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»Pinguine fliegen nur im Wasser« ist ein wunderbar authentischer Liebes- und Selbstfindungsroman mit Tiefgang. Leichtfüßig und mit lebensechtem Humor erzählt Henriette Krohn von Einsamkeit und dem Mut, den es braucht, um Nähe und Verletzlichkeit zuzulassen. Greta ist alles, was Vincent nicht sein will: laut, bunt und voller übersprudelnder Gefühle. Doch als er in ihrem Taxi landet, hat er gerade alles verloren, wofür er jahrelang gearbeitet hat. Seine ehemalige Chefin und Geliebte hat ihn aus Job und Wohnung geworfen und in der Branche seinen Ruf ruiniert. Vincent weiß weder, warum ihm das passiert ist, noch, wo er jetzt hinsoll. Deshalb nimmt er notgedrungen Gretas Angebot an: Wenn er ihr bei der Renovierung der alten Villa hilft, die sie von ihrer Großmutter geerbt hat, darf er mietfrei bei ihr wohnen. Während Greta und Vincent ein Zimmer nach dem anderen in einen Ort zum Wohlfühlen verwandeln, entdecken sie, dass sie eigentlich gar nicht so verschieden sind. Aber wie soll man sich näherkommen, wenn man mit Weglaufen beschäftigt ist? Inspirierender Liebesroman über Selbstfindung und die Kraft der Kreativität. Eine ebenso leichtfüßige wie lebensechte Urlaubslektüre mit Feingefühl und Humor. Zimmer für Zimmer richten Greta und Vincent nicht nur eine alte Villa wieder her: Sie entdecken dabei auch, was ihnen im Leben wichtig ist – und wovor sie Angst haben. Wie ein Haus zu einem Zuhause wird, und wie jeder Raum sein Spiegelbild in unserer Seele findet, erzählt Henriette Krohn einfühlsam und mit genau der Situationskomik, die das echte Leben bietet. Entdecke auch Henriette Krohns Sommerroman Frühling, Sommer, Herbst und du: »Ein wunderbares, wertvolles Buch voller toller Momente, voller Nachdenklichkeit bei gleichzeitiger Leichtigkeit, voller Sonne und Sommer.« Seitenträumerin (Blog)
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Seitenzahl: 491
Veröffentlichungsjahr: 2025
Henriette Krohn
Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Greta ist die Art Mensch, die Unternehmensberater Vincent eigentlich meidet: laut, bunt und voller Gefühle. Doch als Vincent alles verliert, landet er ausgerechnet in Gretas Taxi. Das sich als unerwartete Rettung herausstellt, denn Greta bietet ihm spontan Unterschlupf. Im Gegenzug hilft er ihr, die alte Villa ihrer Großeltern zu renovieren. Zusammen verwandeln Greta und Vincent das Haus in ein Zuhause. Und entdecken dabei, dass sie gar nicht so verschieden sind. Aber wie soll man sich näherkommen, wenn man mit Weglaufen beschäftigt ist? Mit Feingefühl und Humor erzählt Henriette Krohn von der Reise zu sich selbst und der Suche nach der Liebe.
Weitere Informationen finden Sie unter: www.droemer-knaur.de
Teil 1
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
Teil 2
4. Kapitel
5. Kapitel
Teil 3
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
Teil 4
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
Teil 5
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
Teil 6
30. Kapitel
31. Kapitel
Teil 7
Epilog
Büros
Das mit den Uhrzeigern ist so eine Sache: Manchmal bewegen sie sich ganz schnell. Wenn man zum Beispiel schön beim Spielen ist und man hat die Betten im Puppenhaus gemacht und will die kleinste Puppe – die mit der rosa Mütze und dem hellblauen Anzug – gerade schlafen legen. Dann ist plötzlich schon Zeit fürs Abendessen, obwohl es sich so anfühlt, als hätte man eben erst mit dem Spielen angefangen. Heute dagegen ist die Zeit zwischen den kleinen Strichen, die die Minuten anzeigen, viel, viel länger. Dabei mag sie das Klicken, das der große Zeiger macht, wenn er weiterzieht.
Seit mehr als zwei Stunden sitzt sie jetzt hier. Die Uhr hat sie erst vor einigen Wochen gelernt, und zwar ganz schnell – schneller als die anderen in der Klasse. Und deshalb weiß sie das auch. Also, dass der lange Zeiger schon zweimal um den großen Kreis gewandert ist.
Sie schaut wieder auf ihr Heft und schreibt die Zeile mit dem Buchstaben H zu Ende, radiert die letzten drei aber wieder weg. Alle H-Buchstaben sollen ganz genau gleich aussehen. Das wird Papa bestimmt gefallen. Also noch mal. Zwei lange Striche von oben nach unten, einen kurzen dazwischen. Sie sieht wieder auf die weiße Uhr mit dem schwarzen Rahmen über dem großen weißen Tisch, an dem sie sitzt und dessen Tischplatte kalt ist. Sehr kalt. Zu kalt für die schmalen Unterarme. Der lange schwarze Zeiger zeigt auf die Fünf, der kurze sitzt gerade zwischen der Sieben und der Acht.
Das Mädchen gähnt. Sie möchte in den Gang gehen und einen Krankenpfleger fragen, wann ihr Papa kommt. Doch das würde der bestimmt nicht gut finden. Vorhin ist sie kurz auf den Gang gehuscht, zur Toilette gegenüber. Trotz der Dunkelheit draußen vor den Fenstern war da noch alles voller Menschen. Einige wurden in Betten über den Gang geschoben. Die Räder unten an den Gestellen quietschten. Frauen und Männer liefen an ihr vorbei, und das Mädchen musste sich einen Weg zwischen ihnen bahnen, um zu dem Raum mit dem W und dem C zu gelangen. Warum W und C Toilette hieß, überlegte sie, als sie den Gang überquerte, der sich anfühlte wie der Fußgängerweg vor der Schule vor Unterrichtsbeginn.
Als sie die Klinke schon in der Hand hielt, kam ihr Papa vorbei, und sie freute sich. Im Gehen las er etwas auf einem Brett, das er in den Händen hielt. Er hätte sie nicht bemerkt, wenn sie ihn nicht gerufen hätte. Papa blieb stehen, drehte sich um und sah sie an. Verwirrt. Und so, als würde er sie gar nicht erkennen.
»Ich bin müde, Papa. Kommst du bald?«, hat sie vorsichtig gefragt, ein leises Bitte hinzugefügt und sich an der Türklinke der Toilette festgeklammert.
Papa blinzelte und sah sie an. »Ach so, ja. Stimmt.« Er fuhr sich mit den Händen über den Stoppelbart am Kinn. »Noch ein bisschen, nur noch ein bisschen. Hast du deine Hausaufgaben schon fertig? Mach deine Aufgaben, bis ich komme, und wenn du das hinbekommst, dann holen wir uns was bei McDonald’s, okay?«
Ihre Antwort wartete er nicht ab, weil da schon wieder jemand nach ihm rief.
Eigentlich ist sie mit ihren Hausaufgaben schon lange fertig. Eigentlich will die Lehrerin auch nicht, dass sie vorarbeiten. Wenn sich das Mädchen aber entscheiden muss, wessen Schimpfen sie schlimmer findet – das von der Lehrerin oder das von Papa –, dann ist das ganz klar.
Deshalb hat sie sich auch an den Buchstaben H gesetzt, obwohl der noch gar nicht dran ist. Doch sie gehen sonst nie zu McDonald’s. Deshalb will sie jetzt nichts falsch machen, weil sie auch mal ein Happy Meal möchte. Lisa aus ihrer Klasse hatte letztens eine Spielfigur daraus dabei. Eine Susi aus Susi und Strolch, die in einer kleinen Hundehütte saß und die man mithilfe eines Knopfes nach draußen schieben konnte. So was will sie auch.
Also schreibt sie Buchstabe um Buchstabe. Radiert, korrigiert, spitzt den Bleistift, schreibt weiter. Sie wird wirklich immer besser. Das ist gut, aber noch nicht perfekt. Weil ihr die Augen langsam wehtun. Wie wenn sie sie ganz lange auflässt, um zu sehen, wie viele Sekunden sie es ohne Blinzeln schafft. Ihre Stirn wandert immer weiter Richtung Heft. Bis die Buchstaben verschwimmen und …
»Na, du bist ja immer noch hier!«
Sie erschrickt und dreht den Kopf in Richtung Tür, durch die ein großer Mann in einem weißen Kittel und mit vielen dunklen Haaren tritt. Den kennt sie ganz gut. Er arbeitet nämlich nicht nur für ihren Papa. Er wohnt auch in dem großen Haus neben dem der Großeltern. Sie findet es komisch, dass er schon Arzt ist. Er sieht nämlich gar nicht so aus, und, na ja, welcher Erwachsene wohnt denn noch bei seinen Eltern. Er wirkt eher wie der kleine Cousin von ihrem Papa. Der geht noch in die Schule für Erwachsene, die Universität heißt, und alle nennen ihn den Nachzügler. Was ein komisches Wort ist, findet sie.
Sie kann sich nicht mehr an den Namen des Arztes erinnern, aber dass er nett ist, das weiß sie. Einmal hat sie im Garten der Großeltern geschaukelt, und da haben sie sich über den Gartenzaun hinweg unterhalten. Er war lustig und gar nicht so unfreundlich, wie die Großmutter immer behauptete.
Im Moment lächelt er allerdings nicht. Die dicken Augenbrauen sehen wie die Raupe Nimmersatt aus. Dazwischen ist eine Falte, als er an die weiße Küche tritt und sich einen Kaffee in eine weiße Tasse schüttet. Irgendwie ist hier alles weiß, bemerkt das Mädchen. Sie war noch nicht oft in diesem Raum und nie lange genug, dass sie das mit dem Weiß hätte bemerken können. Aber so ist das. Alles ist glatt und kalt und vor allem weiß. Bis auf die Uhr.
Vielleicht, weil die Uhr und die Zeit für die Leute hier so wichtig sind. Für Papa ist das auf jeden Fall so. Bei seiner Arbeit ist jede Bewegung des großen Zeigers wichtig. Warum, weiß sie nicht genau. Aber sie weiß, dass es so ist.
Der große Mann mit den wilden Haaren kommt zu ihr und setzt sich auf den leeren Stuhl ihr gegenüber. Auf der linken Wange sieht das Mädchen einen großen braunen Fleck, der wie eine Sonne aussieht. Also, er hat keine Strahlen oder so. Aber das hat die Sonne in echt ja auch nicht. Dunkelbraun ist der Fleck drinnen, und draußen wird er heller. Sie mag die Sonne und den Sommer. Und das Freibad, wo sie so gerne hingeht. Was jetzt im Winter nicht geht und sonst auch nicht so oft. Auch wegen der Zeit. Weil Papa nämlich nur ganz wenig davon hat. Und Mama sogar noch weniger.
»Solltest du nicht schon lange zu Hause sein?« Der Mann holt eine Packung Mini-Goldbären aus der Tasche seiner weißen Jacke und legt sie auf das Heft mit den Buchstaben. Ob ihr Papa wohl auch Gummibärchen in seinem Kittel hat? Das kann sich das Mädchen nicht vorstellen. »Ist doch schon fast acht«, spricht der Mann weiter, und sie findet, dass seine Stimme zu tief ist. Also, zu tief dafür, dass er ein bisschen wie der Nachzügler aussieht.
Sie greift nach der kleinen Plastikpackung. Ihr Magen knurrt, aber das mit den Gummibärchen findet Papa bestimmt nicht in Ordnung. Also legt sie die Packung zurück auf das Heft.
»Ich warte auf meinen Papa«, antwortet sie.
Eigentlich will sie noch viel mehr sagen. Dass ihre Mama zurzeit vor allem nachts arbeiten muss, weil sie nämlich einen noch viel wichtigeren Job in ihrer Abteilung bekommen hat und jetzt noch viel mehr gebraucht wird als vorher. Dass sie eigentlich bei ihren Großeltern schlafen sollte. Aber Aga ist zu ihrer Mutter nach Polen gefahren, und deshalb geht das da heute nicht. Aga ist die Haushälterin von Oma und Opa und der liebste Mensch überhaupt. Wenn das Mädchen mittags von der Schule zu ihren Großeltern kommt, hat Aga meistens schon was gekocht. Manchmal mag sie das Essen nicht. Aber sie isst es trotzdem. Weil Aga so lieb ist und sie will, dass sie sie mag. Manchmal gibt es auch selbst gebackenen Kuchen, wenn sie Hausaufgaben macht. Immer denselben, und der ist dick und fest im Mund und sehr süß und lecker.
Manchmal wünscht sie sich, dass Aga keine eigene Familie hätte. Dann wäre sie immer bei Oma und Opa, auch Weihnachten und Ostern und überhaupt für immer und ewig. Aber so was darf man sich nicht wünschen, und laut aussprechen darf man es schon mal gar nicht. Auf jeden Fall ist es nicht schön bei den Großeltern, wenn Aga nicht da ist. Und für die Großeltern sind ihre Besuche ohne Aga auch zu anstrengend, hat Mama gemeint. Als ob sie anstrengend wäre und nicht Oma und Opa. Oma hat ständig Kopfschmerzen, und man muss ganz leise sein, wenn sie im Raum ist. Und mit Opa fühlt sie sich immer so, als wäre da ein großer, runder Ball in ihrem Bauch. Weil sie nicht weiß, was sie mit ihm reden soll. Weil sie glaubt, dass er das irgendwie auch nicht weiß. Und weil das ja irgendwie nicht geht. Also, einfach gar nichts zu sagen. Manchmal macht sie das trotzdem. Wenn er im Wohnzimmer ist und sie auch, weil sie am Tisch sitzt und Hausaufgaben macht, während Aga putzt. Meistens ist Opa zum Glück nicht da. Aber manchmal eben schon, und dann liest er Zeitung direkt neben ihr, und irgendwann fragt er dann was über die Hausaufgaben oder so. Und dann antwortet sie. Aber nicht so, wie sie Aga antworten würde. Was sie sagt, muss sie aus dem Mund pressen, und meistens denkt sie danach darüber nach, dass das, was sie gesagt hat, irgendwie dumm war. Deshalb hat sie sich angewöhnt, nur ganz kurze Antworten zu geben.
Wegen der Sache mit Aga ist sie dann nach der Schule anders als sonst also nicht zu den Großeltern gegangen, sondern zu ihrer Freundin Lisa. Der Papa der Freundin hatte Pfannkuchen gebacken, die er dick mit Erdbeermarmelade bestrich. Sie haben mit den Polly Pockets gespielt und die vielen kleinen Schatullen mit den winzigen Püppchen auf dem warmen Holzboden des Kinderzimmers zu einer großen Welt aufgebaut. Das hatten sie schon am Morgen in der Schule besprochen, Lisa und sie.
Später am Nachmittag hat Lisas Mutter sie in Papas Krankenhaus gefahren, weil Lisa noch zum Flötenunterricht musste. Sie hat sich am Empfang von ihr verabschiedet, und von dort aus ist das Mädchen zu Papas Station gegangen und ein bisschen stolz gewesen, weil sie den Weg ganz allein gefunden hat. Das würde Papa bestimmt toll finden. Doch als der sie am Aufzug abholte, sagte er nicht viel. Stattdessen brachte er sie hierher in das weiße Zimmer mit der Uhr und der kalten Tischplatte und sagte, sie solle warten, bis er fertig war. Und dass sie nicht erschrecken solle, wenn auch andere Ärzte reinkommen, weil sie sich das Büro ja teilen würden. Lange würde er nicht mehr brauchen, das sagte er auch.
Sie zwinkert einige Male, als sie jetzt wieder an Aga und das Haus der Großeltern denkt. An Agas viele helle Haare, die sie manchmal bürsten und frisieren darf. Und an den Geruch von Opas Büro. Eigentlich darf sie dort nicht rein. Aber manchmal tut sie das doch, weil er einen großen alten Globus hat, den sie sich gerne ansieht. Dafür muss sie auf den Lederstuhl klettern, der vor Großvaters riesigem Holzschreibtisch steht.
Dort sind nicht nur viele interessante Sachen, sondern es riecht auch schön. Nach dem Papier des Zeitungsstapels, der immer auf dem Tisch liegt. Aber auch ein bisschen nach dunkler Schokolade, die er in einer der Schreibtischschubladen ganz oben versteckt. Herrenschokolade steht auf der schwarzen Verpackung mit der goldenen Schrift. Sie würde niemals ein Stück davon nehmen. Aber sie riecht gerne daran.
Wieder knurrt ihr der Magen, und der Mann mit dem Sonnenfleck auf der Wange und der tiefen Stimme ihr gegenüber greift zu der Packung mit den Gummibärchen. Er öffnet sie, schüttet sie auf das Heft und wirft sich ein grünes Bärchen in den Mund.
»Die Grünen sind die besten, find ich. Na komm, greif zu. Das bekommt dein Papa schon nicht mit.«
Eigentlich soll sie von Fremden keine Süßigkeiten annehmen. Aber so richtig fremd ist der Mann ja dann auch wieder nicht. Er ist sehr nett. Und er arbeitet mit Papa. Außerdem ist das Magenknurren mittlerweile so laut, dass der Mann das bestimmt hören kann. Also greift sie nach den Süßigkeiten und wirft sich alle Bärchen auf einmal in den Mund. Der Mann lächelt. »So, und wie wär’s denn, wenn du dich jetzt ein bisschen ausruhst?«
Sie sieht zu, wie der Sonnenfleckenmann aufsteht, zu einem Schrank geht und zwei weiße Decken und ein Kissen daraus hervorholt. Er legt die eine Decke und das Kissen auf das Sofa, das in der Ecke steht. Dann winkt er sie zu sich. Das Mädchen überlegt. Ob Papa das in Ordnung findet?
Beim Schlafen macht sie keinen Lärm. Und schmutzig macht sie auch nichts. Außerdem brennen ihre Augen, und die weißen Decken sehen warm aus und nach Schlafen. Deshalb schließt sie ihr Heft, räumt die Stifte in ihr Mäppchen und beides in den Ranzen, geht zu dem Mann, legt sich auf das Sofa und lässt sich zudecken. Es ist hart, das Sofa. Die Decken und das Kissen riechen auch nicht so gut. Irgendwie sauber, aber nicht besonders gut. Sie sehnt sich nach dem Bett in ihrem Zimmer im Haus der Großeltern. Die Matratze dort ist weich, und Aga hat über dem Bett eine Lichterkette an die Wand gehängt. Und einen Rahmen mit einem Stickbild, das sie selbst gemacht hat, nur für sie ganz allein.
»Pinguine fliegen nur im Wasser« ist mit bunten Fädchen auf den Stoff in dem ovalen Rahmen gestickt. Und sie freut sich schon darauf, wenn sie alle Buchstaben davon so richtig lesen kann. Obwohl sie natürlich schon weiß, was da steht. Denn den Satz sagt Aga ihr immer, wenn sie traurig ist. Pinguine fliegen nur im Wasser, sagt sie. Und irgendwann kannst du das auch, das weiß ich. So richtig versteht sie das noch nicht. Aber dass es sich gut anfühlt, wenn Aga das sagt, das versteht sie.
In ihrem eigenen Zimmer zu Hause bei Mama und Papa hätte sie auch gern so ein Stickbild und eine Lichterkette. Aber als sie Mama davon erzählte, hat sie nur ganz komisch gelächelt und gefragt, ob das nicht irgendwie kitschig sei. Und da hat das Mädchen genickt und leise zugestimmt. Trotzdem wäre ihr selbst ihr Zimmer ohne Lichterkette jetzt lieber als das harte Sofa und die Decken, die so komisch riechen.
Aber sie ist nun mal hier. Also legt sie sich hin und schließt die Augen, während der Mann sie zudeckt. Und Decken und das Kissen sind besser als der harte Stuhl und die kalte Tischplatte. Sie steckt sich den Daumen in den Mund, obwohl sie das schon ganz lange nicht mehr gemacht hat. Das Mädchen erschrickt und hofft, dass der Mann mit dem Sonnenfleck deshalb nicht über sie lacht. Doch als sie zu ihm aufblickt, sieht er sie einfach an und lächelt und streicht ihr mit den großen, warmen Händen über den Kopf. Und sie drückt ihr Haar gegen seine Hand wie eine kleine Katze und schließt die Augen.
»Schlaf ein bisschen«, sagt er, geht zur Tür und drückt die Klinke herunter. Als er den Raum verlässt, hört er schon gleichmäßige, tiefe Atemzüge von dem kleinen Kopf auf dem weißen Kissen.
»Armes Kind«, murmelt er noch und schließt langsam die Tür hinter sich.
Armes Kind, echot seine Stimme im Kopf des Mädchens.
Berlin-Mitte 2024
Nasse Socken. Jetzt hat er wirklich nasse Socken an den Füßen. Und das Schlimmste: Die Nässe kommt noch nicht einmal vom Wasser der Dusche, das sich auf den Marmorfliesen der Umkleidekabine gesammelt hat, sondern von seinem eigenen Schweiß. Vincent überlegt, ob er es nach Hause schaffen kann, um sich ein neues Paar zu holen. Dann müsste er nicht den ganzen Tag darüber sinnieren, ob jeder, der sich ihm nähert, den leicht süßlichen Gestank seiner Socken bemerkt.
Doch das Team-Meeting hat er für 7.30 Uhr angesetzt. Es ist 7.10 Uhr. Was bedeutet, dass die Zeit nur noch für den Gang vom Fitnessstudio direkt ins Büro ausreicht. Zu spät kommen ist so ausgeschlossen, dass ihm der Gedanke daran ein Lächeln entlockt. Zu spät kommen. Er. Natürlich ist das ausgeschlossen. Seine Mitarbeiter dürfen gar nicht erst auf die Idee gebracht werden, dass Zuspätkommen überhaupt eine Option wäre.
Vincent beugt sich hinunter, um nach seinem hellbraunen Lederschuh zu greifen. Mit verschwitzten Socken in Fünfhundert-Euro-Schuhe zu steigen ist das Allerletzte. Wie ihm ein solcher Fehler hat unterlaufen können, ist ihm ein Rätsel. Hat er gestern nicht ein frisches Paar der dunkelblauen Gucci-Socken neben seine Sportsocken in die Tasche gepackt? Und falls nicht: Wie hat er etwas so Fundamentales wie ein frisches Paar Socken vergessen können? Heute Abend würde er seine Abendroutine noch einmal kontrollieren.
Er sieht zu dem Mann gegenüber, der in engen weißen Boxershorts vor dem bodentiefen Spiegel steht, beobachtet, wie er sein Haar mit einem dünnzinkigen Kamm nach hinten und über die kleine helle Stelle am Hinterkopf kämmt. Missmutig blickt Vincent auf die frischen weißen Socken mit den zwei schwarzen Strichen am oberen Rand, die der Muskelprotz an den Füßen trägt und die wiederum in schwarz-weißen Adiletten stecken. Sogar die wären jetzt besser als gar keine Socken.
Wobei … Vincent neigt den Kopf ein wenig nach rechts … Ist das auf der rechten Socke ganz oben eine winkende Gurke? Der Mann dreht sich währenddessen erst nach links, dann nach rechts, schürzt die Lippen und wackelt mit jeder Seite der Brustmuskeln. Dasselbe wiederholt er mit den Muskeln der Oberschenkel und abschließend mit denen des Hinterns. Als er Vincents Blick bemerkt, zwinkert er ihm zu und macht den Ansatz eines Kussmunds.
Vincent hebt die Brauen und nickt dem Mann höflich zu. Was ohne Zweifel eine unangemessene Reaktion auf den Flirtversuch ist. Leider hat er keine Ahnung, wie man auf einen Kussmund sonst reagiert. Egal, ob der von einem männlichen oder weiblichen Mund ausgeht. Aber ein höfliches Nicken ist ganz klar unangemessen. Warum muss er auch immer so steif sein? Warum nicht einfach zurücklächeln?
Das geht natürlich auch nicht. Das würde einen falschen Eindruck erwecken. Was Vincent anscheinend ohnehin schon getan hat, denn jetzt dreht der Typ sich zu ihm um, und bevor der überhaupt ansetzen kann, etwas zu sagen, rafft Vincent seine Sachen zusammen und läuft aus der Umkleidekabine. Dabei erzeugen seine noch immer feuchten Socken sanft quietschende Geräusche in den handgenähten Schuhen, was Vincent erneut erschaudern lässt.
Wahrscheinlich ist ihm das grobe Socken-Versäumnis nur passiert, weil Katharina am vorigen Abend nicht auf seine Mail mit der Präsentation geantwortet hat. Das hat ihn beunruhigt. Sonst antwortete sie innerhalb einer Stunde. Immer. Wenn sie nicht gerade im Bett neben ihm liegt und ihm dort erklärt, dass er hervorragende Arbeit geleistet hat. Auch die Präsentation bezüglich der Kostenreduzierung bei Solanika ist ganz klar hervorragend. Dafür haben Vincent und sein Team gesorgt.
Oder sind ihre Empfehlungen doch zu harsch gewesen? Schließlich wird das Unternehmen demnach fünfhundert Arbeitsplätze streichen müssen, um überleben zu können. Eigentlich ist es unwahrscheinlich, dass Katharina das beeindruckt hat. So schnell lässt sie sich nicht schocken. Und der Rest der Geschäftsführung auch nicht.
Haben sie irgendetwas anderes nicht bedacht? Oder – noch schlimmer – einen Fehler begangen? Selbst wenn sechzehn Augen jede Rechnung mehrmals prüfen, kann sich doch immer ein Fehler einschleichen. Ein Fehler, den er finden und ausmerzen würde, ganz klar. Und dessen Verursacher er ebenfalls ausfindig machen und dem er kurz, aber konsequent den Kopf waschen würde. Trotzdem wäre ein Fehler, egal welcher Art, unangenehm. Nein, nicht unangenehm. Inakzeptabel.
Als er an der Rezeptionistin des Fitnessstudios vorbeigeht und sich wie jeden Tag ihr kleines Lächeln abholt, kann er durch die bodentiefen Fenster am Ende der Berliner Skyline einige Sonnenstrahlen erkennen, die sich durch eine kleine Lücke zwischen den tief liegenden, dunklen, geladenen Aprilwolken zu kämpfen versuchen. Die aber sofort wieder verschluckt wird.
Die Sport- und Laptoptasche über der Schulter, betritt Vincent den Aufzug. Und gerade als sich die Türen schließen, kann er durch die metallenen Wände ein lautes Donnern erahnen.
Im Erdgeschoss angekommen, sieht er durch die großen Glasfenster, wie sich Passanten unter einem Vorsprung des Gebäudes gegenüber vor den Sturzfluten zu retten versuchen, die jetzt vom Himmel fallen. Ha, Amateure. Er schlägt den Kragen seines beigefarbenen Trenchcoats nach oben und greift in seine braune Laptoptasche, weil er ja grundsätzlich …
Erst nach einigen Sekunden bemerkt er, dass er ins Leere greift. Okay, vielleicht nicht ins Leere. Doch im hinteren Teil der Tasche, wo sonst sein Regenschirm liegt, findet er nur Geldbeutel, Brillenetui und eine Packung plastikfreier Kaugummis. Er schaut auf die schwere silberne Uhr am Handgelenk. Noch zehn Minuten. Also lässt er die Tasche mit dem Laptop von der Schulter gleiten und nimmt deren Inhalt auseinander. Nur um festzustellen, dass er seinen Schirm tatsächlich nicht finden kann. Was ist das denn bitte für ein Morgen? Erst das mit den Socken und jetzt auch noch das hier.
In der Mitte der Straße haben sich bereits riesige Pfützen gebildet, in denen sich die bunten Lichter der neuen Edelbäckerei gegenüber spiegeln, deren Duft sich selbst durch die Regenwand hindurch bis zu ihm herüberstiehlt.
Er greift ein weiteres Mal in die Laptoptasche, um zu überprüfen, ob er wenigstens die Flasche mit dem Proteindrink eingepackt hat, den er sich nach dem Teammeeting gönnen wird. Doch. Zumindest die ist dort, wo sie sein soll. Auch wenn es das Einzige ist, was an diesem Morgen zu klappen scheint.
Im Eingang des modernen Gebäudes stehend, in dem sich sein Fitnessstudio befindet, sieht er sich um. Unwahrscheinlich, jetzt an ein freies Taxi zu kommen. Vor allem, wenn er pünktlich sein will. Also nimmt er die Tasche mit dem PC unter seinen Mantel und macht sich bereit, die fünf Minuten zum Büro auf höchstens drei zu reduzieren.
Entgegen seinen Berechnungen erreicht er erst nach vier Minuten das Foyer des Bürogebäudes und muss der Tatsache ins Auge blicken, dass er weitaus nasser ist, als er kalkuliert hat. So nass, dass seine Schuhe jetzt laut schmatzende Geräusche von sich geben, als er über den glänzenden Granitboden läuft. Neben dem herben und immer etwas zu starken Raumerfrischer des Firmenfoyers riecht es heute nach nassen Jacken und feuchter Luft. Es dauert einige Sekunden, bis Vincent seinen Mitarbeiterausweis aus der feuchten Hosentasche bekommt, um durch die Schranke in Richtung Fahrstuhl gehen zu können. An ihm vorbei läuft eine junge Anwältin, die neu in der Rechtsabteilung ist. Alba Yung heißt sie, wenn er sich richtig erinnert. Sie hat sie bei der Sache mit Solanika sehr gut beraten, deshalb lässt Vincent sie mit einem freundlichen Nicken vor sich durch die Schranke.
Als er allerdings seine kleine dunkelgraue Karte an das dafür vorgesehene Lesegerät hält, blinkt ein rotes Licht auf. Okay, das ist endgültig genug für heute. Er hält die Karte erneut an das Lesegerät, dann ein drittes Mal. Nur, um kopfschüttelnd die Karte in die Höhe zu heben und sich dem Tresen des Sicherheitsbeauftragten zu nähern. Doch da sitzt nicht Andreas, sondern dessen Aushilfe. Ein junger Mann, von dem Benjamin gerne sagt, dass er wie eine lebendig gewordene Fleischwurst aussieht.
Obwohl der Kommentar politisch unkorrekt, überheblich und deshalb sehr typisch für Benjamin ist, muss er seinem Mitarbeiter recht geben. Der junge Mann hat tatsächlich etwas Fleischwurstiges. Doch so ist Benjamin. Überheblich, aber zu einhundert Prozent treffsicher, was seine Beobachtungen betrifft. Und alles andere eigentlich auch.
Deshalb hat Vincent ihn in sein Team geholt, obwohl er erst vierundzwanzig und damit der Jüngste seiner sieben Mitarbeiter ist. Wobei das Alter letztlich keine Rolle spielt, wenn es um Performance geht. Schließlich hat Vincent vor zehn Jahren in genau demselben Alter angefangen und von Beginn an als High Performer gegolten. Was ihn, wenn alles so weitergeht, schon innerhalb der nächsten Jahre noch eine Etage höher in die Geschäftsführung katapultieren wird.
Doch eins nach dem anderen. Jetzt gilt es erst einmal, diesen Unglücksmorgen hinter sich zu bringen. Das kann ja wohl nicht so schwer sein.
Noch mal laden. Ich wiederhole: noch mal laden, dann Granate abfeuern. Ja, direkt reinwerfen in die Motherfucker. Ganz hinten in dem Rucksack ist genug Sprengstoff, damit wir den ganzen Laden in die Luft …«
Die trüben Augen hinter der schmutzigen Brille des Sicherheitsbeauftragten treffen auf die von Vincent. Er reißt sich das Headset vom Kopf und setzt sich gerade auf seinen Stuhl, während er immer wieder blinzelt. Hat der Typ gerade tatsächlich irgendein Online-Game gespielt, statt sich um die Sicherheit des Gebäudes zu kümmern? Und was ist das überhaupt für ein Aufzug, den er sich da erlaubt? Vincent senkt den Blick, um die Schrift lesen zu können, die auf dem schwarzen T-Shirt unter der dunkelblauen Weste mit dem Emblem der Sicherheitsfirma steht. Irgendwas ist faul hier, ist da zu lesen. Und darunter: Oh, das bin ja ich. Zwischen beiden Sätzen ist ein Faultier zu sehen, das eine Kaffeetasse in der Hand hält und ihm, Vincent, damit zuprostet. Erst die Sockengurke und jetzt das Faultier. Vincent schüttelt den Kopf und knallt statt eines angemessenen Kommentars seine Karte auf den Tisch. »Die funktioniert nicht. Bitte klären Sie das.«
Der junge Mann scheint kein Fan von Blickkontakt zu sein. Stattdessen starrt er auf die Karte, hebt die Schultern, als wolle er den Kopf dazwischen verstecken, und zieht das Plastikstück zu sich über den Tresen. Nach einigen Momenten räuspert er sich und schiebt sie langsam und vorsichtig zurück zu Vincent. »Ihre Karte ist gesperrt.«
Die Worte wurden fast geflüstert, und rote Flecken bilden sich auf Wangen und Hals des Mannes. Vincent vermutet, dass das hier das Worst-Case-Szenario für die Aushilfe ist. Eine nicht funktionierende Karte bedeutet tatsächlichen Kundenkontakt und eine gewisse Problemlösungskompetenz. Und beides scheint nichts zu sein, was der Faultier-Enthusiast sonderlich gut bewältigen kann.
Vincent atmet tief ein und aus. »Dann sorgen Sie dafür, dass sie entsperrt wird. Ich muss in …«, Vincent hebt noch einmal den Arm mit der schweren Uhr und blickt darauf, »… zwei Minuten oben im Büro sein.«
»Aber im Computer steht, dass ich oben anrufen soll, wenn …«
»Jetzt machen Sie schon die verdammte Schranke auf, mein Gott. Sonst sind Sie Ihren Job los, noch bevor ich überhaupt am Fahrstuhl ankomme.« Vincent zeigt drohend mit dem Handy auf den jungen Mann, auf dessen Namensschild Dennis Zimmermann steht. Er ist selbst überrascht von seinem aufbrausenden Kommentar, versucht, die Schultern wieder zu lockern, und rückt kurz seine dünne Krawatte zurecht. Sein Verhalten dem Faultier gegenüber war unsinnig. Wirklich unsinnig. Andererseits ist das heute eine Extremsituation. Die Socken, der Regen und jetzt auch noch das mit der Karte. Sehr unvorhersehbar das alles, sehr unvorhersehbar.
Zumindest drückt der junge Sicherheitsbeauftragte mit einer fahrigen Bewegung und aufgerissenen Augen gleich mehrmals auf den Knopf, um Vincent die Schranke zu öffnen.
Der geht zum Aufzug, und als dessen Tür schon fast geschlossen ist, drängt sich eine durchnässte Person hindurch, die Vincent erst auf den zweiten Blick als seine Assistentin identifiziert. Außer Atem wischt sich Diana einige Male mit dem Ärmel ihres Mantels über die Brille mit dem pinkfarbenen Gestell, bevor sie sie wieder auf die Nase setzt.
Als sie sieht, wer da neben ihr steht, erstirbt das souveräne, immer leicht abgeklärte Lächeln, mit dem sie sonst die Welt betrachtet. Seinem Blick ausweichend äußert sie einen kleinlauten Gruß, räuspert sich und blickt dann zwinkernd auf die Anzeige des Aufzugs, die signalisiert, in welchem Stockwerk sie sich befinden.
Diana ist eine gepflegte Frau Mitte vierzig. Und Vincent vermutet, dass ihr erst jetzt aufgefallen ist, wie verschmiert Wimperntusche und Make-up sind und dass von ihrer zweifellos zeitintensiven Hochsteckfrisur fast nichts mehr übrig ist.
»Sie sind aber früh dran heute«, sagt Vincent in die Stille hinein.
»Stimmt.« Wieder weicht sie seinem Blick aus und nickt. »Mein Mann hat mich gefahren, weil der Wetterbericht so schlecht war, aber das hat mir dann doch nicht so viel gebracht. Leider …«
Er nickt Diana zu und lächelt.
Als der Aufzug hält und die Türen aufgehen, nickt Diana ihm zu. Nur um dann zügig den Gang hinunter in den offenen Bereich zu eilen, in dem Vincents Team arbeitet. Während er langsam hinter ihr herläuft, denkt er über das nach, was die Teamassistentin gesagt hat. Diana ist also verheiratet. Das wusste er gar nicht. Wobei … Doch, da war was, letzten Sommer. Hat eine seiner Mitarbeiterinnen nicht von allen Geld eingesammelt, um für Diana ein Geschenk zur Hochzeit kaufen zu können?
Stimmt, Sina war das. Eine Achtundzwanzigjährige, die das Unternehmen schon nach einem halben Jahr wieder verließ. Vincent hat das bedauert. Sehr sogar. Die junge Frau war hochgradig intelligent und auf eine unaufdringliche Art witzig. Eigentlich sind Witz und Charme keine Eigenschaften, nach denen er entscheidet, wenn es um seine Mitarbeiter geht. Aber ihre Art war erfrischend, und er hat sich immer wieder dabei ertappt, sie anderen bei Projekten vorzuziehen. Ihre Kündigung begründete Sina damit, dass sie sich einfach nicht wohlfühle. Dass sie keinen Draht zu den Kollegen aufbauen könne – und zu Kaiser & Partner als Unternehmen auch nicht. Dass sie es vermisse, einen eigenen Schreibtisch zu haben.
Vincent geht zur Garderobe seines Teambereichs, nimmt sich einen der vielen leeren Kleiderbügel und entfernt den nassen Mantel von seinem Oberkörper, der an ihm klebt wie eine kalte zweite Haut. Er hängt ihn auf und beobachtet, wie große Tropfen auf den noch trockenen Boden spritzen, die sich dann in mehrere kleine teilen. Zumindest kann er jetzt die nassen Socken nicht mehr fühlen. Er fährt sich mit den Händen über sein zwar nicht ganz trockenes, aber zumindest nur feuchtes dunkelblaues Jackett und sieht sich um.
Ein eigener Schreibtisch. Unverständlich fand er das damals. Und unverständlich findet er das noch immer. Zumindest in dieser Branche. Die Beratung von Unternehmen setzt voraus, dass man kontinuierlich den Blickwinkel wechselt. Dass man niemals zu bequem wird und niemals zu freundschaftlich-nah mit den Kollegen, mit der Firma, mit den Kunden. Dass man sich nie zu sicher fühlt, denn Sicherheit wird schnell zu Bequemlichkeit. Und Bequemlichkeit ist Gift für Veränderungsbereitschaft. An diese Anforderungen hat die Geschäftsführung ihre Büroräume angepasst.
Jedem Team wurde ein Bereich der riesigen, offenen Bürolandschaften zugeteilt, die sich über die fünf Ebenen der Unternehmenszentrale erstrecken. Jeder Mitarbeiter hat wiederum einen eigenen Rollcontainer, den er täglich zu dem Arbeitsplatz bringen kann, der im eigenen Teambereich gerade frei ist.
Vincent findet es geradezu befreiend, dass sein Team nach der Renovierung des Bürokomplexes nicht mehr überall Fotos von Frau/Mann/Kind/Hund/Boot herumstehen lässt, sondern sich aufs Wesentliche konzentriert.
Auch der kahle Sichtbeton des Mauerwerks, die Wände aus Glas, die die Bereiche voneinander abtrennen, und der kühle, graue Steinboden lassen keinen Zweifel daran, dass hier keiner Zeit dafür hat, mal gemeinsam den süßen Katzenkalender durchzublättern.
Vincent lässt den Blick über die leeren, sauberen Schreibtische wandern. Nein, wer hier ist – wer hier sein darf –, weiß, was wichtig ist.
Doch Moment mal … Hier ist ja gar keiner. Vincent sieht sich um, dann hebt er den Arm und blickt auf das schwarze Ziffernblatt seiner Uhr. Es ist 7.30 Uhr. Punktgenau. Wo also sind alle? Der komplette Teambereich ist leer. Selbst Diana scheint irgendwo anders zu sein. Vielleicht ist sie noch kurz auf die Toilette verschwunden, um Haare und Gesicht in Ordnung zu bringen. Doch der Rest? Wo sind denn alle?
Auch in der Kaffeeküche am Ende des Gangs steht nur die Praktikantin eines anderen Teams. Das kann er durch die gläsernen Wände erkennen. Die übrigen Bereiche dagegen füllen sich langsam. Ein wichtiges Unternehmenstreffen hat er also schon mal nicht verpasst. Ein Blick auf sein Telefon zeigt, dass ihm keine Anrufe entgangen sind.
Also zieht er – mittlerweile leicht beunruhigt – seinen Laptop aus der nassen Ledertasche und fährt ihn hoch. Mehrmals und mit ansteigender Wut hämmert er sein Passwort in den Computer. Doch der versucht ihn immer wieder davon zu überzeugen, dass das Kennwort falsch ist. Er blickt sich ein weiteres Mal um, und plötzlich ist da der Mitarbeiter vom Eingangsbereich zusammen mit einem Kollegen, der dreimal so groß und sechsmal so muskulös ist wie die Fleischwurst. Sie kommen auf ihn zu, und während der Hanswurst mit der einen die andere Hand knetet, deutet der Muskelmensch mit dem Finger auf Vincent, während sich überall hinter den Glaswänden die Köpfe in Richtung Vincent drehen.
»Sie! Sie müssen mitkommen.«
Setz dich, Vincent.«
Katharina geht hinter ihren Schreibtisch und setzt sich auf den ledernen Bürostuhl. Vincent ist sich nicht sicher, ob er sich bewegen kann.
Er will. Will sich von der verschlossenen Tür, durch die die Sicherheitsleute ihn gerade geschoben haben, in Richtung Stuhl bewegen. Doch es geht einfach nicht.
Die Sicherheitsleute, denkt er. Die Wurst und der Muskulöse. Die haben ihn zwischen sich genommen, nach seiner Jacke und seiner Tasche gegriffen und ihn hier ins oberste Stockwerk direkt in Katharinas Büro gebracht. Etwas, das eine solche Maßnahmen rechtfertigen würde, kann nicht ohne sein Wissen geschehen sein. Und dieses Wissen ist definitiv nicht vorhanden. Er hat nichts getan. Außer seine Arbeit. Aber da muss etwas sein, sonst würde Katharina ihn nicht so ansehen. So emotionslos und distanziert sieht sie normalerweise nur aus, wenn … Nein, das ist unmöglich. Hier muss ein Missverständnis vorliegen. Eines, das er ausräumen wird. Hier und jetzt und gleich und sofort.
Langsam senken sich seine angespannten Schultern wieder, und er ist tatsächlich in der Lage, um die zwei Stühle vor dem großen Schreibtisch herumzulaufen und sich zu setzen. Katharina hat das dunkelblaue, eng sitzende Kleid mit den Dreiviertelärmeln an. Er liebt dieses Kleid. Ihr helles Haar sitzt in einem lockeren Knoten ganz unten im Nacken. Dem delikaten Nacken, den er noch vor zwei Tagen geküsst hat.
Doch da ist noch etwas anderes. Da ist eine eckige Kälte in ihrem Gesicht. Ihre hellblauen Augen, die seinen Blick zwar erwidern, deren Inhalt aber völlig frei ist von Gefühl und Ausdruck. Aus dem Augenwinkel sieht er eine Bewegung. Als Vincent den Kopf ein bisschen zur Seite dreht, um in den hinteren Winkel des Zimmers zu blicken, ist da nichts. Also dreht er sich zurück zu Katharina und schüttelt leicht den Kopf. Er muss ruhig bleiben, was auch immer sie sagt. Wenn es etwas gibt, das er kann, dann ist es, in heiklen Situationen eine Lösung zu finden.
»Bitte entschuldige, Vincent«, sagt Katharina, verschränkt die Hände ineinander und legt sie auf den Tisch vor sich. Eine Entschuldigung. Vincents Schultern entspannen sich ein wenig mehr. »Eigentlich hatte ich die Sicherheitsbeauftragten darum gebeten, mich vom Empfang aus anzurufen, sobald du ankommst.«
»Okay.« Er lehnt sich nach vorne und hebt die Brauen und bemerkt, dass sein Herz wieder schneller schlägt. Was auch immer jetzt kommt, es wird nicht gut sein. Und da – da ist sie wieder, die Bewegung ganz rechts hinter Katharinas Schreibtisch. Seine Augen schnellen zu dem Punkt, doch wieder ist da nichts. Stattdessen zwinkert Katharina mehrmals und schüttelt kurz den Kopf, als sie sich umdreht, um ebenfalls in die hintere Zimmerecke zu blicken. Sogleich dreht sie sich wieder zurück zu ihm, die Stirn gerunzelt, der Mund leicht geöffnet. Sicher überlegt sie, was es da zu sehen gibt. Doch statt zu fragen, schüttelt sie noch einmal den Kopf, offenbar, um mit dem Programm weiterzumachen, das sie an diesem Morgen verfolgt.
»Da es keinen einfachen Weg gibt, das hier zu tun, komme ich direkt zum Punkt.« Sie greift nach einer schwarzen Mappe, öffnet sie und zieht mehrere Papiere daraus hervor, die sie kurz betrachtet und dann in Vincents Richtung auf den Schreibtisch dreht. Als er liest, was da steht, was da in geraden, scharfen Buchstaben vor seinen Augen erscheint, ist es, als hätte der kleine Stapel Papier all seine Souveränität verschluckt.
»Ich verstehe nicht …« Vincent blickt vom Papier auf und in ihr noch immer kühles Gesicht. Sie schüttelt erneut leicht den Kopf und verzieht den Mund. Nicht so, als hätte sie ihm gerade nach fünf Jahren gemeinsamer Arbeit aus dem Nichts heraus einen Aufhebungsvertrag vorgelegt. Sondern so, als würde sie ihm nur kurz mitteilen, dass sie heute keine Zeit für ein gemeinsames Mittagessen habe. Kurz presst sie die Lippen aufeinander, bevor sie den Vertrag wieder ein Stück zu sich zieht und mit dem Zeigefinger auf den Stapel pocht.
»Du erhältst eine Abfindung von hundertfünfzigtausend Euro. Das ist mehr als ein Jahresgehalt. Selbstverständlich bekommst du ein hervorragendes Arbeitszeugnis. Das steht zwar nicht im Vertrag, aber das versteht sich von selbst … trotz allem. Dafür verlässt du das Unternehmen mit sofortiger Wirkung, und«, sie räuspert sich, während ihre blauen Augen kurz die vielen silbernen Ringe ihrer rechten Hand suchen, »natürlich verpflichtest du dich dazu, alle Kundeninformationen und …«, noch ein Räuspern, »… andere Firmeninterna für dich zu behalten.«
Vincent greift nach dem Vertrag, hält ihn kurz zwischen den feuchten Händen, legt ihn wieder ab und öffnet den Mund. Eine, zwei, drei Sekunden vergehen. Doch nichts, kein Wort will sich zwischen seinen Lippen bilden. Also starrt er sie einfach an und öffnet und schließt den Mund wie ein verblödeter Fisch. Die Stille scheint Katharina jetzt doch unangenehm zu werden.
»Hör zu, Vincent, du weißt selbst, dass du in den letzten Monaten nicht gerade gut in Form warst. Dein Team hat das alles lange genug für dich abgefedert, aber irgendwann kommt selbst für die loyalsten Mitarbeiter der Punkt, an dem sie an ihre eigene Karriere denken müssen. Und vor dem Hintergrund, dass die Firma vor einigen Problemen steht, haben wir entschieden …«
»Was … was redest du denn da? Ich verstehe kein Wort von dem, was du da sagst. Meine Form ist wie immer … war wie immer. Ich … was ist denn hier los? Liegt das an der Präsentation für Solanika? Wenn ja, dann überarbeiten wir die eben noch mal. Wobei wir uns alle darüber einig waren, dass die Maßnahmen voll und ganz gerechtfertigt sind, wenn es das Unternehmen nächstes Jahr noch geben soll, und …«
Katharina unterbricht ihn mit einer Handbewegung. »Das betrifft nicht nur die Präsentation, wobei die auch nicht gerade deinem Standard entspricht. Da waren so viele kleine Fehler in den letzten Monaten, dass ich sie gar nicht alle aufzählen kann. Und will. Bottom Line ist auf jeden Fall, dass wir dich leider gehen lassen müssen. Ich hoffe, du weißt, dass ich das sehr bedaure, wirklich. Aber mit allen Herausforderungen, die Kaiser & Partner gerade stemmen muss, kann ich nicht weiter zwei Augen zudrücken, was das betrifft. Außerdem … na ja, wissen wir ja beide, weshalb ich das getan habe.«
Erst als er schon aufgesprungen ist und über dem Schreibtisch lehnt, bemerkt Vincent, dass er soeben die Fassung verliert. Die Fassung verlieren. Woher kommt das überhaupt? Die Fassung verlieren? Ist damit eine Glühbirne gemeint? Denn so fühlt sich Vincent, wie eine Glühbirne, die so schnell so heiß geworden ist, dass sie explodiert und kleine, scharfe Splitter in alle Richtungen katapultiert.
Das ist ihm schon sehr, sehr, sehr lange nicht mehr passiert. So lange, dass er sich an einen konkreten Moment nicht einmal erinnern kann. Doch jetzt ist sie weg, jegliche Fassung. Sein Atem strömt in Stößen aus seinem Mund, überholt nur von der Geschwindigkeit seines Herzschlags.
»Was erzählst du denn da? Welche Herausforderungen? Und Augen zudrücken … warum denn? Wir haben doch … Wir haben doch vor nicht einmal drei Monaten den Deal mit Panegrino abgeschlossen.« Vincent erinnert sich sehr gut daran, wie sie in der Gallery Rooftop Bar auf den Deal mit einer in die Jahre gekommenen Brotmarke angestoßen haben. Für diesen riesigen Auftrag würden er und sein Team nächstes Jahr mehrere Monate in Rom verbringen. Den hatte er an Land gezogen. Die Pläne für Panegrino sind wie immer radikal. Doch genauso radikal ist der Betrag, den das Unternehmen dafür zahlen wird. Radikal hoch, versteht sich.
»So, wie ich das mitbekommen habe, war es vor allem Benjamin, der die Kunden davon überzeugt hat, mit uns zu arbeiten.« Katharina lehnt sich zurück, hebt das Kinn ein wenig.
»Was? Wie … wie kommst du denn darauf? Hat Ben das behauptet? Ist aber auch völlig egal … Du kennst mich doch, du warst bei unserem Pitch mit Panegrino zugeschaltet. Was also soll das alles hier?«
Katharina faltet wieder die Hände vor sich auf dem Tisch. »Stimmt, ich war zugeschaltet. Und ich fand deine Performance nicht besonders überzeugend. Hätte dein Team nicht alles so gut vorbereitet, hätte das Ganze völlig anders laufen können.« Sie holt ein wenig Luft und blickt auf ihre Armbanduhr. So, als hätte der Termin sie schon viel zu viel Zeit gekostet.
Dann verändert sich ihr Gesichtsausdruck und sie seufzt. »Es tut mir leid, Vincent. Ich wünschte, ich könnte noch was für dich tun, aber seitens der Geschäftsführung gibt es da nichts mehr zu diskutieren. Wir müssen entlassen, und da hat es leider dich getroffen. Der Aufhebungsvertrag steht also, und wenn ich dir einen wirklich gut gemeinten Rat geben soll, dann nimmst du ihn besser an. Jetzt sofort. Ich hab den Vertrag, so wie er ist, nur mit Ach und Krach durchbekommen. Gut möglich, dass sich die Herren«, sie zeigt mit dem Daumen nach rechts, wo sich hinter der Wand die Büros der restlichen Geschäftsführer befinden, »im Lauf des Tages noch umentscheiden. Eigentlich war die Rede davon gewesen, dich fristgerecht und ohne Abfindung zu entlassen, und dann wärst du komplett leer ausgegangen und hättest noch ein halbes Jahr ein Team leiten müssen, das … na ja … das einfach nicht mehr zufrieden damit ist, wie du sie führst. Long story short: Die Summe liegt sehr, sehr weit über dem, was dir eigentlich zustehen würde, und ich kann dir nur noch mal in aller Form dazu raten, das hier sofort zu unterschreiben.«
»Was mir zustehen würde?« Vincent schluckt und ist selbst überrascht davon, wie klein und leise sich seine Stimme jetzt wieder anhört. Er hat die letzten fünf Jahre jeden Tag mindestens zehn Stunden gearbeitet. Hat Urlaubstage, Urlaubswochen verfallen lassen, hat so viele Präsentationen gebastelt, dass man, würde man jede Seite davon ausdrucken und aneinanderkleben, sicher eine kleine Brücke bis nach China daraus bauen könnte, ist in dem breiten Doppelbett stets neben irgendeinem Geschäftsbericht eingeschlafen … wenn nicht gerade Katharina neben ihm lag.
Doch da – da ist die Bewegung wieder, und jetzt, jetzt erst erkennt er, was da am anderen Ende des Büros auf ihn gelauert hat. Das kann nicht sein, und das darf es auch nicht. Doch da ist er, dreht sich schwarz und schnell und unaufhaltsam. Der Strudel. Wie lange hat er ihn nicht gesehen? So viele Jahre hat er sich in Sicherheit gewähnt, obwohl er doch wusste, dass er jederzeit wiederkommen könnte, und da ist er, zieht an ihm, will ihn in sich und mit sich ziehen, was er nicht zulassen darf, nicht zulassen wird, weil … Vincent dreht den Kopf zu Katharina, die etwas gesagt zu haben scheint, denn sie sieht ihn mit leicht schief gelegtem Kopf an, der Blick zwischen ihm und dem Strudel hin- und herwandernd. Sieht sie ihn etwa auch? Doch das kann unmöglich sein. Noch einmal öffnen und schließen sich ihre Lippen, und nun dringen die Worte zu ihm durch.
»Vincent? Warum schaust du denn so?«
Sie hat ihn nicht gesehen. Weil er nämlich nicht existiert. Vincent setzt sich gerade hin und ermahnt sich dazu, nicht noch einmal in die Richtung zu blicken.
Ich fühle nichts. Ich fühle gar nichts. Ich kann überhaupt nichts fühlen. Weil es ihn nicht gibt, den Strudel. Und Gefühle auch nicht. Wenn man sie nicht zulässt, dann sind sie nicht mehr als Gedanken, die nichts mit der Tatsache zu tun haben, dass ich hier sitze und am Leben bin und alles unter Kontrolle habe.
Zuerst will das alte Mantra nicht zu ihm durchdringen. Also wiederholt er es immer wieder im Kopf: Ich fühle nichts. Ich fühle gar nichts. Ich kann überhaupt nichts fühlen. Er atmet ein, immer wieder, tief und fest, und mit jedem Atemzug fühlt er den Sog des Strudels ein bisschen weniger. Er wird ihn ignorieren. Einfach, weil er nicht existiert, weil er eine Ausgeburt eines früheren Ichs ist, das schon lange nicht mehr da ist, das sowieso und überhaupt mehr als dreihundert Kilometer weiter südlich geblieben ist.
Er wird sich jetzt wieder aktivieren, wird eine kurze Datenanalyse starten und dann logisch und der Situation angemessen reagieren. Kontrolle. Absolute Kontrolle und ein kühler Kopf sind das Credo. Auch wenn sich sein Kopf eher wie ein Ballon voller heißer Luft anfühlt. Trotzdem, los jetzt:
Die Firma will ihn loswerden. Das ist eine Tatsache, die er nicht wird ändern können. Er könnte ablehnen und auf den sechsmonatigen Kündigungsschutz beharren. Mit dem passenden Rechtsbeistand könnte er die Kündigung auch anfechten und würde aufgrund der nachgewiesenen Erfolge gewinnen. Doch eine Tatsache würde sich auch nach Verbleib im Unternehmen nicht ändern: dass er ungewollt ist. Nicht mehr performt. Er, Vincent. Ein Underperformer.
Er kann die Scham förmlich fühlen, die sich über ihn ergießt. Obwohl das nicht stimmt, nicht stimmen kann. Und wenn es doch so wäre: Warum hat ihn niemand auf seine Fehler angesprochen? Das alles hier wirkt völlig überstürzt. Obwohl … Mitarbeiter wurden schon für weniger entlassen als eine angeblich monatelange schlechte Performance. Trotzdem ist da diese unsägliche Demütigung. Die körperlich schmerzt. Und die gleichzeitig so sinnlos ist. Vielleicht will die Firma einfach einen teuren Mitarbeiter loswerden. Und da hat es nun mal ihn getroffen. Und außerdem …
»Was sind das überhaupt für Schwierigkeiten, von denen du da redest?« Vincent lehnt sich nach vorne. »Das letzte war ein Rekordjahr für Kaiser & Partner.«
Katharina nickt und rutscht auf ihrem Stuhl hin und her. »Darüber darf ich im Detail nicht sprechen, das verstehst du hoffentlich. Aber noch mal: Du kannst mir glauben, dass ich alles für dich getan habe, Vincent. Aber da war leider nichts zu machen.«
Vincent setzt sich und legt den Kopf in die Hände. Seine Wangen sind heiß und seine Gedanken wirr. Trotzdem ist eines klar: Er muss unterschreiben. Doch zuvor muss die heiße Luft raus aus seinem Kopf. Sonst wird er kein Wort von dem verstehen, was da in dem Schriftstück vor ihm liegt. Alle wirren Gedanken müssen verschwinden und den Fakten Platz machen. Also nicht nachdenken, nicht nachdenken über sein Team, über Ben, über Panegrino, über überhaupt alles. Und am wenigsten über Katharina.
Weder jetzt noch während irgendeiner weiteren Situationsanalyse. Also wird er gleich den Kopf aus den Händen heben, wird den Vertrag zu sich herüberziehen, ihn durchlesen und unterzeichnen. Was jetzt aus ihnen werden soll, aus ihm und Katharina, wird er nicht fragen. Natürlich nicht.
Denn die Antwort darauf kennt er schon. Die Antwort lautet, dass alles genauso ist, wie es vorher war. Weil da nämlich nichts ist, nichts war. Nichts, außer Berührung und Wärme und Nähe, was alles Dinge sind, die er sich fortan woanders holen wird. Woanders holen muss.
Also tut er das alles. Er liest den Vertrag. Mehrmals und mit immer stärker werdendem Kopfschmerz, der an jeder Schläfe pocht. Er versteht, was da steht. Und gleichzeitig versteht er überhaupt nichts. Überstürzt. Das ist alles überstürzt, er braucht Zeit, sich das hier in Ruhe anzusehen. Katharina sieht auf ihr Telefon. Sie hält es an ihr Ohr, murmelt etwas und nickt einige Male, während ihre Augen sich mit denen von Vincent treffen, sie betrachtet ihn besorgt. Als sie auflegt, steht eine Falte zwischen den schmalen Brauen.
»Das war Manfred. Er will noch mal mit mir über deinen Aufhebungsvertrag sprechen. Hör zu, ich will wirklich nur das Beste für dich, auch wenn es sich jetzt nicht so anfühlen mag. Deshalb kann ich dir nur raten, zu unterschreiben. Sofort, sonst kann ich nichts mehr für dich tun.«
Als sie das sagt, sieht sie ihn an. Ihr Lächeln plötzlich so mitfühlend warm, dass alles in ihm schmilzt. Was sie sagt, stimmt. Er muss jetzt schnell handeln, um zumindest die Abfindung zu kassieren, für die er ihr noch dankbar sein wird. Also nickt Vincent mechanisch. Greift nach dem goldenen Kugelschreiber. Unterzeichnet. Steht auf. Verlässt, von Katharina begleitet, das Büro in Richtung Aufzug. Er muss jeden Schritt und jede Bewegung einzeln durchführen. Weil er sonst vor Verwirrung und Angst erstarren wird. Würde man ihn jetzt fragen, was und wen er während der letzten Sekunden auf dem Gang zum Fahrstuhl gesehen, ob jemand mit ihm gesprochen hat oder er mit jemandem … er würde diese Fragen nicht beantworten können. In ihm ist alles abgestellt. Wie der Maschinenraum eines Schiffs, das sich ziellos über einen stürmischen Ozean treiben lässt.
Da ist nur ein Gedanke, den er nicht aufhören kann zu denken, der ihn nicht loslassen will: nasse Socken. Er senkt den Kopf und blickt auf seine Schuhe.
Noch vor weniger als einer Stunde waren sie sein größtes Problem. Nasse. Socken.
Hotelzimmer
Vier Fliesen. Vier riesige Fliesen vor ihr. Quadratisch. Das cremige Weiß der Steine wird von braunen, unregelmäßigen Linien durchzogen. Dieses Gestein hat sie irgendwann mal in ihrem Geografiebuch gesehen. Wie hieß das noch mal? Sie kann sich nicht erinnern, aber das muss sie, weil ihre Gedanken nämlich nur dann weggehen von dem kleinen, warmen Raum und weil dann kurz alles wie vorher ist. Wie vor dem Moment, als sie ins Bad ging.
Plötzlich geht ihr Atem wieder schnell, so schnell, dass vor ihren Augen flimmernde Punkte hin- und herrasen und der kalte Schweiß ihrer Hände auf den Oberschenkeln prickelt. Sie muss jetzt noch mal da runterschauen. Sie muss. Was soll sie denn auch sonst tun? Papa ist unten beim Frühstück. Dann will er direkt zum Sport und ins Spa und erst zur Bescherung am Nachmittag wieder hochkommen. Bis dahin will er gerne einfach mal ein bisschen abschalten, hat er gesagt. Sie soll in der Zwischenzeit frühstücken und mit den anderen Kindern zur Animation oder an den Poolbereich gehen.
Sie dreht den Kopf in alle Richtungen, bis ihr Blick an dem roten Knopf über der Toilette hängen bleibt. Emergencia, steht darauf. Notfall heißt das auf Deutsch, da ist sie sich sicher. Vielleicht sollte sie einfach den Knopf drücken. Doch was passiert dann? Wer kommt dann? Und: Was soll sie demjenigen sagen? Dass sie glaubt, gleich zu verbluten?
Sie muss noch einmal nach unten auf die Unterhose mit den vielen aufgedruckten Minnie-Mäusen sehen, die immer noch zwischen ihren Beinen klebt und feucht-rot glänzt. Das ist so widerlich. Sie ist so widerlich. Denn irgendwo in sich weiß sie, dass sie eben nicht verblutet, dass das kein Notfall ist und dass das, was da passiert, irgendwann hat passieren müssen. Einige Mädchen haben auf der Klassenfahrt darüber gesprochen. Wie Gruselgeschichten flüsterten sie sich die Berichte zu. Was sie jetzt versteht. Weil sich das alles hier beängstigend anfühlt und wie das Ende von allem Guten. Sie weiß nicht, ob der Schmerz normal ist, der sich wie ein festes Band um ihren Rücken schnürt und bis in die Beine zieht.
Vielleicht sollte sie ihre Mutter anrufen. Das Handy des Vaters liegt auf dem Nachttisch. Sie ist nicht mit ihnen in den Urlaub geflogen. Das ist das erste Mal, dass sie das getan hat. Stattdessen ist sie in dem kleinen Haus in Frankreich, das die Eltern vor ein paar Jahren gekauft haben. Weil sie ein bisschen Zeit für sich braucht, hat sie gesagt, als sie ihr das Anfang Dezember erzählte. Erst war sie traurig, weil sie nicht verstand. Hatte sie etwas angestellt? Aber da war nichts. Alles war wie immer. Dann aber erinnerte sie sich an vorherige Weihnachten. An ein falsches Wort der Mutter, dann eine schnippische Antwort des Vaters, dann eine Explosion und knallende Türen und dann … Schweigen. Sie hatte darüber nachgedacht, ob sich die Eltern scheiden lassen wollten. Lukas aus ihrer Klasse hatte am Anfang des Schuljahrs erzählt, dass er jetzt bei seiner Mutter wohnt, weil seine Eltern sich getrennt hätten. Das sei irgendwie doof, aber irgendwie auch besser, meinte er. Weil sie sich nicht mehr so viel anschrien.
Das Mädchen hatte überlegt. Bei ihr zu Hause wurde nicht geschrien. Außer an Weihnachten. Was daran lag, dass sie da alle zusammen waren.
Normalerweise sind sie das ja nicht. Also zusammen. Normalerweise tut jeder das, was er tun muss. Und eigentlich … na ja, eigentlich ist Mama sowieso kaum zu Hause, weil sie immer im Krankenhaus gebraucht wird. Und wenn sie dort nicht ist, muss sie andere Sachen erledigen. Würde sie es dann überhaupt bemerken, wenn Mama auszog? Sonntags vielleicht. Wenn sie keinen Dienst hat oder verabredet ist oder zum Sport geht, dann kommt es schon mal vor, dass sie einen Film mit ihr anschaut. Das mag das Mädchen. Obwohl sie nicht so richtig weiß, wann es okay ist, zu lachen oder jemanden im Film gut zu finden. Mama hat nämlich immer eine Meinung. Und wenn man das anders findet, vor allem, wenn Papa zu ihnen stößt, dann ist meistens die schöne Fernsehstimmung vorbei, und dann geht sie doch wieder irgendwohin.
Trotzdem wäre es besser, wenn Mama jetzt da wäre. Denn Papa hiervon zu erzählen, fühlt sich absolut unmöglich an. Warum haben sie nicht einfach in Berlin Weihnachten feiern können? Warum hat Papa sie nicht wenigstens bei Oma und Opa gelassen? Dann könnte sie jetzt Aga rufen, und die würde ihr helfen. Aber hier ist alles fremd, fremd, fremd. Sogar sie selbst ist das auf einmal.
Auch wenn Papa jetzt hochkommt und sie rüber in sein Hotelzimmer geht … sie kann ihm hiervon einfach nichts erzählen. Wie sagt man so was überhaupt? Im Grunde kennt sie die Worte für das alles hier, glaubte aber nicht, sie aussprechen zu können. Denn auch das hier ist fremd. Neu. Endgültig. Das hier ist die Wirklichkeit. Wirklichkeit, die niemals wieder weggeht und … Sie lehnt sich nach vorne und fängt an zu schluchzen. Ein Weinen, haltlos und den ganzen Körper einnehmend. Ein Weinen, das nur teilweise zu dieser Zwölfjährigen gehört. Der andere Teil gehört einem noch viel kleineren Mädchen.
Die Tür wird aufgerissen und lässt sie von der Kloschüssel aufspringen. In der Tür steht eine Frau mit heller Haut, schwarzem Haar und einer weiß-blauen Uniform, die aufschreit, als sie sie sieht. Die Frau hebt abwehrend und wild spanisch sprechend die Hände, greift nach dem Wischmopp, der ihr vor Schreck aus der Hand gefallen ist, und will sich gerade umdrehen, um das Zimmer zu verlassen. Im letzten Moment aber blicken ihre dunklen, lieben Augen noch einmal auf das Mädchen, das noch immer vor der Kloschüssel steht, die klebrige Unterhose und die befleckte, hellblaue Schlafanzughose um die Beine, die Stille nur von ihren Schluchzern unterbrochen.
»Help«, sagt das Mädchen, weil Angst und Hilflosigkeit jetzt stärker sind als alle Scham. Nach dem seltsamen Au-pair mit der riesigen Brille letztes Jahr ist ihr Englisch gut genug, sodass sie trotz ihrer Angst einige Worte formen kann. »I am bleeding. Can you help? Please?« Wieder laufen ihr Tränen über die Wangen, während sie Hose und Unterhose hochzieht.
Die Frau sagt etwas. Spanisch spricht das Mädchen nicht. Doch sie kann die Worte Mama und Papa heraushören, wischt sich die Tränen weg und schüttelt automatisch den Kopf. Die Frau sieht sie eine Weile blinzelnd an. Ihre Wimpern sind dick und schwarz und lang.
Dann nickt sie und beginnt wieder zu sprechen. Der Klang der Worte genügt, dass dem Mädchen erneut die Tränen aus den Augen, über Wangen, Hals und Oberkörper rinnen. So viele, so laute Tränen, dass die Frau den Wischmopp an die Wand lehnt und zu ihr kommt. Sie spricht noch immer, über das Schluchzen des Mädchens hinweg, raunt runde, leise Worte, während sie sie auf die Toilette setzt, ihr Schlafanzughose und Slip herunterzieht und beides in die Wäschetüte legt, die vor der geöffneten Badezimmertür auf dem Boden liegt.
Sie ist sehr klein, die Frau. Nur ein paar Zentimeter größer als das Mädchen, dessen Hand sie nimmt, um sie unter die Dusche zu stellen, ihr Duschgel auf die Hand zu drücken und ihr mit einer Bewegung anzudeuten, dass sie sich waschen soll. Während das Mädchen das warme Wasser auf ihren Körper prasseln lässt, hört sie, dass die Frau das Zimmer verlässt. Wo ist sie hin? Und was soll sie tun, wenn sie aus der großen Duschkabine steigt?
Auf dem hellen Gestein des Bodens der Dusche sieht sie, wie noch immer rote Flüssigkeit auf dem Boden landet, sich in gebogenen Linien in Richtung Abfluss bewegt wie ein kleiner Fluss. Wäre das nicht sie, wäre das nicht ihr Blut, würde das sogar schön aussehen. Eine ganze Weile lang steht sie so, weil sie nicht weiß, was sie tun soll.
Irgendwann aber fängt sie trotz des warmen Wassers zu frieren an und dreht den Wasserstrahl ab. Als sie sich umdreht und nach dem Handtuch greifen will, steht die Frau wieder im Raum. Sie hält einen quadratischen, hellgrünen Karton in der einen Hand und in der anderen eine frische Unterhose des Mädchens, die sie aus ihrem Schrank geholt haben muss.
Während sich das Mädchen abtrocknet, fängt die Frau wieder zu sprechen an. Sie zeigt auf den Karton, den sie gerade öffnet, und auf die weiße Einlage, die sie daraus hervorholt und in die Unterhose des Mädchens klebt. Sie reicht ihr die jetzt steife Unterhose und deutet an, dass sie sie anziehen soll. Den vollen, hellgrünen Karton stellt sie neben das Waschbecken.
Das Mädchen nimmt die Unterhose, zieht sie an, ohne der Frau in die Augen zu sehen, und greift nach dem noch sauberen Schlafanzugoberteil. Als sie angezogen ist, nimmt die Frau erneut ihre Hand, führt sie zurück ins Schlafzimmer und schlägt die Bettdecke des Doppelbetts zurück. Das Mädchen legt sich ins Bett und lässt sich von der Frau eine kleine lila Wärmflasche geben, die sie ebenfalls mitgebracht haben muss und die sie dem Mädchen auf den Bauch legt. Die Frau schließt die Vorhänge, geht noch einmal zum Bett und streicht dem Mädchen über den Kopf. Sie macht den Fernseher an und schaltet ein spanisches Kinderprogramm ein.
»Conchita«, sagt sie und zeigt auf das Namensschild auf ihrer Uniform. Das Mädchen nickt und schließt dann die Augen.
»Pobrecilla«, murmelt die Frau, als sie langsam die Tür des Hotelzimmers hinter sich schließt.
Pobrecilla hallt es im Kopf des Mädchens nach, als sie sich zur Seite dreht und ihren schmalen Körper um die Wärmflasche krümmt.
Berlin 2024
