Pipeline - Lucas Fassnacht - E-Book

Pipeline E-Book

Lucas Fassnacht

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Beschreibung

Ein explosiver Südfrankreich-Thriller um die Machenschaften einer mysteriösen Firma Weil die Rhône von Jahr zu Jahr weniger Wasser führt, droht bei einer Reihe von südfranzösischen Atomkraftwerken die Kühlung zu versagen . Notgedrungen wird der deutsche Mittelständler Vogt beauftragt, eine Pipeline zu bauen, die das benötigte Kühlwasser vom Mittelmeer ins Landesinnere pumpen soll. Die Widerstände sind enorm: Bauernverbände, Umweltorganisationen und die lokale Politik haben jeweils ihre eigenen Gründe, das Projekt verhindern zu wollen. Als eine Pumpstation in Flammen aufgeht, wird die Kommunikationsexpertin Cecilia Thoma von Hamburg nach Avignon beordert. Vorgeblich soll sie die brodelnde Öffentlichkeit beruhigen . Doch als Unbekannte sie mit dem Tode bedrohen, beginnt sie selbst zu recherchieren – und findet heraus: Unter den zahlreichen Kräften, die die Pipeline verhindern wollen, haben die gefährlichsten ihre Wurzeln in der eigenen Firma ...

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Seitenzahl: 365

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Lucas Fassnacht, 1988 in Dieburg geboren, lebt heute in Nürnberg. 2023 erschien sein Kriminalroman Reichswald bei ars vivendi, 2024 folgte sein Thriller Die Innere Führung, jeweils unter dem Pseudonym Lars Sommer.

 

Liebe Leserin, lieber Leser,sicher ist Ihnen auf dem Einband das Aktions-Logo des Vereins Junge Helden (www.junge-helden.org) aufgefallen. Man kann sich dieses Signet auch als Tattoo stechen lassen und damit signalisieren, dass man als Organspender zur Verfügung steht. Warum setzt der ars vivendi verlag mit seinen Büchern buchstäblich dieses Zeichen? Hätte ich selbst im Jahr 2006 nicht in allerletzter Sekunde das große Glück gehabt, eine Spenderleber zu erhalten, würden Sie dieses und viele andere Bücher von ars vivendi nicht in den Händen halten. Es ist mir ein Herzensanliegen, mich dafür einzusetzen, dass sich mehr Menschen bereit erklären, Organe zu spenden und damit Leben zu retten. Ihr Norbert Treuheit, Verleger

Vollständige eBook-Ausgabe der im ars vivendi verlag erschienenen

Originalausgabe (1. Auflage 2026)

© 2026 by ars vivendi verlag GmbH & Co. KG,

Bauhof 1, 90556 Cadolzburg

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar.

www.arsvivendi.com

Umschlaggestaltung: Finken&Bumiller, Stuttgart

eISBN 978-3-7472-0760-4

PIPELINE

 

 

 

 

Für Petra

1

Mitternacht war seit einer guten Stunde vorüber. Ein ungewöhnlich dichter Nebel stieg von der Rhône auf, kein Stern war zu sehen. Nur im Süden glommen schwach die Lichter Avignons.

Taser, Stablampe, Schlüsselring und tausend weitere kleine Lästigkeiten hatten den Arbeitsgürtel zu einem Monstrum verunstaltet, das Pierre Pavard bereits seit Stunden aufs Becken drückte. Endlich zurück im Wachhäuschen, öffnete er die Schnalle und warf das verwünschte Gelump polternd auf den Holztisch.

Bénézet, der Bengel, schreckte von seinem Handyspiel auf.

»Wo ist Bigot?«, fragte Pavard.

»Pissen.«

»Schon wieder?«

Bénézet zuckte die Schultern, den Blick aufs Handy. »War ein stressiger Tag.«

Pavard bückte sich zu dem kleinen Kühlschrank unter dem Widescreen und holte sich ein Dunkles. Vor vierzehn Jahren hatte er eine Belgierin geheiratet. Durch diese hatte er seine Liebe zum Bier entdeckt, und das war das Einzige, was er an der damaligen Entscheidung nicht bereute.

In seinem Rücken spürte er Bénézets Blick. »Feierabendbierchen«, erklärte Pavard. »Nach dem ganzen Rummel heute haben wir uns das ja wohl verdient. Willst du auch eins?«

»Und der Zwei-Uhr-Rundgang?«

»Ich rülps auf den Zwei-Uhr-Rundgang.«

Das ließ die Kanaille verstummen. Mit einem zufriedenen Seufzen hob Pavard die Beine auf den Holztisch und widmete sich seinem Bier.

»Mir ist egal, was du für einen Scheiß abziehst«, sagte Bénézet. »Ich find’s hier auch nicht geil, aber ich brauch die Kohle, und ich hab keinen Bock, wegen dir rausgeschmissen zu werden. Und die ganze Sauferei ...«

»Hör mal zu, Junge.« Pavard nahm die Beine wieder runter, stellte sein Bier ab. Er deutete auf den Widescreen, der in acht Kacheln die gestochen scharfen Bilder der Überwachungskameras zeigte. »Siehst du da irgendwas?« Er griff nach der Fernbedienung und schaltete auf das zweite Set um. Wie in der vorigen Einstellung ragten die mit NATO-Draht bewehrten Zäune unbehelligt aus dem akkurat gestutzten Rasen.

Bénézet rollte mit den Augen. »Das Ding läuft seit heute. Wenn ich der Elle ans Bein pissen wollte, dann jetzt.«

»Und wer, bitte schön, würde es wagen, sich mit der Elle anzulegen? Noch dazu für eine popelige Pumpstation?«

»Jeder Bauer im Umkreis von hundert Kilometern.« Bénézet ging auf die andere Seite des Raumes und klopfte ans Fenster. An der Scheibe klebte ein Dutzend Aufkleber mit Warnhinweisen – die Elle liebte Warnhinweise. Hinter der Scheibe erhob sich der Transformatorenkoloss, dessen Brummen nirgendwo im Sperrbereich zu entkommen war. »Eine einzige Drohne, und die ganze Anlage fliegt in die Luft.«

Langsam wurde es zu viel der Frechheit. Pavard spürte, dass seine Ohren heiß wurden. »Weißt du, wie lang ich diesen Scheiß schon mache? Hier passiert nichts, versprochen. Die Leute, die sich auskennen, klauen ihr Kupfer auf einer ganz normalen Baustelle – den Moment haben sie hier verpasst. Die, die keine Ahnung haben, versuchen es mit den Bahn-Oberleitungen. Aber niemand, ehrlich, niemand ist so verrückt, in eine Anlage der Elle einzubrechen.«

»Jetzt krieg dich mal wieder ein, Mann. Sauf, so viel du willst, ich werd dich nicht verpfeifen. Aber wenn wir unsere Rundgänge nicht machen, dann fliegen wir raus, da braucht nur einer mal auf die Kameras zu gucken ...«

Pavard lachte auf. »Klar, als ob die feinen Herren in der Zentrale nichts Besseres zu tun hätten ... Aber wenn du unbedingt was leisten willst, dann schau mal nach Bigot.« Er warf Bénézet den Generalschlüssel hin.

»Und du sitzt hier und säufst dich aus dem Leben, oder was?«

»Exakt.«

Bénézet zögerte einen Augenblick, dann nahm er mit jener Unverschämtheit, die Pavard schon seit ihrem ersten gemeinsamen Dienst auf den Geist ging, den Schlüsselbund auf.

Natürlich war es gegen die Vorschrift, den Neuling allein loszuschicken, aber sollte eben Bigot ein Auge auf ihn haben – und im Übrigen gab es genug andere Vorschriften, von denen Pavard sich schon lange nicht mehr aus der Ruhe bringen ließ; ein Alkoholverbot zum Beispiel.

Was ihn allerdings aus der Ruhe brachte, war das Brummen des verfluchten Transformators. Pavard drehte das Radio lauter. Auch gegen die Vorschrift. Ausnahmsweise hielt Bénézet den Schnabel.

Doch selbst der Pop-Schrott, den France Inter in den Äther blies, kam nicht gegen das Ungetüm an, zu dessen Schutz Pavards Mannschaft abgestellt war. Die Ruhe der letzten Monate war vorbei, seit am Vormittag die Maschine mit viel Tamtam hochgefahren worden war. Neben den Ingenieuren hatten sich ein paar hohe Tiere herbequemt, die in ihrer Kombination aus Anzug und Helm einen durch und durch lächerlichen Anblick geboten hatten.

Pavard bildete sich ein, den Strom, der zwanzig Meter entfernt durch die Maschine gejagt wurde, geradezu riechen zu können. Ein Geruch wie der Käse einer Fertigpizza, der auf den Ofenboden getropft war und nun langsam zu schwarzen Krümeln transformierte. Er lehnte sich zurück und schloss die Augen. Der Geruch wurde stärker. Vielleicht rührte er davon, dass die Anlage frisch in Betrieb genommen worden war. Dieser Gestank konnte nicht normal sein. Pavard leerte sein Bier und wuchtete sich aus dem Drehsessel. Schlurfte zum Fenster.

Sein Funkgerät knackte. Bigot.

»Was gibt’s?«

»Feuer!«, plärrte es aus dem Funkgerät.

»Jetzt entspann dich mal«, gab Pavard zurück. Doch als er nach draußen sah, glaubte er hinter dem Wellblechdach des Hauptgebäudes Rauch aufsteigen zu sehen. Nicht nur die Ohren wurden ihm heiß. »Was brennt denn?«

»Alles.«

2

Am Stuttgarter Flughafen kaufte sich Brigitte Clausen-Fink eine neue Packung Koffeintabletten. Noch bevor der Chauffeur den Mercedes aus dem Parkhaus steuerte, hatte sie die Packung geöffnet und drei Tabletten geschluckt. Viel wacher fühlte sie sich dadurch nicht.

Kein Wunder, nach der Nacht. Schon die letzten Monate waren brutal gewesen, und dann – endlich – schien es, als hätte sich die Plackerei gelohnt: Die Eröffnung der Pumpstation am Vortag war der vorzeigbare Fortschritt, den Clausen-Fink verzweifelt gebraucht hatte.

Dass die Station noch in derselben Nacht in Flammen aufgegangen war, hatte ihren Triumph in ihren Albtraum verwandelt.

Sie fuhren die B27 nach Süden, doch vor Tübingen bog der Fahrer nach Kirchentellinsfurt ab. Also nicht zum Firmensitz, sondern zum Patriarchen höchstselbst. Clausen-Fink starrte verbissen auf die Rapsfelder, die an ihnen vorbeiglitten.

Sie machte sich nichts vor, die Rhône-Pipeline war das Projekt, das die Firma auf einen Schlag zum Weltmarktführer machen konnte – doch ein Scheitern würde nicht nur Clausen-Finks Karriere in einen bodenlosen Abgrund stoßen. Und nun wurde sie aus dem Auge des Sturms beordert, um in der schwäbischen Provinz Rede und Antwort zu stehen. Sie ächzte vor Verzweiflung.

»Verzeihung, Sie wünschen ...?«

Unwirsch befahl sie dem Chauffeur, die Trennscheibe hochzulassen.

Der Wagen hielt in einem austauschbaren Wohngebiet am Straßenrand. Clausen-Fink wartete nicht darauf, dass der Chauffeur ihr die Tür öffnete. Eine letzte Koffeintablette, dann machte sie sich auf in die Höhle des alten Löwen. Wie jedes Mal verfluchte sie den Kiesweg, der das Laufen in Pumps zu einem einzigen Ärgernis werden ließ. Das weiß getünchte Einfamilienhaus, das sich vor ihr erhob, war der Inbegriff des zweckmäßigen Nachkriegsbaus. Wilhelm Vogt war ein der Tradition verhafteter Mann, der trotz allen unternehmerischen Erfolgs zeit seines Lebens nie das Heim seiner Eltern verlassen hatte.

Als sie die drei Stufen zur Haustür erreicht hatte, schwang selbige auf, und Stefan Vogt trat ihr entgegen. Der Mittzwanziger trug einen eng geschnittenen Anzug. Im letzten Sommer hatte er Karla geheiratet, die Enkelin des Patriarchen, und seitdem strich er um den alten Herrn herum wie ein auf Possierlichkeit gezüchtetes Hündchen. Clausen-Fink verabscheute ihn.

Sie umarmten sich, dann geleitete er sie ins Gebäude.

Während sie versuchte, seine Floskeln mit angemessener Höflichkeit zu erwidern, glitt ihr Blick über die zahlreichen schwarz gerahmten Fotos, die den Flur säumten. Sie alle zeigten verschiedene Aufnahmen desselben Mannes: Franz Vogt, das einzige Kind des Patriarchen, vor zwei Jahren im Himalaya verunglückt. Es war das erste Mal seit der Beerdigung, dass Clausen-Fink nach Kirchentellinsfurt kam, und ein Schauer lief ihr die Wirbelsäule entlang. Der Alte hatte sein Heim in eine Gedenkstätte verwandelt.

Im Wohnzimmer roch es nach Tod. Die Milben im Teppichboden begrüßten ihre Hausstauballergie mit der bösartigen Herablassung derer, die sich unbezwinglich wissen. Die schweren Vorhänge waren halb zugezogen, von den holzverkleideten Wänden starrten die Köpfe ausgestopfter Eber.

Ein großer glatzköpfiger Herr, den Clausen-Fink nicht kannte, drehte sich ihr zu. Im Gegensatz zu Stefan Vogts Sakko saß das des Fremden perfekt. Seine gesamte Haltung verströmte die Aura eines Menschen, der zu befehlen gewohnt war.

Für einen Augenblick dachte sie, sie wären mit ihm alleine, doch dann entdeckte sie hinter dem Unbekannten den Mann, dessentwegen sie hier war. Versunken in seinem Rollstuhl, geradezu winzig im Vergleich zu dem Riesen, saß Wilhelm Vogt, der Gründer der Vogt Rohrsysteme AG. Der Mann, dem Clausen-Fink ihre gesamte Karriere zu verdanken hatte.

Teufel, war Vogt gealtert. Im Herbst hatte sie ihn das letzte Mal gesehen, und schon damals hatte man ihm die Sechsundachtzig angemerkt – aber jetzt? Die eingefallenen Schultern, der gesenkte Kopf, die abgemagerten Wangen – der Patriarch ging seinem Ende entgegen.

Als sein Blick sie traf, glaubte sie ein Aufleuchten im matten Grau der Augen zu erkennen. »Ah, Brigitte, wie schön, dass Sie es einrichten konnten.« Er hielt ihr dünne, zitternde Greisenfinger entgegen.

Sie nahm sie und drückte sie sacht. »Dr. Vogt.«

Hinter sich hörte sie, wie Stefan Vogt die Tür schloss.

»Es tut mir leid«, fuhr der Alte fort, »dass Sie mit dem Rhône-Projekt so viel Mühe haben.«

»Ich bekomme das hin, verlassen Sie sich auf mich.«

»Gewiss, gewiss.«

Es war Ende April und die Wohnung hoffnungslos überheizt. Clausen-Fink schwitzte unter ihrem Blazer. Vogt strich über die gehäkelte Decke, die über seinen Beinen lag. »Sie haben mich nie enttäuscht.« Seine blutleeren Lippen verzogen sich zu einem schwachen Lächeln. »Mein Mädchen für alles.«

»Ehrlicherweise wäre ich hilfreicher in Avignon als ...«

Stefan Vogt räusperte sich. »Opa hat darauf bestanden, dich persönlich zu sehen. Wir wissen alle, dass das Schicksal unserer Firma von den kommenden Wochen abhängt, und das erfordert natürlich einige elementare Entscheidungen ...«

»Unsere Firma?« Soweit Clausen-Fink sich erinnern konnte, arbeitete Stefan Vogt im Haifischbecken irgendeiner der großen Buchprüfungsgesellschaften, vermutlich als Futter. »Habe ich was verpasst?«

Sie hatte die Frage an den Patriarchen gerichtet, doch stattdessen antwortete Stefan Vogt: »Opa möchte sich mittelfristig aus dem operativen Geschäft zurückziehen, und da Franz ja die Nachfolge leider nicht mehr antreten kann ...«

»Ich dachte, Karla hätte sich endgültig entschieden, als Ärztin zu arbeiten ...« Die Enkelin besaß bereits jetzt die Mehrheit der Stammaktien. Einen Moment lang starrte Clausen-Fink Stefan Vogt an. Dann musste sie lachen.

Stefan Vogts Blick wurde finster wie ein Kohlewerk. Rasch brachte sie sich wieder unter Kontrolle. Eine unangenehme Stille entstand.

»Stefan ist ein guter Junge«, brummelte der Alte, »Karla liebt ihn.«

Dieses Mal bewahrte Clausen-Fink die Fassung. »Wer sind eigentlich Sie?«, wandte sie sich an den Fremden, welcher der Szene bisher in diskreter Zurückhaltung beigewohnt hatte.

»Das ist der eigentliche Grund, weshalb wir dich eingeladen haben.« Wieder Stefan Vogt. »Darf ich vorstellen: Giuseppe Melini, Head of Growth Europe von Kneiss. Herr Melini, unsere Key-Account-Managerin für die Rhône-Pipeline, Brigitte Clausen-Fink.«

Mit dem Habitus alter Schule verneigte sich der Glatzköpfige und reichte ihr die Hand. Er mochte um die fünfzig sein. Eine kühle Gelassenheit ging von ihm aus.

Bei Clausen-Fink hingegen schossen die Synapsen im Schnellfeuer durcheinander. Was zur Hölle machte der Europachef des drittgrößten Lebensmittelherstellers der Welt in Kirchentellinsfurt? Klar, Kneiss hatte ein paar Millionen in Vogt investiert, aber das waren Peanuts für den Konzerngiganten. Die zerstörte Pumpstation war für Vogt eine existenzielle Bedrohung – aber was kümmerte das Kneiss?

»Es ist mir eine Freude, Sie kennenlernen zu dürfen«, sagte Melini.

»Kneiss ist so freundlich«, sagte Stefan, »uns in diesen schwierigen Zeiten etwas unter die Arme zu greifen.«

»Der Markt für Süßwasserpipelines steckt noch in den Kinderschuhen«, sagte Melini, »wir erwarten große Wachstumsraten. Und in unseren Augen verfügt die Firma Vogt über die vielversprechendsten Skalierungsmöglichkeiten.« Er lächelte verbindlich. »Deswegen verfolgen wir das Rhône-Projekt mit großem Interesse.«

Clausen-Finks Nase begann zu jucken. Verdammter Teppichboden. »Herzlichen Dank. Aber wenn Sie Ihre Anteile erhöhen wollen, dann ist sicherlich Dr. Vogt hier die bessere Adresse.«

»Tatsächlich ist unser größtes Anliegen, dass die Pipeline ohne weitere Verzögerungen fertiggestellt wird. Deswegen war Herr Vogt so freundlich«, Melini nickte in Richtung Stefan Vogt, »den Kontakt zu Ihnen herzustellen.«

Die Hitze in dem stickigen Raum klebte Clausen-Fink die Bluse an den Rücken. In Avignon ging alles drunter und drüber, während sie hier in der schwäbischen Provinz festgehalten wurde. Sie unterdrückte den Drang, aufs Handy zu sehen. »Sie bezweifeln meine Kompetenz?«

»Nein, durchaus nicht. Ihretwegen sind wir guten Mutes, dass das Projekt zu einem erfolgreichen Abschluss findet.«

»Was wollen Sie dann von mir? Je schneller ich wieder bei der Schadensstelle bin, desto eher können wir beginnen, den Schaden zu beheben.«

»Soweit unsere Analysten das beurteilen können, kämpfen Sie an verschiedenen Fronten: Sowohl Bauernverbände als auch Umweltschützer sehen das Vorhaben kritisch. Und die technischen Probleme sind anspruchsvoller als ursprünglich vermutet.« Das Lächeln blieb so unaufdringlich wie zuvor. »Wir möchten Sie unterstützen.«

»Das ist ehrenwert«, presste Clausen-Fink hervor, »allerdings versichere ich Ihnen, wir haben die Lage unter Kontrolle.«

»Das Feuer letzte Nacht ...«

»Glauben Sie mir, wir arbeiten mit allen Mitteln daran, den Vorfall aufzuklären. Im Übrigen dürften Ihnen Ihre Analysten auch mitgeteilt haben, dass die fertige Pipeline fast vierhundert Kilometer messen wird. Komplikationen mit einer einzelnen Pumpstation sind bedauerlich, aber gesamtwirtschaftlich nicht von besonderem Belang.«

»Nichtsdestoweniger möchten wir Ihnen ...«

»Die Firma Vogt verlegt Rohre seit 1962. Was ist die Kernkompetenz von Kneiss? Würstchen? Softdrinks? Warum denken Sie, gerade Sie hätten den nötigen Sachverstand, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen?« In Clausen-Finks Schädel pochte das Wissen, dass sie gerade die falsche Piste hinabschlitterte. Aber sie hatte diplomatischer Korrektheit noch nie viel abgewinnen können. »Allein rechtlich frage ich mich, wie Sie sich Ihre sicherlich geniale Beratung so vorstellen. Wenn ich mich recht entsinne, besitzt Kneiss Inhaberaktien ohne Stimmrecht ...«

»Brigitte«, ertönte da ein Wispern vom Rollstuhl des Patriarchen, »bitte beruhigen Sie sich.«

Hilflos ließ Clausen-Fink die Schultern sinken. Wenn der Alte ihr in den Rücken fiel, hatte sie verloren.

»Kneiss hat die Absicht erklärt«, sagte Stefan Vogt, »ein Viertel der Stammaktien zu übernehmen. Die Anwälte prüfen gerade noch die Details.«

Ungläubig ging Clausen-Fink vor dem alten Vogt in die Hocke. »Sie verkaufen Ihre Stammaktien?«

»Karla verkauft ihre«, sagte Stefan Vogt. »Also, einen Teil.«

Mit offenem Mund starrte Clausen-Fink ihn an.

Er zuckte die Schultern. »Sie will ein Krankenhaus bauen, in Uganda.«

»Sie hatte schon immer ein gutes Herz«, flüsterte der Alte.

Ein gewaltiger Nieser brach aus Clausen-Finks Brustkorb. »Allergie«, murmelte sie, während sie in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch kramte.

»Wie gesagt«, ergriff Melini wieder das Wort, »wir haben vollstes Vertrauen in Ihre operativen Fähigkeiten. Doch aufgrund der Komplexität der Lage würden wir Ihnen gerne jemanden zur Seite stellen.«

Clausen-Fink hätte heulen können, und sie bezweifelte, dass es nur am Hausstaub lag.

»Du bist nach wir vor verantwortlich für das Projekt«, sagte Stefan Vogt, »und wir erhöhen den Bonus um fünfzehn Prozent, wenn du beim Lyon-Abschnitt den Zeitplan einhältst.«

Der Zeitplan war letzte Nacht in Flammen aufgegangen. Nachdem Clausen-Fink sich ausgiebig geschnäuzt hatte – hauptsächlich, um Zeit zu gewinnen –, fragte sie: »Wenn ich verantwortlich bleibe – was macht dann der andere? Mir in willkürlichen Abständen auf die Finger hauen?«

»Nicht ganz«, sagte Melini enervierend sanft. »Es geht vielmehr darum, Ihnen den Rücken freizuhalten, was die politische Dimension betrifft. Aber es handelt sich wirklich nur um eine beratende Funktion. Sie sind die fachliche Leitung, Sie tragen die Verantwortung, im Zweifel haben Sie das letzte Wort.«

Vielleicht war es doch nicht ganz so schlimm, wie sie zuerst befürchtet hatte. Einerseits lag es auf der Hand, dass Kneiss seine eigenen Pläne mit Vogt hatte. Und mit dem Aktienpaket, das sie bereits besaßen, besaßen sie auch genügend Macht, ihren Willen durchzusetzen; das Versprechen, mehr in Vogt zu investieren, erhielt seine Anziehungskraft durch die implizite Drohung, die bisherigen Anteile abzustoßen – in der aktuellen Situation würde das eine Kettenreaktion auslösen, von der sich Vogt kaum erholen würde. Andererseits schien es, als hätte Clausen-Fink fürs Erste das Plazet der sogenannten Analysten erhalten. Ihre berufliche Zukunft sah nicht vollkommen düster aus. Vorausgesetzt, es gelang ihr irgendwie, diese verdammte Pipeline zu bauen.

»Wann lerne ich meinen Compagnon denn kennen?«

»Vermutlich innerhalb der nächsten Tage.«

»Vermutlich?«

»Wir haben uns noch nicht entschieden.«

»Bitte?«

Melini lächelte sein verbindliches Lächeln. »Aber wir haben schon eine Idee.«

3

Als Cecilia Thoma die Bäckerei betrat, ließen sich die Blicke, die sie erntete, nicht mehr als verstohlen bezeichnen. Das war nicht überraschend, denn neben einer frisch gebügelten Anzughose trug sie nichts als einen BH und eine einzelne Sandale.

Zu ihrem Glück hatte sie in der Hosentasche noch einen Fünf-Euro-Schein gefunden, mit dem sie ihren Espresso zahlte. Dann machte sie sich auf den Rückweg zu ihrer Wohnung, in der Hoffnung, dass Max inzwischen bereit wäre, ihr ein paar weitere Kleidungsstücke herauszugeben.

Als sie mit schlappender Sandale in die mit Kastanien gesäumte Seitenstraße trat, in der sie seit anderthalb Jahren gemeldet war, stellte sie fest, dass Max bereit war. Die Wohnzimmerfenster zur gemeinsamen Wohnung standen offen, und auf dem Bürgersteig darunter häufte sich Cecilias Wäsche in buntem Durcheinander.

Sie blieb auf der Straße stehen und nippte an ihrem Kaffee. Inzwischen war Max dazu übergegangen, Möbel aus dem Fenster zu wuchten. Das Klischee erforderte eigentlich einen Röhrenfernseher, aber wer besaß heutzutage noch einen? Vermutlich basierte das Klischee auf einer Idée fixe amerikanischer Drehbuchautoren – wie der Glaube, dass ein geschrammtes Auto automatisch in einem Feuerball aufging. Oder dass Geld glücklich machte. Nun, sie wollte nicht zynisch werden. Aus dem Fenster segelte ein Flachbildschirm, verfehlte den Kleiderberg um wenige Zentimeter und zersplitterte auf dem Asphalt.

Cecilia Thoma besaß eine Gabe. Wann immer eine tragende Säule ihrer Welt zerbröselte, glitt ihr Bewusstsein aus ihrem Körper, ließ all die lästigen Gefühle zurück und harrte anderthalb Schritte entfernt geduldig aus, bis der emotionale Wellengang wieder beherrschbar geworden war.

Dass sie diese Gabe besaß, war ihr mit elf zum ersten Mal aufgefallen, als ihre Eltern ohne Fremdeinwirkung in einen Brückenpfeiler gerast waren. Unoriginellerweise hatte die Kinderpsychologin die Gabe als therapiebedürftigen Bewältigungsmechanismus betrachtet, aber Cecilia hatte die Frau gemocht und sich nicht die Mühe gemacht, sie von deren Irrtum zu überzeugen. Dr. Weicher – allein der Name.

Das schöne blaue Sofa krachte auf die Straße. Ob Max bewusst war, dass er selbst das Sofa aus seiner alten WG mitgebracht hatte?

Cecilia sprang vor, fischte ein T-Shirt aus der Wäsche und zog sich in die Sicherheit der anderen Straßenseite zurück – gerade noch rechtzeitig, bevor die Mikrowelle hinter ihr aufschlug. Langsam ließ der Aufmerksamkeitswert der Veranstaltung nach, Cecilia war bereit, sich anderen Dingen zu widmen. Andererseits – eine zweite Sandale wäre schon praktisch. Oder das Handy. Ihr Geldbeutel auch.

»Max«, rief sie halbherzig, als sich dessen Locken das nächste Mal zeigten. Was für ein schöner Mann. Leider kein Freund rationaler Argumente, wenn es die Planung einer gemeinsamen Zukunft betraf. Oder den Return on Investment beim Online-Poker. Oder das Mischverhältnis von Gin und Tonic. Warum nur geriet sie immer an die Überschäumenden? Dr. Weicher hätte sicher eine Antwort gewusst.

Ein Mann mit Plauze und Straßenmischling schlenderte vorbei. Der Hund beschnupperte den Kleiderberg.

»Hau einfach ab!«, schrie Max und schleuderte ihr einen Stapel Bücher entgegen. Der Hund sprang erschrocken zu seinem Herrchen zurück.

»Bekomm ich wenigstens mein Handy?«

»Natürlich!« Er lachte mit einer schrillen Bitterkeit, die man früher als hysterisch bezeichnet hätte. »Du vergleichst mich mit einem Kleinkind, und zwei Minuten später hast du wieder nichts anderes als deine Arbeit im Kopf. Werd glücklich mit deiner narzisstischen Arroganz, verkauf doch deine Giftspritzen, ich hätt’s schon bei unserem ersten Date checken müssen: Wer bei Big Pharma Kohle scheffelt, kann nur ...«

Das Faszinierende an Cecilias Gabe war, dass keine Verletzung groß genug schien, ihr Bewusstsein vorzeitig zurück in den leidenden Körper zu zwingen. Im Gegenteil, je aufgewühlter sie hätte sein müssen, desto kühler war die Ruhe, mit der sie sich selbst beobachtete.

Hatte Max nach zwei Jahren Beziehung nur den blassesten Schimmer, wo sie arbeitete? Der Thrombosemittelhersteller Leifarth & Söhne mit fünfundachtzig Leuten war selbst bei ausgeprägtem Hang zu Verschwörungstheorien kaum als Big Pharma zu bezeichnen. Andererseits: Kein Begriff bildete eine Wirklichkeit außerhalb der eigenen Erfahrung ab. Cecilia beispielsweise war von ihrem Arbeitgeber als Kommunikationsspezialistin angestellt worden, und als solche nahm sie sich im Moment – gelinde gesagt – eher nicht wahr.

»Max, mein Handy, bitte.«

»Woher soll ich wissen, wo dein blödes Handy ist?«

Im roten Jackett, wollte Cecilia schon sagen, da fiel ihr Blick auf den Kleiderhaufen, aus dem es bordeauxfarben leuchtete. Sie sah nach oben, ob weitere Geschosse drohten, dann klaubte sie das Jackett auf.

Zwei verpasste Anrufe von Leifarth-HR, vier von einer unbekannten Nummer. Sie stutzte. Dass jemand anrief, dessen Nummer sie nicht kannte, war nicht ungewöhnlich; Presse, Behörden, Partnerfirmen – sie hatte permanent mit neuen Kontakten zu tun. Ungewöhnlich war, dass jemand viermal in einer halben Stunde versuchte, sie zu erreichen. Eigentlich konnte das nur eines bedeuten: Max würde nicht das einzige Desaster des heutigen Vormittags bleiben.

Sie rief zuerst Leifarth zurück und meldete sich krank. Dann überlegte sie, ob sie eher Leonie oder Maria zwecks Schlafplatz anhauen sollte. Leonie ächzte gerade unter Crunchtime auf der Arbeit, Maria hatte neben einem vier Monate alten Säugling einen Freund zu betreuen, der ähnliche Herausforderungen mit sich brachte wie Max.

Das Display zeigte erneut die unbekannte Nummer.

»Ja?«

»Cecilia Thoma?«, fragte eine Frauenstimme. »Hier spricht Kuckl, von Kneiss Recruitment Services. Haben Sie einen Augenblick Zeit?«

»Kneiss – der Konzern?«

»Ja, genau. Wir verfolgen Ihren beruflichen Weg schon seit einiger Zeit und wollten Sie fragen, ob Sie vielleicht Interesse hätten, für uns zu arbeiten?«

»Danke, ich bin sehr glücklich mit meiner jetzigen Stelle.« Das stimmte zwar nicht, aber Headhunter waren wie Verehrer im Club: in den seltensten Fällen ein Gewinn, manchmal gut fürs Ego, meistens schlicht lästig.

»Vielleicht darf ich Ihnen kurz etwas Kontext bieten?«

»Hören Sie, ich bin gerade etwas in Eile ...«

»Sie verdienen aktuell 65.000, richtig? Wir bieten Ihnen das Dreifache.«

Cecilia ließ das Handy sinken, starrte das Display an. Sie holte einmal tief Luft, dann nahm sie das Gerät wieder ans Ohr. »195.000?« Die Zahl klang unwirklich. »Im Jahr?«

»200.000, plus einige weitere Annehmlichkeiten.«

»Und wofür?«

Die Headhunterin erzählte etwas von einer Pipeline in Südfrankreich, von anspruchsvollen Aufgaben, einem engagierten Team ... Die Worte rauschten an Cecilia vorbei. Als Studentin war sie in ihrem Freundeskreis stets diejenige gewesen, die den wirtschaftsliberalen Standpunkt eingenommen hatte.

»Also, was meinen Sie?«, fragte Kuckl am anderen Ende der Verbindung.

Cecilia legte den Kopf in den Nacken, sah die Wolken hinter dem Kastaniengeäst vorbeigleiten. Sie musste feststellen, dass es etwas ganz anderes war, am WG-Küchentisch Konzerne zu verteidigen, als von einem der berüchtigtsten ein Jobangebot zu erhalten.

»Frau Thoma?«

»Nein.« Kaum hatte sie das Wort gesagt, überschwemmte sie Erleichterung. Und zugleich – Bedauern.

Zu ihrer Überraschung wirkte die Headhunterin keineswegs irritiert. »Schlafen Sie doch noch mal eine Nacht über Ihre Entscheidung. Bedenken Sie, dass Sie in Hamburg nie ganz heimisch geworden sind, dass Ihre Beziehung vor dem Aus steht, dass Sie bei Leifarth unterfordert sind ...«

»Woher wissen Sie ...?«

»Der Wunsch, Sie für unsere Firma zu gewinnen, kommt direkt vom Vorstand. In solchen Fällen bemühen wir uns um eine umfassende Vorbereitung.«

»Und Sie denken, mir nachzuspionieren erhöht Ihre Erfolgschancen? Schönen Tag no...«

»Sie sind bei Leifarth unterfordert, oder nicht?«

Cecilia zögerte. Unterforderung war nur die Spitze des Eisbergs.

»Unseren Recherchen zufolge haben Sie sowohl die Ambition als auch die Fähigkeiten zu einer glänzenden Karriere. Bessere Voraussetzungen als bei uns werden Sie nicht finden.«

Abwesend beobachtete Cecilia, wie Max den Ficus benjamina durchs Fenster schob. »Bis wann brauchen Sie eine Entscheidung?«

4

Vorsichtig navigierte der Fahrer auf dem unasphaltierten Zufahrtsweg an den Schaulustigen vorbei. Während er den Checkpoint passierte, klappte Valérie Mignot den Schminkspiegel auf und begutachtete ihre Nasenlöcher. Der Wagen hielt. Als sie keine Koksreste entdeckte, überprüfte sie mit der Hand ihre Frisur und stieg aus. Seit sechzehn Jahren leitete Mignot den Départementrat von Vaucluse. In jeder Amtszeit hatte sie sich geschworen, sich nicht erneut zur Wahl zu stellen. Zweimal hatte sie sich umstimmen lassen. Ein drittes Mal würde ihr das nicht passieren.

Auch heute wieder war es die Wurzel allen Übels, die Mignot den Schlaf geraubt hatte: Tricastin.

Missmutig bahnte sie sich einen Weg durch das Gewirr aus Einsatzkräften, Feuerwehrwagen, Gerätschaften. Die unselige Atomanlage war nur fünfzehn Kilometer entfernt, und obwohl die Hügel von Les Pins den Blick versperrten, glaubte Mignot den langen Schatten des Monsters kalt auf sich liegen zu spüren.

Eigentlich zum Großteil im Nachbardépartement Drôme gelegen, war es doch immer Vaucluse, das die Katastrophen managen musste, die Tricastin zuverlässig produzierte.

Während Mignot das Ausmaß des heutigen Fiaskos zu erfassen suchte, wandelte sich ihre Bitternis in Bestürzung. Von der Pumpstation, die sie gestern Vormittag eröffnet hatte, war nicht viel mehr übrig geblieben als ein Haufen finster kokelnden Schutts. Es stank erbärmlich nach geschmolzenem Plastik.

Sie zog ihr Handy hervor, um ein Foto zu schießen, stolperte über einen Löschschlauch und wäre beinahe gestürzt, hätte eine starke Hand sie nicht gehalten.

»Madame la Présidente, Vorsicht.«

Als Mignot ihren Retter erkannte, wurde ihre Laune nicht besser. Vor ihr stand niemand Geringeres als Maurice Laurent, Sprecher der Électricité universelle, kurz Elle. Dass einer der wichtigsten Köpfe des wichtigsten französischen Staatskonzerns sie persönlich kannte, war ein Privileg, auf das sie mit Freuden verzichtet hätte. Sie nickte in Richtung des kahl rasierten Muskelpakets im Anzug, das hinter Laurent Löcher in die Luft starrte.

Laurent zuckte die Schultern. »Neue Direktive unseres Sicherheitsdienstes.«

»Wo ist Madame Brigitte?« Nachdem Mignot regelmäßig über den Nachnamen gestolpert war, hatte Clausen-Fink ihr angeboten, den Vornamen in französischer Aussprache zu verwenden. Den Firmennamen Vogt versuchte Mignot zu vermeiden. Sie hatte nichts gegen die Deutschen, aber die Namen kamen direkt aus der Hölle.

»In Deutschland«, erklärte Laurent, »sie schafft es nicht zur Pressekonferenz.«

Mignot hatte nicht vor, viele Fragen zu beantworten. Drei Sätze und zurück an den Schreibtisch. Freilich brauchte auch das kürzeste Statement einen Inhalt.

»Wo ist denn die gute Gendarmerie?« Kaum hatte sie gefragt, entdeckte sie bereits den breiten Rücken von Kommissar de La Mare, der sich gemeinsam mit ein paar weiteren Uniformierten über ein Tablet beugte. Mignot kannte de La Mare seit zwanzig Jahren, ihre Töchter besuchten dasselbe Lycée. Sie waren einmal befreundet gewesen. Beide verband eine innige Ablehnung der Elle. Zugleich war sie die Klippe, an der ihre Freundschaft zerschellt war. Inzwischen führten sie nur noch die Pflichten ihrer jeweiligen Positionen zusammen.

»Dann hoffen wir mal das Beste«, sagte Mignot und marschierte los.

Laurent folgte ihr. »Hoffen wir mal.«

Mignot verkniff sich einen Kommentar. Es war offensichtlich, dass Laurent und sie nicht dieselbe Hoffnung teilten. Während sie selbst betete, dass eine Panne der Auslöser für das Feuer war und nicht etwa ein Sabotageakt, würde Laurent genau auf das Gegenteil hoffen. Das Rhône-Projekt war von Anfang an politisch umkämpft gewesen, jede Erschütterung heizte die Gemüter weiter auf. Ein Defekt wäre Wasser auf die Mühlen der Gegner – und ein Anschlag würde es den Befürwortern einfacher machen, den Fokus der Öffentlichkeit auf »den durch nichts zu rechtfertigenden gewaltbereiten Widerstand einer kleinen Minderheit« zu lenken.

Als sie sich den Polizisten näherten, löste sich der Kommissar aus der Gruppe und kam ihnen entgegen. Frédéric de La Mare war fast so groß wie Laurents Leibwächter und deutlich breiter – außerdem war er mit einem Schnauzer ausgestattet, mit dem man eine Messehalle hätte fegen können. Küsschen mit ihm auszutauschen fühlte sich an, als reibe man die Lippen an einer Schuhbürste. Zur Begrüßung Laurents begnügte sich de La Mare mit einem knappen Nicken.

»Das Feuer ist um kurz vor eins letzte Nacht ausgebrochen«, kam der Kommissar direkt zur Sache. »Um 1:12 Uhr hat die Leitstelle den Anruf der Wachmannschaft erhalten. Zehn Minuten später war der Löschzug aus Orange vor Ort, weitere fünf der aus Bollène. Die Löscharbeiten haben bis in den Morgen hinein gedauert und sind inzwischen weitestgehend abgeschlossen. Allerdings wartet die Spurensicherung noch darauf, dass die Einsatzleitung das Areal freigibt. Die drei Wachleute haben wir bereits einzeln vernommen. Pierre Pavard war der Dienstälteste, unterstützt wurde er von Claude Bigot und Emmanuel Bénézet. Bigot hat das Feuer entdeckt und dann seine Kollegen verständigt. Keinem der drei ist im Vorfeld etwas Verdächtiges aufgefallen.«

»Also ein technischer Defekt?«, fragte Mignot.

»Zuerst einmal müssen wir die Ergebnisse der Spurensicherung abwarten. Aber zumindest gibt es aktuell keine Anhaltspunkte für externe Manipulation.«

»Haben Sie die Bilder der Überwachungskameras schon ausgewertet?«, fragte Laurent.

»Unglücklicherweise wurde das Wachhäuschen ebenfalls von den Flammen verschlungen. Wir werden den Server bergen und nach Lyon schicken, die haben dort gerade eine neue Abteilung für IT-Forensik aufgemacht.«

»Es gibt kein Online-Backup?«, fragte Mignot.

De La Mare sah Laurent an.

»Leider nicht«, entgegnete dieser. »Die wenigsten unserer Systeme haben Internetzugang, viel zu gefährlich.«

»Ich fasse zusammen«, sagte Mignot frustriert, »wir wissen nichts.«

»Das wird sich bald ändern, Valérie«, versicherte de La Mare, »wir stehen ja gerade erst am Anfang der Ermittlungen.«

Mignot deutete auf den rot-blauen Kleinbus, der an den Checkpoint heranrollte. »Ich bezweifle sehr, dass das Privatfernsehen sich mit so einer Antwort zufriedengeben wird.«

»Wir schaffen das schon«, sagte Laurent und klopfte ihr mit unangebrachter Kollegialität auf die Schulter.

»Wenn du mir einen Gefallen tun willst, Valérie«, de La Mare fuhr sich über den Schnauzer, »fang die Presseaffen doch vorne ab, bevor sie den Einsatzkräften auf die Füße steigen.«

Während Mignot de La Mares Wunsch folgte und den Fernsehleuten entgegenging, musterte sie die Schaulustigen, die hinter dem Absperrband standen und versuchten, einen Blick auf die abgebrannte Pumpstation zu erhaschen. Die meisten waren mittelalt, männlich, hatten wettergegerbte Gesichter und trugen robuste Arbeitskleidung. Augenscheinlich Bauern, die auf den umliegenden Feldern arbeiteten. Ihre Blicke waren grimmig und die Stirnfalten tief.

»Wichser!«, rief einer. Mignot zuckte zusammen. Doch der Mann, der gerufen hatte, fixierte Laurent. Weitere Männer machten ihrem Unmut Luft. »Zum Teufel mit der Elle! Banditen! Verpisst euch!«

Die Elle war der wichtigste Arbeitgeber der Region, trotzdem konnte Mignot den Zorn der Bauern verstehen. Die hoch qualifizierten Fachkräfte, die in Tricastin gebraucht wurden, kamen von den Universitäten der Großstädte, nicht aus Vaucluse. Und von den Abgaben, die die Elle zahlte, profitierte primär das Département Drôme. Es gab eigentlich nur einen Aspekt der Nuklearwirtschaft, der sich zuvorderst auf die hiesigen Bauern auswirkte, und das war das Uran im Grundwasser.

»Chef«, zischte der Bodyguard, »halten Sie Abstand.«

Laurent warf einen abschätzigen Blick zu den Bauern, dann wandte er sich Mignot zu. »Vielleicht sollten wir ...«

Aus dem Augenwinkel nahm Mignot eine Bewegung am Absperrband wahr, etwas flog durch die Luft, traf Laurent am Kopf, der schrie auf, sein Bodyguard warf sich auf ihn. In flackernder Panik duckte sich Mignot, sah zu dem vergrabenen Laurent, dann zu den Bauern, zurück zu Laurent. Gendarmen rannten herbei. Die Bauern hingegen standen erstarrt, zwischen ihnen ein junger Kerl in Latzhose, den Arm noch erhoben. Dann von Laurent eine Regung. Er scheuchte den Bodyguard von sich weg, stemmte sich auf einen Unterarm, die andere Hand an der Stirn. Kein Blut war zu erkennen.

Mignot ging vor ihm in die Hocke. »Alles in Ordnung?« Ihre Stimme zitterte.

Laurent ignorierte sie. Sie folgte seinem Blick: Neben ihm im Gras lag eine leere Zigarettenschachtel.

5

Nachdem Cecilia den Zoll hinter sich gebracht hatte, deaktivierte sie den Flugmodus ihres Handys. Drei verpasste Anrufe von Max. Sie seufzte und rief zurück.

Er nahm nach dem ersten Klingeln ab. »Wo bist du? Bei Leifarth wussten sie nichts, Leonie hat nicht abgenommen, Maria meinte, ich soll dich selber fragen, aber du gehst auch nicht ran ...«

»In Marseille.«

»Was?«

»Ich bin in Marseille. Gibt’s was Wichtiges?«

»Was machst du in Marseille? Findest du nicht, dass du überreagierst?«

»Ich war es nicht, die heute Morgen unseren Hausstand auf die Straße gekippt hat.« Cecilia gelangte zum frei zugänglichen Bereich des Flughafens und entdeckte sofort das DIN-A-4-Blatt mit ihrem Namen, das von einer Frau mit blonder Kurzhaarfrisur und hellblauer Bluse gehalten wurde.

»Ja, darüber wollte ich mit dir reden ...«

»Du, Max, ich muss Schluss machen.« Sie steckte das Handy weg und ging der blonden Frau entgegen. »Brigitte Clausen-Fink?«

»Frau Thoma?«

»Cecilia reicht.«

»Nichts für ungut, Frau Thoma, aber etwas professionelle Distanz wird nicht schaden, denke ich. Haben Sie Gepäck aufgegeben?«

Cecilia schüttelte den Kopf. Die kleine Sporttasche, die Maria ihr gepackt hatte, war als Handgepäck durchgegangen.

»Folgen Sie mir.«

Im Flugzeug war Cecilia noch ganz angetan gewesen von ihrer dann doch postwendend getroffenen Entscheidung, Kneiss’ Angebot anzunehmen. In der ersten Klasse mit einem Martini in der Hand das klein gewordene Deutschland zu beobachten, hatte sie mit einem wohligen Gefühl der Freiheit erfüllt. Den Kopf am Fenster, das das beruhigende Vibrieren der Turbinen direkt in ihren Schädel übertrug, war ihr erst klar geworden, wie sehr die Routinen begonnen hatten, ihr Leben zu bestimmen; wie wichtig es gewesen war, diese Möglichkeit des Ausbruchs nicht verstreichen zu lassen. Max war zwar impulsiv, aber zugleich mit feinen Antennen gesegnet; vielleicht war er die letzten Monate so garstig gewesen, weil er ihre vom Alltag überlagerte Unruhe gespürt, jedoch keinen Weg gefunden hatte, gegenzusteuern. Die Trennung würde wehtun, aber ein Verharren im Grau wäre die schlimmere Alternative. Im März war sie fünfunddreißig geworden, und sie wollte nicht so enden, wie ein paar ihrer Freundinnen es schon seit Jahren vormachten: desillusioniert, angepasst, ermattet.

Doch schon über den Vogesen waren Cecilia Zweifel gekommen.

Was wusste sie über Kneiss? Kaum mehr als den Inhalt eines Wikipedia-Artikels und einiger von KI zusammengefasster Zeitungsartikel. Es fand sich viel Kritik – Umweltsünden, Arbeitsbedingungen, Marktmanipulation –, allerdings nichts, was für einen Konzern solcher Größe ungewöhnlich gewesen wäre.

Beunruhigender war das Exposé zu dem Projekt, für das man sie abgeworben hatte. Wenige Seiten hatten genügt, um sie zutiefst zu verunsichern. Die französische Energiegesellschaft Électricité universelle hatte seit Anfang der Siebziger vier Kraftwerke und eine Urananreicherungsanlage entlang der Rhône gebaut. Der Fluss sollte die Reaktoren kühlen. Mit sinkendem Wasserspiegel wurde die Kühlung allerdings immer unzuverlässiger. Also hatte Électricité universelle sich entschieden, westlich von Marseille den Bau einer Meerwasserentsalzungsanlage in Auftrag zu geben und das gewonnene Süßwasser über eine Pipeline nach Norden zu den Kraftwerken zu transportieren. Vierhundert Kilometer, neun verschiedene Départements, teilweise dicht besiedelte Gebiete, ein mäandernder Fluss in bergigem Gelände. Dass eine mittelständische Spezialfirma wie Vogt den Zuschlag für die Pipeline erhalten hatte, fand Cecilia verwunderlich genug. Aber warum um alles in der Welt glaubte man, sie selbst könne dem Projekt dienlich sein? Sie war keine Ingenieurin, ihr Französisch konnte bestenfalls als vorhanden gelten, und ihre Berufserfahrung beschränkte sich neben einem eingestaubten Hersteller für Blutverdünner auf eine winzige Unternehmensberatung, die inzwischen pleitegegangen war. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie sie in diesem Mammutprojekt eine hilfreiche Rolle spielen sollte.

Clausen-Fink hatte sie schweigend zu einer wartenden Limousine geführt. Nun ließen sie den abendlichen Stoßverkehr Marseilles hinter sich, ohne ein einziges Wort miteinander zu wechseln. Stattdessen jagte Clausen-Fink in einem fort ein so schnelles Französisch in ihr Telefon, dass Cecilia nur Bruchstücke verstand.

Als Clausen-Fink gerade einen Anruf beendet hatte, nutzte Cecilia die Gelegenheit: »Ich habe das Gefühl, dass Sie mein Erscheinen nicht unbedingt herbeigesehnt haben. Glauben Sie mir, ich will Ihnen nicht zur Last fallen ...«

»Dann wären Sie am besten in Hamburg geblieben.«

Die Replik kam so scharf, dass Cecilia sich einen Moment sammeln musste.

Clausen-Fink beugte sich nach vorn und gab dem Chauffeur eine Anweisung. Schon hatte sie ihr Telefon wieder am Ohr. Nachdem auch dieses Gespräch beendet war, versuchte Cecilia es ein zweites Mal. »Sagen Sie mir, wie ich helfen kann.«

Clausen-Fink rieb sich über die Stirn, dann wandte sie sich ihr zu. »Was wissen Sie über Meerwasserentsalzung?«

»Also, ich, na ja ...«

»Wie vertraut sind Sie mit der Regionalpolitik von Provence-Alpes-Côte d’Azur?«

»Ehrlicherweise war das bisher nicht mein Schwerpunkt ...«

»Haben Sie sich schon mal mit Leichtwasserreaktoren beschäftigt?«

»Frau Clausen-Fink ...«

Die Angesprochene blickte bereits wieder auf ihr Handy. »Sie können mir nicht helfen.«

Offensichtlich hatten Kneiss’ graue Eminenzen Cecilias Akquise ohne die zuständige Managerin beschlossen. »Na gut. Dann verraten Sie mir wenigstens, was ich tun kann, um Ihnen nicht im Weg zu stehen.«

»Egal, wo Sie stehen, Sie stehen im Weg.«

Nach den letzten Erfahrungen mit Max und Clausen-Fink fragte sich Cecilia, ob sie nicht doch Dressurreiterin hätte werden sollen. Als Zehnjährige hatte sie das fest vorgehabt, aber dann war dieser unglückselige Brückenpfeiler dazwischengekommen. »Warum habe ich eigentlich einen Vertrag mit Kneiss, wenn die Pipeline von Vogt gebaut wird?«

»Würde ich auch gerne wissen.«

Es half nichts. Wenn es Cecilia nicht gelang, Clausen-Fink zu besänftigen, wäre ihr Ausflug ins Rhônetal so abrupt vorbei, wie er begonnen hatte. »Hören Sie, ich bin nicht hier, um Ihnen Steine in den Weg zu legen. Dass Ihre Vorgesetzten Sie nicht in ihre Entscheidung einbezogen haben, tut mir leid. Soweit ich die Lage überblicken kann, haben Sie zwei Möglichkeiten: Entweder Sie arrangieren sich, oder Sie suchen das Gespräch mit denjenigen, derentwegen ich hier bin.«

Clausen-Fink schnaubte, sagte jedoch nichts.

»Ich kann mir vorstellen, dass Sie Besseres zu tun haben, als mich ahnungslosen Neuling zu betreuen. Ich bin Ihnen lästig, ich halte Sie von der Arbeit ab. Genau wie die zahlreichen Parteien, die alles daransetzen, die Fertigstellung der Pipeline zu verhindern. Kann es sein, dass ich genau deswegen hier bin? Weil ich Sie von all den kritischen Stimmen abschirmen soll, damit Sie Ihre eigentliche Arbeit machen können?«

»Und warum sollte Ihnen das gelingen?«

Cecilia zuckte die Schultern. »Was haben Sie zu verlieren? Wenn ich mich dumm anstelle, sind Sie mich schnell wieder los.«

»Und meinen Job gleich mit, wenn Ihr Unvermögen das Projekt an die Wand fährt.« Ein paar Sekunden starrte Clausen-Fink grimmig die Kopfstütze des Fahrers an. Dann fragte sie: »Haben Sie überhaupt eine Ahnung, wer uns alles scheitern sehen will?«

»Gemäß dem Exposé, das ich zur Verfügung gestellt bekommen habe, verschiedene Umweltverbände, die lokalen Bauern und Teile der Politik.«

»Und wir machen alles dafür, dass sie ihren Willen bekommen.«

»Es gab ein Feuer?«

»Eine Pumpstation. Die erste, die wir fertiggestellt haben. Gestern Mittag haben wir sie testweise in Betrieb genommen. Gestern Nacht ist sie in Flammen aufgegangen.«

»Wissen Sie schon, was den Brand ausgelöst hat?«

»Das kann noch dauern. Die Ermittlungen fallen in den Zuständigkeitsbereich von Vaucluse – das Département, in dem die Pumpstation liegt. Kaum jemand dort ist gut auf uns zu sprechen. Die Kernkraftwerke, die von unserer Pipeline profitieren sollen, liegen alle weiter im Norden. In Vaucluse hat die Elle traditionell einen schweren Stand.«

»Elle?« Cecilia kam sich beispiellos blöd vor.

Clausen-Fink warf ihr einen Blick zu, der unmissverständlich klarmachte, dass sie diese Meinung teilte. Trotzdem ließ sie sich dazu herab, eine Antwort zu geben. »Électricité universelle, die Betreiberin der Kraftwerke. Unsere Auftraggeberin. Heute Vormittag wurde einer ihrer Sprecher von einem Bauern angegriffen. Die Polizei behauptet, das sei alles halb so schlimm, und will auch keine Verbindung zum Feuer herstellen.«

»Aber Sie denken, es gibt einen Zusammenhang?«

»Die Pumpstation liegt in einem landwirtschaftlich intensiv genutzten Gebiet. Die Elle hat mit den betroffenen Bauern Kompensationsverträge geschlossen, aber die Proteste der letzten Monate zeigen, dass damit bei Weitem nicht alle Befindlichkeiten unter Kontrolle gebracht werden konnten. Und Laurent ist ein Egomane, wie er im Buche steht. Er hat bereits angekündigt, dem Angreifer mit allen juristischen Mitteln zuzusetzen. Was die Lage nun nicht gerade entschärft ...«

»Die Protestierenden trennen nicht zwischen uns als Anlagenbauer und der Elle als unserer Auftraggeberin?«

»Nicht im Geringsten. Die Meerwasserentsalzungsanlage, von der wir das Wasser beziehen, wurde von einer israelischen Firma gebaut, einwandfrei, im Zeitplan, ein technisches Meisterwerk, State of the Art. Und jetzt raten Sie mal.«

»Die werden ebenfalls kritisiert?«

»Kritisiert ist gut – die Attacken auf Social Media waren so erfolgreich, dass der Aktienkurs um fünfzehn Prozent abgestürzt ist. Was können die dafür, dass das entsalzte Wasser nicht an die Bauern geht?« Clausen-Fink schüttelte den Kopf. »Und wir sind genauso ein Spielball höherer Mächte. Politisches Versagen wird der Privatwirtschaft aufgebürdet, und dann wundert man sich, dass keiner mehr Unternehmer werden will.«

»Worin genau hat denn die Politik versagt?«

»Das Übliche: Sie hat die lokale Bevölkerung zu spät einbezogen, hat die Kosten schöngerechnet, hat falsche Versprechungen gemacht ...«

Cecilia legte den Kopf in den Nacken und sah die mit Samt ausgekleidete Wagendecke an. »Das erklärt jedenfalls die Situation. Sie müssen sich wohl keine Sorgen machen, was Ihren Job betrifft. Man hat mich im Eilverfahren hierher verfrachtet, um den eigenen Spielraum zu erweitern.«

»Inwiefern?«

»Entweder ich glätte die Wogen – oder ich bin der perfekte Sündenbock.«

Cecilia sah aus dem Fenster. Über Frankreich hatte sich die Nacht gelegt, die spärliche Straßenbeleuchtung kämpfte auf verlorenem Posten. Die Schatten einstöckiger, geziegelter Häuschen rauschten vorbei, dazwischen die schlanken Silhouetten von Zypressen, im Hintergrund eine dicht bewaldete Hügelkette.

»Wir haben eine Gästewohnung in Avignon«, brach Clausen-Fink das Schweigen, »da bringen wir Sie fürs Erste unter. Unser Büro ist nur ein paar Straßen weiter. Ich lasse Sie gegen acht Uhr abholen.«

»Mit dem Wagen? Ich kann auch zu Fuß gehen.«

»Klar können Sie das. Vermutlich ist es das Einzige, was Sie können. Aber wenn Sie tatsächlich recht haben und Sie entweder die Retterin oder den Sündenbock für uns spielen sollen – was brauchen Sie dann?«

Womöglich entsprach Clausen-Finks Gehässigkeit nicht ihrer Natur, sondern rührte nur von dem Druck, unter dem sie aktuell stand. Cecilia wollte es gerne glauben. Doch es fiel ihr schwer. »Einen großen Auftritt«, murmelte sie.

6

Zum selben Zeitpunkt, als Cecilia Thoma in Avignon feststellte, dass es in der Gästewohnung von Vogt zwar Silberfischchen gab, aber ansonsten nicht viel, klingelte in Marseille – genauer: in der King Suite des Hôtel Moulin – das Telefon eines Mannes, der sich seit einigen Monaten den Namen Victor Javert gab, was er als eine schön ironische Pointe empfand, denn er sympathisierte weder im Speziellen mit Hugos Hauptwerk Les Misérables noch im Allgemeinen mit den Repräsentanten der Exekutive.

Er hatte den Anruf erwartet und nahm ihn sogleich entgegen.

»Gab es Komplikationen?«, fragte die Stimme am anderen Ende der verschlüsselten Verbindung.

»Nein.«

»Fürs Erste bleiben Sie in Marseille. Wir melden uns, wenn wir neue Anweisungen haben.«

Anweisungen. Der Mann, der sich Victor Javert nannte, ballte die freie Faust. Dass man mit ihm sprach, als wäre er ein Lakai, war eine schwer zu ertragende Schmach. Aber noch war die Zeit der Rache nicht gekommen, noch brauchte es Geduld. »Warum gehen wir nicht den nächsten Schritt? Ich habe alles vorbereitet ...«

»Nein.« Ein Nein, das keinen Widerspruch duldete. »Sie warten.«

Javert biss die Zähne zusammen. Es war noch nicht lange her, dass er es gewesen war, der Befehle erteilt hatte. »Wie Sie wünschen.«

»Gute Arbeit.«

Pass nur auf, dachte Javert, ich kriege dich, ich kriege euch alle. »Danke«, sagte er.

Doch der andere hatte schon aufgelegt.

7