Piss in den Wind - Buddy Giovinazzo - E-Book

Piss in den Wind E-Book

Buddy Giovinazzo

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Beschreibung

James Gianelli fristet ein beschauliches Dasein als College-Dozent für Fotografie. Als ihn seine langjährige Freundin Karen verlassen will, bekommt der psychisch labile James einen psychotischen Anfall. Als er wieder zu sich kommt, liegt Karen mit Würgemalen am Hals tot neben ihm. Überzeugt davon, sie getötet zu haben, entsorgt er ihre Leiche an einem entlegenen Pier und scheint damit sogar durchzukommen. Doch James ist nicht der Typ, der lange allein sein kann. Als die hübsche Dominique auftaucht, fangen die Probleme erst richtig an, denn sie ist nicht nur ultra-cool, sondern irgendwie auch ultra-tot ... Nach seinem grandiosen Roman Potsdamer Platz führt uns Buddy Giovinazzo mit einer Tour de Trance zu den Abgründen der menschlichen Seele, in den Bereich zwischen Traum und Wirklichkeit, der der Liebe immer die Dimension des Verhängnisvollen gibt.

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

XX

XXI

XXII

XXIII

XXIV

XXV

XXVI

XXVII

Impressum

Zum Autor

Zu den Übersetzern

Pulpmaster Backlist

Buddy Giovinazzo

Piss in den Wind

Prolog

Meine Geschichte ist eine Geschichte des Wahnsinns. Dabei hielt ich mich seinerzeit nicht im Entferntesten für wahnsinnig, nicht einmal für leicht gestört. In der Tat, ich betrachtete mich als aufrechten, hart arbeitenden Bürger, respektiert von den Kollegen, immer eine freundliche Begrüßung auf den Lippen oder ein aufrichtig klingendes »Mach’s gut«. Das, was man gemeinhin als enge Freunde bezeichnet, gab es nicht, doch hätte es sie gegeben, sie hätten in mir einen umgänglichen, durch und durch angenehmen Zeitgenossen gesehen. Insofern unterschied ich mich nicht von Tausenden anderer gefährlicher Schizophrener. Abgesehen von meiner ganz persönlichen, seltsamen Macke. Bestimmte Geisteszustände schaffen sich ihre eigene Realität, eine Komfortzone der Täuschung, wo das Glas immer halb voll ist, die Aktien steigen werden und morgen alles besser wird. Meine Wirklichkeit, eingehüllt in einen Nebel, so penetrant wie das Parfum einer Hure, war ein Ort, wo oben unten bedeutete, weiß schwarz und — konsequenterweise — falsch richtig. So war die Region beschaffen, wo ich viele schwierige Jahre verbrachte. Wenn ich jetzt, fast zwanzig Jahre später, daran zurückdenke, kommt es mir irgendwie lustig vor, obwohl es mit Sicherheit nicht zum Lachen ist. Der Tod eines unschuldigen Menschen ist niemals zum Lachen. Doch wenn man bedenkt, was heutzutage als normales Verhalten durchgeht, in den Reality-Shows im Fernsehen und bei den üblichen Verdächtigen, die sich als Promis ausgeben, in den zwischenmenschlichen Wegwerf-Beziehungen, die manipuliert, ausgebeutet und dann entsorgt werden wie Lottoscheine von letzter Woche, dann war ich wahrscheinlich auf eine bizarre Art und Weise meiner Zeit voraus.

Wie bei den meisten Fällen von Wiedergeburt oder Rehabilitation begann der zweite Akt meines Lebens im Anschluss an einen veritablen Absturz. Ich musste ganz unten ankommen, musste alles verlieren, was offen gestanden damals keine nennenswerte Summe war, doch es war alles, was ich besaß, und ich musste es verlieren, um wieder gesund zu werden; es mag Leute geben, die würden sagen, dieses Ziel sei nie erreicht worden. Doch in dieser Geschichte geht es nicht um meine Exfrauen oder mein heutiges Leben. Und ihren Anfang nimmt diese Geschichte in einem Haus am Meer.

I

Karen ging von einem Ende des Wohnzimmers zum anderen, angespannt, nervös, hielt sie Ausschau nach den letzten Dingen, die sie vielleicht vergessen haben könnte einzupacken. Ich saß auf der Couch und beobachtete sie: kurzes, braunes Haar und eine kecke Stupsnase, Wangen mit Sommersprossen und einen bockigen, entschlossenen Zug um den Mund; wäre Huckleberry Finn ein Mädchen gewesen, er hätte ausgesehen wie Karen.

Die Rückseite des Hauses ging auf den Ozean hinaus. Das Rauschen des Meeres war ebenso Teil der Räume wie die Wände, die sie zusammenhielten. Salzwasser klatschte gegen den Strand und am bewölkten Himmel kreischten Möwen, der Wind heulte in ohnmächtiger Angst.

»Mir will es noch immer nicht in den Kopf ... weshalb kannst du nicht bis September warten?«, sagte ich, und während mir der Satz über die Lippen kam, wurde mir auch schon bewusst, wie dumm er klang.

Sie sah mich an. »Fängst du wieder damit an?«

»Nein. Ich habe nur eine Frage gestellt.«

»Ich habe mich entschieden, und glaube mir, es ist das Beste für uns beide.«

Sie hatte völlig recht; unsere Beziehung war nun schon seit einem Jahr beendet und außer der täglichen Routine verband uns nichts mehr miteinander, dennoch, der Gedanke, allein zu sein, ging mir ziemlich an die Nieren. Ich hatte mich an Karens Gegenwart gewöhnt, so wie an ein Paar alter Jeans, das man zwar seit Jahren nicht getragen hatte, aber mit wohligem Gefühl sicher in der untersten Schublade verwahrt wusste. Ohne Frage, ich wünschte mir inständig, dass sie endlich aus dem Haus verschwände, ich konnte nur nicht ertragen, sie gehen zu sehen.

Karen ging zum Bücherregal, wo zwei Reihen CDs standen, die Interpreten alphabetisch geordnet. Sie zog drei aus der S-Sektion heraus.

»Die beiden hier hatte ich schon, als ich eingezogen bin«, sagte sie. »Und die Simon & Garfunkel haben wir zusammen gekauft, aber sie hat dir nie gefallen.«

Ich fühlte mich genötigt, etwas zu erwidern, irgendetwas, was den Kommunikationskanal zwischen uns offen hielt. »Mir gefallen Simon & Garfunkel.«

»Du hast sie nie gehört, und außerdem nehme ich den CD-Player mit.«

Sie packte die CDs in einen Schuhkarton nahe der Tür und ging ins Schlafzimmer. Rund um die Couch standen Kartons, es sah aus wie ein Planwagentreck unter Attacke, dazu Plastiksäcke voll mit Kleidung, die den Eingang zur Küche blockierten. Und ich saß mittendrin und konnte nur staunen: Wann hatte sie eigentlich das ganze Zeug angeschafft? Vor zwei Jahren war sie mit zwei Taschen und einem Koffer eingezogen. Jetzt zog sie aus mit einer ganzen Wagenladung von Sachen.

Wir hatten uns geeinigt, den Großteil dessen, was wir zusammen gekauft hatten, unter uns aufzuteilen; sie würde den Fernseher und die Stereoanlage bekommen, dazu den Videorekorder und die Mikrowelle. Ich behielte die Waschmaschine, die Küchengeräte und die Möbel. Und natürlich auch die Fotoausrüstung.

Ich ging zu meinem Schreibtisch, ordnete Stifte und Papiere symmetrisch an, arrangierte die Modemagazine auf dem Couchtisch zu einem Fächer und sah mich um, was ich sonst noch so ordnen könnte, irgendetwas, was meinen Verstand beschäftigte und das Pochen in meinem Schädel verhinderte, als mir urplötzlich auffiel, wie leer die Räume wirkten. Nicht durch einen Mangel an Gegenständen, sondern an Persönlichkeit. Ihrer, Karens, Persönlichkeit. Soweit ich mich erinnern konnte, war mir das Apartment nie so leer erschienen, seit ich es vor fünf Jahren gemietet und natürlich ebenso lange darin gewohnt hatte. Nur eine Frau kann bei ihrem Auszug diesen Effekt auf eine Wohnung erzielen. Zieht ein Mann aus, kommt es einem sauberer vor, größer. Doch eine Frau lässt Leere zurück.

Ich spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht. Die schlaflosen Nächte hatten mir zugesetzt. Meine Haut war blass und irgendwie ausgeleiert und unter den Augen saßen dunkle Tränensäcke. Kein Wunder, dass Karen mich verließ. Zum ersten Mal entsprach mein Konterfei dem, was ich war: ein Mann mittleren Alters. Ich öffnete den Arzneischrank und stieß auf ein Durcheinander aus Fläschchen und Röhrchen. Karen konnte nichts anfassen, ohne ein Chaos zu inszenieren. Ich schluckte zwei Aspirin, dann stellte ich die Fläschchen der Größe nach auf, die Etiketten nach vorn, damit man sie lesen konnte.

Ich betrat das Wohnzimmer, sank auf das Sofa und sah Karen zu, wie sie hin- und herging, Kartons unterschiedlicher Größe in den Händen, die sie neben der Tür stapelte — Kartons mit Kleidung, Kartons mit Schuhen, Kartons mit weiß der Teufel was. Wir wechselten kein Wort miteinander, keinen Blick, da war nichts zwischen uns, nur Geschäftigkeit; geschäftig das eigene Leben fortführen und das Vergangene fortschaffen.

»Würdest du mir helfen, die Sachen im Wagen zu verstauen?«, fragte sie mit einem kalten Glitzern in den Augen. Es war etwas Roboterhaftes an ihr, wie sie so dastand, regungslos, fast metallisch. Verdammt! Wie konnte mir diese Frau so fremd sein? Sie hatte mich mal geliebt. Sie hatte mir das tausendmal gesagt! Was war geschehen? Was nur hatte ich getan, dass ihr diese Gefühle abhandengekommen waren?

»Was ist jetzt?«, fragte sie und schnappte sich einen weiteren Karton.

Ich half ihr, das Ding zu ihrem Kombi zu tragen, einem 82er Chevy mit Holzverkleidung, den sie von ihrem Vater geerbt und den zu verschrotten sie sich immer geweigert hatte, egal, wie oft er in den Streik getreten war. Nach siebenmaligem Rein und Raus, mit nicht mehr Kommunikation zwischen uns als dem einen oder anderen »entschuldige«, war das meiste verladen und ich ging ins Schlafzimmer. Ihre gesamte Garderobe war eingepackt und der Schrank somit leer, bis auf die Kleiderbügel, die wie kleine metallene Skelette in der hereinwehenden Brise träge vor sich hin klapperten. Ich ging hinüber und verteilte sie gleichmäßig über die Kleiderstange, diese meine drahtigen Brüder, immer mit einem Abstand von fünf Zentimetern, als ich plötzlich einen Anflug von Unbehagen verspürte. Nach all der Zeit.

»Er ist nicht im Kleiderschrank, oder?«

Es war die dünne Fistelstimme meines Vaters, die vom Wohnzimmer herüberdrang. Die ausdruckslose Oboe meiner Mutter erklang als Kontrapunkt:

»Nein. Er sitzt auf seinem Bett.«

Ein kleiner Junge sah mich vom Bett aus an, das Gesicht gerötet und geschwollen vom Weinen. Ich konnte hören, wie meine Eltern im Nebenzimmer miteinander stritten, bis Karen zurück in das Apartment kam und nach mir rief.

Sie setzte sich zu mir aufs Bett, legte etwas neben meine Hand.

»Ich wollte dir nur den Schlüssel geben«, sagte sie und ihre Stimme klang ungleich freundlicher als noch vor einer Minute.

»Hast du alles?«, fragte ich.

»Ja, ich glaube schon.«

Die Brise vom Hafen erzeugte eine Gänsehaut auf meinen Unterarmen. Meine Kehle war wie zugeschnürt, mein Magen verknotete sich und ich wusste, der gewisse Augenblick war zum Greifen nah. Ich suchte krampfhaft nach Worten, nach etwas, was sie umzustimmen vermochte. Am Ende war sie es, die sprach. Mit sanfter Stimme.

»James, es tut mir leid, dass es so kommen musste. Wir haben versucht, es hinzukriegen, wir haben es wirklich versucht, und wir hatten unsere richtig guten Momente. Aber wir sind zu verschieden, wir haben verschiedene Interessen … «

»Wir hatten mal die gleichen Interessen«, sagte ich.

»Ich weiß, aber so läuft das mitunter, niemand macht es mit Absicht. Menschen verändern sich, leben sich auseinander. Keiner trägt die Schuld daran. Das macht das Zusammenleben doch aus, dass zwei Menschen über einen gewissen Zeitraum herausfinden, ob sie zueinander passen. Wir haben uns bemüht, doch es hat nicht geklappt. So ist das Leben. Tatsache ist jedoch, wir haben es versucht, und mehr kann man von einer Beziehung wirklich nicht erwarten.«

»Ich weiß. Aber wir waren so verliebt. Ich verstehe nicht, dass Liebe einfach so stirbt.«

»Geht mir genauso. Manchmal passiert es eben.«

»Karen, sag mir nur eins ... bitte, ich muss es wissen. Auch wenn du denkst, dass es mich verletzt, sei ehrlich zu mir. Dann könnte ich es verstehen.«

»Ich bin ehrlich zu dir.«

»Gibt es jemand anderen?«

»Wie du willst«, sagte sie scharf und setzte sich kerzengerade hin. »Wenn du unbedingt einen Grund brauchst, dann denk nicht weiter als bis zu deiner Frage.«

»Was? Also gibt es jemand anderen?«

»Nein, James. Gibt es nicht«, sagte sie, holte tief Luft und versuchte ein letztes Mal, es zu erklären. »Ich kann so nicht mehr leben. Du nimmst mir die Luft zum Atmen. Ich brauche meinen Freiraum, muss auch mal allein sein können. Anscheinend kannst du das nicht akzeptieren. Gehe ich aus dem Haus, willst du wissen, wohin ich gehe, was ich vorhabe, wann ich zurück bin. Komme ich später, muss ich erklären, warum. Siehst du mich mit jemandem, musst du wissen, wer es ist und worüber wir gesprochen haben.«

»Ich bin einfach nur neugierig.«

»Und ich habe es gründlich satt, dass du einfach aufkreuzt, egal, wo ich bin.«

»Ich habe dich doch nicht verfolgt.«

»Nein. Du bist immer rein zufällig da gewesen.«

»So etwas soll mitunter vorkommen.«

»Am Anfang hat mir dieses Interesse gefallen, es war schön. Doch inzwischen … James, du willst von mir Besitz ergreifen oder so. Aber ich bin eine eigenständige Person. Ich bin keine Barbiepuppe.«

»So habe ich dich auch nie gesehen.«

»Eine Beziehung braucht Freiraum, braucht Vertrauen.«

»Ich habe dir vertraut.«

Ihr Mund verzog sich zu einem Lächeln. »James, du hast mich mit Argusaugen bewacht.«

»Ich bin eben gern mit dir zusammen, das ist alles.«

»Wir können einander nicht ertragen! Gib es doch endlich zu, James. Wir passen nicht zusammen. Was du brauchst, ist jemand, der ständig für dich da ist. Der sein Leben nur dir widmet. Und dieser jemand bin ich nicht. So jemanden gibt es überhaupt nicht. Man muss auch mal für sich sein können. Das ist völlig normal, das ist vernünftig! Das gehört dazu, wenn man erwachsen wird. Hör zu, James, ich wollte dir nicht wehtun. Es tut mir leid. Aber es tut mir nicht leid, dass ich dir die Wahrheit gesagt habe.«

Ich sah ihr in die Augen, glatte graue Steine, und ich wusste, sie würde ihre Meinung nicht ändern. Eine halbe Meile entfernt schrien die Dockarbeiter auf den Piers, ein Nebelhorn dröhnte los, als hätte es einen Wutausbruch, der Wind machte sich mit feuchten, ausgelassenen Fingern an meinem Hemd zu schaffen und Karen sah auf ihre Armbanduhr.

»Tja, ich habe noch eine lange Fahrt vor mir.«

Sie stand auf und ging zur Tür.

»Karen.«

Sie blieb stehen und drehte sich um, Besorgnis im Blick.

»Es war doch nicht alles schlecht, oder? Wir hatten doch auch unsere guten Zeiten, stimmt’s?«

Sie zwang sich zu einem Grinsen, das in meinem Magen landete, schwer wie ein Stein.

»Ja. Hatten wir. Mach’s gut, James.« Dann ging sie durch den Flur und aus meinem Leben.

Ich holte tief Luft und atmete langsam wieder aus. Eine Woge der Scham brach sich über meinem Herzen, ein Gefühl von Verlust und Versagen. Ich war genau dort, wo ich vor zwei Jahren begonnen hatte. Vor drei Jahren, vor fünf, vor sieben. Ich hatte mich nicht verändert, hatte nichts, aber auch gar nichts dazugelernt in all der Zeit. Leider. Ich konnte dieses Verhaltensmuster bis in meine Jugend zurückverfolgen. Wieso nur machte ich immer und immer wieder den gleichen Fehler, verflucht noch mal?

Ich packte meinen Kopf mit beiden Händen, presste die Handballen gegen die Schläfen, presste mit aller Kraft, damit der Druck nachließ. Als Teenager hatte ich es manchmal aufhalten können, sofern ich schnell genug reagiert hatte, bevor es sich voll entwickeln und intensivieren konnte, aber was wie Nadelstiche begann — mehr ein Kitzeln als ein Schmerz —, steigerte sich jetzt zu einem lauten, schrillen Kreischen, zu einer Dreieinigkeit der Dissonanz, die sich rücksichtslos vorarbeitete wie ein hochtönender Zahnarztbohrer, der sich mühsam in einen verrottenden, kariösen Zahn frisst — meine alten Erzfeinde, die Stimmen, versetzten mein Ich in Panik und Hysterie. Den Tönen tausend schmetternder Trompeten gleich, drangen sie in jede Öffnung, jede Zelle meines Körpers, nur schrien sie diesmal lauter, als sie es je in meiner Jugend getan hatten. Meine Ohren brannten, als stünden sie in Flammen, und ich hielt sie mir zu, fiel auf die Knie und schlug meinen Kopf auf den Holzfußboden, immer und immer wieder, nur um dieses Geräusch zu vertreiben, nur für den Moment der Erlösung. Ich hatte den Geschmack einer warmen, milden Soße im Mund und wusste sofort, dass ich mir in die Zunge gebissen hatte. Entschlossene Hände packten mich bei den Schultern, hievten mich hoch, und als ich aufsah, war da Karen über mir. Der Wahnsinn in meinen Augen machte ihr Angst, so hatte sie mich noch nie gesehen. Stumm bewegte sie die Lippen.

»Ich kann’s diesmal nicht aufhalten, Karen! Ich kann es nicht aufhalten!«

Wieder warf ich mich hin, schlug mit den Händen auf den Boden, während Schauer durch meine Knochen jagten und sie betäubten. Ich schrie, bis meine Kehle rau war und Karen sich die Ohren zuhielt. Doch dann richtete sie mich auf, drückte mich gegen das Bett und versuchte, mir ein Buch zwischen die Zähne zu schieben. Ich schlug um mich, ruderte mit den Armen, als hätte man mich mitten im Flug aus einem Flugzeug geworfen. Ihren Unterarm auf meiner Brust, versuchte Karen, mich am Boden zu halten, als die Stimmen sich mit einem Male zurückzogen, so schnell wie sie gekommen waren. Ein Strudel hatte sie aus meinen Ohren gespült, mir Erleichterung verschafft, und ich spürte, wie ich mich entspannte.

Ein Schlepper tuckerte in den Hafen. Die frische Abendbrise kratzte an meinen Ohren wie ein Rechen. Ich hob den Kopf vom Kissen und sah eine lauernde Sonne am Horizont. Die Matratze unter mir war hart, klumpig, als läge ich auf einem Sack Kartoffeln. Mit einem Satz war ich aus dem Bett, prallte gegen die Tür und musste lachen: Diese Frau hat Sinn für schwarzen Humor, dachte ich.

»Okay, Karen, du hast gewonnen. Echt witzig. Du kannst jetzt wieder aufstehen.«

Doch sie rührte sich nicht, blinzelte nicht einmal. Ihre Augen waren starr und ausdruckslos, die Augen einer Puppe.

»Komm schon, Karen, das ist nicht mehr komisch. Ist gut jetzt, steh auf. Ich dachte, du wolltest los.«

Ich berührte ihre Wange. Sie war kalt. Rund um Karens Hals waren Male zu sehen, die von Fingern herrührten. Ich packte ihr Handgelenk: Sie hatte keinen Puls!

Ich hastete zum Telefon in der Küche. Die Vermittlung meldete sich. »Ich brauche einen Krankenwagen«, bellte ich in die Muschel, »es hat einen … « Ich hielt inne. Was hatte sich ereignet? Ich war mir nicht sicher.

»Hallo? Kann ich Ihnen helfen? Hallo? Sind Sie noch dran?«

Ich hielt den Hörer mit beiden Händen umklammert und legte auf, langsam, wie in Zeitlupe, dabei entdeckte ich verschmiertes Blut an der Muschel — von mir oder von Karen? —, ich wischte es ab und setzte mich an den Tisch. Ich musste erst einmal zur Besinnung kommen.

Das Letzte, woran ich mich erinnern konnte, war, dass Karen mich festgehalten hatte. Was danach geschehen war, wusste ich nicht. Sollte ich die Polizei anrufen und genau das erzählen? Und dann? Es war allgemein bekannt, dass Karen mich verlassen wollte, man würde behaupten, ich hätte es mit Vorsatz getan. Und welche Erklärungen hätte ich für die Male an ihrem Hals? Sicher, es handelte sich um einen Unfall, ich hatte es nicht mit Absicht getan. Doch die Gefängnisse sind voll mit Leuten, die etwas ohne Absicht getan haben. Ich sah mich bereits im Hof eines Gefängnisses, zusammen mit anderen Mördern und Kriminellen, sah, wie ich billige Tätowierungen bekam und ein Messer bei mir trug, an-gefertigt aus einem Löffel — bis es mir eiskalt über den Rücken fuhr, weil mir einfiel, dass man in diesem Staat Leute hinrichtete! Ziemlich unfair, für einen kurzzeitigen Verlust der Zurechnungsfähigkeit auf dem elektrischen Stuhl zu landen. Es war die einzige Erklärung, die mir einfiel: Ich hatte für einen Augenblick völlig neben mir gestanden und war ausgerastet. Wie O.J. Simpson.

Ich betrachtete meine Hände, als wären sie die von O.J. Simpson. Die Finger kamen mir größer vor, irgendwie geschwollen. Missgestaltet. Sie schmerzten. Genau wie meine Arme. Ich konnte meine Beine nicht spüren. Sie hielten mich zwar aufrecht, aber ich spürte nicht, wie.

Zurück im Schlafzimmer, setzte ich mich auf den Bettrand, unsicher, was ich tun sollte. Eine gespenstische Stille hatte sich ausgebreitet, in der Luft hing der Hauch des Todes. Ich schloss Karens Lider, doch sie öffneten sich wieder, halb nur, was den Eindruck vermittelte, sie sei betrunken oder stehe unter Drogen. Merkwürdig, wie hilflos die Toten sind, im Zustand der Leblosigkeit zufälligen Demütigungen ausgesetzt. Karen war es immer unangenehm gewesen, beobachtet zu werden, also verbarg ich ihr Gesicht unter der Decke.

Eine kühler werdende rote Sonne zauberte Prismen an die Wände. Die schimmernden Lichtmuster, voller Leben in ihrer Einzigartigkeit, erinnerten mich an die bleiverglasten Fenster der Kirche meiner Kindheit. Ich betrachtete sie ganz genau, suchte nach einer verborgenen religiösen Bedeutung in ihnen, so wie seinerzeit bei den Kirchenfenstern, nachdem ich als zwölfjähriger Messdiener zweiundvierzig Dollar aus der Kollekte von Saint Theresa’s gestohlen hatte und ein flackerndes Abbild von Johannes dem Täufer mir befahl, das Geld zurückzulegen und einen anonymen Entschuldigungsbrief zu schreiben. Jetzt brauchte ich sie wieder, diese göttliche Inspiration. Oder zumindest einen ordentlichen Schubs in die richtige Richtung. Einen Wegweiser, eine Boje, die Schiffen auf dem Ozean den Weg weist, eine sichere Passage vorbei an der Katastrophe gewährleistet. Doch stattdessen erschien das Bild von Karens Wagen, der, beladen mit ihrem gesamten Hab und Gut, draußen parkte. Bliebe er dort noch länger stehen, könnten die Leute womöglich anfangen, Fragen zu stellen. Mein Verstand schaltete in den Überlebensgang. Jetzt war nicht die Zeit göttlicher Inspirationen oder ordentlicher Stöße in die richtige Richtung, denn da war nur meine Angst, real und greifbar wie die Leiche neben mir, der adrenalingesättigte Ur-Wille zur Selbsterhaltung.

Ich machte mich daran, im Wohnzimmer sämtliche Möbel vom Teppich zu rücken, einem großen, roten Rechteck mit Paisleymuster. Ich schob gerade die Couch an die Wand, als das Telefon läutete und mir fast das Herz stehen blieb. Nach dem fünften Klingeln sprang der Anrufbeantworter an — Karen hatte wohl vergessen, ihn einzupacken. Nach dem Piepen sagte eine Stimme: »Hallo, Karen, bist du da? Nimm ab, wenn du da bist. Du hast gesagt, dass du mich anrufst, bevor du losfährst. Hoffe, du hast es nicht vergessen. Ruf mich bitte zurück … Hier ist Debbie.« Klick.

Ich atmete tief durch und schob den großen Sessel vom Teppich, dann ging ich ins Schlafzimmer.

Als ich so am Fenster saß, spürte ich, welch beruhigende Wirkung die Gleichmäßigkeit der Wellen auf meine Ohren hatte, und während der Himmel zu einem dunklen, melancholischen Ocker reifte, begann ich, mein Leben in einem größeren Rahmen zu überdenken, die Umstände, die zu meiner aktuellen Situation geführt hatten und zu all den Pannen davor.

Ich darf mich nicht länger mit meinen Studentinnen einlassen, sagte ich mir, das ist das Hauptproblem. Darauf läuft alles hinaus. Zwar habe ich bisher keine umgebracht — von heute mal abgesehen —, aber es endet immer in einer Art Katastrophe. Ja, ich weiß, diesen Vorsatz habe ich ein Dutzend Mal gefasst. Doch wenn ich am Beginn eines Semesters vor ihnen stehe und mich ihre funkelnden Augen wie Edelsteine anblitzen, ist es um mich geschehen. Ich versuche ja, professionell zu sein, aber am Ende des Jahres bin ich mehr für sie als nur der Dozent, ich bin ein enger, persönlicher Freund. Andererseits sind alle erwachsen, also ist es nicht so, als würde ich halbwüchsigen Schülerinnen nachsteigen. Außerdem bin ich nicht der Einzige. Die meisten an der Fakultät verhalten sich so ...

Ich gab Anfängerkurse in Fotografie an einer Universität, die hier aus verständlichen Gründen nicht genannt werden soll. Meine Veranstaltung war für die meisten Studenten der Geisteswissenschaften eine fakultative, also ging ich mit der Absicht zu Werke, das Ganze unterhaltsam zu gestalten. Es gab keine Seminararbeiten, keine Prüfungen, nur wenig Lektüre, Notizen waren kaum vonnöten und so lange sie sich mit dem Fotografieren beschäftigten, hatten die Studenten freie Hand.

Die meiste Zeit verbrachten sie in den Dunkelkammern, die sich am Ende des Seminarraums befanden, abgetrennt durch schwarze, lichtundurchlässige Vorhänge. Ein Grund, weshalb es so einfach war, ihnen nahe zu sein. Im verführerischen Licht der Dunkelkammerbeleuchtung beugte ich mich schon mal zu einer Studentin, um ihr bei einer Vergrößerung zu helfen, und wenn ihr Haar dann nach Erdbeershampoo duftete, ihr Körper nach Lavendel, wenn ich dicht genug neben ihr stand, um ihren Pfefferminzkaugummi zu riechen, dann war mir klar, dass wir uns im Anschluss treffen, zusammen essen oder ins Kino gehen, wenn nicht sogar mehr machen würden. So wurden wir Freunde, Karen und ich. Das Problem war nur, dass ich mich zu schnell verliebte. Wäre es mir doch nur gelungen, irgendwie auf Abstand zu bleiben, mich gefühlsmäßig weniger reinzuhängen.

Die Nacht wird schlimm werden, dachte ich bei mir. Die erste Nacht nach einer Trennung ist immer die schwerste. Ich bin wie ein Drogenabhängiger auf Entzug. Das beschreibt es, glaube ich, was weibliche Gesellschaft für mich ist: eine Droge. Und das Alleinsein bedeutet Entzug. Allein. Schon der Klang dieses Wortes vermittelt Einsamkeit. Wie sehr ich mich auch bemüht habe, es sieht nicht so aus, als könnte ich mich daran gewöhnen. An das Alleinsein.

II

Ich packte das Ende des Teppichs und zog ihn bis zur Wohnungstür. Dann linste ich in das Treppenhaus. Das Paar, das oben wohnte, zeigte sich dieser Tage selten. Ich zog den Teppich zur Haustür und spähte nach draußen.

An der Ecke, in zweiter Spur, stand ein orangefarbener Gremlin mit laufendem Motor, doch niemand saß auf dem Fahrersitz. Dahinter Einfamilienhäuser, eine ganze Reihe, dicht an dicht, wie Monopoly-Spielsteine, alle hinter den geschlossenen Vorhängen erleuchtet. Zum ersten Mal fiel mir auf, wie sehr jede Vorderfront einem Gesicht ähnelte: rechts und links der Eingangstür ein Fenster, davor eine Veranda aus Holz, die mich anzugrinsen schien. Für dieses Publikum fühlte ich mich noch nicht gewappnet, also drehte ich mich um, wollte den Teppich wieder in mein Apartment ziehen, als im selben Augenblick ein junger Mann mit langem, glattem Haar die Verandastufen vor dem zweiten Haus hinunterhüpfte, sich hinter das Steuer des Gremlin setzte und mit viel Lärm davonfuhr. Für mich ein Zeichen, den Teppich die Vordertreppe hinunterzuziehen und weiter zum Kombi zu zerren. Als ich die Tür zur Rückbank öffnen wollte, fand ich sie verschlossen. Sämtliche Türen waren verschlossen. Ich hatte die Schlüssel nicht. Ich blickte mich um, die Straße war immer noch menschenleer, jedes Haus hatte immer noch sein Pokerface aufgesetzt, niemand schien einen Blick aus ihren Augen zu riskieren; als dagegen mein Blick auf den Teppich zu meinen Füßen fiel, wurde mir mit Schaudern klar, wo die Schlüssel sich befanden. An dergleichen hatte Karen ihren Spaß. Nur um ihr zu zeigen, dass ich das nicht witzig fand, dachte ich daran, den Teppich direkt auf dem Bürgersteig aufzurollen. Allerdings war es nur eine flüchtige Überlegung.

Ich packte das Ende des Teppichs und zog ihn die Stufen hoch, zog und zerrte ohne nennenswerten Erfolg, bis plötzlich der Körper am anderen Ende herauszurutschen begann und sich die Spitzen von Karens Sneakers zeigten. Ich sprang die Stufen hinunter, brach mir dabei fast den Knöchel, hob den Teppich in der Mitte an und lehnte ihn seitlich gegen die Treppe. Mit allergrößter Anstrengung wuchtete ich ihn hoch, Stufe für Stufe, bis er vor der Tür lag, dann schleifte ich ihn durch den Hausflur und in mein Apartment.

Meine Arme brannten vor Ermüdung — die Kräfte, die ein von Urängsten produzierter Adrenalinstoß angeblich freisetzt, werden gemeinhin überbewertet. Plötzlich ein Schrei. Mit stockendem Atem starrte ich auf das Objekt mitten im Zimmer, als eine Möwe draußen an meinem Fenster vorbeiglitt und davonflog. Ich saß auf der Couch, um mich zu beruhigen, doch nur einen Moment später drang ein Geruch vom Teppich zu mir herüber; kein sehr angenehmer Geruch.

Ihre Leiche hatte sich nicht verändert, nur war jetzt offenkundig, dass sie vorn und hinten beschmutzt war. Während ich die Taschen durchsuchte, den Körper abtastete, bekam ich das Zittern meiner Hände nicht unter Kontrolle. Zweimal durchsuchte ich sie, jede einzelne Tasche, konnte die Schlüssel aber nicht finden. Inzwischen waren Karens Lippen blau, die Mundwinkel verzogen zu einem verzerrten, bitteren Grinsen.

Mit Ärger und einem Anflug von Trotz machte ich mir Mut, hob den Hörer ab und wählte die Auskunft; beim Anblick eines Schlossers würde Karen das Grinsen schon noch vergehen. Doch dann versetzte mir der Aberwitz meiner Idee eine Ohrfeige mit seiner von Schuppenflechte gezeichneten Hand (Mutter Benedicta hatte so eine Hand). Ich konnte doch keinen Fremden mit hineinziehen, belastende Dokumente wären die Folge, Beweise, dass etwas Ungewöhnliches sich ereignet hatte. Verdammter Mist! Was nun? Moment mal!

Ich knallte den Hörer auf und rannte ins Schlafzimmer, durchsuchte das Bettzeug, langte unter das Bett. Was ist kalt und klimpert?

Als der Wagen erst einmal offen war, ging ich zurück ins Haus und zog den Teppich wieder nach draußen. Dieses Mal war er leichter oder vielleicht gewöhnte ich mich auch nur daran, Teppiche mit toten Exfreundinnen darin zu transportieren. Ich hievte das eine Ende auf die Rückbank und war gerade dabei, den Rest hineinzudrücken, als eine Stimme mich zusammenfahren ließ.

Sie gehörte John Connor, dem Mieter aus dem ersten Stock, der jetzt von der Straßenecke auf mich zukam.

»Warten Sie, ich helfe Ihnen«, sagte er.

»Danke, nicht nötig, John. Es ist nicht schwer. Ich hab’s gleich.«

Aber er stellte seine offene Dose Budweiser auf das Dach des Wagens, ging auf die andere Seite und zog das Ende des Teppichs auf die Rückbank. Schnell schlug ich die Tür zu, John Connor trat auf den Bürgersteig und nippte an seinem Bier.

»Danke, John.«

»Gern geschehen. Ich kann Ihnen auch bei dem andern Kram helfen.«

»Nein, ist schon okay. Wir sind fast fertig. Danke.«

John Connor begutachtete die Sohlen seiner Schnürstiefel, Arbeitsschuhe mit Stahlkappen, die Schnürsenkel offen, dann wanderte sein Blick über den Bürgersteig.

»Muss irgendwo in Hundescheiße getreten sein«, sagte er.

»Ja«, pflichtete ich ihm bei. »Ich auch. Den Leuten hier ist es ziemlich egal, wo ihr Hund sich erleichtert.«

»Tut mir leid, das mit Ihnen und Karen«, sagte er.

»So was passiert eben«, erwiderte ich. »Was soll man machen?«

»In meinem Fall heißt das ›und tschüss‹.« Er sah mich an. Zum ersten Mal hörte ich von Eheproblemen über mir. »Aber ihr wart ja nicht verheiratet«, fuhr er fort, »ich denke, das ist ein Unterschied.«

»Würde ich auch so sehen.«

»Ist Karen drin? Ich hatte noch keine Gelegenheit, mich von ihr zu verabschieden.«

»Äh ... ja ... nun, sie ist gerade einkaufen, noch ein paar Dinge für die Fahrt besorgen. Aber ich sage ihr, dass Sie sich nach ihr erkundigt haben.«

Ich ging zur Heckklappe und fing an, die Kartons auf der Ladefläche umzustellen. John Connor starrte auf den Boden.

»Hey, James, ich glaube, ihr habt was vergessen.« Er hielt Karens Sneaker in der Hand.

»Wo haben Sie den denn gefunden?«, fragte ich.

»Hier, auf dem Bordstein.«

Ich sah mir den Schuh an. »Ja, der gehört Karen. Ich packe ihn gleich in einen von den Kartons. Danke, John.«

»Na dann noch einen schönen Abend«, sagte er und ging die Stufen hoch.

Ich stand noch immer vor der geöffneten Heckklappe und bemerkte, dass John Connor mich beobachtete. Also schob ich noch ein paar Kartons hin und her, tat so, als wäre ich mit etwas äußerst Wichtigem beschäftigt, aber er blieb im Hauseingang stehen. Was nur gab es für ihn zu glotzen? Endlich verschwand er im Haus. Ich schlug die Heckklappe zu, wartete einen Moment, bis John den obersten Treppenabsatz erreicht haben musste, schloss die Türen des Kombis und ging in mein Apartment.

Die Bucht schmiegte sich an die gesamte Nordseite der Stadt. Es gab Dutzende alter Piers und Anlegestege, einsam gelegene Piers, wo ein Auto völlig unbemerkt versenkt werden konnte. Ich wusste von einem ganz speziellen, der weit genug aufs Wasser hinausführte und der sich in unmittelbarer Nähe der Knockout Alley befand, die ihren Namen den alle siebenunddreißig Minuten stattfindenden Schlägereien zwischen betrunkenen Handelsmatrosen verdankte und wo niemand einem Wagen Beachtung schenken würde, der ohne Licht fuhr. Einem Wagen mit einem zu entsorgenden Teppich auf der Rückbank.

Außer dem Glitzern des Wassers vor mir konnte ich nichts erkennen. Langsam rollte ich auf den Pier, ließ die Reifen jede lose Planke überwinden. Das morsche Holz knackte und verschob sich unter dem Gewicht des Wagens und ich befürchtete, der Pier würde jeden Moment auseinanderbrechen, doch stoisch erkämpfte sich der Kombi Zentimeter für Zentimeter, bis das Wasser nur noch gut drei Meter entfernt war. Ich hatte gerade behutsam Gas gegeben, als der Wagen plötzlich nach vorn absackte und ich mit einer Wucht gegen das Lenkrad geworfen wurde, als hätte mir jemand einen kräftigen Schlag auf den Hinterkopf verpasst. Der Motor brüllte los wie ein Dinosaurier und die Hupe dröhnte unter dem Druck, den mein Gewicht ausübte. Ich musste beide Hände einsetzen, um mich zurück in den Sitz zu drücken. Dann stellte ich den Motor ab. Bereits in der Minute, als ich dasaß und zu begreifen versuchte, was gerade passiert war, bildete sich eine Beule an meiner Stirn. Ich tastete danach. Etwa kirschgroß. Mist! Ich kletterte aus dem Wagen und sah, dass die Stoßstange bis zu den Scheinwerfern in einem gut ein Meter tiefen Loch steckte. Die Straße hinter mir lag dunkel und verlassen da, also hatte mich bisher niemand gesehen; doch wie lange konnte ich darauf vertrauen, dass dieser Zustand anhielt? Ich schob mich wieder hinter das Lenkrad und ließ den Motor an. Doch weder im Vorwärts- noch im Rückwärtsgang rührte der Wagen sich von der Stelle, hilflos drehten sich die Hinterreifen oberhalb der Planken.

Also stieg ich aus und sah mich nach einer losen Holzplanke um, nach irgendetwas, was ich unter die Reifen schieben konnte, damit sie Halt fänden. Ich mühte mich, den Wagen mit den Händen herauszuheben. Vielleicht wenn er leer wäre? Lächerlich. Nur den Teppich versenken? Noch lächerlicher.

Zwei Scheinwerfer zerschnitten die Dunkelheit — ein Paar anklagender Augen — und ich duckte mich hinter dem Kombi. Eine schwarze Limousine fuhr auf den Pier zu. In meiner Brust machte sich ein Brennen bemerkbar — vor zwei Jahren hatte man bei meinem Vater Angina Pectoris diagnostiziert, vielleicht war das erblich. Die Limousine fuhr bis zu dem Stoppschild an der nächsten Kreuzung und hielt dort. Ein Viertürer mit Dachgepäckträger, der Innenraum ein undurchsichtiges schwarzes Loch, doch ich war mir sicher, dass der Fahrer mich sehen konnte. Vielleicht ein pensionierter Cop, der durch die Straßen patrouillierte, um kriminellen Umtrieben auf die Spur zu kommen. Er stand dort siebenunddreißig Sekunden — ich weiß es, weil ich mitzählte. Mein Hemd klebte an mir wie eine zweite Haut und die Luft in meinen Lungen war das reinste Gas, zum Ersticken. Ich malte mir aus, wie der kalte Stahl seiner Handschellen in meine diesbezüglich noch jungfräulichen Handgelenke schnitt, vielleicht, wenn ich mich höflich verhielte, würde er sie lockern. Ich beschloss, zu kooperieren, alles zu erklären, soweit es mir möglich war, und mich der Gnade des Gerichtes anheimzugeben. Ich verließ meine Deckung, lehnte mich hinten gegen den Kombi und machte mir schon mal Gedanken über Form und Inhalt meines Geständnisses, darüber, welchen Anzug ich während des Prozesses tragen würde — ganz wichtig: Augenkontakt zu den Geschworenen halten —, als die Kegel der Scheinwerfer nach links, in eine Seitenstraße wanderten. Er war weg.

Ich musste feststellen, dass sich etliche Kartons verschoben hatten, öffnete die Heckklappe und rückte sie zurecht; dabei entdeckte ich unter zwei Plastikbeuteln einen Metallgriff: Das Fach für den Ersatzreifen.

Mit jedem Klicken des Wagenhebers verbog sich die Stoßstange und quietschte, bewegte sich aber zentimeterweise aus dem Loch heraus, bis die Hinterreifen den Pier berührten. Ich machte es mir hinter dem Steuer bequem und ließ den Motor an. Der Wagenheber schwankte kurz, ich hielt den Atem an, rührte mich nicht, dann senkte er sich und ich schaltete in den Rückwärtsgang und trat das Pedal durch. Der Kombi machte einen Satz zurück und stieß mit einem lauten Krachen gegen das Geländer des Piers.

Mit eingeschalteten Scheinwerfern manövrierte ich vorsichtig um das Loch herum und gelangte schließlich zum Ende des Piers. Ich ließ den Wagen im Leerlauf. Meine Beine zitterten; ich konnte meinen Fuß kaum auf der Bremse halten. Ich holte tief Luft und zählte bis zehn. Einer meiner früheren Studenten, ein Yoga-Freak, hatte es mir gezeigt und gemeint, dass man sich so entspannen könne. Es schien zu funktionieren, obwohl es das bisher nie getan hatte.

Ich machte alle Fenster auf, stieg aus dem Wagen und stellte mich neben die Fahrertür. Der Teppich lag friedlich auf der Rückbank. Es war eine feuchte Nacht und kühl; Wasser, schwarz wie Tinte, schwappte gegen die Stützpfeiler des Piers.

Das ist es, dachte ich. Der sprichwörtliche Scheideweg, dem man in Biographien begegnet, wo große Männer sich entscheiden, entweder ihren Ruhm und Ehre versprechenden Träumen zu folgen oder doch lieber den trockenen Job bei einem Postamt anzunehmen. Zugegeben, die Situation hier stellte sich ein wenig anders dar, dennoch, es war nicht übertrieben zu sagen, dass die nächsten sechzig Sekunden jeden Gedanken, jede Handlung meines restlichen Lebens und die Zeit danach prägen würden. Ich faltete die Hände und betete das Vater-unser, doch so auswendig heruntergeleiert, gaben die Worte mir nichts. Ich fühlte mich angespannt, hatte Angst, vor allem jedoch war ich durcheinander. Ich war kein Killer, hatte in meinem Leben niemandem bewusst Schaden zugefügt, und jetzt? Wo blieb die Reue? Weshalb tat es mir nicht mal ein wenig leid?