Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Zwei Jahre ist es her, dass Mia Fontelli ihren Mann Thom verloren hat. Bei der Kur auf einer Nordseeinsel will sie sich von der Arbeit an ihrer Seele erholen. Durch Zufall entdeckt sie auf dem Insel-Friedhof einen Tunnel, der in eine längst vergangene Welt führt. Am anderen Ende erkennt Mia, dass sie noch immer von ganzem Herzen lieben kann.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 130
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Katja Pelzer
Mia am Meer
Eine Romanze zwischen den Jahrhunderten
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Impressum neobooks
Halb acht. Zu Hause würde sie sich jetzt noch einmal umdrehen und versuchen, wieder einzuschlafen. Aber sie war nicht zu Hause. Sie war auf Kur.
Mia öffnete die Vorhänge und schaute hinaus aufs Meer bis zur Hallig. Das Meer, das große graue Tier, sträubte sein Fell. Hier und dort leuchteten weiße Streifen auf.
Mia schlüpfte in Leggings und ein rotes T-Shirt-Kleid. Bequeme Kleidung für ihre Anwendungen. Schnell noch schminken. Ungeschminkt kam für Mia nicht in Frage, auch nicht auf Kur.
Als Erschöpfung hatte der Arzt ihren Zustand bezeichnet. Depressive Krise nannte er ihn an anderen Tagen. Mia war egal, wie das hieß, was sich da vor vielen Monaten über sie gestülpt hatte. Sie hatte alles getan, um sich davon zu befreien. Wieder sie selbst zu werden. Sie selbst, mit einer Narbe mehr. Nach diesem Selbst sehnte sie sich.
Im Treppenhaus begegnete ihr kein Mensch. Die meisten Gäste fuhren Aufzug. Die meisten Gäste waren Senioren. Sie fuhren selbst bis in die erste Etage. Mia lief, obwohl ihr Zimmer im fünften Stock lag.
An der Rezeption in der benachbarten Reha-Klinik stand eine Gruppe Menschen in Funktionskleidung, wie Mia sie nicht besaß. Ein Blick genügte, um zu sehen, dass sie die Jüngste war. Die meisten Patienten waren Männer um die 60, die einiges an Gewicht trugen. Und aller Aufmerksamkeit war auf Mia gerichtet. Der Physiotherapeut Jochen kam aus seinem Büro und trieb seine schwerfälligen Schäfchen hinaus an den Strand. Das morgendliche Watt war noch kalt. Mia fühlte Muschelkanten und Steinrücken unter ihren Füßen.
Alle stellten sich im Kreis auf, Jochen als Vorturner mit dem Rücken zum Meer. Atmen und die Arme hierhin und dorthin werfen und schwingen. Sich drehen mit geschlossenen Augen. Einatmen, während der Zeigefinger ein Nasenloch zudrückt. Beim Ausatmen durch den Mund pfeifen. Das war Atemtherapie.
„Wer nicht pfeifen kann, darf singen“, sagte Jochen. „Und wer nicht singen kann, kann auch summen.“ Mia wusste nicht, ob seine Ansage ein Witz oder ernst gemeint war. Sie fand es schwierig durch ein Nasenloch einzuatmen. Es verursachte Klaustrophobie. „Lächerlich“, dachte sie. Hier war genug Luft zum Atmen auch durch ein Nasenloch. Vor einem Jahr, wäre ihr diese Einsicht nicht gekommen.
Ein Teil des Kreises lachte. Beim Ausatmen zu pfeifen war aber auch wirklich lachhaft.
Gabi Weber war der einzige Mensch, der seit zwei Jahren Mias nackte Haut berührt hatte. Es tat gut, dass damit keine Emotionen verbunden waren. Keine Zugeständnisse und Versprechungen.
An ihre Hände hatte Mia sich sofort gewöhnt. Voller Vertrauen hatte sie ihr in dem neonnüchternen Licht des Souterrains ihren Rücken überlassen. Frau Webers Finger drückten die Nerven an den abwegigsten Stellen und an den naheliegenden noch dazu. Warme, wellenförmige Wonne durchwogte Mias Körper, wenn die Masseurin ihre obere Gesäßmuskulatur knetete. Das Glück begegnete einem an unerwarteten Orten. Wenn sie nach Schlickpackung und Massage den Kellerraum verließ, fühlte Mia sich wie nach einer Woche Urlaub. Und geradezu unternehmungslustig. An der Promenade setzte sie sich in das weiße Café mit den bunten Blumen und bestellte einen Espresso Macchiato. Wenn sie Kaffee trank, wollte sie den Kaffee auch schmecken. Modegetränke wie Latte Macchiato waren ihr zuwider. Nicht umsonst hatten die Italiener den beigen Schlabber für ihre Kinder erdacht.
Im Pavillon spielte eine Band. Die blonde Sängerin sah aus wie eine Mischung aus Frida und Agneta von ABBA. Die Musiker trugen Hawaii-Hemden. Sie spielten ein buntes Medley von Fly me to the Moon bis Die kleine Kneipe, so dass für wirklich jeden etwas dabei war. Selbst Mia wippte bei dem einen oder anderen Ohrwurm mit den Beinen. Vor einem Jahr wäre ihr das wahrscheinlich nicht passiert.
Nach dem Kaffee setzte sie sich auf ihr schlichtes rotes Mietfahrrad und trotzte dem Westwind im ersten Gang. Der regierte die Insel, wie sonst nur die Gezeiten. Die Windsurfer und Segler konnten sich freuen. Beim Radeln war er eher hinderlich. Da blieb nur der Trost auf Rückenwind bei der Heimfahrt. Über Wiesen und durch ein kleines Eichenwäldchen, vorbei an Möwen- und Austernfischer-Konferenzen steuerte Mia den hübschesten Ort der Insel an. Leider der Favorit der meisten Touristen. Die Reetdächer des Dorfes duckten sich unter dem Wind. In den Cafés saßen Menschen und aßen Kuchen. Mia mochte den Trubel nicht. Sie sehnte sich nach Ruhe. Wie meistens in den vergangenen zwei Jahren. Die Kirche überragte alles wie ein Leuchtturm. Das Tor zum Friedhof quietschte. Sie zog die Sandalen aus und lief durch das weiche knöcheltiefe Gras, mit Gänseblümchen und Löwenzahn, das zwischen den alten Gräbern wucherte. Schiffe, Blumen, Menschen und ganze Geschichten fanden sich auf den grauen Gedenksteinen. Sie waren meist Kapitänen gewidmet. Die Insel hatte viele große Seefahrer hervorgebracht. Darauf war man hier stolz und pflegte dieses Erbe. Noch heute fuhren viele Schiffe über die Weltmeere unter dem Kommando eines Kapitäns von der Insel. Navigation lernten und lehrten die Insulaner bereits im 18. Jahrhundert.
Wie jung die Kapitäne oft waren, wenn sie hier die letzte Ruhe fanden. Dirck Jansen war einer von ihnen gewesen. Sein Leben hatte mit nur dreiundvierzig Jahren auf hoher See abrupt geendet. Das war Siebzehnhundertneunundachtzig gewesen. Seine Familie hatte im Gedenken an ihn einen kunstvollen Stein fertigen lassen. Die Inschrift trat aus dem Sandstein hervor. Das war die kostspielige Variante, wie Mia aus einer kleinen Broschüre wusste, die sie in der Kirche gekauft hatte. Die Inschrift krönte das Bild eines stolzen Dreimasters.
Die Radtour hatte Mia erschöpft und sie ließ sich ins Gras sinken. Mit ihrer Tasche als Kissen schaute sie in den Himmel, der hier drei Dimensionen zu haben schien. Die Wolken schwebten in unterschiedlichen Schichten und verschiedenen Formen. Sie starrte hinauf und schon war sie eingeschlafen. Mia wehrte sich nicht mehr gegen den Schlaf. Er war ihr Freund geworden. Unmittelbar nach Thoms Tod war das anders gewesen. Damals hatte der Schlaf keine Erholung gebracht, sondern den immer gleichen Traum. Sie stand an der Klippe auf Mallorca und sprang hinterher. Das Meer hatte sie dunkel umschlossen und sie hatte keine Luft mehr bekommen. Aus der Atemnot heraus war sie erwacht – über ihrem Gesicht hatte ihre schwere Daunendecke gelegen. Und neben ihr war Leere gewesen. Kein Traum, kein Wunsch und keine Anstrengung konnten Thom wieder zurückholen. Die Verzweiflung darüber hatte sich auch nach einem Jahr nicht gelegt. Aber das Leben musste weitergehen. Sie musste Geld verdienen. Als freie Journalistin wurde sie nur bezahlt, wenn sie etwas lieferte. Die Arbeit lenkte sie ab, das schon, aber abends war sie so erschöpft, als hätte sie jedes einzelne Wort per Hand modelliert.
Wenn sie fliegen musste, fragte sie sich, ob man wohl sofort ohnmächtig würde, wenn das Flugzeug abstürzte oder ob man alles genau mitbekam – die Hilflosigkeit in diesem Moment, die Ausweglosigkeit und den eigenen Tod. Plötzlich hatte sie das Fliegen gehasst. Dabei war sie mit Thom zum Arbeiten um die ganze Welt geflogen, mehr als einmal.
Eines Tages war sie dann durch einen langen Tunnel gefahren und musste auf den Notstreifen fahren, weil sie am ganzen Körper zitterte. Ihr Herz raste und sie war überzeugt, dass sie jeden Moment an einem Herzinfarkt sterben würde. Die gleiche Mischung aus Todesangst und beinahe Ohnmacht erlebte sie eines Abends, als sie von der Arbeit nach Hause radelte. Es war dunkel und sie fuhr durch einen Park. Plötzlich wurde die stattliche Baumallee zum Tunnel und Mia geriet in Panik.
Sie war zu ihrer Hausärztin gegangen und hatte ihr alles erzählt. Die Ärztin hatte sie ernst aber freundlich angeschaut und gesagt: „Haben sie schon mal eine Therapie gemacht?“ Auf Mias Überweisungsschein hatte sie „Angststörung“ schreiben lassen.
Das war das gewesen.
Und jetzt war Mia also hier auf der Insel, um sich von der Arbeit an ihrer Seele zu erholen. In eine Decke in ihren blauweiß gestreiften Strandkorb gekuschelt, betrachtete sie das Meer. Die letzte Fähre vom Festland leuchtete orangefarben im Abendlicht. Über der Hallig hingen violette Haufenwolken, die sich auf der Wasseroberfläche spiegelten. Alles war ein einziges Leuchten.
Doch noch immer wirkte die nahende Nacht wie eine Bedrohung. Zwar nicht mehr ganz so finster wie noch vor ein paar Monaten. Aber das Schwarze war dunkler als vor Thoms Tod. Der Atem ging schwerer, als drückte etwas von außen gegen ihre Gurgel, als würgte sie jemand. Vorher waren Nächte für sie einfach nur das Gegenstück zum Tag gewesen. Sie hatte diese Tageszeit gemocht, wenn alles zur Ruhe kam. Thom und sie hatten abends oft zusammen gekocht, wenn sie nicht gerade auf Pressereisen waren. Und dann immer bis spät am Tisch gesessen und geredet. Nach seinem Auftrag in Afghanistan, hatte sich ein Dämon zwischen sie gelegt. Nachts hatte sich Thom oft gewälzt und im Schlaf geredet. Am nächsten Morgen konnte er sich meistens nicht mehr daran erinnern. Aber irgendwie war das Lachen aus seinem Leben verschwunden.
Sie hatte ihn dabei beobachtet, wie er die Freude am Dasein verloren hatte. Zuerst hatte sie versucht, ihn abzulenken. Mit Kino, gutem Essen, Theater, Reisen. Ganz egal wie schön sie es zusammen hatten, der Schatten, der auf seiner Seele lag, wurde nicht kürzer. Und dann waren sie nach Mallorca geflogen, weil alle es dort immer so romantisch fanden. Die Buchten, die Wälder, die Klippen, das Wasser. Er hatte seine Fotoausrüstung dabei gehabt. An jenem letzten Tag war er allein aufgebrochen. Sie war zu müde gewesen. Wollte lieber etwas länger schlafen. Doch Thom hatte darauf bestanden, dass um diese Zeit das Licht am schönsten war. „Schlaf ruhig noch ein bisschen, Süße. Ich bin in einer Stunde zurück.“
Nach einer Stunde war er nicht zurück. Auch nach zwei Stunden nicht. Nach fünf Stunden begann sie, nach ihm zu suchen. Auf halber Höhe einer Klippe stand das Stativ mit seiner Kamera.
Günther Mondric war von all den alten Krücken auf der Insel noch die lustigste. Er kam aus dem Ruhrgebiet und seine zauseligen weißen Haare und der Schnauzer gaben ihm etwas Spitzbübisches. Auch legte er seine üppige Körpermasse nicht, wie viele Mitpatienten, allabendlich auf der großen Couch vor dem Fernseher ab. Die meisten taten das ohnehin nur, um sich über all das Elend auszutauschen und auch weiterhin nichts zu tun, um diese Erde durch ihre Gegenwart auch nur einen Deut angenehmer zu machen. Da war Günther Mondric Mia bei weitem lieber. In ihm loderte noch ein Feuer. Der alte Gockel machte einer rüstig wirkenden Asthmapatientin, den Hof. Abends sah Mia sie häufig in einem Strandcafé sitzen. direkt neben ihrem Hotel. Dort genossen die beiden ein paar Bierchen zum Sonnenuntergang und hielten sich an den Händen. Günther war überhaupt noch gut auf den Beinen. Der Rücken ziepte zwar und die Bandscheiben kullerten nur so, wie er sagte, aber das hielt ihn nicht von kilometerlangen Strandspaziergängen ab. Einmal fragte er Mia, ob sie Lust hätte, ihn zu begleiten. Und das tat sie. Er wollte wissen, warum sie hier war. Und sie erzählte ihm alles.
„Ach Mädchen, für so viel Kummer sind Sie doch noch viel zu jung!“
„Das Schicksal richtet sich nicht nach dem Alter!“
„Das nicht, aber Sie wollen doch auch noch keine gramgebeugte Alte sein. Dagegen können Sie was tun.“
„Was denn?“, fragte Mia leise.
„Meine Berta ist jetzt schon zwanzig Jahre tot. Und ich glaube nicht, dass irgendwem damit geholfen wär’, wenn ich ewig um sie trauern würde. Was sie für mich war, geht nie weg. Aber ich bin noch hier und muss weitermachen.“
Ein Austernfischer, der vor ihnen im Watt auf und ab stolziert war, brach plötzlich in lautes Gezeter aus. Sein Schnabel glänzte rot, als hätte er ihn gerade in Nagellack getaucht. Günther Mondric schaute den zeternden Vogel amüsiert an. Dann zog er sein Smartphone aus der Hosentasche und machte typische Wischbewegungen. „Find’ mal den Vogel da“, sagte er und zeigte auf die Liste in seiner Vogel-App. „Ich hab’ meine Lesebrille vergessen.“ Er zuckte entschuldigend die Schultern. Mia beugte sich über das Gerät. Eigentlich boykottierte sie die Dinger. Sie tippte auf den Austernfischer mit seinem gebogenen roten Schnabel, den roten Beinen und dem schwarz-weißen Gefieder und aus dem Telefon erklang das vertraute Keckern. Der Austernfischer am Strand hob seinen Kopf, wiegte ihn hin und her und fing dann an, noch lauter und empörter zu Zetern. „Wie gemein!“ sagte Mia und stieß Günther ihren Ellbogen in die Seite. Ein zweiter Austernfischer landete und stimmte in das zweistimmige Geschimpfe ein. Mia machte fast in die Hose vor Lachen und musste sich an Günther festhalten, der sich ebenfalls seinen Bauchansatz hielt.
Menschen sterben. Ununterbrochen. Unangekündigt, einfach so. Aber warum dieser? Er war doch ihr Mann gewesen.
Die spanische Polizei wusste nicht, ob es ein Unfall gewesen war. Und Mia wusste nur, dass Thom nicht mehr glücklich gewesen war. Schon lange nicht mehr. Aber war die Abwesenheit von Glück ein Grund zu gehen?
In die Tage nach Thoms Tod drang kein Licht. Mia wusste schon beim Aufwachen nicht, was sie mit sich anfangen sollte. Warum sollte sie aufstehen? Das Grün der Bäume war ohne Farbe. Das Grün der Ampeln dagegen so grell, dass es sie blendete. Sie roch nichts, alles schmeckte nach nichts. Der Schmerz ihrer verlorenen Liebe war körperlich. Sie wand sich wie ein verwundetes Tier. Sie wollte, dass der Schmerz aufhörte. Sie wollte, dass es wieder schön war zu leben.
„Sie sind nur für sich selbst verantwortlich“, sagte Stefanie Berenboom, ihre Therapeutin. „Schuldgefühle entstehen aus unseren Gedanken. Zuerst sind da die Hirngespinste, dann erst die Gefühle.“ Aber obwohl sie das verstand und sogar lebte, bedeutete das nicht, dass sofort alles wieder gut war. Überhaupt nicht.
Mia wusste nicht, wie sie jemals ins Leben zurückfinden sollte, wenn der Mann, der alles für sie gewesen war, nicht mehr bei ihr hatte sein wollen.
„Mädchen, Sie sehen heute aber schon viel besser aus!“ Das war wieder einmal Günther Mondric, der Mia das zurief. Als sie von einer ihrer Fahrradtouren zurückkam, saß er im Strandcafé, dieses Mal ohne seine Bekannte. „Setzen Sie sich doch zu mir, ich fühle mich so allein“, er zwinkerte ihr fröhlich zu.
Mia parkte ihr Fahrrad und schloss es ab.
„Ich war heute in Nordblum auf dem Friedhof“, sagte sie, während sie sich setzte.
Günther schüttelte den Kopf.
„Na, Sie machen Sachen! Kümmern Sie sich mal lieber um die Lebenden. Beispielsweise um so’n alten Mann wie mich.“
„Als Ihre Berta gestorben ist, wie haben Sie danach weiter gemacht?“, fragte Mia ihn.
„Na, ich bin morgens aufgestanden, hab mir eine Stulle mit Butter gemacht und einen Kaffee und dann hab ich Gott gedankt, dass ich sie wenigstens für die zwanzig Jahre haben durfte, die wir verheiratet waren. Manch einer findet doch nicht mal den Menschen, mit dem er es ein Jahr aushält.“
Mia schaute aufs Meer.
„Aber das tut doch umso mehr weh, wenn man so einen Menschen dann verliert.“
„Mag sein, aber ändern können Sie es auch nicht. Ich sag mir immer, was du nicht ändern kannst, damit halt dich nicht auf. Also versuch ich, das Gute zu sehen, das wir zusammen hatten.“
„Aber dann leben Sie doch immer in der Vergangenheit!“
„Ich bin ja nun schon ein bisschen älter als Sie, und Sie können mir glauben, dass es jeden Tag leichter wird, weiterzumachen.“
„Aber ich weiß nicht, warum ich weitermachen soll. Wenn ich nicht so feige wäre, wäre ich auch schon längst gesprungen.“
