Pilzsaison - Bernd Franzinger - E-Book

Pilzsaison E-Book

Bernd Franzinger

4,5

Beschreibung

Wolfram Tannenberg, frischgebackener Leiter der Kaiserslauterer Mordkommission, wird in seinem ersten Fall gleich mit einem mysteriösen Verbrechen konfrontiert. Im Stadtwald wird eine weibliche Leiche entdeckt, in deren aufgeschlitzter Kehle mehrere Pilze stecken. Der Kommissar kann weder eine Spur zu einem Verdächtigen finden, noch ist auch nur der Ansatz eines möglichen Tatmotivs zu erkennen. Wenige Tage später finden Spaziergänger eine weitere Frauenleiche. Tannenbergs Gegner - offenbar ein Serienmörder - erscheint übermächtig, denn er ist ein geschickter Stratege, ein leidenschaftlicher Spieler, der immer eine Überraschung für seine Häscher bereit hält. Im Gmeiner-Verlag war sofort klar: Das ist der Top-Titel im Herbst 2003 und der Autor ein neuer Stern am Krimihimmel!

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Bernd Franzinger

Pilzsaison

Kriminalroman

Impressum

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:

Tannenbergs letzter Fall (2016), Sinnenrausch (2015), Schultheater (2014), Tannenberg ermittelt wieder in der Pfalz (2014), Hexenschuss (2013), Todesnetz (2012), Tannenberg ermittelt (2012), Familiengrab (2011), Zehnkampf (2010), Leidenstour (2009), Kindspech (2008), Jammerhalde (2007), Bombenstimmung (2006), Wolfsfalle (2005), Dinotod (2005), Ohnmacht (2004), Goldrausch (2004)

Website des Autors:

www.tannenberg-krimis.de

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2003 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75/20 95-0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Aktualisierte E-Book-Ausgabe 2017

Lektorat: Isabell Michelberger

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: Heine und Eberle, Stuttgart

ISBN 978-3-8392-3134-0

Pilze

Bunte Pilze sind die Kindchen,

Die dem Mutterschoß der Waldung

In den feuchten Sommernächten

Gleich zu hunderten entsprießen.

Und sie gucken zwerghaft niedlich

Unter breiten Faltenhütchen,

Ducken sich ins Moosgewoge,

Bange vor der kleinsten Schnecke.

Schnecken kommen viel gezogen.

Hei, wie freu’n sie sich der Beute!

Fressen, dass die Bäuche schwellen

Von des Pilzlings rundem Rücken.

Halt, da greifen weiche Tatzen

Fünfgefingert nach den Pilzen,

Ziehen sie vom Mutterbusen,

Stecken sie ins runde Körbchen.

Und da schauen sie einander

Rund verwundert und verängstigt

An und flüstern: Ach was wird nun -

Wird nun wohl mit uns geschehen?

Emerenz Meier (1874–1928)

1

Schlaftrunken wankte Tannenberg ins Wohnzimmer, nahm gähnend den Telefonhörer aus der lärmenden Basisstation und ließ sich kraftlos in seinen bordeauxroten Ohrensessel niedersinken. »Mensch, Geiger, was’n los, hat man noch nicht mal am Sonntagmorgen seine Ruhe vor dir?«

»Tut mir echt leid, Chef; ich weiß ja, dass Sie keine Bereitschaft haben. Aber der Oberstaatsanwalt legt nun mal gesteigerten Wert darauf, dass Sie sich höchstpersönlich um die Sache kümmern.«

»Um welche Sache? – Langsam! Jetzt sagst du mir erst mal, wie spät es ist, und dann ganz ruhig, was überhaupt passiert ist.«

»Also, es ist kurz nach sieben. Etwa vor einer halben Stunde hat uns ein Mann von seinem Handy aus angerufen und mitgeteilt, dass er gerade eine Tote im Wald entdeckt hat. Wir sind gleich hingefahren. Sie müssen schnell kommen. So was haben Sie noch nie gesehen! – Wahnsinn!«

»Was macht denn der Idiot sonntags um diese Uhrzeit im Wald?«

»Weiß ich auch nicht, Chef, kommen Sie schnell, ich warte am Bremerhof auf Sie.«

»Mach doch nicht so’n Stress, Geiger, die Tote kann uns schließlich nicht mehr weglaufen«, bemerkte der Leiter der Kaiserslauterer Mordkommission noch trocken, bevor er das Mobilteil wieder in die Ladestation steckte. Dann schlurfte er müde zurück ins Schlafzimmer, streifte die gestern Abend neben seinem Bett abgelegten Kleidungsstücke über den ungewaschenen Körper und begab sich in die Garage. Widerwillig startete er seinen alten BMW und fuhr durch die menschenleere Beethovenstraße in Richtung Waldschlösschen.

Eigentlich sollte man öfter mal sonntagmorgens in dieser Herrgottsfrühe durch die Stadt fahren – kein Stau, keine rote Ampel, keine anarchistischen Radfahrer, nichts als freie Fahrt, dachte Tannenberg, als er kurz nach der Abzweigung zum Bremerhof zu einer reflexartigen Vollbremsung genötigt wurde.

»Blödes Viehzeug!«, schimpfte er laut in die frühmorgendliche Stille. Doch bereits wenige Augenblicke später freute er sich darüber, dass er gerade einer jungen Eichhörnchenfamilie das Leben gerettet hatte.

Nachdem er die letzte Kurve vor dem Bremerhof passiert hatte, sah er bereits von weitem Kriminalhauptmeister Geiger, der mit beiden Armen wild umherfuchtelnd seinen Chef auf sich aufmerksam zu machen versuchte.

»Was soll denn dieser Wirbel? Ich bin doch nicht blind! Außerdem finde ich den Bremerhof sogar noch ohne deine Hilfe. Du hast ja hoffentlich die Spurensicherung schon verständigt, oder?«, fragte Tannenberg durch das offene Seitenfenster.

»Aber klar doch, Chef, die stecken schon mitten in ihrer Arbeit«, antwortete der übergewichtige Kriminalbeamte, dem bereits zu dieser frühen Morgenstunde eine Vielzahl kleiner Schweißperlen die hohe Stirn verzierte und dessen Hemd unter den Achseln von großen ovalen Transpirationsflächen gezeichnet war.

Tannenberg quälte sich mühsam aus dem ungepflegten BMW-Cabrio, dehnte behutsam den verkrampften Körper und ließ seinen müden Blick über die von Tau benetzten, dampfenden Wiesen schweben. Die große, direkt an das alte Sandsteingebäude angrenzende Pferdekoppel lag immer noch so merkwürdig schräg abgeschnitten am Hang. Es war das gleiche Bild, das er schon einmal vor einigen Jahren hier gesehen hatte. Damals, als er das letzte Mal hier gewesen war. So, als ob sich in der Zwischenzeit nichts verändert hätte.

Es waren keine schönen Erinnerungsfetzen, die sich gerade Stück für Stück in Tannenbergs Bewusstsein schoben, schließlich handelte es sich um einen der letzten Tage, die er damals gemeinsam mit seiner todkranken Frau verbrachte.

Obwohl schon schwer krank, hatte Lea sich diesen Ausflug so sehr gewünscht, dass Tannenberg ihr dieses Vorhaben einfach nicht abschlagen konnte. Die Ärzte hatten zwar eindringlich vor den damit verbundenen Risiken gewarnt, aber sie war nicht davon abzubringen gewesen. Sie wollte noch ein letztes Mal einen sonnendurchfluteten Herbsttag in der von ihr über alles geliebten Natur verbringen, die bunten Blätter herumwirbeln sehen, das melodische Rauschen in den hohen Buchenkronen hören, die würzige Waldluft atmen …

»Chef, ich schlage vor, wir fahren mit dem Förster, der hat ein geländegängiges Auto«, polterte Geiger rücksichtslos in Tannenbergs schmerzlichen Erinnerungsschub.

Immer noch in seinen andächtigen Gedanken schwelgend, ergriff Tannenberg unwillig die ihm von Revierförster Kreilinger entgegengestreckte Hand.

»Ach Gott, was für ein herrlicher Sommermorgen: Kühl, klar – und Vollmond, einfach spitze! Da geh ich heute Abend selbstverständlich auf die Jagd«, frohlockte der ganz in Grün gekleidete Waldschrat, den Tannenberg spontan in die Kategorie »Unsympath« einordnete.

Warum hat dieses barbarische Jägervolk nur so viel Spaß daran, friedliche, wehrlose Waldbewohner heimtückisch abzuknallen, fragte sich Tannenberg gerade, als sein Kopf unsanft an den oberen Türholm geschleudert wurde.

»Mensch, müssen Sie denn in jedes Schlagloch fahren?«

»Entschuldigung, aber wir sind hier schließlich im Wald und nicht in der Fußgängerzone!«, entgegnete der Gescholtene trotzig. »Da vorne ist es übrigens schon.«

Tannenberg sah bereits von weitem die rot-weißen Kunststoffbänder, mit denen der Ort des Verbrechens bzw. der Fundort der Leiche abgesperrt war. Unwillkürlich musste er an den 1. FC Kaiserslautern denken, der gestern Nachmittag durch eine blamable Vorstellung beim FC St. Pauli mal wieder die Teilnahme an einem internationalen Wettbewerb im wahrsten Wortsinn verspielt hatte.

Als er den schmalen, dicht mit Brennnesseln und Himbeerbüschen umzäunten Pfad zum Pfaffenbrunnen emporstieg, war er froh darüber, das Abonnement für seine Dauerkarte auf der Nordtribüne schon vor Jahren gekündigt zu haben; denn für das, was sich heute im Profifußball abspielte, hatte er kein Verständnis mehr. Gestern Morgen hatte er gelesen, dass wegen der Kirch-Pleite die völlig überzogenen Millionengehälter dieser verwöhnten Balljongleure durch Bundesbürgschaften abgesichert werden sollten – Unglaublich!

»Ja, es ist wirklich unglaublich, Chef, was Sie gleich sehen werden«, bemerkte plötzlich der direkt vor ihm gehende Geiger.

Inzwischen hatte Tannenberg den ersten der sieben Sandstein-Findlinge erreicht, die man vor Jahrzehnten am Steilhang unterhalb der Schutzhütte wie eine große Steintreppe übereinandergetürmt hatte. Zunächst sah er nur zwei über den Felsblock hängende nackte Füße, dann, nachdem er keuchend den beschwerlichen Rest des Anstiegs bewältigt hatte, das ganze Bild.

Ja, es war ein Bild, ein Kunstwerk, ein kunstvoll gestaltetes Arrangement, das sich ihm hier oben darbot. Diese Begrifflichkeiten waren zwar durchaus makaber, handelte es sich ja schließlich um einen toten Menschen, der wie auf einem Altar oben auf der roten Sandsteinplatte lag, so aufgebahrt, wie man vielleicht früher Menschenopfer irgendeinem heidnischen Gott dargebracht hatte. Aber Tannenberg ließ diese Assoziationen unzensiert zu, ja er sprach sie sogar auf sein Diktafon, das er immer bei sich trug. Schließlich hatte er von Kriminalrat Weilacher gelernt, dass der erste Eindruck, den man vom Tatort, dem Zustand der Leiche usw. gewann, extrem wichtig war und oft entscheidenden Einfluss auf die weiteren Ermittlungen hatte.

Als Tannenberg nur noch wenige Schritte von der bis auf die fehlenden Schuhe vollständig bekleideten Toten entfernt war, musste er im ersten Moment unwillkürlich an das friedlich schlummernde Dornröschen denken. Während er aber ein wenig näher an die tote Frau herantrat, verabschiedete sich dieser merkwürdige Gedanke genauso schnell aus seinem Bewusstsein, wie er aufgetaucht war. Denn was er jetzt zu Gesicht bekam, hatte absolut gar nichts mehr mit dem Bild eines lebensnah hergerichteten friedlichen Leichnams zu tun, wie man ihn von kirchlichen Trauerfeiern her kennt.

Auf dem fahlen Antlitz der Toten konnte man zwar auf den ersten Blick keine Verletzungen erkennen, aber das Gesicht der Frau war total entstellt, völlig verzerrt, mit weit aufgerissenem, schiefem Mund und kreisrunden Glotzaugen – genau wie ›Der Schrei‹ von Edvard Munch, dieses abscheuliche Gemälde, das Tannenberg einmal in einer Kunstausstellung gesehen hatte. Dieses stumme Entsetzen, diese abgrundtiefe Verzweiflung.

Die schreckliche Totenfratze hatte ihn zunächst derart in ihren Bann gezogen, dass er erst einige Augenblicke später ein Detail an der Toten wahrnahm, das er, obwohl schon seit zwanzig Jahren beruflich mit Mord und Totschlag beschäftigt, wirklich noch nie gesehen hatte.

Geiger hatte recht gehabt – es war unglaublich! Die Kehle der toten Frau war etwa fünf Zentimeter breit aufgeschlitzt worden und in den klaffenden Spalt hatte irgendjemand Pfifferlinge gesteckt – drei große dottergelbe Pfifferlinge.

»Komm, Wolf, lass uns erst mal unsere Arbeit fertig machen. Du und der Doc können nachher in aller Ruhe, von mir aus den ganzen Sonntag über, die Leiche betrachten und antatschen. Aber jetzt sind erst mal wir dran. Ich hab nämlich heute noch was anderes vor«, sagte Kriminaltechniker Mertel und schob den in Gedanken versunkenen Tannenberg ein wenig zur Seite.

»Rainer, warum hat die Frau denn nicht mehr Blut verloren, wenn man ihr die Kehle durchgeschnitten hat?«, fragte Tannenberg den Gerichtsmediziner, dem man deutlich anmerkte, dass er nur sehr widerwillig bereit war, den in groteske weiße Ganzkörperanzüge gehüllten Mitarbeitern der Spurensicherung den Vortritt bei der Erstbegutachtung des weiblichen Leichnams zu überlassen.

»Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder der Mörder hat nur den Kehlkopf geöffnet und dabei peinlich genau darauf geachtet, keine Arterie zu verletzen, oder er hat die Frau anschließend umgezogen. Aber wie immer, lieber Wolfram: Genaueres erst nach der Obduktion!«, antwortete Dr. Schönthaler.

»Ritualmord – Fragezeichen. Opferung auf Altar – wem soll geopfert werden? Tannenzweige, Tannenzapfen und anderes Waldzeug sind wie Blumenschmuck um die Tote herumgelegt«, sagte Tannenberg zu seinem Diktiergerät.

»Fichtenzweige und -zapfen, keine Tannen!«

»Was?«

»Lieber Herr Kommissar, bei diesem, wie Sie es eben so lieblos genannt haben, ›Waldzeug‹ handelt es sich nicht etwa um Tannen, sondern um Fichten, das ist ein gewaltiger Unterschied! Das ›andere Waldzeug‹ sind Bucheckern und Kiefernzapfen. Und das da oben hinter dem Kopf sind Eichensprösslinge; und was da außenrum liegt, sind Blüten des roten Fingerhuts«, dozierte Kreilinger.

»Sehr giftig! Aber wie schon Paracelsus betont hat: Die Dosis macht das Gift! Schließlich ist Digitalis ein sehr bewährtes Herzmedikament!«, ergänzte der Gerichtsmediziner.

»Danke für die umfassende Belehrung, meine Herren«, entgegnete Tannenberg und setzte seinen Monolog mit dem Diktiergerät fort, nun allerdings mit gebührendem räumlichen Sicherheitsabstand, den er sich dadurch geschaffen hatte, dass er sich umgehend auf die andere Seite des Totentischs begeben hatte. Da er dort etwas erhöht auf einem kleinen Sandsteinpodest stand, konnte er die Tote aus einer anderen Perspektive betrachten.

»Gekeimte Eicheln in Form eines Symbols angeordnet, weibliches Symbol, also so’n Symbol, wie’s die Emanzen benutzen, das mit dem Kreis und dem Kreuz untendran. Egal, jedenfalls liegen die Triebe, die aus den Eicheln wachsen, so, dass sie alle nach innen zur Kreismitte zeigen. Warum? – Du elender Leichenknipser, musst du mir denn immer in die Augen blitzen. Ich seh jetzt nur noch Sternchen. Kannst du mich denn nicht wenigstens ein einziges Mal vorwarnen?«, fuhr Tannenberg den verdutzten Polizeifotografen an.

»Ach, Tannenberg, cool down, du bist doch derjenige, der nie genug Bilder von seinen Leichen haben kann. Bin ja gleich fertig.«

»Wir sind auch fürs Erste fertig. Jetzt könnt ihr ran!«, sagte Kriminaltechniker Mertel und entfernte die letzten Klebestreifen, die zur Sicherstellung von Fremdfasern, Haaren usw. auf der Kleidung der Toten angebracht worden waren.

»Warte noch einen Moment«, rief der Gerichtsmediziner, schob sich die dünnen Plastikhandschuhe über die langen Finger und begab sich zum Leichnam. Dann entfernte er die Pfifferlinge aus dem klaffenden Kehlenspalt und reichte sie an Mertel weiter, der sie umgehend in ein kleines Tütchen steckte. »Du, Wolfram, ich glaube nicht, dass sie an diesem Schnitt hier gestorben ist. Es kommt sicher etwas ganz anderes als Todesursache in Betracht. Da bin ich mal gespannt, was wir finden werden«, sagte Dr. Schönthaler und schob die Bluse der Frau zuerst am Bauch und dann am Rücken nach oben. »Na, siehst du, da haben wir’s ja schon: Eine schöne kleine Stichwunde, direkt hinter dem Herzen. Sehen wir uns später mal genauer an.«

»Todeszeitpunkt?«, fragte Tannenberg.

»Das dürfte vor etwa 8 bis 10 Stunden gewesen sein.« Tannenberg rechnete zurück.

»Also ca. 22 bis 24 Uhr gestern Abend. Sag mal, Geiger, hast du Ausweispapiere oder irgendwelche anderen Sachen gefunden, mit deren Hilfe wir die Identität der Toten klären könnten?«

»Nein, in ihren Kleidern war nichts, und eine Handtasche haben wir auch nicht gefunden«, entgegnete der angesprochene Kriminalbeamte.

»Ruf mal in der Zentrale an und frag, ob’s eine Vermisstenmeldung gibt!«

»Mach ich sofort, Chef … Da ist aber noch was …«

»Ja was denn, Geiger? Lass dir doch nicht jeden Wurm einzeln aus der Nase ziehen!«, schimpfte Tannenberg.

»Da ist noch der Zeuge, also vielmehr der Mann, der die Frau gefunden hat.«

»Au Shit, stimmt! Den hätte ich ja fast vergessen. Wo ist der überhaupt?«

»Der sitzt da hinten in der Hütte.«

»Ja dann hol ihn halt mal her, los, los, Bewegung!«

Kriminalhauptmeister Geiger befolgte umgehend die Anweisungen seines direkten Vorgesetzten und erschien wenige Augenblicke später mit einem hageren, untersetzten Mann im besten Rentenalter.

»Guter Mann, was machen Sie denn eigentlich in dieser Herrgottsfrühe sonntagmorgens im Wald?«, wollte Tannenberg neugierig wissen.

»Ja, ich hab halt von meiner Arbeit bei PFAFF immer noch das frühe Aufstehen drin. Da kann ich gar nix dagegen machen, morgens um 6 Uhr werd ich einfach wach – ohne Wecker! Und dann geh ich halt jeden Morgen meine Runde von meinem Haus im Dunkeltälchen über den Humberg zum Pfaffenbrunnen und dann über den Bremerhof nach Hause.«

»Und heute Morgen, haben Sie da bei Ihrem Spaziergang hier hoch irgendetwas Besonderes bemerkt? Irgendwas, das anders war als sonst – außer der Leiche natürlich?«, fragte Tannenberg ungeduldig.

»Nein, Herr Kommissar, ich hab die ganze Zeit darüber nachgedacht. Aber es war wirklich wie immer – außer der Toten da natürlich. Ich kann mich an kein besonderes Geräusch erinnern, hab nichts Auffälliges gesehen. Nein, alles war ganz normal«, antwortete der Mann kopfschüttelnd.

»Gut, dann gehen Sie mal nach Hause. Wir melden uns wegen des Protokolls bei Ihnen; wir haben ja Ihre Adresse.«

Während der Rentner sich gemächlich in Bewegung setzte, dachte Tannenberg kurz darüber nach, ob er nach seinem Polizeidienst auch als ruheloser Waldläufer enden würde, verscheuchte den deprimierenden Gedanken aber schnell wieder und blickte an den hohen Buchen vorbei auf seine Heimatstadt, die ruhig und friedlich im sanften Talkessel schlummerte.

Über ihr thronte wie eine mittelalterliche Trutzburg das Fritz-Walter-Stadion, das vor ein paar Tagen zum offiziellen Austragungsort der Fußball-WM 2006 gekürt worden war. Aber Tannenberg konnte sich über dieses von den Würdenträgern der Stadt euphorisch gefeierte Ereignis nicht richtig freuen, denn im Gegensatz zu vielen seiner Mitbürger dachte er bei dem Projekt ›WM in Kaiserslautern‹ nicht an sicherlich wünschenswerte, wirtschaftliche Impulse für die strukturschwache Region, sondern an Horden vandalierender Hooligans, die Gewalt und Zerstörung in die Stadt brachten. So wie bei der letzten WM in Lens. Den Namen des schwer verletzten französischen Kollegen hatte er zwar vergessen, aber diese schrecklichen Bilder hatten sich gerade in den letzten Tagen immer und immer wieder vor sein geistiges Auge geschoben.

Während Tannenberg sich gedanklich mit den negativen Begleiterscheinungen moderner Massenveranstaltungen beschäftigte, quälten sich stöhnend und fluchend zwei Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens den steilen, mit Geröll übersäten Weg empor zum Felsplateau des Pfaffenbrunnens, wo sie bereits von Dr. Schönthaler mit mahnenden Worten empfangen wurden. »Wenn Sie nachher die Tote genauso brutal nach unten befördern, wie Sie den Zinksarg eben hierhergebracht haben, kann ich mir eine aufwändige Untersuchung eigentlich ersparen.«

»Warum muss diese verdammte Leiche auch hier oben auf einem Felsen liegen; konnte die Frau denn nicht einfach direkt unten am Parkplatz ihre schwarze Essensmarke abgeben?«, schimpfte der größere der beiden Männer, während er den mattglänzenden Metallsarg langsam auf den Waldboden herabsinken ließ.

»Ein klein wenig mehr Pietät, meine Herren, wenn ich bitten dürfte! Seien Sie doch froh, dass der Mörder die Frau nicht auf das Dach des Humbergturms gelegt hat«, gab Tannenberg mit einer Mischung aus Spott und Schadenfreude zu bedenken.

»Sie haben gut lachen, Sie müssen die Tote ja nicht runterschleppen«, gab der andere Leichenträger genervt zurück und wischte sich eine Heerschar kleiner Schweißtropfen von seiner geröteten Stirn.

»Ich muss mich mit genügend anderem Mist herumärgern; zum Beispiel mit der Frage, wer diese arme Frau hier vom Leben in den Tod befördert hat«, konterte Tannenberg. »Und bitte Beeilung, denn bald werden die Pressegeier und die ersten Sonntagsausflügler hier aufkreuzen.«

»Gemach, gemach, Chef, wir tun ja bereits unser Bestes«, entgegnete der Größere, während er gemeinsam mit seinem Kollegen die Tote in den Zinksarg bettete.

»Zugleich!«, riefen die Männer unisono, hievten die silbergraue Leichenbahre in Bauchhöhe und machten sich auf den Weg.

»Gott sei Dank ist die nicht so schwer wie dieser fette Mops von vorgestern. War das eine verflucht anstrengende Schinderei!«, hatte der vordere der beiden Männer gerade gesagt, als er auf einer glitschigen Wurzel ausrutschte und kopfüber in die Brennnesseln stürzte. Der andere Träger kämpfte zwar noch einen Augenblick tapfer um sein Gleichgewicht, konnte aber schließlich doch nicht verhindern, dass der Metallsarg zur Seite kippte und die tote Frau ebenfalls in die Brennnesselbüsche fiel.

»Das gibt’s doch nicht, werft die Leiche doch gleich die Felsen runter. Wie soll ich denn jetzt noch den genauen Todeszeitpunkt ermitteln? Wirklich toll: Die Leichenstarre ist gebrochen, mögliche innere Verletzungen beginnen wieder zu bluten, die Leichenflecken verschieben sich und und und«, schimpfte der aufgebrachte Gerichtsmediziner mit wedelnden Armen, der auch durch die devoten Entschuldigungsversuche der beiden Mitarbeiter eines alteingesessenen Kaiserslauterer Bestattungsunternehmens nicht zu besänftigen war. »Ihr verfluchten Stümper! Ich werde persönlich dafür sorgen, dass ihr für das Pathologische Institut garantiert keine Toten mehr transportiert!«

Als Tannenberg drei Stunden später in der Gerichtsmedizin erschien, hatte sich Dr. Schönthaler noch immer nicht beruhigt.

»Also, Wolfram, obwohl diese dilettantischen Trottel gehörigen Schaden angerichtet haben, kann ich dir schon einiges über die Tote sagen. Habt ihr eigentlich inzwischen eine Vermisstenmeldung?«

»Nein, bis jetzt ist noch keine eingegangen. Geiger hat alle Dienststellen im Umkreis abgecheckt. Ich kann dir sagen, im Präsidium ist vielleicht die Hölle los! Der Oberstaatsanwalt ist stinksauer, weil er heute ein wichtiges Golfturnier hat. Natürlich will er umgehend und umfassend informiert werden. Der macht mächtig Druck, der will doch …«

»Ach, der liebe Herr Oberstaatsanwalt, gibt’s den auch noch, so eine Freude«, unterbrach der Gerichtsmediziner.

»Ja, leider! – Bin ich froh, dass ich bei dir einen wichtigen Termin wahrzunehmen habe«, sagte Tannenberg, nahm ein Skalpell vom Seziertisch und begann, damit vorsichtig auf dem Nagel seines linken Zeigefingers herumzuschaben.

»Komm, lass das Ding liegen, damit kann man sich böse Verletzungen zufügen – und eine Leiche reicht mir für heute erstmal … Übrigens wusste ich gar nicht, dass wir beide einen festen Termin vereinbart hatten«, entgegnete Dr. Schönthaler mit leicht nach oben gezogenen Mundwinkeln und gab Tannenberg einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter. »Also, Folgendes kann ich dir bereits sagen: Die Tote ist circa 35 bis 40 Jahre alt geworden und befand sich zu Lebzeiten in einem sehr guten gesundheitlichen Zustand. Sie hat wahrscheinlich viel Sport betrieben, ja, man kann sogar behaupten, dass sie ziemlich durchtrainiert war. Die Zähne sind tadellos in Ordnung. – Aber das interessiert dich alles wahrscheinlich weniger als das Folgende: Das Opfer muss irgendwo festgebunden, ja, oder vielmehr festgeschnallt gewesen sein – darauf deuten die Hautabschürfungen an Fußfesseln, Handgelenken, Oberkörper und Beinen hin. Außerdem hab ich an diesen Stellen Einblutungen und zerstörtes Unterhautgewebe gefunden. Und, Wolfram, das ist natürlich für dich auch sehr interessant: Schau dir mal die Fersen an«, sagte der Gerichtsmediziner und deutete auf die Füße der Toten.

Tannenberg blickte auf die blutverkrusteten Fersen und konnte zunächst nichts Auffälliges erkennen. »Na gut, die müssen wohl so aussehen, wenn der Täter die Frau ein paar Meter über den Boden geschleift hat.«

»Ja, aber das ist nicht das Entscheidende. Schau mal hier!«, sagte Dr. Schönthaler mit lauter Stimme, ergriff eine Pinzette und zupfte damit an der rechten Ferse der Toten herum. »Weißt du, was das ist?«

»Also, ich seh nix Besonderes.«

»Was ich hier gerade mit der Pinzette hochhebe, ist ein Teil der Achillessehne der Toten.« Um seiner Äußerung nachhaltigeren Ausdruck zu verleihen, legte der erfahrene Pathologe eine kurze Sprechpause ein. »Und das bedeutet?«

»Ja, Gott, was bedeutet das?« fragte Tannenberg verständnislos.

»Ganz einfach, der Täter oder die Täterin – ist ja grundsätzlich auch möglich, oder? – hat die Ermordete nicht nur ein paar Meter über den Boden geschleift, sondern viele Meter. Will sagen: Der Mörder hat sie durch den halben Wald gezogen!«

»Was?«

»Ja, darauf deuten auch die abgeschliffenen Fersenknochen und die tief eingeriebenen Sandkörner hin«, erläuterte der Gerichtsmediziner und forderte Tannenberg mit eindeutigen Gesten dazu auf, sich die Angelegenheit aus der Nähe zu betrachten – was der Kriminalist aber dankend ablehnte.

»Das heißt, der Täter oder die Täterin, wie du richtig bemerkt hast, ist nicht, wie wir bisher angenommen haben, zum Fuß des Pfaffenbrunnens gefahren und hat die Leiche dann die letzten zwanzig Meter zum obersten Felsen hochgeschleppt, sondern hat sie längere Zeit über Waldboden und Sandsteine geschleift. Warum macht man denn so was?«

»Keine Ahnung, Wolfram, das ist dein Job!«

»Da muss die Spurensicherung sofort nochmal raus! Das haben diese Blindgänger vorhin garantiert nicht bemerkt. Die müssen die Schleifspuren zurückverfolgen bis zu dem Platz, wo der Täter geparkt hat, und dort alle Reifenabdrücke sicherstellen«, rief Tannenberg aufgebracht und instruierte umgehend via Handy die Kriminaltechniker.

Dann wandte er sich wieder dem Pathologen zu. »Kannst du schon was Genaueres zur Tatwaffe sagen?«

»Also, ich denke, dass der Gegenstand, mit dem die Frau tödlich verletzt wurde, rund, sehr spitz und ziemlich lang gewesen sein muss. Es kann sich weder um etwas Kantiges gehandelt haben, noch um ein Messer, denn es sind keine Einrisse oder Schnittstellen in der Wunde zu finden. Der Stichkanal ist ganz waagrecht. Es war also kein Zustoßen von oben oder unten, denn dann hätte ich mehr Blutungen und Einrisse in der Wunde in eine bestimmte Richtung finden müssen. Das muss so was wie eine überdimensionale Akupunkturnadel gewesen sein – allerdings mit wenig heilsamer Wirkung«, scherzte der Gerichtsmediziner und lauschte für einige Sekunden andächtig dem Nachhall dieser nach seiner Meinung sehr gelungenen Formulierung.

Obwohl Tannenberg mit dem Gerichtsmediziner seit vielen Jahren befreundet war, vermochte er manchmal dessen makaberen Humor einfach nicht nachzuvollziehen.

»Schau dir das hier mal etwas genauer an«, forderte Dr. Schönthaler den Hauptkommissar zur eingehenderen Begutachtung der Wunde auf, nachdem er sich ausgiebig an seinen letzten Worten gelabt hatte.

»Es reicht völlig, wenn du mir das in deinen Bericht schreibst. Hast du sonst noch was Außergewöhnliches entdeckt?«, fragte der Kriminalbeamte, der sich inzwischen demonstrativ ein paar Meter von der aufgebahrten Toten entfernt hatte.

»Ja gut, meine Hypothese hinsichtlich der Fesselung der Frau wird noch untermauert durch Schürfwunden an der Kinnunterseite, die darauf hindeuten, dass der Täter wahrscheinlich mit einer breiten Binde oder einem Gürtel den Kopf fixiert hat. Bevor er …«

»Bevor er was?«, fragte Tannenberg ungeduldig dazwischen.

»Bevor er … – das ist wirklich unglaublich!«

»Los, mach’s nicht so spannend!«

»Bevor er genau platziert zwischen dem 6. und 7. Rippenbogen diesen spitzen Gegenstand langsam eingeführt hat.«

»Wie, langsam eingeführt?«, fragte der Ermittler stirnrunzelnd.

»Na ja, der Täter hat nicht fest zugestoßen, so wie zum Beispiel bei einem Messerstich, den man mit voller Kraft ausführt, sondern er hat geradezu in Zeitlupe dieses Ding bis zum Herzen reingedrückt. Dieser Mensch – ist das eigentlich noch ein Mensch, so eine abartige Kreatur?«

»Mach weiter, Rainer, los!«, drängte Tannenberg.

»Der muss mit diesem Ding den rasenden Herzschlag seines Opfers gespürt haben. Und weißt du, was er dann gemacht hat?«

»Was?«

»Dann hat er fest zugedrückt und das pulsierende Herz der Frau durchstoßen. So wie man ein Hähnchen auf einen Grillspieß steckt.«

»Unglaublich!«

»Komm mal näher!«, forderte der Pathologe und wartete, bis der Leiter der Kaiserslauterer Mordkommission direkt neben ihm stand. Dann zeigte er mit der Pinzette, die er immer noch in der Hand hielt, auf den Oberkörper der Toten. »Siehst du hier vorne das kleine Loch unter der Brust?«

»Ja.«

»Da ist die Spitze dieses Gegenstandes ausgetreten, nachdem sie gewaltsam durch das Rippenfell zwischen der 6. und 7. Rippe gestoßen wurde.«

Für einige Sekunden herrschte völlige Stille in dem weiß gefliesten Obduktionsraum.

»Woher weißt du denn, dass dieser perverse Mistkerl nicht langsam das Ding vorangetrieben hat, sondern plötzlich fest zugestoßen hat?«, fragte Tannenberg immer noch sichtlich schockiert.

»Ganz einfach, Wolfram, wenn der Mörder das langsam getan hätte, dann hätte das Herz ja für kurze Zeit noch weitergeschlagen – und dann müsste man …«

»Rainer, mir reicht’s jetzt. Erspar mir bitte weitere Details. Schreib sie in deinen Bericht«, bat Tannenberg, den plötzlich ein starkes Unwohlsein überfiel. Er drehte sich um und machte sich ohne ein Abschiedswort auf den Weg nach draußen.

Aber der Pathologe folgte ihm sofort und hielt ihn am Ärmel fest. »Wolfram, warte mal. Es ist nicht zu fassen – du wirst tatsächlich alt. Hast du nicht vergessen, mich etwas Entscheidendes zu fragen?«

»Wieso? Was denn?«, fragte der altgediente Kriminalbeamte verwundert.

»Na ja, für professionelle Ermittlungen ist die Frage ja nicht unerheblich, ob die Frau Opfer eines Sexualverbrechens wurde.«

»Klar, Rainer, entschuldige.« Tannenberg schlug sich mit der linken Hand leicht an die Stirn. »Du hast völlig recht. Mir geht’s einfach im Moment nicht besonders.«

»Ich weiß. Du machst mir wirklich Sorgen. So kann das mit dir nicht weitergehen!«

»Das ist nur eine vorübergehende Konzentrationsschwäche«, versuchte Tannenberg seine dienstliche Nachlässigkeit zu erklären.

»Vorübergehend? Von wegen Konzentrationsschwäche! Das ist eine ausgewachsene Depression, mein Junge. Und das seit sechs Jahren! Ich weiß, wie sehr du Lea geliebt hast und wie schrecklich es für dich gewesen sein muss, hier unten von ihr Abschied zu nehmen. Aber das Leben muss doch weitergehen! Lea hätte bestimmt nicht gewollt, dass du dich so hängen lässt.«

»Ach, lass mich doch einfach in Ruhe. Du verstehst das nicht«, gab Tannenberg trotzig zurück. »Sag mir lieber, was du für Erkenntnisse hast. Ist die Frau nun missbraucht worden oder nicht?«

»Also«, begann der Gerichtsmediziner ruhig, »es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass die Frau missbraucht wurde. Ich habe nichts gefunden, was auf irgendeine Form von Gewalt in diesem Bereich hindeuten könnte. Die Frau hat zwar vor ca. 2 Tagen Geschlechtsverkehr gehabt, aber anscheinend völlig freiwillig. Und um die Frage zu beantworten, die du jetzt sicher gleich stellen willst: Ich kann dir noch nicht genau sagen, wann ich mit der Genanalyse fertig sein werde, aber ich beeile mich natürlich – wie immer!«

»Danke, Rainer … Übrigens auch für deine Freundschaft«, sagte Tannenberg leise. »Jetzt muss ich aber dringend an die frische Luft.«

»Gute Idee! Waldgebiete würde ich an deiner Stelle allerdings zur Zeit meiden.«

Ohne auf Dr. Schönthalers makabre Bemerkung einzugehen, verließ Tannenberg deprimiert den kalten Totenraum und schlurfte gedankenversunken durch die von grellem Neonlicht durchfluteten Krankenhausgänge.

Obwohl inzwischen die Mittagszeit schon längst vorüber war und er heute Morgen in seinem Büro außer zwei Tassen Kaffee und einem trockenen Croissant nichts zu sich genommen hatte, wollte sich noch immer kein rechtes Hungergefühl bei ihm einstellen. Der Formalinschleier, der sich seit dem Aufenthalt in den Katakomben des Klinikums über seine wehrlosen Nasenschleimhäute gelegt hatte, war einfach zu penetrant. Am liebsten wäre er jetzt nach Hause gegangen und hätte sich zu einem kleinen Mittagsschläfchen hingelegt, aber er musste leider zur Dienstbesprechung ins Präsidium.

»Na endlich, Herr Hauptkommissar, es wird ja auch Zeit!«, empfing ihn Oberstaatsanwalt Dr. Hollerbach vorwurfsvoll. »Wo ist denn eigentlich der Schauß, den hab ich ja schon ewig nicht mehr gesehen?«

»Der Glückliche befindet sich noch in den Flitterwochen; wahrscheinlich liegt er jetzt faul am Strand und lässt sich die Sonne auf den Bauch scheinen«, antwortete Tannenberg.

»Oder er liegt gerade auf seiner frisch Angetrauten«, warf Geiger keck ein.

»Herr Kriminalhauptmeister Geiger, darf ich Sie um einen klitzekleinen Gefallen bitten?«, fragte der Oberstaatsanwalt.

»Ja, sicher! Sie immer, Herr Dr. Hollerbach«, entgegnete Tannenbergs Mitarbeiter großzügig.

»Dann verschonen Sie uns wenigstens heute mal mit Ihrem primitiven Humor. Wir haben schließlich einen komplizierten Mordfall zu lösen.«

»Nein, Quatsch, der Schauß hat ja schon drei Wochen Urlaub, der müsste morgen früh wieder zum Dienst erscheinen«, berichtigte Tannenberg, nachdem er von einem kurzen Abstecher in ein Nebenzimmer zurückgekehrt war, wo er sich an dem dort befindlichen aktuellen Urlaubsplan kundig gemacht hatte.

»Gut, dann sind wir ja ab morgen vollzählig. Herr Hauptkommissar, was sagt eigentlich die Gerichtsmedizin? Sie kommen doch gerade von Dr. Schönthaler, oder?«

Tannenberg berichtete ausführlich über alles, was er von seinem alten Freund erfahren hatte. Sein Redefluss wurde immer wieder von Nachfragen des Oberstaatsanwalts unterbrochen.

»Der Fundort war also definitiv nicht der Tatort. Begründung!«, forderte Dr. Hollerbach eine Stellungnahme des Kommissariatsleiters ein.

»Also zum einen, weil Dr. Schönthaler und die Spurensicherung keine Blutspuren oben auf den Felsen gefunden haben, und zum anderen, weil der Täter die Frau eine längere Strecke durch den Wald hoch zum Pfaffenbrunnen geschleift hat. Und zwar so lange, dass die Achillessehnen der Toten jetzt nur noch in Fetzen vorhanden sind. Und diese schmerzvolle Prozedur hätte die Frau wohl kaum freiwillig über sich ergehen lassen.«

»Falsch, Tannenberg, das ist mal wieder eine Ihrer vorschnellen Interpretationen, denn schließlich könnte die Frau ja auch betäubt gewesen sein, als sie hochgeschleppt wurde.« Dr. Hollerbach drehte sich dem am Fenster stehenden Kriminaltechniker zu. »Mertel, wenn ich Sie vorhin richtig verstanden habe, dann hat der Täter die Frau tatsächlich vom Waldparkplatz hoch zum Pfaffenbrunnen geschleift.«

»Ja, Herr Oberstaatsanwalt, aber er ist noch ein kleines Stück in den Wald reingefahren. Ich schätze mal, weil er sich dort sicherer – also unbeobachteter – gefühlt hat.«

»Und, Kollege Mertel, habt ihr Reifenabdrücke sicherstellen können?«, wollte Tannenberg ungeduldig wissen.

»Klar, die waren nicht zu übersehen. Die Reifen sind zwar anscheinend schon etwas abgefahren, aber dafür waren die Profilspuren auf dem Waldboden wirklich deutlich zu erkennen.«

»Sehr gut«, sagte Tannenberg eher zu sich als zu den im Besprechungszimmer Anwesenden.

»Nicht gut! Mehr Fragen als Antworten! Warum schleift dieser Verrückte die Frau den ganzen Weg hoch zum Pfaffenbrunnen? Warum ist der nicht weiter in den Wald reingefahren? Haben Sie zum Beispiel dafür eine schlüssige Erklärung, Herr Kriminalhauptkommissar?«, provozierte Oberstaatsanwalt Dr. Hollerbach.

Aber Tannenberg blieb gelassen. »Es gibt wohl einige: Vielleicht hat er Angst gehabt, dass er mit seinem Auto auf den schlechteren Wegen oben stecken bleibt; vielleicht …; vielleicht ist er aber nur verrückt und es gibt keinen logischen Grund für sein Verhalten. Auf alle Fälle sind diese Spekulationen im Augenblick nicht sinnvoll.«

»Lieber Herr Hauptkommissar, das sehe ich allerdings nicht so«, stellte der Oberstaatsanwalt unmissverständlich fest.

Tannenberg ließ sich von diesem Statement nicht im Geringsten beeindrucken und fuhr mit seinen kritischen Einlassungen fort: »Wir sollten ganz andere Fragen stellen: Wer ist die Tote? Wenn ich richtig informiert bin, gibt’s immer noch keine Vermisstenmeldung – oder, Geiger?«

»Nein, Chef, noch nichts eingegangen.«

»Wo hat der Täter sein Opfer überfallen, entführt, umgebracht? Mit wem hat sie Freitagabend Geschlechtsverkehr gehabt? Wo sind ihre Schuhe? Wo ist ihre Handtasche abgeblieben? – Karl, habt ihr diesmal was gefunden?«

»Nein, Wolf, weder Schuhe noch Handtasche.«

»Hat irgendein Zeuge das Auto, mit dem die Frau zum Bremerhof transportiert wurde, gesehen? Handelt es sich überhaupt um einen Täter, kann es nicht auch eine Täterin gewesen sein, oder waren es vielleicht sogar mehrere Täter? Was für ein Motiv kann es für solch eine merkwürdige Tat geben? – Usw., usw.«

»Na gut, Tannenberg. Also ich denke, solange wir absolut nichts über die Identität der Frau wissen, können wir im Augenblick wirklich kaum etwas Sinnvolles unternehmen«, resümierte Dr. Hollerbach. »Deshalb schlage ich vor, dass wir bis morgen früh warten, ob eine Vermisstenmeldung eingeht. Falls nicht, können wir dann in der Rheinpfalz ein Foto der Toten veröffentlichen und die Bevölkerung um Mithilfe bitten. Spurensicherung und Gerichtsmedizin arbeiten ja noch weiter. Da wir alle erreichbar sind, können wir jetzt wohl nach Hause gehen. Sobald sich etwas tut, treffen wir uns hier wieder und beraten über unser weiteres Vorgehen. Und wie immer, meine Herren: Natürlich striktes Stillschweigen – auch gegenüber Familienangehörigen!«

Da verständlicherweise niemand etwas an dieser dienstlichen Anordnung auszusetzen hatte, zerstreute sich die Gruppe in Windeseile. Tannenberg verspürte plötzlich ein leichtes Magenknurren, das er eindeutig als Vorfreude auf den frischgebackenen Hefezopf seiner Mutter deutete.

2

Zärtlich schmiegte sich Sabrina an ihren schlafenden Mann, schnuffelte an seiner sonnengebräunten Haut und streichelte ihn mit sanften Blicken. Obwohl sie nun schon seit fast zwei Jahren tagtäglich mit ihm zusammenlebte, übte dieser schlafende Riese morgens immer noch die gleiche magische Anziehungskraft aus wie damals, als sie zum ersten Mal neben ihm erwachte.

Behutsam schob Sabrina die dünne Sommerdecke von ihrem makellosen Körper, richtete sich in Zeitlupentempo auf und schlich auf Zehenspitzen in die geräumige Wohnküche. Nachdem sie die Kaffeemaschine befüllt und eingeschaltet hatte, stellte sie Milch, Müslischälchen und Obst auf den Tisch. Anschließend begab sie sich zur Morgentoilette ins Bad und kleidete sich an.

Fröhlich einen Ohrwurm, den sie gerade unter der Dusche aufgeschnappt hatte, vor sich hin summend, schlich sie zurück ins gemeinsame Nachtlager und kuschelte sich vorsichtig an den Mann, mit dem sie seit drei Wochen verheiratet war.

»Allerliebster Ehegatte, unser Urlaub ist vorbei. Ab heute dürfen wir wieder Freund und Helfer spielen«, hauchte sie ihm liebevoll ins Ohr und drückte ihm als Zugabe einen zarten Kuss auf seine rechte Wange.

Zuerst gähnte Michael Schauß mit weit geöffnetem Mund, dann brummte er wie ein müder alter Grizzlybär, der nach tiefem Winterschlaf gerade die Höhle verlässt, und schließlich zog er genüsslich seine junge Frau an seinen nur mit einem dunkelroten Boxershort bekleideten, athletischen Körper.

»Mischa, nicht so fest!«, wehrte sich Sabrina gegen seine eindeutigen Annäherungsversuche und entzog sich mit Hilfe einer schnell ausgeführten Körperdrehung der zärtlichen Umklammerung. »Ich bin doch schon angezogen. Raus aus den Federn, du altes Faultier. Los, Frühstück ist schon fertig.«

Während Sabrina die beiden Dienstwaffen aus der unteren Kommodenschublade zog, fragte sich Schauß, ob es irgendwo auf der Welt noch eine andere Streifenpolizistin gab, der es ebenso mühelos gelang, einer todlangweiligen Dienstuniform solch eine erotisierende Ausstrahlung zu verleihen.

»Ach, Schatz, komm doch wieder zu mir«, bettelte der junge Adonis. »Irgendwie hätte ich jetzt auf ganz andere Sachen Lust als auf meinen Job.«

»Leider haben wir jetzt keine Zeit mehr für irgendwelche anderen Sachen«, wiederholte Sabrina schmunzelnd seine Worte.

»Schade, wirklich schade«, entgegnete Schauß frustriert, während er sich, so wie er war, auf den Weg zum Frühstückstisch machte. »Auf der anderen Seite freue ich mich auch mal wieder auf ein bisschen Abwechslung. Und auf den alten Tannenberg. Hab ich dir eigentlich erzählt, dass er genau mitten in unserem Urlaub zum Leiter der Mordkommission befördert werden sollte?«

»Nein, du hast mir nur gesagt, dass er nach dem tödlichen Autounfall eures Kriminalrats zum kommissarischen Leiter des K 1 bestimmt wurde und dass noch nicht klar sei, ob er es überhaupt wird, weil Oberstaatsanwalt Dr. Hollerbach was dagegen habe«, antwortete Sabrina und goss heißen, dampfenden Kaffee in ihre beiden Tassen.

»Es ist aber schon länger klar, dass er damit nicht durchkommt, denn der Polizeipräsident will Tannenberg unbedingt auf diesem Posten haben. Ich bin ziemlich gespannt, wie er mit dem neuen Job zurechtkommt.«

»Warum, traust du ihm das nicht zu?«

»Doch, doch, von der fachlichen Qualifikation her auf alle Fälle. Aber manchmal ist er schon sehr eigensinnig und nur schwer von seinen Mitmenschen zu ertragen; da muss er sich bestimmt etwas umstellen. Aber vielleicht gibt sich das jetzt ja auch von selbst, wo er endlich ein Büro für sich ganz alleine hat. Das ist für den alten Kauz ziemlich wichtig, glaub ich«, sagte der junge Kriminalbeamte nachdenklich.

Als Kommissar Schauß froh gelaunt das Gebäude der Kriminalinspektion am Pfaffplatz betrat, wusste er noch nichts von dem gestrigen Leichenfund, denn weder die Rheinpfalz noch der Südwestrundfunk hatten bisher darüber berichtet.

»Guten Morgen, liebe Flocke. Du siehst mal wieder fantastisch aus – und das am frühen Montagmorgen.«

»Schön dich zu sehen, alter Charmeur. Wie war der Urlaub?«, fragte die Sekretärin.

»Toll, echt toll! Schade, Flocke, dass du nicht dabei warst«, antwortete Schauß lachend.

»Reicht dir eine etwa nicht mehr? Jetzt hast du schon die absolute Superfrau mit der knackigsten Figur weit und breit dabeigehabt und dann willst du noch eine mitnehmen. Seid ihr zwei eigentlich überhaupt zum Essen gekommen?«, rief eine dunkle Männerstimme aus der sperrangelweit offen stehenden Zimmertür direkt neben Tannenbergs Büro.

»Mensch, Geiger. Du bist ja immer noch genauso kaputt! Läuft dir wieder der Sabber aus’m Mund? Mach doch endlich mal was gegen deinen Frust und kauf dir ’ne Packung Viagra, dann geht’s bei dir vielleicht auch mal wieder aufwärts – im wahrsten Sinne des Wortes!«, gab Schauß schlagfertig zurück und löste damit einen ausgeprägten Lachanfall bei Petra Flockerzie aus.

»Ruhe! Ihr seid hier nicht im Komödienstadel! Habt ihr denn nichts zu tun?«, brüllte Tannenberg durch die geschlossene Zimmertür, die er nur wenige Sekunden später wütend aufriss und weiterpolterte. »Liebe Petra Flockerzie, du bist hier als Sekretärin angestellt und nicht als Lachsack! Also mach gefälligst deine Arbeit und kichere hier nicht albern rum. Wir haben schließlich einen komplizierten Mord aufzuklären!«

»Entschuldigung, Chef. Ich musste nur so lachen, weil …«

»Interessiert mich nicht«, unterbrach sie Tannenberg abrupt und wandte sich sofort Kommissar Schauß zu. »Hallo, Michael, nun komm schon rein. Leute, ich will die nächste halbe Stunde nicht gestört werden, klar?«

»Klar, Chef«, erwiderten die Sekretärin und Kriminalhauptmeister Geiger wie aus einem Munde.

»Guten Morgen, einsamer Wolf, hat man dich endlich mal wieder auf eine Blutspur gesetzt?«, begrüßte Schauß fröhlich seinen Vorgesetzten, während er die Zimmertür vorsichtig in ihren Rahmen drückte.

»Komm, lass die Scherze. Wir haben zu arbeiten«, entgegnete Tannenberg ziemlich unfreundlich, ging zu seinem Schreibtisch, nahm die aktuelle Ausgabe der Bildzeitung, faltete sie auseinander und breitete sie auf dem kleinen Konferenztisch aus. »Da, schau selbst – Seite 3. Bild weiß mal wieder mehr als wir.«

Kommissar Schauß beugte sich über die Zeitung. Sein Blick fiel sofort auf die Abbildung des Pfaffenbrunnens. »Mysteriöser Ritualmord«, las er vor. »Wer ist denn der Mann auf dem Foto?«

»Das ist der Rentner, der die tote Frau gestern Morgen entdeckt hat«, antwortete Tannenberg.

»Da steht es ja auch: Mitten im schönen Pfälzer Wald fand Fritz M. am frühen Sonntagmorgen eine weibliche Leiche. Sie lag mit Blumen geschmückt auf einem Felsen. In der aufgeschnittenen Kehle steckten Pfifferlinge. Die Kaiserslauterer Mordkommission tappt noch völlig im Dunkeln. – Irre! Wolf, stimmt das mit den Pilzen?«

»Ja, Michael, … das stimmt. Leider!«

»Wahnsinn – und das bei uns!«, hatte Schauß gerade kopfschüttelnd bemerkt, als das Telefon mit gedämpften Klingeltönen auf sich aufmerksam machte.

Tannenberg hob sofort den Hörer ab. »Ah, der Herr Oberstaatsanwalt. – Natürlich hab ich schon die Bildzeitung gelesen. – Nein, von uns hat sicher keiner Informationen weitergegeben. Das war garantiert dieser Rentner, ist ja auch ein Foto von ihm drin. – Ja, es gibt schon was Neues: Dr. Schönthaler hat Wattepartikel und Chloroformspuren in der Nase des Opfers entdeckt; außerdem Klebereste um den Mund herum. – Ja, das deutet auf eine Entführung hin. – Und noch was: Der Doktor meint, dass die Kehlenöffnung hundertprozentig erst nach Eintritt des Todes durchgeführt wurde. – Natürlich werden Sie auf dem Laufenden gehalten, nichts lieber als das!«, sagte der Leiter der Mordkommission demonstrativ mit dem Kopf nickend, während er gleichzeitig die Augen rollte und abwertende Grimassen schnitt.

»Wolf, sei bloß froh, dass wir noch kein Bildtelefon haben!«

»Das fehlte mir gerade noch.«

»Chef, eben ist eine Vermisstenmeldung reingekommen!«, schrie Geiger plötzlich, obwohl er die Tür noch gar nicht vollständig geöffnet hatte.

»Von wem?«, fragte Tannenberg.

»Von einer Frau Namens Schneider.«

»Ja und – was hat sie gesagt?«

»Na ja, eben, dass sie ihre Arbeitskollegin vermisst.«

»Passt die Beschreibung?«

»Passt ganz genau: 39 Jahre alt, kurze blonde Haare, sehr sportliche Erscheinung. Wollen Sie die Frau selbst anrufen?«

»Quatsch, wir fahren sofort hin.«

»Von wo aus hat die eigentlich angerufen?«, fragte Schauß dazwischen.

»Vom Liegenschaftsamt, da arbeitet sie anscheinend.«

»Das ist doch im Rathaus, oder?«, wollte Tannenberg wissen.

»Ja, Chef.«

»Gut, da fahren wir jetzt gleich hin. Geiger, du bleibst hier und machst Telefondienst. Ruf schon mal an und avisiere uns.«

»Was soll ich, Chef?«

»Anrufen und sagen, dass wir kommen«, antwortete Tannenberg sichtlich genervt.

Als die beiden Kriminalbeamten das betongraue, schmucklose Verwaltungsgebäude verließen, wurden sie bereits mit den ersten dicken Regentropfen bombardiert, die gerade eine mächtige, blauschwarze Gewitterwolke über die Stadt auszuschütten begann. Mit schnellen Schritten eilten Schauß und Tannenberg zu ihrem neuen Dienstwagen, einem titansilbernen Mercedes-Kombi.

Kurz nachdem sie das zivile Polizeiauto erreicht hatten, zog das wütende Sommergewitter alle Register, die es an diesem schwülen Junimorgen zu bieten hatte: Riesige Mengen überpraller Wassertropfen, die auf dem staubigen Asphalt sofort große Luftblasen bildeten; ein aufbrausender, peitschender Wind, der den Regen brutal an die Autoscheiben und Häuserwände klatschte und als krönenden Abschluss traubengroße Hagelkörner, die sich auf dem Straßenpflaster in Windeseile zu einem schneeweißen, eisigen Teppich verknüpften.

Aber genauso schnell und brutal, wie das Gewitter über die schutzlose Stadt hergefallen war, genauso schnell war es wieder verschwunden. Urplötzlich kehrte die Helligkeit aus ihrem Versteck zurück und die triumphal grinsende Sonne machte sich schadenfroh über die eisige Körnerpracht her.

»Michael, warte noch einen Moment«, sagte Tannenberg zu seinem erstaunten Mitarbeiter, während er den elektrischen Fensterheber betätigte. »Mach mal dein Fenster auf! Ist das nicht herrlich, dieser Geruch?«

»Doch wirklich, unheimlich erfrischend«, stimmte der junge Kriminalkommissar zu.

»So, jetzt aber los!«, befahl der Leiter des K 1, schob das magnetische Signalhorn auf das nasse Wagendach und schaltete es ein.

»Mit Blaulicht zum Rathaus? Wolf, ist das nicht ein bisschen übertrieben?«, fragte Schauß verwundert in die laut aufheulenden Sirenentöne.

»Ein bisschen Spaß wird man doch auch in unserem Job manchmal noch haben dürfen – oder? Außerdem mach ich’s ja gleich wieder aus, sobald wir um die Fruchthalle rumgefahren sind. Zufrieden?«

»Klar, Boss!«

Kurz nachdem der silberne Mercedes von der Fruchthallstraße in den Willy-Brandt-Platz eingebogen war, schaltete Tannenberg wie versprochen die Sirene aus. Während Schauß langsam die für Pkws eigentlich gesperrte, enge Rampe zum Rathaus emporkroch, dachte Tannenberg daran, dass er vor etwa zehn Jahren schon einmal mit dem Auto auf den Rathausvorplatz gefahren worden war. Damals allerdings von seinem Schwiegervater am Tag der standesamtlichen Trauung.

»Wolf, weißt du eigentlich, in welchem Stockwerk sich das Liegenschaftsamt befindet?«, fragte Schauß, nachdem er den nagelneuen Dienstwagen mit der Fernbedienung verriegelt hatte.

»Was? In welchem Stock? Keine Ahnung. Hoffentlich nicht zu hoch. Du weißt ja, dass ich Platzangst habe.«

»Oh Mist, wenn das ganz oben ist, kann ich ja bis heute Nachmittag auf dich warten.«

»Ja Gott, was kann ich denn dafür, dass ich keine Aufzüge benutzen kann.«

Die beiden Ermittler betraten das höchste Rathaus Europas, wie die Stadtväter bei allen möglichen Anlässen öffentlich prahlten. Tannenberg dagegen empfand diesen neben die Ruinen der alten Kaiserpfalz brutal eingerammten klotzigen Wolkenkratzer nicht als architektonische Bereicherung, sondern als barbarische Verschandelung der Barbarossastadt.

»Da vorne ist das Verzeichnis der einzelnen Ämter«, sagte Kommissar Schauß, als er die große Hinweistafel zwischen den beiden Lifttüren entdeckt hatte. »Da haben wir’s ja: Liegenschaftsamt – 6. Obergeschoss.«

»Na also, das geht ja noch! Bis gleich«, entgegnete Tannenberg und verschwand ins Treppenhaus.

Frau Schneider wurde schnell gefunden. Anscheinend war das gesamte Liegenschaftsamt bereits über die am Pfaffenbrunnen entdeckte weibliche Leiche informiert und harrte gespannt der Klärung der Frage, ob die Tote wirklich mit ihrer Kollegin identisch war. Denn nur so ließ sich wohl erklären, warum Tannenberg bereits im Eingangsbereich des Amtes von mehreren Personen empfangen wurde, die ihn direkt in ein Büro geleiteten, in dem eine in sich zusammengesunkene Frau mittleren Alters saß.

Als Tannenberg die liebevoll umsorgte Dame inmitten eines guten halben Dutzends meist beleibter Kolleginnen erblickte, drängte sich unwillkürlich das Bild von treusorgenden Elefantenmüttern in sein Bewusstsein, die sich schützend um ein verwaistes Jungtier scharten.

Durch seine Aufforderung, den Raum umgehend zu verlassen, sahen sich die Anwesenden zu spontanen Unmutsbekundungen genötigt, von denen sich Tannenberg allerdings in keinster Weise beeindrucken ließ.

»So, liebe Frau Schneider, ich denke, wir sollten zunächst einmal abklären, ob es sich bei der Toten überhaupt um Ihre Freundin handelt. Vielleicht ist die ganze Aufregung ja umsonst und Ihre Freundin sitzt irgendwo in einer Arztpraxis«, versuchte Tannenberg die Frau zu beruhigen, obwohl ihm sein kriminalistischer Spürsinn eindeutig andere Signale sendete.

»Michael, hol mal die Fotos aus der Mappe!«

»Alle?«

»Nein, nur eine Portraitaufnahme und eine mit den Ringen. Frau Schneider, es ist kein schöner Anblick, aber ich kann es Ihnen leider nicht ersparen«, versuchte der Leiter des K 1 die Mitarbeiterin des Liegenschaftsamtes auf die Fotografien vorzubereiten.

»Ringe? Reicht nicht das Bild mit den Ringen?«, jammerte Frau Schneider.

»Also gut, dann schauen Sie sich zuerst mal das hier an«, bat Tannenberg, drehte das eine der beiden Fotos um und gab sie der Frau, die sofort aufschrie.

»Ja, um Gottes willen, das ist die Hand von Elvira.«

»Bitte beruhigen Sie sich. Sollen wir einen Arzt rufen?«

»Nein, nein, es geht schon«, schluchzte die Frau.

»Die Ringe. Erkennen Sie die Ringe, Frau Schneider?«, fragte Schauß.

»Ja, ja, das sind ihre. Den einen hab sogar ich ihr geschenkt – zum 35. Geburtstag. Ach Gott, ist das schrecklich! Elvira war so ein lieber Mensch.«

»Frau Schneider, wie ist der vollständige Name ihrer Freundin – Elvira …?«, drängte Tannenberg.

»Elvira Kannegießer … Elvira Kannegießer. – Oh Gott!«

»Wo befindet sich denn die Wohnung Ihrer Freundin?«, wollte Kommissar Schauß wissen.

»Kurt-Schumacher-Straße 74, 2. OG«, antwortete Frau Schneider mechanisch.

»Ist das eine Gemeinschaftswohnung?«

Der junge Kriminalbeamte merkte sofort, dass die ihm gegenübersitzende Freundin der Toten mit seiner Frage nicht viel anfangen konnte. Deshalb schob er schnell nach: »Mit anderen Worten: Lebt sie darin mit jemandem zusammen?«

»Nein, nein, sie lebt allein.« Und in einen neuerlichen Weinkrampf hinein ergänzte sie: »Lebte allein …, lebte allein.«

»Nur noch eine Frage, Frau Schneider: Wer sind die nächsten Angehörigen von Frau Kannegießer?«

»Da gibt es einen Bruder, der wohnt aber nicht hier. Aber ihre Eltern wohnen in Schallodenbach, glaub ich jedenfalls.«

»Gut, Frau Schneider, dann war’s das erstmal. Die Identifizierung müssen dann wohl die Eltern übernehmen. Sie müssten allerdings heute Nachmittag noch mal bei uns vorbeikommen«, sagte Tannenberg.

»Sollen wir wirklich keinen Arzt verständigen?«, fragte Schauß.

»Nein, nein. Es geht schon.«

»Danke, Sie haben uns wirklich sehr geholfen«, schloss Tannenberg die Befragung ab und öffnete die Zimmertür. »Komm, Michael, wir fahren zur Wohnung!«

»Warten Sie«, sagte unerwartet Frau Schneider zu den beiden Männern, die sich bereits von ihr weggedreht hatten, und griff in ihre direkt vor ihr auf dem Tisch liegende Handtasche. »Ich habe einen Schlüssel für die Wohnung. Den hat mir Elvira mal gegeben, um die Katze zu versorgen. Oh Gott, die Katze, wer kümmert sich denn nun um das arme Tier?«

»Da wird sich sicher eine Lösung finden«, entgegnete Tannenberg freundlich, obwohl ihm persönlich diese Frage zur Zeit absolut peripher erschien.

»Das arme Kätzchen, das arme Kätzchen. Da müssen wir sofort etwas unternehmen!«, rief die beleibteste Vertreterin des Kampfsamariter-Geschwaders, das sich sofort wieder in voller Stärke in den kleinen Büroraum hineinschob, und erzeugte mit ihrer Aussage umfangreiche Solidaritätsbekundungen.

»Aber bitte erst nach Dienstschluss, wenn die Spurensicherung mit ihrer Arbeit fertig ist«, warf Tannenberg mahnend ein.

»Wolf, das geht ja wohl nicht, weil die Wohnung dann versiegelt ist«, ergänzte Schauß korrigierend und wandte sich anschließend den engagierten Tierfreundinnen zu. »Also, meine Damen, ich verspreche Ihnen, dass wir die Katze einer Nachbarin oder dem Hausmeister in Obhut geben werden.«

Als Tannenberg wieder im Auto saß, schüttelte er innerlich immer noch den Kopf angesichts solch dezidierter Tierliebe, die ihm persönlich völlig wesensfremd war. Irgendwie hatte er den Eindruck gewonnen, dass das Schicksal der Katze die Mitarbeiterinnen des Liegenschaftsamtes weit mehr berührte als das ihrer bestialisch ermordeten Kollegin. Vielleicht fehlte ihm aber auch einfach nur die richtige Einstellung zu diesem Themenbereich, schließlich hatte er bislang weder ein Haustier besessen, noch hatte er sich bisher genötigt gesehen, dem Tierschutzverein beizutreten.

Dieses Thema beschäftigte ihn eigentlich immer nur kurzzeitig, z.B. dann, wenn er mal wieder zufällig auf eine neue Statistik stieß, welche die unglaublichen Geldmengen, die in Deutschland jedes Jahr für Tierfutter, ärztliche Betreuung, Spielzeug, Versicherungen, Tierpensionen usw. ausgegeben wurden, aufschlüsselte. Dann fragte er sich immer, ob man diese Unsummen nicht für etwas Sinnvolleres, etwa für soziale Zwecke, einsetzen könnte.

Inzwischen hatten die beiden Ermittler die Fußgängerbrücke an der Universität passiert und bogen nach rechts in die Kurt-Schumacher-Straße ein.

»Langsam, Michael, das kann gleich hier am Anfang sein«, sagte Tannenberg, intensiv nach Hausnummern Ausschau haltend. »Na, was hab ich gesagt? Da vorne ist die 70 und links daneben die 68. Komm, park hier irgendwo, wir laufen die paar Meter zurück.«

»Okay! Aber ich seh keinen freien Parkplatz. Dann stell ich mich eben direkt in die Einfahrt«, entgegnete Schauß.

»Klar, mach das. Lass einfach das Blaulicht drauf; dann beschwert sich garantiert keiner!«, empfahl der altgediente Kriminalist.

Die vierstöckigen Gebäudekomplexe lagen eng ineinander verschachtelt hinter frisch gemähten Rasenflächen, sodass man auf den ersten Blick keine bauliche Differenzierung vornehmen konnte. Lediglich die von weitem erkennbaren, überdimensionierten Hausnummern ermöglichten dem Besucher eine grobe Orientierung. Die eintönigen Häuserfronten wurden optisch aufgelockert durch schmale, vorgezogene Balkone, die meist mit Grünpflanzen oder Blumenkästen dekoriert waren.

Aus der Vielzahl der an der Flügeltür angebrachten Klingelschilder schloss Tannenberg, dass der etwas tiefer gelegene, überdachte Eingangsbereich als gleichzeitiger Zugang zu mehreren Wohneinheiten diente.

»Wolf, was hältst du davon, wenn wir erst mal beim Hausmeister klingeln? Erstens weiß der sicherlich genau, wo sich die Wohnung von Frau Kannegießer befindet, und zweitens kann der auch gleich die Katze übernehmen.«

»Gut, aber was ist, wenn der Mann eine Katzenallergie hat oder einen lieben Schäferhund, der unheimlich gerne mit Katzen spielt?«, fragte Tannenberg scherzhaft.

»Alter Schwarzseher! Wart’s doch erst mal ab. Wenn’s so ist, bekommst du die Katze mit nach Hause. Tobias und Marieke würden sich bestimmt freuen«, konterte sein junger Mitarbeiter geistesgegenwärtig.

»Das fehlte mir gerade noch! Und ich mach dann immer das Katzenklo sauber. Tolle Vorstellung, wirklich. Wenn man solch einen Kollegen hat, braucht man keine Feinde mehr!«

Der Hausmeister zeigte sich sehr betroffen darüber, dass Elvira Kannegießer vermisst wurde, und stellte sofort einen inhaltlichen Zusammenhang zwischen der Toten vom Pfaffenbrunnen und der Hausbewohnerin her. Er schilderte die Frau als sehr angenehme Mieterin, die stets freundlich und zuvorkommend gewesen sei. Besonders mit den vielen männlichen Studenten sei Frau Kannegießer bestens ausgekommen. Sie war anscheinend ein gern gesehener Gast bei jeder Fete. Er habe auch immer mal wieder von Gerüchten gehört, dass die schöne Elvira, wie er sie wörtlich nannte, hier und da eine Liaison mit einem der Studenten eingegangen sei. Frau Kannegießer wäre eben eine lebenslustige, attraktive Frau gewesen, die nichts anbrennen ließ.

›Die nichts anbrennen ließ‹ – was für eine merkwürdige Redewendung, dachte Tannenberg, als die beiden Ermittler vor der Wohnung Elvira Kannegießers standen.

»Wo ist denn die Katze?«, fragte Schauß sichtlich irritiert, nachdem er mit Frau Schneiders Schlüssel die Tür geöffnet hatte. »Ich hab eigentlich erwartet, dass wir jetzt von einer hungrigen Katze empfangen werden. Du nicht auch, Wolf?«

»Ja, irgendwie schon. Aber vielleicht hat sie sich nur versteckt«, entgegnete Tannenberg, ohne dieser Sache allerdings besondere Bedeutung beizumessen.

Er war bereits in eine andere Welt eingetaucht. Er hatte dieses Phänomen schon so oft bei sich wahrgenommen, dass es für ihn dermaßen selbstverständlich war wie für andere Leute das tägliche Zähneputzen. Jedes Mal, wenn Tannenberg während einer Ermittlung in das private Refugium eines seiner Mitmenschen eindrang, bemächtigte sich seiner dieser merkwürdige Gemütszustand, der irgendwo zwischen tief empfundener Abscheu über sein pietätloses Handeln auf der einen und dieser unbändigen Neugier auf der anderen Seite anzusiedeln war. Natürlich konnte er zu seiner Rechtfertigung immer die legendären Sachzwänge geltend machen, schließlich war dieses rücksichtslose Eindringen in die Intimsphäre eines ihm völlig unbekannten Menschen für die Ermittlungen zwingend erforderlich. Für ihn war es aber weit mehr als kriminalistische Routinearbeit. Es war ein Spiel, ein Puzzlespiel, das darin bestand, eine Vielzahl von Einzelinformationen zu einem Bild zusammenzufügen, zu einem detailgetreuen Abbild der Persönlichkeit eines fremden Menschen.

»Fürchterlich stickige Luft, erdrückende Schwüle«, sprach Tannenberg in sein Diktiergerät. »Komm, Michael, öffne mal die Fenster. Diese abgestandene, tropische Luft ertrag ich nicht. Aber schau vorher nach, ob es irgendwelche Hinweise auf gewaltsames Eindringen gibt, sonst dreht uns die Spurensicherung nachher den Hals um.«

»Klar, mach ich. Diese Luft ist wirklich unerträglich!«, stimmte Schauß zu und begab sich umgehend zu den Flügeltüren im Wohnzimmer.

Tannenberg blieb zunächst noch im Flur. Seine Augen tasteten wie ein Scanner zuerst den Fußboden, dann die Wände ab. Gleichzeitig sprach er alle möglichen Details auf Band. Danach schlenderte er zunächst gemächlich durch das Schlafzimmer, dann stattete er Bad und Küche einen kurzen Besuch ab und schließlich ging er ins Wohnzimmer, wo er für längere Zeit verweilte.

Kommissar Schauß schlich während dieser Zeit andächtig schweigend wie ein Mitglied einer Dom-Besuchergruppe durch die geschmackvoll eingerichtete Single-Wohnung und wartete geduldig, bis Tannenberg seine letzten Eindrücke dem wehrlosen Diktafon mitgeteilt hatte.

»Michael, ich bin fertig. Hast du auch den Eindruck, dass Frau Kannegießer ein ziemlich aktiver Mensch gewesen sein muss?«, fragte Tannenberg seinen Mitarbeiter.

»Denke schon. Auf alle Fälle war sie ganz schön sportlich«, antwortete Schauß und nahm einen größeren Silberpokal aus der Vitrine, den das Opfer anscheinend bei einer Tennis-Vereinsmeisterschaft gewonnen hatte.

»Komm, stell das Ding wieder hin. Wir gehen jetzt wohl besser. Mertel und sein Team sind bestimmt bald da. Wenn man vom Teufel spricht …«, sagte Tannenberg als es läutete und öffnete den Kriminaltechnikern die Tür.

Diese stimmten sofort wieder ihr übliches Klagelied hinsichtlich vorsätzlicher Spurenvernichtung usw. an. Erst als Mertel dem Leiter der Mordkommission mitteilte, dass Geiger von der Kfz-Zulassungsstelle erfahren habe, dass Frau Kannegießer einen blauen Golf mit dem Kennzeichen KL-EV-16 besitze, hörte er wieder aufmerksam zu.

»Sag mal, Michael, war die Wohnungstür eigentlich abgeschlossen oder war sie nur ins Schloss gezogen?« fragte Tannenberg, während er mit seinem Kollegen langsam die Treppen hinunterging.

»Also, ich hab den Schlüssel nur reingesteckt und kurz nach rechts gedreht. Sie war also nicht abgeschlossen!«

»Ja, so hab ich das auch in Erinnerung. Komisch!«

»Warum? Vielleicht ist die Frau ja nur kurz aus dem Haus … Zigaretten holen, oder was weiß ich!«

»Ja, vielleicht. Wo ist eigentlich die Katze abgeblieben?«, fragte Tannenberg.

»Also ich habe keine Katze gesehen. Na ja, die Spurensicherung wird sie sicher finden. Die hat sich bestimmt aus Angst vor dir irgendwo versteckt.«

»Klar, was denn sonst, alter Scherzkeks!«, bemerkte Tannenberg säuerlich.

Die beiden Ermittler hatten Elvira Kannegießers blauen Golf schnell entdeckt. Der Wagen stand nur wenige Meter von den Wohngebäuden entfernt auf der anderen Seite der Kurt-Schumacher-Straße. Allerdings nicht am Fahrbahnrand, sondern auf einem zur Tennishalle gehörenden kleinen, ungepflasterten Parkplatz, direkt hinter Glas- und Altpapiercontainern. Als Tannenberg das äußerlich unversehrte, verschlossene Auto unter der mächtigen Trauerweide erspähte und die aus dichten Büschen und Sträuchern bestehenden natürlichen Sichtschutzmauern zur Straße und zur Tennishalle hin registrierte, blickte er zu seinem Kollegen, der genau das aussprach, was Tannenberg gerade dachte.

»Es gibt wohl kaum einen geeigneteren Ort für eine Entführung.«

3

Da Wolfram Tannenberg im Laufe der Jahre eine ausgeprägte Aversion gegen jegliche Form von Kantinenessen entwickelt hatte, versuchte er, so oft wie nur irgend möglich zumindest die Mittagsmahlzeiten im Kreise seiner Familie einzunehmen.

Als ihn Schauß direkt vor seinem Elternhaus in der Beethovenstraße absetzte, erwartete ihn bereits sein Vater, der ihm aus dem sperrangelweit geöffneten Küchenfenster der Parterrewohnung laut entgegenrief: »Aha, der Herr Kriminalhauptkommissar hat mal wieder von weitem gerochen, dass seine Mutter was Gutes gekocht hat.«

»Vater, du weißt doch ganz genau, dass ich nicht möchte, dass du den Hauptkommissar so raushängen lässt – und dann auch noch so, dass es die ganze Beethovenstraße hört«, schimpfte der Leiter der Kaiserslauterer Mordkommission, nachdem er die Küche der elterlichen Wohnung betreten hatte, obwohl er mit ziemlicher Sicherheit wusste, dass sein störrischer Erzeuger auch in Zukunft nicht bereit sein würde, sein Verhalten ihm gegenüber entscheidend zu verändern.

»Ach Gott, bist du empfindlich. Du kannst doch auf deine Karriere bei der Polizei wirklich stolz sein.«

»Ich schon, aber du wohl weniger! Und deshalb sollst du damit nicht so angeben. Es muss nicht immer die ganze Straße hören, wenn ich nach Hause komme«, gab Tannenberg scharf zurück.

»Wolfi, hör jetzt endlich auf – und du auch, Jacob! Ihr wisst genau, dass mir sonst das Essen nicht schmeckt«, warf Mutter Tannenberg energisch ein, während sie eine große Auflaufform mit dampfenden Käsespätzle auf den hellblauen Aluminiumuntersetzer stellte. »Jacob, bring mal den Salat rüber!«

»Das kann dein Sohn machen, der kann und weiß ja sowieso immer alles besser. Den alten Vater so zurechtzuweisen. Hast du denn überhaupt keinen Respekt mehr vor mir?«

»Ach Gott, Vater, sei doch nicht gleich eingeschnappt. Tut mir leid, ich will dich wirklich nicht ärgern. Aber ich hab im Moment einfach viel um die Ohren.«

»Ja, ja, die Leiche am Pfaffenbrunnen«, bemerkte Vater Tannenberg in etwas versöhnlicherem Ton, wechselte aber gleich das Thema. »Margot, wann kommen denn die Kinder heute aus der Schule?«

»Die müssten eigentlich schon da sein. Wolfi, hol mal den Riesling aus dem Kühlschrank«, hatte Mutter Tannenberg gerade gesagt, als es klingelte und zeitgleich Tobias vom Bürgersteig her in die Küche rief: »Toll, der Onkel Wolfi ist auch da!«

»Sag mal, Tobi, willst du mich heute etwa auch noch auf die Palme bringen?«, fragte er seinen Neffen, der eben dabei war, genau dort, wo er gerade stand, sich seines Schulgepäcks zu entledigen.

»Sorry! Bloß wegen dem Onkel Wolfi. Oma darf das ja auch sagen. Also, okay: Einen schönen guten Tag, lieber Onkel Wolfram. So besser?«, fragte Tobias keck, während er sich in Seelenruhe an den gedeckten Tisch begab und mit großen Augen auf den Küchendienst wartete, der ihm endlich das Mittagessen servieren sollte.

»Ruhe! Jetzt ist Schluss mit dem Gezeter! Hinsetzen!«, rief Margot Tannenberg laut. »Tobias, du räumst aber erst noch deinen Ranzen aus dem Weg!«

»Oma, kapier’s doch endlich: Ich hab dir doch schon megaoft gesagt, dass das kein Ranzen ist, sondern ein Eastpack!«

»Ist mir doch egal, wie du das Ding nennst. Du räumst den Ranzen jedenfalls sofort weg.«

»Cool, Omi, mach sie fertig, gib’s den Machos!«, forderte Marieke, warf ihren Rucksack in die Ecke und wollte sich sogleich über das Mittagessen hermachen.

»Langsam, Marieke! Wir fangen erst an, wenn alle am Tisch sitzen! Und ich sitze noch nicht am Tisch!«

»Gebongt, Omi!«

»Wie kommt denn der Herr Sohn mit seinem neuen Fall zurecht?«, fragte Jacob Tannenberg in die atmosphärischen Störungen hinein. »Schließlich ist es ja sein erster Mordfall, den er als Chef zu lösen hat. Aber wie man so lesen kann, tappt ihr ja mal wieder völlig im Dunkeln!«

»Hört, hört, da spricht der Bildzeitungsleser«, entgegnete Tannenberg schnippisch.

»Ja, da steht wenigstens was drin. Anders als in der Rheinpfalz. Warum ist denn da noch nix drin?«

»Weil erst heute Nachmittag die Pressekonferenz ist.«

»Und warum weiß es dann schon die Bildzeitung? Na?«, ließ der Senior nicht locker.

»Du weißt doch ganz genau, dass ich über dienstliche Angelegenheiten nicht reden darf. Aber so gut, wie du immer informiert bist, wirst du es mir ja sowieso gleich sagen, oder etwa nicht?«

Um seinen Sohn noch mehr auf die Folter zu spannen, ließ Vater Tannenberg einen Augenblick verstreichen. »Willst du es wirklich wissen?«

»Ich flehe Euch an, oh großer Sherlock Holmes, bitte sagt mir sofort, warum die beste deutsche Zeitung wieder einmal alles weiß!«

Jacob Tannenberg ging nicht auf die Provokationen seines Sohnes ein, sondern nahm seine Lesebrille von der altersschiefen Nase und lehnte sich wichtigtuerisch zurück. »Weil der Fritz Metzger denen das gesteckt hat. Ist ja auch ein Bild von ihm drin! Da war er aber bestimmt noch zehn Jahre jünger!«, spottete er. »Ich könnte dir ja noch ein paar interessante Sachen weitergeben, die ich heute Morgen im Tchibo erfahren habe.«

»Oh Vater, du und dein Tchibo-Stammtisch. Ihr seid ja schlimmer als Bildzeitung,Gala und Frau im Spiegel zusammen.«