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Welche Zutaten machen ein Porträtfoto besonders ausdrucksstark? Der Porträtfotograf Cliff Kapatais beantwortet die Frage, indem er auf diese sechs Komponenten detailliert eingeht:
Dabei liegt der Fokus immer darauf, ein besonderes Porträt zu fotografieren, das Geschichten erzählt, den Betrachter in andere Welten und Zeiten entführt sowie Emotionen hervorruft.
Du erhältst zunächst Einblick in die nicht zu unterschätzenden kommunikativen Fertigkeiten eines Porträtfotografen. Denn ein großes Anliegen von Cliff Kapatais ist es, dem Leser die Kunst zu vermitteln, mit dem Menschen vor der Kamera so umgehen zu können, dass am Ende alle mit dem Foto-Ergebnis vollauf zufrieden sind. Dabei kommt es nicht darauf an, ob es sich um ein Porträt eines CEOs, einer Spitzensportlerin oder deiner Nachbarin handelt.
Der Autor präsentiert dir anschaulich, welches technische Equipment erforderlich ist. Fingerspitzengefühl bei der Lichtsetzung ist ebenso gefragt wie bei der Wahl des passenden Objektivs. Viele Tipps zum Styling zeigen, wie man jedweden Typ noch deutlicher unterstreichen kann. Auch mit ideenreichen Kulissen lassen sich Emotionen transportieren und Storys erzählen. Zudem gibt der Autor aufschlussreichen Einblick in seinen Bildbearbeitungsworkflow, liefert praktische Checklisten und verrät, wie du sowohl größere Produktionen meisterst als auch mit einem kleinen Budget zurechtkommen kannst.
So wirst du mit diesem Buch deine eigenen Porträts auf ein ganz neues Qualitätslevel heben.
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Seitenzahl: 316
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Cliff Kapatais
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.
ISBN 978-3-7475-0227-3 1. Auflage 2021
www.mitp.de E-Mail: [email protected] Telefon: +49 7953 / 7189 - 079 Telefax: +49 7953 / 7189 - 082
© 2021 mitp Verlags GmbH & Co. KG
Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
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Lektorat: Katja Völpel Sprachkorrektorat: Claudia Fluor Covergestaltung: Sandrina Dralle, Christian Kalkert Coverfoto: Cliff Kapataiselectronic publication: III-satz, Husby, www.drei-satz.de
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1.1 Einleitung
1.2 Was ist ein Porträt?
1.3 Die Geschichte der Porträts
1.4 Unterschied: Porträt und Inszenierung
1.5 Warum Inszenierung?
Jeder, der fotografiert, hat es schon mal gemacht. Von den meisten Menschen wurde es schon mal gemacht. Und alle wissen, dass es gar nicht so leicht ist, es perfekt zu machen. Die Rede ist von einem Porträt.
Als ich mit dem Fotografieren begann, habe ich schnell erkannt, dass Porträts auf der einen Seite die gängigste Form der Fotografie sind, andererseits auch zu den schwierigsten gehören. Denn in keiner anderen Stilrichtung kommt es so sehr darauf an, Gefühle und Geschichten zu transportieren. Und zwar über eine Person, oft nur ein Gesicht. Für mich sind Porträts die hohe Kunst der Fotografie. Hier scheidet sich die Spreu vom Weizen. Auf einen Auslöser drücken kann jeder. Gute Fotos machen viele. Aber ein perfektes Porträt, das Geschichten erzählt, einen entführt in andere Welten und Zeiten und erahnen lässt, was die Person auf dem Bild fühlt – das schaffen nur die wenigsten.
Damit ihr zu diesen wenigen gehört und eure Porträts künftig noch mehr Tiefe bekommen, habe ich dieses Buch geschrieben. Wie bei allem im Leben gibt es nicht nur einen Weg, sondern viele. Unendlich viele Geschmäcker, Vorlieben und Ansichten. Dies hier ist mein Zugang zur Porträtfotografie. Mit erwiesenen Fakten, fotografischem Grundwissen, gemischt mit meiner Kreativität und Arbeitsweise.
Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen, beim Ausprobieren und Fotografieren!
Abb. 1.1: Gestatten: Cliff Kapatais, Berufsfotograf aus Wien und Leidenschaft
Eines der Grundbedürfnisse der Menschen ist es seit jeher, etwas zu schaffen, was die Zeiten überdauert. Ein Haus bauen, einen Baum pflanzen, ein Kind zeugen, sich verewigen im Wandel der Zeit. Keine Angst, ich werde nicht gleich zu Beginn philosophisch. Aber es ist eine Tatsache, dass wir gerne unser Abbild festgehalten sehen. Was heute der Fotograf ist, war früher der Maler.
Abb. 1.2: Porträts sind so alt wie der Wunsch, sich selbst zu präsentieren.
Tausende Gemälde in unzähligen Galerien und Museen zeigen uns Bilder von früheren Herrschern – Kaisern und Königinnen, Fürsten und Adligen. Natürlich nicht nur, aber der Wunsch, als Person hervorzustechen und als solche auch abgebildet zu werden, hat sich nicht erst in Zeiten von Instagram und Co. etabliert. Die Porträtfotografie ist sozusagen der moderne, hippe Nachfahre der Gemäldemalerei. Die Porträtfotografen quasi die Nachkommen von Picasso und Klimt. Mehr oder weniger erfolgreich. Wie in allen Familien. Was aber nun sind Porträts? Porträts sind wohl eine der bekanntesten und populärsten Formen der Fotografie. Laut Wikipedia ist ein Porträt
»... ein Gemälde, eine Fotografie, eine Plastik oder eine andere Darstellung einer Person. Das Porträt zeigt in der Regel das Gesicht der Person.«
Abb. 1.3: Nur ein Gesicht, und doch so viele Geschichten.
Klingt irgendwie langweilig und steril, aber genau das Gegenteil ist der Fall. Porträtfotografie ist deshalb so beliebt, weil ein einfaches Porträt so viel erzählen kann, gerade aufgrund seiner Einfachheit. Ein gutes Porträt erzählt eine Geschichte, und obwohl wir vor der Kamera immer »nur« eine Person haben, können wir so Millionen unterschiedlicher Geschichten erzählen. Genau das ist es, was mich an dieser Art von Fotografie so fasziniert.
Aber wie jeder Autor weiß, ist das Erzählen einer Geschichte nicht immer einfach. Oft sitzt man vor einem leeren Blatt Papier und sucht Inspiration, den richtigen Ansatz oder einfach die passenden Worte. Ähnlich geht es uns Fotografen, wenn eine Person unser Studio betritt, ein Porträt will und wir nicht wissen, welche Geschichte wir erzählen wollen oder gar müssen.
In diesem Buch nehme ich euch mit in die Welt der Porträts und gebe euch das Handwerkszeug mit, das ihr braucht, um Porträts mit Aussage und Geschichte zu erzeugen. Von der Idee und der Inspiration über die dazugehörige Technik bis hin zu Styling und Nachbearbeitung. Wir werden uns mit allen Komponenten eines Porträts auseinandersetzen, damit ihr immer die richtige, spannende Geschichte erzählen könnt. Ganz egal, ob es sich um ein Porträt eines CEOs, einer Spitzensportlerin oder eurer Nachbarin handelt.
Die Geschichte der Porträts beginnt schon vor mehr als 5000 Jahren im antiken Ägypten. Also sehr lange vor der Erfindung der Fotografie. Damals wurden Porträts noch gemalt, gemeißelt oder aus Ton geformt. Schon bei den alten Ägyptern ging es nicht nur um die Dokumentation, sondern um Macht, Schönheit oder Reichtum.
Abb. 1.4: Macht, Schönheit, Reichtum – Dokumentation war nicht immer der alleinige Grund für ein Porträt.
Schon früh mussten die Künstler feststellen, dass es schwierig war, weitere Aufträge zu generieren, wenn ein Bild nicht schmeichelhaft war oder den Porträtierten nicht vorteilhaft zeigte. Ein Umstand, der uns bis heute verfolgt. Wir wissen alle, dass es manchmal sehr schwer ist, das Gegenüber zufrieden zu stellen. Aus den unterschiedlichsten Gründen.
Ein Porträt galt lange Zeit als teures Luxusprodukt. Wer konnte sich schon einen Maler leisten? Oder zu Beginn der Fotografie einen Fotografen? Nicht vergessen: Digitale Fotografie ist eine Errungenschaft unserer Zeit! Ab Mitte der 1950er Jahre wurde das Porträt aber, dank Firmen wie Kodak und Polaroid, für jedermann zugänglich.
Was waren nun die Hauptgründe, ein Porträt von jemandem anzufertigen?
Zu Zeiten des Amerikanischen Bürgerkriegs (1861 bis 1865) wurden Porträts meist zur Dokumentation der Ereignisse und der Beteiligten erstellt. Sie waren aber auch als Erinnerung an die Soldaten an der Front sehr populär.
Abb. 1.5: Ulysses S. Grant war ein amerikanischer Soldat und Politiker und wurde der 18. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.
Porträtfotografie hatte aber nicht immer etwas mit Freiwilligkeit zu tun. So unterstützte diese auch strafrechtliche Ermittlungen. 1870 begannen etwa die Pinkerton-Detektive, eine private US-amerikanische Detektei, Verbrecher zu fotografieren und schufen eine der größten »Datenbanken« der damaligen Zeit.
Zusätzlich zu Porträts der Lebenden wurden früher auch sehr oft Porträts von Toten gemacht. Was heute nur noch makaber und gruselig anmutet, war gerade im viktorianischen Zeitalter populär. In dieser Zeit (1837 bis 1901) herrschte eine sehr hohe Sterblichkeitsrate, gerade auch unter Kindern. So waren »Post Mortem Porträts« eine verbreitete Art, sich an seine Liebsten zu erinnern.
Natürlich setzte sich das Porträt auch in den Medien immer mehr durch. Zeitungen verkaufen sich besser, wenn es neben viel Text auch große Bilder zu sehen gibt. Zu Zeiten der großen Depression in Amerika (1930er Jahre) wurden auch Fotos von betroffenen Familien und Personen immer beliebter, um das Ausmaß des wirtschaftlichen Desasters in Bildern zu erzählen.
Abb. 1.6: Eines der ersten emotionalen Porträts, die im Journalismus verwendet wurden. Es steht als Sinnbild für die schwierige Zeit während der großen Depression. Das Foto wurde gemacht von Dorothea Lange, die bekannt wurde für ihre Bilder aus dieser Ära.
Das moderne Porträt ist in der heutigen Medienwelt nicht mehr wegzudenken. Von Promifotos bis zum Selfie verfolgen sie uns auf allen Kanälen, aber nur die wenigsten bleiben uns in Erinnerung. Eine der Pionierinnen des modernen Porträts ist Annie Leibovitz, die viele Prominente in Szene gesetzt hat. Gerade die Einfachheit vieler ihrer Fotos umfasst das Ziel eines guten Porträts: Mit wenigen Mitteln viel erzählen.
Porträt ist nicht gleich Porträt. Worin besteht nun der Unterschied zwischen einem klassischen Porträt und einem inszenierten? Das ist schwer zu sagen und der Übergang zwischen beiden leider oft »fließend«. Auch wenn es sich bei Porträts an sich schon um eine »spitze Nische« handelt, weist sie dennoch sehr viele Subkategorien auf. Vom Passfoto über Bewerbungsfotos bis hin zu Beauty Porträts in Magazinen oder einem Album-Cover gibt es eine Vielzahl an unterschiedlichen Darstellungsmöglichkeiten.
Für mich ist ein klassisches Porträt ein Bild einer Person, das zu Dokumentationszwecken aufgenommen wurde. Das sind zum Beispiel Menschen auf der Straße, Fotos bei (zeitgeschichtlich relevanten) Veranstaltungen oder Pressefotos.
Wobei es auch hier manchmal schwer ist, die genaue Grenze zur Inszenierung zu ziehen. Beim Foto des Firmenchefs für eine Zeitschriftenreportage kann es sein, dass ich als Fotograf gar nichts inszenieren will, der Fotografierte sich aber in seinen Räumlichkeiten schon selbst inszeniert, so dass einem gar nichts anderes übrig bleibt, als eine – in diesem Fall seine ausgewählte – Geschichte zu erzählen.
Abb. 1.7: Porträt vs. Inszenierung: kleine Details, große Wirkung
Wenn doch jedes Bild schon eine Geschichte erzählt, warum dann ein Porträt noch extra inszenieren? Eine gute Frage mit einer einfachen Antwort: Wir wollen ja nicht nur irgendeine Geschichte erzählen, sondern eine außerordentliche. Wir wollen, dass unser Porträt nicht eines von Millionen Profilfotos wird, sondern eine Ikone, an die sich jeder erinnert. Zumindest sollte das unser Anspruch sein.
Genauso, wie man Romeo und Julia in drei kurzen Sätzen zusammenfassen kann: »Mädchen und Junge verlieben sich. Familien hassen sich. Viel Drama, beide sterben.«, genau so kann man auch ein Porträt »kaputt« machen und schon den Keim einer großen Geschichte ersticken. Oder man nimmt sich die Zeit und versteht es, seine Werkzeuge so einzusetzen, dass man eine epische Geschichte erzählt, die Jahrhunderte überdauert.
Lasst uns also mehr Romeo und Julias schaffen, mehr Qualität, mehr Geschichte. Dafür gerne weniger Snapshots, oberflächliche Bilder und inhaltlose Nichtigkeiten.
Abb. 1.8: Ein Plädoyer für mehr Qualität und Kreativität.
2.1 Was macht ein Porträt aus?
2.2 Kriterien eines guten Bildes
2.3 Meet the Elements
Geschmäcker sind verschieden. Das gilt für alle Lebensbereiche und somit auch für die Fotografie. Was dem einen gefällt, muss bei dem anderen nicht unbedingt gut ankommen. Es gibt viele Ansätze und Erklärungsversuche, welche Kriterien ein gutes Bild beinhalten muss. Was macht ein (gutes) Porträt aus? Auch hier ist das Empfinden, ob ein Bild gefällt oder nicht, ein sehr subjektives. Nichtsdestotrotz gibt es einige Punkte, die bei einem Porträt entscheidend sind, ob dieses »funktioniert« oder nicht.
Ein gutes Porträt lenkt die Aufmerksamkeit des Betrachters auf die Person. Sprich, ganz egal, was sonst noch im Bild passiert, der Fokus ist der oder die Porträtierte. Bei einem Studioshooting vor leerem Hintergrund ist das natürlich nicht schwer. Es ist ja auch sonst nichts da, worauf man das Auge lenken könnte. Beim Porträt eines Fußballers, der gerade in einem vollen Stadion bei Feuerwerk den WM-Pokal überreicht bekommt, stellt sich das Ganze schon ganz anders dar.
Abb. 2.1: Wann funktioniert ein Porträt? Ein gutes Porträt fesselt den Betrachter.
Hier spielen Elemente wie Komposition, Tiefenschärfe, Farbe und Licht eine große Rolle. Wenn alles korrekt gemacht wird, dann sollte der Blick des Betrachters sofort auf dem Porträtierten landen und der Rest des Bildes die Geschichte erzählen.
In unserem Beispiel mit dem WM-Finale gibt es allerdings eine Vielzahl an Faktoren, die in dieser Ausnahmesituation in einem Bruchteil einer Sekunde verarbeitet und berücksichtigt werden müssen. Damit wir das fotografisch bewerkstelligen können, gibt es zwei entscheidende Punkte: Einerseits müssen wir alle Elemente eines Porträts kennen und verstehen (keine Sorge, hier hilft euch dieses Buch). Andererseits müssen wir unendlich viel üben.
Kennt ihr den Spruch? Es dauert 10.000 Stunden / Fotos, bis man eine Fähigkeit beherrscht. Man kann sicher darüber streiten, ob es jetzt 10.000 oder doch nur 9.000 sind. Aber eines bleibt wahr und universell gültig: Nur Übung macht den Meister. Eine Plattitüde sondergleichen, bei der die meisten reflexartig die Augen verdrehen. Aber falls ihr euch an eure erste Ausfahrt nach dem Führerschein erinnert, dann müsst ihr zugeben, dass es stimmt.
Abb. 2.2: Ein einfaches aber gutes Porträt ist auch immer ein Blick in die Seele des Porträtierten.
Ja, ihr konntet die Theorie und ja, ihr habt eine 10-minütige Fahrprüfung bestanden, aber man war in der Realität doch noch weit davon entfernt, entspannt Auto zu fahren. Heute fahren wir nach Hause, während wir mit der Frau auf dem Beifahrersitz plaudern und auf dem Rücksitz das Kind unterhalten. Ohne uns Gedanken über den Gang, das Kuppeln oder die Motorbremse machen zu müssen.
Diese Lässigkeit und dieses »Können« haben wir uns aber nur durch ganz viel Erfahrung und viele Fahrstunden erarbeitet. Eine lustige Nebenerscheinung davon ist, dass wir heute zwar alle gut Autofahren können, aber ziemlich sicher alle in der Theorie durchfallen würden. Weil wir viele der Regeln mittlerweile automatisch anwenden, sie aber nicht mehr benennen können. Oft wenden wir auch nur die an, die für uns praktikabel sind, und legen sie auch mal »kreativ« aus. Ein schönes Beispiel dafür, dass man die Regeln kennen muss, um sie zu brechen.
Nehmen wir nun die Kurve zurück zur Fotografie. Auch so eine »simple« Aufgabe, wie ein Porträt zu erstellen, erfordert einiges an Übung, das Verständnis der Grundregeln, aber darüber hinaus noch viel wichtiger: die Kunst, mit den Menschen vor der Kamera umgehen zu können!
Denn ein gutes Porträt erzählt uns etwas über den Menschen, der vor der Kamera steht. Es zeigt Elemente aus dessen Persönlichkeit oder dessen Leben. Wenn man ein gutes Porträt betrachtet, dann erfährt man etwas über die Person, auch wenn man sie noch nie zuvor gesehen hat.
Steve McCurry, ein Meister des Porträts, schrieb einst:
»Portraits reveal a desire for human connection, a desire so strong that people who know they will never see me again open themselves to the camera, all in the hope that at the other end someone will be watching, someone who will laugh or suffer with them.«
Was meint er damit? Ein Porträt transportiert das menschliche Bedürfnis gesehen zu werden, eine Verbindung herzustellen. Ein gutes Porträt ist also tatsächlich ein Fenster in die Seele und bietet einen Einblick in das Leben des Porträtierten. Eine Meinung, der sich viele Porträtfotografen, von einst bis heute, anschließen.
Abb. 2.3: Echte Emotionen sind ansteckend. Ohne sie wirken Porträts flach und nichtssagend.
Wir wissen nun, was ein gutes Porträt ausmacht. Doch zwischen theoretischem Wissen und dessen Umsetzung ist es oft ein weiter Weg. Also: Wie bekommt man das hin? Es gibt drei Ebenen, auf denen ein Porträt (so wie im Übrigen auch jedes andere Bild) funktionieren muss. Das Bild muss technisch korrekt sein, Emotionen erzeugen und eine Geschichte erzählen. So leicht und doch so schwer.
Viele Anfänger sehen dies als die schwierigste Komponente. Viele, die Fotografie nicht beruflich betreiben, sind überzeugt, dass die Technik das Bild ausmacht. Habt ihr schon mal den Spruch gehört »Ja, mit deiner Kamera hätte ich das auch gekonnt.« oder: »Deine Kamera macht gute Bilder.«? Bemerkungen, die bei Fotografen nicht gerade beliebt sind. Denn nicht die Kamera beherrscht den Fotografen, sondern der Fotograf sein Equipment. In Wirklichkeit ist aber bei einem Porträt die Technik oft nicht der entscheidende Faktor. Natürlich, das Bild muss technisch korrekt sein. Im Großen und Ganzen heißt das, es sollte scharf sein, gut ausgeleuchtet und man sollte erkennen, was auf dem Bild dargestellt ist. Jedoch kann ich ein Bild von einer Feige machen, die diesen Ansprüchen genügt, und keiner wird von meinen Fähigkeiten als Fotograf begeistert sein. Es gehört also doch etwas mehr dazu, ein Bild ansprechend wirken zu lassen.
Ein technisch korrektes Bild zu machen, bedeutet aber noch lange nicht, dass das Ergebnis auch schön ist bzw. gefällt. Das beste Beispiel dafür ist ein Passbild aus dem Automaten. Es erfüllt alle technischen Anforderungen und Bestimmungen, ist gut belichtet und scharf und bildet die Person korrekt ab. Dennoch sehen die meisten auf ihren Passbildern aus wie Schwerverbrecher auf einer Fahndungsliste. Niemand würde auf die Idee kommen, ein solches Foto für seine Homepage oder seinen Lebenslauf zu verwenden.
Allerdings ist der Faktor »technisch korrekt« die einzig tatsächlich messbare Komponente und deshalb so wichtig. Wenn auch nicht die wichtigste.
Abb. 2.4: Ein technisch korrektes Bild ist noch lange kein Meisterwerk, wie der direkte Vergleich zeigt. Auch wenn beim oberen Bild alles richtig gemacht wurde, würden wir es uns wohl kaum an die Wand hängen.
Menschen sind emotionale Wesen. Wir kaufen Emotionen, wir beurteilen aufgrund von Emotionen und wir lassen uns von unseren Gefühlen leiten. Damit ein Bild länger als zwei Sekunden in Erinnerung bleibt, muss es bei uns also eine Gefühlsregung hervorrufen. Welcher Art, ist dabei nebensächlich. Die einfachste Art, beim Betrachter etwas auszulösen, ist es, Emotionen des Porträtierten einzufangen.
Viele »emotionale« Bilder, die uns in Erinnerung bleiben, sind aus dem Bereich Fotojournalismus, und da sind es meist Bilder von schrecklichen Momenten. Warum? Weil in solchen Situationen der Porträtierte meist ganz andere Sorgen hat, als sich um seine »Maske« oder sein Erscheinungsbild zu kümmern. In solchen Situationen fangen Fotos die puren Emotionen des Momentes ein. Wenn ich Stichworte wie Flüchtlingskrise, Wirtschaftskrise oder Krieg in den Raum werfe, fallen jedem von uns tragische Bilder ein, die sich in unser Gehirn eingebrannt haben. Und zwar aufgrund der Emotionen, die sie transportieren und auch bei uns auslösen.
Abb. 2.5: Emotionen einzufangen, ist ein wichtiger Bestandteil der Porträtfotografie.
Natürlich sind auch Momente der Freude eine gute Gelegenheit, ehrliche Emotionen einzufangen. Die Kollegen aus der Hochzeits- und Babyfotografie leben von diesen echten Emotionen. Aber man kennt sie auch vom Sport. Das Tor in der letzten Minute, das Selfie nach dem geschafften CrossFit-Workout oder das Erreichen der Ziellinie beim Marathon. Kinder sind auch gute Lieferanten ehrlicher Emotionen. Das Geschenke Auspacken beim Kindergeburtstag etwa.
Unser Leben, unser Alltag ist voll von Gefühlen und Empfindungen. Aber sobald eine Person das Fotostudio betritt, fällt es oft schwer, echte Emotionen einzufangen. Millionen schlechter Stockfotos zeugen davon. Das liegt aber meist nicht am technischen Vermögen des Fotografen, sondern vielmehr an der Person vor der Kamera. Die Nachbarin, der Freund, die Tante Mizzi sind halt keine Models und erstarren oft regelrecht, sobald sie fotografiert werden.
Abb. 2.6: Kinder lassen ihren Emotionen freien Lauf und verstecken sich hinter keiner Maske. Ehrliche Porträts entstehen so fast von selbst.
Denn natürlich sind wir als Fotograf für den Inhalt unserer Fotos verantwortlich und auch dafür, wie sich die Person am Set gibt. Es gibt Menschen, die kommen ins Studio, stellen sich vor die Kamera und sehen aus wie ein Sack Kartoffeln. Aber auch sie erwarten– zu Recht – ein wunderbares Bild von sich.
Hier sind wir als Fotografen gefragt. Wir müssen wissen, was wir tun. Natürlich gibt es hier wieder ein paar »Hard Skills«, die wir beherrschen sollten. Etwa dem Kunden beim Posing zu helfen, ihn bei der Auswahl des Gewandes und der Farbwahl zu unterstützen und ihn auf das Shooting einzustimmen.
Aber noch viel essenzieller sind die »Soft Skills«, die wir beherrschen müssen, nämlich der Umgang mit Menschen. Etwas, das ihr in keinem Fotografie-Handbuch finden werdet, das aber unerlässlich ist für gute Fotos. Wir wollen die Emotionen der Person einfangen, ihr wirkliches Ich. Das geht aber nur, wenn die Person sich wohlfühlt und bereit ist, ihre Maske, die sie im alltäglichen Leben trägt, fallen zu lassen.
Für gute Fotos braucht man Zeit. Wenn ich für ein Porträt Shooting zwanzig Minuten anberaume, dann ist das natürlich wirtschaftlich sinnvoll und auch technisch sicher umsetzbar, aber da wird bestimmt kein Meisterwerk entstehen.
Ein Meisterwerk entsteht nur dann, wenn es zwischen Fotografen und Model klick macht. Im wahrsten Sinne des Wortes. Auf einer Wellenlänge zu sein, hilft da ungemein. Diese »Psychologie« hinter der Porträtfotografie lässt sich übrigens auch lernen. Wir werden uns im Kapitel 4 noch weiter damit befassen.
Falls euren Porträts das bestimmte Etwas fehlt, dann kann es daran liegen, dass ihr einfach eine Situation festgehalten habt, ohne eine Geschichte zu erzählen. Menschen werden heutzutage mit unzähligen Bildern über so viele verschiedene Medien bombardiert, dass sie von einem guten Bild mehr erwarten als nur Dokumentation. Sie wollen ein Erlebnis, sie brauchen eine Geschichte, denn nur so wird ein Bild wirklich interessant.
Aber was ist eine Geschichte? In ihrer einfachsten Art geht es um einen Ablauf von Ereignissen und um einen Protagonisten. Und wie erzählt man einen Ablauf an Ereignissen in nur einem Bild? Das geht nicht! Man kann mit nur einem Bild keine Geschichte erzählen, denn die Geschichte findet im Kopf des Betrachters statt. Genau da müssen wir ansetzen. Wir erzählen einen Moment aus einer Geschichte, der den Geist des Betrachters dazu anregt, die Geschichte weiter zu spinnen. Wir verpacken alles, was nötig ist, um den Grundstein der Geschichte zu legen, lassen aber absichtliche Informationslücken. So wird der Betrachter fast schon gezwungen, die Geschichte weiterzudenken. Wenn uns das gelingt, hört er auf, weiterzublättern und bleibt bei unserem Bild und nicht bei einem der anderen 1000 hängen.
Abb. 2.7: Ein Bild erzählt nicht nur eine Geschichte, idealerweise hat jeder Betrachter seine eigene Version.
Wir sind noch gar nicht so tief in die Elemente eines Porträts eingetaucht, und dennoch klingt das Ganze jetzt schon nach wesentlich mehr Arbeit als »nur mal schnell« ein Porträt machen. Wie geht man denn nun so ein Projekt an? Gibt es ein Rezept, an das man sich halten kann? Was sollte man alles berücksichtigen?
Genauso, wie es Checklisten für Hochzeiten, Urlaube oder Flugzeugstarts gibt, habe ich mir über Jahre eine Liste an Elementen erstellt, mit der man ein solches Projekt strukturiert und zielführend umsetzen kann. Eine Checkliste für Porträtshootings sozusagen.
Die Elemente, die wir dafür brauchen, sind:
Idee
Model
Licht
Kamera
Kulisse
Make-up
Styling
Nachbearbeitung
Mit genau diesen Elementen werden wir uns in den nächsten Kapiteln befassen, um unsere Porträts auf ein neues Level zu heben!
Abb. 2.8: Schnappt euch euer Equipment und los geht’s.
3.1 Warum brauch ich eine Idee?
3.2 Auf der Suche nach der Idee
3.3 Kreativität auf Knopfdruck
3.4 Wie wird aus der Idee ein Konzept?
Wenn ich erwähne, dass das wichtigste für ein Porträt die »Idee« ist, ernte ich oft unverständliche Blicke. Warum eine Idee? Du machst doch nur ein Foto von einer Person, ein einfaches Porträt. Ja, das stimmt, aber für wen ist dieses Porträt bestimmt? Was will ich damit erzählen? Welche Charaktereigenschaft der abgebildeten Person möchte ich hervorheben?
Das fängt tatsächlich schon beim Businessporträt an, wo man eigentlich relativ wenig Spielraum hat. Dennoch habe ich auch hier Unmengen an Möglichkeiten, aus denen ich auswählen kann. Diese Möglichkeiten werden durch zwei Elemente beeinflusst. Wen bilde ich gerade ab und wer ist das Zielpublikum? In einer klassischen Firma könnte das der Unterschied sein zwischen CEO und Praktikanten. Während der oder die CEO als kompetent, souverän und vertrauenswürdig dargestellt werden soll, kann der Praktikant durchaus sympathisch und zugänglicher fotografiert werden.
Abb. 3.1: Derselbe Mensch, die Inszenierung mach den Unterschied.
Das alles wird sich in Pose, Outfit, Licht und Mimik widerspiegeln. Alles Elemente, bei denen ich meinen Kunden anleiten und führen muss.
Aber damit nicht genug! Um welche Firma handelt es sich denn? Ist es ein klassisch börsennotiertes Unternehmen oder die Fitnessfirma meiner Frau? Der Chef eines Musiksenders wird anders in Szene zu setzen sein als der Chef eines Nachrichtensenders. Der Dirigent des Staatsopernorchesters wird sich anderes präsentieren als der Sänger einer Rockband. Auch wenn ich all diese Personen vor dem gleichen, neutralen Hintergrund fotografiere und bei gleichem Licht, werden die Bilder unglaublich unterschiedlich ausfallen. Sofern ich meinen Job korrekt mache. Denn es liegt an uns als Fotografen, das aus dem Kunden herauszukitzeln, was die Essenz unseres Bildes sein soll.
Auch das Medium bzw. das Zielpublikum, für das die Fotos gedacht sind, spielt eine große Rolle. Lichte ich den Rockmusiker für die Bravo oder für das Forbes Magazine ab? Hier würde ich komplett unterschiedliche Geschichten erzählen wollen.
Soll das Bild meiner Frau, der Fitnessunternehmerin, ein episches Cover für die Sports Illustrated werden oder ein sympathisches, kundengewinnendes Bild für ihre Homepage? Erzählt das Bild des Chefs eines Musiksenders die Erfolgsgeschichte darüber, wie Musiksender erfolgreich dazu beigetragen haben, die Moral während der Corona-Krise aufrecht zu halten? Oder doch die Geschichte, wie sie neben den Streamingdiensten des Internets inzwischen um das Überleben kämpfen? Derselbe Mensch, zwei völlig unterschiedliche Stories und Herangehensweisen. Same same, but different!
Teilweise wird mir die Geschichte vom Auftraggeber vorgegeben, oft kommt das Magazin oder der Redakteur schon mit der Geschichte, die erzählt werden soll. Aber selbst hier ist noch viel kreativer Spielraum für mich als Fotograf, und wie ich diese Geschichte erzähle. Manchmal wird man auch in diesen kreativen Prozess eingebunden. Dann wird von mir als Fotograf konkreter Input zur Storytelling und zur Visualisierung der Geschichte erwartet. Das kann fordernd sein, wenn dann quasi per Knopfdruck eine Idee gewünscht wird. Im schlimmsten Fall am Set, fünf Minuten vor Shootingbeginn.
Abb. 3.2: Noch wichtiger als eine Idee ist es, diese auch an die Menschen am Set zu vermitteln.
Was aber noch wichtiger ist als die Idee: Wie vermittle ich im Studio meinem Gegenüber diese Vision, die mir im Kopf herumgeistert? Wie bringe ich jemanden, der kein professionelles Model ist, dazu, sich in diese Situation rein zu versetzen? Damit werden wir uns in Kapitel 4 beschäftigen und uns einige Tipps und Tricks dazu ansehen.
Was wir ja noch gar nicht besprochen haben: Was macht man, wenn man wirklich komplett kreative Freiheit hat. Oft treten Kunden an mich heran, die nur ein grobes Thema haben. Das ist dann oft noch so abstrakt wie »Tradition«, »Einsamkeit« oder »Der Tag nach der Party«. Dazu brauchen sie Bilder. Sie vertrauen dabei auf meine Kreativität und mein Können als Fotograf und Geschichtenerzähler. Sie verlassen sich darauf, dass ich solche Themen auch visuell greifbar mache.
Abb. 3.3: »The day after the party«
Noch viel schöner und schwieriger ist es, eigene Ideen und freie Projekte umzusetzen. Das macht einerseits unglaublich viel Spaß, weil man an gar keine Vorgaben gebunden ist, andererseits ist das auch genau die Schwierigkeit. Was soll man denn machen? Idealerweise soll es Spaß machen, großartige Bilder hervorzubringen und als Teil des Portfolios zukünftige Kunden zu begeistern. Es fehlt also nur die alles entscheidende Kleinigkeit: die Idee.
Abb. 3.4: Mit der richtigen Idee lassen sich auch Gefühle und abstrakte Themen, wie Einsamkeit, bildlich transportieren.
Abb. 3.5: Tradition hat viele Gesichter
Woher kommen Ideen eigentlich? Naja, überall her. Aus unserem Umfeld, aus unseren Erfahrungen und aus allen anderen Fragmenten unseres Lebens. Inspiration ist die Kunst, diese Elemente zu verbinden und zu einem Konzept zu entwickeln. Manchmal hat man spontan die perfekte Eingebung und manchmal ist das Erarbeiten einer Idee unglaublich mühsam.
Chuck Close, ein amerikanischer Maler, Künstler und Fotograf, sagte einmal:
»Inspiration is for amateurs. The rest of us just show up and get to work. If you wait around for the clouds to part and a bolt of lightning to strike you in the brain, you are not going to make an awful lot of work. All the best ideas come out of the process; they come out of the work itself.«
Das trifft den Nagel ziemlich gut auf den Kopf. Klar kann ich tage- oder wochenlang darauf warten, dass mich die sprichwörtliche Muse küsst. Dann werde ich halt nicht so viel weiterbringen. Die besten Ideen entstehen im Prozess, bei der Arbeit.
Abb. 3.6: Wartet nicht, bis euch die Muse küsst! Die Ideen kommen beim Tun.
Oft beginnt eine Idee mit etwas, das man schon gesehen hat und man versucht es nachzustellen. Wie man dann sehr schnell merkt, ist das Imitieren, selbst eines einfachen Fotos, gar nicht so einfach. Dann wird die Idee adaptiert, angepasst und erweitert und plötzlich hat man doch etwas ganz Eigenes geschaffen.
Oft wird man feststellen, dass es gar nicht so leicht ist, eine wirklich originelle Idee zu haben. Es war einfach alles schon in irgendeiner Form einmal da. Es ist ein wenig wie das Problem mit dem Geschichtenerzählen. Denn im Grunde wurden alle Geschichten schon einmal erzählt. Sie alle basieren auf einer dieser sieben Kategorien:
Das Monster überwinden
Vom Tellerwäscher zum Millionär
Die große Aufgabe
Reise und Rückkehr
Wiedergeburt
Tragödie
Komödie
Überlege doch mal, welche Filme du in letzter Zeit gesehen hast. Du kannst sie bestimmt in eine der obigen Kategorien einordnen. Ebenso ist es mit Fotografien. Wenn du an ikonische Bilder denkst, dann kann man diese auch ziemlich genau diesen Kategorien zuordnen.
Aber selbst, wenn alle Geschichten und Bilder auf nur sieben Grundthemen aufbauen, bedeutet das nicht, dass wir nicht trotzdem jedes Mal tolle, neue Geschichten erzählen können. Schau dir doch nur die Flut an Filmen an, die jeden Monat die Kinos der Welt erobern. Eigentlich sollte das mehr Ansporn sein, eine Geschichte noch besser zu erzählen, ein noch tolleres Bild zu machen und eine noch schönere Idee umzusetzen.
Wenn man mal so komplett uninspiriert ist, dient diese Liste übrigens auch als gute Basis, um sich eine Idee für ein Porträt zu überlegen. Nehmen wir zum Beispiel meine Frau, die Fitnesstrainerin. Da könnten die Geschichten und die Porträts wie folgt ausfallen:
Das Monster überwinden: Der Kampf gegen das Wohlstandsbäuchlein, um zum Idealgewicht zu gelangen. Als Bild könnte man da an eine Vorher-Nachher-Variante denken. Sie sieht ihr altes Ich im Spiegel oder hält ein Bild von früher in den Händen.
Vom Tellerwäscher zum Millionär: Von der Hinterhof-Sportlerin zur erfolgreichen Fitnessmarke. Auch hier bieten sich eine Vielzahl an Vergleichsfotos an: Sportoutfit vs. Business Suit, hinter dem Schreibtisch mit großen Hanteln darauf, oder einfach im schicken Business Outfit in der kahlen Sporthalle. Gerade Kontraste, wenn etwas nicht ganz zusammenpasst, schaffen oft visuell interessante Bilder.
Die große Aufgabe: Ein Wettkampf oder auch die Herausforderung, ein schweres Gewicht zu heben. Hier sehe ich epische Bilder voller Emotionen vor mir. Falls sich wer an Rocky erinnert, wie er die Stufen raufsprintet oder im Schuppen trainiert, so würde ich das angehen.
Reise und Rückkehr: Ein Wandeln, der Weg aus der 9 to 5-Welt hinter dem Schreibtisch und zurück zu Firmenfitness. Entweder mit Trainingssituationen oder auf der Bühne bei einem Vortrag.
Wiedergeburt: Unzufrieden und überfordert mit Job, Familie und Aussehen, hin zu der Super Mom und Business Frau, die endlich wieder Freude am Leben hat.
Tragödie: Die Verletzung, die einen jäh aus dem Training für den Wettkampf rausreißt. Die Krankheit, die ein sonst perfektes Leben schlagartig verändert oder einfach das Burnout durch zu viel Training / Arbeit. Auch hier gibt es eine Vielzahl an möglichen Herangehensweisen.
Komödie: Hier kann man sich dann wirklich austoben. Von komischen Situationen, über lustige Gesichter beim Training bis zu sonstigen humoristischen Bildern.
Abb. 3.7: Eine Person, viele Geschichten.
Ihr seht also, selbst wenn man nur eine sehr spezifische Nische hernimmt, die des Fitnesstrainers, kann man mit einer Idee unzählige Varianten von Geschichten in Bildern festhalten. Natürlich kann man diese Stories und Ideen auch vermischen.
Um meinen Ideenspeicher immer voll zu halten, sammle ich auch Bildideen im echten Leben. Ich empfehle euch, eure Ideen schriftlich festzuhalten. Es ist unglaublich, wie schnell man selbst die besten Eingebungen wieder vergisst. Da rede ich noch gar nicht von den Geistesblitzen, die man kurz vor dem Einschlafen hat. Ich verwende dazu ein einfaches Notizbuch und ein simples Textfile, das im Internet liegt und auf das ich immer Zugriff habe. Natürlich kann man auch ausgereiftere Tools verwenden. Ich habe für mich aber festgestellt: Je komplizierter die Tools, desto weniger nutze ich sie. In mein kreatives Blackbook kommt alles, was mir so an Ideen unterkommt. Das fängt direkt nach dem Aufwachen mit Träumen an, geht weiter über die Musik, die ich den ganzen Tag höre, über Bilder und Situationen, die ich sehe bis hin zu banalen Dingen, wie Nachrichten oder Wortspiele. Ein weiterer großer Quell an Inspiration ist meine Tochter. Die Geschichten, die sie erfindet, die Bilder, die sie malt und die Fragen, die sie stellt, sind unglaublich kreativ.
Abb. 3.8: Mein kleines »Blackbook« für spontane Ideen oder kreative Eingebungen ist immer mit dabei.
Diese Ideen setze ich nicht immer sofort um. Einige brauchen Zeit, bis die richtige Person kommt, oder die Zeit reif ist. Manche Ideen warten noch auf eine andere ergänzende Idee. Oft habe ich längst schon vergessen, dass ich eine Idee bereits hatte, und komme auf der Suche nach Inspiration beim Durchblättern des Blackbooks auf die perfekte Inszenierung.
Ein weiterer Tipp für das Umsetzen von Ideen: Reduktion! Macht es euch so schwer wie möglich, indem ihr so viel wie möglich weglasst. Wie würdet ihr ein einfaches Porträt inszenieren, das von einem Lady Gaga-Song inspiriert ist? Wie würden »Just Dance«, »Poker Face« oder »Born This Way« aussehen, wenn ihr es bildlich mit so wenig Mitteln wie möglich umsetzen müsstet?
Abb. 3.9: Born this way!
Wenn ihr wirklich kreativer werden wollt, kann ich euch solche mentalen Übungen nur ans Herz legen. Es wird euren Arbeitsalltag bereichern und erleichtern. Hier gilt für uns, was für alle großen Musiker oder Künstler gilt: Sie üben und üben und üben, bis es ihnen leicht von der Hand geht, und alle anderen erstarren vor ihrem Talent.
Falls ihr noch mehr Inspiration braucht, kann ich euch das Buch »Steal like an Artist« von Austin Kleon empfehlen. Da findet ihr einige spannende Inputs zu diesem Thema.
Ideen sind also das Um und Auf, wenn man tolle Bilder machen will. Aber was macht man, wenn es schnell gehen muss und man nicht den Luxus hat, eigene Ideen umzusetzen? Auch hier gibt es ein paar Tools, die man verwenden kann, um quasi aus dem Stegreif kreativ zu sein.
Das wohl bekannteste und abgedroschenste Werkzeug hierzu ist das Brainstorming
