelblaues Shirt mit leicht ausgefranstem V-Ausschnitt, von dem er gerade unsichtbare Flusen zupft. Während er den Kopf senkt, um zu sehen, was er tut, rutscht ihm die Brille ein Stück hinunter. Genervt davon zieht er sie aus und legt sie auf dem Tisch ab.

Der andere dagegen trägt wieder dunkle Jeans und ein schwarzes Shirt, das sich über seine Brust spannt, während er sich nach hinten lehnt. Ob sein gesamter Kleiderschrank aus dunklen Sachen besteht?

Welche Geschichte die beiden wohl verbindet? Wo haben sie sich kennengelernt? Sind sie Schulfreunde? Spielen sie vielleicht in derselben Mannschaft Fußball? Oder sind sie gar Brüder?

Nein, sie sehen auf keinen Fall aus wie Brüder.

Innerlich hatte ich ein kleines bisschen gehofft, dass sie sich in meine Nähe setzen würden.

Warum habe ich mich eigentlich weggeduckt? Zu gern wüsste ich, wie die Stimme von Mr Mysteriös klingt. Ob sie auch so dunkel und ruhig ist wie seine Erscheinung? Wie es sich wohl anhören würde, wenn er herzhaft lacht?

Können so düstere Menschen überhaupt lachen?

Völliger Quatsch, Skye.

Jeder Mensch kann lachen. Zumindest, wenn er es zulässt, von Freude überrollt zu werden.

Meine Pizza wird gebracht, und während ich sie esse, beobachte ich die beiden. Ihre Unterhaltung scheint karg, immer mal wieder sagt einer von beiden etwas oder sie schauen auf ihre Smartphones.

Der Duft nach geschmolzenem Käse steigert meine Laune sofort um ein Vielfaches, es gibt kaum was Besseres. Nur richtig konzentrieren kann ich mich gerade nicht. Immer wieder schweift mein Blick zu den beiden ab und zieht meine Konzentration auf sich. Mr Mysteriös streckt seine Beine aus und dehnt seine Arme über dem Kopf aus. Dabei rutscht sein Shirt ein Stück nach oben und gibt einen Streifen nackter Haut preis.

Heiß!

Ich zucke erschrocken zusammen, weil ein heißer Tropfen Tomatensoße auf mein Bein gefallen ist und sich in meine Hose frisst. Schnell schnappe ich mir eine Serviette und wische mir unauffällig über die Hose. Mein Blick gleitet zurück zu den Männern. Gott sei Dank haben sie nichts gesehen. Die Frau vom Nachbartisch räuspert sich, und ich bemerke, dass sie mich beobachtet hat. Verlegen schaue ich wieder auf meinen Teller.

Selbst als ich schon längst mit dem Essen fertig bin, beobachte ich sie immer noch. Ab und zu erwischt mich der Dunkelhaarige dabei, wie ich ihn ansehe. Der Blonde lacht auf und richtet sein Pizzastück auf den anderen, dabei scheint er über irgendetwas zu scherzen, was der Dunkelhaarige mit einem Kopfschütteln quittiert.

Wenn Maya und ich zusammen hier sind, brauchen wir meistens eine Ewigkeit, bis wir fertig sind, weil wir zu viel quatschen, doch die beiden essen so schnell, dass ich beim Zusehen schon Bauchweh bekomme.

Ich ziehe mein Handy wieder aus der Tasche und schreibe Maya noch eine WhatsApp.

Ich: Der gruselige Typ ist hier!

Es dauerte keine Minute, da kommt schon die Antwort von Maya.

Maya: Der heiße Typ von gestern? Wo ist hier?

Ich: Ich bin beim Italiener um die Ecke. Er sitzt hier mit einem Freund.

Maya: Sprich ihn an!

Ja, klar. Vor allem, wenn sein Kumpel daneben sitzt.

Ich: Ne. Ich habe die beiden schon die ganze Zeit angestarrt, als seien sie mein Nachtisch ...

Maya: Feigling!

Wie recht sie hat. Ich bin bei solchen Sachen der größte Angsthase, den es gibt. Ich kann doch nicht einfach rübergehen und „Hi, ich bin Skye“ sagen.

Also ich kann das zumindest nicht, Maya schon. Für sie sind solche Dinge immer leicht, wie Atmen oder Schlafen. Sie hatte noch nie Probleme damit, fremde Menschen einfach anzusprechen, vor allem Männer. Allerdings hatte sie auch noch nie eine ernste Beziehung, nicht mal die zu Schlagzeuger Pete würde ich als solche bezeichnen.

Deshalb mag ich das Motorradfahren so. Sich einfach ein paar Fahrern anschließen und zusammen eine kleine Tour starten. Man fährt gemeinsam, und man genießt gemeinsam die Freiheit. Mehr nicht. Kein Hallo, kein Tschüss, keine Verpflichtungen. Und erst recht keine Probleme.

Ich: Sein Freund sieht nett aus.

Maya: Foto!

Es dauert keine zehn Sekunden, bis sie geantwortet hat. Ich schaue vom Handy auf zu den beiden Jungs. Sie schenken auch weiterhin der Umgebung keine Beachtung. Ob ich wohl ...? Ich habe das noch nie gemacht. Ich lasse mich langsam auf der Bank nach hinten fallen und halte mein Handy unauffällig ein bisschen höher. Dann überprüfe ich, dass der Blitz aus ist und betätige den Auslöser, um ein Bild zu knipsen.

Pling!

Geschockt fixiere ich das Handy, das gerade einen lauten Auslöseton von sich gegeben hat. Panisch starre ich auf die beiden Männer, die ihre Augen auf mich gerichtet haben. Der Blonde schaut mich neugierig an, während der andere mir einen bösen Blick zuwirft. Schnell tue ich so, als würde ich ein Selfie machen und richte die Kamera noch etwas weiter von mir weg, um zu posieren. Oh Gott.

Schnell schicke ich das Bild an Maya weiter und rutsche peinlich berührt noch eine Etage tiefer im Sitz. Ich würde am liebsten im Erdboden versinken. Mein Adrenalinspiegel hat sich gerade dutzendfach erhöht. Derweil piepst mein Handy erneut, weil eine weitere Nachricht eingegangen ist.

Maya: Wow! Der Blonde ist ja schnuckelig!

Maya schickt Herzchen-Smileys, sehr viele davon. Ich rolle mit den Augen.

Ich: Ich gehe jetzt.

Maya: Hol seine Nummer!

Ich: Nein!

Ich füge noch einen beschämten Smiley hinzu.

Maya: Dir ist echt nicht mehr zu helfen! Dann hol sie für mich, komm schon! Skye! Bitte!

Auf keinen Fall werde ich ihn nach seiner Nummer fragen, keinen von beiden! Und auch nicht für Maya! Das wäre ja noch peinlicher. „Hey, könnte ich deine Nummer für meine Freundin haben?“ Ja klar, wer glaubt einem denn sowas? Am besten sage ich noch dazu „Sie fand das Foto toll, das ich gerade heimlich geschossen habe.“

Bevor ich meinen inneren Schweinehund doch noch überwinden kann, beschließe ich hinauszugehen. Ich eile zum Tresen, werfe den Jungs einen letzten, verlegenen Blick zu und zucke sichtlich zusammen, als ich ihm genau in die Augen schaue. Er betrachtet mich neugierig, und ich kann nicht anders, als zurück zu starren. Mein Herz pocht schneller, weil er den Blick nicht abwendet, sondern mich intensiv mustert.

Ich schlucke. Auch ich kann mich nicht von ihm losreißen.

Einige Sekunden, vielleicht sogar Minuten vergehen.

Gott sei Dank stupst sein Freund ihn an. Er blinzelt, und das ist alles, was es braucht, um mich wieder in die Gegenwart zu katapultieren. Meine Augen brennen, weil ich selbst vergessen habe zu blinzeln, und ein Schauder läuft mir über den Rücken.

Ich zahle schnell und gehe zurück in die verregnete Gasse, ohne die beiden Kerle nochmal anzuschauen. In der Eile vergesse ich meinen Regenschirm.

Leider wird das Wetter immer schlechter, sodass mittlerweile der eben noch leichte Wind nun schon eher einem kleinen Sturm ähnelt. Es ist noch viel kälter geworden. Bis ich den Supermarkt erreiche, trete ich immer wieder in unausweichliche Pfützen und spritze dadurch Wasser umher, weil ich sie im schnellen Gehen zu spät sehe und geradewegs hineinrenne.

Nachdem ich im Supermarkt ewig nach den Erdnüssen gesucht habe, verlasse ich mit drei Tüten, hauptsächlich Süßigkeiten und Snacks, den Laden. Mittlerweile bin ich vollkommen durchnässt, friere, und meine Haare kleben an mir wie eine zweite Haut.

Wenn Maya morgen auch keine Zeit hat, brauche ich dringend Proviant, weil ich aus Verzweiflung meine Bilder sortieren werde. Das ist schon längst überfällig, wobei der Gedanke, ich könnte sie jemals ausstellen und verkaufen, gleichzeitig beängstigend ist. Wenn ich mich irgendwann mit der Fotografie selbstständig machen möchte, muss ich den nächsten Schritt wagen. Die vielen Kurse dazu sollen nicht umsonst gewesen sein.

Ob alle Fotografen so empfinden? Es ist so persönlich, manche Fotos anderen zu zeigen. Beinahe, als würde man sich vor jemandem ausziehen.

Nicht, dass ich das schon getan hätte. Bilder, die man mit dem Objektiv einfängt, sind für jede Person unterschiedlich. Wolken sehen beispielsweise immer anders aus. Maya und ich haben schon unzählige Diskussionen über Wolkenformen geführt.

Jeder Mensch betrachtet Bilder anders. Wie können also die Menschen, die meine Bilder kaufen, sehen, was ich sehe? Fühlen, was ich fühle?

Denken, was ich dachte, als ich das Foto geschossen habe?

Wo liegt der Unterschied, wenn der eine einen Sonnenaufgang und der andere einen Sonnenuntergang in einem von meinen besten Bildern sieht?

Vielleicht gibt es auch keinen, vielleicht ist es auch gut, dass Fotos unterschiedliche Gefühle in Menschen hervorrufen. Viele sehen auch nur das, was sie sehen wollen. Für den einen ist es eher der Sonnenaufgang, weil sie sich auf einen neuen Tag freuen, für den anderen ein Untergang, weil sie traurig sind, dass ein Tag endet.

Für mich ist es irgendwie beides. Sagt man nicht immer, dass die meisten Dinge zwei Seiten haben? So ist es auch bei diesem Bild.

Auf den meisten Fotos dieser Art erkennt auch ein Laie, dass es ein Sonnenaufgang oder eben ein Sonnenuntergang ist. Doch mein Lieblingsfoto von der untergehenden Sonne am Meer ist so geschossen, dass es auch ein Aufgang sein könnte. Ich bin sehr stolz darauf.

Kurz vor meiner Straße bleibe ich überrascht stehen, weil ich leise Stimmen höre. Reflexartig verberge ich mich im Schatten der Häuser.

Neben der Mülltonnensammelstelle des Hochhauses stehen Mr Mysteriös, Mr Sonnenschein und ein weiterer, eher unscheinbarer Kerl. Sie unterhalten sich nicht sehr viel, sie nicken und flüstern nur kurze Sätze, die ich nicht verstehe.

Mr Mysteriös schaut sich außergewöhnlich oft um, und der neue Kerl gestikuliert wild, während er etwas an den Fingern abzählt. Der Blonde lacht, stemmt die Hände in die Hüften, und der andere schüttelt den Kopf. Die beiden wollen sich schon abwenden, ehe der dritte Kerl beschwichtigend die Hände hebt und erneut etwas aufzählt.

Diesmal ist es mehr. Was treiben die da bloß? Hat der Neue da Geld in der Hand? Er zieht gerade etwas aus seiner Jackentasche, da passiert es: Meine Plastiktüte mit den Cola-Dosen reißt, und der Inhalt verteilt sich scheppernd auf dem Boden. Eine der Dosen platzt zischend auf und betont das Dilemma mit einem zuckersüßen Cola-Geruch.

»Mist!«, fluche ich leise und will gerade nach den Dosen greifen, als ich bemerke, dass er – die Dunkelheit in Person – auf mich zukommt.

Verdammt! Nervös erstarre ich in meiner Bewegung und schaue zu ihm auf.

Schnell stehe ich auf, um mich nicht so unterlegen zu fühlen. Er ist viel größer als ich, bestimmt zwanzig Zentimeter, und sein markantes Gesicht spiegelt einen Hauch von Unsicherheit wider.

»Beobachtest du uns?« Seine Stimme ist tief und kratzig und dabei so ruhig, dass es überhaupt nicht zu dem unsicheren Funkeln in seinen Augen passt. Seine Haarspitzen fallen ihm ins Gesicht, und ein Tattoo blitzt an seinem Kragen hervor. Das ist mir vorher gar nicht aufgefallen. »Bist du taub?«, fügt er hinzu, weil ich ihn sekundenlang bloß anstarre. Bravo, Skye. Ein toller erster Eindruck.

»Ich, ähm ... Ich wohne hier.« Na klasse, genau das sollte man Fremden immer zuerst erzählen. Verrate ihm doch gleich deine Bankdaten. Es lebe der gesunde Eigenschutz.

Mr Mysteriös legt den Kopf schief und mustert mich. »Ist das so?«

Nervös nestle ich an der demolierten Tüte herum. Das Aneinanderreiben verursacht ein lautes Knistern, das durch die Gasse hallt.

Ich lasse meinen Blick zu den anderen beiden gleiten, doch dort steht nur noch der Blonde und mustert uns grinsend. Was findet er bloß so lustig?

»Hast du uns belauscht?«, will der Dunkelhaarige gereizt wissen.

Vielleicht – aber selbst wenn, das würde ich ihm niemals gestehen.

»Nein, habe ich nicht. Ich war bloß auf dem Weg nach Hause, als meine Tü-«, will ich erklären, doch er lässt mich nicht aussprechen.

»Dann verschwinde. Hübsche Mädchen wie du sollten ihre Nase nicht in anderer Leute Angelegenheiten stecken.«

Ich schaue ihn verdutzt an.

Er findet mich hübsch?

»Was machst du, Mann? Komm endlich!«, ruft der blonde Schönling. Der Typ vor mir winkt ab und wendet sich mir erneut zu. Er kommt mir näher, viel zu nah, und trotz des Gestanks von den Mülltonnen kann ich sein herbes Aftershave riechen. Mir wird schwindelig.

»Du bist zwar niedlich, aber viel zu neugierig«, raunt er mir ins Ohr. In meinem Nacken stellen sich die Härchen auf.

Er bückt sich, um eine der Dosen aufzuheben, die, bis auf ein paar leichte Dellen, keinen Schaden erlitten hat. Er hebt die Hand so langsam, dass ich jede minimale Bewegung genauestens studieren kann, und reicht mir die Dose. Ich reiße mich aus meiner Erstarrung und nehme sie ihm ab. Dabei berühren sich unsere Fingerspitzen, und ein Stromschlag jagt durch meinen Körper.

Ich schlucke. Meine Finger kribbeln elektrisiert auf.

Was ist bloß los mit mir? Drehe ich jetzt womöglich vollkommen durch?

»Und du bist unheimlich«, gebe ich heiser zurück. Überrascht sieht er mich an. Seine Mundwinkel zucken kurz, bevor er seine Hand zurückfallen lässt.

»Das ist gut«, erwidert er mit einem leichten Schmunzeln. Entzückt schaue ich auf seine Mundwinkel, die die Anzeichen eines Lächelns zeigen. Ich spüre, wie meine Wangen etwas wärmer werden. Er wendet sich ab, und ich spähe ihm verblüfft hinterher. Habe ich ihn gerade etwa zum Lächeln gebracht?