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Zwei Frauen, zwei Schicksale, zwei unterschiedliche Epochen. Anna aus München, Anfang vierzig, Mutter von zwei Kindern, ist viel zu jung Witwe geworden. Sofia, sechzehn Jahre, italienische Grafentochter, ist zum ersten Mal verliebt. Bei allen Unterschieden gibt es einen Ort, der die beiden Frauen über alle Zeiten hinweg miteinander verbindet: Ein Kloster, das hoch über der Amalfiküste, wie eine Raubkatze, auf einem Felsvorsprung kauert. Anna entdeckt es 2014 während eines Segelurlaubs und ist auf den ersten Blick fasziniert von dem alten Gemäuer, das dringend eine Renovierung braucht. Nicht nur bekommt ihr eigenes Leben dadurch einen neuen Sinn, sie entblättert hier auch peu à peu das Schicksal der jungen Grafentochter Sofia, die im frühen 20. Jahrhundert nahe Neapel aufwuchs.
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Seitenzahl: 234
Veröffentlichungsjahr: 2022
Katja Pelzer
Die Sfogliatelle von Sofia
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1 – 2014
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8 – 1914
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18 – 2014
Kapitel 19 – 1914
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22 – 2014
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27 – 1914
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30 – 2014
Kapitel 31 – 1914
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37 – 2014
Kapitel 38
Kapitel 39 – 1915
Kapitel 40
Kapitel 41 – 2014
Kapitel 42 – 1915
Kapitel 43 – 2015
Kapitel 44 – 1915
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48 – 2016
Kapitel 49 – 1916
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54 – 2016
Kapitel 55 – 1916
Kapitel 56
Kapitel 57 – 2016
Kapitel 58 – 1918
Sfogliatelle di Sofia – das Rezept
Impressum neobooks
„Signora, das Essen wird gleich serviert!“, der Koch persönlich steht neben ihrem Liegestuhl und überbringt Anna diese Nachricht.
Sie schaut ihn über den Rand ihrer großen schwarzen Jackie O. Sonnenbrille hinweg an, lächelt schüchtern und sagt leise „Grazie“.
Die Gegenwart anderer Menschen verunsichert Anna, vor allem die Gegenwart unbekannter Menschen, die alles dafür tun, dass es ihr gut geht und an nichts fehlt. Sie ist sich ihrer Unsicherheit nur zu bewusst und das macht sie noch ein wenig scheuer. Nur gegenüber sehr vertrauten Menschen, wie ihrer Tochter, ihrem Sohn und ihren engsten Freundinnen kann sie sich entspannen und empfindet eine gewisse Selbstverständlichkeit.
Anna blickt auf die weite dunkelblaue Fläche, die das Meer ist und ihr entfährt ein tiefer Seufzer, der alle trüben Gedanken in die Welt hinaustreibt. Die Sonne verfärbt sich allmählich zu einem tiefen feurigen Orange und senkt sich dem Horizont entgegen. Eine Stimmung, die sie vor wenigen Jahren noch tief berührt hätte.
Doch es ist die erste Reise, die Anna nach dem Tod ihres Ehemanns unternimmt.
Mit nicht einmal vierzig Jahren ist sie Witwe. Seit drei Jahren schon. Kaum auszuhalten ist das. Sie kann es noch immer nicht fassen.
Die Abwesenheit ihres Mannes ist ein Schock, der sich in den ersten Monaten nach seinem Tod jeden Morgen nach dem Aufwachen erneut über sie legte, alle ihre Sinne lähmte und ihr die Freude an allem nahm. Selbst zu Dingen, wie essen und trinken, die sie immer genossen hat, muss Anna sich noch immer ein wenig selbst ermahnen.
Die Freundinnen haben ihr monatelang in den Ohren.
„Liebe, so kann es nicht weitergehen“, hat ihre beste Freundin Jian irgendwann entschieden.
Sie war es auch, die Anna eingebucht hat auf diesem Segelschiff.
Jian ist selbst begeisterte Seglerin.
„Es ist wie Meditation, den Wind zu beobachten und das Boot so auszurichten, dass es von ihm profitiert. Du bist im Einklang mit der Natur, ihr geht Hand in Hand, Wind im Segel, am besten Rückenwind“, hat Jian gesagt. Noch während sie sprach, entspannte sich etwas in Anna.
Nun ist Anna hier.
Sie ist von München nach Neapel geflogen und in der lebendigen Hafenstadt an Bord gegangen.
Das elegante Holzsegelboot ist so groß, dass es für zehn Menschen Platz bietet. Doch sie sind gerade mal zu fünft.
Es gibt einen Skipper, einen Koch, eine Reiseleiterin und eine junge Frau, die Anna hinterher räumt und ihr feine Dinge serviert – von morgens bis abends.
Jeden Tag spricht Anna über Facetime mit Jian. Heute hat sie ihr zum vierten Mal das Meer gezeigt. Einfach nur das Meer, das hier jeden Tag anders aussieht.
Jian sagte daraufhin: „Meine Liebe, ich entspanne mich mit dir. Deine Anrufe sind auch für mich ein Stück Urlaub.“ Sie lächelte Anna auf ihre unnachahmliche Art an und diese war noch dankbarer als sonst, sie zur Freundin zu haben.
Es gibt für Anna nichts weiter zu tun an Bord, als das Segel zu beobachten und zu bewundern, wie straff es sich aufbläht, wenn es am Wind steht. Und ansonsten zu essen, zu schlafen, zu sonnen und zu lesen.
Aber vor allem gibt es das Meer.
Die meiste Zeit verliert sich Annas Blick in dessen Weite. Sie lässt ihn auf den Wellen treiben und hinweg bis zum fadendünnen dunkeltürkisfarbenen Horizont. Vor ein paar Tagen dann, meldete sich tatsächlich ein leichter Hunger.
Die salzige Meeresluft und das Bad im erfrischenden Wasser regen den Appetit an.
Nachdem sich Anna an diesem Abend rasch für das Essen umgezogen hat und aus ihrer etwas stickigen Kajüte zurück an das luftige Deck steigt, fällt ihr Blick auf die weltberühmte Amalfi-Küste. Die untergehende Sonne taucht die hoch über dem Meer thronenden Felsen in ihr warmes orangefarbenes Licht. Unterbrochen wird ihr karger heller Stein von kleinen Bäumen und Büschen, hier und da lassen sich Straßen ausmachen. Der Fuß der Felsen verschwindet im Wasser, dessen Türkis allmählich wie von schwarzer Tinte verschluckt wird.
Anna atmet tief durch. Dann hebt sie den Blick vom Meer Richtung Himmel.
Auf einen der Felsen schmiegt sich ein Haus. Ein weitläufiges Gebäude mit grauer Fassade. Es liegt gemächlich am Abgrund wie eine Raubkatze auf dem Sprung.
Welch’ wunderbaren Ausblick man sicher von dort oben hat, überlegt sie.
„Sagen Sie, was ist das dort oben für ein Haus?“, fragt Anna während des Essens beiläufig ihre Reiseleiterin.
Die hebt den Kopf und folgt mit dem Blick Annas Finger.
„Das ist ein Kloster. Es ist, soweit ich weiß, mittlerweile allerdings nicht mehr bewirtschaftet“, antwortet die junge Frau.
Anna nickt.
Sie kann den Blick nicht abwenden.
„Kann man es besichtigen?“, fragt sie ihre Reiseleiterin.
„Ich weiß es nicht, aber ich finde es für Sie heraus“, antwortet diese.
Am nächsten Morgen steht Anna vor dem Hauptgebäude des Klosters.
Es geht nur ein leichter Wind hier oben. Viel zaghafter als unten am Meer.
Ein Duft nach Oleander, Zitronen, Bougainvilleen und Jasmin steigt Anna in die Nase und legt sich süßwürzig auf ihre Lippen.
Kurz schließt sie die Augen und saugt ihn auf.
Dann dreht sie sich um hundertachtzig Grad und blickt hinaus auf diese weite tiefblaue Ebene, die nur aus Wasser besteht. Dort unten sieht sie das Segelschiff vor Anker liegen. Motorboote durchpflügen das Blau und ziehen weißen Schaum hinter sich her, pastose Pinselstriche in einem dunkelblauen Gemälde.
Ein prächtiger Dreimaster schwebt mit aufgeblähten weißen Segeln in der Ferne vorüber wie ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit.
Nur hier und da bricht der Augenaufschlag einer Schaumkrone das Azur des Meeres.
Annas Herz klopft schneller. Lange hat es das nicht mehr getan, sehr lange.
Das vorherrschende Gefühl der vergangenen Jahre ist Trauer gewesen, gefolgt von einer gewissen Taubheit, nachdem der letzte Rest Kraft zu trauern versiegt ist. Jetzt meldet sich diese neue Regung in ihr, die sie aufhorchen lässt.
Das Kloster liegt still da. Der Putz sieht angegriffen aus. Vermutlich von der Witterung, vom Salz in der Luft, der Feuchtigkeit.
Eine Wand ist eingestürzt, Dachbalken versperren kreuz und quer den Eingangsbereich – hier ist kein Durchkommen. Das Gebäude ist in einem desolaten Zustand und doch keimt in Annas Innern eine Art aufgeregte Erwartung – etwas Lebendiges, Sehnsucht und Hoffnung zugleich.
Anna wendet sich um zu ihrer Reiseleiterin, die stumm im Schatten eines Baumes wartet, während sie eine Zigarette raucht.
„Wissen Sie, was der Ort mit dem Kloster vorhat?“, fragt Anna und versucht ruhig zu klingen.
Die Reiseleiterin schüttelt den Kopf. „Nein, aber ich werde es für Sie herausfinden“, sagt sie dann. Falls sie von Annas Fragerei genervt ist, lässt sie es sich zumindest nicht anmerken.
Die beiden Frauen steigen wieder ins Auto.
Während sie sich die verschlungenen Serpentinen hinunterschrauben, lässt Anna das Fenster herunter. Sie hält ihr Gesicht in die Sonne und saugt die würzige Luft auf.
Wilder Fenchel, Thymian, Lavendel, Rosmarin, sagt sie sich im Stillen.
Ihre Sinne sind klar und wach, wie lange nicht mehr.
Zurück an ihrem Segelboot wartet bereits der Koch mit einem Mittagssnack auf sie, bestehend aus Spaghettini mit Bottarga – getrocknetem Fischrogen – Chili und viel frischer Petersilie. Es schmeckt einfach köstlich. Erstaunt stellt Anna fest, dass sie einen ordentlichen Appetit hat.
„Aber Mama, was willst du denn mit einem Kloster?“, die Stimme Friederikes am anderen Ende der Leitung klingt völlig entgeistert. Auch wenn sie sich alle Mühe gibt, das zu überspielen.
Der Verlust ihres Ehemanns hat Anna und die Kinder nur noch mehr zusammenwachsen lassen. Da ist es schwierig, irgendetwas voreinander zu verbergen.
„Das weiß ich selbst noch nicht“, antwortet Anna jetzt fröhlich. „Ich weiß nur, dass ich es haben muss.“
„Aber ist so etwas nicht der reinste Geldversenker?“, fragt Friederike skeptisch.
„Davon kannst du ausgehen“, Anna lacht und ist selbst erstaunt über die Sorglosigkeit in ihrer Stimme.
Geld ist kein Thema für sie. Ihr Mann hat ihr so viel davon hinterlassen, dass sie ohnehin gar nicht weiß, wofür sie es ausgeben soll. Das große Haus in München ist seit Jahren abbezahlt.
Natürlich weiß Friederike das genauso gut.
„Ach Mama“, sagt ihre Tochter jetzt nur.
„Du würdest es lieben“, erwidert Anna und lächelt stillvergnügt. Sie wird sich von ihrer Tochter nicht den Spaß verderben lassen.
Zu lange ist ihr jeder Tag eintönig erschienen – eine Aneinanderreihung von Belanglosigkeit und Leere. Viel zu lange hatte sie das Gefühl, als trüge sie schwere Gewichte auf ihren Schultern, die sie nach unten drückten. Seit sie dieses Kloster auf der Klippe entdeckt hat, gibt es diese neue Leichtigkeit in ihr. Eine Art Abenteuerlust.
Hoffnung, denkt sie.
„Ich schicke Dir ein Foto“, fügt sie laut hinzu.
„Ja, mach’ das“, sagt Friederike. „Du, Mama, der Paul ist grad gekommen und wir wollen an den See fahren. Bussi!“
„Viel Spaß Euch und Bussi“, sagt Anna.
Eine leichte Wehmut schiebt sich als kleine Wolke vor ihr neues Wohlbefinden.
Bald wird auch Friederike ihrer Wege gehen. Sie ist achtzehn und sicher nur noch zu Hause, weil sie Anna nicht allein lassen will.
Ferdi, der Ältere, ist schon längst ausgezogen. Er studiert Medizin in der Schweiz. Will Onkologe werden und Menschen vor Krebs retten.
Wieder gibt es Anna einen Stich. Viel zu früh hat sie ihren Mann Marc an diese Krankheit verloren.
Er war Programmierer. Ein sehr musischer, feinnerviger.
Sie hatten noch ihr ganzes Leben vor sich. Hatten sich so auf die Zweisamkeit gefreut, wenn die Kinder ausziehen würden. Aber wie so oft im Leben ist alles anders gekommen.
Es ist kaum zu glauben, wie einfach es war.
Anna lächelt.
Das Kloster gehört dem Orden der Dominikanerinnen. Sie haben sich bereiterklärt ihr das Gebäude für einen symbolischen Wert zu überlassen, weil es sich in diesem bedauernswerten Zustand befindet und weil es keine Hoffnung auf Nachfolgerinnen gibt.
Wer will im 21. Jahrhundert, den Zeiten von Instagram und Klimawandel, schon das zurückgezogene frugale Leben einer Nonne führen?
Es ist der sprichwörtliche Tanz auf dem Vulkan. Jeder Mensch scheint heute das Maximum aus seinem Leben herausholen zu wollen.
Keine guten Zeiten für Askese.
Das Grundstück auf dem das Kloster steht, ist dem Orden natürlich mehr wert.
Aber auch diesbezüglich können sie sich rasch einigen.
Statt am Ende ihres Segeltörns wie geplant, nach München zurückzufliegen, hat Anna sich ein Zimmer in einer kleinen Pension im nächsten Fischerort genommen.
Pension ist schon fast zu viel gesagt. Es ist ein Zimmer in der sehr plüschigen und mit Spitzen dekorierten Wohnung einer alten verwitweten Signora, die ihr morgens eine Brioche und einen Espresso macht. Gerne auch zwei, wenn Anna danach ist. Und ihr ungefragt einen zuckersüßen Orangensaft einschenkt, der die Bezeichnung Saft eigentlich nicht verdient. Es ist eher Limonade ohne Kohlensäure. Aber Anna ist das egal. Für sie ist es ein schöner Vorwand um anschließend an der Piazza des Ortes in die Bar zu gehen und dort an der Theke mit den Einheimischen ein Panino und eine Spremuta di Arancia zu frühstücken, bevor sie wieder hoch zum Kloster spaziert und Visionen spinnt.
Sie will hier alles in die Wege leiten, bevor sie nach Hause zurückreist.
Ihre Freundin Jian hat getextet, um zu fragen, wann sie in München landen wird, damit sie Anna abholen kann. Doch diese hat zurückgeschrieben: „Flug auf unbestimmte Zeit verschoben. Bleibe länger. Ist zu schön hier. Danke noch mal für die tolle Idee.“
Schließlich ist Jian ja diejenige, die den Segeltörn eingefädelt hat. „Das hast Du nun davon“, fügt Anna noch mit einem zwinkernden Smiley hinzu.
Von einem Freund aus München, der mehrere Häuser in Italien besitzt, lässt sich Anna einen neapolitanischen Architekten empfehlen. Schwieriger sei es, Handwerker zu finden, erfährt sie. Aber das wird sie ohnehin dem Architekten überlassen.
Ihren drei engsten Freundinnen neben Jian schreibt Anna: „Ihr werdet künftig alle Ferien mit mir hier an der Amalfiküste verbringen müssen!“ Sie kichert übermütig vor sich hin.
Ihre Freundinnen scheinen regelrecht angefixt zu sein von der Idee. Sie kann sie gerade noch davon abhalten, sofort in den Flieger nach Neapel zu steigen. „Ich habe hier im Moment leider noch keine Möglichkeit, jemanden unterzubringen“ schreibt Anna, verspricht ihnen aber, dass sie das bald nachholen werden.
Nicht einmal der Kommentar ihrer Tochter Friederike hinsichtlich der Fotos – „Von wegen Kloster, das sind ja nur noch alte Steine“ – kann ihr den Wind aus den Segeln nehmen.
Anna fühlt sich nach dem Aufwachen, jetzt nicht mehr erschöpft und antriebslos. Endlich gibt es wieder einen Grund um aufzustehen. Sie hat eine Aufgabe. Ein Projekt, das sie von früh bis spät beschäftigt.
Von ihrer Pension aus spaziert sie täglich zur Klosterklippe hinauf. Allein der Spaziergang durch die berauschend würzige Luft, umtanzt von der warmen, manchmal heißen, Sommerluft, tut ihr gut. Sie ist nach wie vor überwältigt von der Lage ihrer Errungenschaft. Unwillkürlich muss sie sich immer wieder kneifen, so unfassbar schön ist es hier.
„Nicht so einfach“, skeptisch blickt der Architekt auf das alte Gemäuer. „Sie kennen nicht den italienischen Denkmalschutz.“
Anna lächelt schüchtern. „Das nicht. Aber ich kenne den deutschen“, erwidert sie.
Nun lächelt auch der Architekt. Davide heißt er und ist extra aus Neapel angereist, um mit ihr das Kloster zu begehen. So hat er es auf Englisch formuliert, weil das Italienisch, das Anna während ihres Studiums gelernt hat, nur rudimentär ist.
Begehen ist aber ohnehin etwas übertrieben. Die meisten Räume sind so verfallen, dass es zu gefährlich ist, sie zu betreten.
„Wir werden einen Statiker kommen lassen müssen“, erklärt Davide ihr auf Englisch. Dieser soll entscheiden, was zu retten ist und wie sie vorgehen.
„Entscheidend ist auch, was genau Sie mit dem Kloster vorhaben“, sagt Davide und schaut sie fragend aus seinen ungewöhnlich hellen Augen an.
Verlegen weicht sie seinem Blick aus.
Er ist ein erfahrener Architekt, das weiß Anna von dem Münchner Freund, der ihn empfohlen hat.
„Tja, so genau weiß ich es selbst nicht“, sagt Anna und es ist ihr ein wenig peinlich. Sie möchte nicht als verrückte Deutsche rüberkommen, die sich kauft, was sie will, ohne Sinn und Verstand. „Aber in diesem Fall ist es wohl die legendäre Liebe auf den ersten Blick“, sagt sie und jetzt wird sie tatsächlich rot, weil ein Architekt natürlich ein sachlicher Charakter ist und sicher nichts mit wirren emotionalen Begründungen anfangen kann.
Doch Davide lächelt weiterhin freundlich und sagt: „Das ist nicht der schlechteste Beweggrund. Dann werden sie auch die nötige Geduld aufbringen und die Bereitschaft, einiges zu investieren.“
Anna nickt überrascht. „Zum jetzigen Zeitpunkt könnte ich mir vorstellen, mir hier einen zweiten Wohnsitz einzurichten und gleichzeitig vielleicht ein paar Zimmer als Bed and Breakfast anzubieten?“ Es kommt als halbe Frage heraus. Anna schämt sich. Jetzt ist sie schon vierzig Jahre alt und trotzdem fällt es ihr schwer, selbstsicher aufzutreten. Aber Davide scheint das gar nicht wahrzunehmen.
„Na, das ist doch eine Ansage“, sagt er. „Dann werden wir mal sehen, dass wir Ihnen hier ein wunderbares zweites Zuhause bauen.“
Anna merkt, wie dieser Satz in ihr wiederum dieselbe Vorfreude aufkeimen lässt, die sie bereits beim ersten Anblick verspürt hat.
Der Ort, an dem dieses Kloster steht, ist von einmaliger Schönheit. Das ist ihr nur zu bewusst.
Es wundert sie, dass noch niemand vor ihr Interesse angemeldet hat.
Der massive dunkelbraune Holzschreibtisch steht im ehemaligen Zimmer der Äbtissin.
Dieser Raum ist einigermaßen gut erhalten. Das verdankt er den dicken Balken, die seine Decke stützen. Nur von den Wänden ist etwas Kalk abgeblättert.
Ein großes Fenster öffnet sich Richtung Meer. Es ist gleichzeitig die Tür zu einem Austritt.
Anna traut sich jedoch nicht, sie zu öffnen, weil sie fürchtet, sie könnte nicht mehr stabil genug sein und ihr entgegen fallen. Auf den schmalen Balkon wagt sie sich erst recht nicht hinaus. Er sieht schon ziemlich marode aus.
Anna schaut darüber hinweg und könnte verrückt werden vor Freude.
Es ist, als stünde sie am Felsrand und blickte hinunter. Das ist so erschreckend schön, dass sie kurz vergisst zu atmen.
Dann seufzt sie tief und denkt an ihren verstorbenen Mann.
Marc hätte dieser Ort gefallen. Er hätte sich genau diesen Raum ausgesucht. Vermutlich hätte er vorgeschlagen, hier das Schlafzimmer einzurichten.
Auch Marc hat das Meer geliebt.
Schlafen mit Blick auf das Mittelmeer. Etwas Schöneres hätte auch er sich sicher nicht vorstellen können.
Die Weite hätte ihn ebenso berührt wie sie. Diese Stille und Großartigkeit.
Anna seufzt, dann lächelt sie, während sie sich daran erinnert, wie sie Marc zum ersten Mal gesehen hat.
Damals vor einer gefühlten Ewigkeit. Dabei ist es gerade einmal zwanzig Jahre her.
Es war auf dem Flughafen von Rio de Janeiro.
Sie war aus Manaus gekommen, wo sie sich das Opernhaus angesehen und eine Bootsfahrt über den Rio Negro gemacht hatte.
Marc kam aus Patagonien, wo er auf den Spuren von Bruce Chatwin gepilgert war. Weg von den Bildschirmen, die sein Leben als Programmierer ausmachten. Er hatte sich wie Bruce Chatwin nach Weite gesehnt, nach Natur und Ursprünglichkeit.
Anna und Marc waren beide unabhängig voneinander in Rio zwischengelandet wegen eines schweren Unwetters und hatten dort festgehangen. Es ging an jenem Tag kein Flieger mehr.
Beide wollten sie nach Deutschland.
Er nach München, sie nach Köln.
Er hatte in der Schlange am Info-Schalter gestanden, um sich nach einem Ersatzflug zu erkundigen.
Er war ihr gleich aufgefallen. Groß, schmal, jungenhaft, ernste braune Augen.
Und sie ihm auch, wie sie später erfuhr, nachdem er sie angesprochen hatte.
Anna hatte in einem Café im Flughafen gesessen und etwas gegessen. Was es war, weiß sie nicht mehr. Doch den Moment, in dem er vor ihr stand und sie auf Deutsch fragte, „Darf ich mich setzen?“, wird Anna niemals vergessen. Sie hatte in jenem Augenblick bereits geahnt, dass diese Begegnung Konsequenzen haben würde. Existenzielle. Denn sein Blick legte in ihrem Innern einen Schalter um.
Es hatte keinen Grund gegeben, „nein“ zu sagen. Alles erschien ihr stimmig an ihrer Begegnung. Tausende Kilometer von zu Hause entfernt. Das Unwetter, die Wahrscheinlichkeit eines Treffens auf einem anderen Kontinent. All das konnte kein Zufall sein. Es war ihr erschienen, wie ein Teil eines größeren Plans. Willig hatte sie sich daraufhin in ihr Schicksal ergeben.
Und genickt.
Sie hatten sich die ganze Nacht unterhalten.
Über Kunst vor allem. Denn Marc war zwar Programmierer, machte aber auch Videokunst.
Irgendwann, am nächsten Mittag, war dann ihr Flieger gegangen.
Auf dem Flug hatten sie nebeneinander gesessen und die meiste Zeit geschlafen. Ein paarmal war Anna aufgewacht, weil ihr Kopf auf die Schulter des nun schon nicht mehr ganz so Fremden gesunken war.
Sie hatte sich dann immer wieder aufgesetzt. Dabei hatte es sich wie das Normalste von der Welt angefühlt, ihren Kopf auf Marcs Schulter zu legen.
Anna war anschließend von München direkt weitergeflogen nach Köln.
Sie hatten sich mit einer kurzen scheuen Umarmung voneinander verabschiedet. Anna hatte sich auf dem einstündigen Flug nach Hause furchtbar verlassen gefühlt.
Wie zweigeteilt.
Doch Marc hatte es ebenso empfunden wie sie und sie bereits am Wochenende darauf besucht.
Von da an waren sie unzertrennlich gewesen.
Bis zu Marcs viel zu frühem, ungerechten, gemeinen Tod.
Anna fühlt, wie sich wieder die Trauer in ihr meldet, wie ein Gast, den sie längst verabschiedet hat.
Sie richtet sich auf, tritt vom Fenster zurück und will hinaus, an die Sonne, folgt dann aber doch einem plötzlichen Impuls, sich den Schreibtisch etwas genauer anzusehen.
Abgesehen davon, dass er unter einer dicken Staubschicht liegt, wirkt er ziemlich unversehrt.
Kurz kommt ihr der Gedanke, dass das hier ihr Arbeitsplatz werden könnte und sie hier gerne ein Buch schreiben würde. Einen Ort mit mehr Esprit kann sie sich kaum vorstellen.
Irgendwann einmal hat sie Kunstgeschichte studiert und Sprachen.
Was sie damit einmal machen wollte, wurde sie oft gefragt. Forschen und schreiben hatte sie gedacht. Doch dann hatte sich das Thema irgendwann erledigt, weil sie Marc kennengelernt hatte und recht schnell mit Ferdi schwanger geworden war.
Marc hatte viel gearbeitet und sie hatte sich um die Kinder kümmern wollen. Es hatte sich so ergeben und war für sie in Ordnung gewesen.
Aber jetzt, denkt Anna, jetzt habe ich bald Zeit für alles, was ich machen möchte.
Sie tritt an den Schreibtisch. Sie öffnet seine Schubladen.
Sie sind leer.
Bis auf die unterste.
Ein Stapel vergilbter Briefe liegt darin und ein italienisches Schriftstück, das aussieht, wie ein Rezept. Zumindest steht darüber Sfogliatelle di Sofia.
Und darunter Zutaten mit Mengenangaben. Dafür braucht sie kein Italienisch zu verstehen, um das zu erkennen.
Anna erinnert sich zudem, dass der Koch auf dem Segelschiff ihr einmal Sfogliatelle zum Espresso gereicht hat. Mit den Worten, dass dieses Blätterteigteilchen eine alte süditalienische Spezialität sei.
Es war mit Ricotta und kandierten Früchten gefüllt und hat ausgezeichnet geschmeckt.
Die Briefe werden von einer verblassten Schleife zusammengehalten, die vermutlich einst gelb gewesen ist, nun aber eher ins Beige tendiert.
Anna spürt eine unbestimmte Neugierde in sich.
Vielleicht ist es ein Briefwechsel der Äbtissin mit dem Vatikan? Oder mit anderen Dominikanerinnen? Oder vielleicht einfach Rechnungen? Aber warum dann die Schleife?
Da sie kaum Italienisch kann, würde sie ohnehin nichts verstehen. Sie beschließt, die Briefe Davide zu zeigen. Vielleicht kann er sie ihr ins Englische übersetzen.
Falls sie überhaupt interessant sind.
„Das sind Liebesbriefe“, sagt Davide und blickt von dem Briefstapel auf, den Anna ihm zum Lesen gegeben hat. Er sitzt am Schreibtisch der Äbtissin und lächelt. „Sehr schöne, poetische Liebesbriefe.“
„Seltsam, dass so etwas im Schreibtisch einer Nonne liegt“, sagt Anna. Eine Liebesbriefe schreibende Nonne weckt jetzt allerdings ihre Neugierde.
Wäre es die Korrespondenz mit anderen Klerikern gewesen, wäre sie weniger interessiert gewesen, aber jetzt will sie das Geschriebene auch verstehen.
„Könnten Sie mir die ins Englische übersetzen“, fragt sie Davide und lächelt ein wenig verlegen. „Ich weiß, das entspricht nicht ihrem Berufsbild, aber es würde mich sehr freuen. Ich bezahle Sie selbstverständlich dafür.“
Davide lacht. „Ich fürchte, dafür bin ich nicht der Richtige. Es würde sicher viel vom Charme der Worte verloren gehen. Mir fehlt jede romantische Ader.“
Er lacht noch einmal.
„Ich könnte sie aber einer Freundin geben, die ins Deutsche übersetzt. Dann ist es unmittelbarer.“
„Eine gute Idee!“, sagt Anna. „Danke, dass Sie mir helfen“, fügt sie noch hinzu.
Das Rezept, denn tatsächlich ist es eins, interessiert den Architekten mehr als die Briefe.
„Ich würde es gerne meiner Mutter zeigen, wenn das für Sie in Ordnung ist. Sfogliatelle haben bei uns den Stellenwert eines Kulturschatzes, wenn Sie verstehen, was ich meine. Und jede Pasticceria hat ihr eigenes Rezept. Meine Mutter ist sozusagen in einer Pasticceria in Neapel aufgewachsen. Meine Nonna war vor ihrer Hochzeit mit meinem Nonno, Konditorin, eine sehr gute sogar. In ihrer Pasticceria wurden auch Sfogliatelle gebacken. Allerdings hat meine Nonna uns das Rezept niemals verraten. Aber sie hat ohnehin aufgehört dort zu arbeiten, bald nachdem meine Mamma geboren wurde.
Dieses Rezept hier ist sicher etwas Besonderes. Vermutlich hat es die Klostermauern nie verlassen. Meine Mutter würde sich sicher sehr freuen, wenn sie dieses Rezept einmal nachbacken dürfte“, sagt Davide.
Anna nickt. „Was halten Sie davon, wenn ich Ihnen das Rezept schenke, für Ihre Unterstützung und als Zeichen meiner Wertschätzung.“
Davides helle Augen leuchten auf. Ihm ist die Freude über ihre Worte anzusehen. Kurz befürchtet sie, er könnte ihr um den Hals fallen. Doch er fängt sich und gibt ihr nur die Hand, während er mit der anderen ihren Arm drückt und breit lächelt. „Grazie mille! Stupendo!“
Anna lacht verlegen „Ihre Unterstützung ist nicht in Gold aufzuwiegen. Ich bin sehr froh, wenn ich Ihnen eine Freude machen kann.“
Sie nimmt sich vor, ihrem Freund nochmals ausdrücklich für die Vermittlung von Davide zu danken. Ihr Architekt ist wirklich eine große Unterstützung auf vielen Ebenen. Davide hat einen Brief an den Papst verfasst, denn der Vatikan muss den Bauarbeiten zunächst zustimmen. Dann stehen die Verhandlungen mit den Denkmalschützern an, die Anna sicherlich sehr zermürben würden. Aber Davide fängt alles ab. Noch dazu mit dem entsprechenden Sachverstand.
Davide steckt die Briefe in seine braune Ledertasche, die sicher schon viele Jahre alt ist. Das Leder ist dunkelbraun und sieht abgenutzt aus. Schön, denkt Anna. Es erzählt von vielen interessanten Aufträgen. Es sagt aber auch viel über seinen Besitzer aus. Er scheint Geschmack zu haben. Stil. Ein sensibler, kunstsinniger Mann, den sie unter anderen Umständen sicher attraktiv gefunden hätte. Aber so löst jeder Mann einfach nur Sehnsucht nach Marc aus, die schnell in Trauer umschlägt, wenn ihr diese Sehnsucht wiederum die Größe ihres Verlustes bewusst macht.
Davide ist unterdessen ans Fenster getreten und schaut hinaus aufs Meer.
„Dieser Ort ist magisch“, sagt er, wendet sich Anna zu und lächelt wiederum sein sympathisches Lächeln. Er hat das italienische Wort magico verwendet. Anna nickt und lächelt ebenfalls.
Die Schönheit dieses Ortes vertreibt selbst ihre tiefste Trauer. Allein das macht schon einen Teil seiner Magie für sie aus.
„Sofiiia!“
Ihr Name schwirrt über den Garten hinweg – flink und elegant wie eine Libelle.
Sofia liegt auf dem Rücken im Gras und schaut hinauf in die blaue Unendlichkeit des Sommerhimmels.
Der Duft von Zitronen und Orangen umschwebt sie und ist dabei so gegenwärtig wie ein Lebewesen.
Eine Wolkengiraffe schreitet von links nach rechts, gefolgt von einem Wolkenhasen.
Die von kleinen und großen Insekten und Wärme sirrende Luft, das Schlagen der Schmetterlingsflügel und das Singen der Vögel sind die Melodien, die sie umtanzen.
Die Hitze des Tages legt sich auf ihre bloßen Arme und Füße.
Seufzend dreht Sofia sich auf die Seite, stützt ihren Kopf auf eine Hand und schaut gedankenverloren in die Ferne.
Der lichtblaue Horizont steht fadendünn und liniengenau über dem azurnen Meer.
Der Ruf ihrer Mutter dringt nicht bis zu Sofia vor. Bis zu ihren Ohren möglicherweise schon – nicht jedoch bis in ihr Bewusstsein. Das ist erfüllt von wohligen Erinnerungen an die nahe Vergangenheit.
Am Vorabend haben sie ein rauschendes Fest gefeiert – den Geburtstag des Vaters. Durchaus nicht der einzige Anlass, froh zu sein – ein weiterer war die Genesung ihres jüngeren Bruders Vittorio. Er hat unlängst eine schwere Lungenentzündung überstanden, die er sich zuzog, als er sich eines Tages in einer Höhle verlief. Ein Trupp von sieben Mann hat den Zehnjährigen zwei Tage lang gesucht.
Dabei muss erwähnt werden, dass die Suchenden ebenfalls ihr Leben aufs Spiel setzten. Die vielen Grotten und Höhlen sind teilweise schwer zugänglich und von Wellen umtost.
Vittorio harrte unterdessen – versorgt nur mit dem Käse-Panino Agatas, der Köchin – in einer feuchten dunklen Tropfsteinhöhle aus. Mit wenigen Gedanken in seinem Kinderkopf. Er war irgendwann selbst für Furcht zu müde gewesen.
Es war pures Glück oder wie der Vater es formulierte „Gottes Wille“, dass die Retter Vittorio überhaupt fanden.
Erschöpft kauerte er in einer Nische und ließ sich hinaustragen, unfähig sich zu bewegen. Er war völlig unterkühlt und dehydriert.
Natürlich erschreckte es selbst Sofia, ihn so bleich zu sehen. Ganz stumm. Keine Frechheiten kamen mehr über seine blauverfärbten Lippen. Das war mit das Unheimlichste gewesen. Üblicherweise reizte er sie aufs Äußerste. Wie oft wollte sie ihn zum Mond schießen. Doch jeglicher Ärger über seine Streiche war in jenem Moment verflogen.
Beinahe leblos wirkte Vittorio, als er endlich wieder in seinem Bett lag. Als hätte ihn das Jenseits bereits im Griff und er müsste ihm wieder entrissen werden.
Und so kämpften die Ärzte tagelang um sein Leben.
Im großen Haus der Familie war es unterdessen zugegangen wie in einer Kirche. Eine Schwere lag auf allem, verursacht durch die Unsicherheit über die weitere Entwicklung.
