Plötzlich vertauscht - Stefanie Gerstenberger - E-Book

Plötzlich vertauscht E-Book

Stefanie Gerstenberger

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Beschreibung

Body Switch: Junge wird Mädchen und Mädchen wird Junge Alle Mädchen in der Siebten finden den Neuen süß. Auch Isa: haselnussbraune Augen, verstrubbelte Haare – ach, Anthony ist sooo cool. Doch er hat ein geheimes Hobby, von dem Isa zufällig erfährt. Und noch während sie sich fragt, wie cool ein Typ sein kann, der in seiner Freizeit so viel Haargel benutzt und Hemd und Fliege trägt, passiert etwas Magisches: Isa landet in Anthonys Körper – und umgekehrt. O nein!!! Sie müssen diesen oberpeinlichen Körpertausch unbedingt rückgängig machen! Ein magisches Leseabenteuer mit Slapstick-Humor vom Feinsten – von der Autorin der beliebten Serie »Die Wunderfabrik«

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Stefanie Gerstenberger

Plötzlich vertauscht

Roman

 

 

 

 

Über dieses Buch

 

 

Body Switch: Junge wird Mädchen und Mädchen wird Junge

Alle Mädchen in der Siebten finden den Neuen süß. Auch Isa: haselnussbraune Augen, verstrubbelte Haare – ach, Anthony ist sooo cool. Doch er hat ein geheimes Hobby, von dem Isa zufällig erfährt. Und noch während sie sich fragt, wie cool ein Typ sein kann, der in seiner Freizeit so viel Haargel benutzt und Hemd und Fliege trägt, passiert etwas Magisches: Isa landet in Anthonys Körper – und umgekehrt. O nein!!! Sie müssen diesen oberpeinlichen Körpertausch unbedingt rückgängig machen!

Ein magisches Leseabenteuer mit Slapstick-Humor vom Feinsten – von der Autorin der beliebten Serie »Die Wunderfabrik«

 

 

Weitere Informationen finden Sie unter www.fischerverlage.de/kinderbuch-jugendbuch

Biografie

 

 

© Marion Koell

 

Stefanie Gerstenberger, geboren 1965 in Osnabrück, hat schon immer die Zutaten, die das Leben einem so gibt, nach eigenem Geschmack neu gemischt. Nach dem Studium und Stationen unter anderem bei Film und Fernsehen begann sie, selbst zu schreiben. Mit ihren zahlreichen Romanen für Erwachsene (Das Limonenhaus) und für Jugendliche (Zwei wie Zucker und Zimt) ist sie schon seit langem einem großen Publikum als erfolgreiche Autorin bekannt. Inzwischen hat sie sich mit der Serie Die Wunderfabrik auch einen Namen als Kinderbuchautorin gemacht. Stefanie Gerstenberger lebt mit ihrer Familie in Köln.

 

Weitere Informationen zum Kinder- und Jugendbuchprogramm der S. Fischer Verlage finden Sie unter www.fischerverlage.de

1. Kapitel

Nein! Sie hatte absolut keine Lust, Anthony gleich zu begegnen. Isa blieb einen Moment lang am Straßenrand stehen und starrte auf die Zehen in ihren Sandalen. Aber sie hatte eben nicht nein sagen können, sie konnte nie nein sagen.

Der Bus, aus dem sie gerade ausgestiegen war, verschwand um die Kurve. Isa rollte die Arbeitsblätter in ihrer Hand noch etwas fester zusammen. Nur weil Anthony krank war und sie in seiner Nähe wohnte, musste sie ihm doch nicht seine Hausaufgaben bringen! Aber es war nun mal Frau Kohlrausch gewesen, die sie darum gebeten hatte. Isa hätte auch einen Handstand gemacht, wenn Frau Kohlrausch das von ihr verlangt hätte, denn Frau Kohlrauch war die beste Lehrerin überhaupt. Und zufällig konnte Isa einen Handstand.

»Ich muss ihn ja gar nicht sehen«, sagte sie leise vor sich hin. Sie war oft allein und sprach deswegen manchmal mit sich selbst.

»Ich werfe die Arbeitsblätter nur in den Briefkasten und laufe dann ganz schnell nach Hause.« Hoffentlich gibt es außen an der Tanzschule überhaupt was zum Einwerfen, dachte sie, während sie auf das alte Gebäude zuging, das einmal die Dorfschule von Otterstedt gewesen war. Dunkle Balken zwischen rotbraunen Ziegelsteinen, eine Reihe vieler kleiner Fenster. Auf dem Dachfirst hockte eine Turmuhr mit einer Wetterfahne. Zwei mächtige Eichen streckten von rechts und links schützend ihre Kronen darüber.

Ein paar Jahre hatte hier alles leer gestanden, bevor Anthonys Eltern aus England gekommen waren und die Ballroomdancing-for-Kids-School eröffnet hatten. Der grellgelbe Schriftzug über den ehemaligen Klassenfenstern war nicht zu übersehen. Darunter stand: The Durhams – We are the best and only take the best! Wir sind die Besten und nehmen nur die Besten.

Isa fand den Spruch blöd. »Und was ist mit den normalen Kindern?«, sagte sie leise. »Die müssen draußen bleiben, oder was?«

In England waren die Durhams angeblich berühmt, in Isas Klasse wusste das nur niemand. An ihrer Schule, der Albert-Schweitzer-Gesamtschule in Bremen, war Anthony unter dem Namen Anthony Wheyer angemeldet, er trug schwarze Hoodies, machte auf kapuzenpullovercool und tat so, als ob er noch nie etwas vom Tanzen gehört hätte. Er sprach sehr gut Deutsch, aber natürlich hörte man, dass er aus England kam, die meisten Mädchen fanden das voll süß, doch er erwähnte die Schule seiner Eltern mit keinem Wort. Warum eigentlich nicht?

Isa zuckte mit den Schultern. Als ob sie ihn das jemals fragen würde … Anthony Durham – oder auch Wheyer – und seine Familie waren ihr ziemlich egal.

Isa überquerte den Hof. Er war von Autos zugestellt, aber Kinder, die von ihren Eltern sogar aus Hamburg oder von noch weiter weg hergebracht wurden, waren an diesem Tag nicht zu sehen. Keine Jungs, die brav und konzentriert aussahen, keine Mädchen mit langen Mähnen oder dicken Haarknoten auf dem Kopf, die wichtig schauten und deren Trainingsklamotten bedeutsam glitzerten.

Dafür stand ein großer weißer Lastwagen vor dem Eingang, auf dessen Ladefläche schwarze Kabelrollen und Stative lagen. Eine kräftige Frau schleppte gerade einen Scheinwerfer auf ihren Schultern ins Haus. Aus ihrer Hosentasche lugte ein Walkie-Talkie und redete knatternd vor sich hin. Auch ein Wohnmobil, an dem MASKE stand, war zu sehen. Offensichtlich wurde hier gefilmt!

Isa hatte den Eingang erreicht. Nicht der kleinste Briefkasten war hier zu entdecken – wohin jetzt mit den Arbeitsblättern? Sie hielt vor Aufregung die Luft an, als sie nach der Beleuchterin durch die offen stehende Eingangstür huschte.

Neugierig schaute sie sich um. Hier war sie in den ersten beiden Jahren zur Schule gegangen, bevor der Neubau hinten am Wäldchen fertiggestellt wurde. Ihr erster Schultag … wie lange war das schon her? Jetzt war sie fast dreizehn und schon beinahe fertig mit der Siebten!

»Die Bodenfliesen sind jedenfalls noch dieselben und die kugeligen Hängelampen da oben unter den hohen Decken auch«, flüsterte sie sich zu. Doch die Wände waren jetzt golden gestrichen, golden! Und es gab auch nicht mehr die gemalten Kinderbilder von früher, stattdessen hingen dort lauter Fotos von Tanzpaaren, dazu rote Samtvorhänge, Spiegel mit verschnörkelten goldenen Rahmen und eine Vitrine mit angeleuchteten Pokalen. Überall standen Scheinwerfer herum, und ein paar dicke Kabel waren mit Klebeband auf dem Boden festgeklebt. Aus einem der Räume kam plötzlich laute Musik, so schwungvoll und rhythmisch, dass es Isa sofort in den Füßen zuckte, irgendwer rief: »Eins, zwei, Cha-Cha-Cha!«

Wahrscheinlich dreht sich da nur ein einzelnes Paar vor der Kamera, dachte Isa. So eine Tanzschule ist das doch … Only the best! Nur die Besten! Na und? Sollten sie doch.

Trotz des Zuckens in ihren Füßen mochte Isa nicht tanzen. Seitdem das mit Mama passiert war, konnte und wollte sie nicht mal mehr an so was wie Tanzen denken. Und außerdem musste man bei dieser Art von Tanzschul-Tanzen den anderen ja auch anfassen. Der Junge das Mädchen, das Mädchen den Jungen. Na, danke, nicht mit ihr!

Isa schnaubte leise durch die Nase. Nein, ihre alte Schule war das leider nicht mehr, das hier war fremd und viel zu golden, andererseits aber auch ziemlich cool! Die Engländer hatten einen märchenhaften kleinen Palast aus dem Gebäude gemacht. Isa hätte sich gerne noch weiter umgeschaut, doch sie hatte ja eine Aufgabe: Anthony finden.

»Vielleicht ist er in seinem Zimmer? Im Bett?«, dachte sie laut. Sie presste die Lippen zusammen, als sie sich vor Anthonys Bett stehen sah. Er trug bestimmt gestreifte englische Pyjamas … wie Harry Potter. Ihre Mundwinkel zogen sich lächelnd nach oben, als jemand aus einem der ehemaligen Klassenzimmer geschossen kam und unsanft mit ihr zusammenstieß.

»Aua!« Isa rieb sich die Schulter. Der Jemand war ein bisschen größer als sie, trug einen schwarzen Anzug mit langen Zipfeln an der Jacke und ein weißes Hemd. Auch eine weiße Fliege konnte Isa an seinem Hals erkennen. »Oh, sorry!«, sagte er.

»Schon gut«, murmelte Isa mit niedergeschlagenen Augen und lief weiter. Wohin, wusste sie nicht, nur weg, sie konnte mit fremden Menschen nicht gut reden … Doch schon nach zwei Schritten drehte sie sich mit einem Ruck wieder um. »Anthony?!«

War das wirklich Anthony, der da mitten im Flur neben einem Scheinwerfer stand? Er hatte einen strengen Seitenscheitel, man sah die Rillen, die der Kamm in seine gel-nassen, zurückgekämmten Haare gezogen hatte. In dem Frack sah er aus wie ein … Zauberer? Fehlten nur noch der Zylinder und ein weißes Kaninchen!

»Anthony!«, sagte Isa wieder, ihr Mund blieb offen.

»Und wenn’s so wäre?«

Isa klappte den Mund zu. »Ähm. Hallo.« Sie wedelte mit der Arbeitsblätterrolle, die sie noch immer in ihrer Hand hielt. »Ich soll dir das hier bringen!«

»Ach, nee. Da wird das freaky Friedhofsmädchen auch noch mit dem Schulkram zu mir geschickt«, murmelte er.

Das was? Wie hatte er sie genannt? FreakyFriedhofsmädchen? Nur weil sie neben dem Friedhof wohnte und ihr Vater Steinmetz war? Unfassbar. Unfassbar gemein!

»Sag bloß niemandem, dass du mich so gesehen hast«, raunte Anthony. Er hatte die tiefste Stimme in der Klasse, die in diesem Moment äußerst schlecht gelaunt klang. »Verstanden?« Er rückte seine Fliege am Hals zurecht. »Geht keinen was an.«

Automatisch nickte Isa. Sie konnte gerade noch ein völlig unpassendes »Danke« daran hindern, aus ihr hinauszuschlüpfen, doch dann hob sie ein wenig den Kopf, um ihn heimlich anzuschauen. Er hatte künstliche Bräune im Gesicht, etwas zu auffällig, etwas zu orange. Der coole Anthony mit den schwarzen Kapuzenpullis war plötzlich ein braver dreizehnjähriger Junge mit orangenem Selbstbräunergesicht!

Ha! Isa wünschte, alle Mädchen aus der Klasse, die Anthony so toll fanden, könnten ihn mit diesen fiesen Haaren sehen!

»Und wenn doch?«, platzte es aus ihr hervor.

»Wenn was?«, fragte er genervt zurück.

»Wenn ich es doch erzähle?« Isa kreuzte die Arme vor der Brust und zog ihr Kinn zurück. Dabei waren ihr die blöden Zettel im Weg. Sie nahm ihren Rucksack ab und steckte sie hinein.

Anthony sah sie an, als ob er einem sehr kleinen, sehr bockigen Kind etwas erklären müsste. »Nein. Das machst du nicht. Das wäre totaler Mist.«

Isa wusste nicht, wo der nächste Satz herkam: »Dann zeig mir eure Tanzschule.«

»Warum das denn? No way!« Er schüttelte seinen geschniegelten Kopf.

»Weil ich mal hier zur Schule gegangen bin? Und jetzt sieht alles so anders aus.«

»Ich tanz dir aber nichts vor.« Er schaute ihr in die Augen, guckte nicht weg.

»Brauchst du nicht.« Isa grinste ihn an, plötzlich so mutig und glücklich wie seit langem nicht mehr. »Kann’s mir schon vorstellen!«

Anthony riss seine Augen von ihren los und verdrehte sie stattdessen mit einer witzigen Grimasse zur Decke. »Okay«, sagte er. »Aber dann … sagst du nichts. Versprochen?«

Versprochen. Isa streckte zwei Finger in die Luft, als ob sie etwas schwören würde, und versuchte, nicht mehr zu grinsen.

Ja, okay, in der Klasse hatte auch sie ihn manchmal angestarrt, wenn er an der Tafel stand. (Und meistens nicht viel wusste.) Er hatte warme, haselnussbraune Augen, mit langen Wimpern drum, seine Haare waren dunkelblond und gerade richtig lang, um sie gewollt unordentlich und verstrubbelt zu tragen. Nie sah er gestylt aus, aber natürlich musste er dafür morgens lange vor dem Spiegel stehen, jede Wette! Alle Mädchen fanden ihn sweeeet. Sie auch. Aber falls sie jemand danach fragen würde, gäbe sie es natürlich niemals zu.

Mit seinen angeklatschten Haaren und dem Anzug hier schien er so höflich, so erwachsen, vernünftig und … freundlich. Das war’s, dieser Anzug und das weiße Hemd machten aus ihm einen freundlichen Menschen! Doch leider knurrte der freundliche Mensch nur: »Na gut. Das hier ist der Flur, siehst du ja, da hinten um die Ecke sind die Toiletten, wie früher, das da ist eine Vitrine. Da sind Pokale drin. Das da ist ein Scheinwerfer. Das da ist ein Spind.«

»Sehr nett! Tolle Führung.« Isa schaute ihn genervt an, dann blieben ihre Augen an dem grauen Spind hängen, der überhaupt nicht zwischen das Gold, den Samt und die glitzernden Pokale passte. Er sah aus wie einer dieser Schränke in alten Turnhallen, aus denen einem Bälle entgegenkullern, sobald man eine der beiden Türen aufmacht. Türen, an denen bei diesem Exemplar übrigens Blumen hingen.

»Warum steht der hier? Warum hängen die da?«, fragte sie und wies auf die rosa Rosen, die an ihren Stielen Hals über Kopf von den Lüftungsschlitzen der Spindtüren herunterbaumelten.

»Wo? Ach, die? Keine Ahnung. Hat die Tochter der Beleuchterin wahrscheinlich drangesteckt. Die macht manchmal so Sachen.« Er lief an dem rosengeschmückten Metallspind vorbei, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen.

»Hier ist Ballroom one, da vorne Ballroom two.« Anthony zeigte auf die verschiedenen Türen, an denen er hastig vorbeieilte. »So nennen wir die Tanzsäle in den ehemaligen Klassenzimmern.« Weiter ging es in abgehackter Redeweise: »Hier vorne links hat mein Vater sein Büro, und in dem kleinen Raum daneben ziehen die Schüler sich um.«

Er blieb endlich stehen, und Isa nickte, als ob sie alles von seinem überstürzten Vortrag verstanden hätte. Sie hatte eigentlich gerne in die Klassenräume schauen wollen, aber Anthony war so hektisch. »Seit wann tanzt du?«

»Ach, schon immer. Soll aber keiner wissen.« Er hob sein Kinn und sah nun wieder typisch Anthony-mäßig arrogant aus.

»Und jetzt wirst du dabei auch noch gefilmt?« Sie gingen weiter, und Isa stolperte über eines der dicken Kabel am Boden und wäre beinahe lang hingeschlagen, wenn Anthony sie nicht am Arm festgehalten hätte. Schnell ließ er sie wieder los.

»Ja. Das wird eine Serie über unsere Familie«, sagte er. »Kommt im November ins Fernsehen.«

»Aber dann sehen die in der Schule dich ja sowieso in diesem Outfit!«, rief Isa aus.

»Dann bin ich längst weg.«

»Wohin gehst du denn?«, fragte sie.

Er zuckte mit den Schultern und sah für ein paar Sekunden ziemlich trotzig aus. »Zurück nach England? Nach Manchester ins Internat? Da habe ich Ruhe vor meinen Eltern und kann wieder bei meinem alten Tanzlehrer trainieren.«

Isa wusste nicht, was sie antworten sollte, also zeigte sie auf das Schild vor einer offenen Tür, auf dem Privat, no entrance / kein Zutritt stand. »Und wo geht es da hin?«

»Da geht’s zu unserer Wohnung, die Tür ist sonst geschlossen. Auch die Eingangstür der Schule ist immer zu. Wir haben sogar einen Code und eine Alarmanlage! Aber heute wird eben überall gedreht.«

Wie zur Bestätigung kamen jetzt ein paar Leute mit silbernen Kisten den Flur entlang und stapften an ihnen vorbei in die Wohnung.

»Hallo, Anthony«, sagte einer von ihnen. Isa war froh, dass niemand sie grüßte und beachtete. »Das stelle ich mir anstrengend vor«, sagte sie schnell. »Musst du auch sprechen? Hast du Text und so?«

»Ja, ein bisschen. Aber ich mach sowieso, was ich will.«

Aha? Glaube ich nicht, dachte Isa.

»Und du kannst also nicht tanzen.« Bei dieser Feststellung hob Anthony sein Kinn. Wie überheblich war das denn?

»Ich? Na ja, schon. Aber anders als ihr hier …« Isa hoffte, dass sie nicht rot würde. Warum hatte sie ihm überhaupt geantwortet?

»Möchte ich das sehen? Nee, oder?« Etwas in seiner Stimme lachte sie aus, aber auf eine nette Weise. Der freundliche Mensch war wieder da.

»Oh, doch. Du würdest begeistert sein!« Sie sahen sich an, dann grinsten sie beide. Verdammt, mal bist du nett, dann wieder nicht, dachte Isa mit einem kleinen Kribbeln im Magen, wie bist du denn jetzt wirklich, Anthony? Egal. Ich will dich nicht gut finden.

»Anthony!«, rief jemand in diesem Augenblick aus der Wohnung der Durhams. »Wo ist der Junge?«

»Hier!«, rief er und sah Isa kurz an. »Ich muss rein. Oder möchtest du mitkommen, das Filmteam kennenlernen?«

Isa schüttelte den Kopf. Sie mochte erwachsene Menschen nicht besonders und fremde erwachsene Menschen, viele fremde erwachsene Menschen, schon mal gar nicht. Vor denen brachte sie kein Wort raus. »Nein, danke.«

»Anthony?«, rief die Stimme erneut. »Was machst du denn schon wieder?«

»O Mann, lasst mich doch alle in Ruhe«, flüsterte er, um danach laut zu rufen: »Nichts Wichtiges. Ich komme!« Ohne Isa noch einmal anzuschauen, verschwand er in der Wohnung und ließ sie stehen.

Isa drehte sich um und rannte über den Flur zurück. Nichts Wichtiges. Sie war nichts Wichtiges. Er war eben doch ein arroganter Angeber, sie hatte es ja gewusst.

2. Kapitel

Für eine Minisekunde konnte er ja echt nett sein, dachte Isa, während sie aus der Tanzschule lief. Sie spurtete über die Zufahrt, wandte sich nach rechts und ging dann zügig die Straße hinunter. Möchte ich das sehen? Nee, oder?, hatte er gefragt, und dann hatten sie sich angelächelt. Der warme Wind fuhr in die großen Platanen, ein golden gesprenkelter Blätterschatten lag auf der schmalen Fahrbahn. Isa beschloss, ihre Hausaufgaben am Tisch im Garten zu machen …

Zwei Minuten später hatte sie den Friedhof erreicht.

»Hey, ihr beiden. Alles klar bei euch? Habt ihr den Hühnern wieder das Essen geklaut?« Vor dem Tor trippelten wie so oft Mamas Pfauen herum. Franz 1 und Franz 2. Sie taten zwar unbeteiligt, pickten mal hier, mal da mit ihren kleinen, stumpfen Schnäbeln auf den Boden, doch sie warteten auf Isa, ganz eindeutig.

Sie steuerte auf eines der Gräber zu. Es lag am schönsten Platz des ganzen Friedhofs, halb bedeckt vom Schatten eines Astes der gigantischen Rotbuche, und doch sonnig. Jeden Morgen und jeden Mittag blieb Isa dort stehen, goss die Rosenbüsche, wenn es heiß war, oder stand, wie in diesem Moment, einfach nur ein bisschen da.

Danach ging sie zu der kleinen Pforte in der Mauer, zu der nur sie einen Schlüssel hatte, und öffnete sie. Die Pfauen marschierten wie Hunde hinter ihr her. Behutsam schloss Isa das Törchen wieder, darauf bedacht, nicht die langen Schweife der Vögel einzuklemmen, die eine Handbreit über dem Boden hingen.

Links von ihr lag die Werkstatt ihres Vaters. Papa war nicht nur ein Steinmetz, der ganz besondere Grabsteine entwarf und dann aus großen Felsblöcken haute, er war auch ein echter Künstler! Er hatte Tierfiguren und menschliche Statuen aus Marmor geformt. Wie eine Familie aus Stein standen sie an der Natursteinmauer, die Hof, Wohnhaus, Garten und Werkstatt umgab.

Isa streifte den Brunnen im Vorbeigehen mit der Hand. In dem flachen Wasserbecken waren früher Seerosen gewachsen. Seit drei Jahren lag es trocken, nur das Regenwasser bildete manchmal traurige Pfützen darin. Kein lustiges Wasserplätschern, und auch die Libellen waren weg. Seit es Mamas Blumenladen nicht mehr gab, seit es Mama nicht mehr gab, war hier alles ziemlich viel trauriger. Deswegen brachte Isa auch keine ihrer beiden Freundinnen aus der Schule in Bremen mit, lieber ging sie zu ihnen.

Jetzt winkte Isa ihrem Vater durch das offene Rolltor der Werkstatt zu. Wie jeden Tag würde sie gleich ihren alten Overall überziehen, dann in die Küche gehen und sich einen kleinen Nachmittagssnack machen. Für Papa gab es einen Kaffee, den sie ihm mit seinen Lieblingskeksen rüberbrachte. In der Werkstatt saß sie dann auf einem der Hocker, Papa nahm seine Ohrenschützer und die Staubmaske ab, und sie unterhielten sich über all das, was es in der Schule gegeben hatte und was Isa durch den Kopf ging. Jedenfalls über das, was papatauglich war. Manchmal zeigte er ihr auch seine neuen Entwürfe oder wie er mit seiner Arbeit an einem besonders aufwendigen Grabstein zurechtkam. Isa liebte diese gemeinsame Zeit am Nachmittag und hatte das Gefühl, dass auch Papa nicht auf ihre Gesellschaft verzichten konnte. Irgendwann verzog sie sich, um ihre Hausaufgaben zu machen. Abends kochten sie dann zusammen.

Trotzdem war es ihr in den letzten drei Jahren oft schlechtgegangen. Denn vor drei Jahren war Mama an einer kurzen, aber richtig schweren Krankheit gestorben und hatte einen großen Brocken von Isas Lebensfreude mitgenommen. Isa war oft wütend und traurig deswegen, aber das sollte niemand wissen. Sie lächelte manchmal, obwohl sie sich nicht danach fühlte, und sagte etwas zu oft danke. Auch hinter einem »Danke« konnte man sich gut verstecken.

Isa seufzte. Sie hatte eine heimliche Vereinbarung mit … ja, mit wem eigentlich? Das wusste sie selbst nicht so recht. Egal, die Vereinbarung ging jedenfalls so: Wenn sie immer und überall zuverlässig, fleißig und ordentlich war (und danke sagte), wenn sie nicht wütend darüber wurde, dass Mama für immer nicht mehr da war, sondern sich auf die Schule, die Wissenschaften und ihr geliebtes Haselnusskäferprojekt konzentrierte, würde ihr nicht noch mehr Schlimmes widerfahren!

Isa stieß die Luft aus und atmete dann tief ein. Manchmal half das, um den Schmerz und die Trauer um Mama zu vertreiben. Sie vermisste sie so sehr! Ihr Gesicht und ihr Lachen und ihre Arme, in denen sie sie immer gehalten hatte, auch als sie schon groß war. Sie hatten sich manchmal vor lauter Liebe gegenseitig so doll gedrückt, wie sie nur konnten. Zitronen auspressen nannten sie das. Niemand würde jemals wieder mit ihr Zitronen auspressen.

Ja, klar, die täglichen Rituale mit Papa waren auch schön. Sie waren nun mal übrig geblieben und trösteten sich gegenseitig, indem sie einfach beieinandersaßen. Umso unbegreiflicher war es, dass das blöde Gretchen Erckenschweig sich vor drei Monaten bei ihnen eingenistet hatte. Warum Papa das zugelassen hatte, war ihr immer noch ein Rätsel. Plötzlich kam ihr ein Gedanke. Ein ganz schrecklicher Gedanke. Vielleicht war er heimlich in sie verliebt?!

»Papa?«, schrie sie ihn über den Lärm hinweg an. »Findest du Gretchen eigentlich gut?« Gretchen war uralt, oder doch so alt wie Papa? Isa konnte das bei Erwachsenen so schwer einschätzen.

»Was?« Er stellte die Maschine aus, nahm die Ohrenschützer ab, und Isa wiederholte ihre Frage.

»Aber nein, Isi! Wie kommst du denn darauf?« Er schaute sie entsetzt an, legte dann sogar das Schleifgerät beiseite. Aber Isa war skeptisch. Papa nannte sie nämlich nur dann »Isi«, wenn er ihr irgendwas Unangenehmes beibringen wollte oder ein schlechtes Gewissen hatte. »Nun ja«, fuhr er fort, »wir können die Miete, die sie zahlt, wirklich gut gebrauchen, seit Mama …«

Schnell nickte Isa, doch sie sagte nichts.

»Ich weiß, verabredet war, dass sie als Untermieterin nicht ins Haupthaus kommt, sondern in den beiden Räumen im Kutscherhaus bleibt.« Paul Singelstein klopfte sich Staub und kleine Steinbrocken von seiner Jacke.

»Genau. Du hast versprochen, sie benutzt nicht die Küche und nicht unser Badezimmer und nicht unser Wohnzimmer.« Isa hatte Papa geglaubt. Aber er hatte ja auch versprochen, dass Mama wieder gesund würde. Und, hatte er es gehalten? Eben nicht!

»Ich weiß, Isa.« Jetzt war es an ihm, zu nicken.

»Aber sie ist doch in die Küche gekommen. Hat gefragt, ob sie sich mal den elektrischen Quirl leihen kann, hat gefragt, ob sie mal den Ofen benutzen darf, weil es nur zwei Kochplatten in ihrer winzigen Küche gibt.« Isas Stimme wurde immer lauter. »Und nun belegt sie eine Schublade im Küchenschrank, benutzt das WLAN, weil es bei ihr drüben im Kutscherhaus angeblich zu schwach ist, sie sitzt plötzlich im Wohnzimmer und liest die Tageszeitung, sie sagt, sie muss schließlich wissen, was in Otterstedt so los ist. Und warum trägt sie immer eine Sonnenbrille, selbst am Abend? Das sieht echt spooky aus!«

»Vielleicht hat sie hochempfindliche Augen?« Isas Vater kratzte sich am Kinn. »Es wäre unhöflich, sie danach zu fragen. Außerdem dachte ich, sie macht hier ganz in Ruhe ihre Heimarbeit und stört uns nicht …«

Isa mochte es nicht, wenn Papa sich nur so leise verteidigte.

»Ich weiß, sie verkauft ihre Gesichtskosmetik am Telefon. Das ist ja eigentlich auch okay … aber soll sie jetzt etwa jeden Morgen mit ihrer Sonnenbrille bei uns mit am Tisch sitzen dürfen?«

Paul Singelstein zuckte nur die Achseln. »Hast du gesehen, statt Kaffee oder Tee trinkt sie Limonade mit Süßstoff zum Frühstück …«

»… eine ganze Flasche!«, bestätigte Isa. »Und sie bewundert ihr selbst gebackenes Dinkelbrot, mit dieser knallharten, zentimeterdicken Kruste!« Sie lachten.

»Selbst Franz 1 und Franz 2 lassen es in den Hühnerfutternäpfen liegen, und die fressen doch sonst alles, was für die Hühner bestimmt ist!« Isas Vater schüttelte den Kopf.

»Sie ist eine Horror-Köchin!«, sagte Isa. Die sich unauffällig huschend, wie eine Küchenschabe mit dunklen Augengläsern, bei uns eingeschlichen hat, fügte sie für sich hinzu. Gretchen war gruselig, keine Frage, und sehr begabt, immer dort aufzutauchen, wo man sie nicht vermutete. Gott sei Dank fuhr sie ab und zu mit ihrem kleinen silbergrauen Auto weg, dann atmeten das Haus am Friedhof sowie auch seine Bewohner – und selbst Hühner und Pfauen – für eine Weile auf.

»Machst du dir etwas zu essen?«, fragte Papa in diesem Moment.

»Was?«, fragte Isa, so sehr war sie in ihre Gedanken vertieft gewesen. »Ja, gleich. Ach, nein!« Ein kleiner Schreck durchfuhr sie, sie hatte die Seiten für Anthony nicht abgegeben, sondern in ihrem Rucksack vergessen!

Mist! Noch bevor sie in ihren Overall schlüpfen und es sich zu Hause richtig gemütlich machen konnte, musste sie die Blätter loswerden, sie hatte es Frau Kohlrausch versprochen, und Versprechen musste man halten, damit nichts Schlimmes passierte. Da gab es kein Pardon!

»Ich gebe das hier eben noch drüben in der Tanzschule ab, das sind die Hausaufgaben für Anthony. Der war heute krank«, erklärte sie ihrem Vater.

»Drehen die da wieder? Die ganze Straße war heute Morgen zugeparkt, bis runter zum Friedhof.« Ihr Vater grummelte vor sich hin: »Lassen die sich beim Arbeiten filmen, na, die haben Nerven …«

»Bin gleich wieder da, Papa!«

Isa lief den Weg zurück bis zu Tanzschule. Ob sie Anthony wiedersehen würde? Nein, der drehte ja in seiner Wohnung, in die sie bestimmt keinen Fuß setzen würde.

Sie hatte Glück, auf dem Parkplatz standen zwar immer noch die Autos vom Filmteam, aber niemand war zu sehen. Doch, dort vorne an den Fenstern der ehemaligen Klassenräume stand jemand und drückte seine Nase an der Scheibe platt. Ein Jäger, ein Förster? Die Person war mittelgroß, trug einen dunkelgrünen Umhang und einen Hut mit einer Feder dran, über der Schulter hing der Riemen eines Jagdgewehrs. Jetzt schaute sie sich um, als ob sie sich beobachtet fühlte, und entdeckte Isa.

»Guten Tag!«, sagte Isa, denn das gehörte sich so. Der Jäger, oder was immer er auch war, tippte sich mit zwei Fingern an seinen tief ins Gesicht gezogenen Hut, drehte sich um und stiefelte davon. Isa kannte alle im Dorf, diesen Typen hier hatte sie noch nie gesehen. Vielleicht war er vor vielen Jahren hier zur Schule gegangen und hatte Sehnsucht nach seinem alten Klassenzimmer?

Isa zuckte mit den Schultern und ging auf die offen stehende Eingangstür zu. An der Wand gab es ein Kästchen mit Tasten, Nummern und Buchstaben und einer kleinen Kamera. Das Sicherheitssystem, von dem Anthony erzählt hatte und das heute offenbar ausgestellt war. Trotzdem würde sie schnell und unsichtbar sein müssen. Sie hielt die Luft an, doch nach ein paar vorsichtigen Schritten über den goldenen Flur atmete sie erleichtert auf, auch hier: freie Bahn!

»Okay, okay! Wenn wir ihn nicht finden, drehen wir eben erst in den Privaträumen. Küche. Schlafzimmer. Innen, Tag, der kleine Damian, close auf seine Pokale und Medaillen, ihr wisst schon.« Eine Frau kam ihr entgegen, vor ihrem Mund hing ein Mikrophon, in das sie hektisch hineinsprach.

Isa drückte sich an die Wand. Jetzt bist du selbst eine Küchenschabe, dachte sie. Allerdings ohne Sonnenbrille.

Die Frau starrte durch Isa hindurch und nickte, weil irgendjemand in ihrem Ohr eine Antwort zu geben schien. »Ja, ich weiß«, sagte sie, »wir sind spät dran!« Ihr Blick blieb an Isa hängen, stellte sich scharf. »Ach, Gott sei Dank, endlich bist du da! Hast du Anthony gesehen? Du bist doch Mascha aus Hamburg, die Tanzpartnerin von Anthony?!«

»Äh, nein«, sagte Isa schnell, »die bin ich nicht.« Will ich aber auch nicht sein, dachte sie und wedelte mit ihren Blättern, während sie ein paar Schritte machte und sich nach einem Platz umschaute, an dem sie sie ablegen konnte.

»Und bitte!«, brüllte jemand in einem der Räume weiter den Flur hinunter. Danach kam sofort ein »Nein, nein, nein, was ist denn jetzt schon wieder los?«.

Isa blieb stehen, die Frau mit dem Mikro vor dem Mund ebenfalls. Sie zog die Augenbrauen hoch und hielt den Zeigefinger vor die Lippen. Pssst, bedeutete sie Isa. Dann raufte sie sich die kurzen Haare und eilte kopfschüttelnd nach draußen.

O Mann, die Stimmung in der Tanzschule war echt gereizt. Isa wollte nur noch die Arbeitsblätter loswerden und dann wieder verschwinden. Doch halt, das war ihre Chance, sie drückte die Klinke hinunter, linste vorsichtig in ihr ehemaliges Klassenzimmer, den Ballroom 1, wie es jetzt hieß. Niemand da, sie schlüpfte hinein, schloss die Tür leise hinter sich und schaute sich nervös um. Auch hier hohe Decken, eine Reihe von Fenstern, und da, wo früher die Tafel war, gab es jetzt eine große Schiebewand, um aus den zwei Räumen einen zu machen, die restlichen Wände waren verspiegelt. Und dann natürlich ein leeres Parkett und viel Platz zum Tanzen …

Du kannst also nicht tanzen, hatte Anthony zu ihr gesagt. Er hatte gar nicht erst gefragt, sondern es einfach festgestellt. Wie gemein.

Isa schnaubte, ihr Blick blieb an ihrem Spiegelbild hängen. Ein herzförmiges Gesicht, so hatte Mama immer gesagt. Dazu lange, braune Haare, zu einem Zopf geflochten, ein weißes T-Shirt mit dem bunten Aufdruck Rettet die Igel, Jeans, Sandalen, die nackten Füße darin etwas dreckig vom Straßenstaub. »Ich tanze eben anders«, flüsterte sie sich zu. »Wenn du wüsstest, wie wild und ausgelassen ich mit Mama immer getanzt habe.« Sie blieb stocksteif stehen.

Spür die Musik, die Höhen, die Tiefen, die Pausen!, hörte sie Mamas Stimme in ihrem Ohr. Sie hatten übertrieben ausdrucksvoll getanzt oder total cool, waren gekrochen, gesprungen, hatten sich geschüttelt, alles war erlaubt, sie waren lachend über den Teppich im Wohnzimmer gekugelt, bis sie nicht mehr konnten.

Jetzt hüpfte Isa einmal auf und ab. Das Parkett federte ihren Füßen entgegen, glatt, aber nicht rutschig, es war perfekt für einen verrückten Tanz. Aber nein. Es ging nicht. Nicht hier, nicht heute. Besser, es erwischte sie niemand! Sie warf sich noch einen letzten Blick im Spiegel zu und verließ den Ballroom auf Zehenspitzen. Mit wachsam vorgestrecktem Kopf lief sie den Flur hinunter.

»Wenn jetzt jemand meint, noch mal dazwischenreden oder ins Bild latschen zu müssen, dann ist was los!«, rief jemand laut im Ballroom 2.

»Wir drehen es erst mal ohne Musik«, rief ein anderer. Schritte kamen den Flur entlang. »Wo bleibt die Nebelmaschine?«, brüllte eine Stimme. »Und wo ist Anthony? In der Maske war er auch nicht.«

Gehetzt blickte Isa sich um. Sie wollte sich so schnell wie möglich aus der Schusslinie der schlechten Laune retten, aber wohin nur? Zurück in Ballroom 1? Drei weitere Leute kamen mit stampfenden Schritten durch die Eingangstür und rollten auf sie zu, hatten sie aber noch nicht gesehen. »Was erlaubt der Junge sich nur?«, fragte einer von ihnen. »Gleich rastet die Mittermaier vollkommen aus!«

Isa wollte auf keinen Fall, dass jemand wegen ihr vollkommen ausrastete. Sie machte einen Satz auf den alten grauen Spind zu, der mit seinen krummen Metallfüßen und zwei Türen nur auf sie zu warten schien. Die Rosen hingen noch immer kopfüber herab, die rosa Blüten schwer und etwas zerzaust. Der große Scheinwerfer neben dem Spind zeigte gegen die Decke und tauchte den goldenen Flur in helles Licht. Isa überlegte nicht lange und riss die rechte Tür auf, um sich zu verstecken. Keine Bälle kullerten heraus, aber dafür saß jemand darin. Es war … Anthony!

»Was machst du denn hier?« Sie schaute von oben auf seinen korrekten Seitenscheitel. »Versteckst du dich?«

»Ey, verzieh dich! Das kapierst du nicht.«

Isa knallte die Tür zu, pfff!, er konnte ihr gar nichts befehlen! Blitzschnell öffnete sie die andere Spindtür, schlüpfte hinein und zog sie leise hinter sich zu. Geschafft!

Langsam ließ sie sich auf den Boden nieder, es war eng, die Wände berührten fast ihre Schultern. Sie saß im Dunkeln, nur durch die drei kleinen Schlitze fiel etwas Licht von oben. Eiliges Fußgetrappel zog draußen vorbei und Stimmen aus einem Walkie-Talkie, dann Stille.

Isa atmete tief ein, es roch nach getragenen Strümpfen, Staub und altem, süßlichem Parfüm. Was war mit Anthony los? In der Schule tat er immer so cool mit seinen Kapuzenpullovern und den Kumpels in der letzten Reihe, und hier? Krank war er jedenfalls nicht, im Gegenteil, er sollte vor der Kamera den großen Tänzer spielen. Sie zuckte im Dunkeln mit den Schultern. »Das ist also der Junge, der immer macht, was er will«, sagte sie leise. »Interessant.«

»Ey, du hast keine Ahnung! Du steckst schließlich nicht in meiner Haut«, kam es von nebenan. Mist, er hatte sie gehört. Isas Herz fing an zu klopfen, weil das da nebenan Anthony war, Anthony, der total nett sein konnte und dann wieder blöd. Sie wollte ihm unbedingt antworten – aber was? »Glaubst du, nur du hast es furchtbar schwer?«, fragte sie.

»Aber so was von!«, antwortete er. »Dein Leben ist garantiert einfacher! Immer das brave Mädchen, immer gut in der Schule.«

Ha, so dachte er also über ihr Leben. »Träum weiter! Du würdest es keinen Tag aushalten …«

»Würde ich wohl.«

»Würdest du nicht!«, sagte Isa.

Nebenan war es jetzt still.

Warum antwortete er nicht mehr?

Aus der Ferne hörte Isa, wie Musik einsetzte. Irgendwas Exotisches, Karibisches oder so. Isas Füße zuckten. Das Filmteam schien sich wieder beruhigt zu haben und sich dort aufzuhalten, wo die Musik herkam. Anthony wollte offenbar nicht mehr mit ihr reden. Höchste Zeit also, die Arbeitszettel vor den Schrank zu legen und nach Hause zu gehen!

Isa richtete sich mühsam auf und wollte gerade die Tür wieder aufstoßen, als etwas auf den Metallspind niederschepperte und einen furchtbaren Krach verursachte. An ihren Fingerspitzen kribbelte es leicht, sofort zog Isa die Hand zurück.

»Wow, das war ja ein megamagischer Funkenregen!«, rief eine Stimme begeistert von draußen.

»Ruby-Lee! Bist du verletzt?« Stimmen kamen näher, ein paar Leute standen jetzt offenbar vor dem Schrank und riefen durcheinander. »Ach, verdammt! Das war ’ne Hundertzwanziger«, sagte jemand. »Die ist hin. Wer von euch hat die aufgebaut?«

»Keine Ahnung.«

»Ich. Wieso? Ist was passiert?«

»Nö, nur die Lampe ist hin.«

»Ist da Strom drauf, auf dem Schrank? Der ist aus Metall!«

»Nein, alles safe!«

»Nicht, dass da jemand drin war!«

»Vorsicht!« Die Tür vor Isa wurde aufgerissen. »Anthony!?«, sagte eine erstaunte Stimme, und die Frau vom Hof, die mit dem Scheinwerfer, starrte sie an. »Warum kommst du nicht ans Set? Wir suchen dich schon seit einer Ewigkeit.«

3. Kapitel

»Anthony?« Isa war verwirrt. Warum nannte die Scheinwerfer-Frau sie Anthony? »Der sitzt da drin.« Sie zeigte mit dem Daumen neben sich und versuchte, sich aus dem engen Versteck zu quälen. War der Schrank noch schmaler geworden? Sie musste die Schultern drehen, damit sie nicht stecken blieb.

»Wer?« Alarmiertes Augenbrauenhochziehen.

»Entschuldigung, ich wollte nicht stören, ich wollte ihm nur etwas bringen!«, sagte Isa, doch ihre Hände waren leer. Sie schaute in den Spind, aber auch dort lagen die zerknitterten Seiten mit den Hausaufgaben nicht. »Äh. Na ja, sie sind weg«, erklärte sie.

»Er ist ganz durcheinander«, sagte einer der Erwachsenen. »Das ist der Schock.«

Er?, dachte Isa. Durcheinander? Jetzt öffnete sich auch die andere Spindtür, aber statt Anthony krabbelte ein Mädchen heraus. Wo kam das denn her?

»Noch jemand!«

»Was macht ihr beide denn ausgerechnet in diesem alten Ding?«

»Geht es euch gut?«

»Ist euch was passiert?«

Noch mehr Leute kamen zusammen und guckten sie neugierig an.

Nein, wollte Isa sagen, doch sie brachte keinen Ton heraus. Sie sah an sich hinab. Sie trug plötzlich den schicken Zaubererfrack von Anthony, schwarze Hosen, glänzend schwarze Halbschuhe, und ihre Handgelenke kamen aus weißen Hemdsärmeln hervor. Ihre Handgelenke? Sie betrachtete sie genauer und entdeckte ein paar dunkle Haare, die da wuchsen! Igitt! Das war unmöglich!

Erst jetzt schaute sie dem Mädchen, das aus dem Spind gekrochen war, ins Gesicht – und hätte beinahe aufgeschrien. Vor ihr stand … sie selbst. Zumindest eine Person, die ihr Zwilling hätte sein können. Dieselben langen, braunen Haare, die in einem Zopf geflochten waren, das wunderschöne Rettet die Igel-T-Shirt, ihre Jeans, ihre Sandalen, selbst die nackten Füße darin waren staubig. Der Zwillings-Isa hatte es anscheinend auch die Sprache verschlagen, sie starrte Isa nur entgeistert an.

»Wow, das war ja echte Magie eben, liebe Leute!«, rief dafür das Mädchen neben der Beleuchterin und betrachtete sie mit großen Augen. Sie war bestimmt schon sechzehn, und an ihren Ohren baumelten goldene Kreolen mit Federn drin, die sich bewegten, wenn sie sprach: »Ich habe sogar einen Regenbogen aus Funken gesehen!«

»Das war keine Magie, Ruby-Lee, das war echt gefährlich!«, antwortete die Beleuchterin.

Das Mädchen mit dem umständlichen Namen warf seine schwarzen Locken zurück. »Die Lampe ist einfach so explodiert, Ma! Aber guckt mal, was für eine schöne energy entstanden ist!«

Sie legte die Handflächen aneinander und teilte ihr Lächeln zwischen Isa und ihrer Doppelgängerin gerecht auf.

Anthony! Was ist mit uns passiert, was soll das?, dachte Isa, und irgendetwas in ihr wollte dringend schreien. Auch dem Isa-Zwilling stand der Mund entsetzt offen, doch bevor sie gemeinsam loskreischen konnten, kam ein superschlankes Mädchen auf silbernen, hochhackigen Tanzschuhen über den Flur gelaufen und schaute Isa im Vorbeigehen mit strafendem Blick an. »Anthony! Jetzt habe ich mich so beeilt, wir standen schon kurz nach Hamburg endlos im Stau, und du versteckst dich wie im Kindergarten?« Sie war blond, höchstens zwölf, und ziemlich heftig geschminkt.

»Ich?«

»Ja, du!« Ihr Zeigefinger zeigte direkt auf Isa.

»Also, das war keine Absicht …«, stotterte Isa und zupfte an den schwarzen Frackärmeln. Was war hier los? Dass ihre Hände nicht mehr ihre Hände waren, war der absolute Horror und wissenschaftlich nicht zu begründen!

»Oh no!«, schimpfte das Mädchen, das Isa so unglaublich ähnlich sah, leise. »Was soll der ganze Shit hier … und dann auch noch du, Mascha!«

»So kann ich nicht arbeiten, das bin ich nicht gewohnt!« Mit erhobenem Kopf und wippendem Rock rauschte Mascha, die geschminkte Tänzerin, davon.

»Also, Kinder, so geht das wirklich nicht!«, quengelte eine der Erwachsenen.

»Entschuldigung. Aber das da …« Isa zeigte auf sich selbst, also das Mädchen, das vor ihr stand. Waren sie vielleicht vertauscht? Sie brauchte einen Spiegel! Sie musste wissen, ob sie tatsächlich in einem Jungenkörper steckte, ob sie tatsächlich so aussah wie Anthony! Und wenn ja, wäre das eine Katastrophe! Ausgerechnet der!

»Anthony kommt gleich, nur noch einen Moment!«, rief Isas Zwilling, schaute sie beschwörend an und streckte auch noch die Hand nach ihr aus.

»Hallo, ihr zwei Lieben!«, meldete Ruby-Lee sich mit sanfter Stimme. »Ich hätte da eine Frage, wovor rennt ihr davon? Und darf ich mitkommen?«

Beide schüttelten wie auf ein Kommando den Kopf. Die hatte ihnen gerade noch gefehlt. Niemals!

»Los!«, forderte der Zwilling sie wieder auf.

»Ich versteh das nicht …!« Isa zuckte mit den Schultern, griff aber gleichzeitig nach der angebotenen Hand und ließ sich mitziehen. Nur weg hier!

Sie stolperte über eine Kabelrolle, sprang über eine flache Kiste, und schon waren sie ein Stück weit den Flur hinuntergerannt. »Stopp!«, rief sie, als sie an der gläsernen Vitrine vorbeikamen, und riss ihre Hand wieder an sich. »Halt mal eben an!« Doch sie sah schon in der Scheibe, was sie nicht glauben wollte. Ihr Kopf ragte über den des Mädchens neben ihr hinaus. Die Haare darauf waren zurückgestriegelt. Und es war ihre Hand, die sie hob und mit der sie danach tastete. Unnachgiebige Strähnen, verkleistert mit hart gewordenem Gel, wie eine Perücke aus Plastik. »Nein! Ich will das nicht! Und du … Bist du das, Anthony?«

»Shit, ja!«

»In meinem Körper?«

»Shit, ich fürchte, ja!«

»Du sollst da aber nicht drin sein und aussehen wie ich! Das soll alles aufhören! Sofort!«

Isa schaute panisch in Richtung Filmteam und lief dann um die nächste Ecke. Hier gab es wie schon früher zwei Türen. Rechts BOYS, links GIRLS. Sie stürzte auf die linke zu. Das Mädchenklo war früher schon bei Jungs fangen die Mädchen die Rettung gewesen! Sie knallte die Tür hinter sich zu, und da war er! Aus dem Spiegel über dem Waschbecken starrte sie dieser Junge an. Mit aufgerissenen Augen und entsetztem Gesichtsausdruck, aber er war es, ganz eindeutig: Anthony!

Isa wurde schlecht, sie sprang in die mittlere der drei Kabinen, beugte sich über die Kloschüssel und würgte und würgte. Doch es kam nichts. Das ist der Schock, dachte Isa, wischte sich automatisch den Mund ab und verriegelte die Tür hinter sich. Niemand durfte sie so sehen!

Immer noch atmete sie hektisch ein und aus und presste eine Hand auf ihren Mund. Ist das vielleicht ein völlig bescheuerter Traum?, schoss es ihr durch den Kopf. Aber nein, niemals, dafür fühlte sich alles viel zu echt an. Dennoch kniff sie sich mit voller Kraft in den Oberschenkel. Es tat weh! Also musste es wohl wahr sein: Dieser Körper war echt, obwohl er nicht ihr gehörte.

Du musst dich beruhigen, beschwor sie sich, du musst dich beruhigen! Aber wie sollte das gehen?! Sie konnte sich nicht beruhigen, sie steckte in Anthonys Körper! Wahrscheinlich mit allem, was bei Jungs dazugehört, sagte eine Stimme in ihr. O nein, bitte nicht auch das noch …!

Isa klappte den Klodeckel herunter und ließ sich mit zittrigen Knien darauf sinken. Wie ist das nur passiert?, fragte sie sich, während sie die fremden Hände, die fremden Handgelenke und die dunklen Härchen darauf anstarrte. Hatte Anthony etwa auch schon einen Bart? Sie strich sich über das Kinn. Nein, hier war alles glatt. Aber auf der Oberlippe, da fühlte sie struppige Härchen. Hatte er anderswo etwa auch schon Haare? Aarrggh! Sie konnte und würde da jetzt bestimmt nicht nachschauen.

Jemand kam in die Toilette. »Hey, was sperrst du dich hier ein? Mach auf!«, sagte eine Mädchenstimme, die sich sehr nach ihrer eigenen anhörte.

»Nein! Geh weg!« Isas Stimme klang tief und tränenerstickt, kein Wunder, sie steckte am helllichten Tag in einem Albtraum, der kein Traum war, weil er einfach nicht mehr aufhörte.

»Und warum nicht? Los, mach auf!« Jetzt klopfte er auch noch, dieser blöde Anthony, der sich einfach so in ihrem Körper befand! Sie wich auf ihrem Klositz zurück. Unter der Tür konnte sie jetzt ihre Sandalen sehen! Mit ihren eigenen Füßen darin! Es war so gruselig, sie hätte beinahe losgeschrien und gleichzeitig geweint.

»Weil ich das nicht will! Und jetzt hau ab!«

»Ey, ich muss ein Mädchen sein! Frag mich mal, ob ich das will!«

Na und, dachte Isa, Mädchen sind viel besser! Ich bin ein Mädchen! Und will auch wieder ein Mädchen sein!

»Ach shit, dann bleib doch, wo du bist!« Wieder knallte die Tür, es wurde still.

Und jetzt? Isa hörte ihren eigenen schnellen Atem, durch das schmale Fenster drang leises Vogelgezwitscher, und der Geruch nach Zitronenklostein hing in ihrer Nase. Ach nein, es war ja gar nicht mehr ihre Nase…

Was soll ich tun, was soll ich tun?, nur diese eine Frage galoppierte donnernd durch ihren Kopf. Erst einmal musste sie nachdenken, ihr Gehirn benutzen! Die Wissenschaft hat immer eine Antwort, behauptete Frau Kohlrausch doch so oft. Und die war schlau und trug alte Lederjacken und hatte meistens recht!

Sie brauchte Informationen! Automatisch tastete Isa in der Hosentasche nach ihrem Handy … aber nein, das steckte ja in ihrem Rucksack, und der lag zu Hause. Dafür förderte sie aus der Anzughose ein Gerät zu Tage, unter dessen zersplittertem Display sie ein Totenkopf anstarrte. Was ist das denn für ein uraltes Teil, Anthony?, dachte sie, doch sie hatte Glück, es war noch nicht mal gesperrt.

Mit spitzen Fingern googelte IsaKörpertausch. Auf Anthonys Schrott-Handy poppten sofort Film, Komödie, Serie, Zauberspruch, Horror als Stichwörter auf. Ja, wie Horror fühlte es sich wirklich an! Sie steckte seit ein paar Minuten in einem Jungenkörper!!!

 

Nach einer Viertelstunde wusste sie ein bisschen mehr. Das, was ihnen passiert war, gab es nur in Komödien oder in Büchern, in denen Fantasy-Magie-Märchen-Geschichten beschrieben wurden. Isa mochte keine Fantasy-Magie-Märchen-Geschichten. Sie mochte unbestechliche Wissenschaft, die kam ganz ohne den magischen Kram aus! Eines aber stand überall: Um zurückzutauschen, musste man sich in die Anfangssituation begeben, dahin, wo alles begonnen hatte.

»Okay«, wisperte Isa, um ihre Gedanken zu sortieren. »Das ist bei uns eindeutig!« Sie wusste jetzt, was zu tun war. »Phase eins: Anthony finden. Phase zwei: mit dem verwandelten Anthony zurück in den Spind. Phase drei: einen Scheinwerfer explodieren lassen. O Gott.« Sie schluckte nervös. Das bedeutete, sie musste wieder raus auf den Flur, musste sich vor den Leuten, die glaubten, sie sei Anthony, verstecken, von dem Problem mit dem Schweinwerfer mal ganz zu schweigen … Und das alles als Junge. Hilfe! Aber Panik nützte gar nichts. Also erst mal beruhigen!

Ein paar Minuten später schlich Isa vorsichtig aus der Toilette und lugte um die Ecke. Der Flur war leer. Niemand zu sehen. Als Erstes brauchte sie Anthony! Wo hatte der sich in der letzten Viertelstunde als Isa versteckt?

Sie ging auf die erste verschlossene Tür zu, die sie sah. Der Ballroom 1 war noch so leer und still, wie sie ihn vor einer halben Stunde verlassen hatte. Die Nachmittagssonne warf goldene Fensterrechtecke auf das Parkett, niemand da.

Doch! Dort, in die hinterste Ecke gedrückt, stand ein ihr sehr bekanntes Mädchen mit langen braunen Haaren. Aber was tat es da? Es schaute sich selbst in den T-Shirt-Ausschnitt und zog ihn zu diesem Zweck auch noch weit hinunter.

»Bist du denn jetzt ganz bescheuert?«, zischte Isa und schoss auf Anthony zu. Oder besser gesagt: auf die Isa-Hülle, in der er steckte.

»Hä?« Er ließ das T-Shirt los und schaute sie erschrocken an.

»Hast du etwa auch da …?« Isa zeigte auf ihre Jeans.

»Nein, nein.« Hastig schüttelte das Mädchen den Kopf, doch es wurde rot.

Isa kannte das, sie wurde auch immer sofort rot. Ihr Blick fiel auf ihr Spiegelbild. Immer noch dieses geschniegelte Haar, diese Fliege, dieser Anzug! In was für einem Tanz-Kasper stecke ich da nur, dachte sie, das ist doch nicht zu fassen …

»Sorry, ich war halt neugierig.« Anthonys Isa-Stimme klang ein wenig zerknirscht.

»Mensch, Anthony, wie ist das nur passiert?«, stammelte sie. »Du siehst aus wie ich, klingst wie ich, wirst rot wie ich. Warum bist du da drin? Also in meinem Körper, meine ich?«

»Damn. Ich habe doch keine Ahnung! Aber danke, dass du dich endlich aus dem doofen Klo bewegt hast! Wir müssen das hier nämlich rückgängig machen!«, sagte er jetzt und zeigte anklagend auf ihre vertauschten Körper. »Ich muss gleich mit Mascha drehen und vorher unbedingt wieder in mich selbst zurück, das verstehst du doch, oder?«

Isa stützte ihre Fäuste in die Hüften: »Ich hätte auch gerne meinen Körper zurück, was denkst du denn?!«

Glaubte dieser Idiot etwa, sie hätte das absichtlich gemacht und würde nun nicht mehr tauschen wollen? Ihr wurde heiß vor Wut und Panik, sie zog den Frack aus.

Das Hemd darunter hatte keine Knöpfe und war eher ein Trikot, es lag sehr eng an. Ihre Brust darunter war breit und superflach. Nicht, dass sie schon besonders viel Busen gehabt hätte, aber ein bisschen war schon zu sehen gewesen, auf das sie sehr stolz war. Das bisschen, das Anthony sich offenbar bereits angeschaut hatte!

Wenn er nur eine einzige dumme Bemerkung darüber machen sollte, würde sie ihn hauen. Isa ballte die Faust. Sie hatte es zwar noch nie probiert, aber in diesem Falle würde sie es durchziehen, da war sie sehr sicher.

Anthony stand neben ihr und sah auch in den Spiegel. »Mum sagt immer, ich solle mich in meine Partnerin hineinversetzen«, murmelte er. »Ich wusste ja nicht, dass es so übel ist, ein Mädchen zu sein. Und sich so anfühlt.« Er hielt die Hände vor die Brust und maß irgendetwas ab.

Sag nur ein falsches Wort!, dachte Isa. Gott sei Dank trug sie das Sportbustier unter dem T-Shirt. Aber was, wenn er es heute Abend ausziehen würde? Heute Abend?! O nein! In diesem Moment breitete Anthony die Arme aus und machte ein paar Tanzschritte. Isas Jeans und die Gesundheitssandalen passten nicht recht dazu, aber es sah trotzdem sehr elegant und richtig aus. Ganz anders als ihre wilden Tänze mit Mama, die Jahre her waren.

Isa räusperte sich. »Wir sollten uns konzentrieren und das Ganze wissenschaftlich angehen.«

»Aha, na klar.« Anthony hörte auf zu tanzen. »Dann erklär mir bitte mal wissenschaftlich den shit, der uns da gerade passiert ist!«

»Ich habe keine richtige Erklärung dafür«, erwiderte Isa. Sie war jetzt größer und konnte auf Anthony hinunterschauen. »Ich weiß nur, wir haben uns in dem Spind verwandelt, also müssen wir auch wieder in den Spind zurück!«

»Ganz deiner Meinung«, sagte Anthony kurz. »Das ist unsere einzige Chance, Miss Scientist.«

Wie arrogant von ihm! Auch wenn er gerade aussah wie sie und ein wunderschönes Rettet die Igel-T-Shirt anhatte.

Isa seufzte. In ihrem Kopf ging alles durcheinander, dennoch versuchte sie, ihre Gedanken zu ordnen.

»Jetzt lass uns gehen und diesen Spind untersuchen. Warum macht ein Schrank so was? Was für Gründe kann es geben? Auf jeden Fall werden wir auch Elektrizität brauchen, wenigstens ein bisschen Funkenflug, hat das komische Ruby-Lee-Mädchen nicht davon was gesagt? Und warum diese Rosen? Vielleicht waren die Rosen daran schuld?« Aber nein, auch das war kein logischer Zusammenhang.

Anthony zuckte mit den Schultern. »Du bist aber auch komisch. Wenn du dich nicht im Spind versteckt hättest, wäre das alles nicht passiert«, fügte er hinzu und benutzte dabei natürlich Isas Stimme und auch ihren Mund, und das machte Isa ganz besonders wütend.

 

»Ich wollte nicht von diesen Filmleuten gesehen werden«, sagte sie. Doch dann fiel ihr etwas ein: »Und du? Warum hast du dich denn eigentlich darin versteckt?«

»Ich?« Er winkte ab. »Ich konnte einfach nicht … ach, das geht dich gar nichts an, und außerdem ist es jetzt wichtiger, schnell wieder zurückzutauschen!«

Anthony lief zur Tür und öffnete sie. Gemeinsam schauten sie nach rechts, den Flur hinunter. Die Luft war rein, niemand war zu sehen. Das Stativ für die kaputte Lampe stand weiter hinten, offenbar noch an derselben Stelle. Doch daneben … war … was?!!

Sie rannten los, kamen immer näher, doch an dem, was sie sahen, veränderte sich nichts: Der alte Metallspind, der Schrank, in dem sich ihre Körper vertauscht hatten – war weg!

4. Kapitel

»Er ist weg«, sagte Isa und zeigte unnötigerweise auf die schmutzigen Bodenfliesen, an denen man genau erkennen konnte, wo der Spind gestanden hatte. »Nicht mehr da!«

»Damn! Nur weil du dich im Klo eingesperrt hast und erst mal heulen musstest und so ewig lange gebraucht hast, um wieder rauszukommen …!«, schimpfte Anthony. Seine Stimme, also die von Isa, stieg immer höher.

»Ich hab nicht geheult.« Isa spürte, wie ihr die Tränen kamen, doch sie verteidigte sich. »Ich habe nachgedacht und Körpertausch gegoogelt, während du in mein T-Shirt und meine Jeans reinglotzen musstest, obwohl es sehr viel schlauer gewesen wäre, auf den Spind aufzupassen!«

»Sorry. Ich habe echt nichts gesehen …«

»Natürlich nicht! Weil du im Klassenzimmer warst.«

»… aber auch nichts auf dem Flur gehört. Und …« Anthony wurde rot. »Ich habe nur in dein T-Shirt, nicht in die Jeans … sorry.«

»Ist jetzt auch egal!« Isa lief vor der leeren Stelle auf und ab. Es war eine Katastrophe! »Eben stand er doch noch da!«, rief sie und wischte sich kurz über die Augen. »Was tun wir jetzt? Wir müssen was tun!«

Zu Hause vermisste man sie sicher schon! Ihr Vater wartete in der Werkstatt auf sie und den frisch gekochten Kaffee. Gretchen Erckenschweig hatte vermutlich wieder einen ihrer fürchterlichen ungesüßten Ökokuchen gebacken und lauerte in der Küche, um sie mit Fragen zu löchern. Unmöglich, dort jetzt als der englische Nachbarsjunge Anthony mit Fliege und Anzughose aufzutauchen!

»Wahrscheinlich hat das Filmteam ihn weggetragen.« Anthony zwirbelte an dem Zopf herum, der Isa gehörte. »Die von der Ausstattungsabteilung machen so was manchmal.«

»Sag das doch gleich! Komm!« Isa rannte los. »Das graue Ding steht bestimmt irgendwo draußen«, rief sie voller Hoffnung, da spurtete Anthony schon an ihr vorbei.

Auf dem Hof zwischen den Autos war nichts zu sehen, also liefen sie in Richtung Straße weiter, und tatsächlich, dort stand ein kleiner roter Lieferwagen. Ein Mann mit schwarzem Käppi auf dem Kopf schleuderte gerade eine Sackkarre hinten in den Wagen und schlug die Tür zu.

»Hallo!«, rief Isa von weitem. »Der Spind? Haben Sie dort den Spind drin?«

»Der gehört uns! Sie dummer Typ!«, schrie Anthony mit seiner Mädchenstimme neben ihr.

Der Mann schaute sich zu ihnen um, fluchte einmal laut und rannte auf die andere Seite des Wagens, als der Fahrer schon mit quietschenden Reifen in Richtung Dorf startete.

»Hallo, sofort stehen bleiben!« Isa setzte dem Lieferwagen hinterher. »Wir brauchen diesen Spind, Sie können den doch nicht einfach mitnehmen!«

»Die kriegen wir«, rief Anthony ihr zu und rannte los.

 

Ein paar Minuten später kehrten sie völlig außer Atem um. »Wir hätten ihn fast erwischt«, keuchte Anthony, er blieb stehen und stützte die Hände auf die Knie. Der geflochtene Zopf baumelte nach unten. »Als er kurz vor der Metzgerei gehalten hat, dachte ich schon, wir kriegen ihn!«

»Er war noch zu weit weg, als er wieder durchgestartet ist. So ein Mist!« Isa schnappte nach Luft.

»Hast du vielleicht den Typ erkennen können?«, schnaufte Anthony. »Kommt der hier aus dem Dorf?«

»Ich glaube nicht«, antwortete sie. »Der hatte sein Käppi so tief ins Gesicht gezogen, keine Ahnung.«

»Shit!«, sagte Anthony. »Der Spind war unsere einzige Hoffnung.«

»Wem gehört der eigentlich?«, fragte Isa, als sie langsam zur Tanzschule zurückgingen. »Weißt du das?«

»Grandma natürlich. Das alte Teil stört meinen Dad sowieso schon lange.«

»Er nennt deine Großmutter altes Teil?«

»Nein, den hässlichen Spind meine ich! Mann, wie dumm bist du eigentlich?« Anthony blieb stehen und schaute sie an.

»Entschuldigung«, murmelte Isa, doch sie ärgerte sich sofort darüber. Anthony war wirklich ein schlechter Erklärer, furchtbar eingebildet, und sah nun auch noch aus wie sie!

»Der Schrank sollte schon längst weggeräumt werden. Grandma hat den dort abgestellt, die war mal berühmt, aber das ist schon mindestens ein Jahrhundert her.«

»Also ist sie schon tot«, stellte Isa fest und zog die Augenbrauen hoch. »Das tut mir leid!«

»Nein, Grandma ist nicht tot, sie ist eher … na ja, geheim!«

»Wie? Geheim?«

»Das ist eben geheim!«

»Anthony!«, sagte Isa und blieb vor der Einfahrt zur Tanzschule stehen. »Wenn wir hier je wieder rauskommen wollen …«, sie zeigte auf den Jungskörper, in dem sie steckte, und auf ihren eigenen, den Anthony jetzt bewohnte, »… dann solltest du mir schon mehr erzählen! Mein Gehirn muss mit genügend Informationen gefüttert werden, um logisch denken zu können. Danke!«

»Damn, warum habe ich mich ausgerechnet in das übelste Strebermädchen der Klasse verwandeln müssen«, murmelte Anthony.

Übelstes Strebermädchen der Klasse? So sah er sie? Aber na und – die meisten Fächer interessierten sie eben. »Nun sag schon, was ist mit deiner Oma?«

»Grandma war mal Primaballerina und später Leiterin bei der New York First Ballett Company, bevor sie ihre eigene, moderne Tanztruppe hatte«, gab Anthony stockend preis. »Ein paar Filme hat sie auch gedreht. Die Große M.M., Marlen Margeaux.« Er zog das o am Ende von »Margeaux« beträchtlich in die Länge. Margoooooo.

Marlen Margeaux? Isa meinte, den Namen tatsächlich schon mal gehört zu haben. »Und die ist deine Oma?«

»Ja. Aber wir dürfen nicht verraten, dass sie seit ein paar Monaten bei uns wohnt. Niemals. Und du auch nicht! Verstanden?!«

»Ja, ja. Schon kapiert. Also hat sie den Metallschrank an diese Typen verkauft«, sagte sie zu Anthony. »Weil dein Vater das so wollte?«

»Grandma? Die verkauft nichts an Privatpersonen! Never! Nicht mal ein völlig abgetragenes Paar Ballettschuhe, nicht das kleinste Tutu. Obwohl sie nie Geld hat, sagt Dad. Ihre Sachen sind Heiligtümer für sie, weil sie doch so eine bedeutende Tänzerin war. Am liebsten würde sie alles einem Museum spenden, dem berühmten Margeaux-Museum!«

»Und warum macht sie das nicht? In welcher Stadt ist denn dieses Museum? In Amerika?«

»Mensch, Isa, das gibt es doch gar nicht!« Anthony verdrehte die Augen. »Der Spind stand nur bei uns in der Tanzschule herum, weil er nicht mehr in ihre Dachkammer passte.«

Isa