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In einer beschaulichen Kleinstadt in der Schweiz passiert Erstaunliches: Kaum gegründet, mischen Sabine und Schanti mit ihrem Verein "Polyphon Pervers" die Kulturszene auf. Opportunistisch, risikofreudig und clever agierend, steigen sie als Theater-Produzentinnen zu nationalen Grössen auf und scharen eine illustre Runde um sich: vom eitlen Regisseur Lucien über den versoffenen Ghostwriter Yves, den Lebemenschen und DJ Milan und die opportunistische Schauspielgrösse Chantal bis zu Jules und seinen Hanf-Bauern, die unversehens als Performance-Künstler brillieren. Dem Erfolg ordnet der Verein für Unterhaltung im Laufe der Geschichte alles unter, und so folgen auf erste Unsauberkeiten schon bald alle möglichen Formen des Betrugs. Béla Rothenbühler belebt mit seinem zweiten Roman die Tradition des Schelmenromans neu — diesmal mit schlagfertigen Hochstaplerinnen. Seine satirische Reise durch Kultur, Unterhaltung und Geld ist nicht nur clever, sondern selbst ein Meisterwerk der Unterhaltung.
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Seitenzahl: 241
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Béla Rothenbühler, geboren 1990 im schweizerischen Reussbühl, ist freischaffender Dramaturg, Autor und Musiker. Sein luzerndeutscher Debütroman „Provenzhauptschtadt“ erschien 2021 bei Der gesunde Menschenversand. Sein Zweitling „Polifon Pervers“ erschien 2024 ebenda, landete auf der Shortlist für den Schweizer Buchpreis 2024 und erhielt 2025 den Schweizer Literaturpreis. Rothenbühler lebt und arbeitet in Luzern.
Uwe Dethier, 1959 in Kleve geboren, lebt als freiberuflicher Übersetzer und Autor in Düsseldorf. Er arbeitete zuvor als Schreiner, Bühnentechniker und Lichtdesigner. Seit 1992 arbeitet er als freier Übersetzer aus dem Amerikanischen, Australischen, Niederländischen, Flämischen und aus schweizerdeutschen Dialekten. Für Voland & Quist hat Uwe Dethier den Dialekt-Roman kunstvoll in eine am gesprochenen Wort orientierte hochdeutsche Sprache übertragen.
Originaltitel: Polifon Pervers
erschienen bei Der gesunde Menschenversand, edition spoken script 50, Luzern 2024
Deutsche Erstausgabe
© Verlag Voland & Quist GmbH, Berlin und Dresden 2025
Korrektorat: Kristina Wengorz
Umschlaggestaltung: Guerillagrafik
Satz: Fred Uhde
Druck und Bindung: ADverts, Lettland
ISBN 978-3-86391-446-2
e-ISBN 978-3-86391-457-8
Verlag Voland & Quist GmbH
Gleditschstr. 66
D-10781 Berlin
www.voland-quist.de
Béla Rothenbühler
Spielzeit 17/18
1. Unterhaltung
2. Vereinsleben
3. Partizipative Performance
4. Unitheater
5. Storytelling
6. Sinn, Blödsinn & Wahnsinn
7. Geistige Landschaftspflege
8. Außerordentliche MV
9. Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll
10. Spielen
11. Atelier
12. Altersarmut
13. Mittleres Management
Spielzeit 18/19
1. Marx und Excel
2. Ghostwriting
3. Wiedererkennungswert
4. Das Kontinuum vom Können
5. Skinny Bitch
6. Sternsinger
7. Das Problem mit den fünf Dramaturgen
8. Underground
9. Cashwasher
10. Midas-Style
11. Lovestory
12. Steuervermeidung & Glücksspiel
13. Bergfest
Spielzeit 19/20
1. Serialisierung
2. Gegenwartsdramatik
3. Schlangenmenschen
4. Klubkultur
5. Volksverdummung
6. Unsterblichkeit
7. Gut bis gut-bis-sehr-gut
8. Product-Placement
9. Toi Toi Toi
10. Kulturjournalismus
11. Tourneeplanung
12. Prozess
13. Raubkunst
2020
1. Sabbatical
2. Chantal
3. Happy End
4. True Crime
5. Verriss
6. Krisensitzung
7. Drive-Thru-Hofladen
8. Prometheus-Protokoll
9. Geschichten-Gabelungen
10. Künstlerische Neuausrichtung
11. Klassiker
12. Kitsch
13. Pionier:innen
Für Damiàn
Alle Figuren, Schauplätze, Produktionsvereine und Geschäftspraktiken sind erfunden.
Man könnte easy sagen, das sei alles die Sabin gewesen. Weil die Sabin ja am Anfang noch der Kopf von Polyphon Pervers gewesen ist. Oder allgemein: Die Sabin ist genau son Mensch gewesen, von dem man gerne sagt, er wär der Kopf von irgendwas. Oder das Hirn hinter was. Also wenn man Fan von so markigen Metaphern ist.
Aber die hat das erfunden: Polyphon Pervers. Das Geschäftsmodell, das Lebensgefühl. Die Sabin hat das alles als Allererste gemacht. Als Erste in ihrem Kaff, aber am Anfang wirkte es manchmal so, als hätte die das ganz grundsätzlich erfunden, das Kunstproduzieren. Das Künstlerinnensein. Oder grad die Kunst selber.
Wobei sie da ja nie Kunst zu gesagt hat. Die Sabin hat immer gesagt, man solle da Unterhaltung zu sagen. Weil, Unterhaltung: Da verstünden alle was drunter. Kunst sei komplizierter, hat die Sabin gesagt, also schon allein das Wort sei komplizierter. Das habe einen theoretischen Rucksack, das Wort. Das sei mega vage, da könne man nächtelang drüber streiten, was das überhaupt bedeute: Kunst.
Und so Wörter, wo die Philosoph:innen schon seit paar Tausend Jahren drüber streiten, was sie eigentlich bedeuten, die solle man am besten gar nicht erst in den Mund nehmen, hat die Sabin gesagt.
Und Kultur halt auch. Vielleicht sogar noch schlimmer, hat sie gefunden. Wenn man das Kultur nenne, was man macht, habe man neben den Definitionsproblemen auch noch Abgrenzungsprobleme in alle Richtungen. Ja, weil, Kultur sei ja schnell mal etwas. Sich zur Fasnacht die Kante geben und dünne Schnapskaffees in den Fluss kotzen: Das sei in ihrem Kaff ja recht allgemein als Kultur anerkannt, hat die Sabin gesagt. Volkskultur eben. Oder die Fußballfans, die nennen das ja auch Kultur, was sie machen: Fankultur. Und wenn diese Pfeifen, hat die Sabin gesagt, als Kulturschaffende, wenn auch im weitesten Sinn, anerkannt werden, dann könne man sich ja nicht auch so bezeichnen. Und von den Faschos fange sie gar nicht erst an, hat die Sabin gesagt. Die hätten das Konzept ja mittlerweile auch für sich entdeckt: Kultur. Überall Abgrenzungsprobleme. Und drum nenne man das alles eben am besten Unterhaltung, hat die Sabin gemeint.
Und drum hat die Schanti da auch immer Unterhaltung zu gesagt. Zu all dem, was sie zusammen unterm Label Polyphon Pervers gemacht haben.
Aber ja: Die hat das alles erfunden, die Sabin. Das war irgendwann im Sommer siebzehn. Sie und die Schanti hatten Sommerferien, aber kein Geld, um irgendwas aus den Ferien zu machen. Wahrscheinlich bisschen gelangweilt. Oder sonst einfach ein bisschen in ner Findungsphase.
Und das ist nicht bös gemeint, das mit der Findungsphase. Aber da sagt man halt so Sachen, wie sie die Sabin gesagt hat.
Irgendwas müsse man ja machen, hat die Sabin gesagt. Irgendwas müsse man machen, sonst gehe man kaputt. Und wenn man schon was mache, dann könne mans auch gleich gut machen, oder, wenn möglich, sogar mega gut. Wenn man schon was mache, dann könne man auch gleich nach den Sternen greifen, hat die Sabin gemeint.
Ja, die hat damals immer so nen protestantischen Vibe verbreitet, son stranges protestantisches Arbeitsethos. Ich glaub, dabei war sie nicht mal Protestantin. Oder wenn, dann bloß heimlich. Und bei so Leuten, bei so Arbeits-Apologetinnen wie der Sabin, bei so Max-Weber-Jüngerinnen, ist es ja auch naheliegend, dass sie nicht von Kunst reden wolln, sondern lieber von was, was bisschen nach Arbeit klingt: Unterhaltung.
Wenn du eh schon aus dem Bett bist, kannst du auch gleich die Welt erobern, hat die Sabin zur Schanti gesagt.
Und zwar sagte sie das alles genau im strategisch besten Moment. Weil die beiden ja in dem Sommer fast überhaupt nichts gemacht haben. Meistens auf ner Wiese am See gelegen. Seit sicher sieben Jahren gute Freundinnen, irgendwo kurz vorm Master und kurz vor der ersten Festanstellung. Die ersten Kolleg:innen fingen schon an, E-Bikes zu kaufen und Kinderwagen, und die Schanti und die Sabin tranken Weißwein aus Plastikbechern am See. Viel weniger kann man fast nicht machen.
Und eben darum hat die Sabin weitermonologisiert: Wenn schon was machen, dann doch gleich was, was bisschen Impact hat und bisschen Geld einbringt, und idealerweise auch noch was, wo man mit spannenden Leuten zusammenkommt und bei der Arbeit ab und zu ein Gläschen Weißwein trinken kann. Etwas, wo man seine eigene Chefin ist – oder noch besser, wos gar keine Chef:innen gibt.
Und die Schanti hat gesagt: Oder mindestens keine Chefs.
Weil, auch wenn primär die Sabin geredet hat, waren sie sich doch ziemlich einig. Und, sein wir mal ehrlich: Das klang schon gut. Nicht bloß die Sache mit der Kohle. Die Schanti hätte das alles wahrscheinlich nicht ganz so protestantisch formuliert, aber im Großen und Ganzen haben die das doch beide so gesehen.
Und wies manchmal so läuft in solchen Momenten, beim Weißwein und in der Euphorie, haben sie sich irgendwann nach der zweiten Flasche in den Armen gelegen und haben Ja gesagt: Ja zum Was-Machen, Ja zum Mit-dem-Leben-Anfangen, Ja zur Kohle, Ja zu allem.
Und etwa eine Woche später hat die Sabin die Schanti zu ner Vereinsgründung eingeladen. Sie, die Miri und den Chris. Die Miri haben die beiden auch irgendwie von der Uni her gekannt und den Chris vom Feiern. Der sei ja am Anfang primär wegen der Quote dabei gewesen, hat die Sabin später mal erzählt, weil, wenn man ein rein weiblicher Verein sei, dann werde man von gewissen Seiten her immer noch nicht ernst genommen. Und das leuchtet ja leider ein.
Aber dem Chris hat das niemand gesagt, das mit der Quote, und der hat sich gefreut, dass er dabei sein durfte, und hat gesagt, er werde dann gern bisschen fürs Vereinsleben sorgen, vielleicht mal nen Ausflug, oder gemeinsame Aktivitäten, mal nen Kuchenverkauf oder so.
Er hat das, glaub ich, in dem Moment noch nicht ganz verstanden, das Vereinsleben, das die Sabin plante. Aber easy.
Die Sabin hat also alle zu sich in die WG eingeladen, ihnen Weißwein eingeschenkt und sie ganz bedeutungsschwanger um den Esstisch herum platziert und gesagt, sie brauche schnell ihre Hilfe. Weil man einen Verein nicht alleine gründen könne. Das sei ja auch irgendwie gegen die Idee der Sache. Für einen Verein brauche man mindestens zwei Personen, sie habe das rechtlich abgeklärt. Idealerweise aber vier, falls mal jemand ausfalle.
Sie brauche also kurz die Hilfe von den andern, dafür gäbs nach der Gründung Prosecco, und vielleicht ergäbe sich aus der Vereinsgründung dann noch der eine oder andere kleine Job für die eine oder den anderen von ihnen, wenn sie Lust hätten.
Und da sagt man ja nicht Nein. Man hilft einer guten Freundin doch bei ner Vereinsgründung, wenn sie das braucht, das ist doch Ehrensache. Und ist ja auch kein Riesending.
Die Schanti ist ja zum Beispiel schon in diversen Vereinen gewesen: früher im Sportverein, später dann Tierschutz und so, und dann hats in ihrem Kaff zum Beispiel ja auch mal ne illegale Bar gegeben, wo man in nen Verein eintreten musste, um reinzukommen. Der Verein hat bestimmt tausend zahlende Mitglieder gehabt.
Was ich sagen will: Die haben also alle bisschen Erfahrung gehabt mit Vereinen, Schanti, Miri und Chris. Und drum hatten sie das Gefühl: Eine Vereinsmitgliedschaft, das sei ja nichts Großes, das sei ja in etwa so verbindlich wie ein Treue-Pass, oder so ne Kaffee-Stempelkarte, wo du den zehnten Kaffee gratis bekommst. Haben sie zumindest gedacht.
Aber die Sabin hat das natürlich bisschen anders gesehn. Vielleicht eben bisschen protestantischer.
Als Miri dann gefragt hat, was der Vereinszweck sei, sagte die Sabin bloß: Unterhaltung. Da müsse man beim Vereinszweck nicht groß rumeiern und große Worte machen. Unterhaltung reiche völlig als Vereinszweck, und so werde man später auch nicht vom Vereinszweck in den Vereinsaktivitäten eingeschränkt, wenn man ihn schön weit halte.
Unterhaltung ist wichtig, hat der Chris gesagt.
Und die Miri hat gleich weitergefragt, wie der Verein denn heißen solle.
Polyphon Pervers, hat die Sabin gesagt. Sie habe bisschen Zeit gebraucht für den Namen. Aber der sei perfekt für das, was sie vorhabe.
Und die andern hatten alle keine Ahnung, was die Sabin vorhatte, aber haben alle sofort genickt und gemeint: Doch, das passe ganz gut, Polyphon Pervers, das sei irgendwie subversiv und zweideutig, und das habe einen guten Sound, und der Chris hat den Vereinsnamen ein paarmal laut ausgesprochen: Polyphon Pervers, Polyphon Pervers, und Spaß gehabt an der Alliteration und die Schanti gefragt, wie das noch mal heiße, wenn Wörter gleich anfingen, und sie hat gesagt: Alliteration.
Und dann haben sie schon die Gründungsstatuten unterschrieben und angestoßen, den Vereinsbeitrag fürs erste Jahr schön niedrig angesetzt, dann den Vorstand gewählt und angestoßen. Und die Schanti wurde zur Präsidentin von Polyphon Pervers gewählt, auch wenn sie bisschen protestiert hat. Aber die Sabin hat gesagt, sie sehe sich selber mehr im operativen Bereich, und die Miri, die grad bisschen am Rumkritzeln war, sei ja quasi schon beim Protokollieren, und drum eigentlich die perfekte Schriftführerin. Bleibe eigentlich fast bloß die Schanti als Präsidentin. Und die anderen habens einstimmig angenommen, und dann haben sie angestoßen.
So schnell geht das manchmal: Plötzlich ist man Präsidentin von nem Verein für Unterhaltung, der Polyphon Pervers heißt. Sie haben dann noch eine Flasche aufgemacht und noch bisschen Gras geraucht, am Küchenfenster. Der Chris hatte super Zeug dabei, weil, der hat immer super Zeug dabeigehabt, home grown.
Es wurde also ein recht schöner Abend. Irgendwann hat die Schanti die Sabin gefragt, was sie denn jetzt von ihr erwarte. Weil, Vereinsmitglied, das hat sie schon können, aber Präsidentin von nem Verein für Unterhaltung, das sei ja dann unter Umständen noch klein bisschen was anderes, fand sie, und sie habe ja überhaupt keine Erfahrung mit Unterhaltung, hat die Schanti gesagt. Und drum sei sie eigentlich ziemlich unterqualifiziert.
Aber die Sabin so: Pass auf. Wir haben jetzt bald sieben Jahre Anglistik studiert, und du noch Germanistik dazu. Da sollte man eigentlich durchtränkt sein mit Unterhaltung. Nach sieben fucking Jahren Literaturwissenschaft sollte man doch langsam wissen, wie das funktioniert: Unterhaltung.
Und was will man da sagen.
Ob sie denn etwas mit Literatur machen wolle mit ihrem Verein, hat die Schanti gefragt.
Aber die Sabin hat gesagt: Primär wolle sie mal Unterhaltung machen, man müsse ja nicht schon am ersten Abend so in die Details gehn. Das käme schon noch.
Natürlich ein wichtiger Moment, die Vereinsgründung. Schon bisschen ein Wendepunkt im Leben von den Beteiligten.
Wobei, wenn ichs mir recht überlege, hats vorher, glaub ich, fast noch nen wichtigeren Moment gegeben als die Vereinsgründung. Wahrscheinlich hat die Sache mit Polyphon Pervers eigentlich schon bisschen früher angefangen. Und zwar mit ner partizipativen Performance.
Ja, weil die Sabin und die Schanti mal in dem Sommer siebzehn zusammen ins Kunstmuseum sind. Das ist noch vor dem Tag auf der Wiese und vor der Vereinsgründung gewesen.
Das haben die damals noch ab und zu gemacht: Kunstmuseum. Das ist ja schlussendlich auch einfach Unterhaltung, son Kunstmuseum. Und das fanden sie beide noch gut, vor allem, wenn sie vorher noch einen geraucht haben, und weil man mit der Raiffeisenbankkarte eh gratis ins Museum reinkam.
Also könnte man eigentlich alles auch gleich der Raiffeisenbank in die Schuhe schieben, merk ich grad. Man könnte eigentlich auch einfach sagen, dass die Raiffeisenbank und deren knickeriges kulturelles Engagement schuld an Polyphon Pervers sind. Also wenn mans wirklich mal ursächlich betrachtet.
Aber scheißegal: Das Kunstmuseum in ihrem Kaff hatte in den Sommermonaten ja immer so bisschen avantgardistische Anwandlungen. Dann hats die ganzen Sammlungsstücke und die alten Meister, die sonst so rumgehangen haben, in den Keller gepackt und bisschen weltoffen getan: bisschen jung, bisschen weiblich, gern auch mal was mit People of Color und so.
Und das war gar nicht mal so dumm, weil die ganzen alten Säcke aus dem Hinterland, die übers Jahr immer im Kunstmuseum rumgelungert haben, die sind ja alle in den Ferien gewesen: am Strand oder an nem andern Ort, wos ein etwas größeres Kunstmuseum mit noch viel mehr alten Meistern gab. Musste das Kunstmuseum von daher also keine Angst haben, dass es das Stammpublikum vergrault, und hat gleichzeitig bisschen was fürs Image tun können: ein modernes Museum in nem weltoffenen Kaff. Und vielleicht haben sich ja wirklich manchmal paar Amis oder Backpacker:innen in das Museum verirrt und denen das progressive Image total abgenommen.
Aber an dem Tag in dem Sommer hat das Museum noch einen draufgesetzt in Sachen Weltoffenheit und Avantgarde: eben eine partizipative Performance.
Ja, nicht, dass ich jetzt eine Kulturpraxis, dies seit den Siebzigern gibt, als mega progressiv hinstellen will. Aber in dem Kaff haben die kulturellen Mühlen halt manchmal bisschen langsamer gemahlen.
Man hat sie eigentlich schon von Weitem gesehn: Ne Frau, etwa im Alter von der Schanti und der Sabin, hat drei große, schwarze Ballons auf der Stirn und den Händen balanciert, und es ist son bemüht entspannender Sound aus ihrem Raum durchs Museum gewabert.
Da läuten die Alarmglocken eigentlich.
Aber man muss zur Verteidigung von der Schanti und der Sabin sagen, dass sie ihr Alarmsystem so haschbedingt bisschen runtergefahren hatten, und man der Performance von Weitem nicht ansah, dass die partizipativ war. Aus dem einfachen Grund, dass nicht mega viel Leute im Museum waren und gar niemand im Raum von der Performance. Und drum gingen sie mal gucken.
Das war natürlich ein Fehler. Weil im nächsten Moment hat die Sabin auch nen Ballon auf der Stirn balanciert und die Schanti hat gleich zwei in die Hand gedrückt gekriegt, alles wortlos, und die Performerin hat neue Ballons von irgendwoher geholt und ihnen bisschen vorbalanciert und sie dabei immer so erwartungsvoll angeschaut und richtig selig gelächelt, dass die beiden mitgemacht haben und unter den Scheißballons rumgestolpert sind.
Weil das nicht das Einfachste von der Welt ist, auf Hasch so nen Ballon zu balancieren, vor allem, wenns so überraschend kommt und man gleichzeitig mega angestrengt am Nachdenken ist, wie man aus dieser Scheißsituation wieder rauskommt.
Haste ja ein echtes Höflichkeitsproblem, wenn du in so ner Situation bist: Kannste ja nicht einfach rausgehn. Dafür hat die Performerin auch viel zu happy ausgesehn, und dann kommt dir ja auch recht schnell der Gedanke, dass sie wohl nicht allzu viele Partizipant:innen für ihre Scheißperformance mitten im Sommer hat, und du denkst natürlich: Wahrscheinlich hat sie allgemein nicht so viele Kolleg:innen, das merkt man schon daran, dass sie so selig lächelt, wenn mal jemand kommt, und drum wärs fast grausam, jetzt abzuhaun.
Und dann biste drin in dem Film.
Aber dann irgendwann, nach fünf Minuten oder fünf Stunden oder so, ist dann die nächste Besucher:innengruppe in den Raum gekommen, und die Performerin ist einen Moment lang abgelenkt gewesen und die Sabin grad noch geistesgegenwärtig genug, um die Schanti am Arm zu ziehn und sie im Laufschritt aus dem ollen Museum rauszuzerren.
Als sie dann draußen waren, haben sie Riesenpupillen gehabt und ziemlich schwer geatmet. Und sind dann so schnell wie möglich weg von dem Laden, irgendwo ein Glas Wein trinken.
Ja, so rückblickend ist das wahrscheinlich der Anfang von allem gewesen, der Tag. Und nicht mal die Performance selber. Sondern, dass die Sabin beim Weißwein rausgefunden hat, was das Aas mit den Ballons alles schon für Preise und Förderungen abgeräumt hat und was da jeweils für Geldbeträge dabei gewesen sind. Und das ist jetzt die Wortwahl von der Sabin, nicht meine: das Aas mit den Ballons. Drum war, glaub ich, eher das der Wendepunkt im Leben von den beiden. Diese partizipative Performance.
Aber eigentlich waren wir ja bei der Vereinsgründung. In der Woche drauf fing das Semester schon wieder an, Schluss mit Ferien, jedenfalls für die Schanti, die noch die letzten Seminare machen musste und vielleicht auch langsam mit der Masterarbeit hätte anfangen solln. Weil, die Sabin hatte schon vor den Ferien mit ihrer angefangen. Aber der erste Termin vom akademischen Jahr war, wie schon in den Jahren vorher, eine Sitzung mit dem Lucien.
Der Lucien war der Regisseur vom Unitheater, und der hat der Schanti geschrieben: Er hoffe, sie sei dieses Jahr auch wieder dabei, und es sei höchste Zeit, die neue Spielzeit zu planen. Weil, der Lucien hat seit paar Jahren das Semester bloß noch Spielzeit genannt und, glaub ich, sonst auch nicht soo viel an der Uni gemacht, außer eben immer die Unitheater-Inszenierung am Ende vom Jahr. Ich hab ehrlich gesagt auch keine Ahnung, was der eigentlich studiert hat, der Lucien.
Die Schanti und er haben sich dann im Tournesol verabredet, weil der Lucien ja im selben Kaff gewohnt hat. Und für ne Unitheater-Vorbesprechung musst du ja nicht zur Uni, musst du ja keine Stunde pendeln. Drum ist das Tournesol die einzig richtige Wahl gewesen.
Und ich weiß nicht, ob du den Laden kennst. Das Tournesol ist son Kulturzentrum, früher hat man dazu wahrscheinlich alternatives Kulturzentrum gesagt. Oder was wie Subkultur. Aber die Leute vom Tournesol sind von diesen Begriffen bisschen abgekommen und haben zu dem, was sie so gemacht haben, freie Kultur gesagt. Alternativ- und Sub-, das war denen zu spießig, den ollen Hippies. Diese Begriffe würden das Tournesol im Vergleich zum Kunstmuseum und zum Konzerthaus zu klein machen, haben sie gesagt, und drum waren sie lieber frei statt alternativ.
Weil Kunst und Konzerte gab es auch im Tournesol, die großen Sachen in der großen Halle und die kleinen im Keller. Und am Wochenende Partys, am Sonntag Poetry Slam, und in der Kneipe haben immer irgendwelche lokalen Kunstschaffenden ihre Bilder und Installationen ausgestellt. Und alles andere, was man von so nem Laden erwartet, gabs auch: regionale Limos und ein veganes Mittagsgericht, das Büchertausch-Regal, den queeren Stammtisch, Gartenkonzerte im Sommer, den Coworking Space, das Open Mic, den linken Lesekreis und Filmabende, wo vor allem italienische Neorealist:innen gezeigt wurden, und ab und zu Theater. Ein ganzes Haus voll Unterhaltung.
Aber man konnte auch einfach Bier trinken oder Bio-Wein und bisschen das subkulturelle Summen im Hintergrund genießen. Weil das ja immer noch die Form von Alternativkultur ist, oder meinetwegen freier Kultur, die am mainstreamfähigsten ist: die, die im Hintergrund von ner guten Kneipe passiert. Und das haben der Lucien und die Schanti an dem Abend gemacht.
Der Lucien wollte in dem Jahr am Unitheater einen Ibsen machen. Das habe er immer schon mal wollen, der Ibsen sei einer von seinen absoluten Lieblingen, und er habe sich das bis jetzt nicht zugetraut, aber langsam sei die Zeit da, die Zeit, sich auch mal seinen Helden zu stellen, hat der Lucien gesagt, und er denke zum Beispiel an Gespenster vom Ibsen.
Und die Schanti hat gesagt: Doch, ja, das sei ein tipptoppes Stück.
Ich selber kann da ja nicht so mitreden, und sein wir mal ehrlich: Die Schanti hat das zu dem Zeitpunkt, glaub ich, auch nicht gekonnt. Weil, der ist ja, soviel ich weiß, weder in der Anglistik noch in der Germanistik wirklich studienrelevant: Ibsen.
Aber: keine Ahnung. Der Lucien hat sich jedenfalls sehr gefreut, dass sie sichs vorstellen konnte, wieder dabei zu sein, und hat bisschen vom Rest vom Ensemble erzählt und immer wieder bisschen vom Ibsen, und dann ist die Schanti aus Langeweile oder Durst mal an die Bar gegangen, um noch mal ne Runde zu holen. Weil, im Tournesol ist ja Service an der Bar. Und an der Bar hat zufällig die Sabin gestanden.
Als die Schanti erzählte, sie sitze mit dem Regisseur vom Unitheater hinten in der Sitzecke, hat die die Ohren gespitzt und saß keine Viertelstunde später auch in der Sitzecke.
Der Lucien hat von da an vor allem der Sabin von seinem Ibsen erzählt, auch wenn die noch nie im Unitheater mitgespielt hat. Aber die Sabin hat aufmerksam genickt und interessiert Zwischenfragen gestellt und immer wieder ein beiläufiges Lob über seine Arbeit eingeschoben.
Seine Arbeit: Damit hast du so Leute wie den Lucien natürlich, so holst du sie ab. Weil, für alle anderen ist das ein Hobby gewesen, das, was der Lucien gemacht hat. Ne außerschulische Aktivität, so Amateur-Theater.
Er war also richtig in seinem Element, weil das endlich mal jemand ernst genommen hat. Und als er dann mal ne Pause gemacht hat, um noch mal ne Runde zu holen, hat die Schanti die Sabin gefragt, was die olle Arschkriecherei eigentlich solle. Weil, die Sabin sei ja bis jetzt nie besonders als Ibsen-Fan aufgefallen.
Pass mal auf, hat die Sabin gesagt. Und: Die Schanti solle einfach mitspielen, bisschen improvisieren, bisschen mitm Flow gehn, das sei ja fast wie im Unitheater.
Und das finde ich fast bisschen frech. Eben weil: null Bühnenerfahrung, die Frau. Und die Schanti hatte immerhin schon drei Produktionen mit dem Lucien gemacht.
Aber gut.
Als der Lucien von der Bar zurückkam, hat die Sabin ihn gefragt, was er denn so an ner Inszenierung verdiene. Der Lucien hat fast bisschen belämmert geguckt und gesagt, er arbeite meistens so, dass hinten ne Null rauskomme. Also so, dass er mit dem Eintritt das Bühnenbild und die Kostüme finanzieren könne und idealerweise noch das Catering während der Proben und die Premierenparty.
Die Sabin hat bisschen an ihrem Weißwein genippt und ne lange Kunstpause gemacht und den Lucien so angeschaut, dass man das, glaub ich, forschend nennen würde. Und dann hat sich ihr Blick auf einen Schlag verändert, als habe sie auch schon x Spielzeiten Unitheater auf dem Buckel, und sie hat gesagt: Findste nicht, dass man das langsam ändern sollte?
Und bevor der Lucien etwas sagen konnte, hat die Sabin gesagt: Ich treibe dir zweitausend als Gage auf, verdopple dein Bühnen-Budget, und das Catering übernehme ich auch. Dafür musst du deinen Ibsen hier im Tournesol machen statt an der Uni. Und nicht in nem Jahr, sondern in, sagen wir mal, vier Monaten. Weil, irgendwann musst du ja in die richtige Welt raus, oder, Lucien? Irgendwann ist mal Schluss mit Amateurtheater und Zeit, dass aus deiner Arbeit ein Job wird. Findste nicht?, hat die Sabin gefragt. Irgendwann musst du den Safe Space von der Uni auch mal hinter dir lassen, Lucien, und raus in die richtige Welt.
Und der Lucien, der so lange und so klug über den Ibsen reden konnte, hat lange nichts gesagt. Dem hats echt den Boden unter den Füßen weggerissen. Und die Schanti hat auch mit so nem innerlich offenen Maul danebengesessen.
Er brauche ein paar Tage Bedenkzeit, fand der Lucien dann irgendwann. Und dann haben sie vorsorglich mal die Nummern getauscht. Und als der Lucien dann heim ist, sah er easy nachdenklich aus.
Das nächste Mal haben die drei dann bei der Sabin in der WG zusammengesessen, etwa ne Woche später. Die Sabin hat gesagt: Wenns ums Produktionelle gehe, mache sie so Sitzungen lieber nicht in der Kneipe, sondern bei sich, beziehungsweise in Zukunft in ihrem Atelier, sie sei da an nem spannenden Raum dran.
Und die Schanti hat gleich bei dieser Begrüßung schon wieder große Augen gemacht, weil, sie hat ziemlich genau gewusst, dass das die erste produktionelle Sitzung gewesen ist, die Sabin je in ihrem Wohnzimmer abgehalten hat. Und das wäre was gewesen, was sie gewusst hätte, wenns was zu wissen gegeben hätte.
Aber der Lucien hat gesagt, er sehe die Sache mit den Sitzungen genauso.
Die Sabin hat so selbstverständlich über die Sachen geredet und gesagt: Bloß, weil man ne Sitzung habe, heiße das nicht, dass man keine Flasche guten Wein aufmachen könne, es gehe ja immer noch um Unterhaltung, Produktionelles hin oder her, und das sei ja irgendwie auch das Schöne an der Branche, dass man da auch mal ein gutes Glas Wein zu ner Sitzung trinken dürfe.
Und der Lucien hat wieder genickt und fand, das fände er auch, das komme leider am Unitheater manchmal bisschen zu kurz, das Genießen. Weil, er probe ja viel in der Mittagspause, da sei Wein kein son Thema. Aber privat, also zum Beispiel beim Arbeiten an der Stückfassung, nehme er gern ein Glas Wein zur Arbeit.
Tja, und die Schanti war bloß noch fasziniert von dem Gespräch von der Hochstaplerin und dem Hochstapler, die sich gegenseitig immer weiter hochgestapelt haben. Weil, kommunikatives Neuland für sie, so was.
Man muss aber sagen: Die Sabin ist noch ne Spur souveräner gewesen als der Lucien. Aber die hatte auch Heimvorteil, und sich bisschen besser auf die Sitzung vorbereitet gehabt.
Die Schanti hat also primär fasziniert zugeschaut und versucht, zu unterscheiden, was jetzt alles Bullshit gewesen ist und was nicht. Und das war nicht immer einfach: Die Sabin war unglaublich gut, und der Lucien hat tapfer mitgehalten und viele Fachbegriffe ausm Theater gebraucht, die er seinem Unitheater-Ensemble nie zugemutet hätte.
Und beim Zuhören musste die Schanti immer zusehn, dass ihr die Klappe nicht zu weit runterfällt, bei der ganzen Hochstapelei und den ganzen Halbwahrheiten. Weil, die andern haben ja beide irgendwie drauf vertraut, dass die Schanti ihr groteskes Spiel mitspielt, sie ist ja für beide Parteien die stumme Mitwisserin gewesen, die jederzeit alles hätte platzen lassen können.
Die Sabin hat Sachen gesagt wie: Es sei ihr ja auch wichtig, dass man von Anfang an auf Diversität im Leitungsteam setze und dass mit flachen Hierarchien gearbeitet werde, und der Lucien hat gesagt, das sei ihm auch total wichtig, er interessiere sich ja auch sehr fürs Arbeiten im Kollektiv.
Und das war jetzt so schamlos gelogen, dass der Schanti trotz aller Anstrengung ein halb verhüsteltes Lächeln rausgerutscht ist. Weil, ehrlich: Nen größeren fucking Kontrollfreak als den Lucien findet man wahrscheinlich an keinem Unitheater der Welt.
Als sich die beiden Köpfe synchron in ihre Richtung drehten, hat sie bloß gesagt: Sorry, sie habe bisschen Wein in den falschen Hals bekommen. Und dann ist die Schanti kurz in die Küche, ein Glas Wasser holen, um kurz ne Pause von dem Gelaber zu haben. Als sie zurückkam, hat der Lucien grad ein Blatt durchgelesen, das erstaunlich ähnlich wie ein Vertrag ausgesehen hat, und als Vertragspartner oben auf dem Zettel stand: Polyphon Pervers.
Das fände er super, hat der Lucien gesagt, als er fertig gelesen hatte, und die Sache mit der allfälligen Erfolgsbeteiligung zusätzlich zu der Fix-Gage sei schön, das fände er ne schöne Geste an die Adresse vom Künstler.
Und die Sabin hat gelächelt, und der Lucien hat unterschrieben, dann die Sabin, und dann hat die Schanti auch müssen. Als Präsidentin von Polyphon Pervers müsse ihre Unterschrift unbedingt auch unter so Sachen, hat die Sabin gesagt. Stehe so in den Statuten.
Als der Lucien später kurz zur Toilette ist, hat die Schanti die Sabin ziemlich direkt gefragt, warum sie im Laufe des Gesprächs sicher dreißigmal gelogen habe.
Aber die hat die Frage schon kommen sehen und gesagt: Was, gelogen? Lügen kannst du bloß über die Vergangenheit oder über die Gegenwart. Wenn du über die Zukunft Sachen erfindest, dann ist das nicht lügen, dann ist das Storytelling.
Sie nenne das Hochstapelei, hat die Schanti gesagt.
Aber die Sabin hat gesagt, das sei eigentlich genau das Gleiche: Man könne das nennen, wie man wolle, solangs um die Zukunft gehe, seis jedenfalls keine Lüge. Und drum auch nicht verboten oder sonst irgendwie verwerflich. Und sowieso: Wenn sich alle um nen Tisch herum gegenseitig Sachen vorschwindeln, dann sei Lügen eh das falsche Wort. Das nenne man dann am besten gleich Theater.
Kann man ja mitspielen, hat die Schanti gedacht.
