Rupert EbnerEva Rosenkranz
Pillen vordie Säue
Warum Antibiotika in derMassentierhaltung unserGesundheitssystem gefährden
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Abbildung Kapiteleinstiege: © Tartila/shutterstockLektorat: Christoph Hirsch, oekom verlagKorrektorat: Maike Specht
E-Book: SEUME Publishing Services GmbH, Erfurt
Alle Rechte vorbehaltenISBN 978-3-96238-721-1
Wir danken all denen, die uns in ihrem Einsatz für mehr Tierwohl, eine gesunde Umwelt und eine andere Landwirtschaft unterstützen.
Inhalt
Vorwortvon Tanja Busse
EinleitungZwischen Zorn und Zuversicht
Die größte Gesundheitskrise unserer Zeit ist da – und sie heißt nicht Covid-19 (Corona)Zehn Thesen
BlickwechselAntibiotikaresistenz und Corona – eine unheilige Allianz?
Kapitel 1Vorsicht, Grüner Schwan!
Was Mastställe, Antibiotika, Covid-19 und Naturzerstörung miteinander zu tun haben
BlickwechselAntibiotikaresistenz konkret – die Geschichte des Matthias Sammer
Kapitel 2Killerkeime, Mettwurst und verlorene Jahre
Befunde aus dem Gruselkabinett
BlickwechselGeringe Umweltauflagen und undurchsichtige Lieferketten
Kapitel 3Das Einmaleins des Lebens
Viren, Bakterien, Resistenzen
BlickwechselKein bisschen altmodisch
Kapitel 4Fresserproduktion
Wie die Pillen vor die Säue kamen
BlickwechselDas kurze hässliche Leben eines Masthähnchens
Kapitel 5Nicht zukunftsfähig
Ein System zerstört sich selbst
BlickwechselSchweineleben im Stechuhr-Modus und Kastenstand
Kapitel 6(K)Eine Frage des Abstands – das System Fleisch
Zwischen Sonntagsbraten, Tierelend und Prinzip billig
BlickwechselDie Sache mit dem Gebärmuttervorfall
Kapitel 7Vom verantwortungsbewussten Handwerker zum wohlfeilen Handlanger?
Tierärzte zwischen Tierschutz und Agrarindustrie
BlickwechselFood-Transformation – Ernährung für einen gesunden Planeten
Kapitel 8Die Botschaft heißt: teuer, weil billig
Wegwerfen, wahre Preise und Verbrauchermacht
BlickwechselDas große Nerzsterben
Kapitel 9Die Pyramide steht kopf
Ohne Antibiotika keine moderne Medizin
BlickwechselNetz des Lebens – Zerstörung von Lebensräumen gefährdet alle
Kapitel 10One Health, One Planet, One Future
Eine Gesellschaft der Schonung für einen erschöpften Planeten
Anmerkungen
Vorwort
von Tanja Busse
In der Klimakrise haben wir es erlebt: Schon vor Jahrzehnten haben Wissenschaftler vor der Katastrophe gewarnt, doch wir haben viel zu langsam reagiert. Und jetzt messen die Klimaforscher ein Rekordhitzejahr nach dem anderen, und wir realisieren: Wir hätten eher, viel eher reagieren müssen.
Ähnlich geht es mit dem Verlust der biologischen Vielfalt: Eine Million Arten sind in den nächsten Jahren vom Aussterben bedroht, warnt der Weltbiodiversitätsrat IPBES, wenn wir nicht endlich anders mit unseren natürlichen Ressourcen umgehen. Aber wir tun es nicht.
Auch vor der Corona-Pandemie waren wir gewarnt: Schon 1994 schrieb die Mikrobiologin Laurie Garrett über die »kommenden Plagen«, die neuen Infektionskrankheiten, die jederzeit überall dort entstehen könnten, wo Menschen in vorher unberührte Ökosysteme eingreifen. Kaum jemand hat ihr geglaubt – bis Corona kam.
Wie wäre es, wenn wir beim Thema Antibiotikamissbrauch zur Abwechslung nicht warten, bis die Katastrophen über uns hereinbrechen? Sondern auf die Warnungen hören und danach handeln? Besonnen und vorausschauend?
Eva Rosenkranz und Rupert Ebner haben eine solche Warnung verfasst. Im Ton einer zornigen Bürgerin und eines zornigen Tierarztes, der in den Ställen dieses Landes immer wieder gesehen hat, wie viel zu viele Antibiotika viel zu oft eingesetzt werden. Nicht weil die Landwirtinnen und Landwirte nicht dosieren könnten, sondern weil unser Agrarsystem sie zwingt, möglichst viel möglichst billig zu produzieren. Und das geht nur mit Antibiotika. Und Agrarchemie.
In meinem Buch Die Wegwerfkuh habe ich beschrieben, dass das Streben nach höchster Effizienz bei der Erzeugung von Getreide, Milch und Fleisch am Ende höchst ineffizient ist. Durch die Zucht von Hochleistungskühen werden auch Bullenkälber gezüchtet, die kaum Fleisch ansetzen – und die deswegen in Australien und Neuseeland gleich nach der Geburt getötet werden dürfen. Bei uns führen sie ein kurzes hartes Leben in der Kälber- oder Bullenmast. Sie werden aus den Milchviehställen abtransportiert, zusammen mit vielen anderen Kälbern aus anderen Ställen, über viele Stunden, teilweise sind sie inklusive Zwischenstopps mehrere Tage unterwegs. Dabei entsteht ein Mix aus Keimen, den man nur mit Antibiotika unter Kontrolle bekommt. Solange sie denn wirken.
Dieses Agrarsystem, das auf Konkurrenzfähigkeit auf den Weltmärkten setzt, vernichtet Bauernhöfe, lässt Tiere leiden – und viele Landwirtsfamilien ebenso. Und es ist ein Spiel mit dem Feuer. Es hat Antibiotika und Agrarchemikalien zu ganz gewöhnlichen Betriebsmitteln gemacht, deren Einsatz systematisch eingeplant wird. Dabei sollten diese Mittel Notfallmedikamente sein. Das wäre leicht möglich: Gäbe es eine größere Vielfalt auf den Feldern, bräuchten wir weniger Pestizide. Würden die Tiere gesünder und robuster gehalten und weniger zu Höchstleistungen gezwungen, ginge es beinahe ohne Antibiotika.
So aber züchten wir multiresistente Keime in Intensivmastanlagen und Megaställen und riskieren, dass Antibiotika auch für uns Menschen wirkungslos werden. Warum gibt es keine unabhängige Institution, die diesen unverantwortlichen Antibiotikaeinsatz überwacht – und stoppt, wenn es gefährlich wird? Die bräuchte es, denn viel zu viele Veterinärinnen und Tierärzte machen mit in diesem System, obwohl sie eigentlich dem Wohl der Tiere verpflichtet wären.
Eva Rosenkranz und Rupert Ebner zeigen, dass multiresistente Keime Folge eines irregeleiteten Agrarsystems sind. Dass es weniger um die viel beschworenen schwarzen Schafe gehen sollte, um Einzeltäter, die Regeln gebrochen haben, sondern um ein fehlerhaftes System, in dem einige wenige Gewinne machen – auf Kosten von Tieren, Menschen und der Natur.
Das Umdenken hat längst begonnen: bei Bäuerinnen und Bauern, die ihre Tiere anders halten, bei Verbraucherinnen und Konsumenten, die nach nachhaltig produzierten Lebensmitteln suchen und bereit sind, dafür zu bezahlen, und bei Forscherinnen und Wissenschaftlern, die aufzeigen, wie gesunde Lebensmittel für alle möglich wären.
Diese Vorschläge müssen verwirklicht werden. Jetzt. Sonst schlittern wir in ein postantibiotisches Zeitalter. Das wird – das habe ich bei der Lektüre verstanden – wie die Corona-Pandemie, aber ohne Aussicht auf ein Ende.
Einleitung
Zwischen Zorn und Zuversicht
Skandalöse Zustände in Milchviehbetrieben, Ständerhaltung von Zuchtsauen, Ferkelkastration ohne Betäubung, mensch- und tierverachtende Verhältnisse in Schlachthöfen und Fleischfabriken, die in Zeiten von Covid-19 einmal mehr ins Licht der Öffentlichkeit gerückt sind, brutale Tiertransporte und alltäglicher Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung – Status quo eines Systems der Erzeugung von Lebensmitteln tierischer Herkunft, das so nicht zukunftsfähig ist und auch nicht sein darf. Antibiotika sind uns dabei in diesem Buch Indikator für dieses System, das über kurz oder lang gegen die Wand fahren wird.
Im Zentrum steht dabei die Erkenntnis, dass die Tierhaltung in der industriellen Landwirtschaft nur mit Tonnen von Antibiotika zu realisieren ist. Antibiotikaeinsatz und daraus folgend Antibiotikaresistenzen, die sich seit Jahrzehnten weltweit und immer schneller ausbreiten, sind also systemimmanent. Sie gefährden in einem solchen Ausmaß bereits heute unser aller Gesundheit, dass Forscher und Gesundheitsorganisationen von der größten Gesundheitskrise sprechen, in der wir uns bereits befinden und gegen deren Opfer die aktuellen Todesfälle durch das neue Corona-Virus leidvoll, aber gering sind. Denn die moderne Medizin fußt auf der einstigen Wunderwaffe der Antibiotika, die innerhalb weniger Jahrzehnte wertlos zu werden droht. Nicht nur für Lungenentzündung und Co. Keine Transplantation, keine Krebstherapie, keine größeren Operationen sind ohne Antibiotika möglich.
Weltweit werden Forschungsprogramme aufgelegt, um den Absturz in ein postantibiotisches Zeitalter abzubremsen. Und dabei stehen auch die sogenannten Zoonosen im Zentrum, die bei der Corona-Pandemie diskutiert werden. Also Infektionen, die Tiere und Menschen treffen, vom Tier auf den Menschen und umgekehrt übertragen werden können. Züchten wir also im Stall, etwa durch Antibiotika im Futter/Wasser, resistente Keime, im Extremfall sogenannte Killerkeime, können die auf den Menschen überspringen und bei Infektionen antibiotische Wirkstoffe unwirksam machen. Von jährlich 30 000 Toten in Europa ist die Rede; Studien prognostizieren Millionen bis 2050. Und dabei drohen nicht nur neue Erreger; auch alte, vermeintlich ausgerottete Krankheiten kehren dann zurück.
Im Folgenden begeben wir uns in unwegsames Gelände. Kaum ein gesellschaftspolitischer Bereich ist so voller Widerstände, Fußangeln, manchmal Minen wie Landwirtschaft, Tierhaltung, Produktion tierischer Lebensmittel, Ernährung mit all ihren Kollateralschäden für Umwelt und Gesundheit:
Wir verknüpfen, was gern getrennt betrachtet wird, weil Zusammenhänge dann nicht so augenfällig werden und man das ebenso lähmende wie entmutigende »alles sehr komplex« vor die Realität schieben kann.
Wir vereinfachen hier und da, weil wir möglichst viel für möglichst viele durchschaubar machen möchten.
Wir berichten über einiges, das längst bekannt ist, seit Jahrzehnten bemängelt und schnell wieder verdrängt wird – im Sinne der von uns so genannten »7 V der Agrarpolitik«, die wir unterwegs vorstellen und denen wir immer wieder Wissen entgegensetzen.
Wir erzählen von Matthias Sammer, dem Fußballprofi, der schmerzlich erlebte, was Antibiotikaresistenz im eigenen Körper anrichtet, von der heiligen Johanna der Schlachthöfe und von Erich Kästners Weitsicht, vom Sonderrecht für Grillwürste und den Millionen vergasten Nerzen, die an Corona erkrankt waren.
Wir suchen nach guten Beispielen für Veränderung; etwa wenn sich Tier- und Menschenärzte zusammenfinden im Kampf gegen Massentierhaltung, wenn Wissenschaftler an der Nahtstelle von Mensch und Tier forschen. Das One-Health-Denken ist spätestens in Corona-Zeiten kein Nischenphänomen mehr.
Wir: Das ist ein Tierarzt, der fasziniert ist von der Welt der sogenannten Nutztiere, er sagt lieber »Tiere in der Landwirtschaft«, denen wir Menschen große Teile unserer Überlebensgeschichte verdanken, der sich seit dreißig Jahren den Fehlentwicklungen in der Landwirtschaft und innerhalb seines Berufsstandes entgegenstellt. Auf der Basis seiner Erfahrungen und seiner Kompetenz engagiert er sich für eine zukunftsfähige Landwirtschaft, zu der notwendig eine andere Form der Tierhaltung und damit auch der tierärztlichen Verantwortung gehören.
Wir: Das ist eine Bürgerin, die seit Jahrzehnten die Zerstörung im ländlichen Raum, in der oberbayerischen Scheinidylle, beobachtet und sich mit ihren Mitteln zu wehren sucht, die sowohl Widerstände als auch Veränderung unmittelbar vor Augen hat und denkend wie handelnd dem Prinzip »trotzdem« folgt.
Beide kennen wir bis zum Überdruss leere Wort von Entscheidungsträgern auf allen Ebenen, Abwehr gegen das Offensichtliche. Beide sehen wir aber auch Menschen, die begreifen, dass es um mehr geht als glückliche Schweine, bunte Wiesen oder billiges Fleisch.
Beide sind wir manchmal zornig, mutlos, müde. Doch die Zuversicht überwiegt. Deshalb versuchen wir mit diesem Buch ein unangreifbar erscheinendes System transparent zu machen, zu zeigen, warum wir was tun müssen. Jetzt und jeder; auf allen Ebenen nationaler und internationaler Entscheidungen. Dabei entziehen wir uns weitgehend der schnellen Emotion, die Debatten um Antibiotika im Futter, Intensivtierhaltung, Billigfleisch vielfach prägt. Empörung und Mitleid reichen nicht, stumpfen genauso schnell ab wie der medial aufgeladene Skandal. So verändert sich seit Jahren – nichts.
Die Lage ist offensichtlich, und sie ist riskant. Es gilt, furchtlos hinzuschauen, genau hinzuhören, den Blickwinkel immer wieder zu wechseln. Und dann zu handeln, wo sich Möglichkeitsräume zur Veränderung auftun. Denn Antibiotika neu denken heißt Tierhaltung neu denken, heißt Landwirtschaft neu denken, Medizin neu denken, Ernährung neu denken. Für jeden von uns.
Die größte Gesundheitskrise unserer Zeit ist da – und sie heißt nicht Covid-19 (Corona)
Zehn Thesen
Eine mikrobiologische Apokalypse.
Wolfgang Witte, Mikrobiologe
1Wunderwaffen wirken nicht mehr
Einst waren Antibiotika die Wunderwaffe der Medizin. Seit Jahren nehmen jedoch Resistenzen gegen diese Wirkstoffe zu, das heißt, sie helfen nicht mehr, und Infektionen werden unbehandelbar. Schon heute sterben in Deutschland pro Jahr mindestens 15 000 Menschen infolge solcher nicht beherrschbarer Infektionen. Die Dunkelziffer liegt wohl weit höher.
2Tod durch Bagatellkrankheiten
Experten warnen, dass ein postantibiotisches Zeitalter angebrochen sei, in dem Menschen wieder an Zahnentzündungen, Blaseninfekten oder Tripper sterben können. Wir bewegen uns damit in eine mittelalterliche Zukunft. Die Resistenzen von Bakterien gegen verfügbare Antibiotika schreiten weltweit so schnell voran, dass wir uns bereits jetzt in der größten Gesundheitskrise unserer Zeit befinden.
3Risiken für die Medizin
Ohne Antibiotika ist die moderne Medizin hochgradig gefährdet. Operationen, Transplantationen oder Krebstherapien müssen vielfach mit Antibiotika flankiert werden, um das Risiko von Infektionen zu verringern. Forscher beschreiben die Situation als eine auf den Kopf gestellte Pyramide: Eine Vielzahl von medizinischen Eingriffen und Verfahren fußen auf immer weniger noch wirksamen Antibiotika.
4Gesundheitseinrichtungen werden zu Krankheitsherden
In Krankenhäusern greifen die gefürchteten »Killerkeime« wie MRSA und ESBL-Erreger (Bakterien, die antibiotikazerstörende Enzyme bilden) um sich. Gegen solche multiresistenten Keime können viele Antibiotika nichts mehr ausrichten. Begegnungen mit ihnen sind heute ärztlicher Alltag. Damit ist jeder Patient potenziell solchen Bakterien ausgesetzt.
5Es wird zu breit und zu oft verschrieben
In der Humanmedizin werden weiterhin zu häufig Antibiotika verschrieben, etwa gegen grippale Infekte, wobei Viren auf Antibiotika nicht ansprechen. Vielfach werden zu schnell breit wirkende Präparate eingesetzt und/oder Einnahmeregeln nicht befolgt. So können ebenfalls Resistenzen bei Bakterien gefördert werden.
6Wir haben jede Empathie für die sogenannten Nutztiere verloren
Zu den wesentlichen Treibern bei der Entwicklung von mehrfach resistenten Bakterien gehört die Massentierhaltung. Dort wird der Großteil aller Antibiotika in Deutschland eingesetzt. Unter den Bedingungen heutiger Geflügel-, Rinder- und Schweinemast würden viele große Tierbestände ohne Antibiotika nicht bis zur Schlachtung überleben. Denn wir verlangen Nutztieren immer mehr Leistung ab, halten sie in Stallungen, die deren Lebensweise in höchstem Maße einschränken, und füttern sie mit Substanzen, die sie unter natürlichen Haltungsbedingungen nie fressen würden. Tierärzte sind als Antibiotikaverkäufer Mittler und Profiteure dieser unheilvollen Entwicklung; sie sind Teil eines Geflechts aus Großmästern, Fleischkonzernen, Futtermittelherstellern, Pharma- und Lebensmittelindustrie.
7Massentierhaltung treibt Resistenzen voran
Für die Intensivtierhaltung sind Antibiotika systemimmanent. Denn die Produktion von immer mehr und immer billigerem Fleisch, billigeren Eiern und billigerer Milch funktioniert nur mit großen Mengen antibiotischer Substanzen. Nicht ein krankes Tier wird behandelt, sondern alle, weil ein einziges krankes Tier in großen Beständen die anderen anstecken könnte. Besonders folgenschwer ist der Einsatz sogenannter Reserveantibiotika, oftmals das letzte Mittel, wenn bakterielle Infektionen nicht mehr in den Griff zu bekommen sind. Es gibt bereits Bakterien, die auch gegen diese Wirkstoffe resistent sind. Billig (Fleisch) beschleunigt also die Resistenzentwicklung weiter.
8Tier- und Menschengesundheit gehören zusammen
Im Zentrum von Antibiotikaresistenzen wie von Pandemien stehen Masse, Monotonisierung und Zerstörung von Lebensräumen mit begleitendem Artensterben. In der Folge verschärft sich das Überspringen veränderter oder neuer Mikroorganismen von Tieren auf Menschen (Stichwort Zoonosen). Tier- und Menschengesundheit gehören untrennbar zusammen, beeinflussen sich gegenseitig. Hier setzt der One-Health-Planetary-Health-Gedanke an, der die weltweite Debatte um Resistenzen wie um unbekannte Erreger und Pandemien mehr und mehr prägt.
9Wir müssen unseren Fleischkonsum reduzieren
Die Fleischindustrie basiert auf Ausbeutung von Mensch und Tier, wie die dortigen Infektionsherde mit Covid-19 im Jahr 2020 einmal mehr gezeigt haben. Ein Tatbestand, der seit Langem bekannt ist, hinter Veränderungsfloskeln versteckt und weitgehend vergebens gebrandmarkt wird. Diese Zustände gehen mit einer Verrohung einher, die wir als Konsumenten meist stillschweigend unterstützen, indem wir zu viel zu billiges Fleisch essen. Damit entwerten wir das Lebensmittel Fleisch in bisher unbekanntem Ausmaß. Den wahren Preis zahlen Umwelt, Tiere und am Ende wir alle.
10Die vorherrschende Form der Landwirtschaft ist nicht zukunftsfähig
Die derzeit vorherrschende Form des Landwirtschaftens basiert auf einer Lüge (anders kann die Welt nicht ernährt werden); ihre Kollateralschäden sind gewaltig – für Umwelt, Gesellschaft und jeden Einzelnen. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung stellte bereits 2015 in einem Gutachten fest, dass die gegenwärtige Intensivtierhaltung »nicht zukunftsfähig« sei. Die große Gesundheitskrise unserer Zeit, die Antibiotikakrise, fungiert somit auch als Spiegel für den Notstand des Planeten.
BlickwechselAntibiotikaresistenz und Corona – eine unheilige Allianz?
Während der Corona-Pandemie tauchte in Analysen zu schweren Krankheitsverläufen und vielen Todesfällen die Frage auf, ob in den komplexen Zusammenhängen von Ursachen auch Antibiotikaresistenzen eine Rolle spielen könnten. Italien als zeitweiliger Corona-Hotspot Europas gehört zu den Ländern mit einem hohen Prozentsatz an Patienten mit Resistenzen. Laut der EU-Behörde zur Überwachung von Infektionskrankheiten (ECDC) liegt der Anteil in Italien bei 26,8 Prozent, das heißt, ein Drittel spricht auf Antibiotika nicht an. Zum Vergleich: In Deutschland sind es lediglich 0,4 Prozent.1 Resistenzen können im Fall etwa einer bakteriellen Lungenentzündung als Folge einer Covid-19-Infektion, die den Einsatz von Antibiotika erfordert, zusätzliche lebensbedrohliche Komplikationen auslösen.2
Im Juni 2020 warnte die Weltgesundheitsorganisation davor, zu häufig Antibiotika (teils prophylaktisch oder bei Verdacht auf zusätzliche bakterielle Infekte) auch bei milden Verläufen von Covid-19 einzusetzen. Die stark gestiegene Verabreichung von Antibiotika werde einen weiteren Schub für Resistenzen von Bakterien gegen diese Mittel auslösen. Dadurch könnten während der Pandemie und danach Erkrankungen und Todesfälle durch bakterielle Infektionen, die nicht mehr behandelbar seien, steigen.3
Vorsicht, Grüner Schwan!
Was Mastställe, Antibiotika, Covid-19 und Naturzerstörung miteinander zu tun haben
Dass die größte Katastrophe womöglich der Mensch selbst ist, der mit seinem Raubbau an der Natur vielleicht gerade im Begriff ist, sich selbst umzubringen.
Wolfgang Schäuble, Bundestagspräsident
Angesichts der Corona-Pandemie reden viele von einer besseren Gesellschaft, in die wir nach der Krise aufbrechen werden. Wir verfolgen diese Debatten skeptisch. Denn in all den Hilfs-, Überbrückungs- oder Konjunkturprogrammen, all den Prognosen und Absichtserklärungen für eine bessere Zukunft fällt gebetsmühlenartig das Wort »Wachstum«. Es muss irgendwie doch wieder werden wie früher. Vielleicht ein bisschen ökologischer. Doch dieses grundsätzliche »Weiter so« hat keine Perspektive; es forciert die Krisen, die wir schon so lange heraufziehen sehen – ohne begreifen zu wollen, was uns blüht.
Blicken wir kurz zurück:
Eine internationale Antibiotikakonferenz beschwor bereits 2014 die Weltgemeinschaft, dass der Kampf gegen Resistenzen oberste Priorität haben müsse, da hier die größte Herausforderung unserer Zeit liege. In Zukunft könnten schon leichte Infektionen oder Verletzungen tödlich enden. Forscher und Politiker wandten sich in diesem Zusammenhang entschieden gegen Tierfabriken.
Im Juli 2015 hatte es das Thema Antibiotikaresistenzen auf die Tagesordnung der G7-Staaten geschafft. In der Gipfelerklärung hieß es, gemeinsam unterstützten die großen Nationen der Welt den Globalen Aktionsplan der WHO zum Kampf gegen Resistenzen. Ein sachgerechter Einsatz von Antibiotika sowohl in der Humanmedizin als auch in der Landwirtschaft sei unerlässlich, um Resistenzbildungen nicht weiter zu fördern.
Als die Gesundheitsminister, die im Mai 2017 vorbereitend für das Treffen der G20-Staaten zusammenkamen, einen Konferenzsaal betraten, stießen sie unvermittelt auf eine Krise. Auf einer Leinwand lief ein Bericht über einen unbekannten Erreger, der viele Menschen infiziert und schwere Atemwegssymptome ausgelöst hatte. Einige Menschen starben. Schnell wurden aus den wenigen viele. Schwere Entscheidungen standen im Raum. Sollten die Grenzen geschlossen werden? Sollte man Quarantänestationen einrichten? Damals begann die Epidemie in einem Land namens Anycountry. Nur drei Jahre später ist die Fiktion für die Menschen weltweit Realität.
Beim späteren G20-Treffen in Hamburg im Juli desselben Jahres stand ein weiteres Thema auf der Tagesordnung, das eine weltweite Gesundheitskrise markiert: die sich rasant ausbreitenden Antibiotikaresistenzen. Für beide Krisenfelder wurden Absichtserklärungen verabschiedet und Forschungsprogramme angestoßen.
Im Mai 2020, mitten in der Corona-Pandemie, warnten Wissenschaftler der Leopoldina-Akademie in einer Studie zum Artensterben, »dass Biodiversität und die Bewahrung der Lebensgrundlagen der Menschheit untrennbar miteinander zusammenhängen«.4 Rund 80 Prozent der Artenverluste seien der intensiven Landwirtschaft geschuldet. Vor allem die Fleisch- und Milchproduktion mit all ihren Folgen wie Massentierhaltung sowie Pestizid- und Antibiotikaeinsatz, belasten die Umwelt dramatisch.
Im Juni 2020 bezeichnete die italienische Virologin und Corona-Forscherin Ilaria Capua die Corona-Pandemie als Krankheit unserer Lebensweise. »Wir stellten kürzlich fest, dass in manchen Städten die CO2-Belastung hoch blieb, obwohl der Verkehr durch Corona zurückgegangen war. Warum? Weil sich um diese Städte herum Megafarmen für die Milch- und Fleischindustrie befinden. Zack, schon hat uns das Virus auf eine weitere Perversität unseres Konsumverhaltens aufmerksam gemacht.«5 Und sie ergänzt: »Ich definiere Covid-19 als multisystemischen Stresstest mit biologischem Ursprung. Es bringt Gesundheitssysteme unter Druck, Demografien, Transportsysteme, macht die Bedeutung deutlich, von Regeln, die es zu respektieren gilt, wirft ethische und soziale Fragen auf.«6
Zum Tag der Biodiversität 2020 betonte der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller, dass die Corona-Pandemie auch eine Folge von Naturzerstörung und ausbeuterischem Umgang des Menschen mit der Erde sei.7
In ihrem großen Konjunkturprogramm gegen die Corona-Krise fördert die Bundesregierung 2020/21 Umbaumaßnahmen für Ställe, um das Tierwohl zu verbessern. Unterstützt werden sollen nur Stallumbauten, die ausdrücklich nicht mit Kapazitätserweiterungen einhergehen, also eine weitere Intensivierung der Tierhaltung nach sich ziehen würden.
Im Sommer 2020 betonte Bundesumweltministerin Svenja Schulze erneut den One-Health-Gedanken, der über die Pandemieprävention hinaus auch für den Resistenzschutz wesentlich ist: »Wir Menschen können nur gesund bleiben, wenn Tiere und Umwelt gesund sind. Weil wir mit unserer Umwelt auf so vielfältige Weise verbunden sind, ist Naturschutz auch immer präventive Gesundheitspolitik.«8
Schließlich mahnte UN-Generalsekretär António Guterres, dass Corona eine Botschaft der Natur sei: »Wir können nicht zum Business as usual zurückkehren, sondern müssen mit der Natur arbeiten und nicht gegen sie.«9
Eine Vielzahl von schönen Worten, guten Absichten und strengen Warnungen sind seit Jahren auf nationaler und internationaler Bühne präsent. Wissenschaftler wissen um die Krise der Antibiotikaresistenzen, die Covid-19 in den Schatten stellen wird. Doch bis ins Frühjahr 2020 waren viele dieser Absichtserklärungen und Mahnungen letztlich Schönwetterbotschaften. Dann kam die Mikrobe X, die Forscher erwartet hatten, und legte die Weltwirtschaft lahm, schloss Grenzen, tötete eine Vielzahl von Menschen weltweit. Dabei ist Covid-19 bei Weitem nicht so gefährlich wie etwa SARS oder MERS oder Ebola. Und auch nicht wie HIV, dem inzwischen weltweit mehr als 32 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind. Covid-19 ist vielleicht nur ein Vorgeschmack auf eine drohende mikrobielle Apokalypse.
Denn was richten wir gerade an auf der Erde? »Globale Fertigung, weltweites Reisen, maximale nationale Mobilität, Handel mit exotischen Tieren, Zerstörung der Urwälder, Massentierhaltung, Wanderarbeiter in Baracken, Antibiotikaresistenz, Krankenhauskeime, Zunahme von Immunschwäche, zudem zahlreiche Vorerkrankungen wie Asthma, Kreislaufschwäche, Diabetes, Übergewicht – kurzum: eine rundum virophile Welt.«10
Wissenschaftler wussten nicht, ob der unbekannte Erreger (z. B. Viren, Bakterien, Pilze) aus den abgeholzten Regenwäldern Südamerikas oder von den Wildtiermärkten Chinas oder aus den 50 000-Schweine-Mastanlagen Niedersachsens kommen würde. Wahrscheinlich war, dass er vom Tier auf den Menschen überspringen würde (Zoonose), wie schon die meisten anderen (mikrobiellen) Killer der Seuchengeschichte.
Wir wissen es doch längst
Selbst die im Sommer 2020 allenthalben beschworenen Zusammenhänge zwischen intakter Natur, Tier- und Menschengesundheit sind keine neue Erkenntnis. Hatten doch, um nur ein Beispiel zu nennen, bereits die bayerischen Ärzte auf ihrem Ärztetag 2014 in einem mehrheitlich verabschiedeten Antrag gefordert, die Massentierhaltung abzuschaffen, und zwar unter Hinweis auf die Bedrohung für die Menschen durch fortschreitende Resistenzentwicklung.
Antrag der bayerischen Ärzte 2014
»Der 72. Bayerische Ärztetag beschließt, dass von der Ärzteschaft ein klares Votum gegen die Massentierhaltung ausgeht und dass der Vorstand gebeten wird, dieses auf politischer Ebene vehement zu vertreten.
Begründung: Weltweit besteht ein gravierendes Problem der Resistenzentwicklung vieler Bakterienarten gegenüber einer Vielzahl von Antibiotika … Die Ursache für die zunehmende Resistenz ist … ganz erheblich deren Einsatz in der Veterinärmedizin und hier ganz besonders in der Massentierhaltung; denn Massentierhaltung ist ohne Antibiotika nicht möglich. Reglementierung und Dokumentationspflicht werden dieses Probleme nicht lösen können. Die weitreichende Konsequenz des Antrags ist den Antragstellern bewusst.«11
Der Begriff »One Health« fiel damals nicht, steht aber heute im Zentrum der Forschung und der politischen Forderungen um mikrobielle Erreger. Gemeint ist damit, dass Menschengesundheit mit dem Wohlergehen unseres Planeten zusammen gesehen werden muss. Wenn also der Mensch immer weiter in bisher unberührte Lebensräume vordringt, Arten ausrottet, die in einem ausbalancierten Wechselverhältnis existieren, wird er mit einer Vielzahl unbekannter Mikroben (das Wort »Mikrobe« wird im weiteren Verlauf synonym mit »Mikroorganismus« verwendet) oder Viren konfrontiert, gegen die sein Immunsystem machtlos ist. »Die Wälder sind voll mit gefährlichen Erregern. Da gibt es Ebola-, Hanta- und Nipah-Viren, Anthraxsporen und Moskitos, die Zika, Gelbfieber und Malaria übertragen, Marburg-, Hepatitis- und Coronaviren. Die Krankheiten, die von diesen Erregern ausgelöst werden, gehören für Menschen zum Tödlichsten, was die Natur bereithält. Etwa 3000 Viren haben Forscher beschrieben – insgesamt aber soll es mehr als eine Million unbekannte Viren geben. Im Grunde hat die Wissenschaft keine Ahnung, was da draußen lauert.«12
Parallel pferchen wir immer mehr Tiere in riesigen Ställen zusammen, verfüttern ihnen Antibiotika, beschleunigen damit Resistenzen von Bakterien, die wiederum auf den Menschen überspringen und ihn sehr verletzlich machen können für Infektionen. Die Gier nach immer mehr immer billigerem Fleisch bezahlen wir also an anderer Stelle mit unserer Gesundheit.
Und wenn dann all diese Entwicklungen zusammentreffen, sehen wir uns einer Krise gegenüber, für die der Begriff »Apokalypse« kein Science-Fiction-Vokabular mehr ist. UN-Generalsekretär António Guterres brachte es im Sommer 2020 auf den Punkt: »Stellen Sie sich vor, eines Tages bricht ein Virus aus, das sich so schnell verbreitet wie Corona, aber so tödlich ist wie Ebola.«13
Als wir im Frühjahr 2020 zu ahnen begannen, dass ein neues Virus unser Leben massiv verändern könnte, eröffnete sich jahrelangem Engagement gegen Antibiotikamissbrauch eine neue Dimension. Bei der Planung dieses Buches lebte der Tierarzt Rupert Ebner einen deutschen Alltag als Umwelt- und Gesundheitsreferent der Stadt Ingolstadt und als Tierarzt mit Schwerpunkt Großtiere. Tierställe sind ihm also seit Jahrzehnten vertraut. Mit dieser Realität seines Berufslebens haderte er schon lange und versuchte, den Zusammenhang von Massentierhaltung, Fleischfabriken, Antibiotikaeinsatz für Billigfleisch mit Tier- und Menschenleid immer wieder öffentlich zu machen.
Dann kam Covid-19 und zeigte, wie fragil unsere Art zu leben ist, wie schnell unsere Kontrollillusionen zerrinnen. Die sogenannte Corona-Krise demaskiert viele scheinbare Selbstverständlichkeiten, enthüllt, wie schnell wir nicht mehr Herr des Geschehens sind. Unbekannte Viren und multiresistente Bakterien, Klimawandel und Artensterben, Naturzerstörung und Wohlstandsbesoffenheit – wir erweisen uns als Treiber und Getriebene. Wie blind die Eliten unserer Welt gegenüber diesen Zusammenhängen immer noch sind, zeigt übrigens eine Einschätzung des Weltwirtschaftsforums in Davos vom Januar 2020; dort zählte man Infektionskrankheiten zu den möglichen, aber eher unwahrscheinlichen Bedrohungen der Menschheit. Zu diesem Zeitpunkt ahnte man dort nicht, dass das Coronavirus bereits auf dem Weg um die Welt war.
»Gewiss, wir verbuchen im Kampf gegen Infektionskrankheiten und deren Verbreitung bemerkenswerte Fortschritte. Deuten wir diese nur nicht falsch als fortschreitende Beherrschung der Mikrobenwelt. Wir täten gut daran, Krankheit als ökologisches Problem zu begreifen«, konstatiert der Schweizer Physiker Eduard Kaeser und rät »zur nüchternen Neueinschätzung unseres Platzes in der Natur«.14
Dieses Buch wäre auch ohne Corona überfällig gewesen, jetzt ist es schärfer im Ton, weiter in der Perspektive und unnachgiebiger in seinen Forderungen. Corona ist eine weitere überdeutliche Warnung, die sich einreiht in SARS, MERS, EHEC, Ebola, HIV. Sie bringt unsere Welt zum Stillstand wie einst die mittelalterlichen Seuchen, deren Wiederkehr wir nur noch in Romanen für möglich hielten.
Grüner Schwan oder: Planetary Health
Es geht also in der Debatte zu Antibiotikaresistenzen auch um die Gesundheit des gesamten Planeten; hier begegnete uns das Bild von der Planetary Health. Damit scheint der Bogen gespannt: Wenn wir so weitermachen wie in den zurückliegenden Jahrzehnten, werden wir aus dem Krisenmodus nicht mehr herauskommen. Bereits im Corona-Sommer warnten chinesische Forscher vor einem Influenzavirus, das vor allem in Hochburgen der Schweinemast zu dominieren scheint. Menschen können sich anstecken. Erinnerungen an die Schweinegrippe werden wach: »Der G4-Genotyp der Schweinegrippe-Reassortanten (Ergebnis einer Vermischung zwischen zwei Viren) besitzt alle entscheidenden Merkmale, die ihn zu einem Kandidaten für eine Influenza-Pandemie machen«, schreiben die chinesischen Experten.15 Eine Verbindung von Covid-19 und Schweinegrippe mochte sich niemand vorstellen.
In dieser Lage stießen wir auf den Grünen Schwan. Er ist ein Bruder des berühmten Schwarzen Schwans, mit dem der Finanzmathematiker Nassim Nicholas Taleb angesichts der Finanzkrise 2008 sehr unwahrscheinliche Ereignisse beschrieb.16 Im Frühjahr 2020 bezeichnete die Schweizer Bank für Internationalen Zahlungsausgleich BIZ Ereignisse mit weltweit desaströsen Auswirkungen als »Grünen Schwan«,17 dazu zählte sie auch die Corona-Krise. Grüne-Schwan-Ereignisse seien stets global und so radikal in ihrer Zerstörungskraft, dass sie massive Auswirkungen auf menschliches Leben und ganze Zivilisationen hätten. Wegen der globalen Natur Grüner Schwäne, so die BIZ weiter, bedürfe es neuer Denkweisen und anderer Formen der Zusammenarbeit. Der Menschheit stünden Risiken bevor, die eine »neue Landschaft der Kooperation« notwendig machten.18 Bislang wurden solche Mahnungen gern als Kassandrarufe abgetan, wie sich Ilona Kickbusch, international arbeitende Expertin für globale Gesundheit, erinnert und daher fordert: »Globale Zusammenarbeit ist eine Grundbedingung für erfolgreiche Pandemiebekämpfung.«19
Eigentlich ist also alles klar. Doch die Realität spricht eine andere Sprache. Nicht nur die Auswahl von weitgehend folgenlosen Beschlüssen, Erklärungen, Forderungen zu Beginn des Kapitels erinnern daran. Auch die vielen vergessenen Toten zurückliegender Pandemien, für die man keineswegs bis ins Mittelalter schauen muss.
»Nach ihrem Abklingen war jede Pandemie schnell vergessen«; so das nüchterne Fazit der Medizinhistoriker Heiner Fangerau und Alfons Labisch.20 Sie erinnern daran, dass viele gegenwärtige und vergangene Infektionskrankheiten in der öffentlichen Aufmerksamkeit keine Rolle spielen, etwa die jährlich eine Million Todesfälle durch Malaria oder die 30 000 Toten allein in Deutschland bei der Grippewelle 1958/59. Und auch sie mahnen, dringend unsere Art des Lebens zu verändern.
Mit Blick auf die drängende globale Krise der Antibiotikaresistenzen, die eben keine plötzlich hereinbrechende Katastrophe ist, sondern sich, wie gesehen, seit Langem heranschleicht, lässt allein die Tatsache, dass im Corona-Jahr 2020 in der EU die Verhandlungen über die gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der kommenden sechs Jahre keine entscheidenden Veränderungen brachten, bislang kein Begreifen der Lage bei vielen Entscheidern erkennen. Ein Übergangszeitraum von zwei Jahren wurde festgelegt, in dem sich nichts ändern wird. Eine dringend notwendige Agrarwende ist nicht in Sicht. Die Ställe bleiben voll, Antibiotika bleiben auf dem Futterzettel – vielleicht ein paar Tonnen weniger; aber das ist den Resistenzen egal. Mehr Menschen werden an nicht mehr heilbaren Infektionen sterben, und die nächste Pandemie wird kommen.
Chancen, jetzt Druck im Sinne grundlegender Veränderungen aufzubauen, sehen wir bei uns allen, als Verbraucher, Forscher, Human- und Tierärzte. Voraussetzung sind Informationen, die nichts beschönigen: das Wissen, worum es eigentlich geht und warum die größte Gesundheitskrise unserer Zeit jeden unmittelbar angeht. Hier befinden sich gerade Tierärzte an einer Nahtstelle. Sie sehen Soja als Kraftfutter, für dessen Anbau Regenwald abgeholzt wird; sie sehen den Mastalltag in deutschen Ställen; sie sehen das Tierelend, mit dem wir Billigfleisch erkaufen und die eigene Gesundheit gefährden.
Über all diese Zusammenhänge wird in den folgenden Kapiteln zu reden sein. Auch damit die alten Strukturen nicht einfach weiter funktionieren – wenn das Schlimmste überstanden scheint. Und hier werden sich immer wieder die gleichen Fragen aufdrängen: Warum fürchten wir uns trotz allem so wenig? Warum ekeln wir uns so wenig? Warum schämen wir uns so wenig? Diese Fragen richten sich nicht nur an uns Bürgerinnen und Bürger, sondern auch an Entscheider in Politik und Wirtschaft. Und dabei geht es nicht nur um Moral.
Wir, ein Tierarzt und eine Bürgerin, machen uns in diesem Augenblick, in dem wir eine neue Chance für Veränderung sehen, eine Erkenntnis zu eigen, die Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im Sommer 2020 gewann: 150 zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger aus dem ganzen Land kamen zu einer Convention Citoyenne pour le Climat,21 einem Bürgerrat für den Klimaschutz, zusammen und erarbeiteten dort erstaunliche Maßnahmen: Auf Autobahnen sollen nur noch 110 km/h erlaubt sein, ab 2025 soll es keine Inlandsflüge mehr geben, Werbung für klimaschädliche Produkte wie Autos soll verboten werden, in Kantinen soll es keine Fleischgerichte mehr geben. Die an sieben Arbeitswochenenden entwickelten Maßnahmen reichen von Gutscheinen für Bioläden, mit denen auch wenig Begüterten gesunder Einkauf ermöglicht werden soll, bis zur Aufnahme des Klimaschutzes in die erste Präambel der französischen Verfassung und der Schaffung eines Straftatbestandes des Ökozids, der zum Beispiel Unternehmen beträfe, die mit ihren Aktivitäten das Artensterben oder den Klimawandel beschleunigen und dazu beitragen, den Planeten an den Rand seiner Widerstandskräfte zu bringen. Die Vorschläge zeugen von erstaunlichem Mut der sogenannten normalen Bürgerinnen und Bürger (keine Ökoaktivisten), von einer berührenden Ernsthaftigkeit und großer Entschlossenheit, anders zu leben, um die Erde als Lebensraum zu bewahren. Der Präsident wird diese Vorschläge nicht zu den Akten nehmen – und sei es nur aus politischem Kalkül. Ende 2020 versprach Emmanuel Macron, im kommenden Jahr eine Volksabstimmung zu organisieren mit dem Ziel, Umwelt- und Klimaschutz in der Verfassung zu verankern. Artikel 1 der französischen Verfassung würde damit um den Beisatz ergänzt: »Frankreich unterstützt den Erhalt der Umwelt und der Artenvielfalt und bekämpft den Klimawandel.«
Wieder einmal erweisen sich Bürger als mutiger, konsequenter und zuversichtlicher als ihre zaghaft-zögerlichen politischen Vertreterinnen und Vertreter. Seit 2019 wird auch in Deutschland das Instrument des Bürgerrats auf nationaler Ebene erprobt. Die ersten Themen galten der Stärkung der Demokratie und der zukünftigen Außenpolitik (2020). So konkret wie der Bürgerkonvent in Frankreich sind die Fragestellungen bisher aber nicht.
Dass viele langsam begreifen, worum es geht, lassen aktuelle Umfragen vermuten, wonach mehr als 90 Prozent der Befragten bereit sind, für Fleisch einen ehrlichen Preis zu bezahlen, wenn es einer besseren Tierhaltung und fair entlohnten Bauern dient – derweil die derzeitige Bundeslandwirtschaftsministerin noch darüber schwadroniert, dass Fleisch nicht nur etwas für Reiche sein dürfe (eine unsachliche Aussage, auf die wir zurückkommen werden).
Lassen wir also zunächst noch einmal Befunde, Erkenntnisse, Tatorte, Opfer und Nutznießer Revue passieren, die wir zu einem Puzzle des Status quo zusammenfügen wollen. Und ja, wir werden genügend Anlässe sehen, uns zu fürchten. Denn viele Grüne Schwäne brüten hinter dem Horizont.
BlickwechselAntibiotikaresistenz konkret – die Geschichte des Matthias Sammer
Viele Menschen können sich unter Antibiotikaresistenz nichts vorstellen und ahnen nicht, welche dramatischen Folgen scheinbar harmlose Eingriffe für jeden von uns haben können.
Matthias Sammer:
Er gewann im Laufe seiner Spielerkarriere nahezu alle wichtigen Titel des europäischen Fußballs, außerdem als jüngster Trainer überhaupt die deutsche Fußball-Meisterschaft mit Borussia Dortmund; außerdem war er erfolgreicher Sportmanager.
1997 infizierte er sich nach einer ambulanten Knie-Operation mit multiresistenten Keimen. Drei Wochen lang kämpften die Ärzte um sein Leben, denn kein Antibiotikum wirkte; erst das allerletzte Mittel griff schließlich. Seine Karriere war zu Ende, mit gerade dreißig. »Es war dieses allerletzte Antibiotikum, was mich gerettet hat. Ich will keine Schlagzeilen produzieren«, erklärte er in einem ZEIT-Gespräch 2014.22 »Aber ich rede, weil ich aufrütteln will. Vielleicht kann man damit anderen Menschen helfen.«
Die Situation hat sich seither nicht entscheidend verbessert.
Killerkeime, Mettwurst und verlorene Jahre
Befunde aus dem Gruselkabinett
Wenn wir weiter den Weg gehen, bei dem in der Wirtschaft und in der Landwirtschaft nur Gewinn zählt, wird der Lebensraum für uns Menschen endgültig zerstört.
Prinz Charles von England
Im Corona-Jahr bemühen viele Wissenschaftler und Kommentatoren das Bild vom Brennglas, das uns Missstände, die wir lange übersehen, an den Rand gedrängt oder verdrängt haben, überdeutlich zeigt. Dies gilt insbesondere für die Ursachen jener galoppierenden Entwicklung mikrobieller Resistenzen, die das Überleben von Millionen Menschen gefährden können. Selbst wenn wir die Warnung, dass nach einer Pandemie gern wieder zur Tagesordnung übergegangen wird, ernst nehmen, wollen wir mit unserer frischen Pandemieerfahrung Aspekte in den Brennpunkt rücken, deren Dimensionen und Gefahrenpotenzial wir durch Corona vielleicht besser und dauerhafter begreifen – und daraus die Kraft und die Leidenschaft entwickeln, endlich Grundlegendes an unserer Lebensweise zu ändern. Denn es wird nicht reichen, das Alte zurückhaben zu wollen; es ist, wie wir mit Blick auf Phänomene wie Antibiotikamissbrauch oder Massentierhaltung zeigen werden, der Mühe nicht wert. Im Gegenteil: »Wir haben jetzt die Chance, ein Modell für nachhaltige Gesundheit zu entwickeln, wenn wir verstehen, dass wir in einem extrem verknüpften, wechselseitig abhängigen System von Mensch und Tier leben, nicht in einer Zementbox. Ich nenne es zirkulare Gesundheit. Wir müssen biologische Regeln respektieren. Sonst implodiert das System« (Ilaria Capua).23 Oder in den Worten eines der führenden deutschen Unternehmenschefs zur Jahreswende 2020/21:
»2021 kann das Jahr werden, in dem wir den Weg zu einer neuen, resilienteren und nachhaltigeren Normalität beginnen.« (Roland Busch, Vorstandsvorsitzender von Siemens)24
Grenzenlose Keimphantasie in wohlfeilen Wirten