Polstead Hall oder Die Frau in Rot - Katja Pelzer - E-Book

Polstead Hall oder Die Frau in Rot E-Book

Katja Pelzer

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Beschreibung

Marie kommt in den frühen 1950er Jahren aus dem engen Nachkriegsdeutschland nach England, um dort als Au-pair zu arbeiten. In ihrem Traumland stößt sie auf einen ungeklärten Mordfall und einen sehr charmanten Soldaten. Was sie sonst noch alles erlebt, davon erzählt diese Romanze.

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Seitenzahl: 117

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Katja Pelzer

Polstead Hall oder Die Frau in Rot

Eine beinahe wahre Geschichte

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Polstead Hall oder Die Frau in Rot

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Abspann

Impressum neobooks

Polstead Hall oder Die Frau in Rot

Eine beinahe wahre Geschichte

Kapitel 1

Es war ein fremdes Land. Marie wusste kaum etwas darüber. Doch in seinem Namen lag ein Zauber.

England: Die Menschen dieses Landes hatten die Menschen ihres Landes befreit. Seither sehnte sich Marie dorthin. Als deutsches Au-pair nach England zu gehen, wirkte für Marie wie eine zweite Befreiung. Der Krieg war eine Weile vorbei und im Dorf auf der schwäbischen Alb war es ihr zu eng geworden. Als Tochter des Volksschullehrers erwartete man von ihr, dass sie sich wie ein Vorbild benahm. Doch vorbildlich mochte sie nicht sein. Sie hasste es, alle Augen der Gemeinde auf sich zu spüren. Darum hatte sie unter der Laterne mitten im Dorf einen GI geküsst, den ihre Familie eingeladen hatte, zum Abendbrot. So wie jede Familie einen amerikanischen Soldaten einmal in der Woche einlud. Doch für Marie war der junge Mann mehr als ein Gast, er war eine Chance. Mit seiner Hilfe, mit Hilfe der Laterne und eines Kusses zeigte sie allen, die es wissen wollten, was wirklich in ihr steckte. Dass noch die Hinterwäldler in den allerhintersten Reihen des Kaffs sie sehen konnten. Leider wurde ihnen nur dieser eine GI zum Essen geschickt. Am liebsten hätte sie gleich ein halbes Dutzend unter der zentralen Laterne geküsst. In den 1950ern war das noch etwas. Damit konnte man damals die Leute schockieren. Heute würde wohl kein Hahn danach krähen, wenn Marie mit einer ganzen Hip-Hop-Gang in der Scheune des Nachbarn Orgien gefeiert hätte. Aber damals war das so.

In England war vor einem Jahr Elizabeth II. gekrönt worden. Die junge, hübsche Königin entzückte die ganze Welt. Auch Marie berührte sie. Vor allem ihre Liebesgeschichte mit Prinz Philipp. Denn dieser hatte eine Briefkorrespondenz mit Elizabeth begonnen, als die Prinzessin gerade einmal dreizehn Jahre alt gewesen war, er selbst damals achtzehn. Auch Marie träumte von einem Prinzen.

Der Zweite Weltkrieg war nach einem Jahrzehnt des Friedens noch lange nicht vergessen und die Deutschen galten als das meist gehasste Volk der Welt. Die Stimmung in Deutschland war bedrückend gewesen. Die Schuld am Krieg und an Millionen von Toten lastete auf der gesamten Nation. Marie wollte einen neuen Anfang. Im Januar 1955 war das gewesen. England erschien ihr da genau der richtige Ort.

Ihre Mutter weinte beim Abschied. Der Vater hielt bis zum Schluss ihre Hand und unterdrückte mühsam die Tränen. Marie zwickte das Gewissen. Denn sie selbst war kein Bisschen traurig. Sie freute sich fortzugehen.

Die Großmutter hatte sich dafür eingesetzt, dass Marie zu einer streng katholischen Familie kam. Sie hatte Angst um ihre Enkelin, in diesem „wilden, fremden“ Land.

Auf dem Bahnsteig steckte sie ihr das Marienmedaillon zu, das sie selbst einst zur Kommunion getragen hatte und bat sie, gut auf sich acht zu geben. Marie waren all die Sorgen zu viel. Sie war froh, als sie endlich im Zug saß und sah, wie das Wartehäuschen des Bahnhofs hinter der Kurve verschwand.

„Setz Dich zum Mittagessen in den Speisewagen“, hatte die Mutter gesagt und ihr Geld in die Hand gedrückt. Zum ersten Mal hatte die Mutter ihr keine Brote geschmiert. Sonst gab es immer Graubrot mit grober Landleberwurst. Sie sollte es gut haben auf ihrer großen Reise, sich etwas gönnen. Doch im Zug gab es keinen Speisewagen. Das Magenknurren stellte sich schnell ein und Marie war nach der langen Zugfahrt zum Hoeg van Holland so ausgehungert, dass sie sich sofort Kartoffelsalat mit Würstchen bestellte, sobald sie auf der Fähre saß und noch bevor diese ablegte. Gemeinsam mit zehn anderen Frauen hockte sie wenig später vor den Damentoiletten. Das Schiff schwankte über die hohen Wellen und durch ihre Eingeweide schwappte die Übelkeit.

Das hübsche dunkelblaue Kostüm, das die Mutter ihr für die Reise hatte schneidern lassen, war verschmiert. Ihre gut frisierten kinnlangen Haare hingen in schmutzigen Strähnen um ihr Gesicht und Marie war völlig erschöpft, als sie endlich in England anlegten. Ihr Kopf fühlte sich hohl an. Und statt Freude, dass sie an ihrem Traumziel war, empfand sie Leere.

Ihr Gastvater, Dr. Harris, holte sie mit seinem hellbraunen Morris Minor an der Fähre in Harwich ab und begrüßte sie ohne die Miene zu verziehen. Sie war ein mitleiderregender Anblick, doch er verlor kein Wort darüber. Ganz britische Reserviertheit in grauem Tweed. Außerdem war ihm als Arzt nichts Menschliches fremd.

Auf der Fahrt sprachen sie kein Wort. Marie war zu müde und selbst wenn sie hellwach gewesen wäre, hätten ihr die Worte in der neuen Sprache gefehlt, um Konversation zu betreiben. Dr. Harris schien das nicht zu stören. Er rauchte eine Zigarette nach der anderen und sang dabei Lieder, die Marie nicht kannte.

Kapitel 2

Familie Harris bewohnte in Colchester ein schönes Backsteindoppelhaus direkt an einem großen Park.

Dr. Harris und seine Frau hatten vier Kinder – Peter war sechs Jahre alt, Liza fünf, Tom drei und Ruth acht Monate.

Die drei älteren schauten sie neugierig und wie Marie fand, hochnäsig an. Eine Eigenschaft, die ihr nicht besonders katholisch vorkam. Nachdem Marie sich kurz gewaschen und in ihrem kleinen Zimmer unter dem Dach den Koffer ausgepackt hatte, stellte Mrs Harris ihr Nelly vor. Dann sagte sie etwas wie „have a close look“, zeigte auf ihre Augen und dann auf Nelly und diese nahm sie freundlich aber energisch bei der Hand. Nelly hatte bisher als Haushaltshilfe für die Familie gearbeitet. Jetzt war sie schwanger und Marie sollte ihre Aufgaben übernehmen, so viel hatte sie verstanden.

Als Marie nach ihrem ersten Arbeitstag endlich im Bett lag, war es 23 Uhr. So viel Neues hatte sie aufnehmen müssen und dabei fast kein Wort verstanden. Keiner von diesen fremden Menschen um sie schien auch nur die leiseste Sympathie für sie zu empfinden. Plötzlich wusste sie nicht mehr, warum sie unbedingt hierher gewollt hatte. Ihr Körper schmerzte. Sie hatte nicht gewusst, dass Au-pair sein mehr als Kinder hüten bedeutete. Sie hatte nicht gewusst, dass sie bügeln, putzen, einkaufen und kochen musste.

Ein unendlicher Weltschmerz legte sich auf ihre Brust und machte das Atmen schwer. Wenn wenigstens die Kinder nett gewesen wären, doch die Hochnäsigkeit war den ganzen Tag nicht gewichen. Nur die kleine Ruth war kuschelig und quiekte, wenn Marie sie kitzelte.

Nach zwei Tagen verschwand Nelly auf Nimmerwiedersehen und Marie musste sehen, wie sie allein mit der Arbeit zurechtkam.

Um sechs Uhr rasselte am nächsten Morgen der Wecker und Marie wusste einen Augenblick lang nicht, wo sie war. Sie rieb sich die Augen und erkannte die weißen Vorhänge mit den blauen Blumen. Ihr Herz schlug schneller – England. Es war Sonntag, doch Marie war sofort hellwach. Der erste Tag ohne Nelly.

Sie reckte sich und stieg in ihre Plüschpantoffeln

Als erstes musste sie Ruth mit Brei füttern. Die drei älteren Kinder schliefen noch.

Ruth war verstimmt und prustete den Brei quäkend hier hin, dort hin und in Maries Gesicht. Nur einen Bruchteil schluckte sie hinunter. Irgendwann presste die Kleine ihre Lippen so fest zusammen, dass kein Brei mehr hindurchging. Marie setzte sie in den Laufstall und ging ins Schlafzimmer der Eltern. Dort musste sie das Feuer im Kamin anzünden. Als sie den Raum betrat, sah sie, dass die Tagesdecke auf den Boden gerutscht war. Aber sollte sie die Decke aufheben und zurück aufs Bett legen oder würde das die Herrschaften stören? Sie hob den schweren Wollstoff auf und legte ihn sorgfältig gefaltet auf einen Stuhl. Dann machte sie sich daran, dass Holz im Kamin mit einem Gasanzünder zu entfachen. So etwas hatte sie noch nie gemacht. Sie spürte, wie ihr Herz eine Etage tiefer in den Magen rutschte und dort einige Unruhe anrichtete. Doch schließlich brannte das Feuer fröhlich vor sich hin. Und Marie nickte erleichtert und zufrieden.

Zurück in der Küche kochte Marie Wasser für den Tee, briet Eier und Würstchen, erwärmte „baked beans“, füllte das Essen auf die hübschen blau-weißen Porzellanteller und platzierte alles zusammen auf einem Tablett, die Kanne versteckte sie unter dem Teacosy, einem gehäkelten Warmhalter aus Wolle genau wie Nelly es ihr gezeigt hatte. Der fremde Geruch kitzelte sie in der Nase und ihr Magen begann zu knurren.

Schon auf der Hälfte der Treppe hörte sie die empörte Stimme ihrer Gastmutter. Da Marie kaum ein Wort Englisch sprach, verstand sie nicht, worum es ging. Als sie das Tablett auf der Kommode vor dem Spiegel abgestellt hatte, zog Mrs Harris sie unsanft am Arm vor den Kamin und zeigte auf den versengten Anzünder. Marie hatte ihn im Feuer vergessen. Mrs Harris tobte, was auf Marie gleichzeitig bedrohlich und urkomisch wirkte, weil sie in der ganzen Tirade kaum ein Wort erkannte. Im einen Moment wollte sie losprusten doch im nächsten fürchtete sie, dass ihr Aufenthalt in England hier bereits enden könnte. Unehrenhaft entlassen. Wegen einer lächerlichen Unachtsamkeit. Scheinbar stundenlang ging das Gezeter.

Schließlich konnte Marie dem Geschrei entgehen, weil sie sich um die Kinder kümmern musste.

Auch am nächsten Morgen vergaß sie den Anzünder im Kamin. Das Geschrei dauerte dieses Mal etwas weniger lang, war aber nicht weniger laut. Dr. Harris blieb völlig ruhig, er schien sie in Schutz zu nehmen, denn er schaute immer wieder freundlich zu ihr herüber, während er leise und beschwichtigend auf seine Frau einsprach.

Dann musste Marie Peter und Liza in die Schule bringen und Tom in den Kindergarten. Dabei verliefen sie sich. Die Häuserzeilen sahen sich alle so ähnlich. Sie hatte einen Zettel dabei, auf dem neben einer Einkaufsliste der Name der Schule nebst Adresse stand. Die hielt sie mit einem unsicheren „Excuse me“ einer älteren Dame unter die Nase, die ihr bedeutete ihr zu folgen. Sie führte sie bis zur Schule und winkte ihr dann lächelnd „Goodbye“. Der Kindergarten war auf dem gleichen Gelände wie die Schule und die Kinder waren verschwunden, bevor Marie ihnen ihrerseits „Goodbye“ sagen konnte. Doch sie war erleichtert, dass sie gut angekommen waren. Die Verantwortung war so groß. Sie lag schwer auf ihren Schultern. Und das obwohl sie in ihrem jungen Leben schon manche Herausforderung hatte meistern müssen. Während des Krieges, wenn sie auf die vier jüngeren Geschwister hatte aufpassen müssen. Zu jener Zeit mussten schon junge Menschen große Aufgaben bewältigen.

Im Lebensmittelladen ging sie von Regal zu Regal und suchte sich zusammen, was auf dem Einkaufszettel stand. Es dauerte eine Weile, bis sie alles gefunden hatte.

Beim Metzger bestellte sie „Minced meat“ und wunderte sich, als der Butcher das Fleisch durch den Wolf drehte. Sie hatte gedacht „minced“ habe etwas mit Minze zu tun. Immerhin hatte sie schon mal davon gehört, dass die Briten zu ihrem Lamm gerne eine Minze-Sauce aßen. Mrs Harris hatte ihr allerdings aufgetragen, Nudeln mit Fleischbällchen zu kochen. Das mochten die Kinder besonders gern, hatte ihr die energische Hausherrin in ihrer strengen Art zu verstehen gegeben. Fleisch war im Nachkriegsdeutschland Mangelware gewesen, selbst auf dem Land. Und Marie hatte zudem alles mit vielen Geschwistern teilen müssen. So freute sie sich besonders auf die Mahlzeit.

Leider war, nachdem alle sich bedient hatten, nur noch ein Fleischbällchen für Marie übrig. Sie musste sich an der Pasta satt essen. Doch auch davon war nicht genug vorhanden, so dass Marie mit knurrendem Magen vom Tisch aufstand und zu allem Überfluss auch noch den Abwasch für die sechsköpfige Familie erledigen musste, während Dr. Harris wieder an die Arbeit ging. Seine Praxis lag im Nachbarhaus, was ihm viel Zeit mit seiner Familie erlaubte. Waren einmal keine Patienten da, saß er im Wohnzimmer in seinem Lehnstuhl und las, bis der nächste Kranke klingelte. Mrs Harris kontrollierte unterdessen die Hausaufgaben ihrer zwei Schulkinder. Ruth schlief und Tom spielte mit seinen Bauklötzen.

An ihrem dritten Arbeitstag zog Marie den Anzünder rechtzeitig aus dem Kamin. Und die Feuer wurden immer besser. So wunderbare, große Feuer hatte das Haus noch nie zuvor gesehen. Der Kamin glühte. Vor Freude wie es Marie scheinen wollte.

Mit den Kindern verstand Marie sich ohne Worte, denn sie verstand immer noch kaum ein Wort. Morgens brachte sie die beiden Älteren in die Schule und den Kleinen in den Kindergarten.

Dreimal in der Woche hatte sie eine Stunde Englischunterricht. Das war nicht wirklich viel, war ihr aber immer noch lieber als gar nichts. Außerdem hätte sie neben der üppigen Hausarbeit auch gar nicht mehr geschafft.

Marie begann, sich die neue Welt Wort für Wort zu erschließen. Jeden Tag kamen neue Gegenstände hinzu, Tätigkeiten, Attribute und so wurde das Leben in dem fremden Land immer bunter und reicher.

Samstag- und Sonntagnachmittags hatte sie frei und traf sich mit anderen deutschen Mädchen, die sie in ihrem Englischkurs kennengelernt hatte. Vor allem mit Edith aus Hamburg verstand sie sich. Diese arbeitete als Hausmädchen bei einer älteren Dame, die deutsche Literatur schätzte und mit der sie auf Deutsch konversieren sollte. Sie war selbst deutsche Jüdin, aber rechtzeitig aus Deutschland weggegangen. Sie war einem englischen Pianisten vor dem ersten Weltkrieg in seine Heimat gefolgt und hatte ihn geheiratet.

Leider war er früh verstorben und da die alte Dame keine Kinder hatte, war sie sehr glücklich über Edith. Und Edith war mehr als glücklich über ihre Stelle. Bei ihrer neuen Freundin konnte Marie sich über ihre strenge Gastmutter ausweinen, die ihr keinen Fehler verzieh. Bei Edith gab es Tee und Shortbread. Beides streichelte Maries Seele. Vor allem die Plätzchen mit ihrer butterigen Zartheit.

Kapitel 3

Eines Tages wollte Peter auf dem Weg zur Schule über eine rote Ampel gehen. Marie hielt ihn an der Schulter fest. Da drehte Peter sich unwirsch um und sagte in seinem hochnäsigen Englisch: „Du hast mir gar nichts zu sagen, hat meine Mum gesagt.“ Marie war so baff über diese Frechheit, dass sie nichts zu erwidern wusste.

Täglich gab Mrs Harris ihr das Gefühl unerwünscht zu sein. Täglich ließ sie das Mädchen schuften wie Aschenputtel.